ar. 303 Zweites Blatt
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Sonntag, 25. Dezember 1932
Friede unter den Deutschen.
Don Or. Alfred Seeliger.
Es war einige Jahre vor dem Weltkriege. Ich war auf einer Reise durch Italien in Roin angelangt und machte dort für längere Zeit Halt. Cs ist ohne weiteres leicht verständlich, daß die „ewige" Stadt einen sehr nachhaltigen Eindruck auf mich machte. Denn Rom war nicht nur die Weltstadt schlechthin, es ist noch heute eine Weltstadt höchsten Ranges.
Roms Sinnbild war die Wölfin, die der Sage nach die Gründer Roms: Romulus und seinen Bruder Remus säugte. Des zum Zeichen wird noch heute auf dem Kapitol ein Wolf in seinem Käfig gefangen gehalten. Freilich kann dies völkische Symbol noch anders verstanden werden: Das kriegerische römische Doll hatte mit der Wolfsmilch aiß) den Geist des Wolfes ausgenommen und alle Völker der alten Welt grausam und erbarmungslos unterjocht oder vernichtet. Denn solche Dölkersyrnbole pflegen sehr tiefsinnig und treffsicher zu sein. Man denke etwa an den schlafenden „deutschen Michel", den stiernackigen „John Tüll", den großmäuligen „Uncle ©am“, die eifersüchtige „Marianne", den zeitlosen „Ahas- veros"! Wenn Platon über den Eingang zu seinem Hörsaal schrieb: „Erkenne dich selbst I“, so wollte er damit sagen, daß die Selbsterkenntnis das Schwerste, aber auch Wichtigste sei. Dies gilt auch von der Selbsterkenntnis eines ganzen Volkes. Unb darum sollten die Geschichtsschreiber und Geschichtsphilosophen unendlich mehr Wert legen auf die tiefgründige Erforschung des Volkscharakters als auf Zahlen und Rainen; in den herkömmlichen, oben genannten Volks innbil- dern haben sie bemerkenswerte Anhaltspunkte. —
Unter den unzähligen Erinnerungen, die ich an die „ewige" Stadt habe, tritt mir immer und immer wieder folgendes vor das Auge. Auf allen Wegen durch die Straßen und in der Umgebung Roms suchte ich Spuren deutscher Vergangenheit und Gegenwart. Denn wenn Deutschland nicht ohne Rom gedacht werden kann, so ist Rom nicht ohne die Deutschen zu denken. Ungeheure Ströme besten deutschen Blutes sind in Rom und Italien geflossen: die Cimbern und Teutonen, die Goten und Vandalen sind hier untergegangen. Die herrlichen Hohenstaufen haben hier ihr Ende gefunden. Eine geheime unwiderstehliche Gewalt zog unsere Vorfahren und ihre Rachkommen immer von neuem nach Italien, nach Rom. Sie selber fanden in oder durch Rom schreckliche Schicksale, während sie den Romern meist unendlichen Segen zufügten und neue Erstarkung brachten. Ich war unwillkürlich von dem lebhaften Drange erfüllt, hier in Rom und seiner Umgebung die Ursache für unser ständiges, immer neues und immer wieder schreckliches Unglück zu finden. Wie oft stand ich sinnend abends auf dem Monte Pincio und blickte über die ungeheure Stadt nach der unvergleichlichen Kuppel der Pe- terskirche und lieh im Geiste die zweiundeinhalb Jahrtausende römischer Geschichte vor meinen Augen vvrüberziehen, um zu erforschen, warum unsere an Geist und Leib so herrlichen Vorfahren dieser furchtbaren Wölfin immer wieder so schrecklich und grauenvoll unterlagen. Ich fand eine Reihe von Ursachen, die in dem einen oder andern Falle große Wirkungen auslosten: aber alle diese Ursachen hatten nichts Wesenhaftes, Ueberzeit- liches, Metaphysisches an sich! Ich kam nicht auf die alles umfassende, erklärende, erschöpfende Formel! —
Ich hatte jn Rom einen Kreis geistig bedeutender Männer gefunden, mit denen ich angeregten Verkehr unterhielt, und mit denen ich nicht nur viel gemeinsame Wanderungen und Studien machte, sondern auch manchen guten Wein kostete. Unter diesen Männern war auch ein italienischer Monsignore, mit dem mich eine gewisse Seelenverwandtschaft verband. Er war ein glühender Freünd und Bewunderer seines Vaterlandes und Volkes. Er war von feinster Bil
dung, scharfem Verstände und großem, natürlichem Wohlwollen gegen mich. Oft hatten wir beide über das tragische Schicksal unserer beiden Völker gesprochen und über die gemeinsamen und doch wieder so verschiedenen Charaktereigenschaften der Deutschen und der Römer, beziehentlich Italiener. So waren wir auch einmal zusammen in der Peterskirche gewesen und hatten die Kuppel dieses Wunderbaues bestiegen. Wir hatten dort oben von den Cäsaren und Hohenstaufen, von Michelangelo und Goethe gesprochen. Wir unterhielten uns über Gutzkows bedeutenden Roman „Der Zauberer von Rom" und gerieten schließlich auf völlig metaphysische Gedankengänge: Zufall und Schicksal, Mensch und Volk, Welt und Gott.
