m. 175 Erstes Blatt
182. Jahrgang
Dienstag, 26. Juli 1952
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GietzemrAnzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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Oer Bankrott der Abrüstungskonferenz.
Deutschlands Seilrill zur europäischer. Enlenie
Befriedigung in England.
Der Zweck desBertraucnsabkommens.
Stillschweigen hinweggegangen war, daß der ungarische Gesandte am vergangenen Mittwoch
Leistung vollbracht, deren einzigartige Dcdeu- hing besonders bemerkenswert erscheine, wenn man die Schwierigkeiten bedenke, die sich b<y Ausführung entgegengestellt hätten. Das Defcstigungs- shstern an der Ostgrenze sei, so fügt er zur Beruhigung seiner auf die Sicherheit noch immer bedachten Landsleute hinzu, unüberwindlich. Sv stark, so mutig, und so hartnäckig das deutsche Heer auch sein möge, es werde im gegebenen Fall an den Verteibigungs- werken zerschellen. Auch die stärkste Artillerie könne ihnen nichts anhaben. Der Feuerwirkung der eigenen Artillerie könne kein Angreif er wider st ehen, denn die Ma. schinengewehre und Kanonen seien ausgezeichnet eingespielt und das ganze System aufs stärkste ausgebaut. Frankreich sei durch diesen Festungsgürtel gegen einen Einfall wie den des Jahres 1914 vollkommen gesichert. Richt nur die natürliche Beschaffenheit, sondern auch, so schloß der Redner seine Betrachtungen, der Zweck der Befestigungswerke dokumentiere eindeutig den Berteidigungswillen Frankreichs.
gefaßt werden sollten. Die deutsche Rechtsgleichheit ist ein Problem, das um so größere Aussicht auf eine befriedigende Lösung hat, j e e h e r es in Angriff genommen wird. Wenn es immer wieder beiseite geschoben wird, dann wird d i e schließliche Lösung vielleicht einsei. t i g sein. Ein großes Land kann nicht für immer behandelt werden, als ob es niederen Ranges sei, als andere Länder. Cs war einer der s ch w ä ch st c n Punkte der Abrüstungs- entschließung, daß sienichteinmaldenBer- such machte, der Frage auch nur ins Gesicht zu sehen. Der Pakt der europäischen Entente, dem Deutschland soeben nähergetreten ist, scheint die be st mögliche Methode zu sein, das Problem in Angriff zu nehmen.
Auch die Tschechoslowakei, Südslawien und Ungarn treten bei.
ß o n b o n , 25. Juli. (TU.) Der diplomatische Vertreter der Tschechoslowakei hat dem Foreign Office die Absicht seiner Regierung mitgeteilt, sich dem englisch - französischen Vertrauens- ab'kommen anzuschließen. Amtlich wird ferner zugegeben, daß der Beitritt S ü d s l a - Wiens tatsächlich vollzogen ist. Die Verhandlungen fanden hauptsächlich in Paris statt, worüber Lon- dem bekannt, worüber die englische Presse bisher mit
London. 26. Juli. (WTD. Funkspruch.) Der Beitritt Deutschlands zu dem sog. Vertrauens, abkommen wird von den Morgenblättern als hocherfreulich bezeichnet. 3m „Retos Chronicle" heißt es: der Beitritt Deutschlands zu dem Abkommen macht tatsächlich dem Verdacht ein Ende, daß es sich um eine heimliche Wie- derbelebung der alten Entente Eor - d i a l e handeln tonnte. „Times" begrüßt die deutsche Erklärung, weil das Vertrauensabkommen hauptsächlich im Hinblick dgrauf -vorgeschlagen worden sei, Deutschland an der Erörterung fundamentaler europäischer Probleme zu beteiligen. Papen hat in Lausanne die deutsche Forderung nach Rechts, gleichheit in der Rüstungsfrage zur Sprache gebracht. Man war der Meinung, daß diese Punkte nichts mit der Reparationserörterung zu tun hätten, aber doch Fragen darstellen, die nicht einfach unterdrückt oder für unbegrenzte Zeit aufgeschoben werden könnten. Infolgedessen wurde angestrebt, daß heikle Probleme dieser Art aufgeworfen werden könnten, ohne durch ihre bloße Erwähnung Entrüstung hervorzurufen. Es sollte vielmehr ihre informelle und diskrete Erörterung ermöglicht werden. Zwischen Großbritannien und Frankreich bestand _ _
besonders der Wunsch, daß irgendwelche Dorstel- den Beitritt seiner Regierung zum Vertrauensablungen, die Deutschland an einen von ihnen rich- kommen mitgeteilt hat. ten würde, als an beide gerichtet auf- > ------
Begriffs Gleichheit die geographische Lage Deutschlands mit seinem geschlossenen Gebiet und diejenige Frankreichs mit seinem weit verstreuten Kolonialreich berücksichtigt werden würden.
