Hr.99 Zweites Blatt
Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderheffen)
Donnerstag, 28. April 1932
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Oberheffen.
Gemeinderai in Büdingen.
db. Büdingen, 21. April. 3n der jüngsten Gemeinderatssihung. der ersten umer dem Dorsitz des neugewählten Berussbürger- Meisters D i e m e r, wurde zunächst das für den ausgeschiedencn Demeinderat Kärcher eintretende Gemeinderatsmitglicd Adolf Lehning verpflichtet. Der Ratsausfchuh für Wohnungs- angelegenheiten wurde zum Derwaltungsnus- fchuh umgcbildct. Eiirzelnen Anträgen auf Erlaß bzw. Herabsetzung der Bürgersteuer wurde statt- gegeben. Den Verkauf des Hauses an der Saline lehnte der Gemeinderat ab. Die Tagegelder und Reisekosten der Ortsvorstandspcrsoncn und der Gemcindcbeamten erfuhren die Festsetzung nach dem Vorschlag des Krcisamtes. C» wurde weiter beschlossen, mit dem Feldbercinigungkommissar Verhandlungen zu führen, damit die Rechte der Stadt hinsichtlich der Durchsührung der Wasser- leitungs- und Kanalstränge, soweit sie in Privateigentum eingebaut sind, gewahrt bleiben. Die im §eldbereinigungsvcrfahren der Gemeinde Dudenrod für die Planierung von Grenzwegen entstandenen Kosten mit 380 Mark wurden auf die Gemeindekasse übernommen. Für daS 3ahr 1932 .beschloß man die gleichen Steuersätze, wie für das Vorjahr. Dem Antrag des Iagdpächters im Wolddistrikt Leuchte auf Ermäßigung des Pachtgeldes wurde stattgegeben.
Landkreis Gictzen.
$ Alten - Duseck. 25. April. Die diesjährige Generalversammlung des hiesigen Spar- und Dorschußvereins fand am Sonntagnach- mittag im Saale des Otto Rabenau statt. Direktor Schwalb gedachte zunächst der im verstossenen Jahre verstorbenen Mitglieder. Aus dem anschlicszcndcn Gcschüstsbericht ging hervor, daß der Verein nach wie vor aus gefestigter Grundlage ruht und auch heute noch ohne jegliche Inanspruchnahme von Bankkredit arbeitet, trotzdem im letzten Halbjahr über 26 000 Mk. Spareinlagen zur Rückzahlung gelangten. Direktor Schwalb richtete die dringende Mahnung an die Aufwertungsschuldner, sowohl im eigenen, als auch im Interesse der bedürftigsten Auswertungsgläubiger olles ouszubietcn, um mit ihren rückständigen Zinszahlungen beizukommcn. Die Bekanntgabe der Jahresbilanz, welche in der Aktiva 141 237,46 Mk., in der Passiva 138 891,33 Mk. betrug. wurde bcisällig entgegengcnommcn und dem Gelamtvorstand Entlastung erteilt. Bei der Verteilung des Reingewinnes von 2346.46 Mk. wurde der Vorschlag des Vorstandes, dem Ge- lchästsguthaben der Mitglieder 8 .Prozent Dividende zu überweisen und den Rest von je 800 Mk- dem Reservesonds bzw. Rücklogenkonto gutzu- lch eiben, angenommen. Zu Punkt„Verfch ebenes" sprach Direktor Schwalb über Zmsangclcgen- heiten und teilte mit. daß der Zinsfuß für Darlehensschulden auf 8 Prozent, für Spargelder je nach Dauer der Kündigungsfrist auf 4.5 bzw. 5,5 Prozent gesenkt worden sei. Dem Leiter der Schulsparkasse. Lehrer F o y, sowie dem Kassierer der Haussparkalse. Philipp Böh, wurde für ihre erfolgreiche Tätigkeit Dank und Anerkennung ausgesprochen Rach einem kurzen Schlußwort, in dem Direktor Schwalb an die Versammlungsteilnehmer die Aufforderung richtete, ihr Vertrauen nicht zweifelhaften auswärtigen Instituten. sondern der mit einer Gesamthoftsummc von 72 500 Mk. auf sicherster Grundl'agc ruhenden Ortssparkatsc entgegenzubringen, wurde die von etwa 70 Mitgliedern besuchte Versammlung geschlossen.
