Ur. 149 Erstes Blatt
182. Jahrgang
Dienstag, 28. Juni 1932
(fcr| d)emt tägltd), außer Sonntags und feiertags. Beilagen: Die Illustrierl, Gießener Familienblätter Heimat im Bild Die Scholl»
Monats vezugrpretr:
Mit 4 Beilagen NM. 1.95 Ohne Illustrierte . 1.80 Zustellgebühr .. , -.25 Auch bet Nichterscheinen von einzelnen Nummern infolge höherer Gewalt.
^ernsprechanschlüfie unter Sammelnummer 2251. Anschrift für Drahtnachrichten^ Anzeiger Gießen.
Postscheckkonto: fitanlfvrt om moin 11686.
Gichemr Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
VnrS und Verlag: vrühl'fchc Univer^iütr-Vuch' und Zteindruckerei R. Lange tu Gießen. Schriftleitung und Geschäftrstelle: Schnlttraße 7.
Annahme von Anzeigen für die lagesnummet bis zum Nachmittag vorher.
Preis für \ mm YShe für Anzeigen von 27 mm Brette örtlich 8, auswärt» 10 Neichspfennig; für No- Klameanzeigen von 70 mm Brette 35 Neichspfennig, Vlayvorfedrift 20*1. mehr.
Chefredakteur
Dr. Friede. Wilh. Lange. Verantwortlich für Polttik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr H.IHyrtot; für den übrigen letl Ernst Blurnfchein und für den Anzeigenteil Max FiUer, sämtlich in Bietzen.
Kein Ausweg aus der Sackgasse?
Wenig Aussichten für eine Verständigung. — Kamps um die Schlußformel.
Don unserem G-Rorrefponbenten.
Lausanne, 28. Juni.
Die neue Woche Hal zwar die langersehnte sommerliche Aufheiterung über dem Genfer Tee und das Ende einer grauen '.Regenperiobe gebracht, aber die politischen Meteorologen wagen diesmal nicht, einen parallelen Ablauf der politischen Entwicklung mit den Wettererscheinungen zu prophezeien.
Die beiden Staatsmänner, auf die in diesem Stadium der Konferenz alles gestellt ist, die Herren o. P a p € n und f) e r r i o t, sind erwartungsgemäß aus ihren Hauptstädten mit gesteiftem Rük- ken wieder eingetroffen. Die Ausfährun- gen, die der deutsche Finanzminister am Montag den letzthin vorgetragenen französischen Argumenten entgegengestellt hat, arbeiten d i e endgültige und unerschütterliche Ablehnung irgendwelcher weiteren deutschen Zahlungen auf Reparationskonto nochmals mit aller Schärfe heraus, und wenn nun Herr Herriot nicht die Kraft und den Mut in sich fühlt, die Kriegstribute völlig beiseite zu schieben, so werden auch die neuen Unterhaltungen über eine wirtschaftliche Berständi - g u n g der europäischen Staaten in das Kapitel der politischen Romantik einzureihen sein. Wenn nicht noch ein Wunder geschieht, so wird der zweite und entscheidende Abschnitt der Lausanner Konferenz, die Gegenüberstellung der beiden Hauptgeg- ncr, ohne das gering ft e Ergebnis enden. Die po,.uve Bereitschaft, in engster Zusammenarbeit mit Frankreich an die Durchführung eines konstruktiven Aufbauplanes für Europa zu gehen, bleibt ja an d i e Voraussetzung der Reparationsstreichung geknüpft.
