Nr. 4? Zweites Blatt
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderheffen)
Donnerstag, 25. Zebruar (952
Heimatdienst.Tagung in Gießen.
IXc Landesabteilung Hessen der Reich-zentrale für Heimatbienft versammelte am Svnmag in Dieken im GafthauS Hindenbura ihre Dertrauensleute und Freunde zu einer Dertretertagnng
Der Leiter der Landesabteilung. Herr Oll» wert f Sranffurti. wies eingangs auf bc Rol- Wendigkeit der staatsbürgerlichen Bildung-arbeit lnn. Dann sprach der stellvertretende Leiter der Reichszentrale hir Heimatdienst, Oberregiernngs» tat Dr. Ziegler i Berlin). über
.Hekmatdieust und Vaterland"
Heimat und Vaterland, so führte der Redner u. a. aus, feien typische Begriffe. Zwar sei dem Heimatsinn eine Schwäche eigen, eine Dinseltig- keit in der Beschränkung auf die engere Heimat, man müsse aber, um diese Schwäche zu überwinden, sich gleichzeitig ein Weltbürgertum gewinnen, wie es Schiller vvrschwebte. Schiller, der Patriot, habe stets ben Glauben an da- Vaterland behalten, Freiherr vom Stein und Ernst Moritz Rrndt seien neben ihm die Sekundanten die Heimat und Daterland in vereinigender Ideo- lvgie erfaßten. Der Rückschlag sei leider nicht ausgeblieben: man verfiel nach ben Befreiungskriegen wieder in die Kleinstaaterei, Inmitten des Kampfes um die Verbindung von Heimat und Daterland müsse man auch des Schwaben Friedrich Liszt gedenken, den ein harte- Schicksal die Arbeit für sein Daterland in diesem Sinne unmöglich machte. Auch DiSmarckS Reich habe noch nicht die ideale Lösung de- Heimat-Vater- landsgedankenS gebracht, erst der Krieg 1914 18 habe drese Idee kräftig fördern können Der Heimatgedanke sei nach dem Kriege besonders im Kampf um die gefährdeten Grenzgebiete lebendig getoorben. Der Kampf habe »um Sieg der deutschen Sache geführt, wenn auch Gewalt und Unrecht die Früchte nicht immer ernten heften. Diese Erfolge seien nicht zuletzt und auch nicht zufällig Erfolge de- Heimatdienste- gewesen. Aus diesem Kampfe um bedrohte Gebiete habe die Reichszentrale ihre Herkunft abgeleitet und in der Folge im Sinne der Heimat gewirkt. Die Reichszentrale für Heimatdienst sehe ihre Ausgabe darin, den Heimatsinn mit dem Vaterland zu verbinden und zwischen Staat und Volk eine Verbindung herzustellen. Der Heimatgedanke sei immer stärker als der Gedanke de- Dater- landes, die DaterlandSliebe müsse ihre Kraft immer wieder aus der Heimatliebe schöpfen, da- Dolk fei mehr alS der Staat, der Staat al- solcher aber doch nicht überflüssig. Die Arbeit gelte der inneren Festigung, der Erhaltung de- DolkStumS. dem Widerstand gegen die feindlichen Kräfte, der jetzt nicht durch einen Frontalangriff. sondern nur durch einen Kampf mit abgewogenen Mitteln gebrochen werden könne.
Der Dortrag löste eine lebhafte und eindrucksvolle Aussprache aus. Man sprach über die
Möglichkeiten der Schaffung einer breiteren Basis der Reichs zentrale für Heimatdienst, es wurde gefordert, der Jugend im Äreife der Jugend selbst nahezutreten, e- wurden wirtschaftliche Probleme erörtert und die politische Zukunft, in Anerkennung ihrer schicksalhaften Bedeutung für unser Volk eingehend besprochen. Man befaßte sich auch mit den, Gedanken der 'Reichsreform und besprach Ausblicke in die europäische Zukunft im Sinne einer dem .nationalen Uni- versaliSmus" des Frei Herrn vom Stein verwandten geistigen Richtung
Am Rachmittag folgte der Dortrag von Professor Dr D e s s a u e r. M d. R . Frankfurt a. M.:
,3m Kamps mit der Wirtschaftskrise-.
