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Nr. 97 Zweites Blatt

Sietzener Anzeiger (Seneral-Anzeiger für Gderheßen)

Dienstag, 2b. April 1952

Aus Oer Provinzialtzauptfiadt

Dießen, den 26. 2lpril 1932.

Kreisausschuß Gießen.

Unter dem Dorsitz von Regierungsrat 5>r. Draun verhandelte am Samstagvormittag der Kreisausschuh des Kreises Gießen den Einspruch gegen die Dürgermei» sterwa.hl in Harbach.

Tie Wohl, die am 29. November 1931 flott- sand, endete mit einem knappen Siege des Kan­didaten M. Mit 139 gegen 134 Stimmen wurde der Landwirt M. Bürgermeister. Gegen diele Wahl wurde jedoch Beschwerde beim Kreis­direktor erhoben, der nunmehr das Verwaltungs- streitversahren einleitete, da unlautere Wahl- beeinsluslung vorzuliegen schien.

insgesamt waren 21 Zeugen geladen Der Partei des nunmehr gewählten Bürgermeisters wurde vorgeworsen. daß sie verschiedene Orts­bürger durch Versprechungen einerseits, durch Drohungen anderseits tur Wahl des M. bestimmt habe. In einem Falle soll mit einer Miettünd gung gedroht worden sein, im Falle der Betreffende nicht M. wähle, in einem anderen Falle wollen einige junge Leute bei einem Gespräch, das iiji Stall eines Einwohners von Harbach geführt wurde (sie lehnten Leitern an den Stall und lauschten den Worten, die aus den Ventilation»- fenstern des Stalles ,yi hören waren» gehört habe», daß der Zeuge M. den anscheinend nicht klar entschlossenen D. beeinflussen wollte. In einem weiteren Falle sollte einer Witwe ein Anzug für ihren hilfsbedürftigen Sahn ver­sprochen worden sein, sofern sie M. wähle. Dann wurden noch zwei weitere Fälle erörtert, bei denen zwei Einwohner durch Geld veranlaßt worden sein sollten. M. zu wählen. 3n diesem Zusammenhang wurde eine reichlich komplizierte Wechselangelegenheit aufgerollt, denn es wurde vermutet, daß demjenigen, der den Wechsel ein­zulösen hatte, nur dann geholfen werden solle, wenn er samt seinen übrigen drei Angehörigen den Kandidaten M. wähle. Ein weiterer Ein­wohner soll getagt haben, daß er demjenigen Kandidaten feilte Stimme gebe, dessen Partei ihm die fälligen Zinsen, die er zu bezahlen habe, zahle. Einem Einwohner soll außerdem mit der Kündigung der Losholzbürgschaft gedroht wor­den sein, wenn er nicht einem bestimmten Kan­didaten seine Stimme gebe.

2Iiis der umfangreichen Zeugen Vernehmung ging zunächst hervor, daß vor her Wahl im Torfe sehr viel gesprochen wurde, daß viele Gerüchte um­gingen, dies und jenes sei geschehen, in der Zeugen­vernehmung selbst kam aber eine klare Feststellung der Sachverhalte nicht zutage, da sich verschiedene Zeugen u. a. oft widersprachen. Insbesondere er­schien eine unlautere Wahlbeeinflussung nicht erwie­sen. Die Rechtsanwälte der beiden Kandidaten und Parteien legten sodann ihren Standpunkt dar. Rechtsanwalt Z i m m e r . der Vertreter des jetzigen Bürgermeisters 'DL, betonte, daß von einer unlaute­ren 'Wahlbeeinflussung nicht die Rede sein könne und-bat, die Wahl als gültig zu erklären, während Rechtsanwalt 2l a r o n, der Vertreter des damaligen Kandidaten 3d)., eine Wahlbeeinfluüung für.erwie­sen hielt und die Ungültigkeitserklärung der Wahl forderte.

