menarb eiten zwischen Zentrum und Nationalsozialisten bislang nicht zustande kam. Das muh im Reich verhindert werden. Jeder kann morgen durch seine Stimmabgabe dazu beitragen, daß ein arbeitsfähiger Reichstag der Reichsregierung die Möglichkeit gibt, auf das Vertrauen einer großen Mehrheit des Volkes gestützt, mit fester Hand die großen Reformen durchzuführen, die zur Gesundung von Wirtschaft, Volk und Staat auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens unerläßlich sind, soll unser Vaterland nicht zu außenpolitischer Ohnmacht verurteilt, in Bürgerkrieg, Kulturbolschewismus und wirtschaftlichem Chaos enden.
Wahlrecht ist Wahlpflicht!
Ein Aufruf der Reichsregierunq.
' Berlin. 30. 3uli. (MTB. Funkspruch.) Auf Dorschlag der Reichsregierung hol der Herr Reichspräsident den Reichstag am 6. Juni aufgelöst, da er dem politischen Dillen des deutschen Volkes nicht mehr entsprach. Am 31. Juli wählt das deutsche Volk einen neuen Reichstag. Die Abgabe der Wahlstimmen ist das wichtig st e Recht, das die Verfassung den deutschen Männern und Frauen verleiht. Dieses Recht ist eine Pflicht. Sie gebietet, einen solchen Reichstag zu wählen, der die Ausgaben des deutschen Volkes erfüllen kann. Seit dem 1. Juni 1932 ist an die Stelle der bisherigen parteipolitisch zusammengesetzten Staats- regierung eine völlig überparteiliche Staatsregierung getreten. In der Rot dieser Zeit braucht unser Volk eine durch keine Abhängigkeit von politischen Parteien gebundene Regierung. Aber auch eine solche Regierung bedarf der vertrauensvollen Zusammenarbeit mit dem Reichstag, um den Wieder- ausbau Deutschlands auf dem Dege ordnungsmäßiger Gesetzgebung weiterführen zu können. Deutschland muh daher einen Reichstag haben, der nicht nur die W l l l e n s m e i n u n g des Volkes widerspiegelt, sondern der fähig und willens ist, im Rahmen der ihm durch die Verfassung zugewiesenen Obliegenheiten mit einer starken Regierung Hand in Hand zu arbeiten. Der Dahltag ist daher ein Schicksalstag sür das deutsche Volk. Der Herr Reichspräsident und die Reichsregierung erwarten, dah alle Deutschen ihrer Wahlpflicht Nachkommen!
Hestige Lausanne-Debatte im Wiener Nationalrat.
Mahlofe Angriffe der Christlich-sozialen auf das Reich.
' Wien, 31. Juli. (£11.) Im Nationalrat richtete der christlich-soziale Abgeordnete K u n s ch a k bei der Aussprache über das Lausanner Protokoll schwere Angriffe gegen Deutschland. Vor wenigen Tagen erst sei der Gedenktag der Ermordung des Thronfolgers im Jahre 1914 gewesen. Heute nach 18 Jahren sehe man, wenn auch in anderen Farben, wieder ein ähnliches Bild. Es sei der furor teutonicus, der gleichbedeutend sei mit Hohen- zollernschem Hausinteresse, der Arm in Arm mit Junkern.und Jndustriemagnaten den welterlösenden demokratischen Gedanken im eigenen Lande und auch Oesterreich und dessen Volk den Krieg erkläre. 1914 hätten russische Emissäre Haß und Blutdurst gesät. Heute seien reichsdeutsche Emissäre in geschäftiger Weise in Wien tätig. Es fehle nur noch der schlüssige Beweis, daß das Wort: „Der Rubel rollt" umgewandelt werden könne in die Behauptung: „Die Mark rollt". Aus diesen Tatsachen ziehe er die Folgerung, daß die Agitation gegen das Lausanner Protokoll, die sich in Oesterreich bemerkbar mache, durch ausländischen Einfluß herbeigeführt sei. Es wäre der Sache des Deutschtums dienlich, wenn die Reichsregierung diese Fanghunde zurückpfeifen und an die Leine nehmen würde.
