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27.6.1932 Erstes Blatt
 
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Rr. U8 Zweites Blatt _____________Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)______________Montag, 21. Juni (932

Australischer Brief.

Sidney. War 1932.

Naturwissenschaftlich betrachtet ist Australien das .Land der Fossilien . Hier haben sich Pflanzen- und Tierarten erhalten, die auf den anbern Kontinenten dem härteren Kamps ums Dasein, den gröbere Mannigfaltigkeit des Lebens in groben Räumen bedingt, längst zum Opfer sielen. Baumfarne bilden hier noch richtigeStein- kohlenwälder. Molchfische wie die Brückenechfen und eierlegende Säugetiere wie der Ameisenigel ober das Schnabeltier gibt es noch bei uns. Was Wunder, daß der australische Eingeborene dem Urmenschen nähersteht als irgendein anderer Primitiver!

Aber der weiße Einwanderer? Hat er sich nicht trotz der Entlegenheit dieses Festlandes gegenüber den Hauptverkehrszentren der Erde als besonders fortschrittlich erwiesen? Sind nicht im besonderen hier soziale Ideale am ehesten und weit­gehendsten verwirklicht worden? Das stimmt in ge­wissen Sinne, aber es handelt sich dabei nur um Entwicklungen sekundärer Natur. Bei genauem Zu- sehen gewahrt man rasch, daß der australische Masse-Mensch innerhalb seiner sozialpolitischen Er­rungenschaften doch recht stark von seiner halbsos- Illen natürlichen Umwelt beeinflußt worden ist. In Australien konnte sich im Angelsachsen ber Zug g u Insularer Abgeschossenheit von neuem stark entwickeln. Man konnte sich hier am leichtesten benfremben" Einwanberer vorn Leibe halten und Angelsachsentum in Reinkultur züchten. Sechsundneunzig Prozent ber weißen Bewohner Australiens flammen von den, britischen Inseln in Europa. England selbst mußte bis in die jüngste Zeit als Vermittler internationalen Verkehrs dem Freihandel huldigen, nachdem es feine industriellen Monopolstellungen gesichert hatte; in Australien wurden gerade die Arbeitergewerkschaf» t e n zu Trägern des starrsinnigsten Protektionis-. mus. Wenn man nun wenigstens nach dem Zusam­menschluß zu einem Einheitsstaat hinter hohen Zoll- mauern einen um so stärkeren Drang zu rationel­ler Erschließung der natürlichen Hilfsquellen des Landes entwickelt hätte! Statt dessen richtet sich alles Sinnen und Trachten Daraus, die Isolierung durch die weiten Wasserflächen des größten Welt­meeres auf künstliche Weise zu steigern, um desto gemütlicher die Vorteile eines von Nohstoffausfuh- ren und auswärtigen Anleihen abhängigen hohen Lebensstandards auskosten zu können. Mo­derne sozialistische Formen verhüllten in den austra­lischen Staaten in Wirklichkeit, nur mittelalterlich- Künstlerische Gemeinwesen, die die Kontrolle über ihre auswärtigen Beziehungen und Verbindungen in dem Maße verloren, wie ihre Abhängigkeit von diesen zunahm.

Die Stärke solcher Abhängigkeit von über- feeischen Geld- und Rohstoffmärkten gewahrte man in den führenden politischen Kreisen des australi­schen Staatenbundes erst, nachdem die Weltwirt­schaftskrise die Preise für Wolle und Wei­zen, deren Anteil an den australischem Ausfuhren nicht weniger als 78 Prozent beträgt, in zwei Jah­ren auf weyiger als d i e Hälfte finken ließ. Die australischen Gewerkschaftspolitiker hatten die Rechnung ohne den Wirt gemacht, als sie durch rücksichtslose Ausnützung günstiger Arbeitsmarktver- hältniffe die Lohne auf Kosten der Erträge aus der Ausfuhr landwirtschaftlicher Stapelartikel hoher und hoher trieben. Das ganze stolze staatsfozialistische Gebäude, das auf der Grundlage künstlich hochge­schraubter Lohne und übermäßiger hypothekarischer Delastung der natürlichen Hilfsquellen des Landes aufgebaut wurde, ist zusammengebrochen. Das nationale Einkommen sank von 1928/29 bis 1930/31 von 650 auf 460 Millionen Pfund Ster­ling. Die Arbeitslosigkeit, die früher selten 8 Pro­zent überstieg, umfaßte 1929 13 Prozent ber Er­werbsfähigen unb stieg seitdem auf 28 Prozent. Die Gesamdefizite der Bundesregierung und der Ein- zelstaaten waren 1931 auf 31 Millionen Pfund Ster­ling angeschwollen und drohten binnen Jahresfrist um weitere 10 Millionen Pfund zuzunehmen, als

