Mittwoch, 28. Dezember 1932
Eichener Anzeiger (General-Anzeiger sürGberhchen)
llr. 305 Zweites Blatt
Aus -er Wett des Films.
ihrer Umgebung, von der sie nicht toegzudenken sind, die ihre Atmosphäre bedeuten. Er zeigt dem Zuschauer, wie die Fabrikarbeiter an der Wand des Fabrikgebäudes entlang in einer Reihe marschieren, tote die Arbeiter sich am Fabriktor anstellen, um mit dem Ausblick ins Freie die Kontrolluhr zu stechen. 3n vortrefflich von oben gesehenen Blickperspektiven hebt der Regisseur einen einzelnen Fabrikarbeiter aus den Reihen der übrigen heraus und zeigt, wie sich der einzelne beim Cchlangestehen vor dem Fabriktor nicht in die Reihe der Arbeiter einordnet, wie er aus dem Rahmen fällt, wenn er über den Fabrikhof geht. Die Kamera verfolgt diesen einzelnen, der sich aus der Eintönigkeit der Fabrik herausrettet, um das Freie und Weite zu suchen. Das sind Steigerungsnromente von großer Wir
kung. 3n eindrucksvoller Kontrahierung mit den architektonischen Linien des Fabrikgebäudes, die stärkste Rationalisierung, Formalismus und Mechanisierung ausdrücken, sind die Formen des landschaftlichen Motivs kompositionell so angelegt und wieder gegeben, daß sie Eindrücke der Lieblichkeit" und Freude wiederfpiegeln.
Die Darstellung der Mechanisierung im Fabrikbetrieb wird vom Regisseur noch in anderen Bildern variiert. Die Kamera wandert am laufenden Band entlang und zeigt, wie die Menschen zur Maschine geworden sind. Co werden die Figuren der Handlung durch den äußeren Rahmen, durch ihre Umgebung gekennzeichnet. Durch solche Bilder wird dem Zuschauer die Handlung und der 3nhalt des Films plastisch und sinnfällig vor Augen geführt.
Tonfilm zu Wasser und zu Lande.
„©er Choral von Leuthen.^ — „Morgenrot.^
Berlin, im Dezember 1932.
Beinahe wäre man veranlaßt, sich darüber zu mokieren, was die Berliner alles haben müssen. Eine richtige Schlacht um die Reichshauptstadt ist in der preußischen Geschichte eigentlich nie entbrannt Wohl drangen die Russen einmal während des Siebenjährigen Krieges in Berlin ein, aber der Alte Fritz verjagte sie wieder, wohl waren die Franzosen während des unglücklichen Krieges 1806-07 einmal in der Stadt, und sie versuchten auch einen Handstreich auf die preußische Hauptstadt während der Befreiungskriege. Aber bei Hagelberg und Großbeeren wurden sie damals abgewiesen. Zu regelrechten Schlachthandlungen in der unmittelbaren Nähe Berlins kam es nie.
Trotzdem wollen die Berliner ein richtiges Schlachtfeld haben. Beispielsweise das von Leuthen; zur Erinnerung an die Wiederkehr dieses großen Sieges von 1757 wurden vor kurzem stimmungsvolle Feiern abgehalten. Und richtig, in oder wenigstens bei Berlin bekommt man das scheinbar Unmögliche fertig: Es gelingt, die Schlacht von Leuthen hier noch einmal zu schlagen. Nicht ganz so anstrengend und bei weitem nicht so blutig wie damals, aber sonst ziemlich echt.