'Nachdem sich der Kreisausschuß zu längerer Be­ratung zurückgezogen hatte, wurde folgendes Urteil verkündet Die Bürgermeisterwahl von Harbach wird für gültig erklärt. Der Einspruch wird als unbegriinbet zuruckgewiefen. Die Kosten trügt zur Hälfte die Staatskasse, zur ande­ren Hälfte fallen sie den- streitenden Parteien zur Last. Der Streitwert wurde auf 1000 Mark fest­gesetzt.

MWkWAlM!"

Vornan von Gert Gothberg.

Copyright by Marfin Fouchtwanger, Halle.

Nachdruck verboten.

..Wo nur Aenne wieder bleibt? Sie mühte doch längst da sein."

Etwas ängstlich hatte Frau Ohlen es gesagt.

Ihre älteste Tochter Morga zuckte die haderen Schultern und sagte ärgerliche

Was du nur immer haft! Aenne ist schließlich auch bereits neunzehn Jahre alt und längst kein Wickelkind mehr."

..Ja", flüsterte die Mutter,ja, Marga. du hast gewiß recht doch die Kleine ist viel zu schön, um allein am Abend durch die Strahen der Großstadt laufen zu können!"

Margas gelbes Gesicht verzog sich schmerzlich. Sie liebte die junge Schwester ja auch. Gewiß! Aber es war doch ein großes Unrecht, dah Mutter Natur der einen Schwester köstlichste Schönheit und der anderen einen armen, häß­lichen Körper verliehen hatte.

Marga wußte es ja, wie sehr sie abftach von der jungen schönen Schwester. Und das machte sie zuweilen ein bißchen ungerecht und verbittert.

Sie sagte jetzt.

..Weshalb fährt sie denn nicht? Dann wäre sie schon längst da."

..Das weißt du doch. Margas sie spart so gern das Geld, das sie für die Elektrische ausgeben müßte."

3a, dann können wir zwei es hier doch nicht ändern, wenn sie dann noch spät durch die Straßen läuft. Sie wird sich schon vor Zudring­lichkeiten schützen."

Frau Ohlen ging ins Schlafzimmer und fah noch einmal in der Richtung die Strahe hin, aus der Aenne kommen muhte.

Wie still es hier draußen war!

Bläulich glitzernder Schnee lag auf denEtraßen, den Gartenzäunen, den Dächern und den Bäumen.

Wie friedlich die Fenster der einzeln liegenden Dillen in die Nacht hinaus blitzten! Und wie gut es doch war, dah der Ehcf ihres guten, ver­storbenen Gatten den Hinterbliebenen seines Buch­halters diese kleine Mansardenwohnung in seiner Billa für billiges Geld überlieh!

Frau Ohlen beugte sich weit zum Fenster hinaus.

Dort kam jemand.

War es die schon fo lange Erwartete?

Das Herz der Mutter schlug ängstlich und unruhig.

Gewiß, sie predigte sich selbst, dah ihre Angst

Schleppsiüge über Gießen und Oberhessen. (Segelflugzeug im Schlepptau des Motorflugzeugs. Glänzender Auftakt über Gießen. Erfolgreiche Lleberland-Schleppflüge.

21m vorigen Samstag wurden auf unserem Flugplatz erstmalig Schleppoersuche mit einem an cm Motorflugzeug angeijäng ten Segelflugzeug mit gutem Erfolg ausge- fuhrt. Bei dem ersten Schleppstug führte Flugzeug fuhrer 'Dl o o g von der Sudwestdeutschcn 3pori fliegerabteilung das Motorflugzeug D 2249, eine Oipferöige Argus-Klemm, stud. med. F. Schmidt von der ccgelfhcflcrgruppe des Vereins für Luft fahrt in Gießen das Segelflugzeug D Gießen, eine Hochleistungsmaschine desFiefeter Flugzeugbau" in Kassel mit 1K 'Dieter Spannweite. Erstaunlich schnell erhob sich das Segelflugzeug, das mit einem 100 Meter langen Stahlkobel mit der Motor maschine verbunden war, vom Boden, wahrend das Motorflugzeug zunächst noch rollte, bis auch es noch etwa 250Dieter vom Boden frei kam. Im Gerade­ausflug nahm der Schleppzug Richtung auf die Stadt, um dann in weit ausgeholter Rechtskurve allmählich Höhe zu gewinnen.