/ Großen - Linden, 27 April. Der Gesangverein .,G e r m a n i a“ wiederholte am vergangenen Sonntag die Operette, die von ihm schon einmal mit außerordenttichem Erfolg aufgcführt worden war. Den guten Leistungen der Mitwir- kcnden wie der gesamten Ausführung wurde lebhaftester Beifall zuteil. Der Gefangverein „Germania" hat sich bereit erklärt, das am 26. 3uni stattfindende Bundcssingen des Hüt-
Helft den hungernden Heimarbeitern in Mitteldeutschland!
„Gebt uns Brot!" Ein erschütterndes Bild von Bindern armer Heimarbeiter in Hildburghausen. Immer wieder muß auf dos furchtbare Elend in den mitteldeutschen Hcimarbeitcrbczirkcn hingewiesen werden, in denen ganze Familien trotz angestrengtester Arbeit vom Untergang bedroht sind. Die allgemeine Wirtschaftskrise hat gerade die Heimarbeiter am schwersten betroffen und ihre Verdienstmöglichkeiten so beschränkt, daß Tausende vor dem Hungertode stehen, wenn nicht mildtätige Volksgenossen sic durch ihre Gaben unterstützen. Spenden nimmt der Londrat des Kreises Hildburghausen (Thüringen) entgegen.
tenberg - Schiffenberg - Sängerbundes zu übernehmen. Von dem sonst üblichen Wertungssingen will man jedoch Abstand nehmen.
! Rabertshausen. 27. April. Am Sonntag sand hier Bürgermeisterwahl statt. Der seitherige Bürgermeister Reichhardt hatte vor kurzem sein Amt aus Gesundheitsrücksichten niedergelegt, er kandidierte nun aber doch wieder. Er erhielt 5 Stimmen, sein Gegenkandidat. Karl Hofmann. 63 Stimmen. Der dritte Bewerber, Beigeordneter Scherer, hatte am Sonntagmorgen seinen Wahlvorschlag zurückgezogen. Am Abend ehrte die Bevölkerung den neuen Bürgermeister durch einen Fackclzug. Der Gesangverein „Eintracht" unter Leitung seines Dirigenten Lehrer Roth trug drei Lieder vor. Die Schulkinder sangen ebenfalls ein Lied. Auch das Mandolinenorchcster beteiligte sich an der Ehrung. Lehrer Roth brachte die Glückwünsche der Gemeinde zum Ausdruck.
r. Allendorf a. d. Lahn. 27. April. Den Beobachtern und Freunden der Vogelwelt bietet sich seit Tagen hier eirt seltenes Schauspiel. Rahe der Kirche aus einem Eichbaum ist ein Storch - n e st, seit wohl 20 3ahren bewohnt. Auch dieses Frühjahr kam dos Storchenpaar zur gewohnten Zeit und besserte das Rest aus. Run erscheinen aber nach über vier Wochen täglich vier fremde Störche und suchen dasRest zu gewinnen. Cs entspinnt sich dann ein Kampf, der mit Llntcrbrechungen stundenlang dauert. Die Fremden greifen nacheinander an. Die Einheimischen stehen auf dem Rest und wehren sich mit sicher trcssenden Schnabel- Hieben. Mitunter steht nur einer im Rest und wird nach einer Weile vom anderen abgelöst. 3m Flug kommt cs zu keinem Zusammenstoß. An einem Tage dauerten die Angriffe bis zur einbrechenden Dunkelheit, und die Aufregung der Verteidiger äußerte sich noch bis gegen Mitternacht in lautem Schnäbelklappcrn.
! Aus dem südlichen Kreise Gießen. 27. April. Die Regenfälle der letzten Wochen brachten in unseren Fluren zwar ein stärkeres Wachstum, aber cs ist immer noch au kalt. Die Sommerfrucht ist überall gleichmäßig und zufriedenstellend aufgegangen, auch die Winterfrucht stcht gut. Zur Zeit sind die Landwirte mit dem Legen der Dickwurzkerne. dos fast überall mit kleinen Handmaschinen geschieht, beschäftigt, auch werden die Frühkartoffeln gelegt. Mit dem Sehen der Spätkartoffeln hat man auch vereinzelt begonnen. Zur Zeit kann man nun auch den Blüten» ansah der Obstbäume überblicken. Aeußerst reich werden dieses 3ahr alle Steinobstsorten blühen, A e p f e l und Birnen lassen, wenn keine Rachtfröste in die Blütezeit fallen, eine mittlere Ernte erhoffen.
