Nr. iOO Zweites Blatt
Wietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderhetzeit)
Srenag, 29. April 1932
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Raum für alle.
„Solch ein Gewimmel möcht ich sehn — ein freies Volk auf freiem Grundc!" Die faustischen Worte Goethes bergen einen auster- ordentlich starten Anreiz für cm Problem, das an» in dieser Zeit sehr nahe berührt. Da liegen Millionen non arbeitsamen Menschen aus der Straste, sie warten daraus, dast ihnen wieder ihr Brot gegeben wird, das sie sich ja so gern selbst erarbeiten möchten. Der deutsche Arbeit- ichmcr hat zu viel Ehrgefühl im Leibe, als dast ihm eine Situation angenehm sein könnte, in der ihm der Staat oder die Gemeinde ein paar Mark „Unterstützung" in die Hand drücken — .so, nun sieh zu. wie du damit auskommst!" Für die Stellen aber, die diese Betrage zur Auszahlung bringen — auf Grund gesetzlicher Destim- inungen oder moralischer Verpflichtungen — wird i es von Tag zu Tag schwerer, die erforderlichen
Mittel bereitzustellen, die den Arbeitslosen nunmehr nach Recht oder Gewohnheit zustehen. Geber und Rehmer suhlen das unsäglich Schwierige dieses Zustandes, und keiner weist zur Zeit, wie tt diesem Dilemma ein Ende bereiten könnte
Allmählich aber kommt immer mehr der Allgemeinheit zum Bewußtsein, dast es auch beim .-twaigen Anbruch einer besseren Zeit nicht möglich sein wird, für die mehr als 6 Millionen lahmgelegten Kräfte die Arbeit zu schaffen, die fie ernährt. Unsere Arbeitsmöglichkeiten sind geringer geworden, der Produktionsprozeß der Wirtschaft wurde eingeengt und bleibt verringert, cveil die Konkurrenz des Auslandes zusammen mit der Ueberrationalisierung des Inlandes es nicht mehr dulden, dast genügend Menschenhände beschäftigt werden. Wir müssen uns vertraut machen mit der harten Erkenntnis, dast es besten- salls möglich sein wird, ein Maximum von drei Millionen Menschen in den Arbeitsprozeß wieder cinzugliedern. Die anderen, die Ueberzähli- gcn. bleiben vor den Fabriktoren stehen ...
Dars je daran gedacht werden, diese bedauerns- roerten Mitmenschen nun einfach ihrem Schicksal zu überlassen? Das will niemand in Deutschland — es könnte ja auch niemand verantworten. 2Ibcr wer — wie etwa die Gesellschaft zur Förderung der inneren Kolonisation- der aus diesem Tatbestand erwachsenden Ausgabe ernstlich zu Leibe rückt, wird auch Hilfsquellen sinden, damit nicht der Hunger den drei Millionen zunächst einmal „überzähligen" Menschen droht.
Der Siedlungsgedanke must endlich verwirklicht werden. Schon einmal haben wir den rechten Augenblick verpastt, damals, nach dem Kriege, als der Taumel des Umsturzes die Menschen aufsässig machte, die an sich bereit waren, unter sehr bescheidenen Verhältnissen sich ihr 3rot von der Scholle zu erarbeiten. Aach üppigen Jahren mit steigender Lohntendenz geht es heute wieder so vielen Menschen schlecht, dast sie' bereit sind, unter Zurückstellung der bisher schon nicht recht vertretbaren Ansprüche in einfachsten Verhältnissen durch ihrer Hände Arbeit ihr Leben zu fristen. Gibt man ihnen jetzt Gelegenheit zum Siedeln, dann kann der grobe Wurf wohl gelingen. zumal da ja -woTge der Tätigkeit des Ost- kommissarS in aller ^ürze bereits Tausende von Morgen Kulturls^dder Siedlung zur Verfügung stehen.
