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Aus der Provinzialhauptstadi.
©leben, den 27. August 1932.
Als man fein Goldgeld wollte. ..
Dor der Errichtung des Deutschen Deichs herrschte in den deutschen Ländern die Silberwährung. Obwohl es Goldmünzen in erheblicher Anzahl gab, spielten sie keine beachtliche Rolle. Riemand war zur Entgegennahme dieser Geldstücke gehalten, geschweige denn verpflichtet, sie sich zu einem festen Wertverhältnis gegenüber dem Taler oder dem Gulden anrechnen <zu lassen. Der Doldbesiher muhte vielmehr stets da- mit rechnen, bei der Hingabe von Goldstücken einen Kursverlust zu erleiden. So konnte es nicht ausbleiben, dah man Gold nur ungern nahm oder gar grundsätzlich zurückwies. Eine Reihe von Sparkassen hatten in diesem Sinne die De- ftimmung getroffen, dah Goldmünzen von den Einlegern nicht angenommen werden dürften. Bei- spiclsweise bestimmte das 1839 umgeänderte Statut der Sparkasse zu Reihe, die Einzahlungen dürften lediglich in harten Talern oder Kassenanweisungen (also eine Art Papiergeld!) bestehen. Don der allgemeinen Abneigung gegen das Gold blieb die Preußische Dank, die Dorläuferin der Reichsbank, nicht frei; im Gegenteil, ihre Politik war vielfach für die allgemeine Einstellung zum Gold richtungweisend. So rechnete man 1854 mit der Möglichkeit, dah bei einer Freigabe der Ausprägung des Goldes alles Silber abfliehen würde; da man aus der gleichen Annahme einen festen Kurs von 5 Taler 2 Groschen für den Friedrichsdor (so hieben die damaligen Goldmünzen) für bedenklich hielt, setzte man sich für die verstärkte Ausgabe von Danknoten an Stolle von Goldgeld ein! Alnb dies in einer <}eit, die durch eine Ueberschwemmung Deutschlands mit unzähligen Roten bis hinunter zu den Heinften Beträgen gekennzeichnet war.
Dei den Sparkassen, die dem von der Preuhi- schen Dank gegebenen Beispiel folgten, entstanden bisweilen Schwierigkeiten, weil sich das Publikum nicht immer damit einverstanden erklärte. Dei der Sparkasse der Stadt 'Berlin etwa beschwerte sich 1856 ein ‘Bürget über die Zurückweisung der Goldmünzen; er verlangte die Annahme von Friedrichsdors mit der Begründung, den Einlegern müsse der Derlust von 3 Pfennig, der sonst beim Umwechssln entstünde, erspart bleiben. Die Kasse verteidigte ihre Mahnahme damit, dab eben diese Dorschrist dem Schuh der unbemittelten Einleger diene; denn bei Annahme von Goldmünzen lasse sich die Auszahlung in diesen Stücken ebenfalls nicht vermeiden. Die Sparkasse von Berlin verstand sich aber trotz einiger Bedenken doch noch im Jahre 1856 dazu, nicht nur Taler, sondern auch Friedrichsdors entgegenzunehmen.
Die nahezu feindliche Einstellung zum Gold, die bis zur Einführung der Reichsgoldwährung anhielt, lehrt das eine, dah eine Währung auch dann gesund sein kann, wenn in ihr das Gold nicht die Hauptrolle spielt.
Oer Reichskanzler spricht im Rundfunk
über das neue deutsche Wirtschaftsprogramm.
21m morgigen Sonntag, um 12.15 Uhr, hält Reichskanzler von Popen seine angekündigte Rede über das umfassende Wirtschaftsprogramm der Reichsregierung, die van sämtlichen deutschen Sendern übernommen werden wird. Rundfunkteilnehmer seien besonders darauf hingewiesen.
Talen für Montag, 29 August.
1632: der englische Philosoph John Locke in Wrington geboren; — 1866: der Dichter Hermann
Löns in Kulm geboren; — 1916: Hindenburg wird Ehef des Deutschen Generalstabs; Ludendorss Erster Generalquartiermeister.
Gegen die preußische Verwaltungsreform.
