Sozialpolitische Probleme und Mtschafisprogramm.
Halbamtliche Erklärungen.
Berlin, 30. August. (CAD.) lieber die so. zialpolltlscheSeitedesWlrtschafts- Programms hören wir von unterrichteter Sette: Die Reichsregierung hat sich zu einem
Generalangriff auf die Arbeitslosigkeit entschlossen. Die Zahlung der Prämie für Arbeitereinstellungen ist gerechtfertigt, weil man dadurch einen Zuschuß für den Arbeitslosenfonds erhält. Der einzelne Arbeitslose kostet das Reich bisher 500 Mari, das Reich gibt 400 Mark Zu. schuß an jeden Arbeitgeber für Reueinstellung einer weiteren Arbeitskraft. Dadurch werden für den Arbeitslosenfürsoraefonds 100 Mark gespart. Das ist eine wesentliche Folge der Prämien- aewährung. Die llnterstühungssähe muhten im Iull stark gesenkt werden, nur weil das Reich sonst mit seinen Mitteln nicht ausgekommen wäre. Für die Wintermonate muh sich die Reichsregierung daher entschließen, gerade für die großen Familien etwas zuzulegen.
Darüber hinaus gilt es aber, die Tarife, die an sich gewahrt werden sollen, aufzulockern und zu verfeinern. Wenn ein Arbeitgeber, bet dem die Arbeitszeit zwischen 30 und 40 Stunden beträgt, mehr Arbeitskräfte einstellt, dann soll er gewisse tarifliche Erleichterungen bekommen.
Das wesentlichste des Tarifvertrages ist feine Unabdingbarkeit, hieran fall unbedingt fest- gehalten werden.
Wenn Abweichungen zugelassen werden, so müssen ganz bestimmteDoraussehungen erfüllt werden. So ist vorgesehen, daß der Mindestlohn für den Arbeiter erhalten bleibt und außerdem, daß für 40 Wochenstunden ein gewisser Abschlag stattfinden kann. Das soll für die Unternehmer ein Ansporn sein, möglichst viele Arbeiter einzustellen. Die tarifmäßigen Entlastungen dürfen nicht dazu beitragen, daß der Gesamtlohn herabgedrückt wird. Vielmehr muß der Gesamtlohn, der aus dem Betriebe heraus, kommt, größer sein, als bisher. Irgendeine Ge. sahr, daß der Tarifaedanke preisgegeben wird, ist absolut ausgeschlossen.
Wenn ganz besondere Verhältnisse vorliegen, wenn Betriebe einfach nicht mehr Weiterarbeiten können, wird unter Llmständen der Schlichter nach Anhörung der beiden Tarifparteien eine gewisse Einschränkung des Tarifs zulafsen dürfen. Aber das wird nur möglich sein, wenn vorher die tariflichen Bestimmungen eingehalten worden sind. Die Verfeinerung des Tarifs soll darin gesehen werden, daß
die Tarife verschiedene Rücksichten auf die Slandortsverhältnlsfe nehmen, daß sie aufgeteilt werden nach Bezirken und Branchen und daß besondere Verhältnisse 6c. rücksichtigt werden. Dabei sind gewisse Bedenken gegen die automatische Ermäßigung des Tarifs nicht ganz unberechtigt. Darum wird dieser Teil
der neuen Bestimmungen nur etwa bis zum 31. März in Kraft gesetzt, um zu sehen, ob der Versuch Erfolg hat.
Man ist überzeugt, daß mit den neuen Bestimmungen eine wirklich große Bresche in die Arbeitslosigkeit gelegt wird, und .zwar zur Wiedereinstellung von nicht nur 200 000, sondern von 1 bis 2 Millionen Menschen. Dabei denkt man besonders daran, eine seelische Ent- l a st u n g unseres ganzen Volkes herbeizuführen. Auf dieses psychologische Moment wird ganz besonders Wert gelegt, und man verspricht sich davon auf diese Weise ein leichteres Lieberstehen des Winters.
