Ur. 176 Zweites Blatt
Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Freitag, 29. Zull 1952
Robinson mit Vorortskarte.
Abenteuer in der Lüneburger Heide.
Von Karl Ey.
Man braucht nicht unbedingt in die Südsee oder nach den Galapago-Jnseln zu fahren, um das Ungewöhnliche zu erleben. Dicht vor den Toren jeder Stadt bietet sich Gelegenheit, das Abenteuer zu suchen und zu finden, wenn man es nur versteht, auch dem Alltag seine Aeize abzuaewinnen. Unser Mitarbeiter Karl C y hat seine Ferienzeit zu dem Versuch benutzt, in der weiten Lüneburger Heide das Leben eines Robinsons zu führen. Das* gelingt ihm zwar nicht ganz so, wie er es sich dachte, Aber dafür macht er eine Entdeckung, die ein bürgerliches Vermögen wert gewesen wäre, wenn nicht —
Ferien als Robinson.
Wenn man eine Urlaubszeit von vier Wochen vor sich liegen hat, auf dem Tisch sich die Däder- reklamen und die Prospekte der Ferienfahrten der Reedereien mit ihrem unwahrscheinlich blauen Meer und der unwahrscheinlich hübschen Dame unter unwahrscheinlich grünen Palmen häufen, durch das offene Fenster der anrüchige aber würzige, fernwehgcschwängerte Duft des Hamburger Hafens dringt und man dann noch nicht weist, ob und wohin man reisen soll, so pflegt das seine Ursachen zu haben.
Meistens ist der Grund die mit unzähligen -Zahlen bekritzelte Rückseite eines alten Briefumschlages, dessen Endsumme irgendwie mit unseren Wünschen nicht in Einklang zu bringen ist, und dieser Grund lag auch bei mir vor.
Cs war also die zeitgemäste Geldknappheit. aber auch das Verlangen nach einem austergewöhnlichen Erlebnis, das mich zur Ausführung eines langgehegten Vorsatzes Der» anlastte. Einmal einige Wochen inmitten der Heide in der freien Ratur das Leben eines Robinson, mutterseelenallein unter freiem Himmel zu führen.
Die weite Heide.
Eine Eisenbahnstunde hinter Hamburg beginnt schon die Lüneburger Heide, aber wenn der Zug, der hinter Buchholz nach Bremen oder Lüneburg weiterfährt, von einem naturschwärmerischen Reichsbahnfiskus geradenwegs durch die Heide weitergeführt würde, so müßte er noch zwei gute Stunden gebrauchen, um das tote Land au durchfahren. Das tote Land? 2m volkswirtschaftlichen Sinne vielleicht. Kleine Katendörfer, sandiger Boden unendliche Einöde, unheimliche Täler, verschollene Hünengräber — alles Sachen, die finanzpolitisch nicht gut zu „ergreifen" sind. Sonst aber ist die Heide lebendig genug. Lebendig mit einem vielfältig scheuen Tierleben und in den letzten Jahrzehnten auch mit Wanderern und Touristen, die in dieser einst verpönten Gegend herzbeklemmende Schönheiten entdeckt haben.
Vom Reisetagebuch der Madame de Stael, dem toten Land vom Ausmaße eines Herzogstums eine Bevölkerung von wilden Sitten „nommSe Haidnuken" zuschrieb, bis zu dem Dichter der Heide Hermann Löns ist ein weiter Sck)ritt. Die Lüneburger Heide ist modern geworden. Alljährlich lockt sie Tausende aus allen Teilen Deutschlands in ihren Bann. Der Naturschutzpark bei Wilsede zählt zu den zwölf besuchtesten landschaftlichen Schönheilspunkten des Reiches, große Hotels im niedersächsischen Stil bieten den Gästen in Falling
bostel und Walsrode und den anderen Heidezentren den Komfort der Großstadt mit der überwältigenden Schlichtheit der Landschaft. Sonderzüge fahren in die Heideblüte, Touristenautos kriechen über staubige Chausseen, Wandervögel singen ihre Lieder, aus Lokalen ertönt Tanzmusik, aus Strohdachhäu- fern dle Stimme des Lautsprechers mit den Vieh- marklnotierungen.