liniere heutige Rotzeit ist. so führte der Redner u. a aus. keine echte zyklische, sondern eine politische Wirtschaftskrise von internationalem Umfang Die Golds.röme der KricgStribute und Kriegsschulden des Weltkrieges sammelten sich ohne den notwendigen Gegenstrom der Güter in Amerika: aber wahrend der ..Prosperity" entfernte sich die Kredit- und Finanzseite infolge ihre- psychologischen Einschlag- naturgemäß immer weiter von ihrem Gegenpol, den wirtschaftlichen Gütern und Leistungen, so daft das Krisen- feuer im Herbst 1929 in Reuyork aufflammte und an dem politisch und wirtschaftlich aufgewühlten und zerrissenen Boden Europa- reichlich Rahrung fand. Die Spannungen zwischen ungestilltem Güterbedarf und gewaltiger Steigerung der Produktionskräfte. zwischen ruhenden Doldmassen und Millionenheeren von Arbeitslosen in allen Ländern können nicht zum Au-gleich kommen, weil der Dynamik der Wirtschaft da- ebenso notwendige seelische Fundament, da- Der trauen, für da- Zusammenspiel der materiellen Faktoren verlorengegangen ist. Das allgemeine Mihtrauen von Dolk zu Dolk und innerhalb der Völker ist zur Bremse an unserem Wirtschaftsleben geworben und seine Heilung wird sich nicht mit einfachen Wirtschaftsmitteln, wie etwa neuen Geldmethoden u. S , erreichen lassen. Reichskanzler Dr. Brüning bemühte sich, durch gegenseitige Besuche und persönliche Aussprache den leitenden Staatsmännern menschlich näherzukommen. Gewift sind während der notwendigen, allerdings mit Leihkapital genährten Investition-Periode 1923 29 Fehler unterlaufen, aber wir werden nicht alle-, was un- die Gläubigervölker als Derschwcn- dungskosten anrechnen, hinnehmen können: eine spätere Zeit wird gerechter urteilen. Unsere Stellung al- Verhandlungspartner ist besser geworden. und ein Erfolg bei den kommenden Entscheidungen wird mit davon abhängen, ob wir die Wende der Zeit nicht wieder durch eigene Fehler in Frage stellen.
3n seinem Schlußwort behandelte der Redner noch eine größere Anzahl erläuternder Fragen auS der Dersammlung.
Kommunalpolitiker-Tagung in Schotten.
Schotten, 23. Febr. Im Rathaussaal zu Schotten hielt der KreiSverband Schotten des Hessischen Landgemeinde- tageS unter Leitung seines Vorsitzenden, Bürgermeister Menget. Schotten, eine Tagung ab, an der alle Bürgermeister als Vertreter ihrer Gemeinden teilnaßmen. Dom Kreisamt Schotten wohnten Regierungsrat Schwan und die DerwaltungSinfpektoren Müller und Weber den Derhanblungen bei.
Dom Arbeitsamt Gießen war dessen Leiter, RegierungSrat Dr. Du es. erschienen, der ein Referat über die Einrichtung des freiwilligen Arbeitsdienstes erstattete. Die klaren AuSsührungen des Redners über das schwierige Problem der Beschäftiguna der ilnter- stühungsempfänaer, besonder- der Jugendlichen, sanden in der Versammlung größte Beachtung. Eine Entschließung wurde angenommen, bei den zuständigen Stellen aiuurcgcn, daß der Krei- der in den freiwilligen Arbeit-dienft einzuztehenbcn Personen noch erweitert werden möge .und auch die Wohlfahrt-erwerbslosen mit ausgenommen werden sollen Einige Gemeinden des Kreise- «Gebern. Schotten u. a.) haben sich schon zur Einführung de- ArbeifSdienftes entschlossen. Aach sonstige Fragen au» dem Gebiet der Grwerbs- lofenfüdorgc wurden mit dem Herrn Dertreter des Arbeitsamtes Gießen besprochen.
Man behandelte alSdann die Strompreissenkung der Provinz, die al- nicht genügend angesehen wurde. In Verbindung mit dem Oberhessischen Landgemeindetag soll insbc- fonbere auf eine Derbilligung beS Tarifs für die» Straßenbeleuchtung hingewirkt werben.
Auch die Ermäßigung der Derpflegungs- fähe in der Landes-Heil- und Pflege a n ft a l t fei als zu gering onzusprechen, zumal die von ben Gemeinden zu zahlenden Beträge künftig im voraus gezahlt werden sollen. Auf eine weitere Senkung biefer Sätze foTI hingear- beitet werden
Lebhafte Beschwerde wurde über ben hohen Iagdpachtstempel geführt, ben ber Staat als Zuschlag auf die Gemeindejagdpachten erhebt. Die Crgcbniffc der Iagdverpachtungen leiben barunter sehr Der Hessische Landgemeinde tag soll sich für eine Streichung dieses Stempels cin- fetzen
Eine Ermäßigung ber Beiträge der Viehbe- fiher zur Entschädigung bei Diehver- lüften nach dem Reichsviehfcuchengesctz soll verlangt werden, dies um In mehr, al- die Dieh- preise einen außerordentlichen Tiefstand erreicht haben.