Man hat durch die Zeitungen von dieser eigenartigen Schlacht in diesen Tagen gehört. Ein U n • glücksfall gab dazu Veranlassung, von dieser Schlacht bei Leuthen zu sprechen. Die Froehlich- Film-Gesellschaft bereitet einen großen vaterländischen Film vor. Die geschichtliche Episode, die für das Dre-Hbuch dieses Tonfilms benutzt wurde, gilt ja allgemein als bekannt: Im Siebenjährigen Kriege gelingt den Oesterreichern ein überraschender Vormarsch nach Schlesien hinein. Friedrich II. hat gerade die Reichsarmee bei Roßbach besiegt, sein Heer ist müde und hart mitgenommen. Aber diese Müdigkeit muß überwunden werden, um Preußens willen. In Eilmärschen geht das preußische Heer nach Schlesien, kurz vor dem Dorfe Leuthen stoßen die Preußen aus die Oesterreicher. Der alte Fritz kennt seine Soldaten, gewiß, sie sind müde, abgerissen, übermäßig in Anspruch genommen, es wird nicht leicht fallen, mit diesem Heer noch einmal eine Schlacht zu schlagen. Das sagen ihm auch seine Generäle. Aber Friedrich weiß vielleicht als einziger, daß es um das Schicksal Preußens geht, um die Existenz dieses Landes, das so viele Feinde hat. So beginnt das mörderische Ringen um das Dorf Leuthen. In der berühmt gewordenen schiefen Schlachtordnung, die den Oesterreichern einen viel stärkeren Gegner vortäuscht, als er wirklich antrat, gelingt der Sturm auf die Ortschaft, auf den Kirchhof, auf die Kirche.
Und jetzt wird dieser furchtbare Angriff noch einmal wiederholt. Auf dem riesengroßen Gelände des Truppenübungsplatzes Döberitz steht die Kirche des alten Dorfes Döberitz, das schon lange
nicht mehr bewohnt wird. Auch die Kirche steht noch da, ebenso der Gutshof. Alles muß als gelegentliches Ziel für die Hebungen der Reichswehr dienen. Dor kurzem waren wieder andere Bestimmungen getroffen. Dor der Kirche, auf dem angedeuteten Friedhof, zog sich eine Mauer durch das Gelände, hinter der in Weiß gekleidete Truppen stehen: die Oesterreicher. Und vor der Mauer, etwa hundert Meter ab, wog die Masse der frideriziani- schen Armee, die Grenadiere und die Füsiliere, bereit zum Sturm. Da flammen plöAich Scheinwerfer auf, ein Kommando ertönt, und schon geht die farbige Armee auf den „Feind" los, erstürmt in Gott fei Dank unblutigem Kampfe die Kirchhofs- mauer, durcAricht sie und überwältigt die Oester- reicher.
Es ergibt sich von selbst, daß jene überwältigende geschichtliche Episode gleichfalls in den Tonfilm aufgenommen wird: das Lied „Nun danket alle Gott", das die Armee nach diesem großen Siege von Leuthen fang. Und dieser Choral hat auch dem Film seinen Namen gegeben. — „D e r Choral von Leuthen" wird in Kürze den deutschen Kinobesuchern bekannt werden.
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Don der Schlacht bei Leuthen bis zum Weltkriege, von 1757 bis 1914, vom Schlachtfeld bis ins U n - terseeboot — bas scheint ein unmöglicher Schritt. Der Tonfilm macht bas Unmögliche zur Selbstverstänblichkeit. Don Döberitz nach Neubabelsberg ist es gar nicht so sehr weit. Und in Neu- babelsberg befinben sich die Aufnahmehallen der Ufa. Dort herrscht Hochbetrieb, wann man auch immer hin kommen mag. Hier „antwortet F. P. I nicht", dort tobt ein „Champagnerkrieg" „Ich und die Kaiserin", der neue Tonfilm mit Lilian Harvey darf nicht vergessen werden.
