Nr. 48 Zweites Blatt
Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderhefsen)
Freitag, 26. Hebruar (932
Oeutschland-Krankreich, die Grundfrage der europäischen Zukunst.
Don * # *
Unser Pariser '-Mitarbeiter. der uni erst Anfang Februar drei aufschlußreiche Aussätze gefanbt hat. schielt uns angesichts be» unendlichen Ernste» der europäischen Situation zwei weitere Arbeiten. Der Der- sasser, welcher gerade in dieser gespannten Epoche in Pari- lebt und dort täglichen Kontakt mit politischen Menschen hat. sieht natürlich viele Dinge kühler und distanzierter al» der Inland-Deutsche, den, die unerhörten Sorgen und da« innnenpolitische Durcheinander den Dlid oft genug trüben. Und cS ist vielleicht noch nie so nötig gewesen wie gerade jetzt, das, jeder Mensch, dem da» Wohl und Wehe Deutschland» am Herzen liegt, sich einmal srei mache von den gciuhlSmäs'igen Bewertungen der Lage — und seien diele noch so begreiflich, ja noch so berechtigt — und nicht» andere» sehe al» die Wirklichkeit in ihrer ganzen Härte und ganzen Schärfe. Wir geben den nachsolgenden Erwägungen Roum, weil wir wissen, welcher niemals ruhenden Sorge um do» Schicksal Deutschland» und damit der acsamten europäischen Kultur sie entspringen.
I.
Pari», am 22. Februar 1932.
Wie man sich auch wende und wie man sich drehe, immer wieder stößt man — bei der Erwägung der europäischen Lage - aus den einen und einzigen Schlülselpunkt: die Frage der deutsch - sranzösischen Beziehungen. Ich habe dieser luge einen sehr klugen und mit deutschen Derhältnissen vorzüglich vertrauten sranzösischen Diplomaten sagen hören, daß er die außerordentliche Verschlechterung der deutsch- französischen Beziehungen deswegen nicht bedauert, weil sie beiden Dölkern einen wahren Schrecken einjage, die für beide gleich grauenvollen Eventualitäten einer neuen kriegerischen Verwicklung vor Augen führe - und also alle denkenden Menschen diesseits und jenseits der Grenze einfach dazu zwinge, etappenweife eine erträgliche Ausgestaltung de» beutsch-sranzosischen Verhältnisse» herbcizusühren. Sollte tatsächlich die ttr- kenntni» der Rotwendigkeit, der Unerläßlichkeit, eine solche Wirkung haben, so könnte man da» augenblickliche Regativ ja schließlich in Kauf nehmen. und ebenso alle üblen Folgen, die e» gerade für Deutschland gehabt hat. Aber die Sorge, daß sich diese» Regativ bi» zur Unerträglichkeit, lln- behebbarkeit unter dem Druck der öffentlichen Meinungen in beiden Ländern noch verschärfe, scheint mir doch noch vorherrschend - - und ich bin - - bei dem augenblicklichen Stand der innerpolitischen Dinge, sowohl in Deutschland al» auch in Frankreich, nicht durchaus davon überzeugt, daß die Vernunft sich wirklich Geltung verschal en unb unzweideutige Resultate zeitigen könne. Die große nationale 'Bewegung, welche heute durch ganz Deutschland geht, Hot sich in der Epoche ihrer sichtbar werdenden Evolution zu sehr der Kampfrufe gegen Frankreich bedient, um heute die Geister, die sie geweckt hat. ohne Schaden für sich selbst, durch Vernunft bannen zu können., und da» saturierte französische Ruhebedürsni» (wer Deute verschlungen hat, will verdauen), hat sich zu sehr in den Glauben einlullen lassen, ein fo mangelhafter und bösartiger Vertrag wie der von Versailles könne tatsächlich die unabänderliche Basi» einer neuen europäischen Ordnung bedeuten. Selbstverständlich gibt es eine große Anzahl denkender Franzosen, welche loyal genug sind, die Mängel und die Unhaltbarkeit de» Versailler Vertrages ruhig zuzugeben. Aber wie schwer effektiv eine Abänderung ist, welcl)en unberechenbaren Erschütterungen f e in Europa und
Rasputins Wiederkehr.