Die Durchführungsbestimmungen der 400-Mark- Prämie sollen zwar im einzelnen noch nicht ganz geregelt sein, doch werde die Prämie für Mehreinstellung von Arbeitskräften auch der Reichsbahn nicht vorenthalten werden.
Die Reichsbahn sei ein großer Jaffor in der bei der Reichsregierung aufgestelllen Rechnung.
Sie werde durch die Prämie in den Stand gesetzt werden, eine große Anzahl von Arbeitskräften mehr einzustellen. Betriebe, die gegenüber dem Vorjahr zu sehr in Rückstand gekommen sind, können keine Berücksichtigung finden.
In die Verordnungen sollen Bestimmungen zur Vorbeugung etwaiger Mißbräuche eingefügt werden. So wird es z. D. unmöglich sein, Arbeitskräfte nur für die fünf Monate bis zum 31. März einzustellen und die 400-Mark-Prämie dafür einzunehmen. Die Prämien werden nämlich nicht sofort gezahlt, sondern in einzelne Raten für das ganze Iahr eingeteilt.
Der ganze Plan ist darauf gerichtet, dem produktiven Arbeitsmarkt Arbeitskraft zuzuführen.
Es ist daher nicht damit zu rechnen, daß Arbeitsmärkte, die nicht besonders produktiven Zwecken dienen, wie der Arbeitsmarkt der Hausangestellten, in den neuen Plan einbezogen werden.
Japan droht dem Völkerbund mit Austritt.
Tokio, 30. Aug. (TL1.) Der japanische Außenminister LI s ch i d a erklärte im Parlament auf eine Anfrage bezüglich der Mandschurei. Politik, die Regierung hoffe, daß auch die interessierten Mächte das Mandschurei. Problem in einem für Iapan günstigen Sinne zu lösen bestrebt sein werden. Sollte dies nicht zutreffen, so würde Iapan entsprechende Folgerungen daraus ziehen.
Es verlautet, daß die japanische Regierung entschlossen sei, vor dem Austritt aus dem Völkerbund nicht zurückzuschrecken.
Aus aller Welt.
Stahlhelm-Aufmarsch in Berlin.
Man schreibt uns: Die Reichsfrontsoldatenta- gungen, die der Stahlhelm alljährlich veranstaltet, werden im In- und Auslande als die politischen Willenskundgebungen des überparteilichen nationalen Deutschlands sehr beachtet. Der Reichsfrontsoldatentag des Iahres 1931 fand, wie erinnerlich, in Breslau statt und war als Bekenntnis des Stahlhelm zu der deutschen Lebensaufgabe im Osten gedacht. Wenn nun die Dun- desführer in diesem Jahre die Stahlhelm-Kameraden zum 13. Reichsfrontsoldatenappell nach der Reichshauptstadt Berlin befohlen haben, so geschah dies, um in einem besonders ernsten Augenblick den Forderungen des überparteilichen nationalen Deutschland Rach- druck zu verleihen. Der Stahlhelm will zeigen, daß es neben dem Parlamentarismus und der Massendemokratie andere organisch durchgebil- dete und in sich geschlossene Kräfte des Volkes gibt, die zum Einsatz in die Staatspolitik drängen. Es wird wieder die Forderung erhoben werden, daß der soldatische Geist, der nach Ansicht des Stahlhelm allein die Parteizerklüftung in unserem Volke überwinden kann, in Deutschland endlich in seine Rechte eingesetzt wird.
