Nr. 151 Zweites Blatt
Eiehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)
Donnerstag, 50. Juni 1952
Etaiberatung im Gießener Stadtrat.
Oer Voranschlag nach mehrf^ndiger Beratung glatt angenommen. - Scharfe Kritik an der Finanzpolitik des Staates. (Ächuhi den Mittelstand! — Oer 2Ruf nach Arbeitsmöglichkeiten.
• Gießen, 29. Juni 1932.
Anwesend: Oberbürgermeister Dr. Keller, die Bürgermeister Dr. Seib und Dr. Hamm, Beigeordneter Justizrat Dr. Rosenberg und 39 Stadtratsmitglieder. Der Zuhörerraum ist gut besetzt.
Oie Etatberatung.
DaS Haus beginnt sofort nach Eröffnung der Sitzung mit der Beratung des Voranschlags für 1 9 3 2. Auf Antrag der Arbeitsgemeinschaft der Mitte wird einstimmig beschlos- fen, nur in eine Generalaussprache einzutreten und von einer Spezialberatung abzusehen.
SiadtratSmiigl. Mann (Soz.)
als erster Redner beschäftigt sich zunächst mit der Erörterung von politischen und wirtschaftspolitischen Ereignissen der Zeit nach Kriegsende, insbesondere u. a. mit der Lleberrationalisierung, mit der kurzfristigen Auslandsverschuldung, der Preispolitik, den Lohn- und Gehaltssenkungen und den verschiedensten Schrumpfungs-Erscheinungen unseres Wirtschaftslebens, die er als die eigentlichen Ursachen auch der Gießener Ctatnot bezeichnet. Er betont dann u. a.: Reben dem im Voranschlag verzeichneten Fehlbetrag von rund J/j Million Mark ist heute schon mit einem weiteren Einnahmeausfall von etwa 22 0 000 'M k. z u rechnen, so daß
der gegenwärtige Fehlbetrag sicherlich nicht unter 630 000 bis 650 000 Mark liegt.
Durch die Ausschaltung des Reiches, der Länder und Kommunen als Auftraggeber ist die Bau- wirtschaft zerschlagen worden. Wir werden bereitwillig alle Vorschläge prüfen und alles tun, um diese Misere zu beheben, auch auf dem Gebiete des Wohnungswesens. Als besonders dringlich sehen wir es an, daß die vor einigen Jahren stillgelegten Bauten baldmöglichst vollendet werden. Hierbei kommt der Schulhausbau in den Cichgärten vor allem in Betracht, denn die Verhältnisse in den jetzigen Baracken im Hofe der Stadtschule sind unhaltbar geworden. Für diesen Dau müssen bei der ersten sich bietenden Gelegenheit Mittel flüssig gemacht werden, wenn man auch nicht übersehen kann, daß ja die finanzielle Lage der Stadt sehr schwer ist. Die W o h l - sahrtsausgaben werden voraussichtlich nicht geringer werden, sondern noch weiter steigen. Wir haben uns beim Wohlfahrtsetat immer gegen allzu große Abstriche zur Wehr gesetzt. Der Redner beanstandet in diesem Zusammenhänge, daß beim Wohlfahrtsetat im Titel 15 „Sonstige Fürsorge- maßnahmen" statt 40 300 Mark i. V. jetzt nur 14 300 Mark eingesetzt sind und dabei die Ausgabe für die Kinderspeisung auf 12 000 Mark gekürzt wurde. Er beantragt, hierfür die gestrichenen 8000 Mark wieder mit einzuseyen, also insgesamt 20 000 Mark zu bewilligen. Zum Schlüsse wünscht er Verbesserung der Verhältnisse im Freibad, weitmöglichstes Entgegenkommen für die Sportvereine und umfassende Arbeitsbeschaffung.
Stadtraiömitglied Horn (Arbeitsgemeinschaft der Mitte) betont, daß er nicht, wie der Vorredner, politische Gedanken näher in der Aussprache er-
Elisabeth
erobert sich das Glück Vornan von Margarete Antelmann Copyright by M. Feuchtwanger, Halle.
23 Fortsetzung. Rachdruck verboten!
Fünfzehntes Kapitel.
Zehn Jahre waren vergangen.
Heute, an ihrem fünsunddreißigsten Geburtstage, zogen alle diese Jahre an Elisabeth vorüber. Sie sah ihr Spiegelbild an: eine blühende, reife Frau blickte ihr entgegen, über deren Gesicht trotzdem noch der Schein der Mädchenhaftigkeit und der Unberührtheit lag.
