Ausgabe 
27.7.1932 Erstes Blatt
 
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Br. 174 Erstes Matt

182. Jahrgang

Mittwoch, 27. Juli 1952

(Er) djeint täglich, anher Sonntags und Feiertags. Beilagen: Die Illustrierte Siebener Familienblätter Heimat im Bild - Die Scholle monat$:Bejugsprei$:

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Metzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Dr. Friedr. Wilh. Gange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Gange; für Feuilleton Dr.H.THyriot; für den übrigen Teil (Ernst Blumschein und für den Anzeigenteil Max Filler, sämtlich in Biehen.

Diener des Staates.

Bcamienrccht und Staatsgewalt.

Bis zu einem gewissen Grade wird der Grundsatz immer nur auf dem Papier stehen, der in dem Ar­tikel 130 der Reichsverfassung ausgesprochen ist:Die Beamten find Diener der Gesamtheit, nicht einer Partei." Die Grundbedingungen der menschlichen Natur mit ihrem mehr oder weniger bewußten Streben nach Macht bringen es mit sich, daß der einzelne und die politische Bewegung die eigenen Auffassungen und Ideale mit den Wirklich­keiten des staatlichen Gebens irgendwie in lieber- einstimmung bringen möchten. Das wirkt sich an den entscheidenden politischen Beamtenstellen, an denen Macht im weiteren Umfange ausgeübt wird, wohl immer etwas in dem Sinne aus, daß der Machthaber seine Handlungen bestimmen läßt von seiner welt­anschaulichen und parteipolitischen Gebundenheit. Er laust Gefahr, Diener der Partei zu werden, auch wenn er auf den Linien seiner parteipolitischen Grundsätze und Anschauungen dem Ganzen am besten zu dienen glaubt.

Diese selbstverständliche Erkenntnis ist immer und zu allen Zeiten den Regierungen Anlaß gewesen, die Ausführung ihrer Pläne und Maßnahmen an den entscheidenden Stellen solchen Männern zu über­tragen, deren politische Gesinnung Gewähr dafür gab, daß dec Auftrag im Sinne des Auftraggebers durchgeführt wurde. Im wilhelminischen Preußen war die Zahl der Oberpräsidenten, der Regierungs­präsidenten und der Landräte verschwindend, die nicht zur Konservativen Partei gehörten. Man gewährte höchstens einen nationalliberalen Konzessionsschulzen. Im Großherzogtum Baden konnte derjenige nicht auf eine höhere Verwaltungsstelle rechnen, der nicht der herrschenden und vom Hofe protegierten National­liberalen Partei angehörte.

Es war also bis zu einem gewissen Grade selbst­verständlich, daß die Sozialdemokraten und das Zen­trum nach dem Umsturz von 1918 danach strebten, hier Wandel zu schaffen. Aber in einem demokratisch und parlamentarisch regierten Lande ist die Gefahr viel größer, wenn man den selbstverständlichen Ver- fassungsgrundsak bewußt verläßt, nachdem die Diener Beamte der Gesamtheit fein sollen. Die Bewußtheit eines parteipolitiscyenBeamtensystems tritt dann ganz klar in Erscheinung, wenn die Frage der Parteizugehörigkeit der sachlichen Eignung und Lorbildung übergeordnet wird, wenn an die Stelle des Willens zu einheitlicher Staatsführung das Streben nach Versorgung, der Drang zur staatlichen Futterkrippe tritt. Dann werden die Ansprüche zahlenmäßig zu groß. Dann bringt die parteipolitische Aemterbesetzung viel w e i t e r i n die Tiefe als das notwendig ist, und jeder Wechsel in der Partei- Herrschaft kann nicht nur, wenn die neuen Männer die gleichen Grundsätze anwenden, die ruhige und sachliche Fortführung der Geschäfte erschweren, sie kommt auf die Dauer auch viel zu teuer zu stehen. Denn abgesetzte Beamte, die nicht aus disziplina­rischen, sondern aus politischen Gründen entfernt werden, behalten ja ihre materiellen Ansprüche.