Der Großdeutsche Abgeordnete Föppel erwiderte darauf: Die Grohdeutschen, so führte er aus, seien dem Abgeordneten Kunschak als dem Vertreter der Christlich-Sozialen Partei dafür dankbar, daß er die wahre Gesinnung dieser Partei zu erkennen gegeben habe. Er habe es für gut befunden ,die ganze nationale Auffassung in Oesterreich ohne Unterschied der nationalen Parteien und Richtungen als von deutschen Emissären gekauft hinzustellen. Die Antwort Deutschlands auf diese Gesinnung der Christlich-Sozialen Partei werde nicht ausbleiben. Mann könne mit Ruhe abwarten, welche Stellung die Vruderpartei der Christlich-Sozialen in Deutschland, das Zentrum, zu einer so würdelosen Haltung in einer so ernsten Sache einnehmen werde. Föppel warf dem Bundeskanzler sodann vor, die Versprechungen, die er vor feiner Abreise nach Lausanne gegeben habe, nicht gehalten zu haben. Er habe damals erklärt, unter keinen Umständen ein neues Genfer Protokoll zu unterzeichnen.
Föppel stellte einen M i ß t r a u e n s a n t r a g gegen die Bundesregierung. Der christlich-soziale Abgeordnete Aigner erklärte, es sei das gute Recht Oesterreichs und jener Leute, die die österreichische Politik zu machen berufen seien, sich dagegen zu verwahren, daß sich ausländische Kreise in innere österreichische Angelegenheiten mischten. Es sei ohne weiteres zuzugeben, daß die erdrückende Mehrheit des österreichischen Volkes im innersten Herzen den Zug zum deutschen Muttervolke habe. Aber zu einer derartigen Einstellung des protestantischen Rordens zum katholischen Süden, zu einer Einstellung, die von der „süddeutschen Kanaille" rede, zu einer solchen deutschen Gesinnung hätten sie keinen Anschluß zu wünschen.
Oie Verstärkung der oldenburgischen Polizeibehörde durch SS. und SA.
Staatsminister Dr. Pauly erklärte, dah es sich lediglich um eine vorbeugende Maßnahme handele. Cs bestehe begründete Annahme, daß von kommuni st ischer Seite bei der Wahl Unruhen zu erwarten seien. Dabei sei zu berücksichtigen, dah die olden- burgische Polizei zur Zeit noch nicht einmal über die etatsmähige Stärke verfüge. Die eingestellten Hilfspolizeibeamten sollten längstens bis Mitte August Dienst tun und, wenn angängig, bereits früher wieder entlassen werden. Es handele sich bei allen Reu- einstellungen — insgesamt rund 200 Mann — lim frühere SA.- Leute, die aber d i e
Der Münzfälscher Salaban zu fünf Jahren Zuchthaus vemrteilt.
Selbstmordversuch des Angeklagten während der Verhandlung.
Die dritte Ferienstrafkammer beim Landgericht III Berlin verurteilte den Münzfälscher Cornel Sala b a n wegen M ü n z f ä l s ch e r e i zu fünf Jahren Zuchthaus und zehn Jahren Ehrverlust. Degen unbefugter Führung des Doklorlilels erhielt Salaban eine Strafe von vier Dochen haft. Außerdem erkannte das Gericht auf Zulässigkeit der Stellung unter Polizeiaufsicht. Frau Salaban wurde wegen Beihilfe zum Münzverbrechen zu einem Jahr Gefängnis verurteilt.