Trotz aller Berühmtheit, trotz aller Anfechtungen des Theaterlebens, trotz Reid und Mißgunst hatte Elisabeth sich diese Unberührtheit erhalten, hatte für nichts anderes Sinn gehabt als für ihre Kunst.
Ihr Ruhm war heute über die ganze Erde verbreitet. Gleich von Berlin aus war sie an die Metropolitan-Oper nach Reuyork verpflichtet worden. Gastspielreisen durch ganz Amerika, England, Frankreich, hatten sich angeschlossen. In Deutschland jubelte man ihr zu, wo sie auftrat, im Ausland vergötterte man sie. Sie war ein Star der Bayreuther Festspiele. Sie war eine Wagncrsängerin größten Formats — sie sang die Sieglinde, die Walküre, die Elsa und die Senta: aber sie glich weder in ihrer wundervollen, einzigen Stimme den anderen weiblichen Opern- größen, noch in der Zartheit ihres schlanken, sportlich trainierten Körpers.
In Amerika hatte sie gelernt, wie man mit seinem Körper umzugehen hatte. Seitdem hatte sie die besten Trainer: sie turnte, ritt, spielte Golf und Tennis, schwamm und machte im Sommer Hochtouren und im Winter lief sie Ski.
Aus dem schüchternen, unerfahrenen Mädchen war eine Weltdame geworden, eine an Luxus gewöhnte, elegante, mondäne Frau, die mit ruhiger Gelassenheit die Verehrung und Anbetung der Menschen über sich ergehen ließ.
Rie hatte irgendein Mann Eindruck auf Elisabeth Pfilipp gemacht. Heber oll, wo sie hinkam, lagen die Männer ihr zu Füßen, huldigten ihrer Schönheit fast noch mehr als ihrer Kunst. Man verwöhnte sie über alle Maßen, überschüttete sie mit Blumen und Geschenken.
Elisabeth hatte nicht nur glühende Verehrer — immer wieder kamen Männer, die sie zur Frau begehrten, Männer mit Rang und Titel, Männer, die über Reichtum geboten. Keiner von ihnen hatte Glück. Elisabeth war liebenswürdig zu ihnen wie zu allen anderen — nichts anderes.
örtern wolle, daß er als Ursache unsere- Wirtschaftselends den Gewaltsrieden von Versaille» und die wlrtschaftsseindlichen Maßnahmen bei Auslandes gegen uns ansehe, daneben auch die Ucberrattonalilicrung in der Industrie al- Aus- gangspunkt des unheilvollen Schicksal- von Mil- uonen von deutschen Arbeitern, die die Arbeit zwangs wecse ruhen lassen müsse. Jeder ber es ehrlich mit dem Volke meine, müsse diese Entwicklung außerordentlich bedauern. Weiter erklärt der Redner dann u. a.: Bei dieser Betrachtung darf mau auch nicht Vorbeigehen an dem
Riedergang des deutschen Mittelstandes di, zur Vernichtung.
Wo rührt denn unser finanzielles Elend her? Die Industrie kann keine Aufträge mehr herein» dekommen und muß infolgedessen Arbeiter entlassen. weil der außerordentliche Steuerdruck auf dem Mittelstand lastet. Der Mittelstand i st weit übersteuert, bis zur Vernichtung. So geht das nicht weiter. Wenn die Belastung der Stadt so wie bisher weitergeht, werden wir bald in noch größerem finanziellen Elend sein. Wie stark die Belastung geworden ist. zeigt der Etat des Wohlfahrtsamts. Der städtische Zuschuß beziffert sich hier jetzt aus 1 301 439 Mk., gegenüber noch nicht 100 000 Mk. vor dem Kriege, und diese Steigerung bei der jetzigen verarmten Wirtschaft. Es ist klar, daß angesichts dieser Entwicklung jede Verwaltung mit Grauen in die Zukunft blicken muß.
Es ist jetzt dringendste Pflicht, alle Ausgaben zu vermeiden, die nicht unbedingt gemacht werden müssen. Es muß gespart rocrocn, wo es nur irgendwie möglich ist, selbst aus kulturellem Gebiet und an manchen anderen wünschenswerten Verbesserungen.