Herr Macdonald, der nach seinen leiden- schasllichen Bemühungen im Eröffnungsstadium der Konferenz in den letzten Tagen viel Zeit hatte, sich dem geliebten Golf zu widmen, mußte nun wieder in den Vordergrund treten. Wenn eine Lö- fung jetzt nicht mehr zu erreichen ist, wird er wieder eine führende Rolle in dem Kampf um d i e Schlußformel übernehmen, hinter der das Fiasko verschleiert werden muß. Selbst dieser Kampf ist nicht besonders aussichtsreich. Es sieht alles danach aus, als ob Deutschland in die Lage kommen könnte, feine Unterschrift auch unter einer Der« tagenden Schlußformel zu verweigern. Wenn sich in einer solchen Enttchließung Frankreich auf seine Rechte aus b e m tzoungplan fest- legen ober wenn es einen Ausschuß zur Untersuchung b e r beutschen Leistungs - Fähigkeit forbern sollte, so müssen sich unsere Gegenspieler roieber mit einer einseitigen Erklärung wie am Beginn ber Konferenz begnügen. Das gleiche würde für den Teil ber Entschließung zu gelten haben, ber sich mit ben eure- päiichen Aufbauplänen unb mit bem Programm einer späteren Wirtschaftskonferenz beschäftigen soll. In biefem Zusamenhang spielt immer noch ber Plan eine Rolle, Deutschlanb bei ben Zahlungen für einen allgemeinen Aufbaufonds in be- fonberem Maße zu belasten, die Abzapfungen aus ber beutschen Wirtschaft also unter einem anberen Namen als demjenigen der Reparationen oorzu- nehmen. Das könnte schließlich darauf hinauslaufen, daß Deutschland die Rüstungen der su dost- europäischen Trabanten Frankreichs zum Teil aus s-e i n e r Tasche d e st r e > t e k. Bleibt schließlich der dritte Teil ber geplanten Schlußformel, in ben Frankreich gerne eine neue Binbung Deutschland hineingearbeitet sehen möchte, die dem Sinne nach ein Ost-Lo- c a r n o bedeuten würden. Das kommt natürlich auch dann nicht in Frage, wenn die Formulierung im Sinne eines politischen „Gottesfriedens gehalten wäre. Wir können die Grundlagen einer Außenpolitik, die feit mehr als zehn Jahren von allen politischen Parteien Deutschlands unters.-»t wurde, nicht leichtsinnig angreifen lassen. Man mag Hinschauen wo man will — man vermag feinen Ausweg aus der Sackgasse zu erblicken.
Macdonald vermittelt wieder.
£ a u f a n n e, 28. Juni. (1DIB. Funkspruch.) Aus ben gestrigen Abenbbesprechungen des Reichskan;- lers unb herriots mit Macdonald hat sich ein versuch ergeben, die Delegationen im Beisein ber englischen zu gemeinsamen Besprechungen zu- fammenzuführen. Zur Zeit sind im Hotel der eng- tischen Delegation ber Reichskanzler mit dem Reichs- finanjminifter, h e r r i o t und der französische Ji- nanzminister im Gespräch mit Macdonald zu- fammengetreten, um bas «Ergebnis der gestrigen französisch-deutschen Aussprache in einer B c | p r e - chung zwischen drei Parteien weiterp- sühren. Auch für den Nachmittag sind derart geBe- sprechungen vorgesehen, an denen die Wirtschafts- Minister teitnehmen sollen.
„Ein schlechter Tag."
Die französische Presse auf Moll gestimmt.
Paris, 28.3uni. (END. Funkspruch.) Havas meldet, die dritte Zusammenkunft der ttanzoll- schen und der deutschen Delegation habe mcM die Ergebnisse gebracht, die die Begegnungen vom Freitag voriger Woche erwarten liehen. Die offizielle deutsche These enthalte .^r Frankreich die Annullierung seines Reparationsanspruch^s und eine direkte Aufforderung, den größten i-cii der Kosten für den europäischen Wiederaufbau
zu tragen. Allen denen, mit denen Reichskanzler v. Popen in Lausanne gesprochen habe, habe cs geschienen, daß er die Lösung des Reparationsproblems im Rahmen des wirtschaftlichen Wiederaufbaus Europas habe suchen wollen.
