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Nr. 23 Zweites Blatt

Tiehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Donnerstag, 2. Zanuar (052

Deutsche Arbeiter in Sowjeidienslen.

Don unserem !>>'.-Berichterstatter.

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Moskau, Dezember 1931.

, eindeutigen Stimmung oder

besser Berstlmmung unter der einheimischen Ar- beckerschas t gegen die zugewanderte ausländische auch amtlich Rechnung tu tragen, besaht sich neuerd.ngS die sowjetrussische RcgicrungSpressc ziemlich ost mit der deutschen Arbeiterfrage in Ruhland Sie tut eS aber erst, nachdem schon recht unliebsame Dorkommnisse allerhand Staub ausgewirbelt haben Und sie tut cs mit einer ausgesuchten Taktik' nicht von der Frage der Zu­lässigkeit und Erwünschtheit der Zuwanderung fremder Arbeitskräfte spricht sie, sondern von der Leistung ausländischer Arbeiter im Ver­gleich zu der russischen. Roch weniger sie greift irgendeinen Fall besserer russischer Ar- beitsleistung gegenüber der deutschen, also zuge- wandertcn, heraus und statuiert ihn als Crempel. Ja, sie kommt der einheimischen Verstimmung soweit entgegen, dah sie als Höchstleistung Tempo, nichtQualitätder Arbeit dar­stellt. 3m einzelnen haben wir dabei em so mah- gebendes Regierungsblatt wie die ..3Swestija" im Auge. Diese Zeitung schilderte vor einigen Tagen, wie deutsche Facharbeiter einer deutschen Firma bei einer Installation von russischen im Tempo überholt und dermahen beschämt wurden, dah die russischen glattweg als vom sozialistischen Ausbaueiser durchdrungene ArbcitSführer an« Seschen werden muhten, während die deutschen Installateure gesagt hätten ..3hr Russen ar­beitet weder planmäßig noch pünktlich, aus euch ist kein Verlah, nehmt euch ein Beispiel an unserer wohlbemessenen Stetigkeit und Genauig­keit im Arbeiten!". und als diese Installateure eines Morgens erwachten, hatten die Russen alle Arbeit allein getan ...

®ie$ Beispiel ist, so wenig eS allgemeingültig tst, bezeichnend für den heiklen Charakter der ganzen ausländischen Arbeiterfrage im Sowjet­staat, im besonderen der deutschen, da ja die deutsche Arbeiterkolonie in Ruhland zur Zeit die gröhte ausländische ift; allein in Moskau leben etwa 2500 deutsche Arbeiter, dann folgen Leningrad, Charkow und einzelne Groh- Werke in verschiedenen Teilen deS Landes Aus dem unS von verschiedener Seite vorliegenden Material geht etwa folgendes Allgemeinbild her­vor, wobei bewuht nur die Stellung als Facharbeiter berücksichtigt wird.

Die Heranziehung deutscher Facharbeiter war aktuell geworden, als vor etwa einem Iahr die Zweifel an der Durchführbarkeit deS Fünfjahrcs- planeS mit eigenen Fachkräften aufstiegcn. Aus­länder sollten die einheimische Arbeiterschaft zu­gleich technisch und politisch fördernd beeinflussen, anfcucm. ihr ein Dorbild sein. Wenn wir richtig unterrichtet sind, empfand man diesen Wunsch der Sowjetregierung in Berlin als so natürlich und zwangsläufig, dah man versuchte, mit ihm einen deutschen Wunsch zu verkoppeln: Es sollten für deutsche Facharbeiter rußlanddeutsche Dauern gegeben" werden, d. h. die Reichsregierung er­wartete von Ruhland, dah es auswande- rungslustige ruhlanddeutschcKu­laken" außer Landes etwa nach Amerika gehen lasse, wenn sic. die RcichSregierung. den Sowjct- wunich nach einer deutschen Arbeitereinwande­rung nach Ruhland erfüllen follc. Da aber die Russen daraus nicht eingingen, weil sie sich weder zugunsten der ruhlanddeut'chcn Bauern noch der cinwandernden rcichsdeulschen Facharbeiter fcst- lcgen wollten, ist aus diesemDcvölkerungsaus- tausch" nichts geworden.

