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Nr. 75 Zweiter Blatt

Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen) Donnerstag, 5'. März 1952

Schließung der Hess. Heilstätte für Nervenkranke, Gießen.

Don Medizinalrat

Mit dem heutigen Tage wird durch Ministerial- erlaß die Schließung eines (Siebener In­stitute» verfügt, daS nach 12jöhrigern bestehen als Volksheilstätte für Nervöse feine dem Dolkswohl dienende Tätigkeit beendet. In der sozialen Auf­bauarbeit der Nachkriegsjahre alS LtaatSnotwen- digteit erkannt, von der Regierung gefördert, den jeweiligen medizinischen Erkenntnissen entsprechend aue-gebaut und nach klinischen Gesichtspunkten ge­leitet. den schwierigen Verhältnissen der Insla- tionsiahre gewachsen. fällt nunmehr die Hess. Heilstätte für Nervöse in Die- ß e n der heutigen wirtschaftlichen Not zum Opfer. Mit der Reichsnotverordnung vom De­zember vorigen Jahres, die zwecks Minderung einer auch in der Invalidenversicherung entstan­denen erheblichen Anterbilanz den Landesver- sicherungsanstalten Heilstät^enkuren we- genNervositätuntersagt. ist die Heil­stätte für den Staat finanziell nicht mehr tragbar gewesen. Sie. die bisher von den Landesversicherungsanstalten Helsen, Hessen- Nassau und Westfalen, sowie den freien Hanfe- städten für Auren in ausgedehntem Maße in An­spruch genommen worden ist und die keinerlei Staatszuschusfes bedurft hat, muß bei einer verhältnismäßig schwachen Belegung mit nur Angehörigen von Krankenkaffen und von we­nigen Fürsorgebehörden, die ebenfalls durch Not- Verordnung und die allgemeine Wirtschaftslage zu Einfparungen aller Art gezwungen sind, in Zgkunft zu einem Zuschußbetrieb wer­den. Dies hat die Negierung nicht verantworten können.

Soweit als möglich hat man selbstredend Härten au vermeiden gesucht, die jede Schließung eines Betriebes heutzutage für Angestellte und Be­dienstete infolge Brotloswerdens und Verurtei­lung zu langdauernder Arbeitslosigkeit mit sich bringt. Pflegepersonal und Aerzte sind in den Dienst der Heil- und Pflegcanstalt Dießen über­getreten, nut Angestellten sind Amt und Beruf genommen worden.

Die Hessische Heilstätte für Nervenkranke Die­ßen, wie ihre amtliche Bezeichnung gelautet hat, war ebenso wie ihr erster leitender Arzt aus der benachbarten Heil- und Pslegeanstalt hervor­gegangen. Sie hat gleichsam die Fortsetzung des wahrend der Kriegsjahre in der Heil- und Pflege­anstalt untergebrachten Lazarettes für nerven­kranke Kriegsteilnehmer gebildet. Am 1. April 1920 war der An st al ts- und Oberarzt an diesem Lazarett, Medizinalrat Dr. Wagner, zum lei­tenden Arzt der Heilstätte ernannt worden. Mit dieser. Ernennung war die Selbständigkeit des neuen Institutes nach außen hin bekundet gewesen, der Volksstaat Hessen und die Stadt Dießen hatten ihre Krankenanstalten um eine vermehrt gehabt. Leit dem 1. Juli 1926 war die Heilstätte dem Dersasser dieser Zeilen unterstellt.

