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Aus der Provinzialhauptstadt.

Gießen, den 30. Juli 1932.

»Bürokratismus in der Stadtpost.^

Zu dem Eingesandt vom 23.,Bürokratismus in der Stadtpost", schreibt uns das Postamt:

Auf der Rückseite der Formblätter zu Post­anweisungen und Zahlkarten befindet sich außer einer Zusammenstellung der Gebühren die Borschrist des § 51 der Postordnung vom 30. Januar 1929 tAmtsbl. des RPM. Nr. 13 S. 49 und des RGBl. I S, 33), sowie der Postscheckordnung vom 16. Dezem­ber 1927 (RGBl. S. 459), daß der Einlieferer eine Freimarke in Höhe der Gebühr auf die Post­anweisung oder Zahlkarte zu kleben hat. Die Post bittet im übrigen durch ihreBeachtenswerte Regeln für den Verkehr an den Postscholtern", die sich seit jeher als Aushang im Schaltervorraum und auf der Rückseite der Posteinlieferungsscheine befinden,auf allen freizumachenden Sendungen die Marken vor der Einlieferung aufzukleben, wozu bei Briefsen­dungen, Postanweisungen und Zahlkarten eine Ver­pflichtung besteht".

Jedenfalls handelt es .sich keineswegs um eine Neuerung, ober um ein Sonderverfahren beim Stadtpostamt, bei dem ja auch Schalterbeamte des Hauptpostamts im öfteren Wechsel tätig sind. Die Bestimmungen, denen sich durch eine kleine Vor- ratshaltung an Marken (Markenheftchen) im Einzel- falle bereits zu Haufe leicht entsprechen läßt, gelten vielmehr für das ganze Reichspostgebiet. Erst recht ist aber bei Massenauflieferung die ooherige Frei­machung der Postanweisungen und Zahlkarten ge­boten, da sich sonst der Aufenthalt anderer Schalter­gäste unbilligerweise in die Länge zieht.

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Dienstjubiläum beim Gewerbe- a u f s i ch t s a m t. Am 1. August ist Gewerbe- Inspektor Melcher 25 Jahre am Hessischen Gcwerbeaufsichtsarnt Gießen tätig. Aach feinem Dienstantritt am 1. August 1907 erhielt der Jubi­lar am 1. April 1914 seine Anstellung und wurde am 1. Januar 1927 zum Gewerbe-Inspektor er­nannt. Während dieser 25 Jahre hat er seine Diensttätigkeit in vorbildlicher Weise ausgeübt. Die Beamten der genannten Behörde ehrten ihn in entsprechender Weise.

** Dienstjubiläum in der Medizini­schen Klinik. Der Dadewärter und Masseur Emst Duckelshauß kann am 1. August auf eine 25jährige Tätigkeit im Medico.mechanischen Institut der Medizinischen Klinik zurückblicken. Dor seinem Eintritt in das Medico-mechanische Institut war er von 1897 bis 1903 als Oberpfleger in der Aniversitäts-Dervenklinik Gießen, später in gleicher Eigenschaft in Halle tätig. Seit dem 1. Au­gust 1907 übt er seine gegenwärtige Tätigkeit auS.

Der Jubilar erfreut sich bei den Aerzten, bei den Patienten und beim Publikum allgemeiner Be­liebtheit.

* S A.- P la tz m u s i k. Die Kreisleitung Gießen der NSDAP, veranstaltet am heutigen Samstag um 19 Uhr in der Südanlage (am Gymnasium) ein Platzkonzert der SA.-Kapelle Friedberg und des Spielmannszuas der Standarte 116. Man beachte die Anzeige in unserer heutigen Ausgabe.