Franz S e l d t e, der Gründer und erste Bun- deöführer des Stahlhelm, wird in einer Veranstaltung am 2. September im Berliner Sportpalast eine programmatische Red« halten, um der nationalen Bevölkerung der Reichshauptstadt und allen denen, die über den Stahlhelm unterrichtet sein wollen, von dem Ziel und der Arbeit des größten deutschen Wehrbundes zu berichten. Der 3. September wird die Wehrsport-Veranstaltungen des Stahlhelm im Berliner Stadion bringen, während am Morgen des 4. September der große Reichsfrontsoldatenappell auf dem Tempelhofer Feld stattfindet. Für die Unterbringung und Verpflegung der etwa 100 000 Stahlhelmer, die am 3. und 4. September in Berlin erwartet werden, sind umfangreiche Vorbereitungen getroffen worden. Die einzelnen Landesverbände werden in den verschiedenen Stadtteilen und Vororten von Berlin, sowie in Potsdam, Königswusterhausen und anderen nahegelegenen Städten untergebracht werden. In den einzelnen Standquartieren werden kameradschaftliche Veranstaltungen stattfinden, die die auswärtigen Stahlhelmer mit ihren Berliner Kameraden und mit der Berliner Bevölkerung zusammenführen sollen.
Wie verlautet, wird sich in diesem Iahre auch der Rundfunk des Reichsfrontsoldatentages annehmen. Es liegt bereits jetzt die Zusage vor, daß ein großer Teil der Stahlhelm-Deranstaltun- gen auf alle deutschen Sender übertragen wird.
46. Verbandstagung des Kyffhäuferverbander der Vereine Deutscher Studenten.
' Kelbra am Kyffhäuser fand die 46. Der- bandstagung des Kyffhäuserverbandes der Vereine Deutscher Studenten statt. Die Zeitverhält- Nisse Aeboten in diesem Iahre, von festlichen Veranstaltungen Abstand zu nehmen und nur dringende verbandsorganisatorische Fragen zu behandeln. Die Tagung wurde dadurch wesentlich bestimmt. daß die Wehrsportleiter der einzelnen Bunde schon einige Tage vorher zu einer Wehr, schulungstagung versammelt gewesen waren, deren fruchtbarer Verlauf die Verbandstaguna veranlaßte, für alle jüngeren Dundesbrüder die Teil- an einem dreiwöchigen Wehrsportlager ver- dmdlrch zu machen. Auch in den Beratungen über
die politische Erziehungsarbeit des Verbandes, die breiten Raum einnahmen, wurde betont, daß eine mehrwöchige Lagererziehung (für die auch Ar. beitslager in Betracht zu ziehen wären) eine säst unentbehrliche Grundlage disziplinierter geistiger Ausbildung sei. Im engen Zusammenhang mit diesen Verhandlungen standen zwei Vorträge von Leutnant a. D. von Deulwitz über „Wesen und Stil des Kampfes" und von General z. D. Voigt über „Wehrpolitische Fragen" die beide sehr lebhaft besprochen wurden. Die Verbands, tagung legte ferner die Richtlinien über die künftige Hochschulpolitik der Vereine Deutscher Studenten fest und beschloß die Fortführung und den Ausbau der vorbildlichen Arbeit der Grenzland, stiftung. Zum Vorort wurde wieder der Verein Deutscher Studenten zu Greifswald gewählt.
„Graf Zeppelin" über den kapverdischen Inseln.
Dos Luftschiff „Graf Zeppelin" passierte, einem Funkspruch aus Friedrichshafen zufolge, um 23.30 Uhr (MEZ.) die Kapverdischen Inseln.
INollison in Reuschottland gelandet.
Der Ozeanflieger Mollison ist in Sydney (Reuschottland) gelandet.
Die „fliegende Familie" nach Labrador gestartet.
Die „fliegende Familie" Hutchinson ist, wie aus Reuhork gemeldet wird, von Ellisbry auf An- tieosti-Land in der Lawrence-Bucht nach Labrador gestartet. Die fliegende Familie besteht aus dem Flieger Hutchinson, seiner Frau und zwei Kindern. Zur Besatzung des Flugzeuges gehören noch ein Bordfunker, ein Ravigator und ein Monteur. Das Flugzeug wird von Hutchinson selbst gesteuert.
Kardinal van Rossum f.
Kardinal van Rossum ist, . wie aus Maastricht gemeldet wird, in einer der letzten Rächte gestorben.
Aufdeckung von Effektenschiebungen In Hamburg.