Unter diesen Umstänben kann ich mich nicht auf Aenderungen am Voranschlag einlassen, nachdem die Verwaltung erklärt hat, die jetzigen Festsetzungen seien das äußerste, was getan werden könne. Ich kann also jetzt keinen neuen Anträgen zustimmcn. ist auch am Stadttheater gespart worden: man darf hoffen, daß dieses Institut uns erhalten bleibt. Mit Bedauern ist festzustellen, daß die st ä d t i s ch e n Werke den Ertrag von früher nicht mehr erbringen. Die Herabsetzung der Tarife bedingt eben eine Mindereinnahme der Werke, aber diese Ermäßigung war angesichts der allgemeinen Preissenkung unbedingt notwendig. Ich hoffe aber, daß die Verwaltung uns trotzdem bis zum 1. Oktober sagt, in welche Weise eine
weitere Verbilligung der Tarife durchgeführt werden kann, entweder durch eine andere Staffelung, oder durch weitere Ersparnisse.
Trotz angestrengter Bemühungen war es dem Finanzausschuß nicht möglich, den Ausgleich des Voranschlags zu schaffe". Mit starker Verwunderung mußten wir nun in den letzten Tagen hören, daß der Staat seine übernommenen Verpflichtungen völlig vernachlässigt. ilcberall bei den Verwaltungen besteht Empörung darüber, daß die Hilfe von Reich und Staat durch die Steuerüberweisungen auflbleibt. Gegenüber Friedberg (vergl. unsere gestrige Mel-
Frau Schelmer indes, die treue Begleiterin Elisabeth Pfilipps, verstand es, Elisabeths Körbe so anmutig zu verbergen, daß nirgendwo ein Stachel zurückblieb, daß Elisabeth überall Freunde hatte, die für sie durchs Feuer gingen.
Runmehr hatte sich Elisabeth endgültig in Leipzig niedergelassen. Es zog sie hierher an die Stätte ihres ersten großen Erfolgs.
Sie hatte nicht die Absicht, ein festes Engagement anzunehmen. Sie unternahm Gastspielreisen und gab große Konzerte.
Die Erinnerung verknüpfte sie mit dieser Stadt. Die Freunde von ehedam waren fast alle fort. Rur Professor Walter wirkte noch hier und Kammersänger Perlberg. Professor Landar hatte noch die ersten Triumphe seiner Schülerin miterleben dürfen, dann war er gestorben.
Peter Muck lebte in Paris, als berühmter Geiger. Dora von Szigety hatte einen ungarischen Viehzüchter geheiratet und der Kunst Valet gesagt.
Helene Franke hatte sich erschossen: sie hatte dieses Leben mit feinen Enttäuschungen nicht mehr ertragen können.
Die einzige, mit der Elisabeth immer noch innige Freundschaft verband, war Traute Steiner. Ihr hatte das Schicksal Erfüllung gebracht.
Richt nur, daß sie als Künstlerin reiche Erfolge erzielt hatte — sie fand auch den Mann, den sie liebte und der sie zu seiner Frau gemacht hatte. Jetzt lebte sie in Dresden als geliebte Gattin des Kapellmeisters Ludolf 'Weiland und als Mutter eines entzückenden Stammhalters. Sie und Elisabeth trafen sich öfters: Elisabeth hatte schon gemütliche Tage im Heim der Freundin verlebt.
Das alles überdachte Elisabeth, als sie heute, an ihrem Geburtstage, allein in ihrem Musik- zimmer saß. Ihr ganzes Leben zog an ihr vorüber Sie mußte dankbar sein für alles, was das Schicksal ihr gebracht hatte. Sie wußte, daß sie in Frau Schelmer einen wirklichen Menschen gefunden hatte, der Freud' und Leid mit ihr teilte und nur für sie da war.
Aber — warum war sie bisher an der Liebe vorbeigegangen? Warum war unter all den vielen Männern keiner gewesen, der ihr etwas bedeutet hatte — dessen heiße Wünsche sie hätte erfüllen können?
Elisabeths Hände griffen nach einem Driesblatt, das sie obenauf gelegt hatte auf die unzähligen Briefschaften, die heute aus aller Welt eingelaufen waren. Zum soundsovielten Male las sie die wenigen Worte — vielleicht, daß sie doch noch irgend etwas zwischen den Zeilen fand. Hier — hier in diesem Briefe lag die Antwort auf dieses Warum.
Elisabeth stöhnte leise. Lothar von Eckertsburg wäre der Einzige aewefen, der sie hätte erlösen, der sie zur Frau hätte machen können. 2lber er
düng. D. Red.» hat Gießen einen noch größeren Steueraussall durch das Verhalten des Staates.
