Ausgabe 
28.6.1932 Erstes Blatt
 
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Ur. 149 Erstes Blatt

182. Jahrgang

Dienstag, 28. Juni 1932

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Dr. Friede. Wilh. Lange. Verantwortlich für Polttik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr H.IHyrtot; für den übrigen letl Ernst Blurnfchein und für den Anzeigenteil Max FiUer, sämtlich in Bietzen.

Kein Ausweg aus der Sackgasse?

Wenig Aussichten für eine Verständigung. Kamps um die Schlußformel.

Don unserem G-Rorrefponbenten.

Lausanne, 28. Juni.

Die neue Woche Hal zwar die langersehnte som­merliche Aufheiterung über dem Genfer Tee und das Ende einer grauen '.Regenperiobe gebracht, aber die politischen Meteorologen wagen diesmal nicht, einen parallelen Ablauf der politischen Entwicklung mit den Wettererscheinungen zu prophezeien.

Die beiden Staatsmänner, auf die in diesem Stadium der Konferenz alles gestellt ist, die Herren o. P a p n und f) e r r i o t, sind erwartungsgemäß aus ihren Hauptstädten mit gesteiftem Rük- ken wieder eingetroffen. Die Ausfährun- gen, die der deutsche Finanzminister am Montag den letzthin vorgetragenen französischen Argumenten entgegengestellt hat, arbeiten d i e endgültige und unerschütterliche Ablehnung ir­gendwelcher weiteren deutschen Zah­lungen auf Reparationskonto nochmals mit aller Schärfe heraus, und wenn nun Herr Herriot nicht die Kraft und den Mut in sich fühlt, die Kriegstribute völlig beiseite zu schieben, so wer­den auch die neuen Unterhaltungen über eine wirtschaftliche Berständi - g u n g der europäischen Staaten in das Kapitel der politischen Romantik einzureihen sein. Wenn nicht noch ein Wunder geschieht, so wird der zweite und entscheidende Abschnitt der Lausanner Konfe­renz, die Gegenüberstellung der beiden Hauptgeg- ncr, ohne das gering ft e Ergebnis enden. Die po,.uve Bereitschaft, in engster Zusammen­arbeit mit Frankreich an die Durchführung eines konstruktiven Aufbauplanes für Europa zu gehen, bleibt ja an d i e Voraussetzung der Re­parationsstreichung geknüpft.

Herr Macdonald, der nach seinen leiden- schasllichen Bemühungen im Eröffnungsstadium der Konferenz in den letzten Tagen viel Zeit hatte, sich dem geliebten Golf zu widmen, mußte nun wieder in den Vordergrund treten. Wenn eine- fung jetzt nicht mehr zu erreichen ist, wird er wie­der eine führende Rolle in dem Kampf um d i e Schlußformel übernehmen, hinter der das Fiasko verschleiert werden muß. Selbst dieser Kampf ist nicht besonders aussichtsreich. Es sieht alles danach aus, als ob Deutschland in die Lage kom­men könnte, feine Unterschrift auch unter einer Der« tagenden Schlußformel zu verweigern. Wenn sich in einer solchen Enttchließung Frankreich auf seine Rechte aus b e m tzoungplan fest- legen ober wenn es einen Ausschuß zur Un­tersuchung b e r beutschen Leistungs - Fähigkeit forbern sollte, so müssen sich unsere Gegenspieler roieber mit einer einseitigen Erklärung wie am Beginn ber Konferenz be­gnügen. Das gleiche würde für den Teil ber Ent­schließung zu gelten haben, ber sich mit ben eure- päiichen Aufbauplänen unb mit bem Programm einer späteren Wirtschaftskonferenz beschäftigen soll. In biefem Zusamenhang spielt immer noch ber Plan eine Rolle, Deutschlanb bei ben Zahlungen für einen allgemeinen Aufbaufonds in be- fonberem Maße zu belasten, die Abzapfungen aus ber beutschen Wirtschaft also unter einem anberen Namen als demjenigen der Reparationen oorzu- nehmen. Das könnte schließlich darauf hinauslaufen, daß Deutschland die Rüstungen der su dost- europäischen Trabanten Frankreichs zum Teil aus s-e i n e r Tasche d e st r e > t e k. Bleibt schließlich der dritte Teil ber geplanten Schlußformel, in ben Frankreich gerne eine neue Binbung Deutschland hineingearbeitet sehen möchte, die dem Sinne nach ein Ost-Lo- c a r n o bedeuten würden. Das kommt natürlich auch dann nicht in Frage, wenn die Formulierung im Sinne eines politischenGottesfriedens gehal­ten wäre. Wir können die Grundlagen einer Außenpolitik, die feit mehr als zehn Jahren von allen politischen Parteien Deutschlands unters.-»t wurde, nicht leichtsinnig angreifen lassen. Man mag Hinschauen wo man will man vermag feinen Ausweg aus der Sackgasse zu erblicken.