Zwei Aerzle halten Salaban für geistig zurechnungsfähig, während zwei andere Aerzte auf dem Standpunkt stehen, daß Salaban geisteskrank sei, während ein fünfter Arzt sich weder für das eine, noch für das andere entscheiden wollte. Der Staatsanwalt hielt Salaban für geistig zurechnungsfähig und beantragte gegen ihn wegen der begangenen Münzfälschungen fünf Jahre Zuchthaus und zehn Jahre Ehrverlust und wegen der unbefugten Führung des Doktortitels sechs Wochen haft. Gegen Frau Salaban wurden vom Staatsanwalt zwei Jahre Gefängnis und fünf Jahre Ehrverlust beantragt.
Salaban hatte noch während der Beweisaufnahme einen Selbstmordversuch unternommen, indem er eine größere Anzahl von Dero- n al (ab letten zu sich nahm. Justizdiener bemerkten es noch zeitig genug, so daß ihm noch der Magen ausgepumpt werden konnte und die veronaltabletlen keine Folgen hinterliehen. Salaban erklärte, dah er sich diese Tabletten während seines Aufenthaltes in der Nervenheilanstalt Wittenau für diese Zwecke aufgespart habe.
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Salaban hatte, wie man sich erinnerte, in seiner Lichte.falber Villa in großem Umfange falsche Zweimarkstücke angefertigt, die von seiner Ehefrau Martha auf Berliner Wochenmärkten in Verkehr gebracht wurden. Die Anklage gegen Salaban lautet außerdem auch
auf Führung eines falschen Titels. Er hat sich nämlich fälschlich als „Dr. jur." ausgegeben. Als Salaban und seine Frau aus dem Untersuchungsgefängnis in den Anklageraum geführt wurden, rief Salaban sofort erregt in den Saal hinein: „W as ist das für eine Wirtschaft, der Vorsitzende hat pünktlich zu seinl". Das Verhalten des Angeklagten deutet überhaupt darauf hin, daß er in diesem Prozeß mit allen Mitteln um die Zubilligung des § 51 kämpfen wird. Frau Salaban brach bei ihrer Vernehmung in Schluchzen aus. Ihr Mann umarmte sie und versuchte, sie zu trösten, während der Vorsitzende beruhigend auf sie einsprach.
Bei der Verhandlung erhält der Angeklagte Gelegenheit, sich über seine Tätigkeit zu äußern. Die Art und Weise, wie Salaban das tut, berührt peinlich. Reben heftigen Ausfällen gegen d i e S a ch v e r st ä n d i g e n, die ihn auf seinen Geisteszustand untersucht haben, und gegen den Vertreter der Anklagebehörde macht er oft zusammenhanglose Redensarten, die der Vorsitzende mit großer Geduld passieren läßt. Immer wieder gewinnt der Unbefangene aus der Art und Weise des Vortrages den Eindruck, dah Salaban den geistig Beschränkten oder geistig Zerrütteten spielt, um den Schuh des § 51 für sich zu gewinnen.
Auf die Frage des Vorsitzenden, ob die Mitangeklagte Frau Salaban um das zur Anklage stehende Münzverbrechen gewußt habe, gibt Salaban dies unumwunden zu. Ec schildert dann, wie er dazu gekommen sei, falsche Zweimarkstücke herzustellen, indem er bombastisch erklärt: „Es muß der Teufel gewesen sein, der mich geradezu gezwungen hat, das Experiment mir Zweimarkstücken zu machen. Sie sind so ausgezeichnet gelungen, dah es nur Teufelswerk sein kann."
Nachdem die Zeugen vernommen worden sind, die den Prägestock und das Material geliefert haben, beschließt das Gericht, die Oeffentlich - feit für den Teil der Verhandlung auszu- s ch l i e h e n, in dem die technischen Einzelheiten der Falschgeldherstellung erörtert werden.