Aber zwischen den fetten Dörfern am Rande der Heide, zwischen den Wegen der Wanderer und Rundfahrtautos liegen noch immer große G e - bietsteile in märchenhafter Einsamkeit, gibt es Komplexe von vielen Quadratkilometern, die kein ausgetretener Weg durchschneidet, die unberührt daliegen, stumm, drohend und lockend zugleich, fernab vom Wege der Heidebesucher und Heidebewohner scheinen sie von vergangenen Zeiten zu träumen.
Hier wollte ich versuchen, drei Wochen mein Leben zu fristen, mir selbst ein provisorisches Unterkommen zu errichten und von dem zu existieren, was mir die Heide und der Wald zu bieten hatten, oder was ich ihnen abringen konnte. Um es vorweg zu sagen: Ich fand vieles, was ich suchte, aber auch etwas, was ich nie und nimmer erwartet hätte.
Wildwest made in Germany.
Wir wollen das Dörfchen Katendorf nennen, das drei Wegstunden von der nächsten Kleinbahnstation mit zäher Kraft auf dem Heidsande wurzelt. Richt seit gestern und heute. Die alten niedrigen Dächer weisen auf eine jahrhundertalte
In der Zeit vom 1. bis 3. August wird eine alle Erwartungen übertreffende Zahl von Teilnehmern das 8 0. Stiftungsfest der Verbindung Wingolf begehen und im „alten feuchten Rest", ihrem „Gießen an der Lahn" singen von der alten Burschen Herrlichkeit. Sie wird sein Banner grüßen, das Schwarz und Weist und Gold.
Mit Recht hat der Geschichtsschreiber der deutschen Universitäten, K. v. R a u m e r, gesagt, daß die Geschichte des Studententums mit dem Wingolf in eine neue Phase ihrer Entwicklung eingetreten ist. Die Wiederaufnahme des religiösen Verständnisses in das Leben der einzelnen Studenten und ihrer Gemeinschaften, diese Reform ihrer inneren Gesinnung ist die Tat des. Wingolfs; er wollte den lebendigen Beweis liefern, dast es nötig sei, das Christentum in den Mittelpunkt des gemeinschaftlichen Lebens während der akademischen Zeit zu stellen. Unter Einwirkung des neu erwachten Glaubenlebens und des neu erstandenen Sinnes für geschichtliche Werte ist er naturwüchsig auf dem Boden deutscher Hochschulen emporgeblüht. Das altnordische „Wingolf", literaturgeschichtlich durch K l o p st o ck geworden, bedeutet nach ihm „Tempel der Freundschaft":
Den segne Lied, ihn segne beim festlichen Entgegengehn mit Freudenbegrüstungen, der über Wingolfs hohe Schwelle heiter, im Hain gekränzt, hereintritt.
Die ganze Lenzflur streute mein Genius, der unfern Freunden rufet, damit wir uns hier in des Wingolfs lichten Hallen unter dem Flügel der Freud umarmen.
Existenz Zurück, die durchfurchten Gesichter der Bewohner haben alle denselben Schnitt derselben Sippe, der sich nicht in ein- oder zweihundert wahren entwickeln kann. Jawohl, durchfurchte Gesichter, denn im ganzen Dorf gibt es scheinbar nur alte Männer. Die Jugend ist ausgeflogen. Zwar sind noch flachsköpfige Kinder da — eine ganze Schulklasse voll —, aber der Lehrer erzählte mir in dem stillen Heidekrug, der gleichzeitig der einzige Laden des Ortes ist. dast sic nach der Scbul- cntlaffung fast alle in die größeren fetteren Dörfer in Dienst gingen.
