Roman von Hertha Fricke
Llrheberrechtsschutz: Verlag Oskar Meister, Werdau
5. Fortsetzung Nachdruck verboten.
„Für eine Zeit, ja! Das weih ich!" sagte die Kranke. ..Warum soll ich aber länger leben! Mein Glück ist doch gestorben! Sprich nicht, tröste nicht, du Liebes. Ich bin ja froh, daß ich dich habe. Gerti und dich, sonst liehe ich mich auch nicht operieren! Dann käme ich schneller zur Ruhe! Lah mich einmal reden, denn ich brauche dich!"
Eva-Marie setzte sich auf den niedrigen Korbsessel, der zur Seite des Liegestuhles stand. Sie war ganz still. Was sollte sie auch sagen!
„Was nützt ein Trost, der Täuschung ist!" hatte Dr. Andresen gesagt. ilnö sie hatte schon lange gefunden, daß eine Last auf Renates Seele lag, die sie gern mitgeteilt hätte.
„Versprich mir, dah alles, was ich dir jetzt sagen will, dein Geheimnis bleibt! Es muh sein, um meines Kindes willen und noch um eines anderen willen!"
„Ich verspreche es, Renate! Du kannst ganz ruhig sein!"
„Ich bin auch ruhig, wenn du es versprochen hast! Ich weih, dir ist dein Wort heilig!"
„Wie jedem anständigen Menschen, Renate!"
„Jedem anständigen — ja!" betonte die kranke Frau. „Hole ein Glas Wein für uns, Evalein, ich will, ich muh dir heute alles sagen!"
Cs wurde Eva-Marie feierlich zumute. Cs war ihr, als käme etwas Llnfaßbares, etwas Schweres und doch Sühes daher, was sie der geliebten Freundin tragen helfen sollte, well es ihren schwachen Kräften zu schwer wurde. Lind es war ihr lieb, dah sie ihr noch wohl tun durfte, ehe sie in jene Fernen ging. Sie nahm kosend die todblasse Hand, als wollte sie sagen: „Sprich doch, ich bin ja hier! Gern nehme ich alles in meine Hände, wenn es dir ein Trost ist!"
Da erzählte ihr Renate von ihrer Iungmädchen- zeit in Kiel. Don einer tiefen, grohen Liebe zu einem Seemann, zu einem jener Männer, die im Kriege nrit ihrem Fahrzeug unter die See tauchten, deren ganzes Leben ein Heldentum war, von Anfang des Krieges bis zu seinem traurigen, elenden Ende, unter dem die deutschen Männer noch viel mehr gelitten hatten, als unter Wunden und Strapazen.
Sie erzählte, dah Klaus, das war der Geliebte ihrer Mädchenzeit, der schönste und auch der beste gewesen sei, der tapferste ganz gewiß! Sie war damals bei Andresens Mutter in Pension gewesen, weil sie keine Eltern mehr gehabt hatte,
und weil sie gern in Kiel hatte sein wollen. Denn dann und wann war doch das Llntersee- >oot in den Hafen eingelaufen, und dann hatte ,ie stille, selige Stunden gehabt. „Sobald der Krieg zu Ende ist!" hatte Klaus immer leuchtenden Auges gesagt. Lind sie hatten sich darauf gefreut.
Gezittert hatte sie um sein Leben, wenn er hinausfuhr. Wie oft war sie die Förde entlang gefahren, so weit man damals durfte, wenn er hinausging. Oder sie hatte am Kanal gestanden und dem kleinen, grauen Ding, das ihn hinaus- trug, Grütze gewinkt, solange sie noch eine Spur davon sah. In dieser Zeit hatte Andresen, ihr jetziger Gatte, sie verehrt, und seine Mutter hatte auf jede Weise versucht, Renate ihrem Sohn günstig zu stimmen, denn Renate war nicht nur hübsch, sondern auch reich. „Hübsche reiche Waisenmädchen gelten etwas!" lächelte Frau Andresen schmerzlich.
Karl Andresen hatte aber mit Hilfe seiner Mutter ausspioniert, wer schuld war, dah Renate nicht die geringste Neigung für die Werbungen des jungen Kaufmanns hatte. Renate hatte nichts gegen den Mann, aber er war ihr völlig gleichgültig, da sie ja Klaus Dehrens liebte, der da draußen auf dem Meer war.