Wir haben in früheren Jahrzehnten sehr von oben herab auf die Verbältnisse in Amerika und Frank­reich geschaut. Inzwischen sind wir, die wir einst fe wacker schmähen konnten, selbst in viel weiterem Ausmaß der Sünde bloß geworden. Nach einem Präsidentenwechsel in Amerika hört die Umbesetzung der Aemter in der Regel an der ersten Linie hinter den Staatssekretären auf. Auch bei Frankreich erlebt man es, daß die Ministerpräsidenten der verschieden­sten Richtungen immer wieder mit den gleichen sach­lichen Mitarbeitern zu den Konferenzen kamen. Ein Poncarä ging, aber ein Berthelot blieb. Bei uns gewann es nach der Revolution den Anschein, als ob die Machthaber sich die schauderhaften Verhältnisse in manchen amerikanischen Stadtverwaltungen zum Vorbild für das ganze Staatsleben genommen hätten. Es war so etwas wie die Uebertragung des Systems vom Tammany-Hall in Neuyork auf das Deutsche Reich und vor allem auf Preußen zu be­merken.

Die Leidtragenden dabei sind neben den Interessen der Gesamtheit die Beamten f e I b ft. Sie laufen Gefahr, daß im häufigen Wechsel der parteipolitischen Machtverhältnisse schließlich alle entscheidenden Stellen in d i e Hände von Parteifunktionären geraten, und daß ihrem Aufstieg ein Riegel vorgeschoben wird. Der Erfüllung des Grund­satzes, daß die Beamten Diener der Gesamtheit sein fallen, kann man nur dann bis an die Grenzen des Möglichen nahekommen, wenn dieIdeedesBe- rufsbeamtentums gegen eine parlamentarische Beute- und Gefolgschaftspraxis verteidigt wird. Des­halb müßten gerade alle Kreise des Berufsbeamten­tums eine tiefe Genugtuung empfinden, wenn jetzt eine an Parteien nicht gebundene Regierung in Preußen die Sünden der Vergangenheit wieder gut- Aumad)en sich anschickt. Man ist gewiß im ersten Anlauf sehr radikal und rücksichtslos vorgegangen. 23 sozialdemokratische preußische Beamte mit einem Federstrich ihrer Aemter enthoben das bedeutet schon ein gründliches Aufräumen. Es ist selbstver­ständlich, wenn man sich in Beamtenkreisen zunächst ängstlich fragt, ob hier nicht eines der wesentlichsten verfassungsmäßigen Grundrechte der Beam­ten angetaftet wurde. Nach dem Artikel 129 der Reichsverfasiung können die Beamtennur unter den gefetzlich bestimmten Vorausset­zungen und Formen vorläufig ihres Amtes enthoben, einstweilen oder endgültig in den Ruhe­stand versetzt werden". In dem Artikel 48 ist die Möglichkeiten i ch t vorgesehen, daß der Artikel 129 in Zeiten des Notstandes vom Reichspräsidenten außer Kraft gefetzt wird. Die Beforgniffe in Beamten- treifen, daß dengesetzlich bestimmten Voraussetzun­gen und Formen" eine zu weitherzige Auslegung gegeben werden und deZ ein bedenklicher Präzedenz­fall geschaffen fein könnte, müssen von der Reichs-

Der Untergang derNiobe".

Oie Hebungsarbeiten haben begonnen. Oie Ursache des Kenterns geklärt.

