Nr. UI Zweites Blatt
Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Donnerstag, 26. Mai 1932
ZehnIahreOeuischerKirchenbund
Sine neue Aera evangelischer Kirchenpolitik.
Don Professor D. Bornemann, Präsidenten der (?vang. Landeskirchenversammlung Frankfurt am Main.
Der Verfasser deS nachstehenden Auf- satzeS hat bei dem feierlichen ® r ü n - dungSakt deS Kirchenbundes am 25. Mai 1922 in Wittenberg mit den Vertretern sämtlicher deutscher evangelischer Landeskirchen den Dundesvertrag und die Bundesverfassung mit unterzeichnet. Der Himmelsahrtstag 1922 — eS war der 25. Mai — ist in der Geschichte deS deutschen Protestantismus ein Tag von grundlegender und bleibender Bedeutung. An diesem Tage wurde in der Lchlohkirche zu Wittenberg über den Gröberns LutherS und Melanchthons von den berufenen Vertretern sämtlicher 28 deutschen evangelischen Landeskirchen der Deutsche Evangelische Kirchenbund ge grün de t Bier Jahrhunderte nach der Reformation wurde damit ein Ziel erreicht, das von den Besten seit langem gewünscht, erhofft und erstrebt tourte: eine öffentliche und rechtliche Einigung des landes- kirchlichen deutschenProtestantismus. Das Ttaatskirchentum und Landcskirchentum ist keineswegs, wie man vielfach meint und behauptet, eine schwächliche und widersinnige Erfindung der Reformation. Es war vielmehr die allgemeine und überall gültige Anschauung ter ganzen älteren Zeit: in allen Staaten des Altertums und deS Mittelalters galt olS staatsrechtlicher Grund- sah. dast jeder Bürger die Religion seines Staates anzuerkennen habe (cuius rceio cius religio). Deshalb wurden im heidnischen römischen Reich die Ehristen, und im ganzen Mittelalter die Heiden und Ketzer verfolgt. Die einzige Ausnahme, die man gemacht hatte, betraf das Judentum — eine Ausnahme von unabsehbarer Tragweite. 3n den christlichen Staaten des Mittelalters galt bis zur Reformation als die einzig berechtigte Staatsreligion ter Katholizismus.
In diese Anschauung legte die Reformation Bresche: doch gelang eS ihr nicht, daS ganze Kirchenwelen zu erneuern. AIS man nun in der Reformationszcit noch jahrzehntelangem Kampfe einsah, dost weder die katholische noch die evangelische Auffassung des Christentums sich allgemein durchsetzen konnte, hob man 1555 im Augsburger Religionsfriedcn jenen Grundsatz für das römische Reich deutscher Ration auf und erklärte im Reich zwei Anschauungen oder „Konfessionen" für gleichberechtigt nebeneinander. die katholische und die lutherische, zu denen dann 1648 im westfälischen Frieden noch die reformierte kam. Aber für die einzelnen Reichsgebiete erhielt man jenen Grundsatz aufrecht, so daß in jedem von ihnen die Obrigkeit zu bestimmen hatte, welche von den beiden Auffassungen die berechtigte sei. So ist es zu dem protestantischen Staatskirchentum und Landes- kirchentum gekommen.
Damit war. während der Katholizismus seine Einheit religiös und politisch im Papsttum hatte und behielt, eine äußere Einigung des Protestantismus von der Politik abhängig und eigentlich unmöglich gemacht oder wenigstens in weite Ferne gerückt. Die Politik der einzelnen Länder und das Landesherrliche Kirchenregiment (Summepiskopat) ter Fürsten bildete ein Hindernis Die einzelnen Landeskirchen, beschützt und geleitet von der staatlichen Obrigkeit, entwickelten sich je nach der Geschichte ihrer Gebiete selb- MWWM
iRomon von Gert Roihberg.
Copyright by Martin Feuchtwanger, Hall«. 24. Fortsetzung. Rachdruck verboten!
