Ausgabe 
25.7.1932 Frühausgabe
 
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Aus der provinzialhaupiffadt.

Gießen, den 25. 3uli 1932.

Der grüne Knollenblätterpilz

unser gefährlichster Giftpilz.

Don der Deutschen Gesellschaft für Pilzkunde wird uns geschrieben:

Die Kenntnis dieses gefährlichsten Giftpilzes ist leider noch viel zu wenig verbreitet. Durch die alljährlich wiederkehrenden Pilzvergiftungen wird dies bewiesen. Der grüne Knollenblätterpilz ist dabet der Hauptübeltäter. Auf sein Schuldkonto sind die meisten tödlich ausgehenden Dilzvergif- tun gen zu verbuchen. manchen Jahren muh­ten durch die Vergiftung mit dem gefährlichen Knollenblätterpilz bis zu 100 Todesfälle ver­zeichnet werden.

Sein Hut ist gelblich bis grünlich, meist etwas faserig geflammt: er kann aber auch ganz weiblich vorkommen und somit Anlaß geben zu einer leicht­sinnigen Verwechslung mit dem Champignon. Blätter, Fleisch und Stiel des Knollenblätter- schwammes sind weißlich. Der Stiel ist zuweilen etwas gelb-grünlich getönt. Das wichtigste Merk­mal des Knollenblätterpilzes ist der Knollen am Stielgrund, oft allerdings ganz unsichtbar, weil er mehr oder weniger in den Boden eingesenkt ist. Die weißlichen Hautfetzen am Rande des Knollens umschließen in der Jugend den ganzen Pilz. Diese Iugendformen des Knollenblätterpilzes sind ganz weiß und kommen ähnlich wie Boviste aus dem Bo dem In seinem oberen Teil trügt der Stiel einen herabhängenden Weißen Rina, welcher als Schleier die Blätter in der Jugend schützend über­spannt. Der ganze Pilz wird gewöhnlich unge­fähr 1012 Zentimeter breit und ebenso hoch. Der Geruch dieses gefährlichsten Giftpilzes ist honig­artig-süßlich, bisweilen widerlich-süßlich, aber nicht unangenehm kartoffelkeimartig, wie das meistens angegeben wird. Der grüne Knollenblät­terpilz wächst im Laubwald, besonders unter Eichen.

Eine Verwechslung des grünen Knollenbätterpilzes z. B. mit dem Champignon, dem Grünling oder mit grünen Täublingen kann nur durch gröblichen Leichtsinn entstehen. Der Champignon ist leicht an den anfangs rosa, zuletzt dunkebschokoladebraun wer­denden Blättern auf der Hutunterseite zu erkennen. Eine knollige Scheide am Stielgrund fehlt ihm: der Geruch der Ct;ampignonarten ist angenehm würzig, öfters anisartig. Der im Kiefernwald vorkommende Grünling ist sofort kenntlich an seiner mehr oder weniger gelben Farbe in allen Teilen: knollige Scheide und Ring fehlen ihm gänzlich, wie dies auch bei den Täublingen der Fall ist. Eßbare grüne Täublinge sollte nur der Kenner sammeln.

Nach dem Bericht der medizinischen Fachkommis, non der Deutschen Gesellschaft für Pilzkunde kann eine Gabelspitze voll vom grünen Knollenblätter­schwamm den Tod herbeiführen. Die Gefährlich­keit ist deshalb so außerordentlich, weil die Giftwir­kung sich erst nach 6 bis 40 Stunden, meist mit Er­brechen und Durchfall, äußert. Bei den geringsten Anzeichen einer Pilzvergiftung sollte man für so­fortige gründliche Entlee^umg von Magen und Darm durch Brech- und Abführmittel sorgen, wie auch für sofortige ärztliche Hilfe. Man hüte sich vor allen ähn­lichen Pilzen, die eine Knollenfcheide am Stielgrund besitzen. Es gibt bei uns noch eine ganze Reihe von anderen Knollenblätterpilzarten, die zum Teil eben­falls sehr giftig sind (Fliegenpilz, Pantherpilz usw.).

Nur solche Pilze darf man essen, b i e man ganz genau und als unschädlich kennt. 9m Zweifelsfalle wende man sich an die nächste Pilzberatungsstelle oder an die Deutsche Ge­sellschaft für Pilzkunde, Darmstadt (Hessische Landes­stelle für Pilz- und Hausschwamm-Beratung).