Dieser Rückblick läßt gegenüber der Tatsache der jetzigen Schließung der Heilstätte manchen vielleicht die Notwendigkeit der Gründung eiiwr inlrtU'ii für Qtcrböfe in ben

Nachkriegsjahren als nicht im eigentlichen Staats­interesse liegend verneinen. Für ihn ist womög­lich die nunmehr der Vergangenheit angehörende Hessische Heilstätte für Nervenkranke-Gießen auch nur eine der verschiedenen Auswuchserscheinun­gen staatspolitischer Aufgaben der Nachkriegs­zeit gewesen, denen wir heute den Zusammen­bruch unserer Wirtschaft zu verdanken haben. Dem sei jedoch erwidert, daß gerade das Wesen der Nervenschwäche schlechtwegNervosität" ge­nannt, die in ihren verschiedensten Erkrankungs- sormen das Hauptkontingent aller in der Heil­stätte zur Behandlung gekommenen Kranken ge­bildet hat - und die grundlegende Aenderung der gesellschaftlichen Struktur unseres Volkes, wie sie der .Krieg, ganz unabhängig von feinem Aus­gang, im Gefolge gehabt hat. auch eine Für­sorge für Nervöse im öffentlichen Interesse ge­boten erscheinen lassen. Sowohl in unserem Volke,

Or. Bausch, Gießen.

als auch in den eicgctftaaien wird allgemein eine Zunahme der Nervosität feftgeftcllt. Das starke Anschwellen der Zahl von Nervös- Erkranktcn droht zur Dolksgesahr zu wer­den. Nicht nur bedingt heute bei dem allgemeinen wirtschaftlichen Niedergang die Unterbrechung der Arbeitsfähigkeit für den einzelnen eine Ver­stärkung der sozialen Not ob der Gefahr der Arbeitslosigkeit, nicht nur führt in vielen Fällen bei moralisch wenig gefestigten Persönlichkeiten die Nervenschwäche Kriminalität und Selbst­mord. auch der Allgemeinheit gehen in An­betracht der weitumfassenden Sozialversicherung, deren Vorteile sich nur die allerwenigsten in unserem Volke nicht erfreuen, bei einer lang­dauernden Arbeitsunfähigkeit ungezählte Werte verloren. Bei den zahlreichen Sozialversicherungs­trägern und den verschiedenartigen Ausgaben der einzelnen Dersicherungszweige wird es sich immer wieder als zweckmäßig und für das öffentliche Wohl am vorteilhaftesten erweifen. wenn auch in der Bekämpfung der Nervosität bei Heilver­fahren, Kuren ulw. der Staat seine Einrich­tungen den einzelnen Dcrsicherungsträgern zur Verfügung stellen kann. Auch gibt es nirgends so viele Auseinandersetzungen und Schiedsver­fahren zwischen Versicherten und Versicherung, wie gerade bei nervös erkrankten Versicherten Hier vermag aber der Staat am ehesten als neutrale Stelle einen Ausgleich zu schassen und bei Beurteilung der Arbeitsfähigkeit. Kurnot- wendigkeit und der Dauer eines Heilverfahrens das Wohl der Erkrankten mit den Belangen der Allgemeinheit in Einklang zu bringen.

Wenn es auch richtig ist. und man noch diesen Einwand machen könnte, daß dem Beispiel des hessischen Staates, eine Volksheilstätte fürNervösezu unterhalten, nur ganz wenige Bundesstaaten in Deutschland gefolgt sind, so ist damit noch nicht erwiesen, daß anderwärts die eben kurz angedeuteten Notwendigkeiten nicht als solche erkannt worden find. Für unsere ©telhing- nahme spricht wohl die deutlichste Sprache die hier nur in wenigen Zahlen ausgedrückte Arbeit derHess. HeilstättefürNervenkranke in den zwölf Jahren ihres Bestehens. Bei ihrer Gründung war die Tettenzahl 30, den in den letzten Jahren, besonders in den Sommermona­ten. an sie gestellten Ansprüchen hat sie bei einer Bettenzahl von 85 entsprechen können. Die Zahl der Verpflegungstage in den einzelnen Jahren sind folgende gewesen'

