Ausgabe 
31.7.1932 Erstes Blatt
 
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menarb eiten zwischen Zentrum und Nationalsozia­listen bislang nicht zustande kam. Das muh im Reich verhindert werden. Jeder kann morgen durch seine Stimmabgabe dazu beitragen, daß ein ar­beitsfähiger Reichstag der Reichsregierung die Möglichkeit gibt, auf das Vertrauen einer großen Mehrheit des Volkes gestützt, mit fester Hand die großen Reformen durchzuführen, die zur Gesun­dung von Wirtschaft, Volk und Staat auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens unerläßlich sind, soll unser Vaterland nicht zu außenpolitischer Ohn­macht verurteilt, in Bürgerkrieg, Kulturbolschewis­mus und wirtschaftlichem Chaos enden.

Wahlrecht ist Wahlpflicht!

Ein Aufruf der Reichsregierunq.

' Berlin. 30. 3uli. (MTB. Funkspruch.) Auf Dorschlag der Reichsregierung hol der Herr Reichs­präsident den Reichstag am 6. Juni aufgelöst, da er dem politischen Dillen des deutschen Volkes nicht mehr entsprach. Am 31. Juli wählt das deutsche Volk einen neuen Reichstag. Die Abgabe der Wahlstimmen ist das wichtig st e Recht, das die Verfassung den deutschen Männern und Frauen verleiht. Dieses Recht ist eine Pflicht. Sie gebietet, einen solchen Reichstag zu wählen, der die Ausgaben des deutschen Volkes erfüllen kann. Seit dem 1. Juni 1932 ist an die Stelle der bisherigen parteipolitisch zusammengesetzten Staats- regierung eine völlig überparteiliche Staatsregierung getreten. In der Rot die­ser Zeit braucht unser Volk eine durch keine Ab­hängigkeit von politischen Parteien gebundene Re­gierung. Aber auch eine solche Regierung bedarf der vertrauensvollen Zusammenar­beit mit dem Reichstag, um den Wieder- ausbau Deutschlands auf dem Dege ordnungsmäßi­ger Gesetzgebung weiterführen zu können. Deutsch­land muh daher einen Reichstag haben, der nicht nur die W l l l e n s m e i n u n g des Volkes wider­spiegelt, sondern der fähig und willens ist, im Rahmen der ihm durch die Verfassung zugewie­senen Obliegenheiten mit einer starken Re­gierung Hand in Hand zu arbeiten. Der Dahltag ist daher ein Schicksalstag sür das deutsche Volk. Der Herr Reichsprä­sident und die Reichsregierung erwarten, dah alle Deutschen ihrer Wahlpflicht Nachkommen!

Hestige Lausanne-Debatte im Wiener Nationalrat.

Mahlofe Angriffe der Christlich-sozialen auf das Reich.

' Wien, 31. Juli. (£11.) Im Nationalrat richtete der christlich-soziale Abgeordnete K u n s ch a k bei der Aussprache über das Lausanner Protokoll schwere Angriffe gegen Deutschland. Vor wenigen Tagen erst sei der Gedenktag der Ermordung des Thronfolgers im Jahre 1914 gewesen. Heute nach 18 Jahren sehe man, wenn auch in anderen Farben, wieder ein ähnliches Bild. Es sei der furor teutonicus, der gleichbedeutend sei mit Hohen- zollernschem Hausinteresse, der Arm in Arm mit Junkern.und Jndustriemagnaten den welterlösenden demokratischen Gedanken im eigenen Lande und auch Oesterreich und dessen Volk den Krieg erkläre. 1914 hätten russische Emissäre Haß und Blutdurst gesät. Heute seien reichsdeutsche Emissäre in geschäftiger Weise in Wien tätig. Es fehle nur noch der schlüssige Beweis, daß das Wort:Der Rubel rollt" umgewandelt werden könne in die Be­hauptung:Die Mark rollt". Aus diesen Tatsachen ziehe er die Folgerung, daß die Agitation gegen das Lausanner Protokoll, die sich in Oesterreich bemerk­bar mache, durch ausländischen Einfluß herbeigeführt sei. Es wäre der Sache des Deutsch­tums dienlich, wenn die Reichsregierung diese Fanghunde zurückpfeifen und an die Leine nehmen würde.