Der russische Arbeiter sicht den ausländischen nur ungern, wie die Nationalitätenfrage ja überhaupt auch unter den Völkern Ruhlands selbst heute noch so wenig gelöst ist wie jemals. Ununterbrochen müssen noch heute hier, morgen

dort im Lande Konflikte zwischen großrussischem und lokalem Rationalismus bereinigt werden, und zwar zumeist gerade auf der Grundlage in- dustriell-agrarltcher Konkurrenz oder, waS noch schlimmer ist, der kultur-politifchen und rein ethischen Gegensätze Freimütig bekennt z. D die Presse ..Wir haben in der letzten Zeit eine Akti­vierung deS großrussischen Chauvinismus in der Sowjetrepublik der Wolgadeutschen zu verzeich­nen". Wenn aber der Russe den einheimischen Deutschen immerhin noch als Mitbürger ansieht, so den deutschen Ausländer nur a l # ungebetenen Gast, und der ift nach einem alten russischen Sprichwortschlimmer als der T a t a r e".

Um einen Fall von vielen anzuführen. Auf Werk 42, teilt die ..Deutsche Zentralzeitung" in Moskau mit, entfachte eine Gruppe russischer Meistereine Hetze gegen die deutschen Arbeiter Unter dem Einsluh dieser Meister erklärten die Fabrikdirektion und das Parteikomitee (!!), dah abgesehen von zwei oder drei Mann die Deut­schen der Fabrik keinen Ruhen bringen und im Detricb überhaupt überflüssig sind- Rationalisierungsvorschläge ausländischer Arbei­ter werden oft monatelang verschleppt Seiner­zeit, vor sechs Monaten, hat man sie als will­kommene teure Mitarbeiter empfangen Jetzt aber herrschen gespannte Beziehungen zwilchen den Fa- brüorganisationen und den deutschen Arbeitern". Jedoch darf man nicht glauben, dah die Schuld etwa nur bei den Russen liege ..Die deutschen Arbeiter", berichtet das genannte Blatt ziemlich selbstsicher weiter, ..führen einen offenen Kampf. Sie beschweren sich wegen der schlechten Be­ziehungen bei höheren Instanzen bis Moskau ein­schließlich, sagen, sie seien hier doch keine Gäste (!), sondern Arbeiter, die nicht nur genügend essen wollen, sondern sich auch als verantwortlich für den Betrieb betrachten." Und wenn ein deutscher Meister klagt: ..Iedcn neuen Schritt müssen wir über tausend Hindernisse machen, auf Schritt und Tritt werden uns Knüppel in die Näber geworfen, das ift ein System der Sabo­tage!", fo murrt seinerseits mit dem gleichen Necht ein russischer Meister:Bald wird man von uns verlangen, uns nur noch mit den Deutschen zu beschäftigen, anstatt zu arbeiten. Was wollen Denn die deutschen Arbeiter? Wir bevorzugen sic in allem und sie beschweren sich und sind ge­kommen, nicht nur um zu verdienen, sondern auch zu regieren und zu bestimmen."

Darin gipfelt der ganze Konflikt: Wären die deutschen Facharbeiter wie überhaupt alle Ar­beiter irgendwie durch die allgemeine deutsche Rußlandpolitik ebenso gebunden wie die russischen an die Deutschlandinteresscn ihrer Regierung, so ließe sich bestimmt eher eine gemeinsame Linie in der alltäglichen Zusammenarbeit finden. So aber entwickelt sich die ganze Angelegenheit chao­tisch in der Richtung auf ein schweres Zerwürfnis, das eines Tages zu einem bösen politischen Skan­dal über ganj Europa werden kann. Wir halten es für durchaus empfehlenswert, daß zwischen Berlin und Moskau doch noch ein Modus ge­funden wird, der die Frage deutscher Facharbeit in Rußland aus dem Willkürlichen und Zufälli­gen hcraushebt. Denn eS kommen ja nicht nur politi ch Gleichgesinnte oder auch politische Geg­ner als Facharbeiter nach Rußland, sondern auch minderwertige Charaktere. Der Fall eines Quar­talsäusers machte kürzlich die Runde durch die gesamte Presse, und niemand wird sagen, daß sich an solche Vorfälle nicht leicht auch ernste po­litische Krawalle anschließen können.