Eine Tagung der Dehötdenvettretet in Gießen.
3n Giehen traten Dertreter der durch die verordnete Zusammenlegung von Kreisen betroffenen Kreise und Kreisstädte in der Provinz Hessen-Rassau zusammen, um übet gemeinschaftliche Abwehrmahnahmen zu beraten. Es waren Kreisausschuhmitgliedet der Streife Biedenkopf, Hersfeld. Marienberg, Homberg. Kirchhain, Ufingen, Wolfhagen sowie Bürgermeister der Kreisstädte erschienen. Alle Dertreter sprachen sich scharf gegen d i e Zusammenlegung der Kreise aus, die eine Rücksichtnahme auf die wirtschaftliche Struktur, die geschichtliche Entwicklung und auf die 3nteressen der Bevölkerung entgegen den Bestimmungen der preußi- schen Sparverordnung vom 23. Oktober 1931 in jeder Weise ausschließe. Bedauert wurde auch die mangelhafte Unterstützung der aufgelösten Kreise durch den Kasseler Regierungspräsidenten, von dem vergeblich erhostt wurde, dah er auf Grund seiner Kenntnis der katastrophalen Auswirkung der Zusammenlegung von Kreisen seines Bezirkes alle Schritte unternehmen würde, um das drohende Unheil abzuwenden. Die Dertreter der Kreise und der Kreisstädte schlossen sich zu einer Kampfgemeinschaft zusammen. Die weitere Bearbeitung der Angelegenheit wurde einem aus sieben Mitgliedern bestehenden Ausschuh übertragen.
•* Die Museen und der Heidenturm sind am Sonntag zwischen 11 und 13 Uhr bei gewöhnlichen Eintrittspreisen geöffnet.
•• Sonntagsrückfahrkarten zum Jugend- und P o s a u n e n f e ft. Zu dem am morgigen Sonntag in Grohen-Linden stattfindenden Jugend- und Posaunenfest der oberhessischen Gemeinschaften werden von den Bahnhöfen der Strecken Marburg—Friedberg, Ober-Widdersheim—Gießen und Mücke (Hessen)—Gießen Sonntagsrückfahrkarten nach Grohen-Linden ausgegeben.
ZezirkSschöffengerichl Gießen.
* Giehen, 26. Aug. Ein wegen Betrugs und Urkundenfälschung bereits wiederholt bestrafter — wenn auch im Sinne des Gesetzes nicht „rückfälliger" — Kaufmann wurde wegen Betrugs in zwei Fällen zu einer Gesamtgefüng- nisstrafe von drei Monaten verurteilt. Er hat eine Firma um etwa 30 Mk. geschädigt, indem er bei ihr Lebkuchen bezog, angeblich für seine Angestellten, obwohl er damals schon keinen Angestellten mehr hatte; hierdurch erreichte er, dah ihm die Ware, die er für sich verwertete, unter günstigeren Bedingungen geliefert wurde. 3n einem anderen Falle hat er einen Geschäftsmann dadurch zur Lieferung von Maren gegen Kredit veranlaßt, daß er sich selbst unter dem (Kamen einer anderen Firma, deren 3nhaber er war, ein günstiges Zeugnis über seine Kreditwürdigkeit ausstellte. Strafmildernd kam in Betracht, dah der Schaden zum großen Teil wieder gutgemacht ist.
Ein nationalsozialistischer Redner hatte sich wegen Dergehens gegen das Republikschuhgesetz zu verantworten. Er hat in einer öffentlichen (Versammlung behauptet, die Sozialdemokraten hätten den Kaiser Wilhelm nicht haben
Run-funkprogramm.
Sonntag, 28. August.