Um die Kenntnis des grünen Knollenblätterpilzes weitest gehend zu verbreiten, hat die Schriftleitung derZeitschrift für Pilzkranke" in Darmstadt eine reichsbehördlich empfohlene bunte Wandtafel dieses gefährlichsten Giftpilzes herausgebracht und für den Aushang in vielen deutschen Bahnhöfen gesorgt.

Alle vorkommenden Pilzvergiftungen wolle man sofort an die medizinische Fachkommission der Deut­schen Gesellschaft für Pilzkunde (Dr. med. Wels- mann, Pelkum bei Hamm in Westfalen) oder an die Deutsche Gesellschaft für Pilzkunde in Darmstadt mitteilen, da alle solche Fälle von derselben mit Un­terstützung durch das Reichsgesundheitsamt gesam­melt und wissenschaftlich bearbeitet werden.

** Personalien vom Vermessungs­amt. Auf ihr Nachsuchen wurden die Vermessungs- räte Georg K n a p p zu Gießen und Karl Lichten­fels zu Grünberg mit Wirkung vom 1. August ab in den Ruhestand versetzt.

** Wi «viel Deutsche wählen am 31. Juli? Ueber die mutmaßliche Zahl der Stimmberechtigten am 31. Juli wird der Kölnischen Zeitung von sachverständiger Seite mitgeteilt: Die Zahl der Stimmberechtigten in der Zeit zwischen dem 1. und 2. Wahlgang der Reichspräjidentenwahl dieses Jahres (28 Tage) ist von 43 934 481 um 112 360 auf 44 046 481 gestiegen. Auf einen Tag umgerechnet beträgt die Steigerung 4 013 Stimm­berechtigte. Hiernach würde die Zahl der Stimmbe­rechtigten in der Zeit vom 11. April bis 31. Juli (112 Tage) um 4013 mal 112 = 449 456 Stimm- berechtigte auf 44 496 279 oder rund 44 500 000 steigen.

Das Gängerbllndesfefl.

Volksdeutsche Kundgebung.

WSR. F r a n k f u r t a. M., 23. Juli. Nachdem schon gestern abend in der Festhalle eine macht­volle Volksdeutsche Weihestunde stattgefunden hatte, wurde heute vormittag in dec historischen Paulskirche eine Volksdeutsche Kund­gebung veranstaltet, die In der Hauptsache von Auslanddeutschen besucht war. Vach einem Orgel­vortrag (Bach: Fantasie und Fuge O-Moll) sprach

Dr. Hermann Ullmann (Berlin) überDeutsches Schicksal Volks­deutsche Zukunft". Er gab zunächst einen Rückblick auf die Gestaltung des deutschen Reiches seit der Kaiserkrönung in Frank­furt a. M. auf die Gestaltung des deutschen Volkes und der deutschen Einheit. Im Weltkrieg ent­deckte sich das deutsche Volk neu, bas Rational­gefühl wurde neu geboren. Aber mit dem Frie- densschluh wurde das deutsche Volk wieder aus- einandevgerissen. In einem Dutzend Staaten ha­ben wir Heimatsrechte, doch überall lebt die Sovge um die Muttersprache, das deutsche Lied, die Schulen usw. Die Jugend sieht die Zukunft bedroht. Sehnsucht nach Führung und Autorität beherrscht die junge Generation und wird nicht befriedigt. Es scheint, als ob niemand den im Ausland lauernden Feind sieht, der danach trach­tet, Deutschland vollends auf den Boden zu wer­fen. Die Aus landdeutschen, deren Blick nicht durch Bruderkämpfe verschleiert ist, sehen die Gefahr basser. Das deutsche Volk, trotz seiner ruhmreichen Geschichte und seiner schöpferischen Betätigung auf kulturellem Gebiet, hat aber noch nicht gesprochen.

21 bg. Dr. Hans Otto Rolh (Siebenbürgen) sprach bann zu bem ThemaVolksdeutscher Bekenntni s". Er schilderte namnetlich das In­teresse, daß die Ausländsdeutschen an der politischen Entwicklung in Deutschland nehmen und immer ge­nommen haben. Ein starkes Deutschland bedeutete auch für sie ein starkes Auslandsdeutschtum. Seit 1918 erst mache sich eine neue Entwicklung bemerk­bar. Machtvoll werfe sich die Frage nach der großen deutschen Volksgemeinschaft auf. Ein Riß gehe durch das deutsche Volk, entscheidende Fragen stehen vor uns. Wird das deutsche Volk jetzt seine Aufgabe er­füllen? Der deutsche Mensch ist in Aufruhr! Möge er nicht vergessen daß unser aller Zeit die Nation ist.