Die Lage ist sehr gespannt. Es besteht die Gefahr, daß Rußland als Auswanderungsland für die Deutschen verloren geht, sofern nicht Kommunisten zu Kommunisten gehen, wie das ja auch jetzt der Fall ist. Aber heute handelt es

Maura und Sierra: Fußeiia kaust sich ein Kind".

NcichOve'.ische Urauf,ührunn am (Gießener Lkadttßcarer.

Die vierte Uraufführung in dieser Spielzeit für eine Bühne wie d c unsere eine respektable Leistung vermittelte d e Bekanntschaft mit den spanischen Autoren Honorio Maura und G. Martine; Sierra, die unseres Wissen- bis­her in Deutschland noch nicht zu Worte gekommen sind. Sie haben sich zusammengetan, um (unter einem etwas Plakathaften Titel) ein Lustspielchen zu schreiben, dessen drei schlanke Akte einen Theaterabend eben auSsüllen.

..Das Stück spielt heutzutage. Der erste Akt während eines Maskenballes im Palais der Herzogin von Solsona in MadridHier amüsiert sich die große Welt: Herren und Damen im Kostüm und in angeregter Maskenlaune: Paare kommen und gehen, trennen und begegnen sich Die beiden, auf die es hier ankommt, heißen Iulietta und Zack. Iack (obwohl fein Name ganz anders klingt) entstammt einer der ältesten und vornehmsten Familien deS Landes Aber das Vermögen seines Hauses ist aufgebraucht, und er sucht, eleganter Nichtstuer, der er ist. eine reiche Frau, um sich zu rangieren. Er glaubt sie in Iulietta gefunden zu haben.

Iulietta ist eine märchenhaft reiche und roman­haft kapriziöse Dame Erst scheint alles nach Wunsch zu gehen, aber bald gibt es Schwierig­keiten. Sie schmeißt mit den Peseten millionen­weise um sich, aber sie wünscht nicht ihres Geldes wegen geheiratet zu werden. Und Iack will natürlich vor allem das Geld- Schon ist der erste Krach da, und sie könnten eigentlich mit leid­licher Haltung wieder auseinandergehen. Aber Iulietta sehnt sich nicht nur nach der wahren und großen Liebe, sondern auch nach einem Kind. Und da sie Geld bat und sich nichts übel nimmt, macht sie Iack einen phantastischen Vorschlag: Iack erhält das Geld, sie werden heiraten und sobald der Erbe da ist, wird der Vater ver­schwinden. Iack ist erst empört, dann wird ein Vertrag aufgesetzt Spesenvorschuß: eine Million. Nunmehr steht der Hochzeit nichts mehr im Wege.

Zweiter Akt: auf einem Landsitz in der Nähe von Madrid. Schon Iuliettas Vorjahren Pfleg­