Dvn Stiir Dassel.
Da» war vor fünfzehn Iahren, in Zarskoje Selo, in der Residenz des Zaren, wenige Wochen vor der Zertrümmerung seines Throne». als ich in ein Paar Augen f ah. die ich nie vergeben werde. In die Augen Grigori RafputinS. Vierzehn Tage vor feiner Ermordung....
In ganz Rußland, überall, sprach man von dem seltsamen mächtigen Manne im Flüsterton. Er wurde gehaßt, dieser Mann, den man nicht kannte, von dem man so gut wie gar nicht» wußte. Am stärksten im Ollizierkorps — hier aus dem Empfinden heraus, daß er Schatten auf die DotteSgnadenkrone wart. Hier, in Zarfkoje Selo, bekam ich näheres zu hören: Rasputin — wie sonderbar, wörtlich übersetzt bedeutet der Raine .Wegelosigkcit" - der sibirische Dauer auS dem kleinen gottverlassenen Dorf Pokrowskoje, der Analphabet, war in unglaublich kurzer Zeit nach einem Debüt im Salon der Gräfin Ignatjew der Elou der hvperdekadenten Damenzirkcl Petersburg» geworden. Seine Verehrerinnen behandelte er so, wie sie eS verdienten Rasputin» Lächeln erhob. se,n Unwillen konnte töten, er ernannte, befahl.
Dann sah ich ihn selber: Ein älterer Kamerad. Oberst S., und ich wurden zu einer Ein- weihungSfeier — e» handelte sich um eine Palast-Dependance — geladen. Einige zwanzig Personen waren anwesend. Hofchargen. Priester. Beamte. Plötzlich ging ein Raunen. Flüstern durch den Saal: .Er wird kommen, hat sich im letzten Moment entschlossen....!" Cs war. al» wenn eS der Zar selber wäre. Oberst S. wurde bleich bis an die Lippen und zischte. .Ich gebe ihm nicht die Hand, dem Hund, mag kommen, was da Willi..." Im selben Augenblick im Vorraum eine tiefe fonotc Stimme, Unb dann erschien Grigori Rasputin im Saal. Helles Schneelicht flutete herein und lieh alle Einzelheiten deutlich erkennen. Sine kräftige Gestalt in Mittelgroße, ein hogereS derbeS Bauerngesicht. lange» strähnige» Haar, dunkler Bart. Gekleidet war er in ein dunkle» Ruffenhemd. umgürtet mit einer geflochtenen Seidenfchnur. Auf der Brust ein klobige» Goldkreuz an schwerer goldener Kette. Die breiten, weitausladenden Pluderhosen staken in hohen Stiefeln. Sr bekreuzigte f ich zuerst gegen die Ecke hin, zum Arrangement von Heiligenbildern, bann
darüber hinaus Hervorrufen könnte, da» werden sie fich auch nicht verhehlen. Da» wird fich auch fein Deutscher verhehlen, sofern er nicht vergißt, daß an Versailles ja nicht nur Deutschland und Frankreich, sondern noch eine ganze Reihe anderer Rationen beteiligt sind, Deren Stimme in die Waagschale fällt
Wenn in der Frage der Reparati onen England und Italien auf Seiten Deutschland» zu finden sind: so ist e» natürlich deshalb, weil ihrer beider nackteste» Inieresse cs verlangt, baß Deutschland nicht ökonomisch und finanziell zu Gunsten Frankreich» ruiniert werde . . Wie sich aber die Lage gestalten würde, wenn durch radikale Aenderung de» Vertrage» von Dersaille» Deutschland große neue Ausst egmoglichkeiten ge- feben würden da» ist. ganz besonders was Eng - and anbetrifft, eine ganz andere Frage Man hat, wenn man die Acußerungen de» deutschen Durchschnittsmenschen h.rt, daS Ge- sühl. daß in Deutschland der englischen Politik gegenüber dieselbe Blindheit herrscht, wie vordem Krieg. Immer und immer wieder läßt sich der Deutsche durch daS Rebensächliche fangen, immer und immer wieder fällt er auf Gesten herein, deren Sinn er nicht durchschaut, immer und immer wieder wird er Opfer gewisser Stimmungen und Reigungen, die vielleicht raffen- und blutmäßig begreiflich, aber in ihrer politischen Auswirkung einfach verderblich sind. Wenn ein paar Schwätzer. die