3ch habe an Hand des Verzeichnisse» der Slrucr- einnabmrn vom letzten Vierteljahr festgestellt, daß Gießen al» Rücküberweisung von Steuern 460 000 Mark eingestellt hatte, elngegangen sind aber nur 241 000 Mark, so daß zur Zeit ein Steueraussall von 220 000 Mark vorhanden ist.
Unter diesen Umständen ist es kein Wunder, wenn bei den ständig steigenden Wohlfahrtslasten die Städte immer mehr in Schwierigkeiten geraten. Roch nie i st ein größeres Versagen des Reiche» und de» Staates f e st z u st e l le n gewesen. Man beschneidet den Städten die Mittel, legt ihnen aber immer noch weitere Verpflichtungen auf. In gleicher Weise verfährt der Staat auch bei der S o n d e r- gebäude steuer, wo er jetzt 8 Prozent beansprucht für einen Ausgleichs- und Umschul- dungsfonds der Gemeinden. Dabei ergibt sich die eigenartige Tatsache, daß die schlecht wirtschaftenden Städte geholfen bekommen, mit den Mitteln derer, die sorgfältig gewirtschaftet haben. Auch unsere Stadt wird dadurch wieder einen Ausfall erleiden.
Roch niemals ist ein Voranschlag im Finanzausschuß mit größerem Mißbehagen behandelt worden, als biefer. W i r haben auf Anträge verzichtet, weil keine Möglichkeit besteht, für Deckung zu sorgen und neue Steuerquellen nicht mehr ausfindig zu machen sind. Im Finanzausschuß haben wir einen Antrag eingebracht, der nach Zusicherung des Oberbürgermeisters in der nächsten Sitzung des Finanzausschusses beraten werden soll:
Die Erhöhung der Filialsteuer.
Obwohl der Finanzminister es abgelehnt hat, diesem Antrag zu entsprechen, weil die Rotverordnung des Reiches vom Dezember v. I. da» nicht zulasse, werden wir den Antrag immer wieder einbringen. Die Erhöhung der Filialsteuer will der Finanzminister unter Berufung auf die Rotverordnung des Reiches nicht gestatten, dagegen hat man unS aber jugemutet, die Realste uer auf den Landesdurchschnittsfah zu erhöhen. hier soll also die Rotverordnung nicht gelten. Durch die Erhöhung der Filialsteuer haben die Gemeinden die Möglichkeit, sich eine neue Einnahmequelle zu erschließen. Denn trotz des RiedergangeS der heimischen Geschäfte kommen immer mehr auswärtige Betriebe und reißen mit Erfolg das Geschäft an sich. Deshalb fordern wir durch unseren Antrag erneute Vorstellungen bei der Regierung und beim Landtag zwecks Erhöhung der Filialsteuer. Hoffentlich wird auf diesem Wege endlich eine gerechte Verteilung der Lasten erzielt.
Wenn die Lasten der Kommunen nicht vermindert werden, dürfte es keine Möglichkeit geben, wieder geordnete Zustände in den Kommunen herbeizuführen. Wir stimmen diesem Rotetat zu in der Hoffnuna. daß er das letzte trübe Bild vor unseren Augen sein möge.
Oberbürgermeister Or. Keller ersucht die Fraktion der SPD, einen Antrag auf Kürzung der Gas- und Strompreise heute loyal zurückzuziehen, da die Fraktion der Arbeitsgemeinschaft der Mitte auf einen gleichen Antrag
hotte geschwiegen, die ganzen Jahre über. 11 nb er mußte doch wissen, wie es um sie stand. Und auch sie glaubte, daß er sie liebte. Damals in München, damals wenigstens hatte er sie geliebt. Und während ihrer Krankheit in Leipzig, da hatte er sie einmal geküßt, auf die Stirn: sie wußte es genau, sie hatte er gemerkt, obwohl sie noch sehr krank war.
Es hatte Momente gegeben in diesen Jahren, in denen sie ganz verzweifelt war, in denen sie mit dem Gedanken spielte, sich dem verschlossenen Manne zu offenbaren. Aber dann kam sie wieder zu sich und wußte, daß das nie geschehen würde. Und wenn sie über ihrer Liebe zugrunde gehen mußte.