ten hier ihre Flitterwochen zu verleben. Iack und Iulietta reisen auch hin. Aus den Ge­sprächen der Dienerschast erfährt man, waS das für ein komisches junges Ehepaar ist: sie bauen bisher ganz getrennt gelebt zu ebener Erde und erster Stock: zum Ausgehen trafen sie sich auf der Treppe. Ieht aber, auf dem Landsitz, wird es Ernst. Siespielen Flitterwochen" vor dem Personal: und sie spielen mit ihrem Vertrag. Wenn der Wirt und der Diener zum Servieren kommen, markieren sie, mit fragwürdi­gem Erfolg, die verliebten Hochzeitsreifenden. 3ad, in feiner naiven Begeisterung, rechnet so­gar mit der Möglichkeit eines Zwillingspärchens. (Die beiden Autoren führen ihren Dialog mit bestrickender Offenheit) Aber sobald die Be­dienung sich zurückgezogen hat, verfällt 3ulietta wieder in ihre überspannte Launenhaftigkeit und besteht auf ihrem Schein. 3ack bittet sie: vergiß unseren Vertrag, laß mich dich erobern! Noch ist Hoffnung, daß alles lustspielhaft gut geht Zumal 3ulietta ihm für die Nacht ein Zimmer anweist, das dem ihren (mit den Ahnenbildern) zwar gegenüberliegt, in dem es aber nicht ge­heuer ist Es spukt. Und eS gibt Gespenster und ..Gespenstinnen".

Dritter Akt. Es hat gespukt. 3ack und 3ulictta haben beide nicht fcblafcn können und begegnen sich vor ihren Gemächern ... mitten in der ftem- strahlenden, blauen spanischen Nacht. Eine winzige Kinderstimme wird laut nebenan: 3uliettas Töchterchen: es ist schon drei Monate alt, und die schreckliche Mutter bringt wahrhaftig darauf, daß Iack. der Vater, vertragsgemäß das Feld räume. Der Zweck ist erfüllt, die Frist ist abgelaufen.

Nbcr jetzt besteht 3ad auf feinem Schein, auf dem Wortlaut des prächtigen Vertrages: da ift nämlich von einem Erben die Rede und nicht von einer Erbin. Außerdem liebt daS winzige Wesen seinen Vater schon zärtlich, und wenn cs nachts schreit und nicht schlafen will, bann steht er auf (sehr unpäbagogisch übrigens) geht zu ihm hin. nimmt cs auf den Arm. legt cs an seine Wange, und gleich schläft eS wieder ein.

3ulietta, statt sich zu freuen und gerührt zu sein, spricht von schnödem Betrug: aber Iack fährt (für ihre Begriffe) noch schwereres Geschütz auf und schlägt sic mit ihren eigenen Waffen: er bietet Iulietta seinerseits bat Geld an, bas er von ihr erhielt wenn sic ihn dafür, mit dem Töchterchen, fortläßt. Erst als der Tag zu grauen beginnt, erklärt er, nicht mehr ohne Iulietta

sich doch zumeist um geschulte Arbeitskräfte, deren politische Anschauung keineswegs immer bolsche­wistisch genannt werden kann. Wie ander- denn ließe sich der Umstand erklären, daß die aus­gesprochenen Propagand.stcn deutscher Zunge hier äußerst besorgt tun um die ..Erziehung des auS- ländilchcn bzw deutschen Facharbeiters im Bol­schewismus!" Freilich meint man damit nicht zuletzt die Anpassung deS fremden Facharbeiter» an daS niedrige ruif.fche laägeblich sozialistische) Lebensniveau. an die Lohnverhältnisse, an Ent­behrungen und an die vorgekaute politische Ucber^ugung von Staats und Partei wegen, find doch jetzt auch die ausländischen Arbeiter um ihre Vergünstigungen in Lohn- und Lebensfragen gekommen Aber die Abneigung deS Russen au- bem Volk gegen alle Ausländer spitzt sich um so mehr just auf die deutschen Facharbeiter in Lowjetdiensten zu, al- sie in der Mehrzahl sind und auch hier, wie daS deutsche Volk ja über­haupt immer wieder, die ersten schwersten Kon­flikte für andere auetragen sollen, dabei selbst nicht- geto.nncnb. sondern eher verlierend