Da nickte Rose von ßüterit):
„Ja! Ich danke dir!"
Ernst von Polzenhagen hatte diese kleine Szene in Ruhe beobachtet Er war zufrieden mit Traute, sehr zufrieden! Gr hatte sich nicht in ihr getäuscht. Sie war viel wertvoller als ihre schönere Schwester Lisa.
Polzenhagen ging mit sich zu Rate, wen er sich eigentlich nun zuerst angeln sollte. Freund 2üte- rih? Ihm den Kopf ganz gehörig waschen? Oder Lisa? Ihr auf den Kopf zusagen, was sie in seinen Augen war? Oder abwarten? Vielleicht blieb es bei einem flüchtigen Wohlgefallen.
Während Ernst Polzenhagen sich überlegte, wie er es wohl am diplomatischsten anstelle, ein Unglück zu verhüten, unterhielten sich Lisa AnSbrück und Klaus von Lüderitz. Berauschend stieg es zu dem Manne auf, dieses geheimnisvolle, wundersame Parfüm. Die gepflegte Helle Haut die anmutigen Bewegungen — alles betäubte ihn. Vergessen war Rose. Vergessen waren die Jahre des Ringens und des Darbens, die sie getreulich an seiner Seite ausgeharrt.
War sie wirklich vergessen? Rein! Rose gehörte zu ihm, gehörte nach Deschow. Aber hier diese schöne, bezaubernde Frau verwirrte ihm die Sinne. Klaus von Lüderitz dachte auch gar nicht weiter nach. Er atmete nur gierig den Zauber in sich hinein, der von Lisa Ansbrück ausging.
Lisa sah ihn an:
.Wie Sie es hier aushalten können! Die Großstadt ist das Leben, das wahre Leben. Ich würde hier sterben, wenn ich mich lebenslang hier begraben müßte."
Er zuckte zusammen. Seine Augen brannten auf ihrem Gesicht.
„Wenn man einen Menschen lieb hat, lieber als sich selbst, dann fragt man vielleicht nicht mehr nach dem tosenden Leben der Großstadt?!"
Es war ihm so herausgefahren. Er wußte selbst nicht, wie er gerate zu dieser Frage gekommen war. Diese Frage, die verfänglich war, wenn man sie verfänglich sehen wollte.
Lisa aber sah nicht klar. Was meinte er? Wollte er ihr etwa bartun, daß er seine Frau liebe und daß er durchaus nichts entbehre? Oder war die Frage an sie selbst gerichtet?
Schweigend stand sie vor ihm, sah ihn nur an. Aber dieses Schweigen war gefährlich, war Gift!
ständig und fast ohne jede Beziehung zueinander. Die Einheilsbestrebungen blieben ohne dauernden und allgemeinen Erfolg. Selbst Bismarck wagte 1866 auS politischen Grünten nicht, die Landeskirchen der einverleibten Gebiete der preußischen Landeskirche einzufügen. so daß Preußen seitdem heben „Landeskirchen" hatte Einzelne „Kirchentage" waren nur von vorübergehender Bedeutung Die ..Eisenacher Konferenz" deutscher Kirchenregierungen war in den letzten Jahrzehnten emo regelmäßige und bewährte Einrichtung. aber sie umfaßte nicht alle Landeskirchen und führte als ein verborgenes Veilchen meist ein zaghaftes und wenig einflußreiches Dasein. Wohl sammeln sich um den Gustav-Adolf-Verein, die Aeuhere und Innere Mission und den Evan- gelischen Bund weite Kreise des gesamten deutschen Protestantismus, ater das waren doch immer nur freiwillige und fragmentarische Kreise: eine anerkannte rechtliche Vertretung des getarnten landeskirchlichen deutschen Protestantismus waren sie nicht