Argumente gegen die französische Gicherheitsthese. Frankreichs Ostbefcstigungen beispiellos und unüberwindlich.
Paris, 25. 3uli. (ERB.) lieber die Befesti- gungen an der französischen Ostgrenze machte der Abgeordnete Lamoureux sehr interessante und charakteristische Ausführungen. Lamoureux befin- bet sich zur Zeit auf einer Desichtigungsreise durch die Befestigungswerke in der Gegend von Metz. Sein erster Eindruck, so führte er u. a. aus, fei, daß diese Befestigungen prachtvoll ausge- führtund ausgedacht worden seien. Frank- reich habe mit dem Bau dieser Befestigungen eine in der Geschichte der Völker beispiellose
Oie Antwort auf die Abrüstungsverschleppung. Ein deutscher Ausklärungsausschutz für nationale Licherheit.
Berlin, 25.Juli. (TU.) Der Arbeitsausschuß deutscher Verbände, die Arbeitsgemeinschaft für deutsche Wehrverstärkung und der deutsche Reichs- friegerbunb Kyfshäuser beantworten ben Berta- gungsbeschluß der Genfer Abrüstungskonferenz mit der Einrichtung eines „A u f k l ä r u n g s - ausschufses für nationale Sicherheit" und geben diese Gründung mit einer besonderen Erklärung bekannt. Die Geschäftsführung des „Aufklärungsausschusses" liegt in den Händen des Arbeitsausschusses b e u t s ch e r Verba n b e.
In ber Erklärung heißt es: Die Genfer Abrüstungskonferenz hat sich vertagt. Deutschlanb hat gegen bie Schlußentschließung gestimmt, bic burch leere Worte und hohle Phrasen der Welt ein Ergebnis vorzutäuschen sucht. Rach wie vor will man b c m d e u t s ch e n V o l k G l e i ch b e r c ch- tigung und Sicherheit vorenthalten. Es wirb damit bie Erfüllung ber vor 13 Jahren eingegangenen Rechtsverpflichtung vc.sagt, obwohl bic Gegenseite nicht genug bie Heiligkeit ber Verträge betonen kann. Der Bruch bes Vertrages muß Deutschlanb seine Hanblungs- freiheit roiebergeben. Je einheitlicher dieses Recht auf breitester Grundlage von allei Volksschichten geltend gemacht wirb, besto größer werben Wirkung und Erfolge sein.
Scharfe Kritik in Italien.
Rom, 25. Juli. (WTB.) Die Tagung ber Abrüstungskonferenz wirb in ben maßgebenden italie- ntschen Blättern außerorbentlich scharf beurteilt. In einem Artikel der Turiner „Stampa" wirb unter der Ueberschrist „Bankerott" ausgeführt, die Schlußresolution sei tot, bevor sie überhaupt bas Licht erblickt habe. Niemand könne mit den Ver- schleierungsoersuchen über diese Fehckgeburt getäuscht werden. Auch die Frage, ob das Hauptkriterium einer tasächlichen Herabsetzung ber Rüstungen trgenbroie einen Schritt vorwärts gekommen sei, könne nur mit Rein beantwortet werden. Dadurch, daß die Konferenz nichts Ernst- Haftes für bie Abschaffung ber Kriegslasten getan habe, habe sie ihr eigenes I o b e s u r t e i l ausgefertigt. Die Festsetzung eines Datums für ine Wiedereröffnung ber Konferenz in sechs Monaten erscheint bei der heutigen politisch und wittschaftlich unsicheren und raschlebigen Zeit geradezu widersinnig. — „Popolo d ' I t a l i a" sagt, bie Schlußreso- lution sei ein Betrug am guten Glaub en der Weltöffentlichkeit und ein schmähliches Bekenntnis schlechten Willens. Das Unvermögen, das aus dieser Schlußresolution spreche gebe dieser geradezu ben Charakter einer betrügerischen Bankero11erkla- r u n g Aus diesen Gründen und aus keinem anderen fribe Italien, das in ben großen außenpoliti- schen Fragen, so auch in ber Abrüstungsfrage eine vollkommen geradlinige Politik eingehalten habe, der Schlußresolution seine Zustlmmung versagen müssen.
Oas Echo in London.
Ein unmögliches Kompromiß.