# Lich. 27. April. Es ist in der Geschichte eines Gesangvereins immer ein Markstein, wenn es gelingt, mit einem ausgesprochenen Chorkonzert zum erstenmal an die Oesfentlichlcit zu treten und sich da in die Reihe der Vereine zu stellen, die es als vornehmste Ausgabe betrachten, breitere Kreise des Publikums zur guten Musik hinzuführen und mit den großen Meistern vertraut zu machen. Diese Aufgabe in seinem Konzert erfüllt zu haben, darf der Roth'scheMänner- ch o r als einen Erfolg buchen. Der Verein hatte in seinem Programm eine Ehrung Goethes und Haydns aufgenommen. Der Männerchor, her mit dem Chor ,.O holde Kunst" von Schubert das Konzert eröffnete, brachte zu Anfang drei Chöre von Weber, Kuhlau und Werner nach Texten von Goethe zu Gehör, von denen „Heber allen Wipfeln ist Ruh" und „Das Heidenröslein" eine vollkommene, abgerundete Leistung waren. Daß sich eine kleine Sängerschar, wie der Roth'sche Männerchor, auch der schwierigen Kunstchöre au- wendet und diese mit Leichtigkeit überwindet, bewies der Vortrag des Chors „Der Morgen" (Bau
mann). Reben volkstümlichen Liedern hörte man wieder die alten Volkslieder von Silcher in reinen, frischen Klangen und natürlicher Auffassung. Wenn man auch dem 1. Baß eine bessere stimmliche Kultur wünschen möchte, so ändert das an der Tatsache nichts, daß man stimmlich, wie musikalisch eine vorzügliche Gesamtleistung deS Chors feststellen konnte. 3n den Rahmen des Programms fügte sich Lehrer Kruger - Steinfurt l Tenor) mit Liedern von Schumann, Schubert, 'Beethoven gut em. Die angenehmen Tenorstimme verriet gute Schulung. „Der Talismann" und die „Ehre Gottes" sollte man lieber einer Daritonoder Baßstimme zukommen lassen Zwei Arien von R. Wagner wurden sehr beifällig ausgenommen. Der gesangliche Teil des Programms fand seine Ablösung mit 3nstrumentalvorträgen. den Klaviertrios von Beethoven h—Dur und Haydn <i-Dur. Die gute.Wiedergabe lag in den Händen der Herren Mohr - Schlitz (Violine). Rein- ha»d - Schlitz (Cello) und Lehrer Stein-Lich (Klavier). Lehrer Stein, der fachkundige Leiter des Konzertes, hat mit seiner Klavierbegleitung und seiner Chorleitung wieder einmal cm beredtes Zeugnis seiner Musikalität abgelegt.
ch L i ch , 26. April Auch in diesem Jahre soll auf Beschluß des Vorstandes des Verkehrs und Verschönerungsoereins ein 'Blumen- schmuckwettbewerb an Häusern, Fenstern und Hausvorgärten unserer Stadt durchgeführt werden.
zrrcis Schotten.
Schotten, 22. April. Das Feuerlöschwesen unseres Kreises erfuhr in den letzten Jahren eine wesentliche Forderung. Etwa 40 v H. aller Kreisgemeinden oerfügen über freiwillige Feuerwehren, deren Ausrüstung durch die Opfer- Willigkeit der Gemeinden sowie durch Zuwendungen der Brandversicherungskammer ermöglicht wurde. Im obgelaufenen Fohre konnten in Rebgeshain, Busen- born, Ober-Lais, Roinrod, Einortshousen, Stornsels und Sichenhausen freiwillige Wehren neu gegründet werden. Sämtliche Kreisorte sind jetzt im Besitze von Wasserleitungen, so daß auch dadurch erhöhter Feuerschutz vorhanden ist. Als einzige von allen Gemeinden besitzt Schotten eine Motor- I pritze, die auf Ansordern zur Verfügung steht. Im Jahre 1931 brachen im Kreise 13 Brände aus, darunter drei von Wohnhäusern mit Scheunen, vier von Scheunen und Ställen und stchs Zimm rbrände. Zn einem Falle zündete der Blitz (Schönhauser Hof bei Gedern).
□ Laubach. 27. April. 3hrc Durchlauft Gräfin 3ohanna z u S o l m s - L a u ba ch wurde gestern von einem Sohne entbunden.