GS lag und ke.nesweg- daran, ein erschöpfen­de- Bild dieser Frage zu geben sie entwickelt sich zunächst noch elementar und chaotisch Nur

im Grundriß wollten wir auf Gefahren und Rot- wcndigkeiten auhucrHam machen Geht e» auch n.cht durch einen . BevölkerungSau-:aufch", wie er oben erwähnt worden ift. fo müßte doch die re n fachliche Zuwanderung cuS Deut chland strikt von der re.n politischen get ennt werden Wer als auSge proch.ner politischer Freund deS Bolschewismus nach Rußland gebt, soll e« auf eigen Glück und Unglück tun. Wer aber beut! che Facharbeit in» Ausland trägt, ist unwiil.üelich ein Stück deutscher Außen­politik und lolltt als solches auch Bindungen unterliegen, die zwilchen Berlin und Moskau besonders zu vereinbaren sind Die deutsch-bol­schewistische Propaganda in Rußland nämlich wirst mit Absicht alle» durcheinander. Facharbeit und Parteipolitik, um au» der Malle gerade da» herauszuzichen WaS ihrer Politik nützt Dem­gegenüber wächst jedoch Rußland- staatSwirt- lchaltlicheS Interelle an deutscher Facharbeit zu einer Notwendigkeit an, die um Io weniger für ein gleichwertiges Entgelt an Deutschland bereit fein wird, je mehr böte Charaktere und politische Äarr.eriften den sachlichen Werk solcher Fach­arbeit für Rußland in Frage stellen

9er Skandal in der Wetzlarer Skadlverwallnna.

Der Untersuchungsausschuß der Stadtverordneten stellt schwere Verschlungen des früheren Bürgermeisters Dr. Kühn fest.

Wetzlar. 28. Ian. (Eigener Bericht deS ..Gießener Anzeigers".) Gestern sand hier die erste Stadtverordnete nsiyung des Jah­res 1932 statt. Bürgermeister Dr Bangert eröffnete die Sitzung mit kurzen Betrachtungen über die Notlage der Gegenwart im deutschen Vaterlands und über die Situation in der Stadt Wetzlar Cr forderte auf, in verantwortungs­bewußter Arbeit auch im Iahre 1932 dem Wohle der Stadt zu dienen. In diesem Sinne ver­pflichtete er auch den neueintretenden Stadt­verordneten Lang.

Im Anschluß daran wurde davon Mitteilung gemacht, daß drei Mitglieder der bisherigen SPD -Fraktion ausgeschieden seien und nunmehr als selbständige Fraktion der Sozia­listischen Arbeiterpartei aufträten.

Sodann nahm die Versammlung den Bericht de- Untersuchungs-Ausschusses über die Verfehlungen -es früheren

Bürgermeisters ör. Kühn entgegen. Der Bericht umfaßt 144 Schreib- maschinenfeiten: er wurde der Versammlung durch den Vorsitzenden des Untersuchungs-Ausschusses, Stadtverordneten Schellenbcrger, und zum Teil durch ein Mitglied des Untersuchungs-Aus­schusses vorgelesen. Die Verlesung des Berichtes nahm etwa vier Stunden in Anspruch.

Der Bericht stellt einleitend fest, daß gegen Bürgermeister Dr. Kühn vor seinem Selbstmord am 16. September 1930 eine Untersuchung, zunächst von bet Regierung in Koblenz und bann auf beten Veranlassung von bet Staatsanwalt­schaft Limburg, eingeleitet worden war. Die Anklage lautete auf

Untreue im Amt und Verwendung städtischer Vermögenswerte zu (e nem eigenen Vorteil.

Mit angeklagt wurden zwei städtische Beamte, gegen die das Verfahren zur Zeit noch läuft. Die Voruntersuchung gegen Dr. Kühn habe sich immer ungünstiger gestaltet und das Anklage­material sich in den letzten Tagen des August 1930 so stark verdichtet, daß die Verhaftung K ü h n s bereits in Erwägung gezogen worden sei und für die nächsten Tage wohl erwartet werden durste. Dieser Wendung sei Kühn durch seinen Freitod zuvorgekommen.

leben zu können. Iulietta macht noch eine große Shene zwischen Weinen und Lachen ... und be» toilligt ihm wenigstens Aufschub der Verbannung, bis aud>_ noch der Erbe da sein wird. Da diese Szene überdies in Zärtlichkeit endet, wird der Zuschauer mit einem tröstlichen happy end verabschiedet und braucht sich über eine ungewisse Zukunft des Pärchens zumal die Millionen in der Familie bleiben keiner Sorge hinzugeben.