Wie ich schon bemerkt habe, verband uns bei aller persönlicher Verschiedenheit eine gewisse Seelenverwandtschaft: wir waren beide durch und durch begeisterte Daterlandsfreunde und so kamen wir nach notwendigen inneren Gesehen wieder auf unsere beiden Völker und ihre Geschichte zurück. Als ich hierbei äußerte, daß ich nach der Formel suche, die das ständige Unglück der Deutschen trotz ihrer gewaltigen Kraft in geistiger und leiblicher Hinsicht erkläre, sagte er plötzlich tiefernst mit starker Betonung: „Ich werde Ihnen diese Formel zeigen, lassen Sie uns hinuntersteigen I"
Wir stiegen langsam hinunter und verließen die Peterskirche auf der Südseite, an dem Pfeiler, in dem die letzten Stuarts ihren einigen Schlaf schlafen, gegenüber der herrlichen Pieta von Michelangelo. Hier betraten wir einen kleinen Platz und standen vor dem alten katholischen Friedhof der Deutschen. Da sagte der Monsi- gnore, indem er mit der Hand nach der Inschrift über dem Friedhofstor wies: „Dort oben finden Sie die solange gesuchte, erschöpfende Formell" Ich blickte hinauf und las die folgenden drei Worte: „TeutonesinPace“.
Wie wenn ein Blitzstrahl in der Rächt die dunkle Landschaft plötzlich erleuchtet, so wurde mir mit einem Male das Rätsel unserer deutschen Geschichte, unser grausames, erbarmungsloses Schicksal klar: „Teutones in Pace'', das HÄßt ja: „Hier endlich haben die Deuts chen Frieden gefunden. Im Leben waren sie uneins!"
Der Monsignore mochte meine tiefe Erschütterung bemerkt haben: denn er sagte in ernstem aber herrlichem Ton zu mir. indem er mir die Hand drückte: „Die Formel ist metaphysischer Art. Sie erklärt Ihnen das unglückliche Geschick Ihres großen. herrlichen Volkes: die Ursache seines Schicksals ist die nur metaphysisch verständliche Zwietracht oder Uneinigkeit der Deutschen. Sie haben so viele herrliche, ja unvergleichliche Gaben, daß sie die Fesseln und Bande sprengen und sich gegenseitig hemmen. Würden die Deutschen außer allen ihren sonstigen Gaben auch den Sinn für Einigkeit haben, dann würden sie zu stark für die Harmonie der übrigen Welt fein und eine ewige Hegemonie über alle Erdteile besitzen. Das aber darf offensichtlich nicht fein; denn dann wäre Gott ungerecht gegen andere, ebenso edle Völker. Fremde sehen eben oft schärfer als wir selber. Die Deutschen wollen immer nicht sehen, daß nur sie selber überDeutsche siegen können. Aber trösten Sie sich mit dieser Erkenntnis: denn in ihr liegt auch ein metaphysischer Hinweis auf die Unzerstörbarkeit der deutschen Größe und Herrlichkeit!"
Diese kurze aber tiefsinnige Inschrift und die Worte des italienischen Priesters sind mir in unauslöschlicher Erinnerung geblieben. Sie begleiteten mich auf meiner ferneren Fahrt durch Italien: sie trösteten mich in Reapel in der Kirche Santa Maria del Carmine vor dem Grabmal des ung'ücklichen letzten Hohenstaufen Konradin. Sie begleiteten mich in die Heimat und wurden mir ein Geleitwort für mein weiteres Leben: Ueberall sah ich Uneinigkeit als Ursache deutscher Mißerfolge; überall aber auch emp
fand ich bei allen so überreichen und grausamen Schicksalsschlägen, die unser Volk inzwischen betroffen haben, meeresstille und unerschütterliche Zuversicht bei dem Gedanken, daß wir nur die Folgerung aus jener Belsazar-Inschrift auf dem dunklen Tor des Friedhofs der Deutschen in Rom zu ziehen brauchen, um am Ende aller Wider
stände und Feinde siegreich Herr zu werden. Bedenken wir Deutschen den metaphysischen Tiefsinn jener Inschrift und folgen wir ihrem Wink, dann kann es wieder Frühling werden in deutschen Landen! Dann stehen wir nicht am Ende der deutschen Geschichte, sondern am Anfang unseres Aufstieges.