6 15 (Don Hamburg): Hafenkonzert, Rorag- Frühkonzert auf dem Dampfer „Eap Arcona" der Hamburg-SüdamerilanischenDampfschiffahrts- gcsellschaft. 8.15: Morgenfeier der ev.-luth. Drei- einigteitsgemeinde (Dekenntniskirche), Frankfurt a M. 9.15 bis 10.15: Stunde des Chorgesanges. 11 (Paulskirche): Goethe-Gedächtnisfeier. 12.30 (Don Berlin): Konzert des Deutschen Orchesters. 14- Stunde des Landes. 15: Stunde der 3ugend. 16: Rachmittagskonzert des Rundfunkorchesters. 18: Fünfundzwanzig bunte Minuten. 18.25 „Europäische Denker: Brunschvieg", Dortrag von Dr. L. Hamburger, Frankfurt a. M. 19 (Don Königs- berg): Konzert. 20 (M. und Deutschlandsender): Dorspruch zu Goethes „Iphigenie auf Kauris von Prof. Dr. Emst Deutler. 20.15 (M. und Deutschlandsender): 3phigenie auf SauriS, ein Schauspiel von 3ohann Wolfgang von Goethe. 22.30 bis 24 (M. ab 22.50): Unterhaltungskonzert.
Montag, 29. August.
7.05 (M..WR., Bad Kreuznach): Frühkonzert. 12: Unterhaltungskonzert. 13.30: Schallplattenkonzert. 15.20: „Rund um den Rigaer Dom, Reiseerlebnisse im Baltikum", von .Dr. Henny Pleimes. 16.20: Kätchen Paulus erzählt! Erste Fallschirmabsprünge; Aus den 3ugent>tagen des Freiballonsports. 17: Rachmittagskonzert des Rundfunkorchesters. 18.25: „Friedrich IL von Hohenstaufen", Dortrag von Dr. Friedrich Hel- mund. 18.50: Englischer Sprachunterricht. 19.30: Lieder zur Laute: Landsknechtslieder und Schnurren. 20: Militärkonzert. 21: Eine (Viertelstunde Lyrik: Rainer Maria Rilke. 21.15: „Kleiner Knigge für 1932" von Stefan Großmann. 21.30: Klavierkonzert: Max Osborn. 22.45 bis 24: Rächt- musik.
Dienstag, 30. August.
7.05 bis 8 (Bad Salzuflen): Frühkonzert der Kurkapelle Bad Salzuflen (Städtisches Orchester Hildesheim). 12: Schallplattenkonzert. 13.30 (Don Freiburg): (Silber aus dem Orient. 15.20 bis 16 20: Hausfrauen-Rachmittag. 16.20: Ein rheinischer Weberjunge erzählt, 3mprovisationen von Paul Laven. 17: Konzert. 18.25: „Luftschutz tut not" Dortrag von Major Ludwig von Rida. 18 50- Aeuhere Derbrecherfaktore", Dortrag von Dr Walter Luz. 19.30: Aus Operetten von Franz Lehar 19 50: Symphoniekonzert des Philharmonischen Orchesters Stuttgart 21 20. Saure ®ur. kenzeit eine bunte Stunde. 22.45 bt8 24. Unterhaltungskonzert der Tanzkapelle der Stuttgarter Philharmoniker.
Mittwoch, 31. August.
7 05 bis 8 (Bad Salzuflen): Frühkonzert der Kurkapelle Bad Salzuflen (Städtisches Orchester
Hildesheim). 10.10 bis 10.50 Schulfunk: Ein Räumungsprozeß, Hörbild von Aetualis. 12: Mittagskonzert des Rundfunkorchesters. 13.30: Schclll- plattenkonzert, Marsch-Musik. 15.20 bis 16.20: Stunde der 3ugend. 17 (Bon Wiesbaden): Konzert. 18.25: „Abend am Mösener See", Dortrag von Max Geisenheyner. 19 (Don Salzburg, Fest- spielhaus): Salzburger Festspiele: Fidelio, Oper in zwei Aufzügen, Musik von Beethoven. 22: Das Werratal, ein Hörbild. 22.45 bis 24 (Don Wien): Rachtmusik.
Donnerstag, 1. September.
7.05 (Don Kreuznach): Frühkonzert. 12: Mittagskonzert der Kapelle des Konzertvereinsorche- sters Rumberg. 13.30: Mittagskonzert. 15 bis 16: Stunde der 3ugend. 17: Konzert des Rundfunkorchesters. 18.25: Zeitfragen. 18.50: „Die Reu- Astrologen", Dortrag von Auguste Peters. 19.30: Operettenkonzert des Philharmonischen Orchesters Stuttgart. 19.50: Dom Deutschen Eck jum Ritter- sturz, ein Koblenzer Abend. 21: Katholikentag, des Deutschen Dater-Unser. 22: Heitere Klaviermusik, gespielt von Dr. Walter Georgii.