Sie hatten sich auch in der ganzen Zeit nicht allzuoft gesehen. Zuerst hatte Elisabeth in Amerika gelebt und auf ihren Gastspielreisen. Dann war Eckertsburg nach Japan gefahren, kaum, daß Elisabeth nach Europa zurückgekehrt war. Sie hatten sich nur kurze Zeit gesehen, in Berlin. Eckertsburg war von einem Onkel gerufen worden, der große Besitzungen in Japan besah, die Eckertsburg alle einmal erben würde. Und der Onkel hatte gebeten, Eckertsburg solle nach Japan kommen, um sich mit seinem späteren Besitz etwas zu beschäftigen.
Eckertsburg hatte von Japan aus öfter- geschrieben — Briefe, die von seinem Leben in Japan berichteten, von den Besitzungen, vom gesellschaftlichen Treiben: aber das, was Elisabeth zu hören wünschte, irgendwelche persönlichen Dinge, das wurde nie erwähnt.
Elisabeth schrieb die gleichen äußerlichen Briese wie er, schrieb von ihrer Arbeit, ihren Reisen. Sie wußte, daß Tante Schelmer Eckertsburg viel von ihren Triumphen schrieb, von den vielen Männern, die sich bei Elisabeth einen Korb holten. Aber Eckertsburg reagierte mit keinem Wort auf diese Berichte.
Diele Jahre hatte Eckertsburg in Japan zugebracht. Dann war er zurückgekehrt. und Elisabeth hatte ihn plötzlich in Bayreuth wiedergefehen. Mitten in einer großen Gesellschaft stand er ihr gegenüber. Sie sah fein schönes, bronzefarbenes Gesicht, die bunflen Augen, den graumelierten Kopf.
Wie gut sah dieser Marrn noch aus, trotz seiner fünfzig Jahre!
Auch er hatte sie bewundernd amzesehen, hatte ihr ein paar warme Worte gesagt. Dann war der König von Bulgarien dazugekommen und hatte das Wort an Elisabeth gerichtet. Eckertsburg hatte sich verbeugt, war gegangen.
Am anderen Tage hatte Eckertsburg sie unb Frau Schelmer zum Mittagessen getaben. Sie tauschten ihre Erlebnisse aus. Frau Schelmer. die sich die ganzen Jahre über heimlich über Eckerts- burgs Unzugänglichkeit geärgert hatte, wollte es
im Augenblick verzichtet habe. Die Verwaltung werde von sich auS tm Finanzausschuß bis zum Herbst in dieser Sache Aufklärung geben.
(SfaöfratemitgL Nicolaus (XB. Vgg.)
weist zunächst darauf bin, baß das deutsche Volk nach dem Kriege ein Geben geführt habe, al» ob e» reicher wie vor dem Kriege fei. unb bah deshalb vor allem die früheren Regierungen, nicht aber bie jetzige Regierung. Vorwürfe verdienen. Die drei Hauptmerkmale des Voranschläge» seien: 1. daS Fortbestehen der unverminderten Höhe der WohlfahrtSlasten alS Ausdruck der herrschenden Rot: 2 die Senkung der Ausgaben um rund 100000 Mark ohne bie Möglichkeit, diese Ersparnis sich in Steuer- senkungen auswirken zu lasten: 3. der R ü d g a n g der Eingänge au« Steuern und auS den städtischen Betrieben. Rachdem der Redner bie besonder» enge Verbundenheit des gewerblichen Mittelstände» und de» HauSbesitze» mit der Stadt betont hat, erklärt er u a Meine Fraktion hat stet- gegen die allmähliche Lastensteigerung und die Steuererhöhungen angekämpft, wobei sie Herabsetzung der Ausgaben forderte. Aber unsere Warnungen blieben vergeblich, man bat unter dem täuschenden Eindruck einer blühenden Wirtschaft große DewilligungSfreudiakeit gezeigt, bi» im vorigen Jahre die Krise auSorach. Heute sehen wir auch
in den Kreisen de» Mittelstände» große» Elend, die meisten dieser Existenzen sind ihrer Ersparnisse Im hau»- und Grundbesitz beraubt.
