Ausgabe 
31.7.1932 Erstes Blatt
 
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365 MiM Ml.

Original-I^oman von Anny von panhvys.

Copyright by Verlag A. Bechthold, Braunschweig.

21 Sortfct z. Nachdruck verbotenl

Hie betrachtete sich immer wieder im Spiegel und Meta dachte sich so allerlei, während sie um chre Herein herumsprang und sie bediente. Sie tourte ganz genau, die Toilettenmühe galt dem Daran Sturm, dem Mann, den Lil Körner hatte heiraten sollen, das verdrehte Mädel, wie man sie allgemein nannte, wenn man noch von ihr irgendwo redete. Das verdrehte Mädel! Die Be­zeichnung war an Lil Körner hängengeblieben und stammte von der Baronin, die sich des Aus­drucks gegen Frau von Welp sehr oft bedient hatte. Frau von Welp sorgte dann für die Ver­breitung.

Kurz nach achtzehn ilfjr betrat Dr. Werner Sturm die elegante Villa im Vorort Rödelheim. Meta führte ihn zu der Gräfin, die ihn mit einer vorher vor dem Spiegel genau ein studierten Miene empfing. Mit einem ganz schwachen Lä­cheln und ernsten, nachdenklichen Augen. Er be- grühte sie und nahm auf ihre Aufforderung Platz. Da sahen sie sich denn gegenüber in dem schön­sten -Zimmer des Hauses. In Hellgrün und Gold war der Raum gehalten. -Zierliche Möbel der Rokokozeit standen umher wie in zärtlicher Erwartung. Das mattgrüne Kleid Celias mit den weihen Stickereirosen patzte hierher, wie eigens dafür gearbeitet. Patzte zu den Bezügen der Sitzmöbel, den Decken und Teppichen. Das Zimmer war wie ein schöner passender Rahmen für Celia, älnd sie wutzte das.

Ohr mattes Lächeln wurde ein bitzchen stärker.

Ich habe Sie um eine Unterredung gebeten, Herr Baron, weil

Er unterbrach sie:Bitte, lassen Sie den Titel, ich höre es lieber, wenn man mich mit meinem Derufstitel anredet, Frau Gräfin."

Sie nickte.Ich weih das ja längst, was alle wissen, Verzeihung, es war eine kleine Entglei­sung. Also, Herr Doktor, ich bat Sie um «ine Unterredung, weil ich seit ein paar Tagen von einer Idee verfolgt werde, über die ich mit Ihnen sprechen möchte. Ich will rasch zur Sache kommen. Ich hovte natürlich von Ihren Erfolgen, schwere Lähmungen durch Ihre neue Heilmethode zu kurieren und nehme, wie Wohl jeder Mensch von Gefühl, lebhaften Anteil. Datz Sie vor allem auch den Armen umsonst helfen, hat mir über alle Matzen gefallen. Ich las, datz Sie gern ein Krankenhaus hätten, das nach Ihren Anordnun­gen eingerichtet würde, und das für Sie nötig ist, um in gröberem Matzstabe helfen zu können." Sie schob eine kl«ine Pause ein und sah ihn mit grotzen, sanftblickenden Augen an.Das geht

mir nun fortwährend km Kopfe herum und eine innere Stimme sogt mir, da ich imstande dazu bin, müsse ich Ihnen helfen. Vie sind ein Grotzer der ärztlichen Wissenschaft, las ich neulich in einem Blatt, Herr Doktor, und ich wäre stolz darauf, Ihnen das Geld zur Verfügung stellen zu dürfen, das Sie für Ihr« menschenfreundlichen Zweck« benötigen. Ich bin reich, und dazu im­stande, autzerdem täte ich es von Herzen gern." Ihre Stimm« war ganz innig:Lieber Herr Doktor, bitte, lassen Sie mich helfen! Es ge­schieht nicht allein für Sie, den ich sehr achte und verehr«, sondern auch für die armen Menschen, di« Sie gesund machen können, wenn es erst ein Werner-Sturm-Krankenhaus" gibt."

Werner Sturm hatte nicht geahnt, datz ihm die Gräfin, die ihn immer ein wenig abstietz, weil sie ihm zu leichtlebig und oberflächlich schien, einen solchen Vorschlag machen würde. Er war im wahren Sinne des Wortes jetzt sprachlos.

