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Vornan von I. Schnei-er-Foerfil.
Urheber-Rechtsschutz: Verlag O. Meister, Werdau.
15. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Sie hätte die Tochter zu gerne gefragt, ob sie nichts für den Mann empfand, der ihr in der kurzen Zeit seines Hierseins wie ein Sohn ans Herz.gewachsen war. QTbcr sie wagte es nicht. Lenores Wunde war noch nicht fest verheilt.
So unterlieft sie cs und stimmte zu, daft die Tochter ein Telegramm an Margret schickte, in welchem sie sich bereit erklärte, die Stelle sofort anzutreten.
„Soll ich nicht besser telephonieren?" fragte Lenore und stand schon an dem Apparat, uin aus ein Nicken der Mutter die Kurbel zu drehen.
„Ich komme morgen mit dem Abcndzug", hörte sie die Tochter sprechen und mußte fluchtartig das Zimmer verlassen, weil sich die Tränen nicht mehr zurückdämmen ließen.
Und dann kam nach sechsunddreißig Stunden für Lenore die Zeit der Abfahrt. Suse brachte die Schwester selbst zur Dahn. In München wollte Margret sie in Empfang nehmen. „Wenn du Dieter sehen solltest", flüsterte Suse und küßte die Schwester nochmals auf Mund und Wangen, „sage ihm —"
„Suse, vergiß nicht, was du mir versprochen hast!" bat die Aeltere.
Eine derbe Hand riß die blonde Recklinhauscrin vom Trittbrett, daft sie rückwärts gegen eine Schulter taumelte. Dis sie richtig wieder auf den Füßen stand, hatten die Wagen schon einen Meter zurückgelegt. Sie lief neben ihnen her und ließ das Taschentuch im Winde flattern. „Lenore, vergiß nicht! — Auf Wiedersehen. Lenore!"
Als die Maschine um die Kurve bog, weinte Suse verzweifelt auf. Sie fuhr mit der Zunge über die salzig gewordenen Lippen und ging schleppenden Schrittes nach dem Wagen zurück, den sie draußen stehen hatte. Lauft, was ihr wollt, dachte sic, als die Gäule ausgriffen, als wären ihnen ein Dutzend Wölfe auf den Fersen. Frau von Recklinhausen entsetzte sich, als sie eine halbe Stunde später mit fliegendem Haar und dampfenden Rossen durch das Hoftor gesprengt kam.
„Kind, wie kannst du mich so in Sorge versetzen? Du weißt, wie ich mich immer ängstige, tocrai du unvorsichtig fährst!"
Suse warf einem Knechte die Zügel in die Hand und schritt neben der Mutter dem Herrenhause zu. Mit ein paar Sprüngen na hin sie die Treppe, um sich umzukleiden. Als sie eine halbe Stunde später zum Abendtisch erschien, preßte sie
plötzlich die Serviette vor den Mund und weinte haltlos auf. „Das ist ja gräßlich. Mama! Das .halte ich einfach nicht aus st'
„Was. mein Kind?"
„Dieses fürchterliche Stillesein! Diese Sterbens» ruhe im ganzen Haus. Mir ist. als hätten wir jemand begraben!"
„Jeder, den wir lieben, hinterläßt eine Lücke, wenn er von uns geht, mein Kind", mahnte Frau von Rccklinhausen und gedachte Malnows, der. wenn er wiederkam. den Tod seiner Mutter zu verwinden hatte. Sic wollte ihm alles Liebe tun, das sich ihn, ohne Aussehen erweisen ließ. „Was würdest du sagen", wandte sie sich an die Tochter, „wenn ich unseren Verwalter einladen würde, für die Zukunft das Abendbrot mit uns zu nehmen? Mittags läßt sich das nicht gut machen. Dielleicht au den Sonntagen. Natürlich nur. wenn es dir nicht unangenehm ist. mein Kind."
Suses Augen irrten von ihr ab. „Wenn du meinst, Mama. Zu schämen braucht man sich ja nicht mit ihin. Seine Kinderstube muß tadellos gewesen sein!"