Da kam die große Rot. AlS mit dem Ende des Kriege- die Abdankung der Fürstenhäuser und die Beseitigung von SummepiSkopat und Staatskirchentum erfolgte, hat man weithin gemeint, nun sei eS mit den evangelischen Landeskirchen und mit dem Protestantismus vorbei. Mit Unrecht. Die Beziehungen zwischen Kirche und Staat find zwar gelockert, aber nicht völlig gelöst. Den Kirchen ist Möglichkeit und Pflicht zur selbständigen Entfaltung gegeben. Bald hatte jede der evangelifchen Landeskirchen sich eine neue zeitgemäße Verfassung gegeben. Zugleich aber hatten sie alle das Bewußtsein, daß es nun zu einem Zusammenschluß kommen müsse. Schon im Februar 1919 tagte in Kassel-Wilhelmshöhe eine Versammlung, die für den Herbst einen Allgemeinen Deutschen Evangelischen Kirchentag nach Dresden einzuberufen beschloß, dem bann im September 1921 ein zweiter in Stuttgart folgte. Auf beiden wurde die Einigung vorberaten und dann mit größter Umsicht vorbereitet. Galt es doch. ReueS zu schaffen, ohne die geschichtlichen Zusammenhänge und Grundlagen zu zerstören. Der Zusammenschluß sollte gründlich, fruchtbar und dauerhaft sein, die gemeinsamen Interessen fördern, das evangelische Gesamtbewußtsein stärken und dabei doch die volle Selbständigkeit der verbündeten Kirchen in Bekenntnis, Verfassung und Verwaltung verbürgen. Das Ziel wurde erreicht. Das Ergebnis war die am 25. Mai 1922 in Wittenberg feierlich vollzogene Gründung des Deutschen Evangelischen KirchenbundeS. Seine Organe sind: als seine parlamentarische Grundlage und Vertretung der alle drei Jahre zusammentretende Kirchentag, der Kirchenbundesrat, der aus Vertretern der einzelnen Kirchenregierungen besteht, und der geschäftsführende Kirchen- a u s s ch u ß. in den für sechs Jahre immer 18 Vertreter ter Kirchenregierungen und 18 vom Kirchentag gewählte Mitglieder eintreten.
Der Kirchenbund vertritt die gemeinsamen evangelischen Interessen im Verhältnis zum Ausland, zum Reiche, zu den einzelnen Ländern, zu anderen Religionsgesellschasten. Er betreut die kirchliche Versorgung ter evangelischen Deutschen im Ausland. Er pflegt die Beziehungen zu den
Klaus von Lüderitz fühlte, wie sich dieses Gift süß und betäubend in sein Blut schlich. Es fang und rauschte. Es drängte nach der schlanken grau.
Die Frau Landrat setzte den Kneifer auf und musterte das Paar. Der gute alte Landrat erhielt einen Schubs. Ihm flüsterte die Gattin ins Ohr.
„Sieh dir das dort drüben mal an, Alter! Und bann sage, ob ich verrückt bin. Mir ist doch, als wäre der Lüderitz verheiratet? Ree, so was. Da soll doch gleich alles dreinschlagen. Läßt er sich hier in solch ein Augenklappern ein. Männer sind doch manchmal wie dumme Kinder. Rach den glänzendsten Spielsachen greifen, wenn fic auch unter den Händen zerbrechen. Der Lüderitz tut mir leid. Für so ’n Schaf hätte ich den nicht gehalten. Hoffentlich gibt ihm seine kleine Frau was Gehöriges auf die Olafe. Das hat sie doch Nicht nötig."
Der Landrat Herr berg nickte seiner Frau zu: „Ratürlich, Alwine, das ist ja eine Gemeinheit." Dabei sah ter gute Herr Landrat aber recht angestrengt auf die schlanken Beine, die in kostbaren schwarzen Seidenstrümpfen steckten und die Lisa Ansbrück gehörten.
Dabei dachte er: Hübsch! Ganz verteufelt hübsch! Dun, solche schönen Frauen sind immer interessant, solange sie nicht mit einem selber verheiratet sind!