Die Uraufführung wurde vom Spielleiter Peter Fas sott in Szene gesetzt: er schöpfte die büh­nenmäßigen Möglichkeiten des Stückes wirkungs» voll aus, stellte die lustspielhaft-grotesken Vor­gänge auf einen ganz leichten und ungebundenen Konversationston um) ließ die loderen drei Akte im Sinne eines südlichen Maskenscherzcs flüssig und spielerisch abrollen, wozu die bewegte Kostüm. sest-Szenerie des ersten Aktes den richtigen Auf­takt gab. Eine besonders erfreuliche Note brachten Äarl Löffler- ausgezeichnete Dekorationen in bie Aufführung, sowohl der elegante Festsaal in Madrid als auch bas länblicbc Flitterwochenpara. dies waren räumlich unb farblich von sehr aparter Wirkung.

Edith Berger spielt die Iulietta: sie ist ba- mit wieder vor eine Ausgabe gestellt worden, die ihren darstellerischen Qualitäten vielseitige Gele­genheit zur Entfaltung bietet Sie nimmt die Rolle Atoar zunächst ais das, was sie ist, als einen Anlaß, um aus dem Vollen Theater zu spielen: aber sie bringt auch mehr: sie gibt, Wa­den vereinten Kräften der Autoren nicht gelang, der Figur soweit das zu erreichen ist mensch- liche Fülle, Rundung und Ansehen. Mit Psycho­logie ist hier nicht viel auSzurichten, aber wo ihr ein natürlicher weiblicher Instinkt zu Hilfe kommt, da kann man fast die Rotte über der Darstellung vergessen: im ersten Akt, in dem sic sich ihr Kind noch nicht gekauft hat. aber es sich vorstettt und sich von Herzen wünscht.

Ichr Partner Iack ist Ianscheck: et hat cS auch nicht ganz leicht vom Tert auS aber er steuert mit einer gewissen naiven Spielfrei!» digkeit unb einem trockenen, leise ironischen Humor um bie mancherlei Klippen herum. Er läßt sich gleichsam in der unbeschwerten Laune unb Stim­mung eines bunten Ma-lensestes ins Ungewisse treiben unb bringt bas Abenteuer mit leichter Hand unb lockerem Witz zum guten Ende.

Die brei Alte bes Lustspiels werben von den beiden Hauptfiguren, Iulietta und Iack, so aus.

Der UnterluchungS-Au-schuß stellt Johann fest, baß Dr. Kühn sertviclcn Iahren die Stabt Dctzkar zur Befriedigung feiner anscheinend außerordentlich hohen persönlichen Bedürfnisse geldlich stark au-genutzt und geschä­digt habe. Die Höhe der Summe, die Dr. Kühn neben seinen recht hohen Dienst bezögen argen jedes Recht sich ungeeignet habe, sei überhaupt nicht sestzustctten. da die Richtigkeit vieler Be­lege nicht mehr ermittelt werden könne und andere Liquidationen, wie z. B. Reisekosten, teils recht geschickt auf verschiedene Konten verteilt oder überhaupt nicht vorschriftsmäßig nachgc- wiesen seien.

Die Gesamtsumme de- Ee -schadens du ch Kuhn- Vorgehen in den letzten vier bi- fünf Iahren ist, soweit die Untersuchungen möglich waren, in Höhe von rund 62 400 Mark ermittelt worden.