Freitag, 2. September.
7.05 (Bad Münster a. St.): Frühkonzert der Kurkapelle Bad Münster am Stein. 12: Konzert. 13 30: Schallplattenkonzert. 16.10 bis 16.30: Renn- woche in Baden-Baden: Großer Preis von Baden. 17: Woran erkennst du sie?. Lehrgang mit musikalischen Beispielen über die Stilwandlungen der Musik. 18.25: „Der Ruhrmensch", Dortrag von Georg Schwarz, Berlin. 18.50: Aerztevortrag: Der Sinn der sportärztlichen Arbeit". 19.30: Kleine Stücke für Violine. 20 (Aus Reuyork): Kurt G.Sell: Worüber man in Amerika spricht. 2015: Kleine Anzeigen, Hörfolge von Anton Schnack. 21.15: Unterhaltungs-Konzert des Philharmonischen Orchesters Stuttgart. 22.45 bis 23.15: Deutsche Dolkslieder HL 23.15 bis 24: Walzer von Josef Strauß.
Samstag, 3. September.
7 05 (Don Heilbronn): Frühkonzert des Heilbronner Konzertorchesters. 10.10: Schulfunk-Aus- tauschsendung: Bilder vom deutschen Binnen- bQnöeL Leitung Paul Laven. 12 bis 13.15: Schallplattenkonzert. 13.30 bis 14.40: Mittagskonzert bes Rundfunkorchesters. 15.30 bis 16.30: Stunde ber Jugend. 17 (Bon Mannheim): Unterhaltungsmusik. 18.25: „John Locke", Dortrag von Dr Albert Haag. 18.50: „Der Himmel im September und Oktober, Unseres kleinen Mondes großartige Gebirgswelt". Dortrag von Professor Edmund Sittig. 19.30: Lerne dich bewegen, ab»r wie?", Gespräch über die verschiedenen Gymnastik-Systeme. 20. Großer Operetten-Llbend. 22.45 bis 24 (Don Miltenberg): Militarkonzert.
wollen; dafür seien zweihundert Ferkel zu Schweinen herangemästet worden. Aus der Gegenüberstellung ergab sich, dah der Angeklagte, entgegen feiner Behauptung, nicht nur die „Bonzokratie", sondern auch die Regierung treffen wollte. Strafe: ein Monat Gefängnis.
Ein Arbeiter und seine Frau erhielten wegen schwerer Urkundensälschung Desäng- nis st rasen von je einer Woche, weil sie, um Unterstützung zu erhalten, eine Arbeitsbescheinigung fälschlich angefertigt haben.
Strafkammer Gießen.
♦ Gießen, 26. August. Im April 1930 hatte ein damals in Bad-Nauheim wohnhafter Kellner einem dortigen Schneidermeister die Anfertigung eines Fracks in Auftrag gegeben. Er hatte dabei erklärt, er habe Stellung im Kurhaus; feine Woh- nungseinritfjtung habe er bei einem Spediteur in Mannheim stehen. Auf diese Angaben vertrauend, lieferte der Schneidermeister den Frack. Er erhielt aber kein Geld und mußte schließlich feststellen, daß der Kellner ihm die Unwahrheit gesagt hatte. We- gen Betrugs wurde dieser von dem Amtsgericht
Bad-Rauheim zu 3 Wochen Gefängnis ve» urteilt. Seine Berufung war ohne Erfolg '
Ein Schlosser aus Bad-Rauheim hatte im Juns 1932 auf das Straßenpflaster mit Oelsarbe einen 'Aufruf zur Wahl gemalt und war deshalb auf Grund der 'Verordnung vorn 28.3.1931 und 27.3 1932 bestraft worden. Da diese inzwischen aus- gehoben worden sind, erhielt er heute eine hohe Geldstrafe wegen groben Unfugs.