Herr von Tilschow dachte ähnlich. Seine Gattin aber war still und beobachtete ringsum um so eifriger. Es war doch ganz Har, daß sie Rose von Lüderitz jetzt schon beoauem konnte. Was hier folgen würde, sah ein Blinder.
Das Skandälchen war also bereits da. Denn wenn gute Freunde etwas vermuten, dann ist die Tatsache schon als geschehen zu betrachten.
Lüderitz aber besann sich endlich, daß er auch andere Gäste hatte, und widmete sich ihnen. Aber innerlich war er weit von ihnen allen entfernt.
Als er einmal neben seine Frau trat, um sie irgend etwas zu fragen, sah Rose ihn traurig an; bod) fein Wort eines Vorwurfes kam über ihre Lippen.
Er schämte sich vor ihr, vor sich selbst, vor ben Freunden — und wußte doch, daß er der Frau dort drüben immer mehr verfiel. Und Lisa schürte das Seucr. hatte ein teuflisches Vergnügen daran, dieses Glück im Wink l zu .zerstören. Wer fragte denn nach ihrer zerstörten Ehe?
Daß sie selbst daran schuld war. wollte sie nicht hören und sehen. Sie wollte ganz gewiß ter hübschen, kleinen Frau dort den Mann auch nicht nehmen. Sie wäre niemals hier in dieser Einsamkeit geblieben. Und da Klaus von Lüderitz nicht reich war, kam auch ein gemeinsames Fortgehen von hier nicht in Frage. Also sollte es nur ein Spiel bleiben. Ein amüsantes Spiel!
Einmal saßen Lisa Ansbrück und Role von Lüderitz direkt nebeneinander. Die ganze taffi-
evangelcschen Kirchen ter durch den Versailler Frieden abgetrennten deutschen Gebiete Zu seinen millclbaren Ausgaben gehören Pflege te- evangelllchen Volkstums, gümtlicnlcbcne. Schulwesen-. ter christlichen LiebeStätigkeit. der sozialen Verhältnisse und Aufgaben: Schutz ter christlichen Feiertage: kirchliche Versorgung ter öffentlichen Anstalten für Kranke Waisen. Gefangene. Verwahrloste und andere- mehr.
In dem verflossenen Jahrzehnt Hai ter Kirchenbund bedeutsame Kirchentage veranstaltet: 1924 in Bethel-Bielefeld. 1927 in Königsberg. 1930 in Augsburg-Rümterg. Aus jeder dieser Tagungen wurden wichtigste Fragen verhandelt, neue Aufgaben ins Auge gefaßt, eindrucksvolle Kundgebungen erlassen; erinnert sei nur an die Soziale Botschaft von Bethel und an die Vaterländische Kundgebung von Königsberg Die wesentlichen unser Volksleben bewegenden Fragen wurden behandelt. Ein Kirchenbundesamt wurde gegründet udd entsprechend den wachsenden Aufgaben ausgestaltet Eine Wochenzeitung „Das Evangelische Deutschland" unterrichtet vorzüglich über allen einschlägigen Stoss. Eine viel
seitige. außerordentlich große Arbeit ist geleistet. Allgemein bekannt ist. wie ter K'rchenbund durch seine Organe sich auch an der Arbeit der Verständigung der Kirchen und ter Staaten und an der Widerlegung der Kriegsschuld- lüge beteiligt, und wie ter Präsident de- Kirchenau-schulle- D. Dr Kapler tn meisterhafter und würdiger Weite mehrfach zu rechter Zeit öffentlich mit Wort und Feder in die Erörterungen hierüber eingegriffen hat.
DaS Gedächtnis jene- denkwürdigen Geschehen- wird am 25- Mai in Wittenberg entsprechend der ernsten Zeit, in schlichtester Weise begangen werden. Wichtiger als alle Feiern und schöne Worte ist die stille, ernste, segensreiche Arbeit de- Kirchenbundes und feiner Organe da- Ver- ständni-, da- ihm innerhalb der deutschen evangelischen Bevölkerung hoffentlich immer mehr entgegengebracht wird, und die Weisheit und Kraft, mit der er in Zukunft den alten und neuen Gefahren — ter Irreligiosität, ter sittlichen Zersetzung und Fäulni- und der Vernichtung unserer besten geschichtlichen Errungenschaften — entgegentoirfen wird
Llrtaubssorgen der Angestellten.