Zu diesem Zweck habe er nicht verheimlicht, daß er an eine wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Frankreich denke, nicht nur zwischen ben 3nbuftrien
beiber Länber, fonbern vermittels eines
formellen Abkommens von Staat zu
Staat. Keine einzige biefer 3betn läßt sich in ben ge trigen Darlegungen ber beutschen Delegation wieder inben. Unter biefen Umftänben habe Herriot
nur eine Ueberraschung über bas
beut ch e Versagen zum Ausbruck bringen
können unb sich vorbehalten, am Mittwochoormit- tag barzutun, welche schwere Berantroortung Deutschlanb übernehmen mürbe, wenn es auf feiner egoiftifdjen Intransigenz beharren sollte.
Die Sonberberid)terftatter ber französischen Presse bestätigen im großen unb ganzen bie Ausführungen ber Haoasagentur. Matin schreibt: alles in allem muß man von einem schlechten Tag, einem einbeutigen Still ft anb aller Hoffnungen sprechen, bi&man auf eine Annäherung zwischen Deutschlanb unb Frankreich habe setzen können. Herriot sei gezwungen gewesen, festzustellen, bah bies Ergebnis ber gestrigen Sitzung ein neues Abrücken ber Politik beiber Länber ooneinanber sei. Das Wort zeige, baß er, wenn er bie Minbestforderungen Frankreichs nicht burchsetzen könne, bie Verhandlnngenab- brechen werbe. Auch bie Deutschen schienen zum Abbruch entschlossen, wenn bie französische Re- gicrung auf ber Forderung nach bem Nettosalbo bestehe. „Petit Parisien" vertritt bie Ansicht, baß
bie Einstellung ber beutschen Delegation burch ben Aufenthalt be s Reichskanzlers in Berlin wesentlich beeinflußt worben fei. Die Situation fei wenig ermutigenb. Das Blatt wirft England vor, bie deutsche These nicht unwesentlich begünstigt zu haben.
England istweiter guten Muts.
London. 28. Juni. (WTB. Funkspruch.) Mehrere Blätter heben hervor, daß die jetzige Lage nicht allzu tragisch genommen zu werden brauche. Deutschlands Bereitschaft, einen wesentlich Beitrag beim Wiederaufbau Europas zu leisten, bessere die Aussicht aus schliehlichc Beseitigung des Hindernisses der Reparationen. — „TimeS" berichtet: Einige Tage der Spannung waren in dieser Woche unvermeidlich. Es gilt seit langem als selbstverständlich, dah jede internationale Konferenz ihre „KrisiS" haben muh. Aber die erste leichte Entfremdung nach beinahe 14tägiger Beratung ist wohl kein ausreichender Grund für ein Versinken in dem düsteren Pessimismus, der jetzt in der Umgebung gewisser Delegationen wahrnehmbar ist. Wenn auch die gestrigen Dcrhand- hingen anscheinend nicht viel Fortschritt gebracht haben, so ist doch jetzt Deutschlands Bereitwilligkeit zu konstruktiven Beiträgen zwar in allgemeinen Wendungen doch formest zum Ausdruck gebracht worden, mit dem einzigen Borbehalt, daß diese Beiträge nicht den Merkzettel „politischer Tribut'^ tragen dürsen. Einer der wichtigsten Punkte der gestrigen deutschen Erklärung ist das Angebot einer Beteiligung an der Wieder- aufbausammelkasse.
Heim für eine Wiederherstellung der Monarchie der Wittelsbacher.
Ein Interview des bayrischen Bauernführers in einem Londoner Blatt.