Zu 4 'Monaten Gefängnis hatte das Amtsgericht Friedberg einen jungen Mann verurteilt, weil er bei einer politischen Versammlung eine Schußwaffe bei sich geführt hatte 3n dem heutigen Termin erschien der Angeklagte nicht. Seine Berufung wurde daher verworfen.
Sprechstunden der Redaktion.
11J0 bi, 12.30 Uhr. 16 bis 17 Uhr. Samstag nachmittag geschloffen
Anzeigenauströge sind lediglich an öle Geschäftsstelle ,u richten.
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Geschichten aus aller Welt.
(Rachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!)
Leine Grellem, der Fixstern.
(k) Dorpat.
Die Universität Dorpat kann in diesem Jahre ihr 300jährigcs Bestehen feiern. Ursprünglich anno 1630 von Gustav Adolf gestiftet, ging sie schon 1710 wieder ein, um 1802 neu errichtet zu werden. Hier eine kleine Anekdote:
In Dorpat herrschte große Aufregung: Seine Exzellenz Graf Sergej Semenowitsch Uwarow, Väterchens Untcrrichlsminister, hatte seinen ader- höchsten Besuch angekündigt. Don diesem Besuch hing viel ab; die Universität kämpfte wieder einmal mit materiellen Schwierigkeiten und die Regierung sollte helfen.
Der Diplomatie eines Deutschen, des Astronomen Wilhelm von Struve, blieb es Vorbehalten, Sr. Exzellenz die entsprechende Stimmung einzuflößcn; man wußte von Uwarow, daß er in guter Laune großzügig war — selbst wissenschaftlichen Einrichtungen gegenüber.
Exzellenz kam und wurde von Herrn von Struve, dem Direktor der Sternwarte, herum- geführt. Der Minister nickte zu allem wohlwollend, ohne sich besonders.zu erwärmen. Schließlich zeigte Struve den neuangeschafften Refraktor, das Riesens ernrohr der Sternwarte. Der Graf warf huldvoll einen Blick herein. Er wandte sich dann erstaunt an den Direktor: „Ich sehe da eine sternähnliche Erscheinung!"
Struve tat sehr erstaunt: „Unmöglich, Exzellenz, zu dieser Tageszeit I"
„Doch, doch", beteuerte der Minister, „das muß schon ein Stern sein. Sehen Sie sich die Sache einmal an!"
Struve sah sich also die „Sache" an und begeisterte sich alsbald: „Ich gratuliere, Exzellenz! Durch einen glücklichen Zufall haben Sie soeben einen bisher unbekannten Fixstern entdeckt! Wenn Exzellenz erlauben, werden wir den neuen Stern nach Ihnen benennen!“
Uwarow erlaubte. Er war stolz und glücklich. Und — die Universität Dorpat bekam alles, was sie nur wollte. Sogar noch mehr!
Dah „Seine Exzellenz, der Fixstern" von Struve bereits etliche Monate vorher entdeckt wurde, hat Graf Uwarow niemals erfahren.
Ter „Herr von Paris".
- Paris.
Der „Herr von Paris" ist der Scharfrichter. Man gab ihm diesen (Hamen zur Zeit der großen Revolution, als der Henker wirklich der Herrscher über alle war. Ader man hat — da man den Henker in Kürze wieder zu der Hinrichtung des Präsidentenmörders Gorguloff in Paris erwartet — in alten Gesetzen herumgesucht und interessante Dinge herausgefunden. So ist der „Herr von Paris" der einzige Mensch, der in Paris von einem Hotel zurückgewiesen werden kann, toeim er um ein Zimmer fragt, wo er sein Haupt niederlegen könnte. Jeder andere, der in der Lage ist, ein Zimmer zu bezahlen, und nicht erkennbar ansteckend krank ist, muh ausgenommen werden! Das Gesetz, das gestattet, den Scharfrichter zurückzuweisen, ist sehr alt und stammt aus dem Jahre 1563. Als kürzlich diese Frage aufgeworfen wurde — da bestätigte ein Pariser Gericht die alte Bestimmung.