Die große Ueberraschung entdecken wir in einer Riefenhalle, die Gustav U c i ck y zur Inszenierung seines Films „Morgenrot" dient. Quer durch die Riesenhalle liegt auf hohem, festem Gestell ein Unterseeboot. Außen aus Holz — innen aber echt, echt, dreimal echt. Es fehlt nichts daran, kein Handgriff, kein Maschinenteil, kein Ventil, kein Torpedo. Alles ist da. Dieses von den Architekten Herlt und Roehrig aufaebaute U-Boot entspricht in jedem Teil einem Unterseeboot, wie es die deutsche Flotte im Kriege besaß. Und darin wird gefilmt; angesichts der unglaublichen Enge in dem Unterseeboot scheint das eine fast unmögliche Aufgabe. Aber beim Tonfilm ist nichts unmöglich; trotz allergrößter Schwierigkeiten wird in mühseliger Kleinarbeit Meter für Meter dieses großen vaterländischen Tonfilms fertiggestellt. Die Außenaufnahmen sind bereits beendet; übrigens wurden sie auf einem echten deutschen Unterseeboot gedreht, bas bei Kriegsende in ben Besitz Finnlands überging. E. W.
Mmsterne, die nicht mehr leuchten...
Won Heinrich LUtendorff
Ruhm ist eine vergängliche Sache! Der Mensch, der heut im Zenith seines Erfolges steht, kann morgen abgetan und vergessen s:in. 2m Kampf ums Dasein haben ihn die Borwärtstreibenden, die Aufstrebenden, zur Seite gedrängt und zum Absturz gebracht. Nichts ist wandelbarer als die Gunst der Masse, die sich ihre Lieblinge er- wählt und Erwählte oft sehr schnell wieder verwirft und vergißt!
Nirgends bauen sich Erfolg, Ruhm und Glück Wohl so ausschließlich auf dem Wohlwollen der breiten Masse auf, wie beim Film, der seiner ganzen Natur nach eine Bolkskunst ist. Angesichts der Tatsache, daß der Film ein Verhältnis- mäßig noch recht junges Kind unserer Zeit ist, erscheint die Liste derer, die einst an führender Stelle gestanden haben und heute kaum mehr in der Erinnerung sind,' fast zu lang.
Die Liste derer, die endgültig verschwunden, die bereits die Erde deckt, ist nicht immer von tragischem Ende fern. Die junge Eva May, der berühmte französische Komiker Max Lindner, der elegante Bruno Kastner, starben von eigener Hand. Die wegen ihrer Schönheit viel bewunderte Barbara La Marr richtete sich fast systematisch zugrunde, und über Rudolf Valen- t i n o s Tod sind heute die wildesten Gerüchte verbreitet. Bor langer Zeit schon starb der von allen Backfischen vergötterte Waldemar P s y - l ander, kurz nach ihm Dorrit Weixler. Die Stars der vor zehn Jahren überall gespielten Kurzfilme sind säst alle von der Leinwand verschwunden. Mia Pankau, Lu Synd, Lia Ley sind Namen, die nicht mehr auf dem Programm der Fllme auftauchen.
Aber auch beim großen Spielfilm der Nachkriegszeit haben die Menschen und Namen gewechselt. Wanda Treumann und ihr Gatte Viggo Larsen, beide einst beim Publikum sehr beliebt, haben sich vom Darstellerfach zurückgezogen. Hella M o j a. einst der Star der „Terra", hat das Fach gewechselt, aus der Darstellerin wurde eine Filmautorin. Stella H a r f, Ressel O r l a . Maria Z e l e n k a , Ria 2 e n d e . Helga Molander, Hedda Vernon, die unwahrscheinlich blonde Dämonische, Heldin vieler Kriminalfilme, sie alle sind vor den neuen, herangewachsenen Stars zurückgetreten. Auch um Manja T z a t s ch e w a und Mia M a y ist es stlll und stiller geworden.
Von Rlls Chrisander und dem seinerzeit von allen Backfischen vergötterten Maharadscha Gunnar T o l n a e s wird auch nicht mehr viel gesprochen. Den dicken, lustigen Fatty A r b u k l e. über den jahrelang fünf Erdteile gelacht haben, erellte in seiner Heimat Amerika ein tragisches Schicksal, das vor der Zeit seine Filmtätigkeit beendete. 3n einen Prozeß verwickelt, wurde er zwar freigesprochen, erschien aber so kompromittiert, daß ein von den Frauenvereinen geforderter Boykott der Fatty-Fllme ihm jedes neue Engagement unmöglich machte.