Neuwahlen ein fürchterlich Gericht über die bis dahin herrschende Arbeiterpartei hielten unb einer Art Kabinett nationaler Konzentration ans Ruder verhalfen, das seitdem durch drastische Maßnahmen bas Gesoenst vollkommenen Bankerotts ber Staats- Wirtschaft zu beschworen sucht. Dabei mußten bie Lohne im Durchschnitt um 29 Prozent unter ben Stand vom Jahre 1929 heruntergeschraubt werden.

Die Aussichten, daß sich Australien in absehbarer Zeit wieder einer weltwirtschaftlichenglänzenden Isolierung" erfreuen könnte, sind so schlecht wie mög­lich. Kunstseide und Kun st wolle lassen den Weltbedarf für Wolle zusammenschrumpfen. Dazu entwickeln sich in Ostsibirien und in ber Mandschurei neue Produktionszentren für Wolle, die der australifchen Ausfuhr auf den pazifischen Märkten schon hart zufetzen. Für die Weizen- ausfuhr liegen die Verhältnisse womöglich noch ungünstiger. Kanada wie die nordamerikanische Union suchen für ihre wachsenden Ueberschüsse im­mer fieberhafter neue Absatzgelegenheiten in Oft- und Süboftafien; also auf Markten, auf denen Au­stralien bisher besonders begünstigt schien. Dabei haben die Mandschurei und Dftfibirien erst angefan­gen, ihre großen Möglichkeiten für den Weizen­anbau zu entwickeln. Die australischen Industrien aber, deren Konkurrenz schon bisher auf den aftati- schen Märkten wenig zu spüren war, werden froh fein, wenn sie sich auf dem Binnenmärkte hinter hohen Zollmauern gegenüber einer stürmisch fort- schreitenden Auswertung billiger Kuliarbeit in In­dien und China für die Erzeugung industrieller Massenartikel behaupten können.

Sechs Millionen weihe Australier haben sich aus einem Kontinent, besten Umfang dem Gesamteuro­pas nur um ein Fünftel nachsteht, verführt durch vorübergehend günstige weltwirtschaftliche Bedingun­gen, viel zu großartig eingerichtet. Der Bankerott ihrer staatlichen und kommunalen Be­triebe ist auf die Dauer kaum auszuhalten. Wie aber soll dann eine so geringe Lolkszahl die Herrschaft über einen ganzen Kontinent behaupten können? Die günstigen Umstände, unter denen sich hier in den letzten Jahrzehnten eine Art politischer Unabhängig- kett entwickelte, waren das Ergebnis der Riva­lität zwischen dem britischen und ame­rikanischen Imperialismus. Diese Riva- lität wird zusehends durch eine weltpolitische (Ein­heitsfront der angelsächsischen Mächte überwunden, und müßte, falls etwa die Flottenverständigung doch wieder in die Brüche gehen sollte, sehr rasch zu einer gewaltsamen Aussaugung ber einen Spiel­art angelsächsischerZivilisation" burch die andere abgelöft werden.Arbeiterparadiese" lasten sich auf die Dauer ebensowenig wieUnternehmerparadiese" erhalten; wenn sie sich nur hinter chinesischen Mauern entwickeln können. Von London ober von Neuyork ober von beiden Zentren angelsächsischer Weltherrschaft" aus wird Australien über kurz ober lang durch kolonisatorische Unternehmungen großen Stils für neue Einwanderermassen ge­öffnet werden müssen, wenn es nicht über kurz ober lang vonAsiaten überschwemmt wer­den soll.

Stützung -er Montanindustrie.