Der Henker von Paris wollte nämlich — am Tage der Präsidentenermordung übrigens — in Paris die (Vorbereitungen zur Exekution an einem jungen Mann treffen, der mit seinem Bruder zusammen eine entsetzliche Bluttat verübt hatte. Der junge Mann wurde von dem neuen Präsidenten später begnadigt. Aber der Scharfrichter fand an dem Tag in Paris alle Hotels besetzt, und als er schließlich eines fand und sich mit seinem (Hamen eintrug, verweigerte ihm der Hotelier das Zim- mer. weil seine übrigen Gäste davonlausen würden, wenn er einen Henker unter seinem Dach beherberge.
Es gab einen Disput, den der Hotelier dadurch beendete, dah er die Polizei holte, die dem Scharfrichter bedeutete, er möge sich trollen. Und eine Beschwerde stünde ihm ja über die Gerichte zu. Diesen Weg hat der Scharfrichter jetzt beschritten — und er ist abgewiesen worden.
Zwei Ehehälften melden iid) gegenseitig verloren.
(g) Dom.
Auf der Quästur in Genua erkundigte sich neulich der 42jährige Arbeitslose (Hicola Mione, ob die Polizei vielleicht seine bessere Ehehälfte gefunden habe. „Ich ging“, erzählte er, „mit meiner Frau auf dem Corso Regina. Durch die Re« klame eines Geschäftes angezogen, blieb ich vor einem Schaufenster stehen und betrachtete die Auslagen. Meine Benedetta hatte das augenscheinlich nicht bemerkt und war weitergegangen. Als ich aufsah, war meine Frau verschwunden und alles Suchen in der Umgebung blieb erfolglos." Der arme Mann war recht niedergeschlagen, denn er teilte mit seiner gleichalterigen Frau nun schon lange Freud und Leid. Gegenwärtig befanden sie sich auf einer Fußwanderung. Sie tarnen aus (Rom wo sie keine Arbeit mehr hatten> finden können, und wollten in das norditalienlsche Heimatdorf Benedettas. 15 Tage waren sie schon einträchtig marschiert, und nun sollte das grausame Schicksal sie trennen?
Während Ricola also Nagte, erschien ferne vermißte Gattin, um ebenfalls sehr besorgt der Poli
zei das geheimnisvolle Derschwinden ihres Mannes zu melden und um Fahndung zu bitten. Der dienst tuende Beamte lächelte, sprach eine Zauberformel und stellte die Derschollenen einander gegenüber. Jetzt sind sie wieder auf dem Wege nach Brusasco und wollen — wenn keine weiteren verhängnisvollen Schaufenster am Wege liegen — nach fünf Tagen ankommen.
Das Lpiclerparadies.
(k) Prag.
Tschechische Blätter melden betrübt, daß die Spielleidenschast in den letzten Jahren Ausmaße erreicht hat, die bedenklich erscheinen. So bat wenigstens die Svielkartenindustrie (im schroffsten Gegensatz zu allen anderen Industriezweigen!) einen nie geahnten Aufschwung genommen; der jährliche Umsatz geht in die Millionen!
Mährisch-Ostrau an der Ostrawiha schießt den Bogel ab. Ein einziges Kaffeehaus dieser relativ kleinen Stadt mit nur etwa 50 000 Einwohnern verbrauchte im Jahre 1931 für 72 000 Kronen Spielkarten. Auch die Sanatorien in den Heilbädern, so vornehmlich in Karlsbad, haben sich zu Spielerzentren entwickelt; ein Kurhaus verkonsumierte für 40 000, ein anderes für 42 000 Kronen Karten. Die Hauptstadt Prag gab für diesen Zweck jährlich rund durchschnittlich drei Millionen aus. Das ist verhältnismäßig wenig, wenn man bedenkt, daß man in Prag nach altösterreichischem Muster an jeder Straßenecke mindestens ein Kaffeehaus findet.
Mährisch-Ostrau kann sich jedoch rühmen, daß auf jeden Einwohner einschließlich Babys jährlich anderthalb Kronen „Kartenanschaffungsgeld" entfallen.
Die dortigen Statistiken über Spielverlufte dürften nicht uninteressant sein!
Bargeldloser Zahlungsverkehr.
(web) Sofia.
