Ausgabe 
26.10.1932 Frühausgabe
 
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Aus der Provinzialhaupiffadt.

Gießen, den 26. Oktober 1932.

Gefahren des Wirtschaftens auf Borg.

Auf Ende Oktober fällt auch in diesem Jahr der Weltfoartag. Wie manche Einrichtung unserer Zeit tft auch die Einrichtung des Weltspartages, seit -rr -925 ytm ersten Male begangen wurde, hi« und da auf wenig Verständnis gestoßen. Wo- äu sparen? Wozu Sparförderung? Wozu gar Weltspartag? Wir glauben, daß heute sehr viele den Sinn des Weltsparta«« recht gut verstehen. Sine rngesebene Zeitung hat vor kurzem ausge« führt, daß di« grobe Erfahrung der gegenwär­tigen Itrife darin liegt, daß man die Gefahr des Wirt! passens auf Borg klar er- farmt habe. Sine Wirtschaft mit übeniräßiger, wo- möglich gar oonviegend d»rZfristiger Verschuldung, ist einer Erschütterung in ganz anderen QKafoc auSgeseyt alS «ine Wirtschaft, devnr gesunder und allmähttcher Fortschritt sich aus ausreichendes hei­misches Sparkapital gründet. Diese Wahrheit hören heute sehr viele Schuldner sehr ungern, aber sie besteht trotzdem zu Recht: den verhältnismäßig flehten Kreisen der Schuldner stehen viele Millio­nen von Sparern gegenüber, die auch ein Anrecht auf volle Wahrung ihrer Interessen und Rechte haben. Das ist nämlich auch eine Ausgabe des Weltspartages im Krisenjahr 1932: die Notwen­digkeit des Schutzes des Sparers und des Spar- gedankens in aller Oefsenllichkeit zu betonen. Das Sparkapital ist, von den einzelnen Sparern müh. sam erspart, ein Besitz, an dem sehr viel Arbeit, aber auch sehr viele Hoffnungen hängen. In der einseitigen wirtschaftspolitischen Jntevessenvertre- hing wird es heute manchmal so dargestellt, als ob der Besitz von Sparkapital etwas Unerwünsch­tes ja Unerlaubtes wäre. Das ist eine ebenso törichte wie gefährliche Auffassung. Das Spar- fapital ist wohlerworbenes Eigentum, das Spa­ren hat einen hoben sittlichen Wert, der Sparer ist für die Wirtschaft und für die Wirtschastsbele- bung wichtiger als der Schuldner. Nur das hei­misch« Kapital schafft die Mittel für die Konjunk­turbelebung. Dom Ausland können wir eine Ka­pitalhilfe nicht erwarten. Diese Zusammenhänge soll der Weltspartag 1932 der Allgemeinheit zum Bewußtsein bringen. Er ist darum notwendig und aktuell wie jemals.

Wie wird der Winter 1932/33?

Schneerelch, also nicht extrem kalt.

Gegenwärtig hört man häufig, daß der bevor­stehende Winter kalt würde, weil der Sommer, be­sonders der Hoch- und Nachsommer, sehr warm war. Eine solche Schlußfolgerung ist völlig un­berechtigt. In allen Zähren seit beginn der meteo­rologischen Beobachtungen findet man, daß auf warme Sommer in ebenso vielen Fällen ein war­mer wie ein kalter Winter folgte. Um den Witte- rungscharakter ganzer Jahreszeiten oorauszusagen, muß man die vorausgegangenen Witterungsver­hältnisse auf der ganzen Erde betrachten, vor allem auch die Veränderungen der Sonnenstrahlung in Rechnung ziehen. Darauf beruht auch die von Professor Baur, dem Leiter der Staatlichen For- schungsstelle für langfristige Witterungsvoraussage in Frankfurt a. M., vor einem Jahre gegebene Bor- aussage für den Hochsommer 1932, die auch einge­troffen ist. Baur betonte aber selbst, daß es nur die besonderen Umstände dieses Sommers waren, die eine Veröffentlichung dieser Voraussage recht- fertigten. Es werden noch viele Jahre vergehen, bis mit ausreichender Zuverlässigkeit Jahreszeltenvor­aussagen gegeben werden können. Das einzige, was wir auf Grund der Baurschen Untersuchungen sagen können, ist, daß der Winter 1932/33 vielleicht kalt und schneereich, aber sicher nicht extrem kalt, wie etwa 1928/29, werden wird, wo unternormale Son­nenstrahlung bestand. Eine gewisse Wahrscheinlich­keit dafür, daß der Winter nicht gerade mild sein wird, ergebt sich daraus, daß die drei letzten Winter alle mild waren.

