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27.10.1932 Erstes Blatt
 
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Donnerstag, 2?. Mode» 1952

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Nr. 253 Zweites Blatt

Spinale Kinderlähmung im Odenwald.

WSN. Darmstadt, 26. DEL Bei einem 13- /jährigen Schüler in Wembach (Odenwald) wurde spinale Kinderlähmung festgestellt. Der Knabe wurde in das Darmstädter Krankenhaus verbracht.

Führer der Rechten, H g I a n o to , stehen die ge­samte Bauernschaft und ihre Verteidigerin, die Rote Armee. Zwar bestehen beide Oppositionen schon immer, heute aber gingen sie gemeinsam vor. Dies gerade zwang Stalin zu ihrem Hinaus­wurf. Kommen aber beide Oppositionsrichtun­gen ans Ruder, so wird zunächst einmal die von Stalin so gründlich ausgemerzte Parteidemokratie wieder erstehen, d. h. in der Partei und Re­gierung sollen Industrie und Landwirtschaft nicht mehr durch einen Einzelnen verkoppelt, sondern durch regelrechte Interessenvertretungen so mit­einander verbunden werden, daß auf; etwas da­bei herauskommt. Allerdings ist Stalins Vor­sprung noch der, daß beide Gruppen diametral entgegengesetzte Politik.machen. Die ver­wegensten (nicht immer klügsten) Arbeiter betrei­ben praktisch die Beschränkung der Diktatur auf die Spitzenzweige der Industrie und sehen die Landwirtschaft und den Handel nur als unmün­dige Trabanten an; ihre Ideale sind staatliche, zentrale Verteilung und Regelung des Gewinnes. Dahingegen: die Rechtsopposition fordert und betreibt praktisch die Handelsfreiheit, die Selb­ständigkeit des Bauernhofes, die Beschneidung der

hatte ja gar keine Ahnung, daß Sie von Schweden (Forts, folgt.)

Seiner Hände Werk Vornan von Klothilde von Stegmann-Stein. Copyright by Martin Feuchtwanger, Halle (Saale)

Nachdruck verboten.

ErstesKapitel.

Ein Kanonenschuß, weithin über die blaue Fläche des Sees hallend, gab das Startzeichen. 2m gleichen Augenblick schossen dre Motorboote wie zischende Tiere durch dre Wellen. Das Mass« schäumte in weißem Gischt auf. Unaufhörlich riefen die warnenden Hupen. Zusammengeduckt in ihren Oelmänteln, die Südwester tief in die Stirn gezogen, saßen die Führer wie verwachsen mit ihreni Boot. Wasser grng in schweren Swrz- wellen über die glänzenden Schiffsplanken, schlug schwer gegen die Männer an, die da wie fest- geschmiedet sahen, das Steuerrcck» tn den zusam­mengeballten Händen Der Wmd tagte eine schwere Regenbö herüber; em paar Segle^ dr vom Außenmeer hereinkamen, drehten erschreckt bei Vorüber ging die sausende Jagd der -Kenn fahver wie ein Zug gespenstischer Wellenreiten

Vor dem Pavillon, der am Ende des Seestegs stand, hatte sich eine Gruppe Herren aufgestellt, alle mit Feldstechern bewaffnet die m ange­spanntester Aufmerksamkeit dem Start der Boote folgten. Auf den ersten Blick sah man, daß diese Männer hier verschiedenen Ländern angeyorten. Und wirklich hatte auch dieser Motor; achtwett- bewerb Teilnehmer aus den verschiedensten Zan­dern herbeigerufen. Hauptsächlich waren es An­gehörige nordischer und deutscher Länder, Die hier dem Wettrennen ihrer Boote zusahen. Ab­gesehen von dem Privatmann, dem Earl of Al- drige, der bei keiner Motorbootkonkurrenz in England sowohl wie im Auslande fehlte, waren es zumeist Besitzer großer europäischer Werften, die hier mit der Konkurrenz zugleich em ge­schäftliches Interesse verbanden.