Oer amtliche Bericht über die Katastrophe.

kiel. 27. Juli. (IBIB.) Die Osifeestalion Siel teilt mit: Das SchulschiffNiobe" passierte um 14 Uhr am 26. Juli das Fehmarn-Bett-Feuerschftf mit südöstlichem Kurs in einem Abstand von einer halben Seemeile; Windstärke 2 bis 3. Da im Süden über Fehmarn Gewitterwolken hochzogen, lieh der Kommandant die oberen Segel mit einer Dache bergen, während d ie an­deren Dachen ober Deck Unterricht hatten. Nach dem Bergen der oberen Segel setzte plötzlich um 14.25 Uhr eine sehr ft arte, mehr und mehr zunehmende Böe ein, in der sich das Schiff hart über und in der kürzesten Zeit ganz auf die Seite legte und in wenigen Minuten sank. Bei dem plötzlich so stark überliegenden Schiff war es für öle unter Deck befindlichen Telle der Besatzung nicht mehr möglich, an Deck zu kommen. Sie müssen mit dem Schiff in d i e liefe gegangen sein. Die Unfallstelle liegt eine See­meile östlich vom Feuerschiff Fehmarn-Belt. Der Unfall wurde zum Glück vom Feuerschiff und von dem gerade passierenden deutschen Dampfer Theresia Ruh" aus Hamburg beobachtet. Bon beiden Stellen wurde in vorbildlicher 2D ei fe das Rettungswerk durchgeführt. KreuzerK ö I n und Minensuchboote beobach - f e n d i e Unfall st eile und die umliegenden Gewässer.

Oas Ergebnis der amtlichen Untersuchung, k i e l, 27. Juli. (DIB. Funkspruch.) Die Admi­rale Albrecht und kolbe haben gestern am Ort des Unterganges derNiobe" im Fehmarn- Belt die Untersuchung über die Kata­strophe geleitet und dabei fest gestellt, daß niemand, weder den Kommandanten, noch irgend­ein Besahungsmitglied eine Schuld an dem Untergang derNiobe" trifft. Die Gewitter­böe, die dem Schiff zum Berhängnis wurde, traf mit f o plötzlicher Stärke ein, daß das auf der Seite liegende Schiff durch kein Manö­ver mied er aufgerichtet oder an den Dind gebracht werden konnte. Die Ereignisse haben sich in Bruchteilen von Sekunden abgespielt, wosür auch zeugt, daß der Befehl des Kommandanten, Schwimmwesten anzulegen und die Boote klar zu machen, nicht mehr befolgt wer­den konnte. Die Darstellung einer Kieler Zeitung, dah die Niobe zu viel Segel gesetzt habe, wo­durch der Unfall hervorgerufen worden sei, trifft nach den (Ermittlungen der Reichsmarine nicht zu.

(Es sind bereits Berhandlungen wegen einer h e - bung der Niobe, die in etwa 20 Meter liefe liegt, im Gange. Der Chef der Marineleitung, Admi­ral Räder, trifft heute 11 Uhr in Kiel ein. Nach seiner Ankunft ist eine ausführliche Darstellung über das Unglück zu erwarten.

Das Sinken des Schiffes wurde vom Fehmarn- Feuerschiff und vom DampferTherese Ruh" be­merkt, die, das Rettungswerk in vorbildlicher weise durchgeführt haben. Nach den bisherigen Meldun­gen liegen keine Anhaltspunkte vor, dah bei der Führung des Schiffes und dem Rettungswerk irgend et was fehlerhaft gewesen oder versäumt ist. (Es ist vielmehr anzunehmen, dah ausschließlich höhere Gewalt die Beranlaffung

zu der Katastrophe und den schweren Berluften an Menschenleben gewesen ist. (Es war schon um 14 Uhr das Obersegel festgemacht und vom Kommandanten der Wetterlage entsprechend weitere Borkehrungen getroffen worden. Das Sinken des Schiffes ist nach bisher vorliegenden Feststellungen darauf zurückzu­führen, dah eineplöhlicheinfehende stark räumende Böe (die größte Gefahr für Segler) das Schiff in Bruchteilen von Sekunden so stark auf die Seite legte, dah es trotz Hart­ruderlage nicht wieder aufgerichtet werden konnte.