Verbindung zur Partei gelöst hätten. Es blieb, so betonte Staatsminister Dr. Pauly, schlechthin keine andere Möglichkeit, als die Vergrößerung des Polizeibeamtenkörpers du :ch ehemalige SA.-Leute durchzuführen, weil e_ anders gar nicht denkbar gewesen wäre, entsprechend der gebotenen Eile innerhalb weniger Tage die notwendige Verstärkung auf die Deine zu bringen. Die neuen Hilfspolizeibeamten sind in den Polizeikasernen untergebracht. Reueinstellungen sollen nicht mehr erfolgen.
Lieber die Regierungsbildung in Hessen
Frankfurt a. M., 29. Juli. (WSR.) Staats- Minister Baum, der Vorsitzende des Thüringer Landbundes, teilte in einer Versammlung in Golha mit. der hessische Zentrumsmini st er habe ihm in München, wo er sich anläßlich der Län- derkonferen; befunden habe, ausdrücklich erklärt, daß in Hessen d i e Vereinbarungen Zwischen Zentrum und R a 11 o n a l f o j i sali ft e n bereits abgeschlossen seien, um sofort nach der Reichstagswahl eine Regierung von Zentrum und Rationalsozialisten in Hessen zu bilden. Wie Minister Baum mitteille, wurde ihm diese Versicherung des hessischen Zen- trumsministers in einer privaten Unterredung gegeben.
Kleine politische Nachrichten.
Reichskanzler o. Popen spricht- heute Samstag, 30. Juli, von 19.30 bis 20 Uhr, für alle deutschen Sender.
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Es ist damit zu rechnen, dah der Reichskanzler und die Mehrzahl der Kabinettsmitglieder in der kommenden Woche einen kurzenLIrlaub antreten werden, um sich während der Zeit bis zum Zusammentritt des neuen Reichstages nach der angestrengten Arbeit der letzten Wochen eine kurze Erholung zu gönnen.
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Das nationalsozialistische „Trierer National b l a t t" hatte einen Artikel veröffentlicht, in dem u. a. dem Prälaten Koos der Vorwurf des Landesverrats und des Separatismus S worden war. Das Landgericht hat gegen die ttlichung der Behauptung eine einstweilige Verfügung erlassen.
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Das Standgericht Budapest verurteilte zwei kommunistische Führer Sallai-Hollonder und Fürst zum Tode durch den Strang. Den Verurteilten wurde zur Last gelegt, den gewaltsamen Umsturz der staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung versucht zu haben. Das Urteil wurde bereits vollstreckt.
Aus aller Welt.
Schweres Eisenbahnunglück bei Oirschau.
D a n 3 i g, 29. Juli. (WTB.) Heute um 11 Uhr ereignete sich bei Dirschau zwischen den Stationen Markau und Subtau ein schweresEisenbahn- unglück. Von dem aus Posen kommenden Schnellzug Krakau—Gdingen, der mit Teilnehmern an dem „Fest des Meeres" besetzt war, das am Sonntag in Gdingen stattfindet, ^rissen sich die letzten 5 Wagen los und sprangen aus den Schienen. Der Zug hatte an der Unfallstelle eine Geschwindigkeit von etwa 80 Kilometer. Die ersten beiden der entgleisten Waggons wurden schwer beschädigt. Von den Passagieren wurden im ganzen 50 verletzt, darunter fünf schwer; 37 Leichtverletzte konnten nach Anlegung von Notverbänden die Reise fort- setzen. Von Dirschau wurde sofort ein Rettungszug an die Unglücksstelle entsandt, der die Verletzten nach Dirschau transportierte. Da die Strecke zweigleisig ist, konnte der Verkehr aufrecht erhalten wenden.
Das Unglück soll durch den ersten der entgleisten Waggons hervorgerufen worden sein, dessen Fahrgestell reparaturbedürftig war. Dieser Fehler soll auch bereits auf einer Station vorher bemerkt worden fein. Nach einer anderen Version
waren die Eisenbahnschwellen auf der Strecke sehr morsch. Die Aufräumungsarbeiter^ an der Unfallstelle sind im Gange. Der Materialschaden ist sehr groß. Von Danzig aus hat sich der Vizeprä- dent der Danziger Eisenbahndirektion zur Untersuchung des Unglücks nach Dirschau begeben.