Preusten hat sich bisher immer damit gebrüstet. wie groste Arbeiten es auf diesem Gebiete bisher erfolgreich durchgeführt hat. Man denke: 10 000 Sicdlerstcllen wurden einmalig 1931 geschaffen, und wenn die einzelne Stelle noch vor einiger Zeit bis zu 30 000, ja 40 000 Mark gekostet hätte, so würde sie im vergangenen Jahre bereits mit 15 000 Mark zu errichten gc- toefen fein. Ist dieser Stolz berechtigt? Ach nein, e s genügt bei weitern nicht, 10 000 ober gar 50 000 Menschen umzusiedeln: die Aufgabe lautet vielmehr: In aller Kürze sind mindestens eineinhalb Millionen Menschen aus der Stadt auf das Land zu ver-
West-östliches Lustspiel.
Bemerkungen zu Henry Benraths Roman „Bail ans Lihlos; Aobolnow".
Dieses vor kurzem erschienene Buch') ist in Stil und Aufbau so rnteressant, wie cs in seiner Fabel und seinem Zeitgehalt anspruchsvoll und bedeutsam erschernt: der Erzähler macht hier ein Experiment. welches — in der Konsequenz seiner Durchsührung — entschieden ein Aovum in der deutschen Literatur darstellt: er schreibt einen Roman mit aller Anerkennung dessen, was nach den gültigen Gesehen für diese Gattung gefordert wird ... und übernimmt zugleich »ein wesentliches et i kleinen t aus der dramatischen Schwesterkunst. indem er säst die gesamte Hand- lung, den weit überwiegenden Teil seines Textes in Dialog auflöst.
Diese Verschwistcrung von epischer und dramatischer Form geht so weit, dast eigentlich alle Partien des Buches, die nicht in direkter Rede erscheinen, nur als unumgängliche Milieu-An- bcutung. Exposition, Aegiebemerkung oder Per- sonalauszug gelten können. Lind auch das nur, soweit es — um nicht in Manier und blobc Spielerei abzugleiten — erforderlich schien: gerade Die- Umwelt und die Persönlichkeiten des Buches sollen ja durch die Unmittelbarkeit und lebendige Acußcrung des Gespräches vorgestellt und charakterisiert werden.
Wir haben also hier so etwas wie ein Lustspiel in Buchform, ein Gesellschaftsstuck mit Zcit- beziehung und Hintergründen, mit Scherz. Satire. Ironie und tieferer Bedeutung, einen Ro- inan- aus Gesprächen zusammengesetzt, wie man ihn im 18. Jahrhundert nach berühmten eng- lieben Mustern in Briefen aufzubauen liebte.
Auch hier darf vielleicht auf eine noble englische Tradition hingewiesen werden: man fühlt sich mehr als einmal — bei aller Anerkennung her lehr selbständigen geistigen Haltung dieses Romans — an Oscar Wilde erinnert: und die mit dem Autdr identische Zentralfigur im „Ball auf Schloff Kobolnow". Henry Denrath, scheint uns mit dem eleganten und frivolen Raisonneur Lord Henry Wotton im „Dorian Gray" verwandt
’) Henry Denrath: „Da ll auf Schloß K o b o l n o ro“. Roman. 298 Seiten. Drofchiert 3.75 Mark, Leinen 5.25 Mark. Deutsche Verlags- Anstalt, Stuttgart, Berlin. — (69)
pflanzen. DaS ist kein Ding der Unmoglufcleil; Griechenland, Ehina haben bereits bewiesen, dah sie noch viel mehr Menschen auf diese Weise zu einer neuen Existenz verhelfen konnten. Lind sie sind gut dabei gefahren.