Es gab in Deutschland eine Zeit, in der d i e Montanindustrie der mächtigste Fak­tor in der deutschen Wirtschaft war und auf Gründ ihrer finanziellen Macht auch großen Einfluß auf die Politik aus übt«. Damals sprach man von industriellen Herzogtümern, deren Herrscher Hugo Stinnes die Macht hatte, das Reich finanziell zu stützen oder fallen zu lassen. Wie ungeheuer haben sich auch in dieser Hinsicht die Verhältnisse verändert! Die rheinisch-west­fälische Montanindustrie ist heute keine Finanz­macht mehr wie unter Stinnes, sondern sie ist selbst finanziell notleidend. Sie muß beim Reich Anlehnung suchen, um ihre finanzielle Sanierung durchführen zu können.

Die Störung erfolgt von dem Punkte aus, an dem die Basis des größten deutschen Mon­tankonzerns am schwächsten ist. Friedrich Flick, der als Industrieller und Finanzmann in man­cher Beziehung als der Nachfolger von Hugo Stinnes angesehen werden kann, hat es fertig- gebracht, von der kleinen Charlottenhütte aus den großen Stahlverein zu beherrschen. Die verbindenden Zwischenglieder waren der G e l - senkirchenerBergwerksverein und der Phönix. Ohne eigentlich bie Mehrheiten ber Aktien biefer Gesellschafte zu besitzen, hatte Flick so viele Aktien in seinem Besitz, baß er praktisch burch sie, also burch ein verhältnismäßig kleines Kapital ben großen Stahlverein mit seinen 775 Millio­nen Mark Aktienkapital kontrollierte.

Aber ber so künstlich zusammengefügte Bau hatte eine schwache Stelle: Flick hatte feine Aktien nicht ausschließlich mit eigenem Gelbe erworben, sonbern hierzu B a n k k r e b i t e aufnehmen müssen, teils deutsche, teis auslänbische. In normalen Zeiten war bas nicht bebenklich, benn aus ben Divibenben- einnahmen konnten bie Zinsen bequem bezahlt wer- ben. Aber bieses System bes Konzernaufbaues würbe zu einer großen Gefahr, als bie beutfdjen Aktien ertraglos würben unb ihr Kurs ins Bobenlose ab- sank. Jetzt müssen bie Krebite verzinst werben, ohne baß nennenswerte Erträge aus bem Aktien- besitz flössen. Die Krebite waren schließlich unge- b e rf t, weil ber Kurswert ber verpfänbeten Aktien weit unter bem Betrag ber Kredite gesunken war.

Je länger diese Situation andauerte, desto unge­mütlicher mußte sie für Flick werden. Schon feit langem verhandelte er mit in- und ausländischen Banken und Finanzgruppen über eine Uebernahme feines riesigen Aktienbesitzes, die ihm die Abbürdung einer gefahrvoll geworbenen Schuldenlast ermög­lichen sollte. Wie es heißt, hat auch ber Kreu - ger-Konzern Neigung gehabt, die Flickschen Aktienpakete zu erwerben, und neuerdings sollen französische Finanzgruppen für sie In­teresse gezeigt haben. Hier bekam bie Angelegenheit politische Bedeutung und mußte die Reichs- regierungzu einem Eingreifen veranlassen. Man bedenke nur, welche Folgen es für Deutschland ge habt hätte, wenn z. B. das ausschlaggebende Paket des größten deutschen Montankonzerns in die streu- ger-Maffe gekommen wäre! Auch einen Uebergang des Aktienpakets in französischen Besitz mußte das Reich unter allen Umständen verhindern.

Die Regierung Brüning hat deshalb notge­drungen und in Wahrung gefährdeter Allgemein- intereffen das Abkommen üoer eine Uebernahme der Mehrheit der G e l f e n k i r ch e n - A k- t i e n durch das Reich abschließen müssen. Sie hat den Stahlverein ganz nach dem gleichen System sanieren wollen, wie sie auch die Banken und die Großschisfahrt wieder flottgemacht hat. Die Regie­rung Popen hat weder an dem Sanierungssystem noch an ber Höhe des Kaufpreises etwas ändern können. Es bleibt ihr nichts anderes übrig, als die Vereinbarungen durchzuführen, die ihre Vorgänge­rin fchon abgeschlossen hatte. Die Montanaktien müssen in deutschem Besitz bleiben, und da es in Deutslyland heute keine Finanzmacht gibt, die sie erwerben könnte, so muß das Reich hier ebenso einspringen wie zugunsten der Banken unb der Reedereien. Was beanstandet werden kann und vielleicht mit Recht beanstandet wird, ist die Höhe des Kaufpreises. Aber auch sie war fchon feftgelegt.