" Die Gießener H a u s f r au e n - Be­rn t u n g (OrtSgruvpe des Deichsverbandes deut­scher Hausfrauen-Derein« E. B., Berlin) war so berichtet man uns vor kurzem gezwungen, ihren Mitgliedern in einer im 6af6 Leib ab- gehaltenen Genercvl-Dersammlung di« betrübende Mitteilung zu machen, daß ihr« Gründerin und 1. Borsitzende, Frau Elisabeth Koeppe, von Gießen verzieht und aus diesem Grunde ihr Amt niederlegen mußt«. Dach der besonderen Art, die dieser Bund unter der Leitung von Frau Koepp« in seinen Leitsätzen und in seinem gan­zen Wirken entfaltet hatte, war es zu verstehen, daß di« Mitglieder Frau Koeppe nur mit tiefstem Bedauern scheiden sahen. Entsprechend den von Frau Koeppe gemachten Dorschlägen wurde di« bisherig« 2. Vorsitzende, Frau W i m b e r , die sich mit Frau Koepp« in die organisa­torische Arbeit geteilt hatte, zur 1. Dorsitzenden gewählt, während Frau Kalbfleisch, wie bisher, den mit der Lehrküche und dem Unter- rjchtswesen verbundenen Teil selbständig weiter­leitet. Frau W i m be r richtete an die Mitglieder und Gäste die dringende Bitte, noch mehr als bis­her auch tätig an den Aufgaben und Zielen dieser Hausfrauen-BerufSorganisation mitzu­arbeiten, da die Bürde der Hausfrau auch in Zukunft nicht leichter werden dürfte, im Gegen­teil nur durch restloses Auswerten aller durch den Zusammenschluß erzielten praktischen Erleich­terungen und der geistigen Anregungen die be­sonderen Aufgaben der Hausfrau in der jetzigen Dotzeit richtig erfüllt werden können. Eine ge­meinsame Abschiedsfeier im Saale von Engelhardt in Annerod für Frau Koepp« brachte in her­vorragender Weise zum Ausdruck, wie sehr Frau Koeppe aufs engste mit ihrem Wirkungskreis, der gerade in seiner Entstehung und Anfangs­entwicklung viel Arbeit und persönliche Opfer ge­fordert hatte, verbunden war. 3n mehreren An­sprachen wurde sie gefeiert und durch Gedichte und Dorträge auch aus dem Mitgliederkreise chr die ganze Liebe gezeigt, die sie sich während ihrer erfolgreichen Steilung erworben hat. Auch Frau Koeppe trennt sich nur schwer von dem ihr liebgewordenen Wirkungskreis und legte den Mit­gliedern ans Herz, daß der beste Dank in der Treue liege, die auch weiterhin dem Bunde ge­widmet würde.

Klemstwohniingsbau. - Slkaßenbahnenveilening.

Der Gießener Stadtrat hat am 29. Juni einer Vor» läge der Stadtverwallung auf Errichtung von 100 Klein ft Wohnungen beide rje i t s der Krofdorf er Straße zugestirnrnt. Maßgebend für die Annahme dieses Projektes war der Hinweis des Städtischen Wohlfahrtsamts, daß durch diese Kleinstwohnungsbauten den Wohnraumbedürfnissen einer Anzahl Familien, die zur Zeit auf der Mar- garetenhütte untergebracht find Rechnung getragen und eine Entlastung des Wohlfahrtsetats her- beigeführt werden soll. Die Vorlage hatte im Bau- ausschuß einstimmige Annahme gefunden und wurde auch im Plenum des Stadtrats innerhalb weniger Minuten ebenso einstimmig glatt verabschiedet. Sehr bald aber zeigte sich, daß der Weg zur Verwirklichung des Bauvorhabens ernstliche Hindernisse aufweist. Die Bürgervereinigung Sachsenhau- s e n hat in einem längeren Schriftsatz vom 14. Juli bei der Bürgermeisterei scharfen Protest gegen die Errichtung der geplanten Kleinstwohnungen .in der Krofdorfer Straße erhoben. Ferner ist von der Leitung des Landwirtschaftlichen Instituts der Uni­versität im Interesse der Universitätsoer- suchsgüter Einspruch bei der Stadtverwal­tung erfolgt. Außerdem haben mehrere Anlieger Klage beim Provinzialausjchuß von Oberhessen gegen jenen Stadtratsbeschluß eingereicht mit der Begründung, daß der Bebauungsplan für diese Bauten weder vom Stadtrat genehmigt ist, noch ein solcher Plan für die Anlieger und Inter- essenten des fraglichen Stadtviertels in der gesetzlich vorgeschriebenen Frist offengelegen hat. Weiter haben 2 7 5 Hausbesitzer, Garteneigen- tümer, Pächter und Mieter des Stadtteils jenseits der Lahn zur Unterstützung des Vorgehens der Bürgervereinigung Sachsenhausen schärfsten Pro- test erhoben, schließlich ist auch ein energischer Ein­spruch des Ob st - und Gartenbauvereins an die Bürgermeisterei gerichtet worden. In sämt­lichen Protestschriften wird geltend gemacht, daß durch die Verwirklichung des Planes des Wohl­fahrtsamtes und der Bauverwaltung schwerer Nach­teil für das Stadtviertel jenseits der Lahn entsteht und u. a. auch eine Beeinträchtigung der wissen­schaftlichen Versuchsarbeiten auf den Feldern der Universitätsversuchsgüter zu befürchten wäre.