eben einmal die Rase nach London hln- eingesteckt haben, nach ihrer Rückkehr enäf)Len, in England sei ein wahrer Franzofenhas, fo glaubt er solchen Blödsinn und freut fich wie ein Schuljunge. Denn ihm daS gleiche aus Italien berichtet wird, so sieht er schon die Einkreisung»- front gegen Frankreich geschlossen — vergißt aber vollständig, wie sehr er l e l b ft von Frankreich und feinen Trabanten eingekreist im Herzen Europas liegt. Er greift natürlich - da man c» ihm fo beigebracht hat und da e» ihm Tag für Tag in Reden und ZeitunaSaussätzen serviert wird - auf die berühmte .Geschichte" zurück (welche, trotz Schiller alle» andere al» die Lehrmeisterin der Menschheit ist), und zaubert sich ein neues 1813 an die Wand Er verbaut sich systematisch die klare Aussicht in die politische Gegebenheit, nimmt seine Wünsche für die Wirklichkeit und ahnt nicht, daß er auf solche Art der Wegbereiter seines eigenen Untergänge» werden muß. Es ist weiß Gott eine undankbare Ausgabe, gerade im Augenblick der heutigen Erregbärkeit der Gemüter, diese Dinge mit der ganzen Unerbittlichkeit der Einsicht bei ihrem rechten Ramen zu nennen! ES genügt eine einzige Unbesonnenheit verworrener Heißsporne: und da» nie mehr gutzumachende Unglück ist da. Es genügt ein einziger zündender Funke falscher deutscher Romantik, und Europa brennt von neuem auf: und mit ihm, in seinem Herzen. Deutschland, daS von allen Seiten eingeschlossene. Dann sei auch Frankreich nerlcren, tagen Träumer. Rein: dann hat Frankreich. waS seine tollsten Chauvinisten sich nie hätten träumen lassenI Dann hat Frankreich, was feine gehässigsten Reaktionäre heimlich wünschen: einen Anlaß!
Alle deutschen Politiker haben gesagt, daß an einen Krieg nicht zu denken sei. Die der Rechten, die der Mitte, die der Linken. Die um Hugenberg, die Harzburger, die um Hitler und Hitler selbst, der sehr viel weniger romantisch erscheint, als die ihn aöorierende Iugend. Gut. Gut und selbstverständlich. Aber dann sorge man dafür, — c» ist höchste Zeit — daß die Welle von Hysterie in Frankreich, von Erregung in Deutschland, endlich zurückflute. bann sorge man dafür, daß der Iugend nicht Dinge suggeriert werden, die unverwirklichbar sind! Dann sorge man dafür, daß überhaupt erst einmal wieder eine Atmo-
drehte er sich um und überflog die Versammlung mit schnellem, erfassendem Blick. Run sah ich seine Augen. Sah und fühlte, daß ich in die Augen eines ungeheuren Menschen gesehen habe. Eines Menschen von unglaublicher Energie.
Reben mir ein kurzes unterdrückte» Stöhnen — Oberst S. schloß in diesem Moment mit seiner Karriere ab — und dann die mit lauter, heiserer Stimme hervorgestoßenen Worte: .Offiziere haben in diesem Raume nichts verloren. Ich befehle Ihnen, mich zu begleiten!..." Damit ging er durch die Totenstille des Saale» an Rafputin vorbei in betont straffer Haltung zur Tür hinaus. - Ich folgte etwas langsamer und konnte so sehen, i$ic Aasputin ihn mit einem amüsierten Tlick verfolgte — etwa fo. wie man das Groteske in der plötzlichen Unart eine» Kindes aufnimmt. Als ich nun selber an ihm vorbeidefilierte, sah ich sekundenlang in die starren Augen. Ietzt fchienen sie mir schneeweiß und tot zu sein, aber daS machte ja wohl meine begreifliche Aufregung. Schon an der Tür angelangt, hörte ich ihn mit knurrendem Lachen sagen: .Lauf' nur mit, Söhnchen, gehorchen mußt du ja, das gehört sich schon so!..." Vierundzwanzig Stunden später rollte Oberst S. an die Front ab. Plötzlicher Befehl, obgleich fein Lungenschuh durchaus noch nicht au »geheilt war...