„Wenn ich untevgehen sollte, Renate, dann wirst du es fühlen!" hatte der Kapitänleutnant einmal beim Abschied gesagt. „Denn wenn die Seele frei wird, kann sie doch wohl hingehen, wohin sie will! Ich wenigstens glaube daran! Lind darum werde ich dann ganz gewih bei dir sein! Du wirst es wissen, ehe die Nachricht kommt!" Sie waren so eins, wie nur so junge Liebe es sein kann! Renate war so unsäglich stolz auf ihn gewesen! Klaus war ihre Welt! Klaus war ihr alles, ihr Leben und Tod, ihre Seligkeit und ihr Schmerz, wenn sie Angst um sein Leben hatte.
Da blieben plötzlich seine Briefe aus. Renate war unruhig geworden. Als viele Wochen vergingen, wagte sie sich auf die Station und fragte nach ihm. Die Auskunft wurde verweigert, wenn sie nicht nachweisen konnte, inwiefern sie durch verwandtschaftliche Beziehungen ein Recht zu dieser Auskunft habe. Sollte sie sagen, sie sei seine Braut? Er hatte doch gebeten, die Verlobung bis zu seiner Beförderung geheimhalten zu dürfen. So schwieg sie.
Als sie heimkam und sich bläh und verängstigt zum Abendbrot setzte, erzählte Karll Andresen mit amerikanischer Gelassenheit, dah wieder zwei Llnterseeboote gesunken seien, und er nannte die Nummern. Klaus Behrens' Boot war dabei. Renate zuckte zusammen, ihr Herz war zu Tode getroffen. Die alte Frau Andresen mühte sich um sie, war unendlich zart und gütig und verarllahte sie, endlich von Kiel fortzugehen, das Klima sei greulich im Winter und alles erinnere so sehr an den Krieg.
„Ia, alles erinnert an ihn!" hatte Renate gedacht. Wie oft war sie tief erschrocken, wenn eine grohe, kraftvolle Männergestalt in der geliebten Uniform daher kam. Lind er kam doch nicht mehr. In der Zeitung hatte das Doot als vermißt gestanden. Die Nachricht hatte ihr Geschick besiegelt. Sie band um seine Briefe ein schwarzes Band und tat das Gliederarmband dazu, das er ihr geschenkt hatte. Sie genierte sich, es zu tragen — es war so schwer und wertvoll. Alle Damen lieferten ihr Gold fürs Vaterland, nur sie konnte sich von dem Stück nicht trennen, weil es von ihm war. So schloß sie alles in das kostbare, silberne Kästchen, das auch ein Geschenk von Klaus Behrens war — er hatte es mal von China mitgebracht —. und dies Kästchen war seitdem ihr Heiligtum, ihr silbernes Geheimnis, wie sie es nannte.
Frau Andresen hatte sie überredet, mit ihr nach Dresden zu gehen. Renate hatte es getan. — Dielleicht, um die blauen Uniformen nicht mehr zu sehen, deren Anblick ihr stets das Herz von neuem zerriß.
Sie waren lange in Dresden. Der alten Dame sagte das Klima dort besser zu. Sie fürchtete auch in Kiel stets englische Angriffe. Renate lenkte die fremde Stadt ein wenig ab. Sie erholte sich etwas und fing an, sich damit zu trösten, daß so viele deutsche Mädchen den Geliebten verlieren muhten, und daß noch kein Ende war. Karl Andresen kam oft auf seinen Geschäftsreisen zu ihnen. Seinen Bruder Heinrich hatte sie damals noch gar nicht gekannt. Er war Frontsoldat.