London, 25. 3uli. (WDB.) -Manchester Guardian" schreibt zu der Schlußresolution der Abrüstungskonferenz: Das b r 1t. t f d) e Volk iit für diese Entschließung der Konferenz verantwortlich. weil die brittsche Regierung für das bedauerliche Ergebnis der Konfere^ bisher hauptsächlich verantwortlich war. Seit Präsident Hoover mit seinen Vorschlägen hervortrat, war Sir 3ohn Simon planmäßig und sehr geschickt bestrebt, sie zu sabotieren. Bisher ist es ihm gelungen. Wenn die Abrüstung Erfolg haben soll, muß England eine andere Politik und einen anderen Staatssekretär des Aeuheren haben.
Daily Telegraph schreibt: Die Schluhresolution ist in der Hauptsache akademische r A r t Ov bie Konferenz in einigen Monaten wieder susam- mentritt, und ob dann Aussicht auf wesentliche Ergebnisse besteht, hängt von den Verhandlungen über zwei Fragen ab, die der neuen Tagung voraufgehen müssen. Die erste Frage ist die Abrüstung zur See. Die fünf Hauptseemachte werden versuchen, eine Vereinbarung auf Grund bes Hoover-Plans unb 'ber britischen Gegenvorschläge zu erzielen, und gleichzeitig wird man sich um eine Beilegung ber Meinungsverschiedenheit zwischen Frankreich und Italien bemühen. Diese Verhandlungen dürsten zunächst auf diplomatischem Wege geführt werden. Hieran würde sich im Herbst e i n e S a ch- verständigen-Konferenz der fünf Mächte — wahrscheinlich in London — schließen.
Die andere Frage, über die verhandelt werden muß, betrifft Deutschlands Forderung nach Rüstungsgleichheit. Frankreich leistet gegen diese Forderung grundsätzlich und in der Praxis Widerstand, während England, Amerika unb Italien vielleicht ben Grundsatz anzuerkennen bereit sind, wenn sie auch m der Praxis ein Kompromiß befürworten dürsten. Dieses Kompromiß würde darin bestehen, daß die einzelnen Schritte zur Wiederherstellung von Gleichheit über eine Reibe von Iahren verteilt werden unb daß bei Feststellung bes
Grandiö Sturz - Mussolini an die Front
Von unserem römischen k.-Korresponbenten.
dem schülerhaften Gesichtspunkt sentimentaler Innenpolitik, so, als ob Mussolini nur deshalb für eine freieres unb stärkeres Deutschlanb wäre, weil auf einem solchen Boben sein Erzeugnis, ber Faschismus, besser gebeihen könne. Italien unterstützt vielmehr bie deutsche Befreiungspolitik aus gesundem Egoismus unb — fühlt baher heute besonders hart ihre Niederlage in Lausanne und Genf. Jeder Sieg Frankreichs über Deutschland ist in diesem Sinne auch ein Mißerfolg der italienischen Politik.
Mussolini hat nach seiner brüsken, aber entschiedenen Art nicht lange gezögert, bic Folgen aus bem Zusammenbruch seiner Hoffnungen zu ziehen. Granbis Sturz ist das weithin sichtbare Signal — sichtbar für alle, bie sehen wollen — ber nahenden Katastrophe. Nicht um einen Wechsel der Wache handelt es sich, wie bie völlig überrannte italienische Presse schrieb, sondern um einen Kanzler- sturz. Seine Bedeutung wäre auch bann nicht zu verkennen gewesen, wenn er nicht durch ein halbamtliches Dementi, das eine Stunde später aber von der Tatsache dementiert wurde, aus dem vorbereiteten Wechselrahmen herausgehoben worden wäre. Und bann folgte alles unumstößlich zu machen, die Verschickung des Außenministers, der jahrelang bie rechte Hanb bes Duce, sein Mund unb sein Wille gewesen war, nach London. Die gleichzeitige Entlassung des Finanzministers, des Justizministers, des Korporationsministers, begleitet von einem allgemeinen Schub der Unterstaatssekretäre, mag eine verwaltungstechnische Maßnahme scheinen, es ist auch richtig, wenn Mussolini bekennt, daß er von Zeit zu Zeit jüngere Kräfte einspannen möchte, aber au Grandi, den jüngsten Außenminister Europas, trifft das wohl kaum zu, ebensowenig wie die weitere Erläuterung des Duce, die jetzt verbreitet wird, daß alle Leiter wichtiger Staatsstellen nach einiger Zeit ermüden und daher ersetzt werden müßten Kein besseres und näherliegendes Gegenbeispiel als Mu|w- lini selber der nun zehn Jahre am -teuerrade steht, ohne Urlaub zu nehmen, ohne zu ermüden und — jünger zu werden. . ... . . .