In der ersten Reihe stand ein vornehm aus- seh^nder älterer Herr, mit weißem Bart und scharfgeschnittenem Gesicht, aus dem zwei blaue Augen voll Energie und Lebhaftigkeit leuchteten. Er wurde aus dem Hintergrund unauffällig be­obachtet von zwei abseits stehenden jungen Leu­ten. Der eine von ihnen sagte gedampft zu dem anderen.^ ^on Besichtigung vor dem Start versucht, an die Boote vom Dremerwerk heranzukommen; aber sie sind verteilt gut be­wacht Sie haben da irgendeine neue Konstruktion bei ihrem Motor ausgeknobelt, die sie heute zum ersten Male ins Rennen bringen. Es sollte mit dem Teufel zugehen, wenn diese Deutschen nicht wieder etwas erfunden hatten, um den Sieg für sich heimzuholen."

Krawall im Kreml.

Don unserem dl.-Berichterstatter.

Rachdruck, auch mit Quellengabe, verboten! Moskau, Mitte Oktober 1932.

Während dem Volk auf den Rummelplätzen Ka- russels gebaut werden, die statt der Kutschen, Pferde, Schlitten und Kähne buntbemalte Autos, Traktoren und Motorräder im Kreise drehen, rüstet sich die Parteidiktatur für das bevor­stehende 15jährige Jubiläum der Sowjetmacht durch den pompösen Ausschluß von zwei Dutzend wichtigster Oppositions­führer. Und das Reue daran ist, daß zu­gleich Rechte und Linke davon betroffen werden; Männer also, die nur in der Taktik einig sind, Stalins Führerschaft zu beseitigen. Auch ist es kein Zufall, daß diese ungewöhnlich weit gespannte Säuberung der Parteiführung zusam­mentrifft mit einem anderen Siegesfest, der In­betriebnahme des Riesenkraft­werks am Dnepr. Im Zeichen sichtbarer Erfolge läßt sich auch hierzulande der Widersacher leichter niederwerfen. Aber wie beim Dneprwerk die Riesenkraft noch großenteils überflüssig ist, weil die Abnehmer noch nicht gebaut sind, so geht auch der politische Willensüberfluß der Stalin- diktatur gerade an dieser Oppositionsverschwörung vorbei. Denn am allerwenigsten glauben die Stalinfreunde, daß die Opposition nun schon un­schädlich geworden ist. Um so weniger, als die Stalingefolgschaft selbst den Fehlgang ihrer Po­litik begreift und kritisiert, wenn auch nicht ein­gesteht. Ihre Selbstkritik macht vor nichts halt. Einmal, weil dadurch die Opposition geschwächt wird, sodann aber, weil wirklich nichts mehr zu beschönigen ist. Die Erfolge der Fünfjahrpolitik sind nicht ausreichend, um noch in den letzten zweieinhalb Monaten des Plans Freude und Zufriedenheit aufkommen zu lassen.

Tatsächlich ist ja mancherlei erreicht. Der Erd­öl p l a n, die Hauptgeldquelle, ist schon lange übererfüllt. Eine Daumwolleinfuhr braucht man nicht mehr. Die Edelstahler- z e u g u n g stieg von 100 000 auf 530 000 Tonnen. 32 Hochöfen wurden neu eingerichtet, viele alte verbessert. Die L a n d w i r t s ch a f t wurde zu 75 Prozent sozialistisch gemacht und mit 1 200 000 PS verjüngt. In der Rahrungsmittelindu- st r i e wurden 150 Fabriken gebaut und zwei Mil­liarden Rubel verwandt. Trotzdem aber fehlt ausreichende Kleidung, Rahrung, Entlöhnung. Ja, seit Monaten stockt die Kohlengewinnung, ver­sa ck t die Erzgewinnung, erfüllt die Metallurgie, die Feste der Diktatur, ihre Pkäne nicht. Wenn darum jetzt die Frauen wieder nach Kartoffeln und Gemüse, Fleisch und Brot Schlange stehen müssen wie im Frühjahr, so ist das einfach die Folge der Richterfüllung der Pläne. Dre Kar­toffel- und Gemüseernte ist noch ebenso wre dre Getreideernte und die Herbstaussaat wert rm Rückstand. Die Güter arbeiten mit zu hohen Ausgaben und zu großem Verlust, mancherorts gehen 40 Prozent des Jungviehs an Verelendung ein. Die Ealzindustrie liefert nur 47 Prozent rhres Auftrages, die Seifenindustrie nur 37 Prozent, die Tuckindustrie nur 48 Prozent usw. Zur glei­chen Zeit steigen natürlich die Preise und schwan­ken sie bis zu 500 Prozent teils wegen der ver- sch-eder.en Gestehungskosten, teils infolge Speku­lation, teils wegen platter Mißwirtschaft.