3a, dieser Heidekrug. Woran erinnerte er doch mit seinem rauhen Mobiliar, seiner merkwürdigen Theke, seiner fast völligen Abwesenheit von Bier und den geräumigen Schnapsflaschen? Woran erinnerten doch diese schweigsamen Bauern, die bedächtig tranken, bedächtig sprachen, die Gesichter verwittert, erdgebunden und doch verwegen? War in ihnen nicht etwas von dem zähen Hinterwäldlertum Kentuckys? Rief nicht die Abgelegenheit des Ortes, die dünne Telephonlinie, die von draußen hierher führte, irgendwie Erinnerungen an Grenzlerkaffs des Westens hervor?
Ja. einmal an diesem Abend, als wir — der Wirt, der Lehrer und ich — unter der schwelenden Petroleumlampe sahen, brauchte ich nur die Rügen zuzumachen, um mich sechstausend Kilometer nach Westen verseht zu fühlen. Das war, als der Wirt von dem Renomiergast erzählte, dem Mann, der vor zwanzig Jahren die Stabt- bank in H. beraubte, hier in Katendorf zuletzt gesehen wurde und bann in der Heide verschwand, um niemals wieder aufzutauchen. Eine Million habe er geraubt, sagte der Heidkröger, aber solche Summen pflegen ja im Laufe der Jahre immer phantastischer anzuwachsen.
(Fortsetzung folgt.)
Auf dem Wartburafest des Jahres 1852 hatten, vorn Marburger Wingolf eingeladen, vier Studenten aus Gießen Gelegenheit, die Wingolfs- Sache näher kennenzulernen; voraus ging am Sonntag vor Pfingsten auf der B j be n b u r g ein Treffen ber Marburger mit sieben Gießenern. Begeistert kehrten bie Wartburgfahrer zurück. Ein zunächst gestifteter namenloser Verein von Studierenden zum Zweck religiös-wissenschaftlicher Beschäftigungen und geselliger Unterhaltung an bestimmten Kneipabenden wuchs sehr rasch und stellte als Prinzip im ersten Kränzchen fest ein gemeinsames Streben nach festem christlichem Glauben. Kränzchen (wöchentlich einmal) und Kneipe (wöchentlich zweimal) hatten je einen Präses, dazu je einen Vizepräses; außerdem wurde im Garten von Professor Osann öfter abends gefochten und geturnt. Einer Einladung zum Hallenser Stiftungsfest am 6. Juli folgten zwei, und eine Kommission arbeitete nach dem Muster der Hallenser einen Statutenentwurf für den Gi. W. aus. Bundesprinzip wurde „Glaube an Christum" und damit das Duell und andere damals allgemein eingerissene studentische Unsitten abgelehnt. Die akademischen Behörden machten keine Schwierigkeiten und die Frage, ob zum Farbenband auch Farbenkappen getragen werden sollten, der „Kappenstreit", j wurde nach einem Treffen mit den Marburgern auf der Spiegelslust schnell zugunsten der Farbenkappen entschieden. Vierzehn Tage nach der Gründung am 15. August 1852 erfolgte am Morgen eines trüben und Regen drohenden Sonntags auf dem Gleiberg die Stiftung. Arndts „Sind wir vereint zur guten Stunde" und Luthers „Ein' feste Burg" bereiteten den Akt der feierlichen Verpflichtung auf Statuten und Prinzip des. Wingolfs durch Namensunterschrift
und des Anlegens der Bänder vor. In ber Folgezeit bekommt dann bas „Althäuserkolleg" viel bei der großen Zahl ber Füchse zu tun; gerühmt wirb von den Brüdern aus dem Bund bie Frische der Gießener. Ein „Fuchskränzchen" unter dem „Fuchsmajor" wurde errichtet, Sonntagsabendkränzchen im Winter (später „Familienabende") und offizielle Spazierggnge vereinigten immer die ganze Der- bindung. Spezifisch theologische Kränzchen leitete öfter ein Stifter D r. Zöckle r (damals Privatdozent, gestorben 1906 als Professor der Theologie in Greifswald), ebenso ein Missionskränzchen, auch für Nichttheologen. Es gab ein Musikkränzchen, Quartett, Kneipzeitung.