Die unerhörte Schnelligkeit, mit der sich der deutsche 5ihn entwickelt hat, läßt diese Tatsachen verständlich und fast selbstverständlich erscheinen. Dieses rasende Vorwärtsdrängen mußte Opfer fordern. Die aufsteigende Linie künsllerischen Strebens und Schaffens erforderte immer stärker den Einsatz aller Kräfte und zwang zu einer immer schärferen Durchsiebung des vorhandenen technischen und schauspielerischen Men'chenmctte- rials. Wer, gleichgültig, ob Wann oder Frau, nicht mit der Entwicklung des Fllms in seinen Pistungen Schritt halten konnte, mußte seinen Platz den vielen frischen und begabten Kräften überlassen, die schon wartend hinter ihm standen. Das Kinopublikum hat sich ebenfalls im Laufe der Zeit geändert, es ist anspruchsvoller geworden. 2mponieren kann heute auf die Dauer nur noch die Leistung.
Plastik im Tonfilm.
Don Dr. Robert Kümmerten.
Man spricht im Film vielfach von einer Fläche oder einer zweidimensionalen Beschaffenheit; darunter darf man aber natürlich nicht eine „ ülächig- keit" der Bilder oder Darstellungen verstehen Die Fläche betrifft lediglich den technischen Umstand, nämlick das Mittel: Leinwand, auf die die Projektionen fallen. Wegen dieser Leinwand wird der räumliche Eindruck auf den Bildern durch eine besondere Tiefendarstellung erzeugt. DieseLlefen- darstellung kann im Fllm ganz verschiedenartig erfolgen; sie kann nach allen möglichen Varianten der Dildmittel in verschiedenen Bildausschnitten vorgenommen werden. Man kann diese Verschiedenartigkeit der Lösungen der Tiefendarstellung auf den Bildern auch Dildkomposition nennen. Die Bildkomposition ergibt sich also unmittelbar aus der Tiefengebung und aus der Art und Weise, wie die raumdarstellenden Bildete- mente zu einem Blldganzen zusammengeschlossen und aneinandergereiht werden.
Die Eindrücke, die dem Zuschauer aus einer klaren und einfachen Tiefengebung auf den Bildern erwachsen, sind von einschneidender Bedeutung. Denn durch die Anlage und Anordnung der Dildelemente auf den Bildern kann das inhaltliche Verständnis des Fllms dem Zuschauer wesentlich erleichtert werden. Dis in letzte Details können die räumlichen Motive zweckmäßig aneinandergereiht und entsprechend dem inhaltlichen Sinn der Filmidee zu einem Bild- ganzen zusammengeschlossen sein. Die Lösungsversuche der kompositionellen Aufgaben im Film sind sehr vielfältig und verschiedenartig. Wie sinnreich die Qlnorbnung der Bildelemente und die Auswahl der räumlichen Motive durchgeführt sein tonnen, das zeigt im Musterbeispiel ein neuer Fllm von Rene Clair, dessen deutsche Fassung noch nicht vorliegt: hier führen alle Bilder den Zuschauer unmittelbar auf wesentliche Eindrücke hin. Der Regisseur legt es daraus an, nicht nur mit Hilfe der räumlichen Mittel zu wirken, sondern durch die besondere Art der Komposition auf den Bildern 3nhaltliches verständlich a u s z u - drücken. Zur Erleichterung der Wichtigkeit der Blldkomposition im Film seien daher hier einige charakteristischen Bilder des Rene-Clair»Films anführt:
Der Regisseur schildert in eindrucksvoller Weise die Eingeschlossenheit und Eintönigkeit eines Lebens hinter Gittern unb unter Gefangenen. Er zeigt in.trefflich gesehenen Perspektiven das 3nnere eines Gefängnisses. 3n wenigen Bildern fällt ein Streiflicht auf das Tagewerk der Gefangenen. Das Kamera-Auge zeigt auf den Arbeitstisch im Gefängnis und beschreibt die Gefühle und Empfindungen der Sträflinge. Eindringlich zieht die vergrößernde Linse an den Gefangenen vorüber und zeigt dem Zuschauer deutlich, wie der einzelne abgestumpft und gleichgültig, wie er uniformiert und kommandiert ist. Die panoramaartige Bewegung des Aufnahmeapparates geht in die Perspektivenlinie des Totalbildes über. 3n dem Totalbild erlebt der Zuschauer alle Gefangenen zusammen, wie sie sich den Vorschriften des Gefängnisses unterordnen müssen, wie sie dem Befehl der Wachhabenden gehorchen und sich in ihr Schicksal fügen. Der Zuschauer spürt etwas von der Luft, die in diesem Gefängnis herrscht.