Beim Studium der Protestschreiben gewinnt man den Eindruck, daß bei den Vorarbeiten für diese Bauvorlage sehr gewichtige Gesichtspunkte nicht oder nur unzureichend beachtet wurden. Mittlerweile sind auch manchen Stadtratsmitgliedern ernstliche Be­denken gegen die Vorschläge der Verwaltung ge­kommen. Man gibt zu, daß es wohl am besten wäre, die ganze Angelegenheit noch einmal (ehr gründlich unter d i e Lupe zu nehmen. Dieser Ansicht, die übrigens auch in einer besonderen Sit­zung des Vorstandes des Verkehrs- und Verschöne­rungsvereins allgemein vertreten wurde, möch­ten wir in vollem Umfange zustimmen. Dom Standpunkt einer weitschauenden Kommunalpolitik aus muß es im höchsten Maße bedenklich erscheinen, wenn man gegen den sachlich gut begründeten Widerspruch eines ganzen Stadtteils ein Vorhaben durchdrücken wollte, dem so viele Schattenseiten wie im vorliegenden Falle eigen sind. Das Projekt der Verwaltung würde bei 100 Kleinstwohnungen zu je 2000 Mark einen Kostenaufwand von ins­gesamt 200000 Mark erfordern. Zunächst ist die Schaffung von 30 Wohnungen vorgesehen, so daß also unmittelbar eine Ausgabe von 60000 Mark entstünde. Dabei sollen diese Woh­nungen die von der Bürgervereinigung Sachsen- Hausen wohl nicht ganz mit Unrecht als Baracken bezeichnet werden in einstöckiger Fachwerksaus- siihrung ohne Unterkellerung und ohne Gas- und Elektrizitätsversorgung errichtet werden. Es handelt sich mithin um eine Bausache, der ihrer ganzen Art nach der Charakter eines Provisoriums an- haftet. Wir find der Meinung, daß gerade in der jetzigen schwierigen Zeit, in der die Kommunen mit größten Finanzsorgen zu kämpfen haben, Aufwen- düngen in so erheblichem Ausmaße nicht für eine vorläufige Lösung von Schwierigkeiten gemacht wer­

den dürfen. Wenn man schon für Wohnraum sorgen will und muß, so stecke man lieber d i e Bauziele zunächst etwas enger und schaffe orbeni- l i ck e H ä u s e r, die für die D a u e r Bestand haben. Daoei bestrebe man sich, billig und doch gut zu bauen. Man lasse Einrichtungen beiseite, die man in früheren städtischen Kleinwohnungen geschaffen hat, und die einen gewissen Wohnungsluxus darstellen, den die interessierte Mieterschaft angesichts ihrer geringen Geldmittel zweifellos gern entbehren wird, weil sie ihn doch bezahlen muß, da die Stadt­kasse für solche Einrichtungen keine Gelder mehr auf­bringen kann. Es erscheint uns auch nicht ange­bracht, ein einziges Stadtviertel allein mit einem Wohnungsprojekt zubeglücken", bei dem man nur sehr gemischte Gefühle in der Bürgerschaft auslöst. Die Forderung der Sachsenhäuser, daß im vorliegenden Falle eine Verteilung auf ver­schiedene Stadtgegenden vorzunehmen wäre, erscheint nicht unbillig. Erwägungen, die mit der Wohnungsbaupolitir an sich nichts zu tun haben und die mehr auf dem Gebiete der Sicher­heitsbehörden liegen, dürfen keinen ausschlaggeben­den Raum gewinnen, wenn dadurch ein ganzer Stadtteil sich benachteiligt fühlt. Mittlerweile sind nun die Bauarbeiten zum Teil schon ausgeschrieben worden. Die interessierten Handwerkerkreise drängen was wir durchaus verstehen auf Zuteilung Der Aufträge, da sie Arbeit Haden möchten. So ver­ständlich und so berechtigt dieser Wunsch des Sau- gewerbes und des übrigen Handwerks ist, so darf doch um den Preis seiner Erfüllung ein s o weittragendes Bauprojekt wie das vor­liegende nicht kurz und bündig verwirklicht und der städtebaulichen Entwicklung eines Stadtteils für lange Zeiten Abbruch getan werden, zugleich aber auch die städtischen Finanzen eine Belastung er­fahren, die mit einem Provisorium nicht zu rechtfertigen wäre. Hoffentlich wird von den zu­ständigen städtischen Stellen noch einmal sehr gründ­lich geprüft, inwieweit an der Vorlage auch ein Beschluß des Stadtrats kann ja jederzeit durch eine neue Beschlußfassung revidiert werden grund­legende Aenderungen vorzunehmen sind.