Don Heinrich Auerbach, Gaurwrsieher des O.HD., Frankfurt a. M.
In den gehobenen Angestelltenschichten wurde früher vor der Urlaubszeit die Frage erörtert: ..Wo verbringen wir in diesem Jahre unsere Ferien? Gehen wir an die See. inS Gebirge, in die Heide oder an den Rhein?" Den übrigen Angestellten reichte das Gehalt höchsten- zu einer Urlaubsreise zu Verwandten. Indes lautet heute die Frage allgemein: „Bekommen wir überhaupt Urlaub, und wenn ja. ausreichenden Urlaub?" In vielen Fällen ist tatsächlich der Urlaub der Angestellten in Frage gestellt Rach» dem auch die Wirtschaftskreise erkannt haben, daß weiterer Gehaltsabbau nichts zur ileber- windung ter Krise beiträgt, wird versucht, den Urlaub der Angestellten herabzusehen, um eine Unkvstenentlaftung herbeizuführen, oder die Angestellten zum freiwilligen Verzicht auf den Urlaub zu bewegen
An sich ist es richtig, daß jedes Wittel auf Brauchbarkeit zur Kostensenkung in ter Wirtschaft geprüft werden muß. Beim Angestelltenurlaub ist aber daS Höchstmaß an Ersparnis schon erreicht, wenn nicht überschritten. Abgesehen von der starken Urlaubsverkürzung, die tn den letzten Jahren in fast allen Angestelltentarifen erfolgte, hat der starke Personalabbau in den meisten Betrieben zu Verhältnissen geführt. die erhebliche Gefahren für die Angestellten und die Betriebe selbst in sich bergen. Da der Umfang der kaufmännischen Arbeiten mit steigender Wirtschaftskrise nicht abnimmt, sondern wächst, sind die Angestellten heute zumeist überlastet. Das führt zu Verzögerungen. Ungenauigkeiten in ter Arbeitsleistung und zu Dispositions- sehlem. Insbesondere ist in kurzarbeitenden Betrieben die Arbeitsintensität gestiegen. weil zwar die Gehälter und vielleicht auch offiziell die Arbeitszeit gekürzt sind, praktisch ober die gleiche Arbeit geleistet werden muh. Die Sorge um die Erhaltung des Arbeitsplatzes zwingt die Angestellten zur ^ergäbe ihrer letzten Kräfte, schließlich verlangt aber ter Körper doch sein Recht. Die starken Beanspruchungen der Krankenkassen und der Angestelltenversicherung zeigen deutlich die schweren gesundheitlichen Roch- teile der geschäftlichen Hetze und der zu starken Ausnutzung der menschlichen Arbeitskraft. Solche Kraftvergeudung rächt sich zuletzt am Unter
nehmen selbst, weil der menschliche Arbeit-krafk- motor nicht nur langsamer läuft, sondern auch Störungen ausgesetzt ist Sie UrIaubSverkürzung nutzt nur scheinbar, denn ein müder Angestellter ist nur eine halbe Arbeitskraft.
Praktisch bringt der Angestelltenurlaub nur sehr selten eine Kostensteigerung, weil die Angestellten während des Urlaub - sich gegenseitig vertreten und die Urlaub*- zeit überwiegend unter Berücksichtigung der Ab- kömmlichkeit teS einzelnen festgesetzt wird. Sa die Tätigkeit der Kaufmannsgehilfen in den meisten Fällen nicht mengenmäßig zu werten ist. kann sie mit dem Urlaub deS gewerblichen Arbeiters hinsichtlich ter Kostensenkung nicht gleichgestellt werden, obwohl man sich auch hier hüten soll, den bezahlten Urlaub als unproduktive Unkosten anzusehen. Solche rein rationelle Betrachtungsweise vergißt, daß der Mensch kein» Maschine ist. die bei zeitweiligem Stillstand unnötig Zinsen frißt.