„Ohne Zweifel, mein Liebling, Aebrigens weißt du ja, wie wenig ich auf das bloß Aeußerliche gebe. Das Edle, das ein Mensch zu zeigen hat, kommt immer von innen."
„Ich bin neugierig, was er für Augen macht", fragte sich Suse, als sie im Dette lag und den Kopf zum wiederholten Male auf eine andere Stelle des Kissens legte. Aeberall war es ihr zu heiß. Aus der Ecke leuchtete Lenores Dett mit der schweren Seidendecke und flößte ihr beinahe Furcht ein.
Dann war sie mit einem Male hinübergeträumt und hatte ein seliges Lachen um den Mund. Dieter saß neben ihr am Tisch und sie legte ihm die besten Stücke vor. „Iß doch, Liebster. Habe ich nicht gut gekocht? — Schmeckt es nicht fein?" Er küßte sie und die Mutter sah es und lächelte dabei. „Wie ich mich mit euch freue, Kinder!"
Sie fuhr hoch, als die Sonne ihr Die ersten Goldpfeile ins Gesicht warf. Heute war ja Samstag, heute mußte er ja kommen! Vielleicht holt sie ihn am Abend selbst ob. Es würde schon irgendwie glücken, daß sich dafür eine Möglichkeit ergab.
Und dann saß sie plötzlich mit halbgeöffnetem Munde und drückte gleich darauf die Finger dagegen. Von unten kam eine Stimme, die ihr schöner als das Geläut der Osterglocken dünkte. Mit einem Schwung stellte sie die Füße auf den Doden und lief zum Fenster, um durch dos Ge- rernte zu spähen.
Da stand Molnow kaum zwei Meter vom Hause entfernt und sprach mit einem der Knechte. Am rechten Acrmel des grauen Anzuges trug er einen Streifen schwarzen Flores.
„Dieter!" Mein Gott, er mußte es doch hören,
auch wenn sie nur flüsterte. „Dieter!" (8r mußte doch fühlen, wie ihre Seele nach ihm rief. — Der Knecht schritt nach dem Hofe zurück und dann---sie fühlte das Kreisen ihres Dlutes
bis an die Stirne. Sein Kopf hob sich: das schöne, nur etwas blasse Gesicht, neigte sich nach hinten. So sah er noch ihrem Fenster hinauf.
Sie lief nach ihrem Toilettentisch und holte die tiefrote Rosenknofpe, die als letzte des Gartens geblüht hatte. Mitten auf die Drust traf sie ihn. Er hielt sie mit raschen Fingern und drückte die Lippen auf die halbgeschlossenen Dlätter. Seine Arme hoben sich, als wolle er an einem der Rosenstämme etwas richten, aber sie wußte die Dewegung zu deuten. Er streckte sie in übergroßer Sehnsucht nach ihr aus.
„Dieter!" jauchzte sie. „Dieter!"
Er legte den Finger an den Mund und wandte sich dem Hofe zu. Demnach mußte irgendwo ein Lauscher sein, der ihrer Liebe gefährlich wurde. Etwas verärgert über den unsichtbaren Störenfried, sah sie ihm nach und gewahrte gleich darauf den alten Dettermann, wie er auf Malnow zuschritt, um diesen etwas zu fragen.
Zu dumm, daß er ihnen zwischen die ersten Minuten der Wiedersehensfreude geplatzt war. Aber dann war der Zorn auch schon verwunden. Die Hauptsache blieb: Dieter war wieder da! Sie konnte ihn wieder haben und seine Küsse trinken, so oft sie wollte.
Mit raschen Füßen schlüpfte sie wieder in ihr Dett zurück und drückte das heiße Gesicht in das kühle Linnen der Kissen. Mit offenen Augen träumte sie in den erwachenden Morgen, und Frau von Recklinhausen konnte sich eines Erstaunens nicht erwehren, als ihre Jüngste gegen alle Gewohnheit schon um sieben AHjr am Frühstückstisch erschien.