London, 27. Juni. (TU.) In einer Unterredung mit einem Berichterstatter des „Daily Expreß" hat der Bauernführer der Bayerischen Dolkspartei, Dr. Heim, u. a. ausgeführt: Jederzeit könne jetzt der Tag kommen, an dem Kronprinz Rupprecht zum König von Bayern ausgerufen werde. Dies sei nicht nur die Meinung der großen Mehrheit des bayerischen Volkes, sondern er habe Alten Grund, zu glauben, daß sie auch von der gegenwärtigen bayerischen Regierung geteilt werde. 75 v. H. der bayerischen Bevölkerung tour- den sofort die Wiederaufrichtung der alten bayerischen Monarchie unterstützen. „5>ie Weimarer Verfassung ist tot. Wir warten nur noch auf die Stunde ihres Begräbnisses." Die Wiedereinführung der Monarchie bedeute allerdings nicht die Trennung Bayerns vom Reich. Alles, was Bayern verlange, sei ein treues Glied des Reiches zu bleiben. Bayern müsse aber das Recht zu einer von den anderen deutschen Staaten unabhängigen Verfassung haben. Wir wollen einen König als Herrscher, anstatt eines republikanischen Präsidenten, weil wir glauben, dah ein Monarch, der durch die Bande des Blutes mit seinem Lande verbunden ist, der beste Herrscher sür einen Staat in diesen schweren Zeiten ist.
Die Frage des Berichterstatters, ob die Herbeiführung einer absoluten Monarchie mit diktatorischen Vollmachten gewünscht werde, wurde von Heim verneint. Die bayerischen Könige seien immer demokratische Könige gewesen, die von ihrem Volke geliebt worden feien. Die Monarchie werde von einem Zweikammer-Parlament unter st ützt werden. Dies sei alles bereits ausgearbeitet worden. Das Oberhaupt werde aus vom Könige ernannten Mitgliedern zusammengesetzt sein, und zwar aus einflußreichen Industriellen, Uni- versitäts- und Kirchenvertretern, sowie gewählten Vertretern verschiedener öffentlicher Körperschaften, Handelsverbände, Gewerkschaften usw. Das Unterhaus werde nach denselben Richtlinien wie der jetzige Bayerische Landtag gewählt werden mit der Ausnahme, daß das Wahlrecht eingeschränkt werde. .
Heim erklärte ferner, er glaube, daß die Stunde kommen werde, wo der K o n f l i k t z w i s ch e n Bayern und dem Reich zum offenen Ausbruch komme. Bayern werde sich dann nach einem König umschauen, der es in dem Kampf um die Wahrung der bayerischen Gesetze gegen die allgemeine deutsche Einordnung, die die Reichsregierung Bayern aufzwingen wolle, fuhren werde.
Wir wünschen keinen Kampf. Aber wenn uns em Kampf ausgezwungen wird, barm sind wir betret t dazu."
Eine Erklärung Heims.
Olürnberg, 27. Iuni. (TU. Funkspruch.) Das Rürnbcrger Achtuhrblatt" veröfsentlicht dazu eine Stellungnahme Dr. H e i m s, in der es u. a. heißt. Geheimrat Heim habe das Interview nut
unter der Bedingung gegeben, dah ihm die Wiedergabe der Unterredung vorher z u unterbreiten sei. Dies habe nicht stattgefunden. Die monarchistischen Bestrebungen Bayerns hätten nichts mit Separatismus zu tun, da Bayern sonst in volle Hörigkeit des Auslandes komme. Die Wiederherstellung der Monarchie habe die Wiederherstellung der Dis- marckschen Reichsverfassung zur Dor- aussehung unter Anpassung an die veränderten Zeitverhältnisse Die Zuständigkeit der Länder müsse erweitert werden. Dr. Heim habe auch nie eine Donaumonarchie vertreten. Bei dem Interview habe er von der bayerischen Regierung kein Wort gesprochen. Das sei eine Zutat des Berichterstatters des .Daily Expreß" gewesen. Die Bemerkung in dem Interview, es sei bereits alles a u ß gearbeitet worden, bezog sich in ganz klarem Zusammenhang auf das Iahr 19 17, wo Dr. Heim diese Vorschläge (Ergänzung der Kammer der Reichsräte durch Ständevertreter) ausgearbeitet hatte. Auf die Frage, ob er glaube, daß die Monarchie in Bayern einmal kommen werde, habe Dr. Heim dem Berichterstatter geantwortet. Ich bin kein Prophet, aber ich glaube, daß sie bestimmt kommen wird. Auch im Reich Bismarcks hat en wir Monarchien und Republiken. Der Zentralismus sündige gegen den Bestand des Reiches. Man könne geschichtlich Gewordenes nicht mit einem Schwamm auslöschen.