Der Großdeutsche Abgeordnete Föppel erwi­derte darauf: Die Grohdeutschen, so führte er aus, seien dem Abgeordneten Kunschak als dem Ver­treter der Christlich-Sozialen Partei dafür dank­bar, daß er die wahre Gesinnung dieser Partei zu erkennen gegeben habe. Er habe es für gut befunden ,die ganze nationale Auffassung in Oesterreich ohne Unterschied der nationalen Parteien und Richtungen als von deutschen Emissären gekauft hinzustellen. Die Ant­wort Deutschlands auf diese Gesinnung der Christ­lich-Sozialen Partei werde nicht ausbleiben. Mann könne mit Ruhe abwarten, welche Stellung die Vruderpartei der Christlich-Sozialen in Deutsch­land, das Zentrum, zu einer so würdelosen Haltung in einer so ernsten Sache einnehmen werde. Föppel warf dem Bundeskanzler sodann vor, die Versprechungen, die er vor fei­ner Abreise nach Lausanne gegeben habe, nicht gehalten zu haben. Er habe damals erklärt, unter keinen Umständen ein neues Genfer Protokoll zu unterzeichnen.

Föppel stellte einen M i ß t r a u e n s a n t r a g gegen die Bundesregierung. Der christlich-soziale Abgeordnete Aigner erklärte, es sei das gute Recht Oesterreichs und jener Leute, die die öster­reichische Politik zu machen berufen seien, sich dagegen zu verwahren, daß sich ausländische Kreise in innere österreichische Angelegenheiten mischten. Es sei ohne weiteres zuzugeben, daß die erdrückende Mehrheit des österreichischen Volkes im innersten Herzen den Zug zum deutschen Muttervolke habe. Aber zu einer derartigen Einstellung des protestantischen Rordens zum katholischen Süden, zu einer Einstellung, die von dersüddeutschen Kanaille" rede, zu einer solchen deutschen Gesinnung hätten sie keinen Anschluß zu wünschen.

Oie Verstärkung der oldenburgischen Polizeibehörde durch SS. und SA.

Staatsminister Dr. Pauly erklärte, dah es sich lediglich um eine vorbeugende Maß­nahme handele. Cs bestehe begründete An­nahme, daß von kommuni st ischer Seite bei der Wahl Unruhen zu erwarten seien. Dabei sei zu berücksichtigen, dah die olden- burgische Polizei zur Zeit noch nicht einmal über die etatsmähige Stärke verfüge. Die eingestellten Hilfspolizeibeamten sollten längstens bis Mitte August Dienst tun und, wenn angängig, bereits früher wieder entlassen werden. Es handele sich bei allen Reu- einstellungen insgesamt rund 200 Mann lim frühere SA.- Leute, die aber d i e

Der Münzfälscher Salaban zu fünf Jahren Zuchthaus vemrteilt.

Selbstmordversuch des Angeklagten während der Verhandlung.

Die dritte Ferienstrafkammer beim Landgericht III Berlin verurteilte den Münzfälscher Cornel Sa­la b a n wegen M ü n z f ä l s ch e r e i zu fünf Jahren Zuchthaus und zehn Jahren Ehrverlust. Degen unbefugter Führung des Doklorlilels erhielt Salaban eine Strafe von vier Dochen haft. Außerdem erkannte das Gericht auf Zulässigkeit der Stellung unter Polizeiaufsicht. Frau Salaban wurde wegen Bei­hilfe zum Münzverbrechen zu einem Jahr Gefängnis verurteilt.