Daten für Mittwoch. 26. Lkwber.

1757: der Staatsmann Friedrich Karl Freiherr von und zum Stein in Nassau geboren; 1800: Graf Helmuth von Moltke In Parchim geboren; 1919: Oesterreich ratifiziert den Frieden von Saint- Germain: 1929: der Dichter Arno Holz in Ber­lin gestorben.

Bornotizen.

Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Heute, 20 Uhr. 4. Vorstel­lung Im Mittwochaboirnement mit einer Auffüh­rung des Lustspiels:Freie Bahn dem Tüchti- von August Hinrichs. Spielleitung hat Karl

Yser. Gewöhnliche Preise. Ende gegen 22 , AIS 4. Vorstellung im Freitag-Abonne­ment erste Wiederholung des ersoalreichen Lust- spielsRoulette" von Ladislaus Fodor. Spiel­leitung Karl Heys er. Gewöhnliche Preise. An­fang 20 Uhr, Ende 22 Uhr.

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** Die Bautätigkeit durch die Bau- genossenschaft 18 9 4. Die im Laufe dieses Sommers seitens der Baugenossenschaft 1894 ge­planten Neubauten kommen nunmehr auf dem von Der Stadt gegen Erbpacht überlassenen Gelände zwischen der Licher Straße und dem Alten Stein­bacher Weg entlang der Fuldaer Eisenbahn zur Ausführung. Es werden dort vier Doppelhäuser mit je zwei Wohnungen, die im Erdgeschoß zwei Zim­mer und Küche, im Obergeschoß die entsprechenden Schlafräume enthalten, erstellt. Die gesamten Erd- und Maurerarbeiten werden durch hiesige Bau­unternehmer ausgeführt. Die Bauten sollen noch in diesem Herbst im Rohbau vollendet werden, wäh­rend die Arbeiten für den Inneren Ausbau im Laufe des Winters vorbereitet werden sollen.

** Allgemeiner deutscher Frauen­verein. Die diesjährige Generalversammlung der Gießener Ortsgruppe des Allgemeinen deut­schen Frauenvereins (Staatsbürgerinnenverband) hatte trotz der Ungunst der Zeit einen sehr guten Besuch aufzuweisen. Die Sitzung wurde eröffnet durch die erste Vorsitzende, Frau Paula Selb, die von verschiedenen Veränderungen tm Vorstand zu berichten hatte. Die stellvertretende Vorsitzende, Frau Minna Naumann, die in jahrelanger Arbeit dem Verein nschätzbare Dienste geleistet hat, muh leider krankheitshalber ihr Amt nieder­legen. Sie ist zur Ehrenvorsitzenden ernannt wor­den. Frl. Marie Birnbaum hat sich bereit erklärt, das Amt der stellvertr. Vorsitzenden zu übernehmen. Frau Kindt ist zum Dank für ihre langjährige Mitgliedschaft zum Ehrenmitglied des Vereins ernannt worden. Außerdem tritt an Stelle der nach auswärts verzogenen Frau Elisa­beth Köppe Frau Studiendirektor Kalb­fleisch in ihrer Eigenschaft als Vorsitzende der Hausfrauenberatung in den Vorstand ein, dem in Zukunft auch Frl. Lotte ubert alS Ver­