Mit dem Gesang des Niederländischen Dankge­betes schloß die Kundgebung.

Oie Hauptlonzerie.

Das erste große Hauptkonzert vereinigte am Samstagvormittag die Sänger der Bünde aus dem Ausland, sowie der Bünde Baden, Hannover, Nassau, Ostpreußen und Pfalz. Ein äußerst zahl­reiches Publikum lauschte mit Begeisterung den Vor­trägen der rund 8000 Sänger und dankte oftmals mit nicht endenwollendem Beifall. Die Leitung der Gesamtchöre hatte Prof. Fritz Gamble inr.e. Die Begrüßungsansprache hielt der Präsident des Deut­schen Sängerbundes, Geh.-Rat H a m m e r s ch m i d t. Den Mittelpunkt seiner Rede bildete die Verleihung der Ehrenmitgliedsdmst des Bundes an die Pfälzische Liedertafel, deren Gründer und erster Chormeister einer der großen deutschen Liederkomponisten, Fried­rich Zelter, war. Mit Einzelvorträgen trat zuerst der Pfälzische Sängerbund unter der tempe­ramentvollen Leitung seines Bundeschormeisters Christian O 11 (Zweibrücken) hervor. Die Einzelvör- träge des Badischen Sängerbundes waren durch die feinfühlige und abgerundete Stabführung von Bundeschormeister Karl Weidt (Mannheim) ausgezeichnet. Der SchlußchorLobet den Herrn" von Othegraven gab der ersten großen Sängerver­anstaltung einen mächtigen und weihevollen Ab­schluß.

Die große Frankfurter Festhalle war wieder fast bis auf den letzten Platz gefüllt, als am SamS-

tagnachmittag das zweite große Haupt­konzert seinen Anfang nahm. Rund 9000 Sän­ger, die von den Bünden Hessen, Nordmark, Pommern, Rheinprovinz, Schlesien, Schwaben und Westfalen gestellt wurden, füllten das mächtige Podium. 5>ie Leitung der Gesamtchöre lag bei Rudolf Hoffmann, Bochum, der eine sehr ab­gerundete Leistung vollbrachte und mit seiner Sängerschar stürmisch applaudiert wurde. Das Programm war diesmal sehr volkstümlich gehal­ten, einen breiten Raum nahm das deutsche Volkslied ein. Eine kurze Ansprache hielt der stell­vertretende BundeSvorsitzende Georg Brau­ner, Berlin. Mit Einzelvorträgen trat bei die­sem Konzert derSchwäbischeSängerbund unter Leitung von Dundeschormeister Wilhelm R a g e l, Ehlingen a. R., hervor. Den Abschluß der Programmfolge bildete ein großer Chor mit Blasorchester von Joseph Marx, .Morgengesang".

Gänger-Kundgebung im Stadion.

Um 18 Uhr versammelten sich bie Sänger zu einer großen Kundgebung im Frankfurter Stadion. Es mögen 30 000 Sänger und Freunde des Gesanges gewesen (ein, bie bie Frankfurter Sportstätte füllten. Unter Leitung bes ersten Staatskapellmeister Dr h. c. Robert Laugs (Kassett, des Vorsitzenden bes Mu- sikausschusses des Deutschen Sängerbundes, fangen etwa 20 000 Sänger das Bundeslied von C. F. Zel­ter.Sanctus" von Franz Schubert undHeimatge­bet" von Hugo Staun. Der Vorsitzende des Deutschen Sängerbundes, Dr. Karl Hammerschmidt, richtete eine packende Ansprache an die Sänger. Die Kundgebung solle beweisen, daß die deutsche Sänger­schaft auch in den Zeiten der Not und der wirtschaft­lichen Bedrängnis zu ihren Idealen stehe. Sie solle aber auch zeigen, daß die Grenzen der Staaten nicht zusammenfallen mit den Grenzen des Deutschtums. Mit erhobener Stimme forderte der Redner die Zehn­tausende auf, Treue zu geloben für das deutsche Lied und das deutsche Volksrum. Mit erhobenen Händen legte die Sängerschaft dieses Treugelöbnis ab, und mächtig brauste zum Schluß das Heil für das deutsche Lied und Vaterland zum Himmel empor. Das Deutschlandlied beendete die Kundgebung.