Mittelstandsangehörige müssen sogar alS Wohl- fahrtsempsänger erscheinen. Trotzdem glaubt da» KreiSamt, ei sei noch mehr an Steuern aus dem Mittelstand herauSzupressen. in»bcf. durch die Erhöhung der Realsteuern auf den Landesdurch- fchnittsfatz. Man übersieht dabei, daß jede weitere S t e u e r e r h ö h u n g keine neuen Mittel mehr einbringen wird, sondern sich in umgekehrter Richtung in Steuerausfällen auS- wirken muß. Wenn daS KreiSamt der Stadt Gießen zur Seite stehen will, dann geht der Weg nach Darmstadt. 3m Finanzausschuß unb die Presse haben wir jetzt erfahren, wie die hessische Regierung die Steuergelder, die ihr vom Reiche zur Weiterleitung an bie Städte überwiesen werden, zunächst für ihre eigenen Zwecke verwendet und dadurch die Schuld trägt an den finanziellen Schwierigkeiten der Städte. Würde ein solches Verfahren in einem Privatbetrieb angewandt, bann würden die verantwortlichen Männer mit dem Staatsanwalt Bekanntschaft machen.
Die hessische Regierung lädt durch ihr ver- halten die Verantwortung aus sich für alle Folgen, die sich ergeben, falle eine» lagt» die Stabt nicht mehr in der Lage fein sollte, ihre Verpflichtungen zu erfüllen, sei e» hinsichtlich der Auszahlung de veamtengehälter, der wohl- fahrtsunterstühungen oder anderer Forderungen.
Sine Regierung, bie berartige Praktiken verfolgt. hat das Recht verloren, sich als Vertreter ber Arbeiterschaft anzusehen Wir haben die Pflicht, gegen ein solche- Gebaren auf» schärfste Protest einzulegen unb zu forbern, baß bie Regierung bie Steuergelder, die sie für bie Stabt zur Weitergabe erhält, sofort d a -
ihm heute heimzahlen. Sie konnte nicht genug erzählen über die Triumphe Elisabeths, von den Männern, die ihr gehuldigt hatten. Frau Schelmer sah wohl, daß Eckertsburg tief erblaßt war und das alles nur mit Unbehagen hörte. Aber er sollte seine Strafe haben, das ging nicht ander».
2lm anderen Tage war er abqereist, ebenso plötzlich, wie er aufgetaucht war. Elisabeth hatte einen herben, wehen Schmerz gefühlt. Sie hatte kein Glück in ber Liebe: sie mußte sich bamit abftnben.
öeitbem hatte sie Eckertsburg nicht wiedergesehen. Er lebte auf seinen Gütern oder reifte in der Welt herum, vermied eS jedenfalls, mit Elisabeth zufammenzutreffen.
Elisabeth stützte den Kopf in bie Hänbe. Tränen kamen aus ihren Augen. Wenn sie nur arm gewesen wäre, ohne irgenbetn Talent — nicht- anderes wollte sie besitzen alS den Mann, den sie liebte. All der Luxus, der sie umgab, den sie sich erworben hatte mit ihrer Stimme, ber machte sie nicht glücklich, auf den hätte sie gern verzichtet. Sie fühlte sich so einsam, so zwecklos. Ob da» nun immer so bleiben würde?
Elisabeth zwang sich, ihren Gedanken eine andere Richtung zu geben. Unter den vielen "Briefen war auch ein Glückwunsch Traute Weiland- gewesen und bie bringenbe Einladung, nach Dresden zu kommen. Elisabeth habe jetzt Ferien, sie wolle ungestört sein vom gesellschaftlichen Trubel: draußen in der Lofchwiher Villa der Weiland- Würde sie diese Ruhe finden unb ein paar Menschen bazu, bie sich innig freuten, Elisabeth unb Frau Schelmer bei sich zu sehen. Ramentlich der Heine Hans wäre schon selig in dem Gedanken, Tante Elisabeth bei sich zu haben
Elisabeth überlegte. Diese Reise nach Dresden lockte sie: sie hatte Traute schon so lange nicht gesehen — man würde also hinüberfahren, gleich am nächsten Tage.
Elisabeth verständigte Frau Schelmer. Dann ging sie in die Stadt, Geschenke für Dresden einzukaufen.
Als sie, mit Paketen beladen, heimkehrte, war Lothar von Eckertsburg da. Er war plötzlich hereingeschneit, ohne sich anzumelden. Irgendeine Laune mochte ihn plötzlich überfallen haben.
Herrliche Blumen hatte er mitgebracht al- GevurtStagsgeschenk für Elisabeth unb ein schmale» Platinarmbcmb mit einem einzigen großen Stein.
Elisabeth formte bie Seligkeit nicht ganz verbergen, bie au» ihren Augen strahlte, a& sie bem geliebten Manne gegenübertrat. Mich er war weicher gestimmt als sonst. Unb er selbst äußerte ben Wunsch, bie beiben Damen nach DreSben zu begleiten.
' - v * ^Fortsetzung folgt)