Wir können das auch, wenn wir nur ernstlich wollen. Wir schaffen es. wenn -toir energisch darangehen, zunächst die jungen Leute auS den Groststädten umzusiedeln, die ländlicher Abstammung sind und denen der zutünstige Wirkungskreis gar nicht so neu ist. Aber wird müssen uns zum System der echten Primitivsiedlung bekennen, wir können nur noch . etwa 3000 Mark für die Schaffung jeder neuen Stelle ausgeben. Auch diese Summe ist beträchtlich, wenn man den Umfang der Aufgabe betrachtet: 1.5 Millionen Menschen müssen schleunigst so aufs Land verpflanzt werden, müllen sich wieder ein« gliedern in die bäuerliche Front und damit bewirken. daß für sie Arbeit und für ihre Familien Brot vorhanden ist. und — in Auswirkung der Bedarfssteigerung für die restlichen 1.5 Millionen ebenfalls. Die Städte freilich werden zunächst allerlei gegen diesen Plan einzuwenden haben. Aber es must ihnen doch bereits klar geworden fein, frttb ihrem AuSdehnungsdrang durch die Zeitentwicklung nun ohnehin ein Ziel gesetzt wurde. Mit einer Schrumpfung ihrer Devölke- rungsziffern müssen sie rechnen, weil die Industrien in ihren Mauern nicht mehx die Arbeit pnd das Brot für die Massen beschaffen können.
Weil die Entwiclluna so verlaust, darum ist es auch denkbar das, die nicht unbeträchtlichen Mittel für die Siedlung ausgebracht werden können. Den Rahmen liefern schon die jüngsten Rotverordnungen, die das Siedlungswerk zu fördern versprochen haben, die geradezu Ll m s i e d - lung forderten. Vom Reich und von den Ländern können zunächst einmal Mittel bcreitgcftcllt werden Aber auch von den Einkünften der Arbeitslosenversicherung llnd wohl Beträge für die neue Ausgabe abzuzweigen. Das läßt sich vollauf verantworten: denn die Siedlung bringt nach verhältnismäßig kurzer Zeit bereits die Entlastung cs brauchen keine ilnter- stuyungen mehr gezahlt zu werden. Es werden auch nicht mehr Wohllahrtsüntcrstützungssordc- rungen erhoben: die Siebter wollen sich ja selbst Helsen? Lind weiter — die noch immer erheblichen Mittel der Hauszins st euer, soweit sie bem Wohnungsbau .zugeführt werden, können und müssen sehr wohl geschmälc-t werden zugunsten der Siedlung. Die Städte haben damit zu rechnen. daß der Wohnungsbedarf weiter nachläßt: wozu also erst Häufer errichten, die zu Ruinen werden, weil kein Mensch sie verlangt und sie bezahlen kann! Dackn ist der direkte Weg schon der bessere: SiedlersteHen bauen! Denn die Siedlung fördern heißt. in Deutschland Raum für alle seine Bewohner zu schallen. Lind Arbeit und Brot dazu!
Auftakt zu den präsideMastswahlen in Amerika.
Don unserem H. W. v. l).-Berichterstatter
(Rgchdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Reuyork, April 1932
Die Berichte, die sich über die Vorbereitungen der amerikanischen Parteien für die Präsidentschaftswahlen im Rovember dieses Jahres mehren, konzentrieren sich zunächst weniger auf die Wahl an sich, als auf die Tagungen der republikanischen und der demokratischen Partei, die im Juni dieses Jahres, und zwar beide in Chicago, stattfinden. Ganz kommt die amerikanische Wahlmaschine nie zur Ruhe, weil bei dem kurzen, nur Vierjährigen Präsidentschaftsturnus die ersten Vorbereitungen für *bic folgende Wahl schon am Tage getroffen werden, nachdem der neue Präsident gewählt worden ist, d. h. sogar schon einige Monate bevor er sein neues Amt von seinem Vorgänger überhaupt übernommen hat. Die zwischen den Jahren der Präsidentschaftswahl liegende Zeit ist außerdem mit Kongreß-, Staats-, Gouverneurs-, Gemeinde-, Richter- usw. -Wahlen mehr als hinreichend auS- gefüllt, die wiederum ein ständiges Barometer für die politische Stimmung im Lande abgeben.