Der Kampf im Kreml bezieht sich jetzt also nicht mehr nur auf Einzelpunkte der Wirtschaf und des politischen Programms, sondern au die Fülle der Macht in P artei und Staat schlechthin. Denn hinter dem besten Kopf der Linksopposition, Sinowjew, steht ein nicht geringer Teil, der noch immer drauf­gängerische, der Arbeiterschaft. Und hinter dem

bereits früher auf demLande wohn­ten und dorthin zurückwollen. Es können aber auch jene Menschen für die Siedlung in Betracht kommen, die als Schrebergärtner eine Beziehung zum Boden besitzen. Man ist heute der Auffassung, daß zum Siedler wie zu jedem anderen Beruf eine ganz bestimmte Vorbil­dung gehören muh. Versuche mannigfacher Art liegen bereits vor, die auch schon erfolgverspre­chende Leistungen aufMweisen haben, so etwa die Bestrebungen der Detheler Anstalten und auf katholischer Seite die Siedlungsschule in Haus Matgendorf in Mecklenburg. Gerade diese Schu­lungseinrichtungen, an die sich noch andere an­reihen, berechtigen zu der Hoffnung, daß die Ver­suche, den Lebensraum der deutschen Jugend mit Hilfe der Siedlung zu erweitern, nicht dilettan­tisch betrieben werden. Reben diesen systematischen Schulungsbestrebungen verdient auch der Vor­schlag Maßmanns ernsthafte Beachtung, den jungen we st deutschen Siedler zum ostdeutschenDauernindiepraktische landwirtschaftliche Lehre zu geben, damit er dort den ganzen Betrieb rein praktisch, sozusagen von der Pieke auf, erlernt.

Die Frage der Erweiterung des Lebensraumes der deutschen Jugend mit Hilfe der Siedlung verspricht erst eine Lösung aus lange Sicht. Für die große Masse der erwerbslosen Jugend ist jedoch eine unmittelbare Rothilfe das Gebot der Stunde. Auf welche Gebiete soll sich diese Rothilfe erstrecken? Präsident Dr. Link vom Landesarbeitsamt Rordmark schlug auf der erwähnten Tagung vor allem eine Differenzierung der Jugendlichen vor und wollte die Vierzehn- bis Achtzehnjährigen anders behandelt wissen als die Achtzehn- bis Dreiundzwanzigjährigen. Man wird ihm unbedingt darin zustimmen, daß die Erstgenannten, die ja oft noch körperlich und see­lisch fast als Kinder anzusprechen sind, am besten in einer Berufsschule aufgehoben fein werden, die ihren Unterricht zeitlich und inhalt­lich erweitert.

Weit schwieriger liegt das Problem einer Rot­hilfe für die älteren Jugendlichen. Hier ist eine der vordringlichsten Aufgaben sicher­lich darin zu suchen, daß die Berufsbefähigung

Vormacht Industrie. Jedoch die Tatsache, daß ein volkswirtschaftlicher Gewinn noch gar nicht erarbeitet worden ist, im Gegenteil die Verluste wachsen, daß Erfolge meist nur Mißerfolge zur Voraussetzung haben, brachte die oppositionellen Gruppen und ihre Gefolgschaft im ganzen Land die Verschachtelung der gegensätzlichen Arbeits­methoden ist oft geradezu tragisch immer näher zueinander.