Oer Wahlaufruf der Sozialdemokraten.
Berlin. 28. Iuni. (ERB.) Der Vorstand der Sozialdemokratischen Partei veröffentlicht den Wahlaufruf der SPD . in dem es heiht: Wir kämpfen für die Aushebung der Rotverordnung, wir kämpfen für die Erhaltung und S chrrung des Rechts auf Arbeitslosenvers.cherung. wir kämpfen für Arbeitsbeschaffung aus öffentlichen Mitteln, für gesetzliche Verkürzung der Arbeitszeit auf 40 Stunden, für rasche Durchführung der Siedlungen. ohne dem lebensunfähigen Grohgrund- besitz neue Geschenke zu machen unb damit den Siedler zu belasten. Wir kämpfen für gerechte Verteilung der Lasten nach der Leistungsfähigkeit. Anstatt die Lebenshaltung breitester DolkS- schichten durch den Sozialabbau auf der ganzen Linie unter das Existenzminimum herabzudrücken, müssen die hohen Vermögen durch eine hohe Vermögens- und Erbschaftssteuer erfaßt werden. Wir kämpfen aber auch für eine Außenpolitik der friedlichen Verständigung auf dem Boden des gleichen Rechts für alle. In voller Heberein- stimmung mit den Gewerkschaften fordern wir Umbau der Wirtschaft. Die Staatsmacht muh planmäßig in den Dienst der Umwandlung der kapitalistischen Profitwirtschaft in eine sozialistische Dedarfswirtschast gestellt werden Rur so kann das Elend abgewehrt und dem Volk die Hoffnung auf eine neue Lebensaufgabe gegeben werden
Versailles.
Drei moralische Forderungen.
Don Or. h. c. Alfred von Wegerer.
Am 28. Iuni jährt sich zum 13. Male der Tag. an dem bie beutschc Regierung in Versailles den Vertrag unterzeichnete, der den militürischen Kamps des Weltkrieges beendete, ohne Deutschlanb ben Frieden zu bringen, den das deutsche Volk auf Grund der Willonschen Versprechungen erwarten konnte. Am 28. Iuni 1919 um 3 Uhr nachmittags sand in der Dpiegel- galcrie des Versailler Schlosses die Unterzeichnung des erzwungenen Vertrages statt.
Degen den Vertrag sind drei moralische Forderungen aufzustellen:
Das Urteil von der deutschen QI l - leinschu 1 d am Kriege, wie eS im Friedensvertrag unb in ber Rote vorn 16. Iuni 1919, — die Lloyb George wohl mit Recht als einen Teil des Vertrages genannt hat — zum Ausdruck gekommen ist, muß heute nach den Zeugnissen erster Historiker unb Rech tsge lehr ter des 3n» unb Auslandes alß widerlegt bezeichne t werden. Bereits im Iuniheft vorigen Iahres konnte ich in den „Berliner Monatsheften" bas Zeugnis von fast 50 auSlänbischen ersten Sachverständigen veröffentlichen, bie sich Har gegen bie Versailler Kriegsschulbthese ausgesprochen haben. Inzwischen sind heute beachtenswerte Stimmen hervorragender Persönlichkeiten des Auslandes bekannt geworden. Auch religiöse Gemeinschaften haben ihrer sittlichen Entrüstung über baß Versailler Urteil Ausdruck gegeben
Die Empörung richtet sich aber nicht nur gegen das Urteil, Deutschland habe den Krieg vorsätzlich geplant und absichtlich vom Zaune gebrochen, um die Weltherrschaft an sich zu reißen, sondern sie wendet sich auch dagegen, daß verwerfliche Mittel angewandt worden find, um das falsche Urteil in der Schuldfrage zustande zu bringen.