Zwei Aerzle halten Salaban für geistig zurech­nungsfähig, während zwei andere Aerzte auf dem Standpunkt stehen, daß Salaban geisteskrank sei, während ein fünfter Arzt sich weder für das eine, noch für das andere entscheiden wollte. Der Staatsanwalt hielt Salaban für geistig zu­rechnungsfähig und beantragte gegen ihn wegen der begangenen Münzfälschungen fünf Jahre Zuchthaus und zehn Jahre Ehrverlust und wegen der unbefugten Führung des Doktor­titels sechs Wochen haft. Gegen Frau Salaban wurden vom Staatsanwalt zwei Jahre Gefängnis und fünf Jahre Ehrverlust beantragt.

Salaban hatte noch während der Beweisauf­nahme einen Selbstmordversuch unternom­men, indem er eine größere Anzahl von Dero- n al (ab letten zu sich nahm. Justizdiener be­merkten es noch zeitig genug, so daß ihm noch der Magen ausgepumpt werden konnte und die veronaltabletlen keine Folgen hinterliehen. Sala­ban erklärte, dah er sich diese Tabletten während seines Aufenthaltes in der Nervenheilanstalt Wit­tenau für diese Zwecke aufgespart habe.

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Salaban hatte, wie man sich erinnerte, in seiner Lichte.falber Villa in großem Umfange falsche Zweimarkstücke angefertigt, die von seiner Ehefrau Martha auf Berliner Wochenmärkten in Verkehr gebracht wurden. Die Anklage gegen Salaban lautet außerdem auch

auf Führung eines falschen Titels. Er hat sich nämlich fälschlich alsDr. jur." ausgegeben. Als Salaban und seine Frau aus dem Untersuchungs­gefängnis in den Anklageraum geführt wurden, rief Salaban sofort erregt in den Saal hinein: W as ist das für eine Wirtschaft, der Vorsitzende hat pünktlich zu seinl". Das Ver­halten des Angeklagten deutet überhaupt darauf hin, daß er in diesem Prozeß mit allen Mitteln um die Zubilligung des § 51 kämpfen wird. Frau Salaban brach bei ihrer Vernehmung in Schluchzen aus. Ihr Mann umarmte sie und versuchte, sie zu trösten, während der Vorsitzende beruhigend auf sie einsprach.

Bei der Verhandlung erhält der Angeklagte Gelegenheit, sich über seine Tätigkeit zu äußern. Die Art und Weise, wie Salaban das tut, berührt peinlich. Reben heftigen Ausfällen ge­gen d i e S a ch v e r st ä n d i g e n, die ihn auf seinen Geisteszustand untersucht haben, und gegen den Vertreter der Anklagebehörde macht er oft zusammenhanglose Redensarten, die der Vor­sitzende mit großer Geduld passieren läßt. Im­mer wieder gewinnt der Unbefangene aus der Art und Weise des Vortrages den Eindruck, dah Salaban den geistig Beschränkten oder geistig Zerrütteten spielt, um den Schuh des § 51 für sich zu gewinnen.

Auf die Frage des Vorsitzenden, ob die Mit­angeklagte Frau Salaban um das zur Anklage stehende Münzverbrechen gewußt habe, gibt Sala­ban dies unumwunden zu. Ec schildert dann, wie er dazu gekommen sei, falsche Zweimarkstücke herzustellen, indem er bombastisch erklärt:Es muß der Teufel gewesen sein, der mich geradezu gezwungen hat, das Experiment mir Zweimarkstücken zu machen. Sie sind so aus­gezeichnet gelungen, dah es nur Teufels­werk sein kann."

Nachdem die Zeugen vernommen worden sind, die den Prägestock und das Material geliefert haben, beschließt das Gericht, die Oeffentlich - feit für den Teil der Verhandlung auszu- s ch l i e h e n, in dem die technischen Einzelheiten der Falschgeldherstellung erörtert werden.