Der Hamburger Zollfahndungsstelle ist es, wie das „Hamburg. Fremdenblatt" von zuverlässiger Seite erfährt, gelungen, einer umfangreichen E f - ^ktenschiebung auf die Spur zu kommen. Es handelt sich um einen Betrag von 200 000 Reichsmark, der in Effekten nach dem Aus- lande verschoben worden ist. Bisher wurden ein Hamburger Kaufmann, der aber nur eine Vermittlerrolle spielte, und ein Bankier verhaf- te t. Ein dritter Mitschuldiger, ebenfalls ein Dan» fier, ist nach dem Auslande geflüchtet. Der Kaufmann ist inzwischen wieder entlassen worden. Bei dem verhafteten Bankier, der bereits ein Geständnis abgelegt hat, handelt es sich um den Inhaber einer Devisenbank, dem auf Grund der entsprechenden Vorschriften besonderes Vertrauen eingeräumt worden war.
Grohfeuer bei Stettin.
In einer der letzten Nächte brach in der Mühle der Pommerschen Hauptgenossenschaft in dem Vorort Züllchow bei Stettin ein Brand aus, der in den Holzteilen des großen Gebäudekomplexes und in den großen Getreidevorräten reiche Nahrung fand. Obgleich kofort die Feuerwehren mit allen verfügbaren Kräften zur Steile waren, stand in den ersten Morgenstunden bereits ein Flügel der Muhle in Brand. Das Feuer wütete mit ungeheurer Kraft und gefährdete infolge der starken Hitze und des Funkenfluges auch die benachbarten Häuser.
Feuergefecht mit Zugräubern.
AuS Wittenberge wird gemeldet: Auf der Hamburg—Berliner Strecke versuchten dieser Tage zwei wahrscheinlich aus Berlin stammende Einbrecher einen auf dem Bahnhof Bergendamm haltenden Güterzug zu berauben. Die Täter waren in einen Kurswagen einaedrungen und hatten ihre Deute bereits zum Abtransport bereitgelegt, als sie von mehreren Beamten des Wittenberger äleberwachungsdienstes, die den Zug begleiteten, gestellt wurden. Da die Dahnräuber auf mehrmaligen Anruf nicht stehenblieben, gaben die Beamten mehrere Schüsse auf die Fliehenden ab. Die Einbrecher suchten in einem Gestrüpp Deckung und erwiderten von dort aus das Feuer. Infolge des starken Rebels gelang es den Tätern, unerkannt zu entkommen.
Der Prozeß gegen die Postdefraudanlen Steubel und Aumüller.
Aus Traunstein (Oberbayern) wird gemeldet: Der Prozeß gegen die Postagentin Anna Steubel und den Postmeister Josef Aumüller hat dieser Tage begonnen. Die beiden Angeklagten haben über 200000 Mark Postgelder unterschlagen. Als die Verfehlungen zu Beginn dieses Jahres aufgsdeckt zu werden drohten, waren die beiden nach der Tschechoslowakei geflüchtet. Dort wurden sie nach wenigen Wochen verhaftet und nach Deutschland ausgeliefert.
Finanzskandal in Oberösterreich.
In Wien wurde ein riesiger Finanzskandal aufgedeckt. Rach einer Meldung Berliner Blätter aus Wien wurden dort der Bankier Kommerzialrat Karl Egon Alma und sein Sohn
Dr. Herbert Fritz Alma in ihrer Villa verhaf» te t und gegen den zweiten Sohn des Bankiers, Dr. Hans Alma, der sich gegenwärtig in Paris befindet, ein Steckbrief erlassen. Alma und seine Söhne werden beschuldigt, das Land Obe r- österreichumganzungeheuerlicheBe- träge geschädigt zu haben. Wie verlautet, soll die Schadenssumme den Betrag von 30Millionen Schilling erreichen.
Finanzausschuß des Hessischen Land» iages in Bad-Nauheim.