Einige gelungene Sdjleifenflüge in 350 Meter Höhe über dem Flugplatz; in immer gleichblei­bendem Abstand folgte das Segelflugzeug dem Motorflugzeug, immer höher wie diese», immer die gleichen Figuren ausführend.

Dann aber vergrößerte sich, der Abstand beider Flugzeuge, und während das Motorflugzeug in ele­ganter Steilkurve mit zunehmender Fahrt eine Kehrtwendung ausführte, zog das Segelflugzeug in ruhigem Flug feine Kreise, ganz, allmählich an Höhe verlierend Der Führer suhlte sich in seinem (Ele­ment, seiner Freude über den gelungenen (Erft- lings-Schlepp st art gab er in kräftigen Jod- lern Ausdruck, die aus 200 Meter deutlich zu hören waren. Das Motorflugzeug umkreiste das Segel­flugzeug, nahm dann Richtung auf die Mitte des Platzes, um dort das Schleppseil abzuwersen. Das Segelflugzeug hatte mittlerweile weiter an Höhe verloren, jetzt setzte es über den Wiesecker Wiesen zu weit ausschwebendem G I e i t f I u g an, um dann ganz behutsam auf dem Flugplatz nach einer Jlug- dauer von 12 Minuten zu landen. Langsam neigte sich die rechte Fläche zum Boden, der Führer stieg aus, schwenkte seine Mütze, während das Mo- torstugzeug wenige Minuten später unmittelbar neben dem Segelflugzeug ebenfalls landete.

Der erste Schleppflug war glücklich beendet.

Startmannschaften eilten herbei, das Segelflugzeug wurde wieder an die Startstelle. am äußersten Ende des Platzes gebracht, das Motorflugzeug rollte an feinen Platz, 100 Meter vor dem Segelflugzeug, das Stahlkabel wurde eingehängt und der zweite Start begann. Diesmal führte Flugzeugführer Diedrichs das Motorflugzeug, Flugzeugführer 'Dl o o g flog das Segelflugzeug. Der Schleppzug ging jetzt über die Stadt, kehrte dann zum Flug­platz zurück, wieder das gleiche Bild, die Segel­maschine löste sich durch die Ausklinkvorrichtung von der Motormafchiae, langsam und laut­los kurvte der Segler über dem Platz, das Motorflugzeug knatterte in schnellem Flug in

Steilkurven an ihm vorbei und nach einer Flug dauer von 12 Minuten landeten beide Flugzeuge glatt auf dem Platz.

Es war ein eigenartiges und bezauberndes Bild, wie der Segler, dessen helle Flächen sich von dem von der untergehenden Sonne rötlich bestrahlten Himmel (djarf aichoben, an dem schon «in Tuns: liegenden Gleiberg vorbei, sicher und leichtvcichwingl wie ein großer Vogel seine Kreise zog Für alle, die erstmalig den Höhenfiug eines Segelslugzeuges beobachteten, kicher ein Erlebnis, besonders tur die, welche vor 20 Jahren die kleinen und nicht viel ver sprechenden Sprunge der damaligen Motormaschinen gesehen haben. Vergleicht man die Leistungen der damaligen Motorflugzeuge mit den Leistungen un ferer heutigen Segelflugzeuge, so kann man als Deutscher Stolz und Freude empfinden über das, was innerhalb dieser kurzen Zeitspanne auf dem Gebiete des Flugsportes in Deutschland geleistet worden ist.

Die gut verlaufenen Schleppverkuchc vom Sams­tag wurden am Sonntag fortgesetzt. Diesmal be­gnügte man fich nicht mehr mit einem kurzen Platzslug, der Schleppflug wurde schon über eine größere Strecke ausgeführt.