Eine weitere Kürzung des an sich schon niedrigen Angestelltenurlaubs würde also nicht nur keinen materiellen Gewinn bringen, sondern tatsächliche und ideelle Verluste zeitigen. Arbeitsfreude und gesunde Tatkraft sind in der heutigen allgemeinen Vertrauenskrise mehr wert als eine errechnete Kostenersparnis. Zudem würde eine weitere Urlaubskürzung zu einer Erhöhung der Arbeitslosigkeit unter den Angestellten führen, diese aber muß unter allen Umständen vermieden werden. Schließlich sei noch darauf hingewiesen, daß die Angestellten in der Privatwirtschaft nur etwa die Hälfte des Urlaub- der im öffentlichen Dienst stehenden Beamten erholten So beträgt 5 V. der Urlaub eine- AmtSgehilsen iBoten) 16 bis 28 Kalendertage Die Beamten im einfachen Bureoudienst erhalten 18 biS 31. die im sog. schwierigen Bureaudienst 21 bi« 35. die Amtmänner usw. 25 bi- 37 Kalendertage Urlaub. Bei den höchsten Beamten ist der Urlaub teilweise noch höher.
Wenn der Staat trotz seine« finanziellen Elend« die Rotwendigkeit solcher Urlaubszeiten für seine Beamten anerkennt, dann sollte an dem viel bescheideneren Urlaub der kaufmännischen Angestellten. die zudem nicht die gesicherte Stellung der Beamten innehaben. am allerwenigsten ge
nierte Kunst des Sich-zur-Geltung-bringen strömte von Lisa aus, während Rose jung, still und bescheiden neben ihr sah
Zorn war in Klaus Lüderitz. Ein riesengroßer Zorn!
Auf sich selbst? Auf Rose? Auf Lisa? Er wußte es in diesem Augenblick wohl nicht einmal.
Bei den Weiden stand eine schlanke Gestalt. Der Sturm peitschte ihr die Röcke eng um die Knie. Das Wasser im Teich schob sich zu kleinen Sturzwellen zusammen, wenn ter Sturm es auf- wühlte. Vom Walde herüber heulte es. Dort stand eine kleine S.'-utzhütt» für Holzfäller
Lisa Ansbrück blickte hinüber. Maß die Entfernung mit angstvollen Augen. Wenn sie doch nur die Hütte erreichen könnte! Dann wäre sie wenigstens vor diesem entsetzlichen Unwetter geborgen. Doch so oft sie den schlanken Stamm ter Weite loslieb, war es. als ob ter Sturm sie hochheben und forttragen wolle. Mitten in den Teich hinein. So grih Lisa Ansbrück immer schnell wieder zurück und klammerte sich an die Weide.
Sie war hier herausgegangen, weil sie jetzt endlich wußte, wo sie Klaus Lüderitz .zufällig" in den Weg laufen konnte.
Und Lisa fühlte, daß es fein Spiel mehr war, sondern daß die Liebe und Leidenschaft sich immer tiefer in ihrem Herzen einwurzelten. Die Liebe und Leidenschaft zu dem großen blonden Lüderitz!
Sie hatten sich einige Male in diesen vierzehn Tagen getroffen. Und Lisa war jetzt schon so weit, dah sie es sich ganz gut vorstellen konnte, mit ihm zusammen drüben im alter Deschower Hof zu fein.
Seine Frau! Rur seine kleine, unbedeutende Frau stand dazwischen. Richt« weiter.