Grundsätzlich ist es natürlich als höchst unerfreulich anzusehen, daß das Reich eine große Gruppe der deutschen Wirtschaft nach der anderen sanieren muß, und dadurch zum Beherrscher der gesam- t e n Wirtschaft wird. Die gegenwärtige Reichs- regierung bietet alle Garantien dafür, daß die All-

Der Sturz,

von Karl Lerbs.

Einem Maler, der nach langer und leidenschaft­lich zäher Arbeit im Kerker des ruhmlpsen All- ta>gs plötzlich zu einer Anerkennung gelangt war und sich nun mit erheitertem Lächeln sogar den Führer einer umstürzlerischen Richtung nennen hörte, widerfuhr ein erzählenswertes Schrckfal. Er hatte ein großes Gemälde beendet, das für eineAusstellung jüngster Kunst" bestimmt war, und überwachte mit besorgtem Eifer die 2^9* schasfung des Bildes aus seinem Ateltcr. Als die Träger mit ihrer Last ächzend um den Treppenabsatz bogen, stand er oben, fröh-'.ch, die Pfeife im Mundwinkel, und sah ihnen nach. Die riesig« Hülle aus vielfach verschnürter Leinwand, die da unten um die Ette verschwand, barg für ihn mehr als nur eine Summe gesteigerter Stun­den ein Gebilde aus rastlos suchender Schau, schmerzhafter Anspannung. verzv^:felter Mut­losigkeit und blutauspeitschender, Verzuckung sie barg ihm gegenwärtige Erfiillung und Ge­stalt geworden« Gewähr endgültigen Ausstiegs. Indessen er dieses immer wieder Einzige und Einmalige empfand und rasch di« Treppe Otnab- steigen wollt«, glitt er aus und stürzte; nixh be­vor das Bewußtsein dessen, was getäao. oxe flammende Helle triumphierenden Gefühls in ihm hatte verdunkeln können, lag er schon, aus­gelöscht. gefällt am Fuße der Treppe.

Als er nach langer Krankheit von der schwe­ren Gehirnerschütterung äußerlich genesen war. zeigte es sich, daß der wie mit tückischer Berech­nung geführte Schlag ihn in seiner -ebenskras gelähmt hatte. Stumm und dumpf unzugangl.ch für alle Bemühung, hockte er in seinem Atetter und geriet nur dann in krampfhaft -uckvlde Er rogung, wenn man ihn tagsüber aus dem trauten Raume entfernen oder etwas oarrn ver ändern wollte; so daß seine durch ihn reich ge­wordenen Angehörigen ratlos erst, dann be ruhigt, ihn darin beließen und ^1^4 wst vergaßen. Wenn er nicht still auf bem: Sitton.lag oder ohne Regung auf seine ängstlich gehuwte Palette starrte, warf er mit schwerfälliger Hand wirre Linien auf Zeichenpapier, um d e Blatter dann achtlos vom Tische Nattern zu lassen Fünf Jahre hindurch vernahm niemand einen vewußr geformten Laut von ihm. T . n

Eines Tages aber, als er unruhiger als sonst mehrmals durch den Raum ^wandert war er ging langsam und taumelte zuweilen ein wenig dabei. fiel sein unbewußt zweifelnder