Und dann schlug die Stichflamme au» der fchwelenden ®lut; sie erschlugen den mächtüjcn sibirischen Bauern und warfen seinen Leib in die eiskalte Rewa ...
In einem großen Berliner Lichtspieltheater im Westen rollt ein Rasputinfilm. Es zog mich hinein. Und dann sah ich etwas, was ich nicht für möglich gehalten hätte: absolut echte 6$enerie. Typen, Kostüme und — nun schon historisch gewordene — Einzelheiten, wie »ch sie noch niemals in einem sogenannten Russenfilm, madu in ger- many, gesehen habe! Conrad Deidt als Rasputin! Es wäre gewiß absurd, wenn ich behaupten würde, ich hätte den Blick oder auch nur feinen nicht mit Worten wiederzugebenden Ausdruck erkannt. Davon kann natürlich keine Rede fein. Aber ich kann mir nicht vvrftellen, daß eine intensivere Auslegung dessen, was ich gesehen uni) gefühlt hatte — damals, vor 15 Iahren —, möglich ist. Und da» in einem Berliner Theater, dargeftellt von einem deutschen Schauspieler, der kein Wort russisch spricht!
s p h a r e geschaffen werde, innerhalb derer Politik gemacht werden kann! In keiner Atmo- fphäre Der Angst oder de» Halle» kann Politik gedeihen und zu wirklichen Ergebnissen führen. Es kommt in der Politik niemals auf bat leidenschaftliche prinzipielle Hin- und Herrechten an, sondern auf d e n E r f o I g , fei er noch fo gering Wenn man heute vermeint, über Strese- mann die Achseln zucken zu dürfen, so begeht man einen unver^e blichen Irrtum ©trefemann hatte Erfolg. Wirklichen, nicht Scheinerfolg. Richt bie raschere Rhenilandräumung verkörpert diesen Erfolg (über sic und Locarno al» Preis läßt fich sehr diskutieren) — sondern die Bereinigung der deutfch-franiofischen Atmosphäre Da» ist alle»? Run: da» ist so viel, wie sich diejenigen gar nicht träumen lallen, welche e» fertig gebracht haben, diese Atmosphäre wieder so zu trüben, daß beute kaum ersichtlich ist. wie eine neue Aufklärung des Horizontes erreicht werden soll. Erst wenn man mit offenen Augen sieht, wo wir heute wieder angelangt sind, begreift man - rückwärtsblickend — wo wir einmal waren. C» ist mehr alS naiv zu behaupten, erst die .nationale Erhebung" der Iugend habe die Regierung dahin gebracht. die Reparationszahlung zu verweigern. Dein: da», was der Franzose „la force des chu- ses“ ober auch „Force majcure " nennt, hat oen Kanzler zu einem .Unmöglich" gezwungen Die Zusammenhänge müssen, wenn man weiter kommen will, doch schließlich so gesehen werden, wie sic sind! Alle Kenner der Lage sind sich darüber einig, daß die große wirtschastlichc Krise in allererster Linie eine Vertrauenskrise ist. Der .TempS" hat über diese Frage vor einigen Wochen einen Leitartikel gebracht, der zum Besten und Temünftigften gehört, was je in dieser Zeitung veröffentlicht worden ist. Die Vertrauenskrise in Frankreich hat sich zur Katastrophe entwickelt. alS der Rachsolger ©trefemann» Herr Curtius (unter Bülows Einfluß), in der Frage der deutsch-österreichischen Zollunion den starken Mann, den .aktivistischen" Politiker glaubte markieren zu können. Es liegt uns allen noch schwer im Magen, daß er sich für feine miserabel und mit geradezu sträflicher Sorglosigkeit vorbereitete .Aktion" nicht nur in Frankreich, sondern auch in