Zusammengefaßt muß festgestellt werden, daß zwar über die Fehlentwicklung der Wirtschafts­politik Stalinisten und Opposition sich keineswegs uneinig sind, fast umgekehrt, sie übertreffen sich gegenseitig in der Kritik an der Wirklichkeit. Jedoch über die Rotwendigkeit eines entschiedenen Kurswechsels bestehen unüberbrückbare Ge­gensätze. Rachdem aber die Opposition von links und rechts sich aus eine gemeinsame Taktik gegen Stalin geeinigt hat, ließ es Stalin auf einen Krawall ankommen. Und die Frage ist nur, ob sich dieser Krawall im Lande so auswirkt, daß der Stalinismus dennoch entscheiden muß: Allein­diktatur oder Parteiparlament? Jedenfalls ist die politische Linie des Fünfjahresplans an seiner materiellen Zersetzung aufgefranst.

Degener mußte in der Erinnerung noch lachen; Pietsch hatte ihm hinterher die ganze Geschichte erzählt, Pietsch, der glatt alles unter den Tisch trank, was mit ihm anband. Zuletzt hatte der norwegische Monteur dagelegen und war erst am nächsten Morgen zu erwecken gewesen, als Pietsch schon längst seelenvergnügt an feinem Motor herumarbeitete. Aber das alles hatte Degener mißtrauisch gemacht.

Üeberhaupt diese Werft, für die der Rorweger zum ersten Male beim heutigen Rennen genannt hatte, war eine bisher noch sehr unbedeutende Firma. Seit einiger Zeit drängte sie sich überall ins Geschäft und auf eine Art, die man beim Bremerwerk nicht kannte. Sie unterbot rücksichts­los. Prokurist Degener kannte die Derechnungs- methoden nur zu gut. Er wußte, mit diesen Prei­sen konnte man keine guten Motoren liefern, wenn man nicht mit Verlust verkaufte.

Aber nun nahmen seine Gedanken eine andere Richtung, denn dort von der Seegrenze her kam es herangebraust! Das Rattem der Motoren übertönte schon den Gesang der Wellen. Wie die wilde Jagd. Gischt aufspritzend, schoß es vor­über; die schneeweiße Rennjacht des Earl of Aldrige lag vorn. Der Kommerzienrat krampfte die Hand um das Fernglas. Wo blieb wo blieb denn Schmitz?

Herrgott!" sagte er gepreßt vor sich hin. Es hing viel, sehr viel davon ab, wie man mit dem neuen Motor abschnitt, auch die Auslandauf­träge, die man in dieser schweren Zeit mehr denn je brauchte. Bremer fühlte sein Herz in einem jähen Schlag gehen; diese Aufregungen waren doch nichts mehr für ihn.

Er schafft es nicht", sagte er leise zu seinem Mitarbeiter,der Engländer kommt zuerst..."

Ruhe, Ruhe, Herr Kommerzienrat!" sprach der, ohne dabei den Blick von seinem Fernrohr zu lassen.Ich kenne Schmitz,. der macht es erst in den letzten tausend Metern."

und die beruflichen Kenntnisse, die die Lehre ver­mittelt hat, erhalten bleiben, damit nicht ber steigender Konjunktur plötzlich ein empfindlicher Mangel an Facharbeitern einsetzt. Diese Er­kenntnis hat in der Praxis dazu geführt, daß Kreise der Großindustrie, u. a. die AEG. in Ber­lin arbeitslos gewordenen Facharbeitern, die die Lehre beendet hatten, Gelegenheit geben, in ihren Lehrwerk st ätten und Werk­schulen praktisch zu arbeiten, um die Berufsbefähigung zu erhalten. Man hat die Beobachtung gemacht, daß überall dort, wo solche Möglichkeiten geboten werden, oder auch Lehr­gänge so gestaltet wurden, daß die jungen Men­schen sie als wertvoll für ihre berufliche Zukunft ansahen, sie sich freiwillig zur Teilnahme dräng­ten. Sicherlich ein schöner Beweis für den Ar­beitswillen der jungen Generation!