Besonderen Dank um die Rettung der Besatzung erwarb sich der Kapitän des Handels­schiffesTheresia Ruh", der die gesamte Besatzung seines Schiffes in die Rettungsboote kommandierte und mit feinem Schiffskoch allein bei schwerem Sturm lavierte.

Oie Geretteten derNiobe" in Kiel.

Kiel, 27. Juli. (WTB. Funkspruch.) Die vierzig Ueberlebenden derNiobe" sind heute in den frühen Morgenstunden an Boro des Kreuzers Königsberg" nach K i e l ge d r a ch t worden und befinden sich jetzt in der Wiker-Kaserne. Ihr Befinden ist zufriedenstellend. Die Suche nach den Vermißten wird an der Unfallstelle mit dem KreuzerKöln" fortgesetzt. Wie eine Nachfrage bei dem Kabelmeister in Ruddy (Dänemark) ergab, muß jetzt auch die Hoffnung, daß noch einige der Vermißten durch dänische.Schifferboote gerettet wurden, bzw. das Land, das dort nicht

Siel, 27. Juli. (WTB.) Kapitän Müller von dem Hamburger DampferTheresia Ruß", der, wie gemeldet, die 40 Ueberlebenden derNiobe" gerettet hat, machte über den Untergang des Schul» schiftss folgende Mitteilung: Ich befand mich auf der Reife von Trangfund in Finnland nach Holte­nau. In der Nähe des Fehmarn-Belt-Feuerschiffes sichteten wir dieNiobe", die uns nach unserem Reiseziel befragte. Ich gab Auskunft und beschäftigte mich sodann, da ich eine Gewitter- b ö herannahen sah, mit meinem Schift. Als ich mich noch etwa eine Meile von derNiobe" entfernt befand, traf d i e B ö dieNiobe" mit voller Wucht. Das Schiff kenterte nach Backbord um und war innerhalb von zwei Minuten gesunken. Die Stärke der schätze ich auf etwa 8 bis 9 Sekundenmeter. Zur Zeit des Unfalls regnete es nicht. Die Sicht war aber getrübt. Wir machten sofort beide Rettungsboote klar, wurden jedoch in un» ferem Rettungswerk durch d i e auf kom­mende Dünung behindert. Mit Hilfe des Motorbootes des Feuerschiffs Feh­marn-Belt, von wo aus der Unfall ebenfalls sofort bemerkt worden war, gelang es uns, 40 der im Wasser Treibenden, darunter den Kommandanten, zu retten. Alle waren schwer erschöpft, und es ist wohl möglich, daß noch einige der im Wasser Treibenden, ehe ihnen Hilfe gebracht werden konnte, aus Erschöpfung ertranken. Einer der Geretteten, der sich im Augenblick der Katastrophe in der Kombüse befand, hatte schwere Brandwunden davongetragen, einem anderen war ein Arm ausgekugelt. Die Geretteten, die zum Teil nur wenig bekleidet waren, wurden von uns zunächst mit den nötigen Kleidungsstücken versehen, und wir reichten ihnen bann Erfrischungen. Die Verletzten wurden von uns ärztlich behandelt.

Wir haben dann mehrere Stunden an der Unfall ft eHc gekreuzt, ohne das es uns gelungen wäre, weitere Schiffbrüchige zu bergen. Später trafen dann Kreuzer .Königsberg" und mehrere Schnellboote ein, ebenso zwei Flugzeuge,

allzuweit ist, erreichen konnten, aufgegeben werden. Nach einem Befehl der Marineleitung wird heute die gesamte Reichsmarine Halbmast flaggen.

Oaö Beileidstelegramm des Reichspräsidenten.