Bad-Nauheim, 31. August. (WTB. Funkspruch.) Der Finanzausschuß des Heffi- schen Landtags, das Landtagspräfi- dium und Vertreter der Regierung statteten gestern auf Einladung des Finanzminifters Bad- Nauheim einen Besuch ab. Zunächst wurde die Neuanlage des Fernheizwerkes, die Dampfkesselanlagen, sowie Maschinen und anschließend daran die Restaurationsgebäude auf dem Johannesberg, die dem Staate gehören, besichtigt. Dabei wurde festgestellt, daß die jetzigen Räumlichkeiten nicht mehr genügen. Die Absicht, an Stelle der jetzigen Baulichkeiten einen Neubau zu stellen, sobald die Geldmittel es ermöglichen, wurde gutgeheißen. Im Medizinischen Institut für Herzforschung sprach Kurdirektor Meyer über die Entwicklung in Bad- Nauheim, Professor Dr. Weber über die Entwick- hing dieses Instituts. Man war allgemein der Ansicht, daß Landtag und Regierung die Pflicht haben, Bad-Nauheim weiterhin besondere Aufmerksamkeit zu widmen.
Aus der provinzialhauptstadt.
Gießen, den 31. August 1932.
Oie Sammlerin.
Don Peter Bauer.
Die Wege im Park des Badeorts sind wie eine verschnörkelte Handschrift in das Grün der Baumund Rasenstücke hingeschrieben. Lleberschweng- liche Kurven und zierliche Schleifen wechseln in kapriziöser Spielerei und gängeln einen bald nach der, bald nach jener Seite. Ohne es zu merken, gerät man aus einem Weg in einen andern, so kraus überschneiden und verzweigen sie sich. Lind man empfindet mit einemmal, wie schön es ist, Zeit zu haben und sich gehen zu lassen, wohin einen die Füße tragen. Da lockt ein Rosenhügel, den der umzirkende Weg zu einer Insel aus Farben und Duft macht, zugänglich allerdings nur zartflügeligen Faltern und Libellen, da ist ein Daylenspalier zu bewundern und von einer Danknische aus bietet sich dem entzückten Auge ein prächtiger Fackelreigen aus rot- und lilablühendem Phlox. Nirgends erreicht einen der Wellenschlag der Eile oder Hast, der draußen in den schnurgeraden Straßen der Stadt zur fortreihenden Strömung wächst.
Lind doch haben die meisten der hier wandelnden Menschen auch ein Ziel. Ie tiefer man in die grüne Abgeschiedenheit Les Parks vorstößt, um so öfter schimmert die weiße Fassade des Restaurants durch die windverschobenen Blätterwipfel und schließlich verraten die weit- hinhallenden Klänge eines Marsches, daß das Konzert bereits begonnen hat.
In den Wegen um den Pavillon herum sitzen die Musikhungrigen auf Bänken und Stühlen. Die andern, die außerdem noch oder in erster Linie auf realere Dinge Appetit haben, bevorzugen die kleinen gedeckten Tische, die den terrassenförmig gestuften Platz vor dem Restaurant füllen. Kellner In weißen Kitteln und Schürzen flitzen hin und her, Tabletten mit Getränken und Gebäck balancierend. Die dichten Dlätterschirme der Platanen überschatten wohltuend die behaglich Versammelten.
Es paßt ganz in das idyllische Bild der — ein jeder auf seine Weise — Zufriedenen, daß Sperlinge und Buchfinken ungestört zwischen den Tischen Hüpfen und flattern und Brosamen picken. Es ist auch für sie noch etwas übrig. Ebenso wie für die Schwäne des Teiches. Wenn sie die schlanken Hälse danach auswerfen und mit gelben und schwarzen Schnäbeln im Grase suchen und schlingen, merkt man, daß die schönen biegsamen Tauchorgane nicht für das flache Land geschaffen find. Die Hälfe stützen sich wie steife Stöcke auf und drücken sich vielfach noch zu einer harten Höckerhaften Schleife über den Körper empor. Zuweilen machen einige Schwalben, die über dem Teich jagen, einen Abstecher, indem sie in flachem Zickzack zwischen den Konzerthörern Hinpfeilen, wovon diese jedoch kaum mehr Rotiz nehmen, als vom Vorbeifächeln eines Luftzugs.