Verbindung zur Partei gelöst hätten. Es blieb, so betonte Staatsminister Dr. Pauly, schlechthin keine andere Möglichkeit, als die Ver­größerung des Polizeibeamtenkörpers du :ch ehe­malige SA.-Leute durchzuführen, weil e_ anders gar nicht denkbar gewesen wäre, entsprechend der gebotenen Eile innerhalb weniger Tage die not­wendige Verstärkung auf die Deine zu bringen. Die neuen Hilfspolizeibeamten sind in den Polizeikasernen untergebracht. Reu­einstellungen sollen nicht mehr erfolgen.

Lieber die Regierungsbildung in Hessen

Frankfurt a. M., 29. Juli. (WSR.) Staats- Minister Baum, der Vorsitzende des Thüringer Landbundes, teilte in einer Versammlung in Golha mit. der hessische Zentrumsmini st er habe ihm in München, wo er sich anläßlich der Län- derkonferen; befunden habe, ausdrücklich erklärt, daß in Hessen d i e Vereinbarungen Zwi­schen Zentrum und R a 11 o n a l f o j i sa­li ft e n bereits abgeschlossen seien, um so­fort nach der Reichstagswahl eine Re­gierung von Zentrum und Rationalsozialisten in Hessen zu bilden. Wie Minister Baum mitteille, wurde ihm diese Versicherung des hessischen Zen- trumsministers in einer privaten Unterredung ge­geben.

Kleine politische Nachrichten.

Reichskanzler o. Popen spricht- heute Samstag, 30. Juli, von 19.30 bis 20 Uhr, für alle deutschen Sender.

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Es ist damit zu rechnen, dah der Reichskanz­ler und die Mehrzahl der Kabinetts­mitglieder in der kommenden Woche einen kurzenLIrlaub antreten werden, um sich wäh­rend der Zeit bis zum Zusammentritt des neuen Reichstages nach der angestrengten Arbeit der letzten Wochen eine kurze Erholung zu gönnen.

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Das nationalsozialistischeTrierer Natio­nal b l a t t" hatte einen Artikel veröffentlicht, in dem u. a. dem Prälaten Koos der Vorwurf des Landesverrats und des Separatismus S worden war. Das Landgericht hat gegen die ttlichung der Behauptung eine einstwei­lige Verfügung erlassen.

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Das Standgericht Budapest verurteilte zwei kom­munistische Führer Sallai-Hollonder und Fürst zum Tode durch den Strang. Den Verurteilten wurde zur Last gelegt, den gewaltsamen Umsturz der staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung ver­sucht zu haben. Das Urteil wurde bereits vollstreckt.

Aus aller Welt.

Schweres Eisenbahnunglück bei Oirschau.

D a n 3 i g, 29. Juli. (WTB.) Heute um 11 Uhr er­eignete sich bei Dirschau zwischen den Stationen Markau und Subtau ein schweresEisenbahn- unglück. Von dem aus Posen kommenden Schnell­zug KrakauGdingen, der mit Teilnehmern an dem Fest des Meeres" besetzt war, das am Sonntag in Gdingen stattfindet, ^rissen sich die letzten 5 Wagen los und sprangen aus den Schienen. Der Zug hatte an der Unfallstelle eine Geschwindigkeit von etwa 80 Kilometer. Die ersten beiden der ent­gleisten Waggons wurden schwer beschädigt. Von den Passagieren wurden im ganzen 50 verletzt, darunter fünf schwer; 37 Leichtverletzte konnten nach Anlegung von Notverbänden die Reise fort- setzen. Von Dirschau wurde sofort ein Rettungszug an die Unglücksstelle entsandt, der die Verletzten nach Dirschau transportierte. Da die Strecke zweigleisig ist, konnte der Verkehr aufrecht erhalten wenden.

Das Unglück soll durch den ersten der entgleisten Waggons hervorgerufen worden sein, dessen Fahr­gestell reparaturbedürftig war. Dieser Fehler soll auch bereits auf einer Station vorher bemerkt worden fein. Nach einer anderen Version

waren die Eisenbahnschwellen auf der Strecke sehr morsch. Die Aufräumungsarbeiter^ an der Unfall­stelle sind im Gange. Der Materialschaden ist sehr groß. Von Danzig aus hat sich der Vizeprä- dent der Danziger Eisenbahndirektion zur Unter­suchung des Unglücks nach Dirschau begeben.