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In dem Pariser Borort Antony durchschlug ein abgestürztes Militär-Flugzeug ein Wohnhaus, das dadurch in Brand gesteckt wurde. Der Pilot und <eine Hausbewohnerin wurden getötet, wertere 19 Personen verletzt. — Unser Bild zeigt die Brandruine des Pariser Wohnhauses mit den verkohlten Trümmern des Militär-Flugzeugs (rechts).
Weihnacht«- und Neujahrswunsch des Gießener Handwerks.
Von Stadtraismitglied W. Loeber, Vorsitzender des Ortsgewerbevereins Gießen.
Die Not im Handwerk unserer Stadt ist sehr groß. Dor einigen Wochen habe ich in einer öffentlichen Sitzung des Stadtrats die Bürgerschaft aufgefordert, dem Elend im Handwerk durch Erteilung von Aufträgen entgegenzuwirken. Erfreulicherweise hat dieser Notruf in der Oeffentlichkeit Beachtung gefunden.
Mancher Handwerksmeister konnte in der letzten Zeit wenigstens etwas Arbeit wieder erhallen. Aber immer noch
kann und muß mehr als bisher geschehen,
um unserem Gießener Handwerk Arbeit und Berdien ft Möglichkeit zu schaffen. Wenn das Handwerk zu tun hat, finden auch Handwerksgesellen, Lehrlinge und andere Arbeiter wieder Beschäftigung. Um die Wirtschaft vom Handwerk aus wieder zu beleben, richte ich angesichts von Weihnachten, dem Fest der Liebe und im Hinblick auf den Beginn eines neuen Jahres die dringende Bille an die Gießener Bürgerschaft und alle Behörden:
Schafft unserem Handwerk Arbeit, gebt ben Handwerksmeistern Aufträge.
In städtischen und in privaten Häusern gibt es sicherlich noch viel Arbeitsmöglichkeit, die vom Hausbesitzer oder vom Mieter zu vergeben sind. Viole Familien werden Bedarf an mancherlei Sachen haben, die vom Handwerk hergestellt oder repariert werden können. Jedermann sehe sich in seinem Hause oder in seiner Wohnung einmal um! Niemand zögere, dem Handwerk gerade jetzt im Winter diese Möglichkeit zur Arbeit zu bieten!
Wer diesem Notruf Folge leistet, wird vielen Handwerker und Arbeiterfamilien den Schluß dieses Notjahres und den Anfang des neuen Jahres leichter machen, gleichzeitig aber auch die Belebuna der Wirtschaft und damit das Allgemeinwohl fördern. Darum noch einmal:
Mitbürger, mindert die Rot des Handwerks in unserer Stadt durch Arbeitsbeschaffung.
Schöne Bescherung.
Von Charlie Roettinghoff
Großmama, Papa, Mama, Tante Erna und Fritzchen sitzen unter'm strahlenden Weihnachtsbaum. Großmama vergießt die obligate Weihnachtsträne. Papa und Mama haben sich an den Händen gefaßt und blicken herunter auf Fritzchen: der Junge ist ihr ganzer Stolz und ihre ganze Freude. Fritzchen ignoriert alle anderen Geschenke und bastelt an der Dampfmaschine herum, die Onkel Eberhardt, Mamas Bruder aus Halberstadt, geschickt hat.
„Jetzt wollen mir sie aber anmachenschreit Fritzchen.
„Jawohl, mein Junge", sagte Papa.
„Aber bitte vorsichtig mit dem Feuer!" bittet Mama.
,^Jch kann solche Sachen mit Feuer und mit Dampf nicht leiden!", sagt Großmama. „Zu meiner Zeit, da haben die Knaben mit Zinnsoldaten gespielt, da tonnte nichts passieren."
„Wir leben in einer anderen, in einer modernen, in einer technischen Zeit!" sagt Papa nicht ohne Triumph. „Da ist ja kein «piritus drin. Haben mir Spiritus im Haufe?"
Papa, Mama, Tante Erna und Fritzchen wan- bern in die Küche und fragen das Mädchen Alma, ob Spiritus im Hause märe. Nein, aber Benzin ist da. Dann nehmen mir Benzin; meint Papa. Zurück ins Wohnzimmer.