3n weiteren Bildstreifen vertieft der Regisseur den Eindruck von der Begrenzung und Eingeschlossenheit auf den Darstellungen. Er zeigt eine Fabrik als Handlungsrahmen und beschreibt auf den Dll- dern das Leben unter Fabrikarbeitern. Die Bilder von diesen Fabrikarbeitern, Ausschnitte aus dieser Masse Menschen, projiziert er auf einen Hintergrund, nämlich den Fabrikhof oder aus Teile des Fabrikgebäudes. Damit erklärt er dem Zuschauer die Verbundenheit dieser Menschen zu
Filmtagebuch.
Don Willy Fritsch.
Nachdruck verboten.
Alles variiert sich hn Leben untb im Film, dem Spiegel des bewegten Daseins: So hatte ich im Lauf meines Filmschaffens schon die verschiedensten Berufe und kann mit einer ganz stattlichen Anzahl von Fertigkeiten aufwarten. Es ist noch gar nicht so lange ßer, da wäre der junge, angehende Ingenieur und zukünftige „Kunst-Eleve" Fritsch glücklich gewesen, eine der im Theater vorkommenden „tragenden" Rollen eines Dieners ausüben zu dürfen. Aber dieser Ehrgeiz ist auch in meiner ersten Schauspielerzeit nie erfüllt worden. Es fanden sich immer im letzten Moment weniger „tragende", aber desto dialogreichere Rollen. Erst jetzt in meinem neuesten Film bei der Ufa „Ich bei Tag und D u bei Nacht" habe ich es endlich geschafft. So, wie Köche von Nagy in dem Film das kleine Manikürfräulein spielt, bin ich außerhalb meiner Freizeit Willy, der Oberkellner im Nachtlokal. Gott fei Dank zeigt nur der kleinere Teil des Films mich in meinem neuesten Beruf. Denn ist stand die ganze Zeit während der Aufnahmen sozusagen unter Beobachtung von Fachleuten. Aber ich will meinen „Ober"- Werdegang hier einmal skizzieren.
Es begann mit einer Regiesitzung bei Dr. Ludwig Berger, der mit diesem Film feinen ersten großen deutschen Tonfilm nach seiner Rückkehr aus llmerika dreht. Käthe von Nagy und ich probten. Im meine Szene plastischer zu gestalten, bemäch- ■igte ich mich eines kostbaren Glastabletts — Lud- vig Berger sammelt Kunstgegenstände — pnd ver- ''uchte, mit ihm melieuecht meine Szene zu spielen. Das gelang gründlich daneben. Dr. Berger stand auf: „Hören Sie, lieber Willy, so ein kleiner .Pikkolo' wie Sie bekommt noch nicht so kostbare Dinge in die Hand." Er nahm es mir weg und stellte es wieder hin. So ftng’s an!