Urteil im Tcvaheim-Prozctz.

Im Devaheimprozeh wurde nach einer Ver­handlung von rund zweieinhalb Monaten das Urteil gefällt. Es wurden verurteilt: Pfarrer Cremer zu zwei Jahren Gefängnis und 10 000 Mk. Geldstrafe, Ieppel zu einem Jahr sechs Monaten Gefängnis und 20 000 Mk. Geldstrafe, Claussen zu einem Jahr sechs Mo­naten Gefängnis und 5000 Mk. Geldstrafe, Ernst Wilhelm Cremer zu vier Monaten Gefängnis.

Gronau In Ottawa gelandet.

Nach einer Meldung derAssociated Press ist der deutsche Flieger o. Gronau in Ottawa ge landet.

90 000 Mark Vereinsgelder unterschlagen.

Vor kurzem wurde aus Dresden berichtet, daß der Kaufmann Emil A n s o u l nach Aufdeckung von Unterschlagungen ins Ausland geflüch­tet sei. Jetzt hat sich herausgestellt, daß Ansoul, der 45 Jahre alt und kaufmännischer Vertreter ist, außer seiner Firma auch den Deutschen und Oester- reichischen Alpenverein schwer geschädigt hat. Ansoul war lange Jahre Verwalter der Dres­dener Ortsgruppe des Alpenoereins und hat seit etwa acht Jahren ungefähr 90 0 0 0 Mark ver­untreut. Erarbeitete" mit gefälschten Spar­kassenbüchern und Falschbuchungen, die es ihm er­möglichten, trotz allen unvorhergesehenen Prüfun­gen sein schädliches Tun zu verschleiern, lieber den Aufenthaltsort Ansouls ist bisher noch nichts er­mittelt.

(Borguloff legt Berufung ein.

Gorguloff, der Mörder des französischen Präsiden­ten Doumer, scheint seine Absicht in letzter Stunde doch noch geändert zu Haden. Entgegen seiner ur­sprünglichen Absicht wird er nunmehr doch B e - rusung einlegen, um dadurch seine Hinrich­tung hinauszuschieben. Der Verteidiger des Präsi­dentenmörders erklärte den Pressevertretern, daß sein Klient den einzigen Wunsch habe, nicht zu ster­ben, bevor sein Kind geboren sei. Da dies in etwa zwei Monaten der Fall sein wird, werde er alles versuchen, die Hinrichtung bis dahin hinaus­zuzögern. Der Verteidiger Gorguloffs, wird trotz der wahrscheinlichen Aussichtslosigkeit versuchen, eine nochmalige Untersuchung des Mörders auf seinen Geisteszustand durchzusetzen.

Beim Beerenfammeln erfchosfen.

Rach einer Meldung aus Parchim (Meckl.) ereignete sich dieser Tage in dem Forst des Gutes Severin ein entsetzlicher Vorfall. Die beiden, sechs- und zwölfjährigen, Söhne des Deputatbeziehers Schön aus Frauenberg sammelten im Walde Beeren. Plötzlich krachte ein Schuh, und beide Kinder sanken, aus nächster Rähe getroffen, zu Boden. Der sechsjährige Knabe hatte einen Kopf­schuß erhalten. Er war sofort t o t. Durch das gleiche Geschoß wurde sein Bruder schwer ver­letzt. Er muhte mit einem Drustschuh dem Krankenhaus zugeführt werden. Als Schütze kommt der Iagdpächter Günther aus Ham­burg in Frage. Die Mordkommission aus Schwe­rin hat die Ermittlungen ausgenommen. Wie es zu dem Vorfall gekommen ist, ist noch völlig ungeklärt. Es ist möglich, dah eine fehlerhafte Handhabung des Gewehrs vorlag.

Autobusunglück in Frankreich. Zwei Tote.