Ihre Ehe. ihre eigene Ehe? Die würde gelöst, sobald sie es nur wollte! Weshalb Rudolf eigentlich gar keine Anstalten zu dieser Lösung machte, nachdem er erst den ganzen Skandal in Szene gesetzt, war für sie ein Rätsel. Sie wäre nie auf den Gedanken gekommen, dah jemand so feinfühlig sein tonnte und auf einen unteren Menschen Rücksicht nahm, wie es eben Ansbrück in diesem Falle tat und ihre Mutter in diesen letzten Monaten mit neuen Aufregungen verschonte. Rein, das hätte die schöne, oberflächliche Lisa nie verstanden!
Das Unwetter! Immer grausiger heulte es in den Lüften. Gin krachender Donner rollte von weitem heran. Rach einer Weile blitzte es dicht am Walte blau auf, und nun war ter Donner schon ganz nahe.
Lisa schrie laut auf in Furcht und Entsetzen. Sie hatte sich immer vor Gewitter gefürchtet.
Wie hätte sie denn auch auf diesen Gedanken kommen können, dah es jetzt im März ein Ge
witter geben könnte, wo doch noch ringsum Schnee lag im Pommerland.
Lisa sank in die Knie. Ein Platzregen prasselte vom Himmel, der sie in wenigen Minuten durchnäßte. Mit beiten Armen umklammerte Lisa den Stamm der Weite. Sie preßte die weihe Stirn an die falte Rinde und weinte.
Drüben, auf dem schmalen Wege. kam ein Mann Groh, breit, den Kragen des Wettermantels hochgeschlagen. Sein Weg nach Deschow führte am Teich vorüber. Der Sturm umpeitschte ihn. Aber er war wie eine der Eichen, die zu brüt dort auf der Wiese standen. Fest, unbeugsam. Ihm konnte der Sturm nichts anhaben. Gr lachte über ihn.
Klaus von Lüderitz blickte nach links. Wer kauerte term dort? Mit einigen raschen Schritten war er drüben.
„Um Gottes willen, gnädige Frau!"
Er war tief erschrocken, als er sie erkannte. Gerate heute war er mit sich in- reine gekommen, dah er die schöne Frau meiden muhte, toerm er seinen stillen Frieden in Deschow nicht in Gefahr bringen wollte. Und nun hielt er die Frau, die da« verweinte Gesicht an seine Brust drückte, in seinen Armen.
Wohin denn nun? Sie muhte doch so schnell wie möglich vor diesem Unwetter in Sicherheit gebracht werden. Das nächste wäre wohl der Deschower Hof gewesen. Aber er konnte Lisa Ansbrück jetzt nicht dort Einträgen. Rose würde doch dann denken, er hätte sich auf Veranlassung hin mit ter schönen Frau getroffen.
Ratlos sah er sich um. Da, die Hütte! Er hatte sie selbst schon zuweilen mit seinem Inspektor ober mit dem Förster als Unterschlupf gegen ein Unwetter benutzt. Dorthin würde er Lisa AnS- brüd einstweilen bringen.
Ohne ein Wort hob er sie empor und trug sie hinüber. Und Lisa schmiegte sich an ihn. Vielleicht war dieses Anschmiegen an den Mann das letzte Suchen und Tasten nach einer sicheren, wenn auch noch so einfachen Zukunlt.
Die Hütte war erreicht. Aufatmend schloh Lüte- riy die Tür. Er wollte Lisa auf die Füße stellen, doch sie umschlang ihn:
„Bleiben Sie noch! Ich fürchte mich."
Da setzte er sich mit ihr auf eine ter rauhen Holzbänke. Vielleicht war ihm nie so zur Gewißheit geworden, was er Rose mit dieser Leidenschaft für die schöne Lisa Ansbrück antat, wie gerate in diesem Augenblick, da Lisa alles hoffte. Er kühte sie nicht, blickte finster zu Boten
Unter halbgeschlossenen Lidern hervor traf ihn chr sengender Blick.
Draußen erklang Hundegebell. Eine tiefe Stimme erklang durch den Sturm. Die Tür wurde cmfgerissen.
(Fortsetzung folgt.)