treterin der jungen Frauengeneration anaehören wird. Frau S e i b berichtete weiter über die soziale Arbeit der Ortsgruppe, vor allem der von ihr eingerichteten Nähstube, die in diesem Jahre in etwas umgestalteter^Form weitergeführt wer­den soll. Ungefähr 20 Damen hatten sich in auf*' opfernder IDeise an dieser verdienstvollen Arbeit beteiligt und stellen auch jetzt wieder ihre Hilfe und ihre Geschicklichkeit zur CSerfügung. Sodann erstattete die Kassiererin, Frl. Z i m m e r m a n n, ihren Rechenschastsbericht über die Kassenlage: besonders bemerkenswert war hier die Teilnahme der Ortsgruppe an der Winternothilfe. Hierauf verlas Frau M o m b e r t den Jahresbericht über die sehr mannigfaltigen und anregenden Vorträge und sonstigen Veranstaltungen des vergangenen Jahres. Nach diesem geschäftlichen Teil hörten die Anwesenden den äußerst anregenden Bericht von Frau S e i b über den Verlauf der 37. Gene­ralversammlung des Allgemeinen deutschen Frauenvereins in Stuttgart. Die Tagung hatte sich zur Aufgabe gemaajt, die Unentbehrlichkeit der Frauenarbeit darzulegen. Aus der Fülle des Interessanten, das die mancherlei Vorträge, Dis­kussionen und Besichtigungen boten, ist wohl be­sonders die Erörterung über die Stadtrandsied­lungen hervorzuheben.

Amtsgericht Gießen.

Das kommunistischeNeue Gießener E ch o brachte im Mai einen Artikel, in dem einem völlig einwandfreien Beamten des Wohlfahrtsamtes, der schon über 16 Jahre in Diensten der Stadt steht und sich politisch noch nicht betätigt hat, unter dem QKottoSchuster bleib bei deinen Leisten" vorgehalten wurde, daß er nicht bei seiner früheren Tätigkeit geblieben, son­dern lediglich auf Grund seines Parteibuches An­gestellter des republikanischen Wohlfahrtspflege­amts geworden sei: jeder Wohlfahrtspslegeemp- fänger und Erwerbsloser, der schon mit ihm zu tun gehabt, kenne ihn ja zur Genüge, für ihn sei die soziale Frage gelöst, er habe den Klassen- kampf überwunden und führe nunmehr mit aller Brutalität die Leuschner-Notverordnungspolitik durch u. dgl. m. Das Amtsgericht erblickte hierin eine durch die Presse begangene formale Beleidi­gung und üble Nachrede und verurteilte den ver­antwortlichen Leiter des Blattes zu einer Geld­strafe von 50 OK L Bei der Strafzumessung wurde in Berücksichtigung gezogen einesteils, daß er noch nicht vorbestraft ist, andererseits, daß er den Artikel, dessen Okrfaffer er nicht mehr kennen will, ohne jede Prüfung ausgenommen hat. In dem Urteil wurde dem beleidigten Beamten, sowie der Bürgermeisterei Gießen Die Befugnis zuge­sprochen, den entscheidenden Teil des Erkennt­nisses imGießener Anzeiger" und derOber­hessischen Volkszeitung" auf Kosten des Angeklag­ten zu veröffentlichen.

Auf der Straße OppenrodBurkhardsfelden wurden am 21. August gegen 22 Uhr zwei Mädchen, die vorschriftsmäßig auf der rechten Straßenseite gingen, von einem hinter ihnen fah­renden Motorradler fahrlässigerweise angefahren. Beide fielen und blieben zunächst bewußtlos lie­gen. Ihre Verletzungen waren nicht unerheblich: sie waren einige Wochen arbeitsunfähig. Wie die Beweisaufnahme ergab, war der Motorradfahrer trotz der Dunkelheit zu rasch gefahren: er hatte auch fein Signal gegeben. Die Schuld suchte er auf die Mädchen zu schieben, indem er behauptete, diese hätten sich angesichts der drohenden Gefahr sie hatten den Radfahrer kommen hörenan­ders verhalten müssen, als sie es getan haben. Seine Verteil ng hatte aber keinen Erfolg: nicht einmal eine A. schuld konnte denOKädchen nach­gewiesen trercen. Strafe: 40 Mk. Geldstrafe wegen fahrlässiger Körperverletzung.

Am 23. Juni begegneten sich in der Bahnhof­straße nachts eine Anzahl Nationalsozialisten und mehrere Angehörige der sozialistischen Arbeiter­jugend, letztere in einheitlicher Kleidung. Es fie­len von beiden Seiten Zurufe, die als Provokatio­nen angesehen werden konnten und schließlich da­hin führten, da.') ein hiesiger Arbeiter und ein Schreiner aus einem Nachbarort gegeneinander tätlich wurden. Angreifer war der erstere, ein mehrfach vorbestrafter Nationalsozialist. Er stellte seinem Gegner, der davoneilte, ein Dein und schlug auf ihn ein. Der Angegriffene wehrte sich, indem er mit einem geschlossenen Taschenmesser dem An­greifer einige unbedeutende Schläge auf den Kopf versetzte. Letzterer w^rde nicht angeklagt, da er sich offensichtlich in Notwehr befand, diese auch nicht überschritten hatte, wohl aber sein Gegner. Dieser erhielt wegen Körperverletzung aus politischen Beweggründen gern. § 223 StGB, und § 12 der Notverordnung vom 14. Juni 1932 eine Ge­fängnisstrafe von sechs Wochen.