Bei dieser Betrachtung drängt sich die Frage der Arbeitsbeschaffung erneut stark in den Vordergrund. Dabei möchten wir wieder einmal die Frage aufwerfen, wann denn eigentlich die Er- Weiterung der Straßenbahn nach Wie­se ck in Angriff genommen werden soll. Seit mehre­ren Monaten sieht diese Angelegenheit im Mittel­punkt des Honens und Harrens weiter Kreise der Bürgerschaft. Die Konzession zu dem Bau ist von der Regierung erteilt worden. An der Möglichkeit der Finanzierung aus der Betriebsrücklage der Straßenbahn kann nicht gezweifelt werden. Uns ist auch nicht unbekannt, daß durch kluge und geschickte Maßnahmen Der zuständigen Verwaltungsstellen eine erhebliche Verbilligung des Er­weiterungsbaues möglich sein wird, so daß die Finanzen der Straßenbahn nicht allzu stark belastet werden. Diese Umstände sprechen dafür, den Er- roeiterungsPau nun endlich in Angriff zu nehmen, damit für eine Reihe von Arbeits­leuten und Handwerkern Schaffens- und Verdienst- Möglichkeit erschlossen wird. Darüber hinaus sollte aber auch noch ernstlich geprüft werden, ob man nicht endlich die Jnnenbauarbeiten in dem Schulhaus in den Eichgärten wieder auf­nehmen lassen könnte. Die Straßenbahnerweiterung und der Innenausbau des Schulhauses würden für die nächsten Monate in so reichlichem Maße Arbeitsgelegenheit schaffen, daß damit un­serem Handwerk für einen möglichen Ausfall bei dem jetzigen fragwürdigen Kleinstwohnungsbauprojekt ein Aequivalent geboten werden könnte. Erforderlich ist aber, daß nunmehr, nachdem schon mehrere wert­volle Sommermonate ungenützt verstrichen sind, rasch und entschlossen entschieden wird, denn eine weitere Verzögerung in der Frage der Ar­beitsbeschaffung kann nicht gutgeheißen und vor der schwer ringenden Handwerker- und Arbeiterschaft auch nicht vertreten werden.

Robinson mit Vorortskarte.

Abenteuer in der Lüneburger Leide.

Don Kar! Sy.

H.

0er eiserne Bestand.

2US ich am anderen Morgen den stillen Heide­pfad «inschlug, der ins Nichts oder ins Abenteuer führte, sagte ich dem Wirt auf feine Frag« nach dem Wohin: »Ich will einen Tag in der Heide kampieren und dann nach Läzen wan­dern. Proviant habe ich ja. Adschüh."

In Katendorf hatte ich mir ein Pfund gemah­lenen Kaffee, einige Dollen Zwieback, Salz. Pfef­fer und einen kleinen Eimer mit irgendeiner Mar­melade gekauft, da ich diesen Dehälter auch als Kochtopf, den Deckel als Bratpfanne benutzen wollte... Ferner eine Tüte Tee, zwei Flaschen Pardon Kognak und einen stattlichen Dorrat an Tabak und Zigarettenpapier sowie Streichhöl­zer. Das alles war im Rucksack verschnürt. In der Tasche meiner Manchesterhosen trug ich ein starkes Messer, einen Trinkbecher, zwei Taschentücher, eine Anzahl Dägel und Bindfaden.