Die bevorstehenden Konventionen der beiden amerikanischen Parteien in Chicago sind deshalb von außerordentlicher Bedeutung, weil auf ihnen diejenigen Kandidaten gewählt werden, die die Parteien ihren Wählern für die eigentliche Präsidentschaftswahl präsentieren. Zunächst dreht sich also der Kampf um die Aufstellung der Präsidentschaftskandidaten innerhalb der beiden Parteien, in denen sich unabhängig voneinander die einzelnen Anwärter bis zum Ende und Ergebnis ihrer Parteitagung mit derselben Erbitterung bekämpfen, wie danach die beiden Parteikandidaten gegenseitig, nur mit der Maßgabe, daß nach der Entscheidung der Konvention der Kampf innerhalb der Partei ruht, und der einmal aufgestellte Kandidat d i e restlose Llnterstühung des gesamten Parteiapparates genießt.
Soweit in der Politik überhaupt etwas sicherest, kann man damit rechnen, daß die republikanische Partei Hoover wiederum als ihren -Kandidaten aufftellen wirb, obwohl parteipolitisch mehr als genügende Gründe gegen seine neuerliche Kandidatur sprechen. Die Begeisterung von 1928, die
Hoover als den großen Ingenieur und Organt- fator pries, der die mißdeutete .Prosperität'^ des Coolidge-Regimes ausbauen und erweitern würde, ist ins Gegenteil umgeschlagen, nachdem der Präsident jegliche Popularität sowohl beim Volke wie beim Kongreß bis tief in die Reihen seiner eigenen Partei eingebüßt hat. Seine Gegner Wersen ihm vor, niemals ein konstruktiver Ingenieur, sondern immer nur ein «wenn auch geschickter) .Promoter", ein wirtschaftlicher wie politischer Jongleur, gewesen zu sein. Mehr als ein anderes Volk geneigt, den Erfolg eines Mannes ohne Rücksicht auf Ursache- und De- gleitumftänbe zu messen, belastet ihn die amerikanische öffentliche Meinung wenigstens teilweise mit den Mißerfolgen der letzten Jahre. Aber trotz alledem werden ihn die Republikaner voraussichtlich erneut aufstellen, fei es, weil sich sonst niemand aus ihren Reihen, der an internationalem Maßstab gemessen werden kann, dazu bereit findet, in den bevorstehenden, wirtschaftlich ungünstigen Zeiten seine politische Haut zu Markte zu tragen, oder sei es. weil die allmächtige Wall-Street in Hoovers Wiederwahl die beste Gewähr für eine Fortsetzung der schwerkapitalistischen Politik erblickt. Immerhin würde seine Wiederaufstellung als Präsidentschaftskandidat durch die republikanische Partei nur widerwillig erfolgen, um so mehr, als Hoover die Auswahl seiner Kampagneagenten und -managet in scharfem Widersprach zu den Wünschen bet republikanischen Parteiführer getroffen hat, so daß ein Stimmungsumschwung innerhalb der Parteileitung immerhin nicht unmöglich ist.
<un Gegensatz zu den Republikanern ist die Liste der Demokraten lang und daher die Kandidatur heiß umtämpft. An der Spitze marschieren Franklin D. Roosevelt, gegenwärtiger Gouverneur des Staates Reuyort und ganz entfernter Reffe des früheren Präsidenten,, sowie „A l"freb E Smith, Vorgänger Roosevelts als Gouverneur von Reuyort und Gegenkandidat Hoo- vers bei den Präsidentschaftswahlen von 1928, in denen er 15 Millionen gegenüber Hoovers 21 Millionen Stimmen erhielt.
Während Roosevelts Aussichten für die Prä sidentschaftskandidotur noch vor wenigen Monaten
Frankfurter Goethepreis für Gerhart Hauptmann.