Flugzeugführer M o o g auf der Motormaschine und slud. med. Friß Schmidt auf dem Segelflugzeug starteten um 10.23 Uhr auf dem Flugplatz mit dem Schleppzug und flogen die Strecke Gießen Steinbach Cid)Hungen Ulfa Nidda Hungen Cid) Gießen. Der Schleppflug wurde in 400 Meter Höhe ausge­führt und verlief zur vollsten Zufriedenheit.

Hm 11.15 Hhr landeten beide Flugzeuge. nach­dem das Segelflugzeug über dem Platz abgehängt worden war. glatt auf dem Flughafen Gießen

Am Sonntagnachmittag 14 23 Hhr startete (der Schleppzug mit Flugzeugführer Diedrichs auf dem Motorflugzeug mit stud. med. Schmidt auf der Segelmafchine über L i ch nach Hungen, wo die Südwestdeutfche Sportfliegerverein.gung einen Flugtag veranstaltete. Hm 14.34 Hhr wurde das Segelflugzeug über Hungen gelöst, um 14.40 Hhr landete es glatt auf den Wiesen neben der Schule.

Die Versuche mit Schleppflügen sollen fortgesetzt werden mit dem Ziel, Segelflüge mit län­gerer Flugdauer und auch Segelflüge über längere Strecken auszuführen Der Start mit Segelflugzeugen aus der Ebene, unabhängig von hügeligem oder bergigem Gelände, das bis­her für die Ausübung des Segelflugsportes aus­schließlich in Frage kam, hat unbedingt eine Zu­kunft. Es ist erfreulich, daß man auch bei uns in Gießen auf den Gedanken gekommen ist. diese Art des Segelflugsportes zu fördern, dank der rührigen Tätigkeit von Fluglehrer Maier und seiner Flugzeugführer, die sich in der dem Ver­ein für Luftfahrt in Gießen angeschlossenen Süd- westdeutfchen Sportfliegervereinigung zu einet Arbeitsgemeinschaft zusammengeschloffen haben.

** Besuch englischer Aerzke in Gie­ßen. Am Donnerstag. 28. April, trifft eine Studien- gefellschast englischer Psychiater und Neurologen in Gießen ein. Die Reise durch eine Reihe von west­deutschen psychiatrischen Anstalten ist vom Deutschen Verband für psychische Hygiene veranstaltet. Ein Empfang der englischen Aerzte findet am Donners­tag von 20 bis 22 Uhr im Liebig-RHseum durch

den genannten Verband und die Gesellschaft Liebig- Museurn statt. Dabei sprechen Prof. Dr Fischer über Justus van Liebig und Geheimrat S o m m c r über Goethe Am Freitag findet in der Nervenklinik von 8 bis 9 Uhr ein Vortrag von Geheimrat Som­mer über psychische Hygiene statt, darauf Führung durch die Klinik. Die weitere Fahrt der englischen Gäste geht nach Baden-Baden. (S. heutige Anzeige.)

** Vortrag über Ortbopädie 3m Zu­sammenhang mit der Hessischen Hygiene-Aus­stellung hielt am Freitag Prof Dr Pitzen. der Leiter der hiesigen Orthopädischen Klinik, vor vie­len Zuhörern im großen Hörfaal her Hniverfität einen instruktiven Vortrag über das Themas .'Die können körperlich Behinderte und Krüppel wieder leistungsfähig gemacht werden?" Nachdem der Redner zunächst in en gehender Weife das Ar­beitsgebiet und das Wollen der Orthopädie um­ritten hatte, erörterte er eine Neihe von häufig in Erscheinung tretender Leiden und die Maß­nahmen zu deren Heilung So sprach er zunächst von den angeborenen Leiden, insbesondere von Klumpfüßen, bereu Heilung im frühen Kindes­alter durchaus möglich fei. er sprach von der häu­fig in Erscheinung tretenden Huitgelenkverrenkung, die selbst in späterem Kindesalter noch zu heilen fei. vom .Schiefhals . der durch operativen E«- qriff fast unsichtbar beteiligt werden kann u. a m. Von den erworbenen Krankheiten gedachte er be­sonder» der Schädigungen durch Rachitis. <Sr zeigte in diesem Zusammenhang eine Neihe von Lichtbildern, in denen überraschende Erfolge bei der Heilung von O- und T-Beinen unter Beweis ge­stellt wurden Sebr interefiant waren die Aus­führungen des Redners über die verschiedenen Gr- icheinungslormen der spinalen Kinderlähmung unb die ausgeklügelten Methoben, bie in solchen Fäl­len angewandt werden, wenn eine dauernde Läh­mung irgendeines Gliedes zurückzubleiben droht Schließlich lernte man noch die Technik der Hei­lung und Korrektur schlecht verheilter Knochen­brüche unb bie außerordentlich hochentwickelte Technik ber Ersatzglieder für diejenigen, die Arm oder Bein verloren haben, kennen. 3n einigen Filmszenen wurde die Uniüerfalität unb Voll­kommenheit ber modernen Prothesen vor Augen geführt. Der Vortrag wurde von den vielen Zu­hörern mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgt, er war geeignet, das Vertrauen zur orthopädi­schen Wissenschaft in weiten Kreisen der Bevölke­rung zu ftärten.