den heute schon fast al» Bundesgenossen gewerteten Ländern England und Italien eine hundertprozentige Ricderlage holen mußte Al» bann im Iuli 1931 Deutschland leine heillose Gelkstage em- gestehen mußte, als Herr Luther im Flugzeug über London nach Par,» suhr und eine Anleihe großen 5hl# wollte war ob mit Recht ober Anrecht ist gleichgültig, nur die Tatsache zählt
da» Vertrauen in bie beutfche Politik s o erschüttert. daß kein französifcher Staatsmann e» hätte wagen können, dem Sparer mit dem Anlin- nen einer Anleihe für Deutschland zu kommen' Unb Frankreich wäre das einzige Land gewesen. da» eine Anleihe hätte geben können. ia bestimmt auch gegeben hätte, wenn die ruhige Linie der Streseninnn-Politck lortgelubrt worden wäre . SrfüllungSpolitik" beißt nicht Ylntertoer- fungSpolitik auf ewige Zetten. Erlullungspolltik — im Ltrefemannfchen Sinne heißt Versuch, zu erfüllen, solange alol die wirtschaftlichen Vorbedingungen deS Voungplan» tu Recht bestanden und 2i die deutsche Arbeitslosen Versorgung nicht solche Summen verschlang, daß eine Reparationszahlung ess ekt'v unmöglich wurde. Automatisch wäre die Lage eingetreten, m der der Kanzler bie Unmöglichkeit der weiteren Reparationszahlung hätte proklamieren müssen, aber die psvchologifche Situation wäre, ohne die Ikrtraucnöftörungcn. natürlich eine viel bessere geweseit. ja bretfacb besser, da England und Italien unsere Partner in dieser Frage waren Keiner nationalistischen Bewegung hätte e» bedurft, um einen verantwortungsvollen Staatsmann — fei er. wer er sei — zu einem durch die Umstände befohlenen .Rein" zu bewegen. Da» Unmögliche kann nicht gefordert werden. 6» kommt aber sehr darauf an. auf welcher psycho- logischen Basis diele» .Unmöglich" auSgesprohei, wird. Immer und immer wieder - selbst an Stellen. wo man e» nicht erwarten sollte erweist sich der Deutsche al» völlig unfähig, die franzö- fis<he DenkungSart r i d) t i g m Rechnung zu stellen Immer wieder übersieht er. wo er einen Vorteil haben könnte, wenn er sich nur geschickt anstellte. Immer wieder siegt die Ideologie über die politische Klugheit (Raffiniertheit) unb immer wieder bezahlt die ganze Ration diesen
Das Urteil im Favag-Prozeß.
Insgesamt 11 Jahre 9 Monate Gefängnis und 155 750 Ml. Geldstrafe verhängt. — Haftbefehl gegen Sauerbrey und Mäbje.
Frankfurt a.M.. 25. Febr. (WSR.) Rach einer Dauer von fast viereinhalb Monaten fand heute nachmittag der Favag-Skandal feinen gerichtlichen Abschluß. Landgerichtsdirektor Dr. Mefserschmidt verkündete folgendes Urteil:
Das Verfahren gegen Lindner in den Fällen Freigabe-Guthaben Der Favag und Aktienverkauf an die Röchlingbank. gegen Schuhmacher in den Fällen Freigabe-Guthaben der Favag unb Aktienverkauf an die Röchlingbank unb Rürn- berger Leben, gegen Mädje in den Fällen Aktienverkauf an bie Röchlingbank unb Nürnberger Leben wirb eingestellt. Unter Freisprechung im übrigen werben verurteilt:
ßinbner wegen hanbelSrechllicher Untreue in zwei Fällen zu einer Gesamtstrafe von einem Iahr Gefängnis, sowie zu 18 000 Mark Geldstrafe.