Das Kuratorium für die Verleihung desGoeths- Preises der Stadt Frankfurt a. M. hat beschlossen, in diesem Jahre den 10 000 Mark betragenden Preis Gerhart Hauptmann zu ver- leihen. Die bisherigen Preisträger waren: Stefan George Akdert Schweitzer, Leopold Ziegler, Siegmund Freud und Ricarda Huch.
als sicher angesehen wurden, sind sie inzwischen durch das Auftreten weiterer demokratischer Anwärter wieder zweifelhaft geworden. Bisher ist es ihm gelungen, von den 1154 demokratischen Parteidelegierten, die in Chicago über die Kandidatur zu entscheiden haben werden, etwa 160 für sich zu gewinnen. Rach den Parteiregeln braucht er eine Zweidrittel-Mehrheit, in diesem Falle also 770 Stimmen. Das direkte Ziel (einer Kampagne- leitcr ist daher, für ihn zunächst bie absolute Majorität von 578 Stimme n zu gewinnen, mit deren Hilfe es ihnen ermöglicht würde, die bestehende „Zweidrittel" Regel durch eine „Majori- täts'-Regel zu ersetzen, wodurch sie natürlich die Ernennung ihres Kandidaten automatisch erzwingen würden. Ob Roosevelt jedoch dieses Ziel erreichen wird, ist heute noch sehr unsicher, da die Parteiorganisationen verschiedener der wichtigsten Staaten bisher noch zu keinem endgültigen Ergebnis für oder gegen ihn gekommen sind, darunter Reuyork mit 94, Pennsylvania mit 76, Massachusetts mit 36 und Illinois mit 58 Delegierten. Besonders schmerzlich muß es den Gouverneur Roosevelt berührt haben, daß die demokratische Organisation s e i ureigenen Staates Reuyork (bic allmächtige Tammany Hall) sich bisher für strikte Neutralität im Kampfe zwischen ihren beiden Söhnen, Roosevelt und Smith, entschieden hat und ihrer Delegation für Chicago voraussichtlich Stimmsreiheit geben wird Tammany Hall kann Roosevelt nicht vergessen, daß er als Gouverneur verschiedentlich gegen die Parteidisziplin verstoßen hat und außerdem die ihr sehr peinliche Seabury Commission ein» setzte, deren Untersuchung der demokratischen Reu- yorker Stadtgeschäfte zum soundsovielten Male die skandalösesten Zustände ans Licht zerrte.
Im Gegensatz zu Roosevelt, der außer seinem guten Rainen keine besonderen Verdienste aufzuweisen bat, ist Alfred E. Smith ein alter Wahlkämpe, der im Mittelpunkt zahlreicher Kampagnen gestanden bat. Trotz seiner persönlichen großen Beliebtheit in vielen Teilen des Landes stehen nach Auffassung der breiten Oesfentlichkeit seinem Einzüge im Meißen Hause zwei Tatsachen hinderlich im Wege, nämlich erstens, daß er Katholik und zweitens, daß er der Typ des Reuyvrker Lokalpolitikers ist, der sich zwar in bewundernswerter Weise hoch- gearbeitet hat, aber trotzdem als Repräsentant
zu sein. Wobei wir die Llnterschiede. und Abstände weder zwischen den genannten Figuren noch zwischen der inneren Haltung und dem Anspruch beider Bücher verkennen wollen.
Bei Wilde heißt es in dem bewußt auf geistreiche Paradoxie eingestellten Vorbekenntnis. „Wer unter die Oberfläche schürft, tut es auf eigene Gefcchr": bei Benrath ist das nicht nur kein Risiko, sondern sogar der Sinn der Lektüre. Denn hier werden in einer überwiegend leichten, graziösen und schwebenden Form gewichttge, zeitnahe und zeitgemäße Probleme zur Diskussion gestellt
Ein überaus amüsantes Vorspiel — „Lunch auf dem Lande" — gibt den Auftakt zum eigentlichen Roman. Es beschwört die Atmosphäre, gibt die Exposition, führt eine Anzahl wesentlicher Gestalten ein und grenzt bie Fronten ab.