Das Wesen der Pflanzen und Tiere, biologische Gedanken von gewaltiger Tragweite, die Ver­wandtschaft alles lebendigen im Sinne der Ab­stammungslehre. - das alles wird in bewun­derungswürdiger Weise von dem Größten aller Sterblichen beleuchtet. Folgte er hier freudig feinem Gcnir-S. so zwang Ihn horribile dictu seine amtliche Stellung auch zu volks­wirtschaftlichen Studien. Und da konnte ihm auch die Landwirtschaft nicht fremd bleiben, die auf diesen beiden Unterlagen ruht. Er, der Olhmpier. ist ihr wirklich nähergetreten, hat sogar Schriften über den Hopfen undüber den Weinbau" ge­schrieben! Unfaßbar, unglaublich, daß er auch hierfür die Zeit fand. Und wir segnen diese Stunden, denn nur durch sie ist es Goethe möglich gewesen, das Gewebe der Bodenkultur in feiner Höhe und feinen Schwierigkeiten zu ahnen.

Wir Landwirte lächeln verständnisvoll, wenn Goethe betont und dazu in jenen schlichteren Zeiten - . daß er es sich zwar nie einsallen lassen dürfe, sein Gut Ober-Noßla zu administrieren, aber wenn er nur deutlich wissen wolle, was er denn nun eigentlich besitze, so müsse er sich in das geheimnisvolle Gebiet der Landwirtschaft wagen. Ach. alles wie heut'! Ja, heute ist es mehr als

1920 =

8 445

1926 =

21 349

1921 =

11 727

1927 -

24 379

1922 =

15 489

1928 -

23 462

1923 =

10 374

1929 -

23 887

1924 =

16 96..

1930 -

25 814

1925 -

22 355

1931 -

17 198

Das Ergebnis der E n 11 a s s u n

gen stellen

olgende Zahlen dar

1.

Manner.

Arbcits

Ungc

Arbeits­

Jahr

Zahl

fähig

heilt

fähig

1920

135

106

29

78,5

1921

46

24

22

52,2

1922

139

114

25

82,01

1923

88

65

23

73,9

1924

156

121

35

77,6

1925

304

231

73

74,3

1926

334

243

91

72,8

1927

320

251

69

78,5

1928

386

310

76

80,3

1929

447

360

87

80,5

1930

391

359

32

92

1931

330

289

41

87,5

II.

Frauen.

Arbcits

Unge

Arbeits­

Jahr

3ibi

fähig

heilt

fähig " 0

1920

85

65

20

76,4

1921

91

71

20

78,03

1922

106

81

25

76,4

1923

83

70

13

84,2

1924

83

66

17

79,5

1925

171

130

41

76,0

1926

151

136

15

92,1

1927

167

146

21

87,4

1928

193

174

19

90,1

1929

174

143

31

82,2

1930

203

179

24

88,2

1931

181

153

28

84,5

Diese Zahlen berechtigen

uns zu

der optimisti-

schon Auffassung, daß die Schließung der Heil­stätte nur eine vorübergehendeRotmaß-

nähme darstellt.

Denn mit der Besserung der

Wirtschaftslage' wird sich auch der

Staat wie-

der auf feine Ausgabe, eine Fürsorge für

Nervöse

zu betreiben, besinnen

müssen. Die

Nervosit

ä t als

unangenehme Beigabe unserer

Kultur wird mit

deren

raschem

Fortschrciton

nicht aus st erben. Die soziale Amschichtung

der Bevölkerung in den Nachkriec

sjahren wird

Belegung er-

sobald noch

nicht eine rückläufige

fahren, so daß die

oben gezeichneten Gründe zu

einem staatlichen Eingreifen in den

Kampf gegen

die Nervosität unseres

Erachtens fortoestehon. Wir können nur wünschen

und hoffen,

daß sie zum Wohle des Dolksganzen

zu gegebener Zeit richtig gedeutet werden.

jemals unmöglich, ein größeres Gut zu ver­walten, wenn man nicht seine ganze Zeit in rast­losem Fleiße den Aufgaben zu widmen vermag, und wenn man nicht dazu die besonderen Fähig­keiten besitzt.