Nach einem Iahr hatte Renate müde und trostlos dem dauernden Werben Karl Andresens und dem Zureden seiner Mutter nachgegeben. Sie hatte ihn geheiratet. — Damals hatte sie sich nichts weiter gewünscht, als einen kleinen Sohn. Den wollte sie Klaus nennen und er sollte Seemann werden wie der, den sie nie vergessen konnte. Aber Klein-Gertrud wurde geboren. Seit der Geburt des Töchterchens war Renate leidend, wenn es in den ersten Iahren auch noch nicht gefährlich ausgesehen hatte. So war die Ehe Frau Andresens ohne besondere Freuden, aber auch ohne besonderen Kummer, es sei denn, daß man ihre damals noch kaum merklichen Krank- heibserscheinungen dafür ansehen wollte. Das Mutterglück war Balsam auf ihrer Herzenswunde. Das kleine Mädchen lächelte mit seinem süßen Kindergesicht ein Glück in seiner Mutter Seele, von dem sie nichts geahnt hatte. Wenn es auch ein anderes Glück war, als das der großen, seligen Liebe zu Klaus, die ihr so voll erwidert worden war. — Die Iah re waren wieder hingegangen und auch der Krieg: Der November 1918 brauste durch das arme, vom Kriege und Hunger schwache Deutschland. Der Krieg war zu Ende. Renate dachte an Klaus Behrens. An seine heilige Daterlandsliebe und fein festes
Vertrauen. Aber sie dachte zum ersten Maks, dah es für ihn gut sei, dah sein Doot untergegangen, daß er das Ende nicht hatte zu sehen brauchen. Der Gedanke, dah ihm solch großer Schmerz erspart war, hatte ihr Gemüt befreit. — Sie interessierte sich wieder für manches, was ihr längst gleichgültig gewesen war. Sie schmückte wieder ihr Heim, sie fing an, sich wieder schön zu kleiden. Andresen verdiente ungeheure Summen. Sie zogen nach Berlin. Klein-Gertrud lief schon und fing an zu sprechen. Das Kind war entzückend, und hinter dem Mutterglück versank ein wenig das Erinnern an die geliebte, nie vergessene Rittergestalt Klaus Behrens'. Aber dann kam das Furchtbarste! Renate war an einem Sommer tag mit ihrem kleinen Mädchen am Strande von Warnemünde gewesen, hatte dort in der Nähe der Kurkapelle auf einer Dank Platz genommen und sich der lang entbehrten Musik erfreut. Da war ein hochgewachsenes Paar die Strandpromenade entlang gekommen — Er war es, der heih betrauerte, der geliebte Totgeglaubte — Kapitänleutnant Klaus Behrens. Auch er hatte überrascht aufgeschaut, hatte dann mit einem unendlich verächtlichen Ausdruck seinen Hut gezogen.
Renate aber hatte ihn angesehen wie eine Erscheinung.
„Mein Gott, — Klaus ..." Sie griff sich an dis Stirn. — Er lebte? Er lag nicht auf dem Meeresgründe? — Er hatte nur mit einer kalt höflichen Verbeugung gesagt: „Was erschreckt Sie so, meine Gnädige? Ich habe bisher versäumt, für die Aufmerksamkeit zu danken, mir Ihre Derlobungs- anzeige sogar in die englische Gefangenschaft zu schicken. Es war tatsächlich eine Lleberraschung!" — Es klang höhnisch, eisig, abscheulich! — Renate wuhte nicht, was sie denken sollte, geschweige denn was antworten? Klaus, Klaus Behrens lebte? — Er war nicht untergegangen? — Lind sie sollte ihm eine Verlobungsanzeige in die englische Gefangenschaft gesandt haben? Wer hatte das getan? — Hätte sie ihn lebend gewußt, sie hätte auf ihn gewartet — gewartet — und wenn sie alt und grau dabei geworden wäre. Lind während sie dort bleich und mit klopfendem Herzen auf der Dank saß, sinnend, ihr Hirn zermarternd, kam wie ein ekles, häßliches Tie« der Verdacht auf ihren Mann! — Er hatte ihr damals die falsche Nachricht von Klaus' Llnter- gang gebracht. In der Zeitung hatte nur gestanden, daß das Boot überfällig und vermißt war! — Erst die Tatsache, daß jede Nachricht von Klaus ausblieb, hatte ihr die Gewißheit der traurigen Nachricht gegeben! Hatte Karl Andresen auch seine Briefe unterschlagen? — Sie mußtg Gewißheit haben! Sie wollte Klaus aufsuchen, ihn fragen — aber die Frau! — Ganz gleich, sie muhte ihn sprechen!
(Fortsetzung folgt.)
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