An Geld nahm ich in die Wildnis der Heide «inen Silberdollar und rund 30 Mar? mit. Es hätten aber auch 30 Pfennige oder 3000 Mark sein können. Das wäre egal gewesen, denn kaufen konnte ich mir nichts. Aber als ich später mein Robinsonleben abbrach, hatte ich auf einem Fetzen vergilbten Zeitungspapiers eine Anweisung auf «in Vermögen bei mir, wenn nicht...

Aber alles der Reihe nach.

Suche nach der festen Bleibe.

Ss ist ein weit verbreiteter Irrtum, daß man Abenteuer nur in fernen Ländern finden kann, daß der Glanz der Tropen, die Dacht der Arktis oder das Tohuwabohu fremder Weltstädte dazu gehört, um dem Angewöhnlichen, dem Geheimnisvollen, dem Unerwarteten zu begegnen. Es ist ein Irrtum, aber er ist über die ganze Welt verbreitet. Für jeden Jungen, der heute in Königsberg, in Ham­burg oder im Rheinland sitzt und mit sehnsüch­tiger Stimme vor sich hinflüstert: .Hongkong" .Honolulu" ,O m a h a, sitzt in den öf­fentlichen Schulen dieser Städte ein kleiner Ehi- nes«, ein kleiner Hawaianer oder ein kleiner QJanfec vor seinem Atlas und zittert vor Wander- und Abenteueverlust, wenn er die Städtenamen hört, mit dem ihm fremden, lockenden romantischen Klang: .Königsberg" .Hamburg" »Wie s ba den".

Das Abenteuer wartet genau wie das Glück nur au oft gleich um die nächste Ecke und wird gerade deshalb übersehen, wie so vieles, was nicht »von weither" ist. And beide tragen nur für zwei Arten Menschen meistens die Tarnkappe: Wer zuviel Geld in der Tasche hat, wird unter der bun­ten Mask« des Abenteuers fast immer den schalen Depp finden, wer zu arm am Herzen ist, au scharf seinen Dorteil zu berechnen versteht, wird zwar die blaue Blume sehen, sie aber als »unverwertbar" am Wege stehen lassen, um sich der nahrhafteren Kartoffel zuzuwenden.

And weiter: Als kürzlich die Meldung und die Photos eintrafen, nach denen ein Berliner Doktor mit seiner Gefährtin einRobinsonlebenauf den Galapagosinseln führe, da ging ein Seufzer des stillen und lauten Deids durch Mil- lionen Herzen: »Ach könnte ich auch einmal her­aus. Fort von allem, was mich drängt und quält."

Aber mutz eS denn immer die 6übfee feilt bia Galapagosinseln oder ein anderes weltfernes Asyl, das unS zeitweise abschlieht von Steuerzct- teln, Mahnbriefen, Extrablättern und dem Telephon? Kann man nicht auch überall in Deutschland in der Dähe einig« Wochen Robinson sein?

Am Lagerfeuer.

Diese Gedanken beschäftigten mich, während ich durch den prallen Julimorgen heideinwärtS schlen­derte. Jetzt gab eS auch nicht einmal mehr dig Andeutung von Fußpfaden. Soweit das Auge reichte, dehnte sich das sanfte Hügelland mit Heidekraut, das nur hier und dort von Dadel- baurn- und Birkenwäldchen unterbrochen wurde.

Ein ganz fernes Tuten verkündete freilich, dah einig« Meilen entfernt noch ein Bimmelbähnchen seinen Fahrplan einhielt. »Hamburger Butterblu­men" zerbrochene Flaschen und Papierreste bewiesen, dah Wanderer hier kampiert haben mußten.

Aber es regte sich nichts. Kein Windhauch, nicht das leiseste Geräusch eines TierlebenS. Dur Amei­sen, große braune Gesellen krabbelten emsig hin und her.

Dach einem dreistündigen Marsch querfeldein machte ich Mittagsrast mit einem anschließenden Schläfchen. Dann ging eS wieder weiter, aber jetzt mit beobachtenden, abwägenden Augen, denn letzt glaubte ich weit genug von der Kultur entfernt zu fein, um mein Dauerlager aufschla- gen au können. Es gab herrliche Plätze, Grotten zwischen mächtigen Steinen, Birken- und Fichten­haine, wo man leicht ein provisorisches Dach hätte anbringen können, aber allen ging die Hauptsache ab: das Wasser. Gewiß, die Lüneburger Heide ist nicht ganz so wasserarm, wie man vielfach an­nimmt, aber die Strecken, wo flinke helle Bäche durch den Sand fließen, sind parzelliert, viel be­wandert, gegen das Robinsonleben gewissermatzen gesetzlich geschützt.