Blick auf die Morgenzeitung. die man zufällig auf feinen Tisch gelegt hatte, und blieb auf dem in einer Ankündigung fettgedruckten WortAus­stellung" hasten. Er sah eine lange Weile daraus nieder, und der «ben noch gleichsam verdeckte Ausdruck seiner Augen bekam allmählich etwas Belebtes und Suchendes, als beginne er sich daraus zu besinnen, daß unter dem Trümmerwerk seiner zerstörten Gedanken eine einst beherrschte Welt verschüttet lag Mit zögernden Bewegung strich er sich ein paarmal über die Stirn; plötz­lich wandte er sich, schritt mit einem Gang, der irgendwie an das Wiedereinfeyen eines angehal­tenen Uhrwerkes erinnerte, zur Wand, nahm seinen verstaubten Hut vom Haken und ging zur $ ©r gelangte ungesehen die Treppe hinab und zum Hause hinaus. Ohne einen Augenblick des Zögerns oder Fehlgehens, mit einer rätselhaften Sicherheit, fand er den Weg zur nahen Kunst­halle und betrat das Gebäude. In dem Gedränge der Besucher, wo sich unter die üblichen und immer irgendwie gleichen Gäste aus der elegan­ten Welt mancherlei wunderlich gekleidete Leute von besonderem Gehabe m.schten. beachtete man ihn nicht, und niemand erkannte in dem hageren, graubärtigen, gleichsam vergilbten Manne den sieghaft straffen, berühmten Künstler von ernst. Er irrte eine Zeitlang verstört durch, die Säle, in denen dank einer weitherzigen Jury die Junger jüngsten Umstürzlertums einander mit hitzigen Verkündigungen überbieten durften; aus dieser vulkanisch brodelnden Welt drang keine Kraft zu seinem entrückten Bewußtsein. So kam er schließ­lich in jene ruhigeren Bezirke, die den Besitz an Werken von gesicherter Geltung in gleichsam gekühlter Luft streng und würdig vereinigten; und derselbe aus dunklem Urgrund wirkende Trieb, der ihn bisher hierher gelenkt hatte, führte ihn vor sein letztes großes, nun hier untergebrachtes Bild.

Wir kennen das dann Folgende aus der Schil­derung eines klugen und ernsthaften Mann^. der gerade in jenem Augenblick mit einem gleich­gearteten Freunde vor diesem Bilde stand und es zum Gegenstand eines gelehrten, vielleicht auch etwas schwermütigen Gespräches über die ewige Erneuerung des menschlichen Ichgefühls machte, das. so sagte er. durch das währende Gesetz des Wandels immer wieder bestätigt und widerlegt wird. Dabei habe er bemerkt, daß em unschein­barer älterer Mann, gekleidet auf jene gewisser- maßen unpersönliche Art. wie man sie woh. bei Blinden findet, neben ihn getreten fei und eben­falls das Bild betrachtet hab«. Das Gesicht des

Fremden sei ihm ausgefallen und habe ihn an einen Kranken erinnert, der beim Erwachen aus einem Fiebertraum mühsam die andringenden Bilder der Umwelt zu entziffern und zu ordnen sucht. So habe sich der seltsame Gast über die am Bilde angebrachte Ramenstasel gebeugt, die zum wohlbedachten Unterschiede von den be­schriebenen Papptäfelchen im Saale der Jüngsten aus einer sorgsam gravierten Metallplatte be­stand, und auf der hinter dem Geburtsjahr des Malers ein noch leerer Raum auf das Todes­jahr lauerte. Plötzlich fei das Gesicht des Frem­den ausgelodert wie in jäher, schrecklicher Er­kenntnis; er sei mit einem stöhnenden Aufschrei auf die Sihbank gesunken und habe die Finger in den Samt des Polsters gekrallt.

Als bie Beiden sich besorgt über ihn beugten, ge­wahrten sie mit Erschütterung, wie sich aus diesem zerfallenen Gesicht die Züge eines ihnen dereinst vertrauten und fast schon vergessenen Antlitzes form­ten. In den Augen aber, die immer noch starr auf bas Bilb gerichtet waren, sahen sie in unbegreif­lich rascher Folge den Ablauf eines ungeheuren Er- lebniffes gespiegelt: entsetzles Begreifen; wilde Auf­lehnung gegen ein Schicksal, das von seiner eigenen Grausamkeit im Geschehen dieser Stunde noch ein­mal ben hüllenden Schleier Hinwegriß; und bann, zuletzt, Grauen unb Gnabe eines unnennbar tiefen und letzt« Dinge fassenden Wissens, das wenige Herzschlage lang mit hoher, Heller Flamme brannte, bann jäh in feinen Ursprung zurücksank und für die Wahrnehmung der Menschen erlosch.

Wenn Schmeling boxi.