Kundgebung

des Hessischen Sängerbundes.

Zu einem machtvollen Treuegelöbnis für das deutsche Lied gestaltete sich die große Kund­gebung des HessischenSängerbundes am Samstagabend auf dem Börsenplatz. Rach Einbruch der Dunkelheit bewegte sich ein von der hessischen Sängerschaft gebildeter imposanter Fackelzug von der Festhalle durch die Haupt­straßen der Feststadt nach dem Börsenplatz. Auf dem Wege dorthin hatten viele Tausende von Schaulustigen Aufstellung genommen, und auch die für den am Sonntag stattfindenden Festzug errichteten Tribünen waren bis auf den letzten Platz besetzt. Auf dem Börsenplatz richtete der Vorsitzende des Hessischen Sängerbundes, Mini­sterialrat Dr. S i e g e r t, herzliche Worte der Begrüßung an die Sängerschaft und an die Be­wohner der Feststadt. Er zog einen Vergleich mit den früheren deutschen Sängerbundesfesten und kam au dem Schluß, daß trotz der großen Rot des deutschen Volkes sich das 11. Deutsche Sängerbundesfest seinen Vorgängern würdig an die Seite stellen könne. Er ermahnte die Sänger, kräftig mitzuarbeiten an dem Wiederaufstieg des deutschen Volkes. Unter der Stabführung des Bundeschormeisters O. Raumann trug dann die hessische Sängerschaft verschiedene Chöre vor, die von der gewaltigen Menschenmenge, die sich auf und um den Börsenplatz eingefunden hatte, mit stürmischem Applaus belohnt wurden. Rach der Kundgebung zog der größte Teil der hessi­schen Sänger wieder im Fackelzug nach der Fest­halle. andere marschierten in kleineren Abteilun­gen nach ihren Quartieren.

Zweimal eine halbe Stunde:MleMche"!

Wovon Vertreter im Wartezimmer sprechen ...

Don Heinz JRofen.

Als mich mein Freund, der Stadtvertreter, auf­fordert, ihn auf feiner Tour zu begleiten, nur zu bem Zweck, in den Wartezimmern, die bie verschie­denen Firmen am Offertentag für dieD e r k a u f s- tanonen", die »Klasfeakguisiteure" und dieK l i n k e n p u tz e r" und dieStadt- latsche" bereitfteüen, deren Gespräche zu belau­fen, greife ich freudig zu.

Ich bin allerdings erstaunt, als mich mein Freund bereits um 6 Uhr früh aus dem Bett trom­melt.3a, das ist nun mal so", erklärt er,wer zu­erst in der .Klinkenlatsche" erscheint, ist nicht ge­nötigt, stundenlang auf Abfertigung zu warten!"

Immerhin, dank meinem Säumen, wird es halb neun, als wir dieKlinkenlatsche", das Vertreter­wartezimmer eines Lebensmittelkonzerns im Ber­liner Norden betreten.

Hier ist bereits Hochbetrieb. Ich sehe mich in bem kleinen Raum, der intensiv nach abgestandenem Zi­garrenrauch duftet, um. Es ist eine ziemliche Zu­mutung, in diesem Verließ zwölf, ja, unter Um­ständen zwanzig Herren oft stundenlang warten zu lassen. Die Stimmung ist daher die denkbar schlech­teste! Mein Freund wird nichtsdestotrotz mit lautem Halloh begrüßt. Ich,der Novize", drücke mich still in den Winkel und lausche!

Der Chef dieser Firma scheint so etwas wie ein Konglomerat aus sämtlichen schiech- ten Eigenschaften zu (ein. Er wird hier in der Klinkenlatsche nurI 1" genannt, seine Frau, die gleichfalls dem Vernehmen nach ein süßes Stückchen Malheur sein muß,I 2" während eine weibliche PersönlichkeitP 3" geradezu ein Engel an (Ein« fidjtjein muß, offenbar die Lagerchefin!