Schon dämmert« der späte Abend, als ich end­lich den idealen Fleck entdeckt zu haben glaubte. Es war wieder ein kleiner Kiefernhain inmitten zweier Heidedünen, und vielerlei Tierspuren kün­deten mir an, daß sich in der Dähe eine Reh­tränke befinden mutzte. Es dauerte nicht lange, bis ich sie fand, ein Tümpel von Zimmergröße, aber mit kühlem wenn auch etwas unklarem Was­ser, also wahrscheinlich eine Sickerquelle.

An diesem Abend verzichtete ich darauf, mir mein Menü aus den Erträgnissen des toten Lan­des herzustellen. Ich kochte Kaffee, tat statt der fehlenden Milch einen Schuh Kognak hinein, ah einige Zwiebäcke, paffte zwei Zigaretten und schlief, lang auf dem Heidemoos hingestreckt, unter freiem Himmel ein.

And als mich am taufrischen Morgen die ersten Strahlen der Sonne und das heimische Dogel- konzert weckten, da hatte ich zwar an meiner Aase ein Stückchen Spinngewebe, an meinem Arm krab­belten drei Ameisen, das Kreuz fühlte sich nach Gußeisen an und im Magen spürte ich eine merk­würdige Kälte, wie immer nach einer Dacht unter freiem Himmel, aber mir kam es auch vor. als ob mir zehn volle Jcchre vom Buckel gefallen seien, als ob nicht zwei Eisenbahnstunden östlich das groß« Hamburg läge... (Fortsetzung folgt.)

Buntes

Merkwürdige Eides-Zeremonie.

Infolge der Entdeckung von Goldfeldern in der afrikanischen Kenja-Kolonie sind in das Ein- geborenen-Schuh-Gebiet von Kakamega viele Abenteurer eingedrungen, die hier schnell reich werden wollen. Der Deger bemächtigte sich in­folgedessen große Aufregung, und sie fürchteten, dah sie ihr Land verlieren könnten. Am sie zu beruhigen, veranstaltete der englisch« Gouverneur Der Kenja-Kolonie Sir Joseph Byrne eine Ver­sammlung in der Dähe der Goldfelder, an der Tausende von Eingeborenen teilnahmen, und ver­sicherte, daß die Regierung dafür sorgen werde, dah sie nichts von ihrem Eigentum verlieren sollten. Als der Gouverneur seine Rede beendet hatte, bat ihn ein alter Häuptling, er möge, um sie ganz zu beruhigen, seine Zusicherung nach den alten Kakamega-Drauchen beschwören. Er brachte einen Hund herbei und ein altes Schwert und forderte Sir Joseph auf, den Kopf des Hundes zu halten, während er selbst als Vertreter seines Volkes den Schwanz ergreifen werd«: bann sollte der Gouverneur mit dem ^eiligen Schwert den Hund in zwei Teile zer­schneiden, dah das Blut weit nach allen Rich­tungen hin verspritze, und geloben, dah das Land für alle Zeit den Eingeborenen gehöre. Der Beamte sah infolge dieses merkwürdigen Ansinnens zunächst recht verdutzt drein, dann aber faßte er sich und lehnte diese Eideszeremonie ab, indem er versicherte, fein Wort genüge.

Zrühstückskäse, Liebe und Betrug.

Fräulein Meta Z. erhält eines TageS einen Brief auf feinem weihen Büttenpapier mit fol­gendem, sehr pompös gedruckten Kopf: »Wach­holz und Dühsam G. m. b. H. Lebensmittel en gros und en detail. Spezialität Frühstücks­käse." Fräulein Meta Z. ist begeistert, und ein jungfräuliches Herz in vorgerücktem Alter schlägt höher. Schreibt nicht Herr Wachholz persönlich, der stattliche Herr Wachholz, der die besten Man­nesjahre erst um Weniges überschritten hat? And weih sie. Meta Z., nicht ganz genau, daß Herr Wachholz nicht nur eine Generalvertreterin sucht, sondern, dah er darüber hinaus ein Herz hat, das sich nach Liebe sehnt? Fräulein Meta Z. wußte zu diesem Zeitpunkt nur eines noch nicht: sowohl die G. m. b. H., als auch das liebessA- nende Herz waren nur Atrappen für zwei ge- rissen« Heiratsschwindler, die eine große Anzahl ältere Mädchen um ihre letzten Ersparnisse betro­gen haben.