C Gedern, 27. April. Rektor Riedel, der Leiter der hiesigen Volksschule und. Vorsitzende des Schulvorstandes, konnte dieser Tage aus eine 25jährige Tätigkeit i in Lehrerberuf zurückblickcn. Der tüchtige und gewissenhafte Pädagoge wirkt bereite seit 22 3ahren in unserer Stadt und hat sich während dieser Zeit alle Anerkennung erworben. Außerhalb seiner Berufsaufgaben ist er besonders als Dirigent des Män» nergesangvereins „ ßicberfraiu“ und der Vogelsberger Sängervereinigung (Südbezirk), sowie als Leiter der Gesangsabteilung des piefigen Zweigvereins vorn VHC. erfolgreich tätig.
Kreis Alsfeld.
X Alsfeld. 22. April. Der Obst - und Gartenbauverein fürden KreisAlS- f e l d hielt seine diesjährige Hauptversammlung im „Mainzer Hof" ab. Der 1. Vorsitzende, Krcis- bitefioi Dr. Stammler, begrüßte die zahlreich erschienenen Mitglieder. 3m Mittelpunkt der Tagung stand ein Vortrag des Försters Schott aus Schotten über das Thema „Der Vogelschutz, seine Begründung und Aussührung auf wissenschaftlicher, natürlicher Grundlage". Der Redner sprach über die Bedeutung des Vogelschutzes und den großen Ruhen verschiedener Vogelarten bei der Schädlingsbelämpfung. Den Dank der Versammlung für die interessanten Ausführungen, aus denen der praktische Landwirt wertvolle Anregungen erhielt, brachte der Vorsitzende Aum Ausdruck. Obstbauinspektor Enkler, Gießen,
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Gießener Gtadtiheater.
Gastspiel des Hessischen Landcstßcaters: „Mignon" von Ambroisc Thomas.
Als man im Jahre 1894 die tausendste Auffüh- rung von A. Tho m a s' Oper „Mignon" in Paris jeietn konnte, wurden dem damals dreiunbachtziajah eigen Meister seitens der Bevölkerung die größten Ehrungen erwiesen: gleichzeitig wurde ihm das Aroßkrcuz der Ehrenlegion verliehen, die höchste französische Auszeichnung, die bis dahin noch keinem französischen Musiker zuteil geworden war. Man -oh in ihm den letzten Repräsentanten und Altmeister der älteren sranzösischen Opernepoche.
Unter der reichen Zahl seiner Bühnenwerke hat sich „Mignon" auch noch in heutiger Zeit ihren Platz auf dem Opernspielplan behauptet, auch auf der deutschen Bühne.
Es ist eigenartig, daß die beiden letzten «kerne der älteren französischen Opernmusik, Gounod wie auch Thomas, ihren Hauptersolg jenen Werken verdanken, deren Text Koelhischen Dichtungen^folgl. Ebenso wie in dem Libretto zu Gounods „oaust das Gretchen-Drama herausgeschält wird^ hüben auch ö« Tertbearbeiter der Oper „Mignon Michel Earrö und Jules Barbier Goethes Bildungsroman „Wilhelm Meisters Lehrjahre" für eine -Opernhandlung ausgewertct mit einem Beschranken auf das Bühnenwirksame. Diese Umgestaltung gewährt interessante Einblicke, wie durch Rasse und '.Nationalität die Auffassung bedingt und geleitet wird. Die Durchführung dieses Vorhabens wurde erleichtert durch eine gewisse Distanz der Lichtung gegenüber, die einem Deutschen in dieser iTorm sicher kaum möglich gewesen wäre. Durch das innere geistige Berbundenscin mit dem Werk und durch das Pietätsgefühl von dem Schaffen des großen Weimaraners. Wo wir ethische Werte erblicken, da iahen die Librettisten nur das Theatcrmäßige.