Hatte der Gi. W.. ähnlich wie die 1851 entstandene Burschenschaft Germania, unter den bislang das Feld beherrschenden Korps Teutonia, Hassia, Starkenburgia und Rhenania allerlei iln- annehmlichkeiten zu bestehen, so schien 1854 von anderer Seite, dem Disziplinargericht her. seine Existenz gefährdet. Man hielt die enge Verbindung zwischen Aktiven und Alten Herrn („Philistern") für staatsgefährlich und beanstandete das enge Verhältnis zwischen den Verbindungen des Ge- samtwingolfs; da fand er im Lehrkörper der Universität kräftige Fürsprecher. In vollem Wichs zeigte er sich zum erstenmal bei dem feierlichen, Auszug der gesamten Studentenschaft im Jahre 1854, wo ein Student von städtischen Polizeibeamten in das städtische Arresthaus gesteckt wurde. Auf Anregung eines jüngeren Wingolssphilisters bildete sich 1861 ein Zusammenschluß des Wingolf, der Germania und der aus einer Vereinigung von Richtverbindungsstudenten entstandenen Allemannia. der „Präsiden-Konvent" (P. C.), der bis 1863 in allgemein studentischen Angelegenheiten gegen die Korps auf trat. Das 5. Stiftungsfest brachte die Weihe der neuen Fahne. Kneiplokal war von 1852 57 das „Deutsche Haus" (Kunz), von 1857/65 das sogenannte Promenadenhaus an der Lahn, 1865 die Restauration Dramm in der Reustadt. 1866/77 der „Goldene Löwe" im Reuenweg. Unter den 174 Mitgliedern des Gi. W. bis zum S. S. 1872 waren nur 13 Richthessen; auch Hessen besuchten damals nur selten noch andre Hochschulen. 97 Theologen standen in dieser Zeit 77 Richttheologen gegenüber; das „silberne Lahn- bändel" verband eng die beiden hessischen Universitäten und ihre Wingolfe. Ein Gießener Philister gab den Anstoß zur Gründung der Straßburger Argentina, deren Lied nach dem Verlust Elsaß- Lothringens häufiger denn je auf der Kneipe des Gi. W. angestimmt wird.
Abhold ber Parteipolitik begnügte sich ber Gi. W. damit, unter stiller Einwirkung des in ihm mal« tenben christlichen Geistes Männer heranzubilben, bie einmal im politischen Leben bie Grunbsätze bes Christentums vertreten sollten. In lebhaften ^Beziehungen stand er zu Ernst Moritz Arndt, dessen Ziel einer inneren Wiedergeburt des gesamten studentischen Lebens durch den sittlichen Geist des germanischen Christentums ja auch sein Ziel war. Wie Vater Arndt, sah auch der Wingolf in Duellen und Trinkgelagen die „alten Erbübel deutscher Universitäten". In seinem Archiv befindet sich als Kleinod das Antwortschreiben des großen Deutschen auf das Glückwunschschreiben des Gi. W. zum 90. Geburtstag: „Liebe Jünglinge! Ihr habt Euch im Wingolf, in ber Freunbeshalle, ein gemeinsames Haus freunbfetiger Genossenschaft unb Freube gebaut. Segne Gott Euer Haus unb lasse nimmer etwas Unreines unb Tückisches über seine Schwelle treten. Ihr gehört einem edlen Stamme an, fast dem glorreichsten in römischen und deutschen Geschichten. Strebet Euren Vätern zu, nicht bloß durch Männlichkeit und Tapferkeit, sondern durch jene Tugend der Strenge und Zucht, wodurch unsere Altvordern schon Männer ersten Ranges in der Weltgeschichte, einen Cäsar und Tacitus, erschreckten, in deren großem Geiste die Gefahren der Zukunft Roms aufdämmerten. Also seid frisch und wach, Ihr
80 Lahre Gießener Wingolf.
MG Mel.