Die Fronten: es geht hier um eine grundlegende Auseinandersetzung zwischen westlich orientierter Geistigkeit und ostdeutschem Feudalismus. Eine vielen Lesern sicher lehr fremde, nur vom Hörensagen bekannte Welt wird hier aufgeschlossen, die Welt des im Osten unseres Reiches alteingesessenen Landadels von mehr ober minder konservativer Haltung. Der Erzähler. in der Zentralfigur des rheinischen Dichters Henry Denrath, ist dort auf einem Herrensitz zu Gast und wird Mitveranstalter und Improvisator des im große» Stil aufgezogenen Dallsestes, welches die Baronin Laura von La- gofch auf Kobolnow ihrer Tochter Gisela zu Ehren eines ausgezeichnet bestandenen Abituri- enteneramens gibt.
Der Ablauf dieses Festes nun — Vorbereitung. Höhepunkt. Ausklang — wird Anlaß zur Demaskierung einer untergehenden Gesellschaft, zur freimütigen Diskussion ihrer Lebensformen und ihres Weltbildes. Eine Fülle von sozusagen in der Luft liegenden Problemen wird dabet aufgegriffen. beleuchtet, wieder fallen gelallen, und immer ergibt sich aus dem Gespräch ein Stück Charakteristik von Gestalten oder Llmwelt. eine neue Farbe ober Schattierung im impressionistischen Dilb aus dem aristokratischen deutschen Osten.
Auch eine lustspieGafke Fülle von Figuren gibt es hier: einige kommen uns ganz nah. ft art belichtet, sprühend von Lebendigkeit: sozusagen die Großaufnahmen im Gesellschaftsfilm. Ändere bleiben nur angebeutet, im Hintergrund, als Char- gen oder Statisterie. Etliche sind, im Verhältnis
zu bet Wichtigkeit ihrer Rolle, ein wenig blasser geraten, als es wünschenswert schiene. Die zarte und liebenswürdige Erscheinung der Blanche von Derry würde man beispielsweise gern etwas schärfer und persönlicher profiliert gesehen haben.
Aber man lernt die Leute dort kennen, man erfährt, wie sie leben, sich ausbrücken unb denken: über Politik, über Lohnsraaen. über Grenzlanb- Probleme, über das Verhältnis von Eltern und Kindern, von Herrschaft und Dienerschaft-
Das, was man im Lustspiel Handlung nennen würde, ist verdeckt, chargiert und dialogisiert. (Freilich würde es auf der Bühne kaum wirken, weil es zu zart gesagt unb zu spitz formuliert ist: das ^muß gelesen und nicht gesprochen werden.) Dabei sind hier alle Ruancen einer Spielgattung durchlaufen, vom Schwank übers^ Lustspiel bis zur Komödie ... die Komposition weist eine ebenso einfache wie großzügige Linienführung auf ... bic dramatischen Akzente liegen eingebettet zwischen Gespräch unb Gesellschaftsszencric: ein mit .raffinierten Mitteln angelegter Skandal, der — während schon bic Polonaise burch bas Schloß zieht — mit Kavaliersgeste im Vorzimmer abgetoürgt wird, ehe er bas Fest stören ober gar gefahrben kann: ein karncvalsmäßiger Mummenschanz um Mitternacht, wie er in diesen Kreisen noch nie erlebt würbe ... als stillerer Ausklang des bunten Tanzfestes bann bic schicksalhafte Erkenntnis einer reifen Frau: jede Wahrheit hat ihre eigene Stunde, weil sie nicht gleichzeitig für mehrere Menschen spruchreif wird ... und bas Dienergespräch, bas eine uralte Tradition in den ersten Akt verlegt, erscheint hier, mit klugen unb menschlichen Erkenntnissen unb Bekenntnissen erst gegen Enbe. wie ein ungeschminktes Resüme bes Festes unb des Buches überhaupt