„Benzin kann in die Lust fliegen!" warnt Tante Erna.
Papa füllt Benzin in die Dampfmaschine, gießt sich die Hälfte auf die neue Weste.
„Du kannst auch in die Luft fliegen!" sagt er zu Tante Erna. „Wo sind die Streichhölzer?^
„Ich kann Sachen mit Benzin nicht leiden", sagt Großmama.
Die Flamme brennt unter dem Dampfkessel. Fritzchen klatscht in die Hände. Es riecht ein wenig nach angesengtem Lack.
„Erwin hat 'ne Elektrische", sagt Fritzchen. „Was ist da der Unterschied, V „pa?"
„Der Unterschied zwischen einer elektrischen Maschine und einer Dampfmaschine, mein Junge? Das ist ganz einfad). Während bei der elektrischen die oadje durck Strom betrieben wird, wird bei der Dampfmaschine die Kraft des Wafsebdamjifes — haft mal, um Gottes willen, ihr habt ja kein Wasser in den Kessel getan! AuÄöschen! Schnell, schnell!!!"
Alles kniet um die Dampfmaschine herum, i pustet — aber die Flamme ist nicht totzukriegen. I Die Gestatt der Dampfmaschine verändert ihre | Form. Sie biegt sich, wie eine Bauchtänzerin.
,Hch habe es gleich gesagt", sagt Großmama.
„Um Himmels willen!" schreit Mama, „eine Explosion!"
,^Jch hole den Portier!" kreischt Tante Erna.
„Hattet doch den Mund!" schreit Papa und pustet, ohne der Flamme etwas anhaben zu können. „Das komntt davon, wenn irgendein Idiot aus der Familie einem Kinde so einen Quatsch schenkt!"
„Du wirst doch nicht behaupten, daß Eberhardt ..."
„Natürlich behaupte ich, daß dein Bruder ..."
,r3u meiner Zeit spielten Knaben mit ..."
„Pappi, guck doch! Die biegt sich! Fein! Feiäännnnnnü"
.Halt den Mund, dummer Bengel! Ja, holt denn niemand eine Decke, zum Donnerwetter nochmal!! Sind mir denn hier in einer Jdiotenanstalt, daß fein Mensch daran denkt, daß in eine Dampfmaschine Wasser reingehört!"
„2lber du hast ja selbst nicht ..."
,Zch, ich! Immer alles ich? Ich habe an andere Sachen zu denken! Na, dein Bruder kann sich auf meinen Brief freuen!!!"
„Pappa, sieh doch mal, die biegt sich! . . ."
„Hermann, Hermann!!! Gießt doch der Mann Wasser übers frisch gebohnerte Parkett'.!! Mein Gott! ..."
„Die Feuerwehr hätte weniger Rücksicht genommen! So! Jetzt raus mit dem Gerümpel! Wenn dein Bruder noch einmal mein Haus betritt, kann er was erleben! Schweinerei, meine Hosen sind auch hin!!!"
,Lu meiner Zeit spielten Knaben mit Zinnsoldaten!"
„Soll ich den Portier...?"
„Mein Teppich, mein Parkett!"
„Pappi, zünden wie sie nochmal an?" ...
„Fräulein, bitte Zentrum achtundachtzig — ad)t= undachtzig — Herrn Rechtsanwall, bitte! — Entschuldigen Sie, Herr Doktor, wenn ich am Helligen Abend störe. Es handelt sich um böswillige Sachbeschädigung unter Borschiebung eines Geschenkes an einen Minderjährigen. Der Beklagte lebt in Halberstadt ... Teppich und Fußbodenbelag sind hin, ein paar Herrenhosen, eine Weste ... Nein, ich gehe bis ans Reichsgericht! ..."
Dom großen plumpudding.