Original-Roman von Anny von panhuyö. Copyright by Verlag A. Bechthold, Braunschweig. 20 Fort! , Rachdruck verbotenl
„Fix und Rix" traten in Paris auf. Lil beherrschte die französische Sprache ebenso, wie sie auch englisch und italienisch beherrschte und Melchior Stampfer! paukte sie ein paar französische Brocken ein, durch die ihre Rümmer noch komischer wurde. Ganz Paris wollte „Fix und Rix" sehen,, so großartig waren die Kritiken nach dem Erstauftreten gewesen. Und hier erwähnte auch eine Zeitung zum erstenmal, der famose Clown Fix wäre ein« ungewöhnlich reizvolle, blonde, junge Dame. Allabendlich war das Variete, darin das Paar auftrat, bis auf den letzten Platz ausverkauft, und von Paris aus'wurde der Ruf der Clownsnummer so laut, daß er bis Amerika drang. Ein Vertrag mit unheimlich hoher Dollargage zog „Fix und Rix" über das Meer. Ein paar Monate später lieh Lil durch einen deutschen Rechtsanwalt in Reuyork alles bezahlen, was chr Vater noch an Schulden hinterlassen hatte. Der Reuyorker Anwalt hatte an Justizrat Stoll in Frankfurt a. M. schreiben müssen, dem ihr Vater immer seine Aufträge gegeben, und mit dem er befreundet gewesen, und der wiederum erkundigte sich an Ort und Stelle, wer noch Forderungen an Eduard Körner hatte, und in welcher Höhe sie waren. Lil konnte die genannten Summen ohne Schwierigkeit bezahlen, denn die Dollargagen füllten rasch ihre Kasse. Sie besaß schon ein annehmbares Konto. Man erfuhr natürlich nun in Frankfurt durch den Iustizrat und die zufriedenen, plötzlich restlos bezahlten Gläubiger Eduard Körners, daß Lil reich geworden sein müsse. Der Reuyorker Anwalt hatte nur geschrieben:
„Im Auftrage der Tochter Lil des verstorbenen Bankiers Eduard Körner vermittele ich die Bezahlung der Restsummen."
Aber niemand erfuhr, wie die Tochter Eduard Körners in Reuyork lebte, unb ob sie vielleicht verheiratet war. Man nahm das aber als sicher an. Sie sollte mit einem elenden kleinen Wanderzirkus vor etwa mehr als zwei Jahren Frankfurt verlassen haben. Sie mußte sich aber wohl bald wieder ein anderes Unterkommen gesucht und dann irgendwie einen reichen Amerikaner kennengelernt haben. Rur so konnte sie- jetzt bezahlen, wozu das durch den Konkurs eingebrachte Geld nicht gelangt. Richt im entferntesten dachte jemand daran. £i,k#tiinn* als Clown, über den man in einer Wvhltätigkeitsvorstellung allerdings sehr gelacht, soviel Geld verdienen, daß sie den
Ramen ihres Vaters frei machen konnte von dem trüben häßlichen Rachruf, er hätte andere um ihr Geld gebracht. Sie war glücklich, als sie, die eben in Chikago jubelnde Erfolge feierte, von dem deutschen Anwalt in Reuyork hörte, es wäre alles erledigt, und sie die Quittungen in Händen hielt.
Sie preßte die Papiere an die Lippen: „Run bist du frei von Schuld, Vater, nun darf dich niemand mehr Gauner und Bettüger nennen, niemand!"
Ein paar Tränen aus tiefstem Herzensborn fielen auf die Quittungen.
Melchior Stampfer! lobte: „Du bist eine Tochter, wie sie sein soll. Herrgott, ich glaube, man kann weit laufen, ehe man wieder so einem Mädel, wie du eins bist, begegnet. Der Mann, um den du dich, wenn du es auch nicht zugeben willst, immer noch grämst, ist ein Rarr. Er hätte dich nicht so blödsinnig behandeln dürfen. Dir sieht man es doch an den Augen an, was für 'ne prachtvolle Sorte von Mensch du bist."