Schuhmacher wegen hanbelsrechtlicher Untreue in drei Fällen zu einer Gesamtstrafe von einem Iahr drei Monaten Gefängnis. sowie zu 26 000 Mark Geldstrafe.
Mäbje wegen HanbelSrechllicher Untreue in vier Fällen unb wegen Beihilfe zur handelsrechtlichen Untreue in zwei Fällen zu einer Gesamtstrafe von drei Iahren Gefängnis, sowie zu 90 000 Mark Geldstrase.
D r. Kirschbaum wegen handelsrechtlicher Untreue in acht Fällen, wegen Betrugs unb we- gen Vergehens gegen § 314 Ziffer 1 HDV. (Han- delsrechlliche Untreue unb Betrug) in je einem
Die Gabel revolutioniert die Kochkunst.
Wenn man sich in die überreichen Speisezettel der Vergangenheit vertieft, fo findet man sich bei jedem Gericht, das nicht einen eigentlichen Fleisch- ober Fischgang darstellt, vor einem Rätsel. G» ist, wie wenn unsere Dorsahren nur muß- unb breiartige Speisen verzehrt hätten. Mischungen au» Fleisch. Gemüsen, Früchten, Gewürzen, Zucker und Aehnlichem, bie in einem großen Mörser zu einer weichen Masse zerstoßen wurden. Eine Erklärung für diese sonderbare Erscheinung gibt ber englische Kulturhistoriker Profe'for William Edward Mead in seinem Werk „Das englische mittelalterliche Fest" unb zeigt habet, welch außer- orbenllichen Fort'chritt in der Kochkunst die europäische Menschheit der Einführung der Gabel zu verdanken hat. Es ist uns ja heute schwer vorstellbar, daß man so viele Jahrhunderte hindurch ohne diele» Eßgerät ausgekommen ist. das uns für jede Mahlzeit fo notwendig erscheint. Aber trotz mancher Versuche, diese» schon den Alten bekannte Instrument einzubürgern, kam es doch erst im 17. Jahrhundert in den höheren Kreisen auf und wurde allgemeiner erst in her zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts verwendet. Roch um 1750 wird in ..Tischzuchten" ausdrücklich anbefohlen. die Kinder frühzeitig im Gebrauch der Gabel zu unterrichten, eine Anregung, die immerhin darauf hinweist. bah dies noch nicht Überall geschah. ..Wenn man diese beständige Zerkleinerung der Rahrung in der allen Küche beobachtet". so schreibt Professor Mead. ..bann möchte man glauben, daß die Leute damals zahnlos waren oder wenigsten» eine so schlechte Verdauung belaßen, daß sie eine möglichst weiche Rahrung bevorzugten. Doch eine einfache Erklärung dasür ist im Fehlen der Gabeln zu finden. Es gab keine Möglichkeit. Fleisch auf dem Teller zu zer'chneiden. und die großen Braten mußten von einem besonderen Meister der Tran- chierkunst zerkleinert werden. Man nahm dann das Stück. daS man zugeteilt bekam in die Finger. Alle übrigen Gerichte aber waren weich unb breiig unb konnten entweder mit dem Löffel gegeben, ober mit dem Brot aufgetunkt werden. Richt selten benutzte man auch die Finger, die man ableckte. Aber da» galt nicht al» „guter Ton". Erst al» die Gabel durch den Reifenden Thomas Coryat unter ber Regierung Jakob I. au» Italien nach Englanb gebracht würbe, da konnte fich eine höhere Form ber Kochkunst entfalten. Dieses einfache Gerät hat eine völlige
Falle zu einer Gesamtstrafe von zwei Jahren drei Monaten Gefängnis, sowie zu 19 000 Mark Geldstrafe
FuchS wegen handelsrechtlicher Untreue in einem Fall zu breiMonaten Gefängnis, fowie zu einer Gelbstrafe von 250 Mark.