Wer es heute als Einbrecher zu etwas bringen Will, muß technisch und auch auf dem Gebiete ber Psychologie über erhebliche Kenntniffe ver­fügen. Es entscheidet über den Erfolg nicht allem das Maß und die Stabilität der Dietriche, sondern es gilt vor allem, den richtigen psycho­logischen Moment zu erfassen. Die Stunde für den Einbruch zu wählen, in der die Haus­bewohner im besten Schlaf liegen, Wäre der richtige psychologische Moment, aber sich daraus zu verlaßen, ist riskant. Wenn aber Schmeling gegen Sharkey um die Weltmeisterschaft boxt und das Radio den fight überträgt, dann macht der Rundfunk die ben Schleichtritt des Einbrechers übertönenden Geräusche und es ist anzunehmen, daß zwischen ber 11. und 13. Runde die Span» nung bes Hörers so gewachsen ist, daß et die Umwelt vergißt. So dachte ein Spitzbube und er dachte richtig. Heimlich schlich er zwischen den Gärten der Villenkolonie im Grünewald herum.

macht des Reiches nicht zum Schaden der Privat- wirtschaft ausgeubt unb nicht xu Verstaatlichung»- Maßnahmen mißbraucht wird. Wie das Reich bei ber Sanierung ber Banken betont bat. daß der lieber- gang der Bankaktien in öffentlichen Besitz nur al» eine Notmaßnahme anju|eben sei unb so bald wie irgend möglich wieder rückgängig gemacht werben solle, so wird e» auch jetzt das Gelsenkirchen- Paket nur als ein Pfand, nicht al» ein Herrschaft»- Instrument betrachten dürfen. Die Sanierung ber deutschen Wirtschaft, die bem Reiche al» eine harte Pflicht zugefallen ist, wirb erst vollendet fein, wenn der jetzt notgedrungen übernommene Besitz des Reich» an Bank-, Schiffahrt»-, Montan Aktien ufw. wie­der in bie Hand bes privaten Kapital» zurückgegeben werben kann. Da» Reich soll stützen, aber nicht enteignen. Es soll ber Heiser der Wirt­schaft sein, aber nicht selbst die wichtigsten Zweige der Wirtschaft betreiben wollen.

Cefonomicraf SpieS 70 Jahre alt.

Line in Landwirtschaftskretsen bestens bekannt« Perfönlichleit, Direttor i. R. Oekonomierat Spies- Friedberg, feiert am 28 Juni seinen 7 0. Geburtstag. Der alte Herr entstammt einer alten württembergischen GulspächterfamUie; er wurde im Jahr« 1862 auf seinem väterlichen Gut bei Bad Mergentheim geboren. In Hohen­heim studierte er Landwirtschaft. Ende der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts kam er in hes­sische Dienste. Zuerst War er als Landwirtschafts­ieb rer an der Landwirtschaftlichen Schule in Alsfeld tätig. Don dort aus wurde er später als Direktor der Landwirtschaftlichen Schule nach Michelstadt i O. und Heppenheim a. d. B. ver­setzt. Seit 1908 war der Jubilar als Direktor der Lehranstalt für Obstbau und Landwirtschaft in Friedberg tätig. 1927 trat er in den wohl­verdienten Ruhestand.

Große Verdienste erwarb er sich auf dem Ge­biete der Förderung der hessischen Tierzucht. Sein« Vorliebe hierfür ließen ihn schon früh­zeitig für diesen landwirtschaftlichen Betriebs­zweig tätig sein. Gelegentlich seiner Tätigkeit in Michelstadt widmete er sich besonders der Oden- Wälder Rotviehzucht und später der Zucht für das schwarzbunte RiederungSvieh. Auf seine An­regung hin wurde der Zuchtverein für dc»s schwarzbunte RiederungSvieh inS Leben gerufen, dessen Geschäftsführer er heute noch ist. Große Verdienste erwarb et sich ferner auf dem Ge­biete der Ziegenzucht als langjähriger Vorsitzen­der des Ziegen zuchtvereins für den KreiS Hep­penheim, Erbach und Friedberg und neuerdings als Vorsitzender des DerbandeS der oberhessi­schen Ziegenzuchtvereine. Für seine Verdienste in der Landwirtschaft verlieh ihm die LandWirt- schafiskannner die Silberne Verdienstmedaille. Seit dem Tod« von Oekonvmieral Weitzel versieht Oelonomierat SvieS die Stelle des Geschäftsführers des Klubs der Landwirte in Frankfurt a. M. Desonders verdienstvoll Wirfte er auch im Obstbau als Direktor deS früheren oberhessischen ObstbauvereinS, als Herausgeber der ZeitschriftRatgeber für Obst- und Garten­bau". sowie als 2. Vorsitzender der Zenttalstelle für Obstverwertung Frankfurt a. M.