Urteil im Tcvaheim-Prozctz.
Im Devaheimprozeh wurde nach einer Verhandlung von rund zweieinhalb Monaten das Urteil gefällt. Es wurden verurteilt: Pfarrer Cremer zu zwei Jahren Gefängnis und 10 000 Mk. Geldstrafe, Ieppel zu einem Jahr sechs Monaten Gefängnis und 20 000 Mk. Geldstrafe, Claussen zu einem Jahr sechs Monaten Gefängnis und 5000 Mk. Geldstrafe, Ernst Wilhelm Cremer zu vier Monaten Gefängnis.
Gronau In Ottawa gelandet.
Nach einer Meldung der „Associated Press“ ist der deutsche Flieger o. Gronau in Ottawa ge• landet.
90 000 Mark Vereinsgelder unterschlagen.
Vor kurzem wurde aus Dresden berichtet, daß der Kaufmann Emil A n s o u l nach Aufdeckung von Unterschlagungen ins Ausland geflüchtet sei. Jetzt hat sich herausgestellt, daß Ansoul, der 45 Jahre alt und kaufmännischer Vertreter ist, außer seiner Firma auch den Deutschen und Oester- reichischen Alpenverein schwer geschädigt hat. Ansoul war lange Jahre Verwalter der Dresdener Ortsgruppe des Alpenoereins und hat seit etwa acht Jahren ungefähr 90 0 0 0 Mark veruntreut. Er „arbeitete" mit gefälschten Sparkassenbüchern und Falschbuchungen, die es ihm ermöglichten, trotz allen unvorhergesehenen Prüfungen sein schädliches Tun zu verschleiern, lieber den Aufenthaltsort Ansouls ist bisher noch nichts ermittelt.
(Borguloff legt Berufung ein.
Gorguloff, der Mörder des französischen Präsidenten Doumer, scheint seine Absicht in letzter Stunde doch noch geändert zu Haden. Entgegen seiner ursprünglichen Absicht wird er nunmehr doch B e - rusung einlegen, um dadurch seine Hinrichtung hinauszuschieben. Der Verteidiger des Präsidentenmörders erklärte den Pressevertretern, daß sein Klient den einzigen Wunsch habe, nicht zu sterben, bevor sein Kind geboren sei. Da dies in etwa zwei Monaten der Fall sein wird, werde er alles versuchen, die Hinrichtung bis dahin hinauszuzögern. Der Verteidiger Gorguloffs, wird trotz der wahrscheinlichen Aussichtslosigkeit versuchen, eine nochmalige Untersuchung des Mörders auf seinen Geisteszustand durchzusetzen.
Beim Beerenfammeln erfchosfen.
Rach einer Meldung aus Parchim (Meckl.) ereignete sich dieser Tage in dem Forst des Gutes Severin ein entsetzlicher Vorfall. Die beiden, sechs- und zwölfjährigen, Söhne des Deputatbeziehers Schön aus Frauenberg sammelten im Walde Beeren. Plötzlich krachte ein Schuh, und beide Kinder sanken, aus nächster Rähe getroffen, zu Boden. Der sechsjährige Knabe hatte einen Kopfschuß erhalten. Er war sofort t o t. Durch das gleiche Geschoß wurde sein Bruder schwer verletzt. Er muhte mit einem Drustschuh dem Krankenhaus zugeführt werden. Als Schütze kommt der Iagdpächter Günther aus Hamburg in Frage. Die Mordkommission aus Schwerin hat die Ermittlungen ausgenommen. Wie es zu dem Vorfall gekommen ist, ist noch völlig ungeklärt. Es ist möglich, dah eine fehlerhafte Handhabung des Gewehrs vorlag.
Autobusunglück in Frankreich. — Zwei Tote.