Während sich bei uns der Plumpudding erst allmählich als willkommene Bereicherung des Weih- nachtsllsches einbürgert, können sich die Engländer ein Christfest ohne ihn ebensowenig wie ohne einen Mistelzweig denken. Selbst auf dem bescheidenen Tische des kleinen Mannes darf beim Festmahl ine kräftig nach Rum duftende, vom Schein einer bläulichen Flamme geheimnisvoll umspielte Kugel nicht fehlen. Die Geschichte dieses englischen Nationalgerichtes weist manche lustige Episode auf. Das 18. Jahrhundert liebte es, das Weihnachtsfest mit Riesenplumpuddings zu feiern. Der größte Plumpudding, der jemals in einer englischen Küche bereitet wurde, mar das Ungetüm, das die Rote Löweninnung von Southwark 1718 herstellte. Er wog, wie berichtet wird, nicht weniger als 1000 Pfund, und zu feiner Bereitung mußte ein befon- iverer riefiger Kupferkessel erst angefertigt werden. Als der Ämtsvogt James Austin, der als Sachverständiger zugezogen wurde, das Urteil abgab, daß der Pudding nun gar wäre, wurde er in feierlichem Zuge auf einem von Eseln gezogenen Wagen zur Schenke des Ortes gebracht. Eine Musikkapelle, deren Instrumente in ihrer Größe den Dimensionen des Puddings angepaßt mar — die große Trommel hatte nicht weniger als Fuß Länge —Lab ihm das Ehrengeleit. Urwrünglich hatte der Spender des Puddings, Sir James Austin, die Absicht gehabt, das Gericht im Kreise seiner Freunde und Bekannten zu verspeisen, aber die Bolksmenge, die durck) den appetitlichen Anblick des Kuchens herbeigelockt worden mar, mar nicht gesonnen, sich mit der Rolle von Zuschauern zu begnügen; sie bemächtigte sich des Puddings, und so groß er auch mar, es blieb nichts von ihm übrig. Derselbe Austin, der sick) offenbar als Mäzen bernähren rnollte, setzte ein andermal einen Preis von 2000 Mark aus für den, der die Kunst zustande brächte, unter dem Spiegel der Themse einen solchen Pudding zu kochen. Einem Schlaukopf gelang es, den Preis davonzutragen: er steckte nämlich den in einer Zinkschachtel befindlichen Plumpudding in einen Sack mit Kalk und versenkte diese Ladung in die Tiefe der Themse. Drei Stunden später wurde der Sack wieder empor- gezogen, und es zeigte sich, daß der auf so seltsame Weise gekochte Plumpudding nicht nur gar, sondern auch von vorzüglichem Gesck-mack war. Unter den berühmten Puddings darf auch der nicht vergessen werden, den der Amtmann von Port zum Regierungs-Jubiläum Georgs III. stiftete. Er wog aufs Gramm genau 500 Pfund, 10 Pfund für jedes
Regierungssahr des Herrschers, und er bildete den Preis bei einem Wettessen, an dem sich Gruppen von je sechs Bielessern beteiligten. Die Gruppe nämlich, die bei einem Wettessen die größte Menge von Kutteln verzehren würde, sollte als Lohn für ihre Leistung den Riesenpudding erhalten. Sechs Fischer waren schließlich die Glücklichen, denen er guftel.
Kleine Weihnachisgeschichte.
Von Hans Riebau.
Ter Stammtisch tm „Grauen Esel" erzählt Geschichten. Sehr lustige und sehr deullich« Geschichten mit wundervollen Pointen.
„Kennt Ihr schon die Sache von der blonden Seemannsfrau?" fragt Kap'tän Klaus.
Tie Tafelrunde schüttelt die Köpfe.
„Tja", fährt Kap'tän Klaus fort, „bat war so: oben auf dem Teich steht ein Fischerhaus. Aus dem Fenster guckt die blonde Frau des Fischers. Sie hat rotgeweinte Augen. Tenn heute ist Heiliger Abend. Ihr Mann ist noch nicht zurück. Auf See aber ist Sturm, Windstärke zwölf, jawoll. Der Gischt spritzt bis auf den Deich. Um den Schornstein pfeift und heult es. Tas Barometer fällt unb fällt, und noch ist keine Spur von dem Fischer und seinem Boot zu entdecken.
Die Frau weint. Dann starrt sie wieder aus dem Fenster. Aber nichts ist zu sehen. Die Kinder sitzen mit blassen Gesichtern am Dsch. Es wird dunkel. Jetzt müßte der Weihnachtsbaum ange- zündet werden. Ein Wintergewitter zieht heraus. Tlihe zucken. Die Frau starrt weiter aus dem Fenster, bis die Augen schmerzen. Richts — Kap'tän Klaus seufzt. „Richts —.
Plötzlich geht die Tür auf und der Fischer tritt ins Zimmer. Tie Frau fliegt in feine Arme und es ist alles wieder gut.“
Kap'tän Klaus schweiot.
„Ra und —?" fragt Steuermann Harms. „Was dann?"
„Weiter nichts", sagt Klaus.
„Aber die Geschichte hat doch gar keine Pointe", räsonniert der Stammtisch. „Und außerdem: Wenn die Frau dauernd aus dem Fenster guckt, hätte fte doch ihren Mann und das Boot kommen sehen müssen.“
„Das ist es ja eben“, sagt Kap'tän Klaus unb nimmt sein Glas, „die Frau hat nach der Land- seite hin aus dem Fenster geguckt."