Aufgeflogene StadiratSsitzung.

WSR. Worms. 26. Juni. Nachdem vor etwa acht Tagen eine Stadtratssitzung Wegen Deschlußunfähigkeit (Sozialdemokraten. Demo­kraten und Zentrum waren nicht erschienen) nicht stattsinden konnte. War für Freitag eine neue Sitzung einberufen Worden, um eine recht umfangreiche Tagesordnung zu erledigen. Als nach mehrstündiger Debatte über kommunistische und nationalsozialistische Anträge der kommu­nistische Sprecher die Rationalsozia- listen und Adolf Hitler an griff, kam eS zu wüsten Lärmszenen und eS hatte den Anschein, als ob es zu einer Schlägerei kommen Würde. Der Oberbürgermeister hobdieSihung auf. um ein Haus zu erspähen, auS dessen geöffneten Fenstern der Tumult des DorkampseS in Reuyork bringt. Die Villa fand sich. Der Besitzer lag auf der Couch ausgestreckt und erlebte die ein­zelnen Phasen der boxerischen Weltsensation mit wachsender Spannung. WaS um ihn War, ver­sank in Richts, er lebte in Reuyork unter den 60 000, die begeistert den Vorgängen im Ring folgten. Inzwischen kletterte ber Einbrecher burch ein anderes Fenster in das HauS, ging durch alle Zimmer und räumte ab, vom Büfett das Silber, aus den Behältnissen den Schmuck, kurz alles, was an Gegenständen von Edelmetall so herumlag und stano. Gesamtwert 6000 Mk. Für diesen Betrag hätte der Sportbegeisterte eS sich leisten können, nach Reuyork zu fahren und für 80 Dollar auf dem besten Platz zuschauen können. Wie Sharkey und Schmeling um die Weltw ' -r- schast kämpften.

Musik ist gesund.

Reulich hat man bem Affenhaus eine- Zoo­logischen Gartens ein Konzert gegeben, um zu studieren, welche Wirkung Musik auf bie in ihrer geistigen Entwicklung zurückgebliebene Klasse ber Menschenart haben würbe Die Tierpsychologen glaubten, in ben Assengefichtern Zeichen eines besonderen Abscheus geleien zu haben. DaS geht ja nicht nur ben Affen so. Auch unter ben Menlchen gibt eS viele, bie bie Musik in alle Ewigkeit Derbammen möchten, benn, sagt Wilhelm Dusch, sie Wirb störenb oft empsunben. Weil fi« mit Geräusch verbunben. In Amerika hat aber ein Professor entbedt, baß Töne nicht nur psycho- logllche Reaktionen auslösen, beS Abscheus ober des Wohlbehagens, sonbern baß ihnen eine bat« terientotenbe Kraft innewohnt. Der Professor hat Tonwellen burch Milch gejagt und siehe ba, bie Milch, in ber es vorher von Bazillen Wim­melte. war nach bem Musikaenuß einwanbfret sterilisiert. Der Apparat besteht in einer Mtttel» tube, bie innerhalb eines magnetischen FelbeS rasend schnell vibriert und dabei hohe Singetöne von sich gibt. Diese singende Tube löst, in eine Flüssigkeit getaucht. Wellen aus. die halten en» tötend Wirken. Das Wunder scheint allo in bet rafenben Schnelligkeit zu bestehen. Man sollte daS auch beim Menschen probieren. Wenn seine Rase von Bakterien wimmelt, benen er im Kollek­tiv die Bezeichnung Schnupfen gegeben hat, muh er sich ans Klavier sehen und Passagen üben. Mit rasender Schnelligkeit. Er Wirb seinen Schnupsen los unb bie Rachbarschaft aufs äußerste verschnupft.