Vielleicht darf, nebenbei, bemerkt werden, daß auch bic hier entwickelte neue Form gewisse Schwächen hat — vielleicht gerade weil sie noch so neu unb so unerprvbt ist: sie kann den epischen Ablauf alten Stils nicht völlig ersehen unb auch nicht völlig auf ihn verzichten Aus der Form des Vortrages in der ersten Person ergibt ’td) stellenweise eine gewisse Vordringlichkeil privater Dinge: und der Situationswitz ist manchmal von einer Art. daß sich der Erzähler offenbar mehr von der Wirkung versprochen hat, als dem Leser, zumal wenn ihm gewisse Voraussetzungen dazu fehlen, eingeht
Doch bleibt bet Süll)ruck von einem höchst temperamentvolle« und gei-reichen, einem klugen
unb gegenwartsnahen Buch, Hessen Schilberung sich mitunter au dokumentarischer Durchsichtigkeit unb Schärfe erhebt ... unb Die Erinnerung an eine Reihe von Gestalten, bie, obwohl wie aus einer anberen Welt, in ber Runbheit unb kompromißfernen Geschlossenheit ihres (manchmal grotesken) Persönlichkeitsbilbcs, heiter ober wehmütig im Gebächtnis hasten.
Muß man abschlicßenb noch sagen, baß cs den Erzähler Henry Benrath gar nicht gibt? Hinter bem Pseudonym steht cm Grandseigneur von Weltcrfahrung. Menschenkenntnis und weitem Horizont, ein Dichter von europäischem Rang, dessen Werk sich nach seiner klassischen Haltung unb seinen unbestechlich strengen Formgcsetzen bestimmt.
Zeitschriften.
— Wcstcrmanns Monatshefte (Verlag Georg Westcrmann in Braunschweig) bringen in ihrem Machest u. a. einen vom Verfasser hübsch iUuftncrtcn Aufsatz „Malcrfahrt durch Schweden" von Fritz Preiß. Lothar Göhrke berichtet interessant über Wunderkinder früherer Zeiten, für den Freund von Natur und Jagd ist der Artikel von Kreyen- borg „Falknerei der Gegenwart" aufschlußreich, besonders auch durch die netten Zeichnungen Aicheles. Unser Gießener Mitbürger General a. D. Dr. Ernst Bethcke, hat zu dem vielseitigen Heft eine scharf gesehene Porträtskizze des Feldmarschalls Watdersce btigesteuerk. Eine Reihe von Aufsätzen über verschiedene Gebiete der Kunst und Literatur beschließen dos Heft.
— „Willst du immer weiter schweifen? Sieh, dos Gute liegt so nah!" Diese Goethe-Worte bilden das Motto für die neue Rümmer der „311 u ft r i r t e n Zeitung" (I. I. Weber, Leipzig), die als Reisenummer aufgemacht ist. „Deutschland will entdeckt werden!" so lautet der Titel eines einleitenden Artikels von Dr. Erich Marcus. Diele Deutsche kennen ihr Heimatland noch gar nicht. Der Beitrag „Wanderungen im Oberstarz" läßt die maleriichen Landschostsbilder der deutschen 'JJiittclgcbirqe ortenbar werden Den vielen Heilungsuchenden nennt der Absatz „Wir fahren dieses Jahr ins Bad" von Dr. Julian Marcufe ane große Anzahl Bäder und Kurorte, die die ersehnte Genesung bringen li nnen Ein doppelseitiges Tableau „Dte See ruft" enthalt lockende Bilder vom Nord und Dftfeeftranb. Diejenigen, die „hoch hinaus wollen", werden vor allem dem Beitrag „3m Flug zum Ziel" von Otto Lehmann mit den liuftreifebilbem von Richard Dujchek Interesse entgegenbringeu.