Ein anderer Angeklagter, der in einer Rechts­angelegenheit für seinen Vollmachtgeber entgelt­lich tätig war, für ihn einen Schriftsatz gefertigt und bei Gericht eingereicht hatte, verfiel einer Geldstrafe von 15 OK f. gemäß § 35 Z. 3 und § 148 Z. 4 GO., well ihm eine derartige Xätlgfeit durch ein rechtskräftiges Erkenntnis des Hessischen Verwaltungsgerichtshofes untersagt worden war. Die Strafe war gering, weil es sich nur um einen Fall handelte. Dieser genügte aber zur Bestrafung. Eines Nachweises, daß es sich um eine gewerbsmäßige Tätigkeit handelte, bedurfte es nicht.

Kleine Strafkammer Gießen.

' Gießen. 21. Olt. Ein Frankfurter Jagd­pächter war beschuldigt, bei einer Treibjagd in seinem Revier einen Hasen, der angeschossen über die Grenze gelaufen und dort liegen geblieben war, von dort herübergeholt und dadurch die Grenze verletzt zu haben. Wegen dieses Ver­gehens war er vom Amtsgericht zu einer Geld- ftrafe von 40 OKI. verurteilt worden. Gegen dieses Urteil hatte der Angeklagte Berufung eingelebt. Wie in erster Instanz, so bestritt er auch in zweiter Instanz entschieden, den Hasen über die Grenze geholt zu haben. Auf Grund der heutigen Beweisaufnahme wurde das Gericht nicht von der Schuld des Angeklagten überzeugt. Da sich im Verlauf der Verhandlung weitere Zeugen ergaben, die den Vorfall beobachtet haben sollen, setzte das Gericht den Termin zur Erhebung wei­terer Ermittlungen nh.

3n einem anderen Falle, der heute zur Ver­handlung stand, hatte ein Angeklagter gegen das Ifin wegen Vergehens gegen die Reichsversiche­rungsordnung und das Arbeitslosenverslche- rungsgeseh zu einer Gefängnisstrafe verurtel- lende amtsgerichtliche Urteil Berufung eingelegt. ®r hatte als Prokurist einer Firma die frag­lichen Sozialbeiträge nicht zur Kasse abgeführt. Seine Berufung stützte er in der Hauptsache dar­auf daß nicht ihn, sondern seinen Arbeitgeber für'die Nichtabführung der Beiträge die Schuld

treffe. Da aber in einem Falle, wie er hier vorlog der Angeklagte war mit der Erledi­gung des gesamten Geschäftsbetriebs beauftragt gewesen, während sein Arbeitgeber manche Zeit gar nicht am Platze anwesend war, auch der Prokur st veran wörtlich ist und auch im übrigen die Berufung des Angeklagten aussichtslos war, wurde er vom Gericht daraus hingewiesen und nahm im Lauf der Verhandlung seine Berufung zurück.

Auf der Landstraße überfallen.

WSN. Marburg, 25. Oft. Gestern nacht begegneten sich auf der Straße zum Bahnhof Niederwalgern mehrere junge Burschen aus Fron­hausen und Argenstein. Plötzlich wurde ein junger Mann aus Fronhausen aus unersichtlicher Ur­sache von einem anderen in den Rücken ge­stochen. Er wurde sofort nach einem Arzt und von dort zur Chirurgischen Klinik in Marburg gebracht. Es wurde festgestellt, daß der Stich in Den Wirbel geführt wurde und das Rücken­mark verletzt hat. Der Täter wurde

s e ft g e n o m m e n. Anscheinend hat er die Blut­tat in angetrunkenem Zustande ausgeführt.

Unregelmäßigkeiten bei der Oampskeffel-Znspettion Darmstadt.