W i e fessele ich meinen Man n?I" ist heute mehr denn je die Losung bei den Vertretern. Ränke und Schliche müssen ersonnen werden, um den Mann zupacken" und so zufesseln", daß er nichtabspringt"! Einer, ein dicker, grundgemütlich aussehender, kleiner Herr, erzählt:... werde ich doch fuchsteufelswild, als mir X 2 sagen läßt, X 1 fei' für mich nicht zu sprechen! Siebenmal war ich herkarriolt, um nun so abgewiesen zu werden. Ich runter, treffe P 3 auf der Treppe. .Bestellen Sie der Chefin einen schönen Gruß', sag ich, .und ich laß ihr sagen, ich bin kein schönes Mädchen, sie braucht nicht so auf ihren Mann aufzupassen!' In dem Mo­ment kommt X 1 die Treppe hinauf, mustert mich ängstlich, fragt bann, als ich weitergehe, '}) 3 nach meinem Namen. Am nächsten Tage habe ich mei­nen Auftrag per Post im Haus. Die Herr- schäften sind meine Dauerkunden! Na, ich bin nicht so ein furchtsames Gemüt wie X 1, dieser alte Sünder! Hab ja auch keinen Drachen zu Hause, den ich zu fürchten habe!"

Inzwischen ist die Luft unerträglich geworden. Es ist eine Nichtachtung ohnegleichen, abhängige Men­schen so zusammenzupferchen!

Ein Scherzbold läßt sich vernehmen:Wenn Sie am Kurfürstendamm ein echtes Fünfmarkstück für vier Mark fünfzig verkaufen wollen, es wird Ihnen keiner abkaufen!" ???Weil keiner mehr soviel Geld hat!" Mein Freund kann nicht länger warten. Er

ist noch zu einer anderen Firma bestellt. Ich fange einen vorwurfsvollen Blick auf: Warum hast du so getrödelt!! Wir gehen. Der Scherzbold ruft uns nach: Also schicken Sie die Ware wie vereinbart! Sie wissen ja: sofortige Kasse! Und heißen Dank für Ihre persönliche Bemühung!"

Wieder an der Luft. Uff!Sag mal, ist das über­all so?"Du wirst dich wundern!"

Es ist halb zwölf geworden, als wir dieKlinken- latsche" eines Konzerns am anderen Ende der Stadt betreten. Welch ein Unterschied. Drei große, vor­nehm tapezierte Warteräume mit Perserteppichen, alten Stichen und Radierungen an den Wänden, mit Klubsofas und Gobelinsesseln, mit- gefüllten (!) Zi« garettentaften, Aschenbechern und modernen Zeit­schriften! In jedem der drei Klinkenlatschen Haus­telephon und Diktavhon. Ueber dem Eingang Signal­buchstaben, die aufflammen und verebben. Herr Weißnichtwie ist beschäftigt! Herr Werdichwas läßt bitten! Hier ist auch die Stimmung eine ganz an­dere. Man spricht hier nicht von den Direktoren in Buchstaben und Zahlen, sondern nennt sie bei Namen!

Aber so anheimelnd das Milieu, so liebenswürdig die Auskünfte des schönen Anmeldefräuleins sind, um so schwieriger ist es offenbar, hier einen Ab­schluß zu machen! Der Unterschied zwischen der ersten und dieserKlinkenlatsche" ist eben vornehmlich Der, daß hier die Abweisungen auf eine aalglatte, höfliche Weise erfolgen!

Einer der anwesenden Vertreter, offenbar eine Verkaufskanone ganz großen Formats (für den man die BezeichnungKlinkenlatsche" inKanonenrohr" umtaufen müßte), berichtet von den Tricks der lieben Konkurrenz, in den Besitz von Fabri­kationsgeheimnissen zu gelangen.Einmal nur bin ich hereingefallen", sagt eraber gründlich! Das war in derKlinke" einer Firma, deren Inhaber sich jeden Vorschlag anhören und wo man entsprechend lange warten muß! Ich mache Sprach, so, wie ich ja nie lange warten kann! Und tatsächlich erscheint ein Herr, begrüßt mich,ah, sehr erfreut!", bugsiert mich in ein anderes Wartezimmer, das auffallend leer ist und horcht mich nach allen Regeln der Kunst aus. Ich war offenbar angeblöbet, denn ich gab ihm alle Geheimnisse preis! Dann verabschiedete er sich hastig, verspricht, mir den Auftrag hineinzu- schicken. Ich warte. Nichts! Melde mich wieder an. Werde empfangen. Kein Mensch weiß von dieser Begegnung, kennt auch nur meinen Partner dem Aussehen nach, kein Mensch weiß, daß ich im Warte­zimmer der Ueberseekunden gewesen bin. Das war ein Spion und beileibe kein Vertreter! Kein An« gehöriger unseres Standes würde sich je dazu her- geoen! Ich bin ihm nie wieder in einer ,Klinke" begegnet!"