Die Gräfin fuhr fort:Ich bitte Sie dringend, mein Angebot airzunehmen, aber im übrigen zu tun, als wenn ich gar nichts mit der Angelegen­heit zu schaffen habe. Ich möchte nicht, datz man über mich spricht. Es ist mir «in Herzens­bedürfnis, zu helfen, aber es braucht nicht an di« grotz« Glocke zu kommen. Sie sind mir auch keinerlei Donk schuldig. Den Dank werde ich in dem frohen Gefühl finden, datz ich an einem Werk der Barmherzigkeit helfen durfte. Das ge­nügt mir." Sie hatte immer lebhafter gespro­chen, immer überredender und nun sah sie ihn hinreitzend und bittend an und ihr hübsches Ge­sicht war feierlich ernst, während sie gespannt darauf wartete, wie er ihren Vorschlag aufnehmen würde, diesen Vorschlag, durch den sie sich den Mann, den sie begehrte, einfangen wollte. Geld herzugeben nur aus Menschenliebe, wäre nach ihrer Ansicht die dümmste Dummheit, die man nur machen konnte. Ganz fein und geschickt hatte sie di« Schlinge gelegt, in die der Mann hinein­laufen sollt«.

Werner Sturm sah noch immer stumm da. Er schämte sich vor Celia Kurzmann, die er bisher für eitel und oberflächlich gehalten. Wie so ganz anders war sie. Güte und Menschenliebe wohnten in der hübschen jungen Frau, die er in Gedanken spöttisch dielustige Witwe" ge­nannt. Jetzt sprach er endlich. Seine Stimme war warm und herzlich.

Frau Gräfin, ich brauche wohl nicht erst zu betonen, wie sehr mich Ihr Vorschlag über­rascht hat, denn Sie sehen es mir sicher an. Ich möchte bei dieser Gelegenheit vor allem fest­stellen, ich habe Sie bisher falsch beurteilt, sehen Sie, ich hatte Ihnen nicht das geringste Interesse für diese Dinge zugetraut, die mir jetzt so sehr am Herzen liegen, und ich gestehe Ihnen das ganz offen. Ich glaube, ich bin Ihnen das schul­dig, besonders weil Sie mir das Anerbieten so ohne Anspruch darauf machten, datz Ihr Rame dabei genannt wird."

Sie unterbrach ihn mit einem kleinen Freuden­schrei, der nicht aus dem Herzen kam, der aber ihrer Derstellungskunst ausgezeichnet gelang und echt klang.

,Dh, mir scheint, ich darf hoffen, Sie nehmen mein Angebot an, das macht mich unsagbar glücklich!" Sie senkte ein wenig den Kopf.Ich fürchtete schon, Sie wollten vielleicht nichts davon wissen, weil ich selbst Ihnen unsympathisch bin."

Er schüttelte langsam den Kopf.Rein Frau Gräfin, unsympathisch ist ein falsches Wort da­für."

Er dacht«, eigentlich hatte sie recht, sie war ihm bisher unsympathisch gewesen, besonders, weil sie ihn zu sehr hatte merken lassen, datz er ihr gefiel und weil sie alles an Vergnügungen mitmachte, was es nur gab. Aber er begriff in diesen Augenblicken nicht mehr, datz sie ihm hatte unsympathisch sein können. Sie war ihm im Ge­genteil plötzlich ungemein sympathisch. Ganz un­gemein.

Er fuhr fort:Ihre Lebensweise fand viel­leicht nicht ganz meinen Beifall. Ich begreife nicht, wie «ine Frau von einem Ball zum an­deren, von einem Fest zum anderen eilen kann. Immer wurde Ihr Rame genannt, wenn man etwas hört« oder las über gesellschaftliche Ver­anstaltungen. Ihre Toiletten sind berühmt in Frankfurt. Sie lassen sich gern feiern und wenn Sie verreisen, geht es nach Paris, Berlin oder Wien, um neue Toiletten zu holen." Er lächelte. Ich will ehrlich sein, ich fand, Sie leben zu sehr in der Hetz« des Vergnügens und der Ab- wechftung. Ich geb« aber zu, Sie sind jung und schön, und eigentlich ist's ja Wohl das Recht junger, schöner Frauen, chr Leben zu geniesten. Rachdem ich Weitz, datz m dem schönen Körper auch eine schöne Seele wohnt, stört mich nichts mehr an Ihnen. Ich glaube, wir könnten gute Freunde werden. Sie wollen armen, kranken Mitmenschen mit Ihrem Geld helfen, das ist «del von Ihnen, und deshalb schäme ich mich, Sie falsch beurteilt zu haben."