Zu dieser Handlung hat A. T h o m a s eine Mußt geschrieben, die der überkommenen Operntradition' folgt. Zwar ist es Thomas in seinem Melos nicht gegeben, in die Tieien zu führen, wo das Allgemein-Menschliche durch die Musik zu innerer, tragischer Größe erwächst. Wohl aber versteht er geistvoll, vielmehr mit Esprit, musikalisch zu kon- oerficren in feiner ausgeschlissener Form. Er ist reich an Einfällen: seine Musik ist prickelnd, schaumend, graziös: er ipridtf eine gewählte •=pr.'a>c; reich an charakteristischen Feinheiten, an intimen ■
Reizen und Zügen. Seine Instrumentierung ist meisterhaft abgewogen: er fängt sehr fein Stimmungen ein und gibt den einzelnen Charakteren ein individuelles musikalisches Gepräge: so erweisen sich seine Ensemblesätze als überaus wirksam. Da, wo er dem Gefühl nachgibt, berührt er leicht die Grenze dessen, was mir gemeinhin als sentimental bezeichnen. Im ganzen gesehen, bewahrt er dem Werke die stilistische Einheit dadurch, daß er allem Problematischen sich fernhält, und daß er nie mehr zu geben scheinen will, als er vermag, und was dem Textlichen gemäß ist.
Die Neueinstudierung des Werkes durch die Darmstädter stellt der Spielleitung (Heinz Arnold) ein glänzendes Zeugnis aus. Den einzelnen Charakteren in ihrer Gegensätzlichkeit und persönlichen Pointierung wurde freie Entwicklungs- und Entfaltungsmöglichkeit gewährleistet. Die Massenszenen des Chores (Emil Kaselitz) im ersten Akte waren belebt, auf Mittelpunkte konzentriert, eingestellt auf das szenische Geschehen mit natürlich sich ergebender Einheit, ohne den Eindruck des Gestellten. Die Tänze waren in ihrer Gebärde der Musik gebunden. Der allgemeine Aufbruch zur Abreise zeigte köstliche Komödiantentypen. Die ojencnbilber waren sorgfältig gewählt und stimmungsvoll.
Die Darstellung der Titelpartie stößt häufig darin auf Schwierigkeiten, daß schauspielerisches, artistisches Können gewol^e Natürlichkeit vortäuscht und damit die Auswirkung der Rolle unterbindet. Grete Bcrtholdt gab eine Mignon von ganz besonderen Qualitäten. Hier rollte sich ein Schicksal vor den Augen der Hörer ab; hier waren fein Schritt, feine Bewegung, keine Geste ohne innere Bezogen- heil zur jeweiligen Situation; hier durchlebte ein Menschenkind seinen Schicksalskampf. Nicht verstandesmäßiges Erwägen, sondern ein nachfühlendes Erleben und intuitives Erfassen ließen die Darstelle- rin zur überzeugenden Künderin werden. Die Romanze „Kennst du das Land" wurde hier jur lebensgebundenen Szene. Visionär, vexklärt, jubelnd, schmerzerfüllt, verzweifelt — olles sprach sich echt in edlem stimmkkang aus. eine mezza voce von innerer Ergriffenheit und innerem Schwingern getragen stand ihr ebenso zu Gebote wie eine klangschöne Kanülenc und starke Akzente im Affekt.
Philine (Paulo von H e n t f e) ist durch Text und Musik in stärksten Kontrast zur Mignon gc- stellt. Thomas hat sie entsprechend ihrer Geistesart dem Koloraturfach zugewiesen. Paula von Hcntke gefiel durch Leichtigkeit der Passagen und Triller. Eine starke Diskrepanz zwilchen Sprech- und Ge- fanofiimme war der einheitlichen Wirkung nicht'
besonders zuträglich. Im Spiel beherrschte sie die Situation.
Von Dr. Heinrich Allmcroth konnte man diesmal einen wesentlich vorteilhafteren Eindruck gewinnen. Hinsichtlich seines Organes, das auf der Grenze zum Heldischen steht, wird man ihn nicht unbedingt als reinen lyrischen Tenor ansprechen können. Da, wo es auf dramatische Akzente anfam, war er groß, da bewies er Stimmglanz, Pracht und sieghafte Durchschlagskraft. Sein hohes „H" auf „sic lebt" im Finale des zweiten Aktes war voll Erschüttern.
Dem Lothario verlieh Johannes Drath väterliche Züge, innere Teilnahme und Wärme. Den über- zeugenden Eindruck, den man von ihm als Sänger nach seinem Auftrittslied gewinnen konnte, bestätigte bet weitere Verlauf des Werkes.
Als Laertes sahen wir Eugen Vogt. Diese son. berbar unausgeglichene Charaktermischung von ko- möbiantenhafter großtuerischer Gebärde und Servilität gab seiner --pielgewandtheit reiche Möglichkeiten. Die trottelhafte Figur des Friedrich war gut erfaßt durch Gert Reußiger; ebenso waren auch die anderen kleineren Partien durchweg, in guten Händen.