Ein Antrag soll an den Staat bzw. zwecks Weitergabe an den Landgemeindetag eingereicht werben. nach welchem den Gemeinden da- staatliche Losholzgelb bis Martini gestundet werden möge, wie bieS auch sonst bet ben übrigen Holzverkäufen cingefübrt fei.
An da- KreiSamt soll ebenso wie an ben Ganb- gemeinbetag eine Eingabe gerichtet werden, bei der StaatSregierung darauf hinzuwirken, daß den Gemeinden baldigst vom Staat der Ausfall an Realsteuern überwiesen wird. Die Gemeinden waren bei dem gegenwärtigen Voranschlag zu einer Senkung von 6 Prozent ber Grundsteuer und 12 Prozent der Gewerbesteuer gezwun-
Gießener Gtadttheaier.
Carl Zuckmayer:
„Ter Hauptmann von Köpenick."
Ein Dierteljahrhundert nach dem Erscheinen ber ersten Extrablätter ging die Episode von Köpenick in die Literatur ein, und zwar in doppelter Gestalt: saft gleichzeitig entstanden Die Le- bensgc-schichte des frummbeimgen Schuster- von Wilhelm Schäfer und da- .deutscheMärchen" von Zuckmayer
Schäser beschrieb weitausholend den abenteuerlichen Werdegang eineS proletarischen Außenseiters bis zum blamablen Knalleffekt phantastischster Hochstapelei: al- Hintergrund sür das beute vergessene Einzelschicksal entwickelte er das fulturbiftonfdK und sozialkritifche Bild einer deutschen DorkriegSwelt
Zuckmayer gestaltete Aehnliches — auf seine Weise. Ihm boten die tatsächlichen Begebenheiten nur den Anlaß zu seinem Stück. .Stoff und Gestalten sind völlig frei behandelt." Ihm war die Senfationöaffärc deS entlassenen Sträflings Wilhelm Voigt Beispiel und Gleichnis, er wollt schildern, wie der unmöglichste Mensch au-Ver- zweislung zu einer Tat getrieben wird, deren folgert^ tiger Ablaus ihn au einer fatalen Weltberühmtheit machen mußte.
IHe drei Akte, zu je sieben Szenen, wirken im Aufbau mehr episch alS dramatisch: zwischen dem ersten und dem zweiten Akt liegen zehn Jahre, l'a« Motto stammt au« dem .Rumpelstilzck^n" ber Brüder Grimm: .Rein", sagte der ßtoerg, ► laßt und vom Menschen reden! Etwa- Lebendiges ist mir lieber alS alle Schätze der Welt?" Und die Handlung, welche in einem Potsdamer Unlform- laden beginnt, endet im Berliner Polizeipräsidium am .Aker" mit dem mächtig ausbrechenden Gelächter des Märchenhelden, als er nach der Tat sein wahrhast unmögliches Bild zum ersten Male im Spiegel betrachtet
Um seinen Zweck zu erfüllen, tat Zuckmayer ein Zweifaches: er gab die Geschichte diese- Mannes, welche zugleich die motivisch genaue, synthetisch aufgebaute Vorgeschichte seiner Tat bildet. Daneben beschrieb er die mit der Menschenchronik unlöslich und beziehungsvoll verslochtene Geschichte einer Potsdamer Garbeunilorm. welche den Bericht vom falschen Hauptmann exemplarisch macht: ein deutsches Märchen — in der nüchternsten Wirrlichkeitswelt deS alten Preußen
Lebenslauf der Uniform: dem Hauptmann von Schlettow wird sie vom Militärschneider angemessen. Aber der Hauptmann wird durch unglückliche Zufälle in eine Skandalaffäre verwickelt und mutz infolgedessen den neuen bunten Rock für immer ausziehen. Der Rock wandert wieder zum Schneider: biefer findet bald einen Liebhaber dafür: den Dr. Obermüller vom Köpenicker Magistrat. welcher gerade zum Referveossizier befördert ist. Als Obermüller, nach Jahren zum
gen worden. Der Staat versprach den Gemeinden vollen Ersatz, der aber bis heute noch nicht geleistet ist. y
Bei der Unklarheit aller wirtschastlichen Verhältnisse und des Finanzausgleichs können die Gemeinden noch nicht an die Ausstellung der Gemeindevoranschläge für 1 932 heran- Bürgermeister avanciert, eineS TageS zum Kaiser- manöver einrücken muß. ist der Garderock zu eng geworden: der Schneider nimmt ihn als Anzahlung auf die neue Uniform zurück. Die alte, nicht _ mehr festlich anzufehen. darf noch den Manöverball mitmachen, wird dabei heftig mit Sekt begoßen und taucht schließlich in einem Trödlerladen der Berliner Kanonierstrafte wieder aus: dort lauft sie der Schuster, nebst Zubehör, für achtzehn Mark. 3m Schlesischen Bahnhof voll- zieht sich die denkwürdige Verwandlung, im Köpenicker Rathaus beherrscht der Wafsenrvck die Situation und hält gleichermaßen Militär und Zivil in Schach. Am Alexanderplatz, mit Voigts Verhaftung, endet die wechselvolle Laufbahn des bunten RockeS.