Deutscher Abend ber NSDA P. Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei Ver­einigte viele ihrer Mitglieder unb deren Ange­hörige am Sonntag im Ease Leib zu einem Deut­schen Abend. Schneidige Märsche unb anbere mu­sikalische Darbietungen einer Kapelle unterhielten die Teilnehmer besten». Herr Bartholomäus sprach als erster Redner über den einn der na­tionalsozialistischen Bewegung von der weltan schaulichen Seite her. er ging den Erfolgen des Führers Adolf Hitler in betrachtenden Ausfüh­rungen nach und betonte, daß ber Erfolg beS Füh­rers nicht von sozialpolitischen Einflüssen abzulei­ten sei, sondern von seinem Glauben an die Kraft unseres Volkes Der Redner befaßte sich weiter mit den Voraussetzungen einer Einigkeit innerhalb unseres Volkes, mit deren Auswirkungen für unsere deutsche Volksgemeinschaft und hob abschlie­ßend hervor, daß die Einigkeit allein die aus­schlaggebende Kraft sei, die die Zukunft unseres Volkes gewährleisten könne. Der Vortrag wurde mit lebhaftem Beifall aufgenommen. 3m weiteren Verlaufe des Abends sprach Studienrat Dr Blank. Er ging insbesondere auf geschichtliche Zusammenhänge ein, betonte, baß Preußens Ge­schichte immer gleid)bcbeutenb gewesen sei mit deutscher Geschichte; er erinnerte dabei an Fried­rich I., an Friedrich den Großen und seine geniale Persönlichkeit. Er sprach weiter von Preußens Niedergang, vom Qluf flieg in den Fahren nach 1813, stellte Preußen als die Wunderzelle dar. aus der ein einiges Reich sich entwickelte, bas unter Bismarcks staatsmännischer Führung zur Großmacht herangewachsen unb nur durch un­fähige Diplomaten wieder geschwächt worden sei. Er kam schließlich auf die Gegenwart zu sprechen, hob hervor, daß, wenn Preußen nicht mehr tauge.

töricht sei. Marga, ihre Aelteste, hatte bestimmt recht, wenn sie zankte.

Es war anzunehmen, daß die jungen Mädchen im berühmten Mode-Ate^er der Madame Endiee jetzt vor dem Fest einmal Heberftunben machen mußten.

Wenn man Telephon gehabt hätte!

Dann hätte Aenne anrufen können, damit man sich daheim nicht sorgen mußte.

Aenne wußte ganz genau, daß sie, die Mutter, nicht eher Ruhe fand, bis die Tochter endlich wieder in der kleinen behaglichen Wohnung an­gelangt war.

Eigentlich verdankte man der blonden Aenne bie Existenz!

Sie erhielt bei Mabarne Endiee hundertzwanzig Mark im Monat, unb daneben hatte sie auch noch für Mutter unb Schwester Arbeit besorgt.