Wie ein Funkspruch aus Lyon meldet, fuhr ein mit Ausflüglern besetzter Autobus, der das be* kannte Kloster Grande Chartreuse besucht hatte, bet der Rückkehr infolge falscher Steuerung gegen einen Baum. Zwei Insassen wurden getötet, fünf wurden schwer verletzt.
wieder zwei deutsche Alpinisten abgestürzl.
Bei dem Versuch ohne Führer den Mont Blanc zu besteigen, sind zwei deutsche Alpinisten, deren Persönlichkeiten noch nicht fest- stehen, 30 Meter tief abgestürzt und schwer verletzt worden. Sie waren von zwei Oesterreichern begleitet, von denen einer bei den Verletzten blieb, während der andere Hilfe herbeiholte.
Aus der provinzialhaupifladt.
Gießen, den 30. Juli 1932.
Saisonverkauf
Leugnen wir es nicht. Für uns alle, ganz gleich, welcher Gesellschaftsklasse wir angehören, welcher Altersstufe, ob verheiratet oder nicht, ob Jungmädchen ober Großmutter: das Wort Saisonverkauf hat etwas Belebendes. Wie kommt es? Die neunmal Weisen und Klugen, die Ueberheblichen und Anmaßenden sagen, daß man da auch nichts geschenkt bekomme, daß man nur Ladenhüter vorgesetzt erhalte, verschnittene Schuhe, verblichene Stoffe, unmodische Regenmäntel, Hüte mit zu hohen Köpfen, Handschuhe mit allzu dicken Raupen, Strümpfe mit Webfehlern und schiefen Zwickeln. Das ist nicht wahr. Und die das behaupten sind untüchtige Frauen, die eben nicht zu kaufen verstehen, die keinen Blick für die Dinge haben.
Wer sich mit Geist und Gemüt, mit Leib und Seele in einen solchen Sonderverkauf hineinversetzen kann, wer dann vor aufgehäuften Tischen mit bunten Seidenstoffen, geblümten Batisten, hauchzarten Chiffons steht, wer darin wühlen kann, wer die weichen Gewebe zwischen den Fingern prüfend zerreiben darf, der kann ermessen, welches Hochgefühl von Befriedigung ein solcher Saison-Höhepunkt gibt.
Und habt ihr, die ihr meint, turmhoch darüber zu stehen, schon einmal Frauen beobachtet, die im Galanterie- und Schmuckwarenlager wühlen. Man sieht da verträumte oder strahlende Gesichter, wenn die Schmuckketten und Armreifen durch die Finger gleiten. Farbige Perlen, zum Verwechseln mit den echten ober halbechten Edelsteinen, in allen Schattierungen. Eine Kette für Pfennige schafft die gleiche Freude wie eine solche für ebensoviel Mark. Wir denken sie uns um den Hals geschlungen: dies zarte Blaugrün zum blonden Haar. Sind es nicht echte Türkisen? Steigt ihr Wert nicht ins Unermeßliche, wenn wir an den von der Sonne gebräunten Hals, an das goldbraune Chiffonkleid, für die die Kette wie geschaffen ist, denken?
Die Vorfreude ist aber auch nicht zu unterschätzen. Wie schön ist es, die Anzeigen in den Zeitungen zu lesen, bevor man sich auf den Weg zum Einkauf begibt. Man bekommt ordentlich Herzklopfen dabei. Was wird män sich in diesem Jahre wohl alles kaufen können. Oh, daß ich tausend Mark hätte! Das tönerne Schweinchen birgt sicherlich viele, viele Marks in sich. 9 Mark 94 lese ich zwischen seinen Scherben heraus. Aber da ist noch die kleine Kassette mit Geld, das ich für Zeitungspapier und Flaschen erhielt. Noch einmal 5 Mark 23 Pfg. Ich rechne und rechne und leise jubelnd addiere ich im voraus diq angekündigten Gegenstände: Ein Georgettenmantel, ein kleines weißes Filzhütchen, drei hauchzarte chinesische Teetassen, ein Gurkenhobler, drei nicht rostende Eßbestecke, ein Lampenschirm aus gehämmertem Pergament, ein Westchen aus Chiffon und zwei angestaubte echte Crepe-de-Chine-Hemdhoschen in lachsrosa.