Aber plötzlich ist doch das Llngewöhnliche da: Eine jugendliche Schlanke, ein Mädchen der Heilsarmee, schreitet mit einem Sammelbecher — einem bis auf den Einwurf zugelöteten Milchmaß nicht unähnlich — von Tisch zu Tisch. Lind überall zückt man die Geldbeutel vor dem ungewöhnlich hübschen Gesicht, das sich unter dem großen Hut mit seinen Bändern so frisch und froh gehabten hat. Die sanften Augen strahlen zu jeder Bitte und zu jedem Dank. Ihr Glanz haftet an jeder der kleinen Münzen, die klirrend in den Becher fallen. So schön ist Menschenliebe, wenn sie echt und schlicht von Herzen kommt. So bezwingend ist sie. Kaum ein Tisch, an dem nicht oer Blick des Mädchens ein klingendes Echo im Becher weckt. Der Erfolg der Sammlerin läßt ihr Gesicht unter dem großen Hut wie eine Rose glühen. Sie darf sich freuen. Sie hat ein reiches Geschenk im Becher. Sie hat mit jeder kleinen Münze, die einer gab, den Schenkenden froh gemacht. Sie freuen sich alle. Man sieht es den hellen Blicken an, die dem davonhuschenden Mädchen folgen.
An einem Rachbartisch spricht man über sie, glaubt man aus ihrem gewandten und anmutigen Aeußern darauf schließen zu dürfen, daß sie besseren Kreisen entstamme. Llm so höher wertet man ihre rührend« Hilfsbereitschaft für die Rrmen. Man fühlt sich allgemein von einer schimmernden Stunde berührt und dankt im stillen dem Mädchen, daß man schenken durfte...
Bornotizen.
— Tageskalender für Mittwoch: Lichtspielhaus. Bahnhofstraße: „Schanghai Expreß".
~~ „Schanghai-Expre h". Marlene Dietrich wird von heute ab wieder einmal im Lichtspielhaus Bahnhofstraße in einem neuen Groß» a*hn der .,Paramount" zu sehen sein. Der Film „Schanghai-Expreß" führt in die Wirren des Ostens, schildert die gewagte Rolle einer Frau,
die als Abenteuerin mit ihren Extravaganzen ihre Umgebung im Atem hält und dabei eine bedeutsame Rolle zu spielen weiß. Der Schauplatz ist ein Schnellzug, in dem für zwei Tage Menschen aller Rationen zusammengewürfelt wurden und durch Gefahren hindurch für eine Fülle der Erlebnisse untereinander verbunden sind. Reben Marlene Dietrich ist auch Anne- Mäy-Wong in einer der Hauptrollen in den Gang der Ereignisse elngeschlossen. Der Regisseur Sternberg hat einen Film geschaffen, der vielen gefallen dürfte. Räheres ist aus der heutigen Anzeige ersichtlich.
Oirekior Bergen
40 Fahre im Hanse Schaffstaedt.
Der kaufmännische Direktor der Firma H. Schaff- flacht G. m. b. H. Gießen, Herr Otto Bergen, kann am morgigen Donnerstag, 1. September, sein 40jähriges Dienstjubiläum begehen.