Macdonald vermittelt wieder.

£ a u f a n n e, 28. Juni. (1DIB. Funkspruch.) Aus ben gestrigen Abenbbesprechungen des Reichskan;- lers unb herriots mit Macdonald hat sich ein ver­such ergeben, die Delegationen im Beisein ber englischen zu gemeinsamen Besprechungen zu- fammenzuführen. Zur Zeit sind im Hotel der eng- tischen Delegation ber Reichskanzler mit dem Reichs- finanjminifter, h e r r i o t und der französische Ji- nanzminister im Gespräch mit Macdonald zu- fammengetreten, um bas «Ergebnis der gestrigen französisch-deutschen Aussprache in einer B c | p r e - chung zwischen drei Parteien weiterp- sühren. Auch für den Nachmittag sind derart geBe- sprechungen vorgesehen, an denen die Wirtschafts- Minister teitnehmen sollen.

Ein schlechter Tag."

Die französische Presse auf Moll gestimmt.

Paris, 28.3uni. (END. Funkspruch.) Havas meldet, die dritte Zusammenkunft der ttanzoll- schen und der deutschen Delegation habe mcM die Ergebnisse gebracht, die die Begegnungen vom Freitag voriger Woche erwarten liehen. Die offizielle deutsche These enthalte .^r Frankreich die Annullierung seines Reparationsanspruch^s und eine direkte Aufforderung, den größten i-cii der Kosten für den europäischen Wiederaufbau

zu tragen. Allen denen, mit denen Reichskanzler v. Popen in Lausanne gesprochen habe, habe cs geschienen, daß er die Lösung des Reparations­problems im Rahmen des wirtschaft­lichen Wiederaufbaus Europas habe suchen wollen.

Zu diesem Zweck habe er nicht verheimlicht, daß er an eine wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Frankreich denke, nicht nur zwischen ben 3nbuftrien

beiber Länber, fonbern vermittels eines

formellen Abkommens von Staat zu

Staat. Keine einzige biefer 3betn läßt sich in ben ge trigen Darlegungen ber beutschen Delegation wieder inben. Unter biefen Umftänben habe Herriot

nur eine Ueberraschung über bas

beut ch e Versagen zum Ausbruck bringen

können unb sich vorbehalten, am Mittwochoormit- tag barzutun, welche schwere Berantroortung Deutschlanb übernehmen mürbe, wenn es auf feiner egoiftifdjen Intransigenz be­harren sollte.

Die Sonberberid)terftatter ber französischen Presse bestätigen im großen unb ganzen bie Ausführungen ber Haoasagentur. Matin schreibt: alles in allem muß man von einem schlechten Tag, einem einbeutigen Still ft anb aller Hoffnungen sprechen, bi&man auf eine Annäherung zwischen Deutschlanb unb Frankreich habe setzen können. Herriot sei gezwungen gewesen, festzustellen, bah bies Ergebnis ber gestrigen Sitzung ein neues Abrücken ber Politik beiber Länber ooneinanber sei. Das Wort zeige, baß er, wenn er bie Minbestforderungen Frankreichs nicht burchsetzen könne, bie Verhandlnngenab- brechen werbe. Auch bie Deutschen schienen zum Abbruch entschlossen, wenn bie französische Re- gicrung auf ber Forderung nach bem Nettosalbo bestehe.Petit Parisien" vertritt bie Ansicht, baß

bie Einstellung ber beutschen Delegation burch ben Aufenthalt be s Reichskanzlers in Berlin wesentlich beeinflußt worben fei. Die Situation fei wenig ermutigenb. Das Blatt wirft England vor, bie deutsche These nicht unwesentlich begünstigt zu haben.

England istweiter guten Muts.