Goethe ist einer der Wenigen in deutschen Landen gewesen, die von der Bedeutung des Bauernstandes für eine gesunde Volkswirtschaft und Volkskraft überzeugt waren.Gewesen", waren"! Wir finden sie heute kaum mehr, diese Männer von weitestem Blick. Und Goethe kannte auch die Sorgen und Mühen des Bauernstandes, schon vor 150 Jahren. Denn 1782 schreibt er an Knebel:So steige ich durch alle Stände auf­wärts, sehe den Bauersmann der Erde das Not­dürftige abfordern, das doch auch ein behaglich Auskommen wäre, wenn er nur für sich schwitzte. Du weißt aber, wenn die Blattläuse auf den Rosenzweigen sitzen und sich hübsch dick und grün gesogen haben, dann kommen die Ameisen und saugen ihnen den Saft aus den Leibern, und so geht es weiter, und wir haben's so weit gebracht, daß oben in einem Tage mehr verzehrt wird, als unten in einem Tage beigebracht wer­den kann."

Gewiß, das war vor 150 Jahren ... Und da­

Goethe und die Landwirtschast.

mals hatte er auch geklagt:Die Verdammnis, daß wir des Landes Mark verzehren, läßt keinen Segen der BebagUchkeit grünen"

Auch für die Menschen von heute gilt noch, und vielleicht mehr als jemals, was Faust zu Eupho- rion sagt, dem nut Helena gezeugten Sohne

In der Erde liegt die Schnellkraft, die dich aufwärts treibt

berühre mit der Zehe nur den Boden, wie der Crdenfohn Antaous bist du alsobald gestärket!"

Auf den .Kammergütern ließ Goethe besonders durch den Landkommifsar G Battv. den er wie einen Sohn geliebt Hal. großartige Bodenmeliora- tionen durchführen Schaffende Kraft! Schöpfung über Schöpfung! Eroberung der Scholle, a!8 das höchste für fein Volk!

.Ein Sumpf zieht am Gebirge hin. Verpestet alles schon errungene.

den faulen Pfuhl auch abzuzieh n.

dies letzte wär das höchsterrungen<.

Eröffn' ich Räume vielen Millionen, nicht sicher zwar, doch tätig ffei zu wohnen.

Und so vollbringt, umrungen von Gefahr.

hier Kindheit. Mann und Greis fein tüchtig Jahr. Solch ein Gewimmel möchf ich sehen,

auf freiem Grund mit freiem Volke stehen ... Im Vorgefühl von folchem hohen Gluck erleb' ich jetzt den schönsten Augenblick!"

Faust sinkt sterbend zurück, doch er ist von den Engeln gerettet, in der Idee und in der Tat, als- Ucbcrtoinbct aller seindlichen Gewalten durch fein Zurückfinden aus allen Irrungen zur Arbeit am vaterländischen Boden. Und hier nur i st, auch heute, die Rettung!

2m Zeichen der Sparprogramme und Notver­ordnungen drohen heute in Deutschland Maß­nahmen. die sich verhängnisvoll am Bauern­stand und damit am Vaterlande auswirken müß­ten. Aushebung bewährter Einrichtungen zur Schulung der Landwirte und zur Hebung ihrer versagenden Kräfte! Gerüchte? Fabeln? Wir wis­sen es nicht. Sollte aber wirklich das unerhörteste geschehen, was in diesen Zeiten der Verzweislung beschlossen werden könnte, dann wird Goethes chorus mysticus uns vom Himmel herab in die Ohren klingen: .Das unzulängliche, hier wird s Ereignis, das unbeschreibliche, hier ist'S getan!

Ach. wenn doch ein guter und erleuchtender Geist den Regierungen Deutschlands in die Erinnerung rufen möchte, was Goethe einst in der Maske eines Bauern schon gleich nach seiner Ankunst in Weimar dem Fürsten Karl August als Glau­bensbekenntnis gesagt:

.Geb' Gott Euch Allen guten Segen, nur laßt Euch fein uns angelegen! Denn wir, bäurisch treues Blut.

Sind doch immer Euer bestes Gut."

H. Kr.

Oderheffen.

Landkreis Gietzen.