WSN. D a r m st a d t, 25. Oft. Bei einer Nach­prüfung Der Kasse der Dampfkessel-Inspektion Darmstadt haben sich Unregelmäßigkeiten her- auLgestellt. Heber Die Höhe Der unterschlagenen Summe ist noch nichts bekannt. Gewerberat R a i ß und zwei weitere Angestellte find vor­läufig in Haft genommen worden.

Oo X" am Mittwoch in Mannheim.

WSN. Mannheim, 25. Oft. Günstiges Wet­ter vorausgesetzt, trifft das FlugschiffDo X am heutigen Mittwoch gegen 15 Uhr. von Mainz fommcrfD, in Mannheim ein. Es wird auf Dem Rhein wa'sern und im Rheinspooren festmachen. Das Flugichiff bleibt bis Dienstag, l. November, in Mannheim und wird Dann den Weiterflug nach Zürich antreten.

Das ist Berlin - im Jahre-1632!

Unpolitischer Brief aus der Rnchshauptstadt.

Steckbrief einer Großstadt.

Ihr Name ist Berlin. Ihr Berus, die Hauptstadt von Deutschland zu fein Geboren wurde sie im 13. Jahrhundert aus den beiden kleinen Nestern Stralau und Kölln. Unter Uebergehung ihrer wei­teren Familienverhältnisse wenden wir uns am besten (an Hand eines kleinen Büchleins, das das Statistische Reichsamt vor wenigen lagen heraus­gegeben hat und das viel Kurioses und Wissens­wertes enthält) seinen besonderen Kennzeichnen zu.

Hier kommen wir zuerst auf seinen Leibesumfang zu sprechen. Das heißt, bei einer Stadt nennt man es wohl nicktLeibesumfang", sondernWeich­bild". Stellen wir uns also vor, es fände sich ein neugieriger Mensch, der, immer an der Weichbild­grenze entlang, diesen Leibesumfang der Stadt von Norden nach Osten, von Süden nach Westen und rundherum erforschen will. Dieser Mensch müßte seine Neugier teuer bezahlen. Er müßte wahrschein­lich tagelang wandern, denn das eigentliche Gebiet der Stadt Berlin wird umschlossen von einer Grenz­linie, die genau 232 Kilometer lang ist.

Was die Extremitäten der Stadt an­langt, so finden wir auf der einen Seite eine Straße, nein: ein Sträßchen, das sichneue Gasse" nennt und nur 25 Meter lang ist. Auf der anderen Seite aber führt eine Straße den poesievollen, wenn auch etwas unklaren NamenAdlergestell" und zeichnet sich dadurch aus, daß sie mit 10,2 Kilo­metern die längste Berliner Straße ist, die einen einheitlichen Namen trägt. Die Friel chstroße Da­gegen, also ganz gewiß eines derbesonderen" Kenn- Zeichen Berlins, nimmt sich mit ihren drei Kilo- Metern ganz klein und schäbig aus. Man bedenke, daß 'Der Wanderer, Der den Ehrgeiz haben sollte, Berlin von Osten nach Westen zu durchqueren, ganze 45 Kilometer zurücklegen müßte. Auf der Schmalseite" der Stadt, von Norden nach Süden, betragt diese Entfernung immerhin auch 38 Kilo­meter.

Durch Berlin fließt, einem Volkslied zufolge, immer noch die Spree. Wie lange nimmt diese Be­schäftigung Zeit für sich in Anspruch? 46,2 Kilo­meter. Da möchte die Havel schier vor Neid er- blassen, wenn sie das überhaupt könnte, Denn sie bringt es nur auf 30 Kilometer. Unter Der Rubrik Ferner flössen" figuriert ein Fluß namens Dahme mit 15,7 Kilometern und Die berühmte Panke, die aber in Wahrheit nur ein unscheinbares Bäcklein ist. Die schlimmste Konkurrenz für die Flüsse sind die Berliner Kanäle. Der Teltow- Kanal ringelt und windet sich so lange durch die Straßen hindurch, bis er es innerhalb des besagten Weichbildes auf 32 Kilometer gebracht hat. Der Gerechtigkeit halber erwähnen wir noch den San d- wehrkanal, ein trübes Wässerchen, das zehn Kilometer lang durch die westlichen Teile Der Stadt schleicht.