Die Uebernahme des Korporationsministeriums ' - freilich nichts anderes als eine Verlegenheitslosung, die bald eine andere Form annehmen wird aber die Uebernahme des Portefeuilles des Aeußeren, bas will in biefer kritischen
Rom, Ende Iuli.
Mit dem europäischen Rückzug von Lausanne, der die vernichtende Riederlage von Genf einleitete, sind die Ausgangsstellungen von 1918 und 1919 annähernd wieder erreicht. Frankreich hat Grund zum Iubel und es wäre ein verhängnisvoller Irrtum, darin nur einen Ausfluß gallischer Eitelkeit zu erblicken. Wenn die Pariser Presse ihren Herriot zu dem Sieg über Oesterreich und Deutschland, Italien und England, mit einem Wort: zu dem Sieg über die Vernunft beglückwünscht, so bleibt sie damit nur ihrem Glauben an Versailles, wo der Triumph des Rechts unb ber Gerchtigkeit unter dem Deifallsgcbrüll der halben Menschheit Derbtieft und besiegelt wurde, treu, ilnb so lange ber Riedergang Europas dauert, so lange muß an jenen Tag und sein Bekenntnis erinnert werden mag das vielen heute auch unangenehm sein, denn nichts von dem, was jetzt in Genf und Lausanne zum Himmel schreit, keine Unmoral und kein Spott auf die göttlichen unb christlichen Grundsätze, nichts fehlt in jener permanenten Kriegserklärung, bte sich freilich jetzt auch allmählich gegen ihre Urheber und ihre selbstzufriedenen Anbeter wendet. Vielleicht wird sogar noch die Stunde kommen, wo Frankreich vor seiner Gottähnlichkeit so bange wird wie Napoleon oder Wilson.
Wahrhaft ttagifch ist bereits die Lage derjenigen Nation die seinerzeit bas Zünglein an ber Waage bilbete'unb mit ihrem Uebertritt tns Sager ber Kreuzritter" ben heiligen Krieg entschied: 3 ta - l i e n mußte notgedrungen als erste Die Revision des unheilvollen Vertrags verlangen, es fand sich schlimmer denn je in der Falle des Mittelmeers eingesperrt, die nur fein früherer Verbündeter offenhalten konnte, ° "("Äoftüd) auf Gedeih unb Verderb Eng- lanb ausgeliefert, unb politisch steht es unter der Gewalt t)9cr lateinischen Schwester. Vergeblich ruft es ihr immer wieder in (Erinnerung, daß das „Wunder an der Marne" nichts anderes war als bie Folge bes Abfalls vom Dreibund baß es Rom war, das Paris aus feiner Tobesgefahr rettete Aus dieser Lage heraus muß die italienische Politik mit ihren Forderungen auf Streichung der Tribute gerechtere Verteilung ber Kolonien wirtschaftlichen Ausgleich verstanden werben, nicht unter
Stunbe etwas heißen, bas ist auch keine bloß italienische Angelegenheit mehr. Denn bas bebeutet, bah ich Mussolini nun selber an bic Front begibt unb keinen Unterführer mehr für einen Mißerfolg verantwortlich machen will und kann. Vielleicht war cs wirklich so, baß Mosconi unb Grandi sich in Lausanne nicht verstanden, die Tat- ad)c liegt jedenfalls vor, daß Mussolini nicht seinen Sprechern gratulierte, sondern dem Engländer Mac- donald. Andererseits darf nicht vergessen werden, daß Grandi niemals ben Ehrgeiz hatte, mit seiner per» önlichen Meinung hervorzutreten, sondern sich immer als getreuer Sachwalter Mussolinis oorstelltc. Wie dem auch sei, er ist in einer Zeit, die nur nach dem Erfolg urteilt, mit leeren Händen nach Rom zurückgekehrt und hat damit seinen Herrn bloßge- tellt. Denn wenn auch die Niederlage Italiens tat» ächlich nicht größer ist als die deutsche unb englische auch, so tritt sie doch plastischer hervor, weil Mussolini sich im vornherein mit seinen immer wiederholten Forderungen festgelegt hatte. Nicht eine einzige aber drang durch, alles scheiterte an bem ranzösischen Widerstanb.