Saisonverkauf — Zauberwort! Oase in der schweren Zeit der wirtschaftlichen Not. G. B.
Bornotizen.
— Tageskalender f ü r Samstag: RSDAP., Kreisleitung Gießen, 19 Tlhr, Süd-
anlage (am Gymnasium), Platz-Konzert der 621.» Kapelle Friedberg und Spielmannszug der Standarte 116. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Voruntersuchung".
— Tageskalender für Sonntag: Gießener Rudevgesellschaft, 27. Ruder-Regatta, Beginn des Rennens: 14.30 Uhr. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Voruntersuchung".
Kein Aushang -er Wahlresuliaie.
Wie bei den letzten Wahlen, so wurde auch für die morgige Reichstagswahl der Aushang der Wahlergebnisse vom Polizeiamt verboten. Die Verfügung lautet:
„Die Bekanntgabe der Wahlergebnisse am Abend des 31. Juli 1932 und in der Rächt zum 1. August 1932 durch Lautsprecher, in der Art der Lichtreklame, durch Aushängen in Schaufenstern oder in den Verlags- und Druckerei- Gebäuden der Zeitungen, ihrer Filialen und den Zeitungskiosken ist verboten, weil diese Art der Verkündung der Wahlresultate zu Ansammlungen und bei der herrschenden großen politischen Spannung zu Störungen der öffentlichen Ordnung und Sicherheit führen kann.
Die Mitteilung durch Rundfunk gibt jedermann eine ausreichende Gelegenheit, dis Wahlergebnisse ungestört und ungefährdet zur Kenntnis zu nehmen."
Oa6 kleine Einfamilienhaus.
Am Kugelberg, unmittelbar an der Cisenbahn- überführung der Strecke nach Fulda, haben der Bauunternehmer Georg B e ck e r und das Zimmerergeschäft von B. Nuhn gemeinsam ein Muster- Haus errichtet, das als Typ eines neuen Kleinwohnungsbaues anzusprechen ist. Das Haus enthält im Erdgeschoß eine geräumige Wohnküche mit Spülnische, ferner ein Schlafzimmer mit anschließender Kammer, in der die Kinder ihre Schlafstätte finden können. Im Obergeschoß sind zwei weitere Räume enthalten die durch eine Unterteilung auch bequem in vier Kammern umgemodelt werden können. Das Musterbaus, zu dessen Besichtigung in unserem heutigen Anzeigenteil — Besichtigungszeiten sind in der Anzeige ersichtlich — ein- geladen wird, wurde aus der Erwägung geschaffen, den mit nicht allzu großen Geldmitteln ausgestatte- ten Familien ein ansprechendes Einfamilienhaus zu bieten, das dem Mindestbedarf an Raum und Baukosten gerecht wird. Man hat dabei Bedacht darauf genommen, das Haus von -vornherein auch auf ein Wachsen der Familie einzurichten. Die gesamte Raumausnutzung ist in wirtschaftlicher Weise geschehen, und es ist auf dem zur Verfügung stehenden Baugrund den Notwendigkeiten des alltäglichen Familienlebens in weitgehender Weise Rechnung getragen worden. Die Baukosten für das Kleinhaus belaufen sich auf 5000 Mark. Zu den Häuschen gehört noch ein Gelände von 500 bis 600 Quadratmeter Größe, das von der Stadt Gießen zu billigem Erbpachtzins abgegeben wird.
Wir hatten Gelegenheit, das Musterhaus in Augenschein zu nehmen, und wir müssen sagen, daß uns durch diesen Bau die Frage des kleinen Ein- familienhauses in guter Weise gelöst erscheint. Den