Aber Arbeitsgelegenheit in Werkstätten und berufliche Kurse, so notwendig sie auch sind, reichen nicht aus, um das Absinken der Jugend zu verhindern. Andere, die Jugend noch stärker erfassende Maßnahmen erweisen sich als notwendig. Unter denselben haben sich besonders die Freizeiten gut bewährt, die jugendliche Er­werbslose vorübergehend aus ihrer Umgebung Herausnahmen und mit Gleichaltrigen ju einer etwa zwei bis vier Wochen dauernden Iugend- gemeinschaft unter pädagogischer Führung ver­einten. Der freiwillige Arbeitsdienst, der seit etwa anderthalb Jahren sich mehr und mehr als Hilfsnahme für die achtzehn- bis drei- undzwanzigjährigen Erwerbslosen durchgesetzt hat, setzt das Hilfswerk der Freizeiten fort, mit dem Unterschied, daß nicht Erholung, sondern Ar­beit im Vordergrund der pädagogischen Be­mühungen steht. Die außerordentlich günstigen Erfahrungen, die aus den verschiedensten Gegen­den mit dem freiwilligen Arbeitsdienst berichtet werden, legen den Gedanken nahe, ihn Wecker auszudehnen. Man wird dies schon deshalb be­grüßen, weil eine Ausdehnung des freiwilligen Arbeitsdienstes in Verbindung mit dem Gedanken der Siedlung einem Teil der Jugend die Hoffnung geben kann, ein neues arbeitserfulckes Leben aufzubauen. Ein gewisser Ausbau des freiwilligen Arbeitsdienstes wird hierbei un­erläßlich fein. So muß die zeitliche Ausdehnung der Beschäftigung über zwanzig Wochen hinaus ermöglicht, wie auch eine gewisse Erweiterung der finanziellen Grundlage erreicht werden.

Jede pädagogische Frage hängt in ihrer Lösung von den Menschen ab, die die Losung über­nehmen. Auch der freiwillige Arbeitsdienst wird in seinen erzieherischen Leistungen abhängig sein von der Führerpersönlichkeit, die die Jugendlichen zusammenhalten kann. Führerausle s e. u n E> Führerschulung erscheint eine unerläßliche Vorbedingung für das Gelingen dieser sozial- pädagogischen Rothilfe an den jungen Menschen, damit der erzieherische Wert des Gemeinschafts­lebens in der Arbeit und in der Freizeit voll zur Auswirkung kommen kann. In den jungen, zur Zeit arbeitslosen Pägagogen stehen Menschen zur Verfügung, auf die die Träger des freiwilligen Arbeitsdienstes vor allem zurückgreifen sollten, um den pädagogischen Erfolg dieser wichtigsten Rot­hilfe für die Jugendlichen im Alter von achtzehn bis dreiundzwanzig Jahren sicherzustellen.

Im gegenwärtigen Augenblick, in dem eine Million junger deutscher Menschen arbeitslos sind, gibt es kein Problem, das alle sozialpäda­gogisch interessierten Kreise stärker bewegt als die Frage:Wie schaffen wir der deutschen Ju­gend neuen Lebensraum?" Mit dieser Frage be­schäftigte sich auch kürzlich die Ausschuhsitzung derGesellschaft für Sozialreform" und versuchte, Wege zur Lösung des Problems zu weisen. Eine Erweiterung des Lebensraumes der deutschen Jugend durch Siedlung, durch Rothilfsmaßnah- men, unter denen der freiwillige Arbeitsdienst die erste Stelle einnimmt, und durch sinnvollen Ausbau der vorhandenen Derufsbildungseinrich- tungen waren die wesentlichen praktischen Vor­schläge, die der Versammlung unterbreitet wurden.