Doch als nun die Szenen in meinem großen Nachtlokal in Neubabelsbera begannen, waren meine Kenntnisse schon weit fortgeschritten. Jedenfalls fühlte ich bei diesem Lehrgang ganz deullich, daß es eigentlich leichter ist, ein Gast mit guten Umgangsformen zu sein, als ein Oberkellner mit denselben Vorzügen. In diesem Nachllökäl stand ich
nun vor einem Konsortium von lauter kritischen I Fachleuten. Ich muß gestehen, sie verstanden ihren Beruf beängstigend gut! Aber ihre Kritik hat mich längst nicht so getroffen wie die unseres guten „Emil". Emll ist unser Neubabelsberger Atelier- Kellner, der uns hungrigen und durstigen Schauspielern in den kurzen Arbellspausen das Essen in die Dekoration bringt. Emll war überkritisch und so bei meiner Sache, daß er mir gleich während der Mittagspause am ersten Tage noch eine Anzahl besonders kniffliger Servienkünste beibrachte. Danach stand er in einer Ecke der Dekoration und guckte beaeiftert zu, nehmen ihm der jüngste meiner Fach-Kollegen. Offenbar hatte der Junge eine kritische Bemerkung gemacht. Denn plötzlich hörte man Emil ganz laut in die Probe hinein: „Das ist großartig, mein Junge, das laß dir man von einem alten erfahrenen Mann, der dreißig Jahre Ober ist, sagen." Mein guter Regisseur Ludwig Berger unterbrach die Probe, trat auf mich zu: .Fieber Willy, ich nehme hiermit den vor einigen Wochen von mir gebrauchten Ausdruck Pikkolo mit dem Ausdruck meines Bedauerns zurück! Hoffentlich wirft du auch mit den Szenen aus deinem .Privatleben' beim Publikum ebensoviel Beifall ernten wie hier bei deinen Berufskollegen." Möge es so fein!
Amerikanischer und deutscher Kurzfilm.
Oie Entwicklung des Beiprogramms.
Zu Zellen des stummen Fllms gab es fast ausschließlich amerikanische Kurzfilme. Die Filmleute aus Hollywood verstanden es. bas Abenprogramm im Kino auszufüllen, lustig und zeitverkürzend zu gestalten. Es war eigenllich auch kein Wunder, denn sie hatten Schauspieler und Komiker vom Schlage eines Chaplin, Harold Lloyd, Buster Beaton zur Verfügung, die schon allein durch ihr Austreten auf der Leinwand das Publikum eroberten. Aus biefen amerikanischen Stumm-Kurz- filmen ist der T o n - K u r z f i 1 m im rechten Augenblick hervorgegangen, und wir können es nicht verheimlichen, daß in der neuen Fllmepoche vorerst noch die Amerikaner führend sind. Ihre einftiaen
! großen Kurzfilm-Kanonen sind allerdings von der
Art ihres ersten Auftretens ab gegangen. Sie haben es möglich gemacht, abendfüllende Spiele zu gestalten, von denen sie weniger fabrizieren, durch die sie aber trotzdem auf ihre Kosten kommen. Die neue Serie der Lon-Kurzsilme der kleinen „M i ck y. Maus" sind wohl allerorten bekannt. Aber nicht allein auf diesem Gebiet haben die Filmleute der neuen Welt etwas Neues entdeckt, sie haben uns vielmehr auch Kurzfilme gebracht, die ähnlich denen der stummen Zell mit lebendigen Schauspielern besetzt sind. Sie kannten es sogar möglich machen, aus der Fülle der Kurzfilmvroduktion eine Stan- barbferie für den europäischen Kontinent auszuwählen. Trotzdem hatten wir Gelegenheit, minier- wertige Produkte, wie es z. B. die Serienfilme der beiden Komiker „Dick und Doof" waren, kennen zu lernen, die dem deutschen Fllmpublikum sogar deutschsprachig geliefert wurden, aber nichts desto- weniger die verdiente Ablehnung erhiellen. Aus der amerikanischen Tonkurzfilmserre ragt etwa die „Spanische Romanze" hervor, ein zunächst etwas kitschig anmutendes amerikanisches Sing- und Tanzspiel, das aber bald mit ben*zgrofjen Qualitäten des Gesanges und der Tanzkunst gefangen nahm. Gerade in diesem Film konnte man die leichte Art des Singens eines italienischen Sängers bewundern. Als Gegenstück die kleine spanische Tänzerin, die dem singenden Wandergosetten begegnet, mit ihm ein Duett durchführt, mit kleiner, zarter, aber äußerst reiner Stimme. Den Schluß des Films nahm bann bie Tanzkunst dieser Spanierin in Anspruch, die neben Schönheit, Körperbau und Körperhaltung die Tanzsensation der Kurzfilme bot. Die Amerikaner zeigten uns jedenfalls, daß sie einstweilen Meister des Kurzfilms find. Sie gaben uns aber gleichzeitig den Ansporn, ihnen nachzueisern und sie womöglich zu überflügeln.