Berlin, 27. Juli. (WTB. Funkspruch.) An­läßlich des Unterganges des Segelschulschifses Riobe" hat der Herr Reichspräsident an den Chef der Marineleitung Admiral Dr. h. c. R a e d e r nachstehendes Beileidstelegramm ge­richtet:

Zu dem schweren Verlust, der die Marine be­troffen hat, sende ich tief erschüttert den Aus­druck herzlicher Teilnahme, der in glei­cher Weise in warmem Mitempfinden allen Hinterbliebenen gilt. Das Andenken der in treuer Pflichterfüllung im Dienste des Vater­landes dahingegangenen Kameraden wird st e t s in hohen Ehren gehalten werden.

gez. vonHindenburg.

Ihr Veileid zum Untergang derRiobe" haben ferner zum Ausdruck gebracht das preußische Staatsministerium, die b a y e r i s ch e Staatsregie­rung, die hessische Etaatsregierung, der dä­nische Verteidigungsminister, der Evangelische Oberkirchenrat, der Oberbürgermeister von Kiel und der Norddeutsche Lloyd. Die städtischen Dienstgebäude in Hamburg und Kiel haben Halbmast ge­flaggt. Ebenso hat die braunschweigische Staats­regierung Halbmastflaggung angeordnet.

die die Suche fortsetzten. Wir selbst machten uns auf den Weg nach Holtenau, gaben jedoch unter­wegs die Geretteten an den KreuzerKöln" ab.

Im Augenblick der Katastrophe müssen nach An- sicht des Kapitäns auf derNiobe" sämtliche Luken geöffnet gewesen sein, so daß das Schift im Augenblick voll Wasser lief und den zum großen Teil unter Deck befind­lichen Besatzungsmitgliedern der Weg in die Frei­heit abgeichnitten wurde.

Oie Taucherarbeii zur Bergung der Niobe hat begonnen.

Kiel, 27. Juli. (WTB. Funkspruch.) Der Der- gungsdampferS i m s o n" ist heute früh ander Unfall st eile eingetroffen und h a t die Taucherarbeitbcgonnen. Die Unglücksstätte ist in der Nacht eingehend, aber leider ohne Erfolg abgesucht worden. Später kam starker Seegang auf. Bei Anbruch des Tages trafen zwei dänische Flugzeuge, ein KüstenrettungsbootGjedser" und der dänische Fischereikreuzer Island Falk" ein. Zur Zeit sind Schnellboote mit der genauen Lage der Niobe beschäftigt. Bisher sind keinerlei Schiffs­teile gefunden worden. Es ist Seegang Stärke 4.

Trauer in Kiel.

Kiel, 26. Juli. (CRV.) Die Stadt Kiel steht ganz unter dem Eindruck der furchtbaren Kata­strophe, die die deutsche Reichsmarine durch den Untergang des SegelschulschiffesRiobe" betrof­fen hat. Die Kunde von dem Unglück, das 69 junge Menschenleben gefordert hat, hatte sich mit Windeseile in der ganzen Stadt verbreitet, die durch ihre Tradition mit der Marine aufs engste verbunden ist, und löste überall größte An - tei 1 nahme aus. Auf den Straßen bildeten sich Gruppen, die das Ereignis bewegt besprachen. Die Stimmung ist sehr gedrückt, um so mehr, als die stolzeRiobe", die ein charakteristisches Merkmal des Kieler Hafens war, den Kielern be­sonders an das Herz gewachsen war.

Lin Ämcht des Kapitäns derTheresia Ruß".

regierung bald zerstreut werden. Die Stimmung der Beamten wird sofort Umschlagen, wenn sie erkennen, daß hier ein politischer Schritt getan wurde, der in der Endwirkung i) e tp B e r u f s b e a m t e n t u m seine verbürgten und in der bisherigen Praxis stark unterhöhlten Rechte wiedergeben soll.

Echo der Schleicher-Rede.