In Frankfurt aber verbreitete sich das Gerücht, Lil Körner wäre in Reuyork mit einem steinreichen Amerikaner verheiratet und das Gerücht drang auch in das kleine Haus in der Lindenstraße, deren Bewohner sich, bei oberflächlicher Betrachtung, eigentlich nicht verändert hatten. Blickte man aber aufmerksamer hin, sah man, die Baronin hatte tiefe Schatten unter den Augen und sie ging sehr langsam. Ihr Herz war schon lange nicht mehr allzu widerstandsfähig, und im letzten Jahre machte es ihr unangenehm viel zu schäften. Werner war zuweilen sehr besorgt. Auch Werner selbst schien um viele Jahre älter. Hm seinen Mund tag ein herber, trauriger Zug. Seine Mutter drängte in letzter Zeit sehr, er solle heiraten, sie fühle sich so matt, die kleinen Haushaltungssorgen ermüdeten sie immer überschnell
„Es müßte eine junge Frau ins Haus, die sich um alles kümmert", meinte sie eines Tages, „ich möchte entlastet werden. Heirate Celia Kurz- mann", riet sie, „sie ist hübsch, klug und sehr reich, und wenn sie auch Witwe ist, bringt sie dir doch keine Kinder mit.“
Werner schüttelte den Kopf.
„Rein, Mutter, ich heirate weder die Gräfin Kurzmann, noch eine andere. Ich heirate überhaupt nicht. Wenn du Entlastung im Haushalt brauchst, was ich eftlsehe, wollen wir eine Dame engagieren, halb Gesellschafterin für dich, halb Hausdame."
„Warum willst du denn durchaus nicht heiraten?" fragte di« Baronin verstimmt, „kannst du denn das verdrehte Mädel, die Lil, nicht vergessen. Sie denkt sicher nicht mehr an dich, sie ist ja. toi« man hört, die Frau eines reichen Amerikaners geworden."
Er entgegnete abtoehrend: „Ich denke nicht mehr an Lil, aber ich habe kein Verlangen nach einer Lebensgefährtin. Du weißt, di« Zeit, die mir meine Pattenten lassen, gehört schon seit zwei Jahren den Versuchen mit meinem neuen Heilverfahren. Ich brauche aber ein Haus, eine Stätte, wo ich di« Menschen aufnehmen könnte, di« zu mir kommen, sobald ich ruf«. Ich habe meine Methode der Wissenschaft unterbreitet, haße viel Ruhm geerntet, aber auch ein schweres Pack Reid und Anfeindung mit in Kauf nehmen müssen. Doch Reid und Anfeindung stören mich nicht, den Weg zu gehen, den ich für richtig halte. Meine Heilungen werden begeistert gefeiert, aber ich bin so gebunden, kann nur zu wenigen helfen. Linser kleines Vermögen ist schon dabei draufgegangen. Die Blätter beschäfttgen sich bereits mit dem Fall."
Es war Monate nach dieser Unterhaltung zwischen Mutter und Sohn. Lil war von Amerika zurückgekehrt und trat gerade in Reapel auf, wo die lebhaften Italiener begeistert der Rum- mer „Fix und Rix" zujubelten, als Lil ein deuftches Blatt in die Hände geriet, das einen Artikel über ein neues Heilverfahren brachte, mit_ dessen Hilfe Menschen, die schon jahrelang gelähmt gewesen, wieder den vollen Gebrauch ihrer Gliedmaßen zurückgewännen. Dr. Baron Sturm in Frankfurt sei der Erfinder des Heil- verfahtens. Leider mangele es an Geldern, um di« Versuch« so auszudehnen, wie es wünschenswert wär« zum Besten der Mitmenschen. Dr. Werner Sturm hätte sein eigenes Vermögen schon dafür hergegeben. Der Schlußsatz lautete: Es ist 3u Höften, es findet sich ein Menschenfreund, der reich genug ist, da helfend einzuspringen.'
Lil las das, und ganz eigene Gedanken kamen ihr dabei.
15. Kapitel.
G räfin Celias Plan!