Celia führte ihr Spihentüchlein an die Augen. Sie waren völlig trocken, aber Celia tat, als müsse sie ein paar Tränen Wegtupfen.

Können Sie sich nicht vorstellen, Herr Doktor, datz sich «ine Frau nur vielleicht deshalb, weil sie nicht einsam sein möchte, in den Gesell­schaftstrubel stürzt. Flucht ins allzu weltlich« Treiben, hat oft als Grund Furcht vor der Ein­samkeit. Ich habe sehr jung geheiratet. Mein Mann war viel älter. Er hätte reichlich mein Vater sein können. Ich war damals töricht und zu jung. In mittellosem Elternhaus bin ich grotz geworden, bin sehr früh verwaist und man riet mir, den Antrag Graf Kurzmanns anzunehmen. Ich tat es. Der Graf war gut, aber ein krän­kelnder Mensch, der mich von aller Welt ab­sperrte, mich wie in einem Gefängnis hielt. Als er starb, trotz seiner Kränklichkeit für mich Plötz­

lich und unerwartet, hatte ich das Gefühl, in vollen Zügen geniesten zu müssen. Ich tat es, aber ich will Ihnen di« Wahrheit sagen, Zu­friedenheit hat mir dies Leben nicht gegeben Doch di« Einsamkeit jagt mich immer wieder hinein." Sie schluckte, als müsse sie Tränen be­zwingen und ihre Schultern bebten ein wenig. Hätte ich «in Kind, dann wäre mir wahrscheinlich jede Gesellschaftstoilette zuwider und jeder Tanz, aber daheim ist's so still, so still, und labe ich mir Bekannte ein, so ist gleich wieder zu lautes Lachen da und daS Grammophon oder Radio mutz spielen. Ich habe eben niemand, der zu mir ge­hört, das ist mein älnglück."

Werner Sturm dachte, wie wenig Menschen­kenner war er doch, denn falscher, als er Celia Kurzmann beurteilt hatte, konnte man es gar nicht mehr tun. Die hübsche Frau war nicht ober­flächlich und nicht vergnügungssüchtig, sie war nur ein armes Menschenkind, das sich vor dem Allein­sein fürchtete.

Celia Kurzmann säst erwartungsvoll da. Sie fand, sie hatte die vorher gut ausgedachte Rede ganz vorzüglich und an der richtigen Stelle an­gebracht. Männer wie Werner Sturm, mutzte man eben auf besonders überlegte Art und Weise einfangen. Sie hatte Freier genug, die ihrem Reichtum und ihrer modernen, gepflegten Schönheit volles Verständnis entgegenbrachten, aber Werner Sturm gefiel ihr besser als alle.

Er nahm ihre Hand.

Frau Gräfin, ich schäm« mich wirklich vor Ihnen und bitte Sie, mir zu verzeihen. Ganz anders als vordem sehe ich Eie mit einem Male."«,

Sie lieh ihm die Hand und strahlte ihn an. r Ich bin sehr glücklich, ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie glücklich. Sie sollten nicht schlecht von mir denken, Sie nicht, das quält mich schon lange." Sie legte nun, wie unbewutzt, ihre Linke auf seine Hand, die ihre rechte hielt.Ünd nicht wahr, wenn das Werner-Sturm-Krankenhaus fertig ist, dann darf ich mich manchmal auch ein ganz Flein wenig darum kümmern. Ich meine, dann erzählen Sie mir von den Heilungen und ich darf den Kranken Blumen bringen und den Genesenden Bücher. Es wäre eine Aufgabe für mich. Ich hätte Beschäftigung, hätte die Freude, Gutes zu tun."

Er atmete tief auf, und allerlei Gedanken schossen durch seinen Kopf. Lil hatte ihn böse enttäuscht, aber warum sollte er deshalb immer einsam bleiben? Sie hatte, was sehr anzuerken- nen war, die letzten finanziellen Verpflichtungen ihres Vaters «ingelöst, und sollte in Amerika reich verheiratet sein, aber dieses trotzigen Mä­dels wegen braucht« er wirklich nicht auf ein Heim mit Well» und Kind verzichten. Sein« Mutter war herzleidend, er fürchtete, sie werde nicht besonders alt und sie bedrängte ihn schon seit langem, sich zu verheiraten. Sie hätte es gern gesehen, wenn er Celia Kurzmann heiratete.

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