Marga war sehr geschickt; sie stickte und preßte Dlunien und Ornamente, die auf den kostbaren Roben Platz fanden, die aus dem Salon der Madame Endiee von den vornehmsten Damen unb von Künstlerinnen gekauft wurden. Hnd sie, die Mutter, reihte Perlen kiinstvoll aneinander. Perlen auf den Gesellschaftskleidern waren diesen Winter die große Mode. Hnd wenn bie Mode wechselte, bann fand sich eben etwas anderes für geschickte Hände, denn die Königin Mode war ja so herrschfüchtig, launenhaft, unbegreiflich, schön unb wechselnd.

Ein großes, schönes Auto fuhr durch dieStraße. An der Biegung hupte es diskret unb fuhr bann weiter

»Wenn Aenne fich einmal von all bem Luxus blcnben ließ, sie, bie noch fo rein unb schuldlos ist?!"

Frau Ohlen hatte es ganz leise vor sich hin­gesagt.

Dann wandte sie sich erschrocken um.

Hinter ihr stand Marga.

IDcnn sie in einer halben Stunde nicht da ist, dann fahre ich ins Geschäft. Schließlich muh man sich doch um das Mädel kümmern. Sie ist vielleicht - eben doch zu schön!"

Marga war schon wieder ins Wohnzimmer gegangen; aber bie Mutter stand noch immer am Fenster und sah wieder die Straße hinunter.

Doch die Tochter kam nicht!

Langsam, ganz langsam ging die Mutter ins Zimmer hinüber.

Dort stand Marga. Sie war bereit- angezogen und sagte nun kurz:

Fch gehe also jetzt. Sollte ich sie im Geschäft nicht antreffen unb auch sonst keine Auskunft dort erhalten können, muh ich unverrichteter Sache wieder nach Haufe kommen. (Blamieren können wir uns nicht auf der Polizei. Sie ist neunzehn Fahre alt, und wenn sie mit einem Herrn ge­gangen ist. banrf hat die Behörde keine Ver­

anlassung, nach ihr zu suchen. Die hätte da viel zu tun. Aenne bleibt zwei Stunden länger fort als sonst. Es ist kein Grund für die Polizei, einzugreifen."

Gewiß, Marga", sagte die Mutter mit zittern­der Stimme.

Sie küßten sich unb Marga ging.

Ruhelos schritt Frau Ohlen hin unb her Sie setzte sich ein paarmal, ftanb aber gleich toieber auf, weil die Angst um Aenne sie wieder hoch- trieb.

Nach einer Stunde war Marga wieder da.

Da haben wir es! Madame Endiee schickte Aenne nach M.. Sie hatte noch ein Kleid zu liefern, das nicht eher fertig wurde, ußd sie ver­sprach der Kundin, durch ein zuverlässiges junges Mädchen das kostbare Kleid zu senden. Aenne hat den Zug sieben Hhr eins benutzt und muß gegen halb zwölf Hhr hier bei uns sein. Sie hat genügend Geld erhalten, um gleich vom Bahnhof aus bis zu uns hier eine Droschke zu benutzen. Fetzt ist es gleich elf Hhr. Also wird sie ja fotnmen. Warten wir die halbe Stunde auch noch. Fetzt wissen wir ja wenigstens, wo sie ist. Das Lehrmädchen, die kleine Toni Lehmann, bie hier irgenbtoo in der Nähe wohnt, sollte es uns mitteilen. Sie darf noch keine Heberstunden machen und wurde um sieben Hhr nach Haufe geschickt. Madame Endiee war sehr ungehalten darüber, daß die Kleine den Auftrag vergessen hat. Fm Geschäft arbeiteten sie noch. Madame Endiee war sehr freundlich, wenn auch reichlich abgehetzt, und sie gab mir gleich einen großen Karton Arbeit mit.

Marga löste den Bindfaden von dem Karton und sortierte dann die bunten Seidengarne und Perlen.

3a, dann ist es doch wohl gut so", sagte Frau Ohlen.