Die zahlreichen im Werk zerstreuten Einheiten der Instrumentierung, die den Komponisten immer wieder als einen Beherrscher der Orchesterpalette erkennen ließen, wurden durch die aufs neue zu bewundernden Bläser der Darmstädter ins hellste Licht geruckt. Mit sicherer Hand führte Erwin Palm den Taktstock. Karl Löffler (technische Einrichtungen) und Ludwig Keim ^Beleuchtung) unterstützten in anzuerkennender Weise die Aufführung. Das Publikum folgte mit sichtlichem Interesse und brach selbst bei offener Szene in Beifall aus. Dr. H.
Mittionen-Bilder.
Die Versteigerung des „Roten Knaben" von Lawrence, die dieser Tage im Zusammenhänge mit der Auktion auf Schloß Lambion in England statt- findet, bringt wieder einmal em weltberühmtes Bild unter den Hammer, das an künstlerischem Wert seinem Gegenstück, dem „Blauen Knaben" von Gains- borough wenig nachstehk. Es wird sich zeigen, ob es auch in der Wirtschaftskrise noch Mäzene gibt, die einen Preis bezahlen, der beträchtlich über einer Million Mark liegt, denn der Besitzer Lord Durham, her früher für das Werk vier Millionen und bann drei Millionen forberte, bürste noch immer auf einem Preise von etwa zwei Millionen beharren. Derartige Riesensummen sind früher für weltbe
rühmte Gemälbe nicht selten gezahlt worben. Der „Blaue Knabe" wurde vom Herzog von IQeftminftec an den amerikanischen Sammler Huntington zu einem Preise verkauft, der über drei Millionen Mark lag. Das war ein Rekord, bis die sogenannte Cowper-Madonna Raffaels von Lady Desborough auf den Markt gebracht wurde. Dieses Bild, das nur 30% zu 22 Zoll groß ist, brachte es auf dreieinhalb Million Mark. Werke von Raffael, die wirk- lich eigenhändig find, werden so selten angeboten, daß derartige Preise durchaus berechtigt erschienen. Eine andere Madonna aus derselben Sammlung gelangte für 3,2 Millionen in die amerikanische Sammlung Widener. Für eins der überaus seltenen Männer-Bildnifje Raffaels zahlte der Neuyorker Bankier I. S. Bache 2,4 Millionen Mark. Schon im Jahre 1885 war für die „Anfidei-Madonna" desselben Meisters aus dem Besitze des Herzogs von Marlborough von der Londoner National-Galerie die Summe von 1,4 Millionen angelegt worden; das Bild würde heute vielleicht das Doppelte wert fein. Für solche ungewöhnliche Äunstschatze ist ein Preis von etwa 2 Millionen Mark nichts Ungewöhnliches. Die Engländer zahlten dem Herzog von Northum- berlanb für den sog. „Cornaw" Tizians 2 440 000 Mark, und 1 800 000 Mark wurden für dos sog. Wilton-Diptychon angelegt, eine englische Malerei, die von einem unbekannten Meister um 1381 geschaffen wurde. Summen, wie die 900 000 Mark für die sog. „Rokebi) Venus" des Delasquez und die 1640 000 Mark für das herrliche Portrat der.Herzogin von Morand" von Hans Holbein d. I, die von dem englischen Volke zur Erwerbung solcher Meisterwerke aufgebracht wurden, sind gut angelegt, denn diese Bilder dürften seitdem beträchtlich im Preise gestiegen fein. Der amerikanische Sammler Widener zahlte der Familie Lansdowne 2 Millionen Mark für Rembrandts berühmte Landschaft „Die Mühle", und derselbe Krösus gab 1 600 000 Mark für das Porträt eines spanischen Staatsmannes von Velasquez. Ein Bildnis Philipps IV. von demselben Meister erzielte 2 Millionen Mark, und den gleichen Preis brachten Franz Hals' „Die Familie des Künstlers" und Reynolds' Portrat der Lady Betty Compton. 1 % Million brachten „Der Erntewagen" von Gains- borough und das kleine Kreuzigungs-Bildchen von Piero della Francesca, während für das Bildnis der Anne Duncombe von Goinsborough 1640 000 Mark gezahlt wurden. Eine lange Liste von Werken Rembrandts, Tizians und Gainsboroughs ließe sich aufzählen, die die Million erreichten.