Wie ein Funkspruch aus Lyon meldet, fuhr ein mit Ausflüglern besetzter Autobus, der das be* kannte Kloster Grande Chartreuse besucht hatte, bet der Rückkehr infolge falscher Steuerung gegen einen Baum. Zwei Insassen wurden getötet, fünf wurden schwer verletzt.

wieder zwei deutsche Alpinisten abgestürzl.

Bei dem Versuch ohne Führer den Mont Blanc zu besteigen, sind zwei deutsche Al­pinisten, deren Persönlichkeiten noch nicht fest- stehen, 30 Meter tief abgestürzt und schwer verletzt worden. Sie waren von zwei Oester­reichern begleitet, von denen einer bei den Ver­letzten blieb, während der andere Hilfe herbeiholte.

Aus der provinzialhaupifladt.

Gießen, den 30. Juli 1932.

Saisonverkauf

Leugnen wir es nicht. Für uns alle, ganz gleich, welcher Gesellschaftsklasse wir angehören, welcher Altersstufe, ob verheiratet oder nicht, ob Jungmäd­chen ober Großmutter: das Wort Saisonverkauf hat etwas Belebendes. Wie kommt es? Die neunmal Weisen und Klugen, die Ueberheblichen und An­maßenden sagen, daß man da auch nichts geschenkt bekomme, daß man nur Ladenhüter vorgesetzt er­halte, verschnittene Schuhe, verblichene Stoffe, un­modische Regenmäntel, Hüte mit zu hohen Köpfen, Handschuhe mit allzu dicken Raupen, Strümpfe mit Webfehlern und schiefen Zwickeln. Das ist nicht wahr. Und die das behaupten sind untüchtige Frauen, die eben nicht zu kaufen verstehen, die keinen Blick für die Dinge haben.

Wer sich mit Geist und Gemüt, mit Leib und Seele in einen solchen Sonderverkauf hineinversetzen kann, wer dann vor aufgehäuften Tischen mit bun­ten Seidenstoffen, geblümten Batisten, hauchzarten Chiffons steht, wer darin wühlen kann, wer die weichen Gewebe zwischen den Fingern prüfend zer­reiben darf, der kann ermessen, welches Hochgefühl von Befriedigung ein solcher Saison-Höhepunkt gibt.

Und habt ihr, die ihr meint, turmhoch darüber zu stehen, schon einmal Frauen beobachtet, die im Ga­lanterie- und Schmuckwarenlager wühlen. Man sieht da verträumte oder strahlende Gesichter, wenn die Schmuckketten und Armreifen durch die Finger glei­ten. Farbige Perlen, zum Verwechseln mit den echten ober halbechten Edelsteinen, in allen Schattierungen. Eine Kette für Pfennige schafft die gleiche Freude wie eine solche für ebensoviel Mark. Wir denken sie uns um den Hals geschlungen: dies zarte Blaugrün zum blonden Haar. Sind es nicht echte Türkisen? Steigt ihr Wert nicht ins Unermeßliche, wenn wir an den von der Sonne gebräunten Hals, an das goldbraune Chiffonkleid, für die die Kette wie ge­schaffen ist, denken?

Die Vorfreude ist aber auch nicht zu unterschätzen. Wie schön ist es, die Anzeigen in den Zeitungen zu lesen, bevor man sich auf den Weg zum Einkauf begibt. Man bekommt ordentlich Herzklopfen dabei. Was wird män sich in diesem Jahre wohl alles kau­fen können. Oh, daß ich tausend Mark hätte! Das tönerne Schweinchen birgt sicherlich viele, viele Marks in sich. 9 Mark 94 lese ich zwischen seinen Scherben heraus. Aber da ist noch die kleine Kassette mit Geld, das ich für Zeitungspapier und Flaschen erhielt. Noch einmal 5 Mark 23 Pfg. Ich rechne und rechne und leise jubelnd addiere ich im voraus diq angekündigten Gegenstände: Ein Georgettenmantel, ein kleines weißes Filzhütchen, drei hauchzarte chi­nesische Teetassen, ein Gurkenhobler, drei nicht rostende Eßbestecke, ein Lampenschirm aus gehäm­mertem Pergament, ein Westchen aus Chiffon und zwei angestaubte echte Crepe-de-Chine-Hemdhoschen in lachsrosa.