P Alten-Buseck, 30. März. Nach längerer Pause trat der hiesige Manoolinenklub .Frisch auf" am ersten Ofterfeiertag im Saale .Zur Waldlust" mit einem Konzert vor die Oeffentlichkeit. Das fein ausgewählte und vollendet durchgeführte Programm ließ erkennen, daß der Verein unter der Leitung seines Dirigen­ten L. Schreiner bestrebt ist, in seinen Dar­bietungen nur das Beste zu bringen. Die zu Gehör gebrachten Musikstücke, sowie die von der Sängerabteilung des Klubs vorgetragenen Ehöre wurden mit wohlverdientem Beifall ausgenommen. Einige geschickt aufgeführte Theaterstücke fügten sich passend in den Rahmen der Veranstaltung ein. Ein zeitentsprechend mäßiges Eintrittsgeld und die dem Verein stets entgegengebrachte Sym­pathie bewirkten, daß der geräumige Saal bis auf den letzten Platz besetzt war.

Lollar. 30. März. Dem Altveteranen Ehristian Biehl wurden aus Anlaß seines 85. Geburtstages, den er am ersten Ofterfeiertag beging, zahlreiche Glückwünsche zuteil. Die Reichs- bahnverwaltung, in deren Dienst der Jubilar

Traum gegen Morgen.

Von Lola Landqu.

Der bekannte Schriststeller Berthold2L brach um 24 Uhr ganz heimlich von der Abendgesell­schaft aus. In die Garderobe klang ihm noch das Stimmgewirr wie Bogelschwahen nach, das Helle Auflachcn einer Frau, ein Papageienschrei, backte schmerzhaft in seinem Kopf. Schon auf der Treppe, während er beim Hinabsteigen in den Qlcrmcl seines Mantels fuhr, überzählte er. wie ein Kassierer seine Tageskasse, den Gewinn die'es Abends. Er raffte das fchmeichelnde Lob eines Kritikers jiber sein Werk, das Schimmern einer weißen Schulter, den geistreichen Satz eines Greises, das Dlaugcün eines Kleides schnell zu­sammen. und ja auch noch dieses, das verheißende Lächeln einer Frau, das vielleicht zu einem Abenteuer führte. War dies alles, wirklich? Alles! Zu wenig! Es war ein verlorener Abend mie so viele gewesen. Er krümmte die Hand wie einen hohlen Decher und streckte dann langsam die Finger wieder aus, als ließe er etwas fallen.

Auf der Straße atmete er lief die laue Luft ein. Es roch nach Regen. Die nassen Straßen glänzten schwarz, und aus den Steinen schielte ihn hämisch das Licht der Laternen an. Mit seinen halbgeschlossenen übermüdeten Augen sah er die schwebenden Ballons der Bogenlampen zittern und wie Raketen flüchtig im Himmel zerspringen. ~'c Scheinwerfer der Automobile ringelten sich eine Sekunde in glühende Schlangen auf und verzückten. Die Häuser standen starr, die hellen Fenster gähnten wie goldene offene Höhlen, hinter denen nur ein trügerischer Schein glimmt. Wie mar er dieser Stadt überdrüssig, so müde wie feines ganzen Lebens, das ihm seit Monaten keine Empfindungen oder Erschütterungen mehr scheu­en konnte! Eine seltsame Lähmung hatte sein Schaffen ergriffen. Jeden Morgen fetzte er sein neue» Buch zusammen. Satz an Satz, wie ein -^okaik. bunte Worte, rote, grüne, blaue Steine, au» denen doch nie das Bild des Lobens strahlte. Es war ein Rätselspiel. das ihn bis zur Ver­zweiflung Peinigte.