In einem Umkreis von 100 Meter um meine Wohmung liegen sechs Läden, Apotheke, Kondi- torei Bäckerei, Feinkosthandlung, Kolonialwaren» händler und Milchgeschäft — ob sich der Betrieb lohnt, ist zweifelhaft, sicher aber ist, daß alle sechs Kaufleute gewöhnlich nicht in der Lage sind. Banknoten von 500 Lewa, also nicht ganz 15 Mk., zu wechseln! Und auf Den bulgarischen Dörfern ist es auch im Wirtshause nicht einfach, mit einem Hundertlewaschein zu bezahlen. An der Küste des Schwarzen Meeres war in diesem Iayr Der Ma- krelenfang besonders ergiebig. Die „Tschirosi", wie die fleinen gesalzenen Fische genannt werden, hängen schön aufgereiht da und warten auf Käufer, Die nicht kommen. Die Leitung des Kreistheaters von Burgas hatte BerstänDnis für Die Rotlage Der Fischer, Die gerne ins Theater gehen wollten, aber kein (Selb für einen Sitzplatz auf» bringen konnten. • Wenn die Thea ter truppe nun die kleinen Küstenstädte, wie Sosopol, Anchialo und Messemwria besucht, Dann wirb durch den Gemeindetrommler audgetrommelt, daß je'acnls 50 Sitzplätze verfügbar sind, die nicht gegen Bargeld, sondern gegen je 50 Stück Tschirosi abgegeben werden. Diese „Fisch-Plätze" sind immer ausverkauft, Derrn Die Bürger von Sosopol und AnHialo haben zwar fein Geld, aber Fische im Ueberfluß. Die Theaterleitung „kassiert" die Fische ein und nimmt sie mit nach Burgas, wo sie verkauft werden. Der Erlös wird als „Gage" unter Die Darsteller verteilt, so weit diese nicht schon an Ort und Stelle einen Teil Der Gage in Gestalt der schmackhaften Fische verzehrt haben. Wie lange wird es iwch Dauern, und Der bulgarische Dauer fährt beim Steueramt vor unb wirft ein paar Säcke Mais ab als Steuerzahlung oder bezahlt am Fahrkartenschalter des Bahnhofs mit einem Fäßchen Wein?
Lchcrbcn bringen nicht immer Glück.
(Or) Athen.
Athen ist Die Stadt Der Autotaxis. Es gibt Deren so viele, daß Der Geschäftsgang schlecht ist und mancher Autotaxibesiher kaum seine Unkosten decken kann. So kamen verschiedene ganz gescheite Taxilenker auf die findige Idee, sich, wenn auch auf etwas ungefehmähige Weise, den Einnahmeausfall „auszugleichen". Wozu ist man versichert? Athen verfügt aber außer Taxis noch über ein» Menge fliegender Händler. Die mit kleinen Handkarren in der Stadt hcrumsahren, um ihre Ware den Hausfrauen an^ubieten. Und Darunter gibt es auch „fahrende Glas» und Porzellanläden". Mit denen ging nun der Taxi- Chauffeur ein Kompaniegeschäft ein. Auf das fahrbare Glasgeschäft wurden zerbrochene Gläser, Kannen und alles, was sonst noch zerbrechlich iß. aber schon zerbrochen war, aufgclabcn, nut einige wenige ganze Sachen blieben als „Deckung' oben auf. Run zog der Händler los und an einer bestimmten Stelle kam der „vereinbarte" Zusammenstoß, der den ganzen gläsernen Kramladen in einen einzigen Scherbenhaufen verwandelte. Entsetzen, Geschrei. Polizei, der Händler droht den Taxilenker zu chnchen, die ganze Komödie wird ergreifend zu Ende gespielt, Versicherungsgesellschaft und Polizei sind genarrt und erstere muh in die Kasse greifen und zahlen. Aber wie das immer so geht, je mehr er hat, je mehr er haben will: das neuartige Geschäft wurde auf eine „zu breite Grundlage" gestellt — und eines Tages wurde der reizende Trick entdeckt. was für die ‘Beteiligten allerdings ziemlich peinliche Folgen hatts