Saisonverkauf Zauberwort! Oase in der schwe­ren Zeit der wirtschaftlichen Not. G. B.

Bornotizen.

Tageskalender f ü r Samstag: RSDAP., Kreisleitung Gießen, 19 Tlhr, Süd-

anlage (am Gymnasium), Platz-Konzert der 621.» Kapelle Friedberg und Spielmannszug der Stan­darte 116. Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Vor­untersuchung".

Tageskalender für Sonntag: Gießener Rudevgesellschaft, 27. Ruder-Regatta, Beginn des Rennens: 14.30 Uhr. Lichtspiel­haus, Bahnhofstraße:Voruntersuchung".

Kein Aushang -er Wahlresuliaie.

Wie bei den letzten Wahlen, so wurde auch für die morgige Reichstagswahl der Aushang der Wahlergebnisse vom Polizeiamt verboten. Die Verfügung lautet:

Die Bekanntgabe der Wahlergebnisse am Abend des 31. Juli 1932 und in der Rächt zum 1. August 1932 durch Lautsprecher, in der Art der Lichtreklame, durch Aushängen in Schau­fenstern oder in den Verlags- und Druckerei- Gebäuden der Zeitungen, ihrer Filialen und den Zeitungskiosken ist verboten, weil diese Art der Verkündung der Wahlresultate zu Ansammlungen und bei der herrschenden großen politischen Span­nung zu Störungen der öffentlichen Ordnung und Sicherheit führen kann.

Die Mitteilung durch Rundfunk gibt jedermann eine ausreichende Gelegenheit, dis Wahlergeb­nisse ungestört und ungefährdet zur Kenntnis zu nehmen."

Oa6 kleine Einfamilienhaus.

Am Kugelberg, unmittelbar an der Cisenbahn- überführung der Strecke nach Fulda, haben der Bauunternehmer Georg B e ck e r und das Zimmerer­geschäft von B. Nuhn gemeinsam ein Muster- Haus errichtet, das als Typ eines neuen Kleinwohnungsbaues anzusprechen ist. Das Haus enthält im Erdgeschoß eine geräumige Wohn­küche mit Spülnische, ferner ein Schlafzimmer mit anschließender Kammer, in der die Kinder ihre Schlafstätte finden können. Im Obergeschoß sind zwei weitere Räume enthalten die durch eine Unter­teilung auch bequem in vier Kammern umgemodelt werden können. Das Musterbaus, zu dessen Besich­tigung in unserem heutigen Anzeigenteil Besich­tigungszeiten sind in der Anzeige ersichtlich ein- geladen wird, wurde aus der Erwägung geschaffen, den mit nicht allzu großen Geldmitteln ausgestatte- ten Familien ein ansprechendes Einfamilienhaus zu bieten, das dem Mindestbedarf an Raum und Baukosten gerecht wird. Man hat dabei Bedacht darauf genommen, das Haus von -vornherein auch auf ein Wachsen der Familie einzurichten. Die ge­samte Raumausnutzung ist in wirtschaftlicher Weise geschehen, und es ist auf dem zur Verfügung stehen­den Baugrund den Notwendigkeiten des alltäglichen Familienlebens in weitgehender Weise Rechnung ge­tragen worden. Die Baukosten für das Kleinhaus belaufen sich auf 5000 Mark. Zu den Häuschen ge­hört noch ein Gelände von 500 bis 600 Quadrat­meter Größe, das von der Stadt Gießen zu billigem Erbpachtzins abgegeben wird.

Wir hatten Gelegenheit, das Musterhaus in Augenschein zu nehmen, und wir müssen sagen, daß uns durch diesen Bau die Frage des kleinen Ein- familienhauses in guter Weise gelöst erscheint. Den