Sa verdreh wegen Untreue in fech» Fällen, wovon einer in Tateinheit mit Betrug begangen, wegen hanbelsrechtlicher Untreue in drei Fällen, wegen Beihilfe zur Untreue in zwei Fällen, wegen 'Beihilfe zur handelsrechtlichen Untreue in vier Fällen unb wegen Vergehen» gegen § 314 Ziffer 1 HGB. in zwei Fällen zu einer Gesamtstrafe von vier Iahren Gefängnis, sowie 2500 Mark Gelbstrafe.
Die gegen Fuchs unb Sauerbreh erkannten Geldstrafen sinb durch die Untersuchungshaft verbüßt. Ferner werden bei Dr. Kirschbaum sieben Monate acht Tage. Fuch« 19 Tage, Sauerbreh acht Monate elf Tage Untersuchungshaft auf die erkannte Freiheitsstrafe an- gerechnet Soweit Verurteilung erfolgte, trag<n die verurteilten Angeklagten, im übrigen trägt die Staatskasse die Kosten deS Verfahren». Da infolge ber hohen Strafe bei Sauerbreh unb Mäbje Fluchtverbacht besteht, wurde gegen diese beiden Angeklagten Haftbefehl «Halfen. Bei Mäbje soll eine gerichtsärztliche Untersuchung feststellen, ob er hastsähig ist, während bei Sauerbreh ber Haftbefehl sofort vollstreckt würbe.
Revolutionierung in ber Küche hervorgerusen, benn nun konnte ber Tischgast fein Fleisch auf bem Teller festhalten, um e» selbst zu schneiden, unb konnte bie kleinen Bissen sicher und bequem zum Munde führen. Die weiche Rahrung, die so lange üblich gewesen war. verschwand, unb <* bildete sich allmählich jene Mannigfaltigkeit der Kochkunst auS, beten wir un» heute erfreuen."
Was das „poforjobr* bringt.
Da» .Internationale Polarjahr", bafl um Mitternacht be» 1. August 1932 beginnen soll, ist ei*re Wieberholung unb 50-Iahr-Erinnerung be» ersten'Polarjahres, ba» 1832 83 stattgesun- ben hat. Das Jahr soll burch eine mit vereinten Kräften burchgesührte unb erhöhte Tätigkeit in ber Erforschung ber meteorologischen unb magnetischen Vorgänge ausgezeichnet sein, für bie die Polargebiete von besonderer Bedeutung sind. Da die meisten in Betracht kommenden Rationen bet nördlichen Halbkugel angehören, so ist eS begreiflich, daß die Hauptarbeit auf den RordpolarkreiS gerichtet wird, während dem Südpol-Gebiet nur vereinzelte Unternehmungen gelten Da man ber Ansicht ist, baß die wichtigsten Probleme der Wetterkunde nur in den hohen Breitengraden gelost werden können, so wird man eine Kette von Beobachtungsstationen rund um den Rorbpol einrichten. Wie her .Manchester Guarblan" mitzuteilen weiß, werben Dänemark, Holland und Frankreich gemeinsam eine Reihe solcher Stationen in Grönland schaffen: Island wird mit Hilfe de» amerikanischen Carnegie-Institut» eigene Beobachtungen vornehmen: Dorwegen, Schweden unb Finnland werden in dem westeuropäischen Gebiet tä- hg fein, unb Rußlanb wirb eine große Anzahl von Stationen von Rowaja Semlja bis zum Lena-Fluß errichten, währenb bie Vereinigten Staaten in Alaska und am Fort Conger tätig fein werden. Groß-Britannien wirb zusammen mit Kanaba vom Fort Rae in Rord-Kanada zwei große Unternehmungen auflfenben. Außer Fort Aae werben noch vier ober fünf anbete Stationen in der Arktis dazu bienen, bie wichtigsten Erscheinungen be» ErbmagnetiSmu». ber Luftelektrizität unb bie Vorgänge in den höheren Luftschichten zu erforschen. Man will Registrierballon» bi» in die Stratosphäre aussen den. benn man kann ja nur burch eihe bessere Kenntnis ber oberen Luftströmungen in den Polargebieten die heute noch vorhandenen großen Rällel der Wetter« tunbe ber Lösung näher bringen.