Die Kommission stellt in diesem Zusammenhänge fest, daß die indirekten Schäden hinsicht­lich der gesamten Ausgabenwirtschaft der Stadt Wetzlar weit höher feien unb baß die Stabt Wetzlar heute mit rund 2 Millionen Mark weniger Schulden zu rechnen haben würde, wenn der Bürgermeister nicht über b i c Hälfte beS Iahre - in Urlaub ober auf Reifen gewesen wäre

Aus den Betrachtungen über bie einzelnen Kapitel ber städtischen Berwaltungstätigkeit kann hier mit Rücksicht auf ben Raum nur daS Er­gebnis ber wichtigsten Feststellungen verzeichnet werden. Hinsichtlich der

Vermögens- und Lchuldenverwaliung der (Stadt

wird dem Bürgermeister Dr. Kühn zum Vor­wurf gemacht, baß er eine Menge kurz­fristiger Anleihen aufnahm, ohne bic Stabtverorbneten zu fragen, schließlich e:ne geradezu uferlose Anleihewirtschaft einriß unb bei dem Tobe Kühns keine genauen Unterlagen über bie Verwendung ber einzelnen Anleihen bzw. über beren Verbleib vorhanben gewesen seien. In bicsem Zusammenhänge wirb d c sehr unübersichtliche Führung einer Anzahl Spezialbaukassen gerügt unb u. a mitgeteilt, baß bei ben Stabteigen­wirtschaften unb bei der Verkehr-- AG.

fchließlich bestimmt und getragen, baß bie übrigen Personen (deren Zahl nicht gerade für die dra­maturgische Meisterschaft der Autoren spricht) mehr oder weniger als Statisterie wirken Doch toaren alle Mitwirkenden mit löblichem Eifer bei der Sache: Maria Koch al- elegante Herzogin von Solsona: Beatrice Doering und Han- Pa e t s ch als verzankte- Brautpaar auf dem Maskenball, Sche 1 cher als reicher Grande und roter Domino: Volck als feuchtfröhlicher Attila mit derLiebe ber Matrosen"; Frau Schubert. Iüngling mit Pfauenfedern und Kindertrom. petc in voller Fahrt, Elisabeth W i el ander al- temperamentvolles Zöschen Conchita: Maria S ach s c als englische Nurse: die Herren Michel und Geiger als dienende Geister Paco unb Ma. tiaS.

Die spanische Neuigkeit würbe mit freundlichem Deisall ausgenommen. hth.

Die verkannten Bomben.

In Venedig lacht man über das peinliche Erlebnis eines österreichischen Reisenden, der in feinem Gepäck zwei Cocktail-Decher mit fich führte, wre sie von den Mixern benutzt werden. Er wollte mit diesen Dechern einem Freunde in Ve­nedig ein Geschenk machen. AIS bie italienischen Zollbeamten diese glänzenden, versilberten Gegen- stände erblickten, machten sie sehr ernste Gesichter und erklärten, sie müßten diele verdächtigen Din­ger erst näher untersuchen. Den Versicherungen des Reisenden, daß es ganz harmlose Werkzeuge zur Bereitung von Getränken seien, wurde kein Glauben geschenkt. Man verhaftete vielmehr den Verdächtigen, weil er sich im Dell he von ..Dom- ben" befand, und fetzte ihn hinter Schloß und R'.egcl. Er mußte da- Erscheinen eines höheren Deamien abwarten, der ihn einem langen Kreuz­verhör unterwarf, die .Bomben" öffnete und sich von ihrer Harmlosigkeit überzeugte. Erft bann erhielt er seine Geschenke zurück und durfte mit beträchtlicher Verspätung Weiterreisen. Die ita- ftenischen Zollbeamten sind überhaupt sehr miß­trauisch unb vorsichtig. Sv werben alle Grammo- vhonvlatten <*rft . geprüftum festzustellen, ob sie nicht etwa antifaschistische Propaganda ver­breiten wollen. Wenn ber zuhörende Beamte die wohlbekannten Klänge der Jazzmusik ver­nimmt. bann ist er beruhigt, aber bei Platten mit Neben und fremder Sprache man sehr bebenf- und läßt sie et ft durch nachdem ein Sprach« sachverständiger die Worte übersetzt hat.