Otto Bergen wurde am 16. Dezember 1873 in unserer Stadt geboren. Er trat nach dem Besuche der damaligen Realschule bei der Firma Gebr. Han- ftein als Lehrling ein, um sich dem kaufmännischen Berufe zu widmen. Nach Verlauf dreier Jahre folgte am 1. September 1892 sein Eintritt in die Firma Heinrich Schaffftaedt, ein damals in der Entwicklungsperiode stehendes Unternehmen. In Verbindung mit der konjunkturell günstigen Wirtschafts- cpoche, während der sich die deutsche Industrie kräftig entwickelte, entfaltete der junge Kaufmann eine außerordentlich rege und vielseitige Tätigkeit, die das Arbeitsgebiet seiner Firma fortgesetzt erweiterte und das Ansehen des Unternehmens im In- und Auslande hob, so daß die Firma heute zu den angesehensten der wärmewirtschaftlichen und gesund- heitstechnischen Branche zählt. Otto Bergens Arbeitskraft ist es in hohem Maße mit zu danken, daß das Haus Schaffftaedt bei Kriegsausbruch über 400 Angestellte und Arbeiter beschäftigte, inmitten eines dichtmaschigen Netzes eigner Filialen und Vertretungen innerhalb des europäischen Festlandes und über dessen Grenzen hinaus. Große Reisen führten Herrn Bergen durch fast alle Länder Europas. Diese Reisen trugen den Charakter des Studiums der Exportmöglichkeiten für die Erzeugnisse der inzwischen weltbekannten Firma. Sie dienten aber auch der Pflege der guten Beziehungen zu Kundschaft und Vertretern, rechneten doch die Verwaltungsbehörden der großen Städte und Staaten, wie z. B. die Handels- und Kriegsmarinen der europäischen Mächte, zum festen Kundenstamm des Hauses Schaffftaedt. Der kürzlich verstorbene Kommerzienrat Schaffftaedt erkannte früh die wertvolle Mitarbeit seines jungen Gehilfen, mit dem ihn allezeit ein freundschaftliches Verhältnis verband. Im Jahre 1903 bestellte er ihn zum Prokuristen, und bei der Umwandlung der Firma in eine G. m. d. H., im Jahre 1909, trat her jetzige Jubilar mit dem Rang des kaumännischen Direktors als persönlich hastenher Gesellschafter in die Firma ein.
So ausgezeichnet und vorbildlich die Tätigkeit des Kaufmanns Otto Bergen Ist, so ist auch sein Wirken als Mensch und Mitbürger. Mit großen Geistesgaben und schlagfertiger Beredsamkeit ausgeftattet, dabei freundlich, hilfreich und gut zu jedermann, hat er es verstanden, sich in den weitesten Bevölkerungskreisen Achtung und Wertschätzung zu verschaffen. Dem beliebten und verdienten Mitbürger werden weite Kreils noch viele Jahre erfolgreichen Schaffens in Frische und Gesundheit wünschen.
Bauobennspektor i. R.ZakobAttvaierl'
Im 84. Lebensjahr verstarb dieser Tage zu Wie- seck der in weiten Kreisen der Bürgerschaft bekannte, in den Iahven 1875 bis 1919 In Diensten des städtischen Bauamtes tätig gewesene Oberbauinspektor Iakob A l t v a t e r. Del der in ber hiesigen Friedhofskapelle stattgefundenen Trauerfeier wurde u. a. erwähnt, daß der Der- storbene bereits im Iahre 1875 als Daubearnter beim städt. Dauamt eintrat. Reben einem Stadt- baumeister wurden dem Verstorbenen zunächst die Aufsicht aller vorkommenden Hoch- und Tiefbauarbeiten übertragen, um nach Eintritt größerer ^^uaufgaben als Bauführer an Schulen, Schlacht- pof. Wasserwerk in Queckborn. tätig zu sein. Spat^hm mit der Dau- und Friedhofsverwaltung betraut, führte er während des Kriegs die Dienstgeschäfte des städtischen Hochbauamtes, um £ann<Jny$a^t 1919 nach 44jähriger Tätigkeit in oen Ruhestand zu treten. An dem Aufschwung der kommunalen Bautätigkeit unserer Stadt war seine tatkräftige Mitarbeit von großem Einfluß. Vom hiesigen technischen Verein wurde der Verstorbene vor kurzer Zeit zum Ehrenmitglied er-
Zirkus Straßburger in Gießen.
2Im Freitagmorgen, gegen 7.30 Llhr, wird der Zirkus Straßburger in Gießen eintreffen und noch am gleichen Abend seine erste Vorstellung geben. Mit riesigem Aufgebot an Material. Tieren und Wagen, mit vielen Menschen der ver-