Unter diesen Vorschlägen findet keiner gegen» toärtig ein gleich großes Interesse in der Oeffent- lichkeit wie derGedanke derSiedlung scheint doch hier ein Weg gewiesen zu sein, der sozial- und volkspolitische Bedeutung zugleich besitzt. Der starke Widerhall, den die Siedlunc^- beftrebungen vor allem auch bei der Jugend selbst gesunden haben, darf jedoch keinesfalls dazu ver­leiten, die Möglichkeiten der Siedlung für die Erweiterung des Lebensraumes der Jugend zu überschätzen. Es bedeutet daher ein bleibendes Verdienst des Reg.-Rates a. D. Maßmann, ge­schäftsführendes Vorstandsmitglied der Gesell­schaft zur Förderung der inneren Kolonisation ausgesprochen zu haben, daß es nicht möglich sein wird, in kurzer Zeit Hunderttausende aufs Land zu bringen. Reben rein praktisch-wirtschaft­lichen Fragen, wie die nach der Größe der er­forderlichen Landstelle, nach den erforderlichen Kosten für die Erstellung der Bauten, bewegt immer wieder die Frage, welcherMenfch en» typ am besten geeignet für diese Arbeit sei. Die vordringliche Aufgabe, die über allen neuen Zie­len nicht aus dem Auge gelassen werden darf, wird darin gesehen, die Abwanderungder jüngeren tatkräftigen Dauernsöhne und -töchter zu verhindern, um diese dem Lande zu erhalten. Bei der Uebersuhrung desstadtgeborenen Geschlechts" erscheint schärfste Auslese dringend geboten. Es wird darauf an- kommen, vor allem diejenigen zu erfassen, die

Er schwieg, denn dort, an der Grenze, wo die See in den stillen Bodden überging, waren die Rennboote verschwunden ein Sirenensignal zeigte, daß sie die Binnengrenze überschritten und nun ins offene Meer hinausrasten.

In die Gruppe vor dem Pavillon kam ge­spannte Erregung. Alle, die hier standen, wußten, daß von der Schnelligkeit, die dort draußen ent­wickelt werden würde, der Gewinn des Rennens abhing. Und es war eine mächtige See, die drau­ßen jenseits des Boddens stand man konnte mit dem Fernglas sehen, wie schwer und eisgrau an diesem Märztag sich die Wogen dort vom offenen Meer her heranwälzten.

Kommerzienrat Bremer wandte einen Augen­blick fein Fernglas von dem Wasser fort, das dort in das weite Meer hinüberströmte.

Wie die Zuschauer aushalten", sagte er zu seinem Prokuristen Degener, der neben ihm stand. Er wies auf die dichtgedrängte Zuschauermenge, die trotz der immer wieder herniederpasselnden Regenschauer geduldig ausharrte.

Der Earl of Aldrige zog seine Mütze in die Stirn und wischte mit der behandschuhten Rechten über das beschlagene Fernglas.

Soviel ich sehe", sagte er höflich zu dem Kom­merzienrat,liegen unsere beiden Boote in Front.

Seine letzten Worte wurden von einem neuen Kanonenschuß übertönt, der von dem Deobach- tungsposten gelöst wurde es war das Zeichen, daß die Rennboote die Grenze erreicht hacken, die ihnen dieser Wettbewerb gesteckt hatte.

Run geht's los!" sagte Kommerzienrat Bre­mer zu seinem Mitarbeiter, und selbst fein be­herrschtes Gesicht zeigte eine leise Erregung. Der Prokurist blieb ganz ruhig.

Unser Motor und Schmitz dazu als Fahrer has schaffen wir, Herr Konimerzienrat."

Krähen Sie nicht zu früh, lieber Degener!" mahnte der Kommerzienrat.Die Jacht von dem Engländer ist auch nicht zu verachten. Und dieser Hopkins der führt Sie wissen: er hat uns schon einmal den Preis vor der Rase fortgeholt."

.Damals hatten wir auch noch nicht die neue Schraubung an unserem Motor, Herr Kommer­zienrat" sagte der Prokurist ruhig; aber er ver­stummte, denn er sah, wie die zwei jungen Leute, bie bis dahin in einem eifrigen Gespräch Ver­tieft schienen, lange Ohren machten.

Mit einem mißtrauischen Blick sah Prokurist Degener herüber. Der eine von ihnen beiden gefiel ihm nicht; er hatte diese ganzen Tage, schon als das Doot hier aufmontiert wurde, versucht, mit den Leuten vorn Dremerwerk ins Gespräch zu kommen. Den Monteur Pietsch vom Dremer­werk hatte der Monteur dieses norwegischen Herrn sogar zu einem Abendschoppen eingeladen; aber wenn der fremde Monteur etwa gedacht hatte den guten Pietsch betrunken machen zu können, hatte er sich schmählich getäuscht.