In feinem Zimmer riß er das Fenster auf. v« hatte wieder zu regnen begonnen, ein feuchter Dunst schlug hinein und senkte sich auf die Möbel. Der Ermattete legte sich sogleich nieder

Er quälte sich noch bis zur Besinnungslosigkeit! mit einem ungeformten Sah seines Buches, den er vor sich hinflüstcrte und schlief endlich mit einem klebrigen Geschmack auf der Zunge ein. Lange lag er dumps und regungslos wie ein Toter. Erst gegen Morgen ergriff ihn ein wun­derbarer Traum:

Er erblickte einen kleinen ©arten mit einer Reihe schwarzer, frisch umgebrochener Beete. Aus einem Springbrunnen mit rosa gesprenkelten Stei­nen lies ein Strahl Walser mit lachendem Glucksen. Die Beete waren schmal und kurz geschnitten wie Kinderbeete, ja sie selbst mit der locker geträufel­ten Erde sahen aus wie Kinder, die in der Frühe von der Mutter frisch gekämmt und zu- rechtgemacht sind. Hinter der abgeschrägten Mauer des Gartens ragte ein Kirchturm hoch: die Ahr mit dem großen goldenen Zifferblatt leuchtete in der Morgensonne. And da begann sie auch schon zu schlagen, die Viertelschläge mit hellen hohen ®l£>dcntöncn. und zauberhaft, bei dem Schlage des ersten Viertels fuhren grüne Spitzen aus den schwarzen Beeten hervor: bei dem Ton des zweiten Viertels streckten sich die Gräser wie zarte grüne Eidechsen aus, beim dritten Viertel schossen sie ein Stück in die Luft, sie wuchsen sichtbar, und beim letzten Viertel waren alle Beete mit einem überströmenden Grün von Gräsern besät. And dann, nach einem für» 3<n Atemholen begann die Kirchturmuhr mit tiefen schallenden Schlägen siebenmal zu tönen. Das Rauschen eines starken Windstoßes floß durch das Gras, und unter der unsäglichen Musik des summenden Getöns erzitterte die geliebkoste Erde.

'Bei dem siebenten Schlag erwachte der Träu­mer. Er fuhr hoch, seine Hände krallten sich llichond in die Luft. Wo jemals, in welcher Stadt, in welchem Lande, wann jemals, war er in seinem Leben in diesem stillen kleinen Garten gewesen? Er mußte sich entsinnen: denn mit dem ersten 3ugc wollte er hinstürzen, um den Frieden dieses heiligen kleinen Platzes an sich zu pressen und ihn nie wieder loszulassen. Da erkannte er: dielen Garten gab es für ihn nicht in der Welt. Diese schnurgeraden, schwarzen Beete, der Brunnen, der Kirchturm mit der strahlenden Ahr war ein Bild aus einem alten Kinderbuche, das er längst vergessen glaubte. Dieser Garten lebte nicht in der Wirklichkeit, und doch begriff er in einem glücklichen Schrecken: immer wieder konnte er diesen ®arten betreten. Er war m bie

Kindheit, in die Schöpfung selber zurückgetaucht. Er hatte das Ohr lauschend an die Erde gelegt und die Gräser wachsen sehen. Alle kleine Qual der Eitelkeit, aller Ehrgeiz fiel von ihm ab. Was lag denn an ihm? Was lag endlich daran, ob ein Buch, ein Menschenwerk mehr oder weniger vollendet wurde, wenn dieses Ungeheure sich immer wieder erfüllte und aus den schwarzen kindlichen Beeten das grüne Wunder hochsprang, das tanzende Leben selbst?

Als er an das Fenster trat, unter dem im Morgen die heilere Stadt vor Hast und Ehrgeiz brüllte, die Automobile wie tolle Hunde zu ihm aufbellten, hatte er beide Augen voll von Frühling.

Sonderbare Schoßtiere.