Was nun? (Erinnern wir uns an bic vor Beginn ber Konferenzen aufgestellten fünf Punkte Mussolinis, an den letzten vor allem, der verlangte, daß endlich Schluß mit den Konferenzen gemacht werde, nudan den sybillinischen Nachsatz, baß sich Italien vorbehalte, im Herbst seine Stellung im Völkerbunb einer Nachprüfung zu unterziehen. Soll bas heißen, daß bann g-e handelt, statt gerebet werben würbe? Und wie gehandelt?
(Es nützt nichts, den Kopf in den Sand zu stecken: alle Möglichkeiten stehen offen. Wer mit Worten zu jonglieren gewohnt ist, gern am Spieltisch bes Völkerbundes sitzt, Kommissionen gegen Protokolle, Resolutionen und Begriffe verschiebt, der mag weiterhoffen und weiterträumen. Jenseits des Genfer Nebels sieht bie Welt jedenfalls anders aus. Das Gleichgewicht Europas ist erschüttert, und der Sieg Frankreichs nicht geeignet, den ersehnten Ausgleich zu schaffen. Jenseits der Phrase wußte man von vornherein, daß die sogenannte Abrüstungskonferenz auffliegen würde, bevor sic nur anfangen konnte. Jenseits der Illusionen glaubt man nicht an die völkerverbündende Fähigkeit ber militärischen Uebermacht. \
Der neue Außenminister Italiens steht heute mehr benn je vor der Frage, ob er sich mit dieser Macht vertragen, d. h. sich ber nun einmal nicht wegzu- leugnenben französischen Vorherrschaft u n t c r ft c I » len muß ober noch einmal ben Versuch unternehmen kann, sich ihr entgegenzuwerfen. Die Umbildung seines Kabinetts, die nichts anderes anstrebt als eine rasche Konzentrierung aller Kräfte, die völlige Verschmelzung zwischen Staat, Volk und Faschismus, spricht nicht dafür, daß er sich schon geschlagen gibt.
Die Aufhebung des Ausnahmezustandes für Groß-Verlm.
Berlin, 26. Juli. (L71B. Funkspruch.) Folgende Verordnung ist veröffentlicht worden:
„Auf Grund des Artikels 48 der Beichsverfasfung verordne ich: Die Verordnung betreffend die 2D i e - derherstcllung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung in Groß-Berlin und der Provinz Brandenburg vom 20. Juli 1932 wird mit Wirkung vom 2 6. Juli 1 932, 12 Ahr mittags, aufgehoben.
Die auf Grund dieser Verordnung durch den Inhaber der vollziehenden Gewalt ausgesprochenen Verbote periodischer Druckschriften werden hierdurch nicht berührt.
Reudeck und Berlin, den 26. Juli 1932.“ gez. von Hindenburg.
gez. von Papen. gez. Freiherr von Gayl. gez. von Schleicher.
WiederKommunistenunruhen in Berlin.
Berlin, 26.Juli. (TU.) Am Montagabend kam cs an verschiedenen Stellen der Stadt wiederum zu kommunistischen Zusammenrottungen. In der Stargarder Straße wurden Polizeibeamte von einem etwa 1 000 Mann zählenden Trupp Kommuni st en bedrängt unb mußten *n höchster Gefahr von ihrer Schußwaffe Gebrauch machen. Ein Kommunist erlitt einen Brustschuß und mußte ins Krankenhaus geschafft werden. Auch im Osten Berlins und in Neukölln versuchten die Kommunisten Demonstrationszüge zu bilden, die jedoch von der Polizei mit dem Gummiknüppel auseinandergetrieben werden konnten. Im Südosten Berlins hatten Kommunisten eine an einem Fenster angebrachte nationalsozialistische Fahne h c r u n t c r g e r, ss c n. Als Polizeibeamte gegen die Täter vorgehen wollten eröffneten Kommunisten aus den Häusern das Feuer auf die Beamten. Auch hier mußte die Polizei von der Schußwaffe Gebrauch machen. Lei der Durstsuchung der Häuser, aus denen bie Beamten beschossen worden waren, wurde die 37jährige Anna Landwehr mit einem Kopfschuß schwer verletzt aufgefunden und rJ| Krankenhaus gebracht. Der Polizei gelang es, btt Ruhe wieder her. zustellen. Kurz vor Mitternacht wurde ein Streifen- wagen der Polizei vor bem Hause Naunynstraße 90 von Kommunisten mit Steinen bewor - s e n. Die Beamten gaben mehrere Schüsse ab unb nahmen einen Steinwerfer fest. Zur gleichen Zeit versuchten Kommunisten, aus Baumaterialien eine Barrikabe zu bauen, um bem Polizeiwagen ben Weg zu verlegen. Auch hier schritten bie Be-