Sie ging in die kleine blanke Küche nebenan und stellte den Tee in die Ofenröhre. Dann ging sie wieder ins Zimmer hinein, wo Marga bereits neue Muster zusammensehte.

Die Mutter sagte nichts mehr. Sie wagte es nicht. 3hre zitternden Finger versuchten, auch noch ein bißchen mitzuarbeiten. Da tönte Margas Stimme, die immer wie eine zerbrochene Glocke klang, in das Schweigen hinein. Die Mutter fah ihre Aelteste von der Seite an. Sie wußte jetzt ganz genau, daß auch Marga in äußerster Sorge war. 3mmer wieder hing der Blick der Mutter an der kleinen Kuckuksuhr. Wie langsam der Zeiger vorwärtsrückte!

Endlich!

Halb zwölf Hhr. Beide Frauen lauschten auf jedes Geräusch. Nichts rührte sich im Hause.

Plötzlich schrillte die Klingel. Grell, aufdring­lich. nervenreihend schrillte sie in dieses Warten.

Hat beim die Kleine keinen Schlüssel mit? fragte Marga erstaunt und ein bißchen ärgerlich.

weil sie nun noch hinunter mußte? Sie legte sich ein Tuch um. ergriff den Schlüsselbund unb ging Nach einer Weile kam sie zurück, legte einen Brief auf den Tisch.

Von Aenne! An dich! Es scheint demnach doch nicht alles in Ordnung zu sein", sagte das Mädchen mit dem verbitterten, enttäuschten, alten Gesicht.

Der Mutter Hände griffen nach dem Schreiben unb öffneten es.

Liebe Muttel!

Sei nicht böse aber ich kann in dieser Nacht nicht heimkoMrnen. Aengstige Dich nicht. 3ch erzähle Dir und Marga alles. Fch fahre früh gleich ins Geschäft. Abends bin ich pünkt­lich bei Euch. Fch freue mich so sehr, weil ich Euch beiden nun zum Weihnachtsfest eine solche große Freude machen kann. Marga bekommt den Mantel, der ihr im Schaufenster von Gold­berg so gut gefiel, unb Du, Mütterchen ach, was weiß ich. was Du wohl alles bekommen wirst. Also sorgt Euch nicht. Morgen bin ich bei Euch und erzähle Euch alles haarklein und genau. Es ist wie ein Ausflug ins Glück, dieses Erleben. Für mich!

Ein anderer Mensch aber leidet? Hnd ihm helfe ich! 3n Eile

Eure Aenne.

Die Mutter reichte ihrer Aeltesten das Schrei­ben. Marga las. Dann schüttelte sie den Kopf.

Sie hilft jemand! Gut schön! Einem Manne also! Sie erhält Geld. 3a, ich weih doch nicht recht, wie das aufzufassen ist? Wenn man Aenne nicht so genau kennen würde trotzdem, sie ist ja auch nur ein warm fühlendes Menschenkind Mein Gott, was stellt die Kleine da bloh an?

Die Mutter sah schweigend da. Heber ihr schmales, faltiges Gesicht liefen Tränen.

Marga sah es und sagte:

Sorge dich nicht. Mutter? Sie wird schon wissen, was sie will. Fremde brauchen es nie zu erfahren, damit die sich in allen Tonarten die Mäuler zerreißen, und wir beide kennen Aenne doch"

3d) danke dir, Marga? Bist ein gutes Ding, wenn du auch immer so rauh tust. Fch will mich auch nicht mehr sorgen. Wollen wir schlafen gehen?

Gewiß, Mutter! Warten hat ja jetzt gar keinen Zweck mehr."

Hnd sie gingen wirklich zur Ruhe.

Hell schien der Mond in die schmale Stube, wo hinter drei Wandschirmen je ein Bett stand.

Mutter ünd Tochter taten, als ob sie schliefen; doch beide dachten immer noch an Aenne.

Mit wachen Augen lagen sie da. und jede meinte, die andere sei längst eingeschlafen.

Margas Hände ballten fich.

(Fortsetzung folgt)