Die Vorliebe für exotische Lieblinge, von der wir heute häufig hören, ist nicht auf unsere Tagtz beschränkt. Auch früher schon gab es sonderbare Tierfreunde, die sich nicht mit den gewöhnlichen vierfüßigen Hausgenossen begnügten. Besonders in England war diese Mode schon früher ver­breitet, wie G. Cornwallis-West in seinen ..Er­innerungen berichtet. Da gab es einen Sonder- ling in Nordwales, der sich eine ganze Menagerie hielt, von einem Iagdteoparden bis zu einem zah- men Dachs, vom Bergadler dis zum Rebhuhn. Sein größter Liebling war eine Otter, die ihm wie ein Hündchen folgte und sich auch vor Fremden nicht fürchtete, anfaffen lieh sie sich freilich von niemandem andern als ihrem Herrn. Die Otter war auf den Fischfang in einem großen See des Parkes abgerichtet. Als in einem Winter der Teich zugefroren war, wurde ein Loch in das Eis geschlagen, damit die Otter weiter Fische fangen könne, aber eines Tages kehrte sie von einem solchen Ausflug unter dem Eis nicht zurück. Ein reicher Lord hatte zum Gefährten, von dem er sich nur ungern trennte, einen indischen Mungo, einen Halbaffen, der ein großer Rattenfänger war und sonst tote ein Hund aus einem Stuhl im Arbeits­zimmer seines Herrn zu schlafen pflegte. Der Busenfreund dieses Affen war ein Terrier, mit dem er oft auf die Jagd ging. Die seltsamsten Schoßtiere, die damals in der englischen Gesell­schaft gehalten wurden, waren die Schlangen, die die erzentrifche Ladv Steward Richardson in ihrem Mull mit sich führte Sie lief: ^jc beim Essen sich um ihren Hals und Arme

ringeln und erregte damit bei den übrigen Gästen ein wenig angenehmes Aufsehen. Beliebte Schoß- tiere waren zahme Füchse, und ein junges Mäd­chen freundete sich mit einer großen weißen Sau so an, daß sie sogar auf ihr ritt und, als ihr Lieb­ling den Weg alles Fleisches gehen mußte, ihn zum letzten Gang mit einem Kragen aus schwarzem Krepp schmückte.

Zeitschriften.

In den Europäischen Gesprächen (Verlag Dr. W. Rothschild, Berlin-Gruncwald) eröffnet Professor Dr. A. Mendelssohn-Bar- tholdy eine Artikelreihe zur Abrüstungskonferenz mit einer Betrachtung der Gegner der Abrüstung. Der Aufsatz wird ergänzt durch die in den Dokumenten des Heftes zu Ende geführte Zu­sammenstellung von offiziellen Erklärungen über die Stellung der einzelnen Mächte zur Ab- ruftungsfrage. die einen praktischen Wegweiser cUrr Beurteilung der Genfer Verhandlungen dar­stellt. Zum zehnjährigen Papstjubiläum bringt Maximilian Elaar eine Würdigung der Politik Pius'XI., der in die Geschichte als der Papst des Ausgleichs mit Italien eingehen wird. Von programmatischer Bedeutung ist die Auseinander­setzung mit der Geopolitik, deren absoluten Er- klärunqsanspruch Dr. Forst de Battaglla energisch bestreitet, ohne ihre großen Verdienste in der Belstellung vonRüstzeug zum politischen Han­deln" zu verkennen.

In China ist alles anders als bei uns. üwhl am seltsamsten aber das Leben an und auf öen großen Wassern: dieses bunte, ursprünglich- chinesische Leben auf den gewaltigen Strömen schildert L- Fritz in einem illustrierten Aufsatz der Illustrirten Zeitung" kJ. I. Weber, Leipzig). Anläßlich des 100. Geburtstages des Mater-Poeten Wilhelm Busch veröffentlicht Dr. Robert Dangers einen dreiseitigen, reich be­bilderten Beitrag. Dem Gedächtnis des spani­schen Malers Murillo, der am 3. April vor 250 Jahren verstarb, ist ebenfalls ein Äunflbeitrag gewidmet- 2n die Welt des Films, des Kasperle-Theaters und des Varietes führen bit BeiträgeEin Bergsilm wird gedreht" von Walter Steinhauer uydKasperle hat das Wort" von Franz Hampel sowie die Photostudien »Ar­tisten des Gleichgewichts".