Während der Friedensverhandlungen in Pari- Hat crne Kommission von 15 Delegierten über die Schuld Deutschlands am Kriege ein Urteil abgegeben, das auf einem Material beruhte, baß zum größten Teil unvollständig, lückenhaft. tendenziös und zum Teil sogar gefälscht war. QIn den Fälschungen der Dokumente ist besonders der Quai d'Orsay beteiligt, ber in seinem Gelbbuch, bas ben diplomatischen Schriftwechsel der Iulikrisis enthält, gefälschte Dokumente verösfentlicht hat mit dem klar erkennbaren Ziel, bie Verantwortung für bie russische Mobilmachung Deutschlanb unb Oesterreich zur Last zu legen. In Wirklichkeit waren die Beweggründe des zaristischen Rußlands, den vorbereiteten unb für ben Fall eines Vorgehens Oesterreichs gegen Serbien wegen des Attentats von Sarajewo von Poincar«? gebilligten Krieg zu führen. Selbst die noch mögliche friedliche Beilegung des Konflikts zwischen Oesterreich unb Serbien wurde durch Rußland in der großen Konferenz am 25. Iuli unter Vorsitz beß Zaren in letzter Stunde vereitelt.
□Beiteten Anlaß zur Empörung gegen den * Versailler Vertrag gibt der Rechtsbruch, der im Artikel 231 des Vertrags liegt. Deutschland war am 5. Rovernber 1918 vor Abschluß der WasfenstillstandSverhandlungen in ber Rote des amerikanischen Staatssekretärs Lansing zugesagt worden, baß eß nur bie „besetzten Gebiete" toieber herzu st eilen hätte. , worunter zu verstehen war. baß Deutschlanb für die durch feinen Angriff der Zivilbevölkerung der Alliierten und ihrem Eigentum zugefügten Schäden Ersatz leisten sollte. Auf Grund dieser □lote hatte Deutschlanb in bem guten Glauben, einen erträglichen Frieden zu erhalten, ben Waf- fenftiUitanb abgeschlossen unb ben größten Teil seiner Waffen außgeüefert. Im Laufe ber Friede nsverhanblungen wurden trotz Einspruchs einiger gerecht denkender Amerikaner die klaren Verpflichtungen der Lansingnote verlassen und bie ReparationSforde- rungen des Versailler Friebensvertrages nach anberen Gesichtspunkten festgesetzt. Statt ber vereinbarten Wiederherstellung der „besetzten Gebiete" wurde von Deutschlanb verlangt. alle Verluste unb Schöben wiedergutzumachen. die durch ben „Angriff Deutschlands" der Zivilbevölkerung ber alliierten unb assoziierten Regierungen unb ihkem Eigentum zugefügt worden waren. In ber Anlage I des Artikels 232 beß Vertrages wurde bie Scha- densersahpflicht im einzelnen genau feftgelegt. So enthielt beispielsweise Ziffer 5 dieser Anlage für Deutschland die mit der Lansingnote keinesfalls in Einklang zu bringende Verpflichtung, auch alle „Pensionen unb gleichartige Vergütungen" zu übernehmen. Dadurch stiegen die Rcparationsverpflichtungen ins Unermeßliche. Im Laufe der RachkriegS-Der- handlungen wurden die Schäden selbst überhaupt nicht mehr berücksichtigt, sondern lediglich die Leistungsfähigkeit Deutschlands. Zahlungen aufzubringen. in Rechnung gestellt.
Hiermit erschöpfen sich aber nicht bie Ungerechtigkeiten des Versailler Vertrages. Die uns -u- gefagte Abrüstung ber anberen europäischen Staaten, die ein erster Schritt für den Frieden ber Well sein könnte, ist bis heute nur ein Versprechen geblieben.
Auch sonst ist am Versailler FriebensverLrag gewiß noch mancherlei auSzufetzen. aber diese drei Punkte: Kriegsschuldlüge, Rechtsbruch in der Reparativnsfrage unb die biß jetzt verweigerte Abrüstung sind Tatsachen, die sich keineswegs mit dem verlorenen Krieg rechtfertigen lassen.