„Ladest du heute Malnow ein, mit uns Abendbrot zu essen?" fragte Suse und neigte den blonden Kopf etwas tiefer über die goldgerandete Tasse. Auf das „Ja" der Mutter hatte sie nur ein abwesendes Lächeln um den Mund.
Das Leben war doch wundervoll schön. Es gab kaum ein zweites Wesen auf Erden, das so voll des Glückes war, wie sie, die jüngste Recklin- hauserin.
Tage und Wochen flogen dahin! Monate glitten vorüber. Jeder nächste Morgen war die Fortsetzung der Seligkeit, die der vorhergegangene Tag nicht mehr zur Gänze hatte bescheren können. Suses Augen glichen blendenden Sonnen. Mal- nows Gang war ein Schwingen, ein förmliches Losgelöstsein von aller Erdenschwere. Wenn die beiden sich gewollt oder ungewollt begegneten, pulste ihr Dlut in brennenden Wellen zueinander. — Nur Frau von Recklinhausen wußte und ahnte noch immer nicht, wie es um ihre Tochter stand.
Sic hatte soviel zu sorgen jetzt Hans Jürgen Gradnitz überschüttete sie mit bittenden Driesen. Deinahe jede Post brachte ein paar Zeilen von ihm. „Wann wirst du endlich zu deinen Töchtern von unserer Liebe sprechen?"
„Von unserer Liebe!" Dann brannten ihre Wangen, sie schämte sich vor ihren großen Kindern. Fühlte, daß sie es wahrscheinlich nie zuwege bringen würde, vor diese hinzutreten und zn sagen: Ich bin erst vierundvierzig und sehne mich noch einmal nach einem Glück an der Seite eines zweiten Mannes.
Suses Dlick hing zuweilen mit solch auffallendem Forschen an ihr, daß sie über und über errötete. Wußte die Tochter um das Geheimnis ihres Herzens? Manchmal löste ihre Jüngste sich so hastig aus ihren Armen, daß sie das Dlut bis an die Schläfen rauschen hörte. Vorsichtiger denn je versperrte sie Gradnitz' Driefe und trug den Schlüssel zu ihrem Schreibtisch immer bei sich.
And immer wieder und wieder trafen Zeilen von ihm ein, fein Ditten wurde dringlicher. „Warum zögerst Du noch immer, geliebte Frau? --Deine Töchter haben Dich doch lieb und sind in einem Alter, wo sie auch begreifen, daß man---"
„Mama! — Denk nur, Mama!" Suse kam in das Zimmer gewirbelt und schwenkte einen weißen Dogen in der Linken. „Was meillst-du denn, wer mich eingeladen hat? Wer meinst du denn?---
Auf ein paar Wochen gleich! And dich auch, Mama! — — So rat doch, Mutti! Es gibt doch nicht viel Leute, die einen gleich ein paar Wochen bei sich haben wollen."
„Ich weiß wirklich nicht, Kind!"
„Aber ich, Mama! Also Gradnitz! — Dein Freund, mit dem wir damals die Gewitterpartie aus den Cglofstein gemacht haben!"
„Mein Freund?" entfuhr es Frau von Recklinhausen entsetzt. Das Wort hatte sie förmlich niedergefchmettert.
„Nun ja, ein Detter ist es doch nicht! Wenn es dir lieber ist, dein Dekannter. Wir nehmen natürlich mit Handkuß an, nicht wahr, Mama!"
Frau von Recklinhausen griff mit unsicheren Fingern nach dem Dogen, auf welchem Gradnitz das „verehrte Fräulein Suse" einlud, nach Groß- Steinach zu kommen. Selbstverständlich hoffe er auch die hochgeschätzte Frau Mama bei dieser Gelegenheit begrüßen zu dürfen. Die letzten Zeilen tanzten unruhig vor Frau von Recklinhausens Dlick: „Lassen Sie mich nicht umsonst gebeten haben, liebes Kind, und bereiten Sie diese große Freude Ihrem
ergebensten Hrvis Jürgen Gradnitz."
„Also, die große Freude bereiten wir ihm, nicht wahr, Mama!" lachte Suse.
„Ich weiß nicht, Kind!"
(Fortsetzung folgt.)
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