An einem schönen Maientage lernten sich auf dem Gefängnishof Wachholz und Rühsam kennen und berichteten sich gegenseitig, angeregt durch die Frühlingsatmosphäre über ihre zahlreichen Gr- folge in der Liebe. Dühsam, der jüngere, war ein findiger Kopf, er hatte seine Tüchtigkeit auch da­durch bewiesen, dah er im Gefängnis während eine« Jahres 700 Mk. mit Tütenkleben verdiente. Rühsam schlug die G. m. b. H. vor. Vachholz

Allerlei.

als der Qleltere und Erfahrenere hatte die Aus­gabe, die Dräute erst einmal herbeizuschaffen. War er selbst zum Heiraten nicht mehr begehrens­wert genug, so sprang Rühsam als der Jüngere gern ein. Don der Firma bestand nicht mehr als der Briefbogen. Konferenzen mit den betreffen­den Damen wurden in der Wohnung der Freundin von Wachholz abgehalten, die einen nicht sehr an­gesehenen Berus ausübte. Diese Wohnung wurde jeder Braut als Morgengabe des Bräutigams versprochen.

Jahrelang konnten die Betrüger dieses Spiel ungestört fortsetzen. Keine der Betrogenen wurde mißtrauisch, bis jetzt endlich der ganze Schwin­del herauskam. And vor Gericht erschien in langem Zuge die Reihe der Dräute. Man möchte den Kopf schütteln, ob der Tatsache, dah diese Mädchen, die so versorgt und nüchtern aussehen, deren Bewegungen, deren Sprache so eckig und altjüngferlich sind, sich von diesen Detrügern Liebe vorzaubern und di« letzten schwer erarbei­teten Geldstücke auS der Tasche ziehen lassen konnten. Wachholz erhielt drei Jahre Zucht­haus, Rühsam drei Jahre Gefängnis.

Oer Mörder von Schwanheim stellt sich der Polizei.

WSN. Frankfurt a. M., 29. Juli. Wir berich­teten gestern über eine Bluttat, Die sich im Frankfurter StaDtroalD zugetragen hat unD bei Der einem 18jährigen Mädchen mit einem Rasiermesser mehrere Schnitte in Den Hals bei­gebracht würben, Die den sofortigen Tod herbeige- führt haben. Der Täter, ein 30jähriger Optiker Wil­helm Wied aus Münster bei Stuttgart, hat sich gestern auf einem Polizeirevier in der Innenstadt s e l b st g e st e l l t. Er ist die ganze Zeit in der Stadt umhergeirrt, und da er ziemlich mittellos war, sah er keinen anderen Ausweg, als sich der Polizei zu stellen. Er gibt die Tat zu, erklärt aber, von dem Mädchen, das lebensüberdrüssig gewesen sei, zu der Tat mehrfach gedrängt worden zu fein. Er selbst habe nie die Absicht gehabt, Selbstmord zu begehen.

Wegen Totschlags in Llntersuchungshast

WSN. Mainz, 29. Juli. Der Polizeibeamte Adam Jung,, der am vergangenen Samstag den 19jähriaen Maurer Gustav Go'ld durch zwei Kopfichüsfe derartig schwer verletzt hatte, daß dieser am Mittwoch gestorben ist, ist jetzt in Haft genommen worden. Durch die Zeugen­aussagen wurde festgestellt, daß der Beschuldigte an dem betreffenden Tage dienstfrei war und rm Lause des Abends ein Kino besucht hatte. Er begab sich später in drei verschiedene Wirtschaften, in denen er abwechselnd Bier und Wein trank. Der Verhaftete wurde in das Landgerichtsgefängnis überführt.

Sprechstunden der Redaktion.

1L30 bis 12.30 Uhr. 16 bis 17 Uhr. Samstag pachmittag geschloffen. __