London. 28. Juni. (WTB. Funkspruch.) Mehrere Blätter heben hervor, daß die jetzige Lage nicht allzu tragisch genommen zu werden brauche. Deutschlands Bereitschaft, einen wesent­lich Beitrag beim Wiederaufbau Europas zu leisten, bessere die Aussicht aus schliehlichc Be­seitigung des Hindernisses der Reparationen. TimeS" berichtet: Einige Tage der Spannung waren in dieser Woche unvermeidlich. Es gilt seit langem als selbstverständlich, dah jede inter­nationale Konferenz ihreKrisiS" haben muh. Aber die erste leichte Entfremdung nach beinahe 14tägiger Beratung ist wohl kein aus­reichender Grund für ein Versinken in dem düsteren Pessimismus, der jetzt in der Umgebung gewisser Delegationen wahr­nehmbar ist. Wenn auch die gestrigen Dcrhand- hingen anscheinend nicht viel Fortschritt gebracht haben, so ist doch jetzt Deutschlands Be­reitwilligkeit zu konstruktiven Bei­trägen zwar in allgemeinen Wendungen doch formest zum Ausdruck gebracht worden, mit dem einzigen Borbehalt, daß diese Beiträge nicht den Merkzettelpolitischer Tribut'^ tragen dürsen. Einer der wichtigsten Punkte der gestrigen deutschen Erklärung ist das An­gebot einer Beteiligung an der Wieder- aufbausammelkasse.

Heim für eine Wiederherstellung der Monarchie der Wittelsbacher.

Ein Interview des bayrischen Bauernführers in einem Londoner Blatt.

London, 27. Juni. (TU.) In einer Unter­redung mit einem Berichterstatter desDaily Expreß" hat der Bauernführer der Bayerischen Dolkspartei, Dr. Heim, u. a. ausgeführt: Je­derzeit könne jetzt der Tag kommen, an dem Kronprinz Rupprecht zum König von Bayern ausgerufen werde. Dies sei nicht nur die Meinung der großen Mehrheit des baye­rischen Volkes, sondern er habe Alten Grund, zu glauben, daß sie auch von der gegenwärti­gen bayerischen Regierung geteilt werde. 75 v. H. der bayerischen Bevölkerung tour- den sofort die Wiederaufrichtung der alten baye­rischen Monarchie unterstützen.5>ie Weimarer Verfassung ist tot. Wir warten nur noch auf die Stunde ihres Begräbnisses." Die Wiedereinfüh­rung der Monarchie bedeute allerdings nicht die Trennung Bayerns vom Reich. Alles, was Bayern verlange, sei ein treues Glied des Reiches zu bleiben. Bayern müsse aber das Recht zu einer von den anderen deutschen Staa­ten unabhängigen Verfassung haben. Wir wollen einen König als Herrscher, anstatt eines republikanischen Präsidenten, weil wir glau­ben, dah ein Monarch, der durch die Bande des Blutes mit seinem Lande verbunden ist, der beste Herrscher sür einen Staat in diesen schweren Zei­ten ist.

Die Frage des Berichterstatters, ob die Herbei­führung einer absoluten Monarchie mit dikta­torischen Vollmachten gewünscht werde, wurde von Heim verneint. Die bayerischen Könige seien immer demokratische Kö­nige gewesen, die von ihrem Volke geliebt worden feien. Die Monarchie werde von einem Zweikammer-Parlament unter st ützt werden. Dies sei alles bereits ausgearbeitet worden. Das Oberhaupt werde aus vom Kö­nige ernannten Mitgliedern zusammengesetzt sein, und zwar aus einflußreichen Industriellen, Uni- versitäts- und Kirchenvertretern, sowie gewählten Vertretern verschiedener öffentlicher Körperschaf­ten, Handelsverbände, Gewerkschaften usw. Das Unterhaus werde nach denselben Richtlinien wie der jetzige Bayerische Landtag gewählt wer­den mit der Ausnahme, daß das Wahlrecht ein­geschränkt werde. .

Heim erklärte ferner, er glaube, daß die Stunde kommen werde, wo der K o n f l i k t z w i s ch e n Bayern und dem Reich zum offenen Aus­bruch komme. Bayern werde sich dann nach einem König umschauen, der es in dem Kampf um die Wahrung der bayerischen Gesetze gegen die all­gemeine deutsche Einordnung, die die Reichsregie­rung Bayern aufzwingen wolle, fuhren werde.

Wir wünschen keinen Kampf. Aber wenn uns em Kampf ausgezwungen wird, barm sind wir bet­ret t dazu."

Eine Erklärung Heims.