Natürlich haben die Deutschen sofort nach der Umstellung in die Zeit des Tonfilms die modernen Kurzfilme nachgeahmt. Es kam die deutsche „Micky- Maus", es kam der ,Later Felix" und viele andere, aber keiner war in der Lage, dem amerikanischen .Mäuschen" den Rang abzulaufen. Jetzt aber werben wir mit einer Serie von Kurzfilmen überrascht. die, von guten deutschen Sängern und Komikern bestritten, den Weg in die Oeffentlichkeit nehmen. Ein einziger erst, der „Dienstmann" mit dem bekannten Komiker Hanns Moser, hat einen großen Erfolg beim Publikum errungen. In ihm
wurde wirklich Komik gegeben, die den Kinobesucher erhellert und seiner Alltagssorgen enthebt. B. D.
Lichtspielhaus Gießen.
„Wie sag' ich's meinem Mann?"
Das Wiedersehn mit Renate Müller, die sich vor längerer Zeit als „Privatsekretärin" sehr angenehm eingeführt hat, ist eine amüsante und unterhaltsame Angelegenheit. Wie sie es ihm sagt, was sie ihm zu sagen hat und warum und wieso, das erzählt dieser Ufa-Fllm in Gestalt einer lustspiel- mäßigen Geschichte mit leichtem Operetten-Ein- schlag. Das ist die Geschichte einer etwas zerknautschten Ehe, der Bericht von einer harmlosen Spritztour nach Heringsdorf samt bösen und unvorher- gesehenen Folgen, vom verlorenen Koffer, von der Scheidung und vom Speisewagen —: wer sich aus diesen Bestandteilen nicht mit detektivischem Spür- sinn und der gutgeölten Routine des erfahrenen Kinobesuchers den Gang der Handlung phantasie- voll zu rekonstruieren vermag, muß es sich selber ansehn; er wird einen angeregten Abend im Lichtspielhaus verbringen. Renate Müller in der Rolle der jungen, verliebten und unschuldigen Frau ist reizend anzuschauen und spiell mit natürlichem weiblichen Schauspieltalent. Ihr Herr Gemahl ist Georg Alexander, einer der witzigsten Lustspielkavaliere von Berlin, auf der Bühne wie im Film gleichermaßen bewährt. W a 11 b u r g bringt die Pointe mit dem Spiegelei im Speisewagen und hat sich zu seinem Redewasserfall diesmcll einen biederen Vollbart angeklebt; Verwechslungen sind trotzdem völlig ausgeschlossen. Ida Wüst: sehr pointiert in der Rolle einer vielerfahrenen älteren Freundin. In kleineren Aufgaben: Vesper- mann, Gvrdon, Georgia Lind. Das Ganze hat Reinhold Schünzel geschickt und mit gepflegten Mitteln arrangiert; die dreifache Parallelszene vor dem Einschlafen ist ein besonders hübscher Einfall und wird sehr apart gespielt. Die Regie hat im übrigen nicht den Ehrgeiz, mehr zu bieten als bas Buch hergibt, bleibt immer auf der Linie des Lustspiels und verzichtet, besonders zum Schluß, auf moralische Nutzanwendungen. — Aus dem Beiprogramm ist ein Tier film mit interessanten un- ungewöhnlichen Aufnahmen hervorzuheben.