Da es nun bald so weit ist, daß ich nach meinem Begehr gefragt werde, verabschiede ich mich und gehe ... Zwei halbe Stunden aus dem täglichen Kampf ums Geschäft und um die Existenz ... und eine Galerie von abgearbeiteten, müden Gesichtern, vor die erst im gegebenen Moment die obligate Maske bes aufgekratzten Vertreters gestülpt wird...

Buntes

Oie schöne Susi.

Tie Berliner Polizei hat wieder eine Rauschgift­zentral« ermittelt, von der die Lebewelt des Ber­liner Westens mit Kokain versorgt wurde. In einer stillen Straße des Westens befindet sich eine Bar, die hauptsächlich von Künstlern, Filmleuten usw. besucht wurde. Als Bardame fungierte Hanna Busch, allgemein dief chöne Susi" genannt. Es wurde angenommen, daß die schöne Susi die Attraktion der Bar war, die jene merkwürdige Zugkraft ausübte. In Wirklichkeit aber konnte man in der Bar Kokain erhalten und daher der rege Besuch. Die schöne Susi stand mit dem Russen Rodstein, einem berüchtigten Hochstapler, Falsch­spieler und Wechselfälscher, in Verbindung, der der Lieferant des Rauschgiftes war. Rodstein hatte sich in seiner Wohnung ein Geheimtelephon an­legen lassen. Die Rümmer kannte nur die schöne Susi, die von der Bar aus die Bestellungen für Kokain unter einem bestimmten Stichwort an Rod­stein übermittelte. Erst nach langwierigen Ermitt­lungen und Beobachtungen gelang der Kriminal­polizei die Aufklärung der Qlffäre. Rodstein arbei­tete mit großer Vorsicht. Wenn er in die Bar ging, oder von dort zurückkam, machte er erst stunden­lange älmwege, um etwaige Verfolger uno Be­obachter irre zu führen.

Die Angelegenheit beweist wieder, daß der Rauschgifthandel trotz aller behördlichen Ünter- drückungsmaßnahmen nicht auszurotten ist. Immer finden sich Menschen, die für das gefährliche Laster den Stofs liefern. Die Beschaffung der Droge be­reitet den Schiebern erhebliche Schwierigkeiten. Früher wurde das Kokain hauptsächlich aus Paris bezogen. Infolge der Devisenkontrolle ist der Bezug aus dem Ausland so gut wie unmöglich geworden. Der Bedarf kann nur aus inländischen Vorräten gedeckt werden. Rach Ansicht der Polizei sind die Vorräte noch sehr groß und werden durch die vielen Einbrüche in Apotheken ergänzt. Die Schwierigkeiten der Reubeschasfung zwingen jedoch die Händler zur Rationalisierung. Dies hat das eine Gute, daß dem Koka in schnupfen eine gewisse Grenze gesetzt ist. Der Kokainist bekommt nur ganz minderwertige Mischungen zu kaufen, wenn nicht überhaupt nur irgendein harmloses Schlafpulver.

Lehensstatistik eines Sonderlings.

Ein 80jähriger Sonderling hat feine Lebe..s- geschichte verfaßt. Dabei kam er zu folgendem Resultat seines Lebens: Schlafen und Ankleiden: 26 Jahre, 312 Tage, 18 Stunden und 22 Minu­ten. Arbeit: 21 Jahre, 95 Tage, 14 Stunden und 40 Minuten. Schlechte Laune und Aerger: 6 Jahre, 116 Tage, 14 Stunden 40 Minuten. Essen und Trinken: 5 Jahre, 346 Tage, 16 Stunden und 45 Minuten. Liebe: 4 Jahre, 39 Tage, 8 Stun­den und 27 Minuten. Ferien: 4 Jahre, 12 Tage, 15 Stunden unb 3 Minuten. Reisen: 3 Jahre, 273 Tage, 18 Stunben und 24 Minuten. Zeitungslesen: 1 Jahr, 243 Tage, 7 Stunden und 18 Minuten. Ra­sieren: 228 Tage, 2 Stunden und 52 Minuten. Schuhe anziehen: 39 Tage, 19 Stunden und 18 Mi­nuten."