Hier stoßen wir auf die Frage: wenn es so viel Gewässer in Berlin gibt, wie gelangen wir von einem Ufer aufs andere? Mit Hilfe von Brücken- 565 Brücken sorgen Dafür, daß sich Die Ein­wohner vom rechten und vom linken Ufer Der Spree nicht unbekannt und feindselig gegenüberstehen. Das heißt, im ganzen gibt es 707 Brücken, Da 122mal die Eisenbahn und 24mal tieferliegende Straßen überquert werden müssen. Die Eisenbahn ihrerseits überquert in Berlin 44mal die Gewässer und 345mal irgendwelche Landwege.

Dieses immerhin ganz beträchtliche Gebilde wird unter dem Vorsitz mehrerer Bürgermeister von 39 Ausschüssen und Kommissionen regiert. 22 176 Be­

amte, 12 508 Angestellte und 19 040 Arbeiter führen Die Befehle dieser Kommissionen und Bürgermeister aus. Das wäre allein schon eine kleine Stadt für sich! Aber wenn man bedenkt, daß Berlin immerhin die viertgrößte Stadt Der Welt ist, nach Neuyork, London und Tokio, Dann versteht man diese Privatarmee, Die, wenn sie auch vielleicht ein wenig unzeitgemäß ist, unbedingt zu ihrer Verwal­tung gebraucht wird.

Razzia auf Brieftaschen.

Der K u r f ü r ft e n D a m m ist diejenige Straße in Berlin, die sich einbildet, die alleroornehmste, allermodernste, international konkurrenzfähigste Straße dieser Stadt zu sein. Dicht drängen sich die Fußgänger, Autos hupen aufdringlich, damit man an ihrer Existenz keinen Zweifel hat, Straßen­bahnen klingeln, Omnibusse tun ein Uebriges es ist schon viel los auf dem Kurfürstendamm. Und auf diesem Kurfürstendamm ...

Kürzlich hat ein Reporter einer Berliner Tages­zeitung den amüsanten und etwas boshaften Ein­fall gehabt, sich eine Stunde lang in dieses Gewühl zu mischen, um auf Anhieb einzelne Passanten zu fragen, wieviel Geld sie bei sich hätten. Er hatte es sich vorgenommen, ein wenig hinter Diese eilige und mondäne Fassade zu gucken. Dk Büchse der Pandora sollte sich ihm öffnen. Neunmal machte er feine Stichprobe. Raten Sie einmal, welche Summe diese neun Personen zusammengenommen in ihrer Tasche mit sich führten.

Nun, Sie raten es nicht? Ich will es Ihnen ver­raten: diese neun Personen verfügten insgesamt über ein Baroermögen von 17,30 Mark.

Ein eleganter Herr in Den besten Jahren erschrak über die Massen, als man ihm diese Frage stellte. Zuerst weigerte er sich, sie zu beantworten, Dann kam es heraus: 7,75 Mark. Er war, wie wir sehen werden, Der Krösus Der Gesellschaft. Eine ältere Dame, gleichfalls den sog. besseren Schichten an­gehörig, Besitzerin eines Autos, behauptete, kein Portemonnaie bei sich zu tragen. Sie führte grund­sätzlich kein Geld mit sich, sagte sie. Sie betonte die Worte:... bei diesen unsicheren Zei­ten!" Skeptisch lächelnd wenden wir uns einem eiligen Geschäftsmann mit Aktentasche zu, der stolz ein Markstück oorwies. Er gab dem Reporter den leicht verschämten Rat mit auf den Weg, man solle nie mehr Geld in der Tasche tragen. Ein junges Mädchen wies 3,41 Mark vor. Sie beteuerte aber, zu Hause noch ein Fünfmarkstück liegen zu haben. Merkwürdig, Daß sie wie alle anderen sich zu ent­schuldigen trachtete, weil sie kein wohlgespicktes Portefeuille vorzuweisen hatte. Zwei alleinstehende Damen schätzen sich auf zusammen 1,25 Mark ein. Ein Ehepaar brachte durch gemeinsames Bemühen sogar 53 Pfennig mehr zuwege. Ein Laufbursche, als er erfuhr, daß mit dieser Frage feine besondere Geldforderung verknüpft war, erklärte sich im Besitz von 2 Mark und 7 lockeren Pfennigen.