Die Gräfin Celia Kurzmann war sehr hübsch und von pikantem Reiz, nur ihr Gesicht, das meist so liebenswürdig und harmlos dreinblickte, sah oft, wenn sich Celia unbeobachtet fühlte, gelangweilt und mißmutig aus. Auch war sie hoch- müttg und konnte leicht verächtlich die Rase rümpfen. Celia Kurzmann hatte damals kurz nach Lils heimlichem Verlassen des kleinen Hauses in der Lindensttahe Werner Sturm kennengelernt. Er gefiel ihr und sie nahm jede Gelegenheit wahr, ihn das merken zu lassen. Aber so deutlich sie auch wurde, er schien nicht einmal zu ahnen, was sie von ihm wünschte.
Sein Widerstand reizte Celia noch mehr und sie verbohrte sich immer tiefer in die Ide« hinein, feine Frau zu werden.
Er war im letzten Jahr« wohl zu einem der gesuchtesten Aerzte der Stadt geworden. Die Kranken kamen schon an den Rachbarstädten zu
ihm und auch von weiter her. Er hatte jetzt einen Assistenzarzt, ©eilte Erfolge, aus atmen Gelähmten wieder frohe, hoffnungsvolle und gesunde Menschen zu machen, führten ihm immer neue Patienten zu.
Celia wußte durch ihre Tante, Frau von Welp, daß sich Werner Sturm mit dem Gedanken trug, ein eigenes Krankenhaus zu eröffnen, in dem er nur Gelähmte aufnehmcn wollte. Sie wußte aber auch, ihm fehlte das Geld zur Ausführung seines Vorhabens. Das bracht« sie auf rinen Plan. Sie setzte die Idee sofort in die Tat um und telephonierte an Werner Sturm, ob sie ihn nicht heute noch, mindestens aber sehr bald, sprechen könne, es handele sich um das Projekt eines Krankenhauses. Sie habe davon gehört und könne ihm einen guten Rat geben.
Werner Sturm stutzte. Celia Kurzmann wollte ihm einen guten Rat wegen dem Krankenhaus geben, das er so gern, so brennend gern zu haben wünschte? Er schüttelte den Kopf, aber er antwortete: „Das Thema ist für mich zur Zeit das wichtigste auf der Welt. Wann darf ich zu Ihnen kommen, Frau Gräfin? Zwischen achtzehn und zwanzig Uhr bin ich frei."
Sie gab sofort Antwort, die Zeit passe ihr ausgezeichnet. Jetzt war es erst sechzehn Tlhr, also konnte sie noch die raftinierteste Toilette machen. Unb das tat sie auch. Meta hatte heute nichts zu lachen, denn ihre Herrin war gar nicht zufrieden mit ihr. Richts war ihr recht, nichts gefiel ihr. Drei Kleider zog sie an unb wieder aus, erst das vierte Kleid, mattgrün mit einer Umrandung von weißen Rosen in erhabener Seidenstickerei, hatte ihren Beifall. Dazu schlüpfte sie in Silberschuhchen und steckt« lange Smaragdgehänge in die Ohrläppchen. Sie hatte wundervoll geformte, schmale Hände, die köstlichen Ringe, die sie auf die Finger zo^ lenkten die Blick« sofort auf die feinen SjäiAc, di« toi« herrliche Kunstwerke waren, wie Schirktzereien aus Elfenbein. Celia erinnerte sich, ‘fterner Sturm hatte einmal zu ihr in einer kleinen Gesellschaft gesagt, sie hätte di« vollendetsten Hände, die er jemals gesehen.
Sie lächelte. Vielleicht gelang es ihr heute, den zurückhaltenden Mann einzufangen. Sie wollte einen Gatten, der etwas Besonderes war, einen, mit dem man sich in den Zeitungen beschäftigte. Reulich hatte jemand zu ihr geäußert: Dr. Sturm ist im Begriff, eine Berühmtheit zu werden!
Wenn ein Mann im Mittelpunkt des Interesses steht, wird auch seine Frau gehuldigt. Sie wollt« einen Mann, von dem man sprach, dessen Bild die Illustrierten brachten, übet den man hin- und fjerftritt, und der gefeiert wurde. Heutzutage ehrte man solche Leute, wie früher kaum einen Fürsten.
(Fortsetzung folgt)