Nach der Uhr hat der Mann 30 Tage lang fernes Lebens geschaut. Das Aufschließen feiner Haus- türe kostete ihm 28 Tage, das Einstecken bes Feder- Halters und Füllbleis 21 Tage, b.s Binden der Kra- watten 18 Tage. 18 Tage hat er auch tm Theater zugebracht, 12 Tage lang brauchte er, um feine

Allerlei.

dicken Zigarren anzuzünden und 13 Tage lang hat er seine Nase geschnäuzt. 12 Tage lang mußte er seinen Kragenknopf suchen, fünf Tage raubte ihm bas Reinigen seines Kneifers und wieder fünf Tage , opferte er dem wohligen Gähnen. Für Kinderer­ziehung hat er 26 Tage gebraucht, für die Er- ziehung von Hunden zwei läge. Zum Schluß erfährt man noch, daß der Biedere in feinem Leben auch ge­lacht hat: einen Tag, 22 Stunden und 3 Minuten. Wie lange er gebraucht hat, um alles das auszu­rechnen, darüber hat der gute Alte leider nicht nach­gedacht. Er hat uns auch nicht verraten, weshalb er sechs Jahre lang sich geärgert hat, aber die Rech­nung mag schon stimmen, wenn er für Liebe vier Jahre und für Zeitungslesen fast zwei Jahre in Rechnung gestellt hat.

Allzuviel ist ungesund.

Der englische Schriftsteller Stephen Leacock, der kürzlich ein Buch über seine Reisen in Ruß­land veröffentlicht hat, erzählt eine Geschichte, die, wenn nicht wahr, doch jedenfalls gut er­funden ist. Sie handelt von einem kaukasischen Ingenieur, der nach Rußland kam, um hier unter dem Fünfjahr-Plan einen riesigen Brut­apparat aufzustellen, durch den die Hühnerzucht in gewaltigem Ausmaß gefördert werden sollte. Der Apparat funktionierte unter der Aufsicht des Erbauers tadellos und brachte aus 50 000 Eiern nicht weniger als 49 700 Küken hervor. Als er aber auf Befehl von Moskau hin die Bedienung einem russischen Aufseher übergeben hatte, wollte dieser die Sache noch besser machen und durch Erhöhung der Temperatur das Drut- gcschäft beschleunigen. Da zeigte sich wieder ein­mal, daß allzuviel ungesund ist. Anstatt des erwarteten Küken-Segens bestand nämlich das Ergebnis, das der Apparat hervorbrachte, in 50 000 hartgekochten Eiern.

Kampf zwischen Brillenschlangen.

Die Königs-Kobra des Rcuyorker Dronx- Park, daS größte Tier ihrer Art in der Ge­fangenschaft, hat sich jetzt eine schwere Rieder­lage zugezogen. Sie unterlag in einem furcht­baren Ringkampf mit einer anderen Brillen­schlange. Der Leiter des Reptilienhauses in dem Tierpark, Dr. Raymond Ditmars, hatte aus Sumatra eine neue Brillenschlange erhalten und die beiden Schlangen zusammengebracht. Die Königs-Kobra, die sich als alleinige Herrin fühlte, griff den Neuankömmling wütend an, denn sie war ihr mit ihrer Länge von mehr als 3 Meter weit überlegen. Die andere Schlange, die nur 2,5 Meter lang ist, kam aber frisch aus dem Urwald, während die Königs-Kobra durch ihre dreijährige Gefangenschaft augenscheinlich an Kampfkraft viel eingcbüßt hatte. Dr. Ditmars beobachtete mit zwei Wärtern und einem zahl­reichen Publikum die Entwicklung des wilden Ringens. Dieses dauerte 20 Minuten, und immer wieder schnellten die Reptilien mit der Ge­schwindigkeit des Blitzes gegeneinander. Genug Gift, um ein Regiment Soldaten zu töten, wurde aus ihren Zähnen geschleudert, und da man fürchtete, daß der Kampf mit dem Tode eineS der Gegner enden könnte, wurden sie schließlich durch einen starken Wasserstrahl auseinander­gebracht. Es war die höchste Zeit, denn die Königs-Kobra war vollkommen erschöpft und ver­kroch sich in einem Winkel.