Olürnberg, 27. Iuni. (TU. Funkspruch.) Das Rürnbcrger Achtuhrblatt" veröfsentlicht dazu eine Stellungnahme Dr. H e i m s, in der es u. a. heißt. Geheimrat Heim habe das Interview nut

unter der Bedingung gegeben, dah ihm die Wie­dergabe der Unterredung vorher z u unter­breiten sei. Dies habe nicht stattgefunden. Die monarchistischen Bestrebungen Bayerns hätten nichts mit Separatismus zu tun, da Bayern sonst in volle Hörigkeit des Auslandes komme. Die Wiederherstellung der Monarchie habe die Wiederherstellung der Dis- marckschen Reichsverfassung zur Dor- aussehung unter Anpassung an die veränderten Zeitverhältnisse Die Zuständigkeit der Länder müsse erweitert werden. Dr. Heim habe auch nie eine Donaumonarchie vertreten. Bei dem Interview habe er von der bayerischen Regierung kein Wort gesprochen. Das sei eine Zutat des Berichterstatters des .Daily Expreß" gewesen. Die Bemerkung in dem Interview, es sei bereits alles a u ß ge­arbeitet worden, bezog sich in ganz klarem Zusammenhang auf das Iahr 19 17, wo Dr. Heim diese Vorschläge (Ergänzung der Kam­mer der Reichsräte durch Ständevertreter) aus­gearbeitet hatte. Auf die Frage, ob er glaube, daß die Monarchie in Bayern einmal kommen werde, habe Dr. Heim dem Berichterstatter geant­wortet. Ich bin kein Prophet, aber ich glaube, daß sie bestimmt kommen wird. Auch im Reich Bismarcks hat en wir Monarchien und Republiken. Der Zentralismus sündige gegen den Bestand des Reiches. Man könne geschichtlich Gewordenes nicht mit einem Schwamm auslöschen.

Oer Wahlaufruf der Sozialdemokraten.

Berlin. 28. Iuni. (ERB.) Der Vorstand der Sozialdemokratischen Partei veröffentlicht den Wahlaufruf der SPD . in dem es heiht: Wir kämpfen für die Aushebung der Rotverordnung, wir kämpfen für die Erhaltung und S chrrung des Rechts auf Arbeitslosenvers.cherung. wir kämpfen für Arbeitsbeschaffung aus öffentlichen Mitteln, für gesetzliche Verkürzung der Arbeitszeit auf 40 Stunden, für rasche Durchführung der Sied­lungen. ohne dem lebensunfähigen Grohgrund- besitz neue Geschenke zu machen unb damit den Siedler zu belasten. Wir kämpfen für gerechte Verteilung der Lasten nach der Leistungsfähigkeit. Anstatt die Lebenshaltung breitester DolkS- schichten durch den Sozialabbau auf der ganzen Linie unter das Existenzminimum herabzudrücken, müssen die hohen Vermögen durch eine hohe Ver­mögens- und Erbschaftssteuer erfaßt werden. Wir kämpfen aber auch für eine Außenpolitik der friedlichen Verständigung auf dem Boden des gleichen Rechts für alle. In voller Heberein- stimmung mit den Gewerkschaften fordern wir Umbau der Wirtschaft. Die Staatsmacht muh planmäßig in den Dienst der Umwandlung der kapitalistischen Profitwirtschaft in eine sozialistische Dedarfswirtschast gestellt werden Rur so kann das Elend abgewehrt und dem Volk die Hoff­nung auf eine neue Lebensaufgabe gegeben werden

Versailles.

Drei moralische Forderungen.

Don Or. h. c. Alfred von Wegerer.

Am 28. Iuni jährt sich zum 13. Male der Tag. an dem bie beutschc Regierung in Versailles den Vertrag unterzeichnete, der den militürischen Kamps des Weltkrieges beendete, ohne Deutschlanb ben Frieden zu bringen, den das deutsche Volk auf Grund der Willonschen Versprechungen erwarten konnte. Am 28. Iuni 1919 um 3 Uhr nachmittags sand in der Dpiegel- galcrie des Versailler Schlosses die Unterzeich­nung des erzwungenen Vertrages statt.

Degen den Vertrag sind drei moralische For­derungen aufzustellen:

Das Urteil von der deutschen QI l - leinschu 1 d am Kriege, wie eS im Frie­densvertrag unb in ber Rote vorn 16. Iuni 1919, die Lloyb George wohl mit Recht als einen Teil des Vertrages genannt hat zum Ausdruck gekommen ist, muß heute nach den Zeugnissen erster Historiker unb Rech tsge lehr ter des 3n» unb Auslandes alß widerlegt bezeich­ne t werden. Bereits im Iuniheft vorigen Iahres konnte ich in denBerliner Monatsheften" bas Zeugnis von fast 50 auSlänbischen ersten Sach­verständigen veröffentlichen, bie sich Har gegen bie Versailler Kriegsschulbthese ausgesprochen haben. Inzwischen sind heute be­achtenswerte Stimmen hervorragender Persön­lichkeiten des Auslandes bekannt geworden. Auch religiöse Gemeinschaften haben ihrer sittlichen Entrüstung über baß Versailler Urteil Ausdruck gegeben

Die Empörung richtet sich aber nicht nur gegen das Urteil, Deutschland habe den Krieg vorsätz­lich geplant und absichtlich vom Zaune gebrochen, um die Weltherrschaft an sich zu reißen, sondern sie wendet sich auch dagegen, daß verwerf­liche Mittel angewandt worden find, um das falsche Urteil in der Schuldfrage zustande zu bringen.