Wasser, schien die Wellen kaum noch zu berühren. Run war es um Kiellänge an dem Engländer vorüber. Wie ein weißes Band lag das englische Rennboot nun im Kielwasser des deutschen, blieb hinter ihm zurück. Schmitz mit seinem Doot schien über die Wellen dahinzufliegen, als hätte das Doot Flügel bekommen. Run schoß ein Sonnen­strahl, durch zerrissenes Gewölk brechend, über dies dahinstiebende Gebilde aus rotem Maha­goni und schimmerndem Metall.

Verdammt noch mal", klang hinter Degener eine rauhe Stimme auf Rorwegisch,wir sind abgehängt. Ich hab's ja immer gesagt, gegen die Verbesserungen der dort" es wies mit dem Kopfe auf Degener und Kommerzienrat (Bremer hinkommen wir nicht auf!"

Die Zuschauer an der langgestreckten See­promenade brachen in lautes Rufen und Beifall- schreien aus. (Bremer stockte der Atem, und auch Degeners gleichmütiges breites Vollmondgesicht wurde vor Aufregung rot der Engländer machte noch einen wilden Vorstoß. Man hörte förmlich, wie er seinen Motor auf höchste Touren­zahl riß; aber es half nichts. Das Doot vom Dre­merwerk flog vorwärts in ferner glänzenl e i Welle von Weiß und Grün ein Schrei es hatte dicht vor dem Seepadillon das Ziel passiert.

Kommerzienrat (Bremer fühlte, wie ihm die Knie zitterten. Das hatte man geschafft! Eine heiße Freude stieg in ihm auf. Aber warum regte ihn jetzt alles so auf? Man wurde doch alt. Aber er hatte keine Zeit, darüber nachzudenken. Denn schon kam der Earl of Aldrige auf ihn zu, schüttelte ihm die Hand und sagte in seinem etwas gebrochenen Deutsch:

Ich gratuliere, Mister Dremer, Ihre Doot sein ganz ausgesseichnet gefähren. Meine neue Jacht lasse ich mit Ihre Motors einbauen ich uerbe übermorgen in London die notige Weisungen geben.

Darm grüßte er kurz und machte Platz, denn all die andern Anwesenden umdrängten den Desitzer vom Dremerwerk, um ihm zu gratulieren.

Ein hochgewachsener junger Mann in Oel- mantel und Kappe kam jetzt von der Seeprome­nade herauf. Er hacke blonde Haare, ein klares, grohliniges Gesicht mit Augen, in denen sich das klare (Blau der offenen See widerzuspiegeln schien. Mit einem warmen Lächeln grüßte er schon von weitem zu Kommerzienrat Bremer herüber.

Gratuliere von Herzen, Herr Kommerzienrat", rief er.Ich habe schon eine Drahtnachricht an meinen Vater durch gegeben; wie wird er sich freuen, daß die Dremerwerke gesiegt haben!"

Bremer schüttelte dem jungen Manne kräftig die Hand:

Das ist aber nett von Ihnen, Olaf ich

Lebensmum für die deutsche Jugend

Von Professor Or. Erna Barschack, Berlin.

Und als hätte Schmitz, der fern, angeklammert an seinem Steuer sah, es gehört Plötzlich schoß er vor, man hörte das rasende Schnurren des Motors. In wilder Fahrt setzte das mahagoni- farbene Rennboot dem schneeweißen des Eng­länders nach; jetzt war es in seinem Kielwasser, nun lag es Seite an Seite, Wie Seehunde gruben die Jachten sich mit der Rase in das aufschau­mende Wasser nun schoß Schmitz vor eine Dootslänge fast aber der Engländer drehte auf war wieder neben ihm. Eine Weile lagen sie' Seite an Seite, und das Wasser ging in Sturzwellen über das Deck beider Schiffe hinweg.

Gute Zeit", sagte der Carl of Aldrige Phleg­matisch und verglich seine Stoppuhr.Ich schätze..." Aber er konnte nicht mehr aussprechen, auch in sein ruhiges Gesicht kam Erregung.

Schmitz hatte das Doot der Bremerwerke vor- . ~ wärtsgetrieben; es flog wie ein Pfeil über dem | herüberkommen würden.'