Berlin, 27. Juli. (TU.) Die Rundfunkrede des Reichswehrministers von Schleicher wird von allen Berliner Blättern in großer Aufmachung wieder­gegeben. DieDeutsche Allgemeine Zei­tung" stellt fest, daß dieses Debüt des Reichswehr- ministers einenausgezeichnetcnEindruck gemacht habe: besonders bemerkenswert sei die An­kündigung gewesen, Deutschland werde, um sich die unbedingt notwendige Sicherheit zu verschaffen, zumUmbauseinerWehrmachtgezwun- g e n sein. DerB ö r s e n k u r i e r" hebt hervor, entscheidend bliebe die Versicherung, daß der Wehr­minister n i e z u l a s s e n werde, daß d t e R e > ch s - wehr eine Parteitruppe werde. Das sei um o beruhigender, als die Rede beweise, daß dieser Mann wisse, was er wolle und wiederum die Kraft in sich fühle, es zu verwirklichen. Die Vossische Zeitung" betont, die Stelle am Schluß der Rede, wo von der Ablehnung des Schutzes irgendwelcher Klassen oder Interessenten

und die Deckung überlebter Wirtschaftsformen oder unhaltbarer Besitzoerhältnisse gesprochen werde, werde man ernst zu bewerten haben. DieG e r - m a n i a", die den Wortlaut der Rede nicht ver- öffentlicht, spricht von einer enttäuschenden Ministerrede und meint, sie habe an einzelnen Stel­len jene überparteiliche Vornehmheit und Sachlich­keit vermissen lassen, die man bei Ministerreden unbedingt voraussetzen müsse.

Englische Blätterstimmen.

London 27. Juli. (ERD. Funkspruch.) Die ersten Kommentare der Londoner Blätter zur Rundfunkansprache des Generals von Schleicher werden zwar an hervorragender Stelle gebracht, doch scheinen die meisten Zeitungen vorerst mehr Wert auf sensationelle Tieberschriften als auf sach­liche Stellungnahme zu den Darlegungen des Mi­nisters zu legen. Die Ankündigung von Schlei­chers, daß sich Deutschland unter gewissen Um­ständen gezwungen sehen könnte, einen Umbau seiner Wehrmacht ins Auge zu fassen, kehrt nahezu in allen äleberichriften mehr oder minder richtig verstanden wieder.Daily Expreß" spricht sogar von einer deutschen Rüstungssensa­tion und einer Herausforderung des Versailler VertragesTimes "schreibt: Die Rede mit ihren frisch-fröhlichen Angriffen auf Frankreich, mit ihren Zitaten von Aeußerungen Lloyd Geor­ges, mit ihrer unverhohlenen Ankündigung, daß

Deutschland für seine eigene Sicherheit werben werde, wenn ihm Rüstungsgleichheit verweigert bleibe, und ihrem herzhaften Lob der militärischen Jugend werde nicht verfehlen, einen Wider­hall weit über die Grenzen Deutsch­lands hinaus hervorzurufen.

Brasiliens Kamps mit der Revolution.

Rio de Janeiro, 26. Juli. (TU.) Die Revolu- tion in dem brasilianischen Staate R i o Grande do Sui ist von den Regierungstruppen vollkom- men niedergeschlagen worden. Nach einer erbitterten Schlacht bei Daccaria, bei der 4000 Re­gierungstruppen eingesetzt wurden, ergaben s i ch die Aufständischen. Viele versuchten nach dem Nachbarstaate Santa Catharina zu entfliehen. Der Aufstand im Staate Sao Paulo ist in- dessen noch ungebrochen. Die Behörden werden Dienstag für 40 Millionen Mark Schuldverschreibun­gen ausgeben, um den Feldzug gegen die Regie­rungsstreitkräfte zu finanzieren. Aus Anlaß der Beisetzungsfeier für den berühmten Luft­fahrtpionier Santos-Dumont, die am Mon­tag in Sao Paulo stattfand, wurden die Feind- seliakeiten zwischen den Regierungstruppen und den Aufständischen auf allen Fronten vorübergehend eingestellt. Die Bombenflugzeuge der Bundes- regierung warfen statt Fliegerbomben Beileids- kundgedungen ab.