Während der Friedensverhandlungen in Pari- Hat crne Kommission von 15 Delegierten über die Schuld Deutschlands am Kriege ein Urteil abgegeben, das auf einem Material beruhte, baß zum größten Teil unvollständig, lücken­haft. tendenziös und zum Teil sogar ge­fälscht war. QIn den Fälschungen der Doku­mente ist besonders der Quai d'Orsay beteiligt, ber in seinem Gelbbuch, bas ben diplomatischen Schriftwechsel der Iulikrisis enthält, gefälschte Dokumente verösfentlicht hat mit dem klar erkenn­baren Ziel, bie Verantwortung für bie russische Mobilmachung Deutschlanb unb Oesterreich zur Last zu legen. In Wirklichkeit waren die Beweg­gründe des zaristischen Rußlands, den vorberei­teten unb für ben Fall eines Vorgehens Oester­reichs gegen Serbien wegen des Attentats von Sarajewo von Poincar«? gebilligten Krieg zu führen. Selbst die noch mögliche friedliche Bei­legung des Konflikts zwischen Oesterreich unb Serbien wurde durch Rußland in der großen Konferenz am 25. Iuli unter Vorsitz beß Zaren in letzter Stunde vereitelt.

□Beiteten Anlaß zur Empörung gegen den * Versailler Vertrag gibt der Rechtsbruch, der im Artikel 231 des Vertrags liegt. Deutsch­land war am 5. Rovernber 1918 vor Abschluß der WasfenstillstandSverhandlungen in ber Rote des amerikanischen Staatssekretärs Lansing zu­gesagt worden, baß nur biebesetzten Gebiete" toieber herzu st eilen hätte. , worunter zu verstehen war. baß Deutschlanb für die durch feinen Angriff der Zivilbevölkerung der Alliierten und ihrem Eigentum zugefügten Schäden Ersatz leisten sollte. Auf Grund dieser □lote hatte Deutschlanb in bem guten Glauben, einen erträglichen Frieden zu erhalten, ben Waf- fenftiUitanb abgeschlossen unb ben größten Teil seiner Waffen außgeüefert. Im Laufe ber Frie­de nsverhanblungen wurden trotz Einspruchs einiger gerecht denkender Amerikaner die kla­ren Verpflichtungen der Lansing­note verlassen und bie ReparationSforde- rungen des Versailler Friebensvertrages nach anberen Gesichtspunkten festgesetzt. Statt ber vereinbarten Wiederherstellung der besetzten Gebiete" wurde von Deutschlanb ver­langt. alle Verluste unb Schöben wie­dergutzumachen. die durch benAngriff Deutschlands" der Zivilbevölkerung ber alliierten unb assoziierten Regierungen unb ihkem Eigen­tum zugefügt worden waren. In ber Anlage I des Artikels 232 beß Vertrages wurde bie Scha- densersahpflicht im einzelnen genau feftgelegt. So enthielt beispielsweise Ziffer 5 dieser Anlage für Deutschland die mit der Lansingnote keines­falls in Einklang zu bringende Verpflichtung, auch allePensionen unb gleichar­tige Vergütungen" zu übernehmen. Da­durch stiegen die Rcparationsverpflichtungen ins Unermeßliche. Im Laufe der RachkriegS-Der- handlungen wurden die Schäden selbst überhaupt nicht mehr berücksichtigt, sondern lediglich die Leistungsfähigkeit Deutschlands. Zahlun­gen aufzubringen. in Rechnung gestellt.

Hiermit erschöpfen sich aber nicht bie Ungerech­tigkeiten des Versailler Vertrages. Die uns -u- gefagte Abrüstung ber anberen euro­päischen Staaten, die ein erster Schritt für den Frieden ber Well sein könnte, ist bis heute nur ein Versprechen geblieben.

Auch sonst ist am Versailler FriebensverLrag gewiß noch mancherlei auSzufetzen. aber diese drei Punkte: Kriegsschuldlüge, Rechtsbruch in der Reparativnsfrage unb die biß jetzt verweigerte Abrüstung sind Tatsachen, die sich keineswegs mit dem verlorenen Krieg rechtfertigen lassen.