17 Mark und 30 Pfennig 9 Menschen, 9 Le­bensbedürfnisse, 9 verschiedene wirtschaftliche Lagen! Diese Erfahrung läßt zwei Schlüsse zu: entweder die Leute haben es sich tatsächlich abgewöhnt, überflüssiges Geld bei sich zu tragen, Das sie nur zu unnötigen Ausgaben verführen könnte. Aber der Kurfürstendamm und seine Bevölkerung möge die grausame Verdächtigung entschuldigen viel­leicht schämen sie sich alle ein wenig, daß ihre Finanzen zeitgemäßer aussehen, als sie selbst es möchten? Vielleicht ist der Kursürstendamm also nur ein prächtiges Theater sein Prunk eine Märchenvorstellung für gläubige Kinder.

Buntes Allerlei.

Enttäuschungen mitalten Meistern".

Der kürzlich in einigen ausländischen Blättern veröffentlichte Bericht von der Entdeckung von etwa 30 Bildern berühmter alter Meister in einem Schloß In der Slowakei ist eine jener häu­fig auf tauchenden Geschichten von fabelhaften Kunst-Funden, bei denen ein Zweifel an Der Echtheit der Werke sehr angebracht ist. Wie oft wird in einer verstaubten Bodenkammer oder unter dem Gerümpel eines TrödlerladenS ein Bild gefunden, das Rembrandt, FranS Hals oder «in anderer berühmter Meister geschaffen haben soll. Aber bann hört man meist nichts mehr, oder Das Bild bringt bei Der Verstei­gerung einen so geringen Preis, daß schon Da» durch die Unechtheit bewiesen wird. Die selt­samsten Abenteuer werden von solchen Entdeckun­gen gemeldet. So wurde vor einiger Zeit von einem Künstler berichtet, der in Spanien reiste und in einem kleinen Dorf-Gasthaus In der Nacht von Räubern angegriffen wurde. Durch die Schüsse, die er gegen seine Gegner abgab, beschä­digte er ein altes Gemälde, das sich dann bei ge­nauer Prüfung als ein echter Delasquez heraus­gestellt haben soll! Gewiß erweisen sich manche unerwarteten Funde als Schöpfungen von hohem Wert, besonders in England, wo Im Laufe der Jahrhunderte eine ungeheuere Menge von Bil­dern angehäuft worden ist. Ein Mitarbeiter der Times", der seit 30 Jahren den Kunstmarkt ver­folgt, erinnert an einige solche Beispiele. So kam 1903 ein schmutziges und unscheinbares Por­trät einer jungen Dame bei Ehristies zur Ver­

steigerung und entpuppte sich als ein berühmtes Bildnis der Frau Linley von Gainsborough. das trotz der schlechten Erhaltung 199 000 Mark brachte. Gin Bild, das John Tomlinson vor kurzem mit zwei anderen für 40 Mark in Dem Ort Whitehaven erstand, stellte sich als ein echter Roinney heraus und wurde für 136 000 Mark versteigert. Ein unbekannter Rembrandt, den 1929 Die Witwe eines Admirals zur Auktton gab, brachte 327 000 Mark. Die Dame, die dashäß­liche Bild" nur loswerden wollte, wäre schon mit ein paar hundert Mark zufrieden gewesen. Doch daS sind seltene Ausnahmen. Im allgemeinen ist Gemälden aus Privatbesitz, die als Werke er­lauchter Künstler auftauchen, das größte Miß­trauen entaegenüubringen, denn jeder, der irgend ein altes Bild hat, glaubt nur zu gern, es sei von Rembrandt oder Raffael geschaffen. In Eng­land sind solchealten Meister", die nichts wert sind, besonders häufig, Denn Die Einfuhr von Kunstwerken ist hier Durch Jahrhunderte im Großen erfolgt, und Hogarth klagte schon 1737, Daift man Dies schlechte alte Bild für ein ita­lienisches Meisterwerk ausgeben wolle. Als der Deutsche Kunstgelehrte Waagen 1838 sein Buch überKunstwerk und Künstler in England" ver­öffentlichte, schrieb er über Die im 18. Jahrhun­dert geschaffene Sammlungen:Wir finden oft Die, Namen von Raffael, Eorreggio, Andrea Del Sarto, aber selten ihre Werke." Nach Den Zoll- answeisen wurden im Jahre 1845 in England nicht weniger als 14 091 alte Gemälde eingeführt, und lange Jahre hindurch brachten ganze Schiffs­ladungen Immer neue Bilder nach England.