Ter Sinn dieser Stationenreihe Erhebung bes toten DingeS zum Sinnbild, die Uniform als Macht-Symbol einer Epoche In scharfem Kon- traft und mit tiefer Bedeutung steht der Szene in Köpenick — wo sich der Gaunerstreich kraft der felbstverständlich-unanzweifelbaren Suggcstivk.-a't der Uniform zum Triumph hvchslaplerifcher Frechheit vollendet — jene andere im (Safe Rational gegenüber, wo der rechtmäßige Beßrer des WaffenrockeS. Hauptmann in Zivil, d e garve Ohnmacht des Richtuniformierten bitter an sich erfahren muß.
Die Geschichte des Menschen ist die Geschichte eineS Außenseiters, eines Entwurzelten, vom Unglück und vom Pech Derfolgten, des entlaßenen EträllingS. der sich vergeblich feinen Platz in der menschlichen Gemeinschast und der staatlichen Ordnung zurückzuerobem versucht: es ist, kurz gesagt. die Geschichte deS Menschen ohne Papiere, ohne Paß und bürgerliche Legitimation, tm aussichtslosen Kampf mit der bureaukratischen Behörde. Verhängnisvoll-tragikomischer Kreislauf: .Ree. nee. bet is nu 'n Karussell ':t iS nu ne Kaßeemihle. Wenn ick nich jemeldet bin. krieg id keene Arbect. und wenn ick tecne Arbeet habe, ba barf ick mir nich melben." Weil ber Schuster keinen Paß hat, erhält er keine Arbeit in ber Schuhfabrik .Axolotl". In ber .Herberge zur Heimat" kommt ihm abermals zum Bewußtsein, daß ein Mensch ohne Papiere eigentlich gar fein Mensch ist. Um sie sich zu beschaffen, bricht er md PotSbamer Polizeirevier ein, wird geschnappt und fliegt auf zehn Jahre inS Zuchthaus.
Dort erhalt er die militärische Vorbildung, die später verhängnisvoll wird. In den starken Szenen mit den HoprechtS. Voigts Schwester und eeßroager in Rixdorf, wird die Entwicklung entscheidend Dorgetrieben. In einem leidenschaftlichen T^srmt mit Dem Schwager gibt sich der Schuster, ein anderer Michael Kohlhaas. Rechenschaft über 'eine hoffnungslose Situation — nach dem Emv- fang deS Ausweisungsbefehls — und versucht feine im Folgenden schnell zur Katastrophe treibende Handlungsweise zu rechtfertigen.
Die eigentliche Pointe kornml überraschend ganz zuletzt... mit den Worten des jovialen Kriminal
gehen. Rach einer neuen Steuerverordnung haben die Gemeinden daS Recht, zweimonatige Vorauszahlungen in Höhe je eineS Sechstels zu erheben.
Es soll ein Protest an die maßgebenden Stellen geleitet werden, der sich gegen den Abzug des Krisenanteils der Gemein den an den direkter-: »Da haben die Teltower ja noch mal ShUel gehabt." Denn — so erklärt Voigt bei ber Vernehmung —: .... bet warn Fehler von mir. Da jibt et nämlich keine Paßabteilung. in Köpenick. Wenn ick bet bedacht hätte, denn wär ick nach Teltow, ins Kreisamt." Und der Schuster wäre berühmt geworden als der Hauptmann von Teltow.
Dies also war der einzige Rechenfehler in dem an sich verblüffend aufgegangenen Exempel. Ihm war es nicht um die 4042 Mark zu tun; er hat nur dreiundachtzig davon verbraucht und ist auch nicht über die Grenze entwischt. Er wollte den Paß. wollte wieder Mensch werden, Boden unter die Fuße bekommen. Ruhe, Aufenthalt. Arbeit erhalten. Dos schlug fehl: so wird der ganze Streich für ihn sinnlos, er stellt sich selbst. Und erst wenn er abermals aus dem Gesängnis entlassen sein wird, wird er feinen Paß kriegen unb auf feine alten Tage ein neues Leben beginnen.
_®»ner Ausführung bieseS vollblütigen, volks- ftüdmäßigen, humorgetränkten und menschlich empfundenen Schauspiels an unserer Bühne standen naturgemäß von vornherein erhebliche Schwierigkeiten entgegen: daS riesige Personal -- die Uraufführung brachte über siebzig Spieler auf die Bühne —; bie Menge ber Schauplätze und Verwandlungen; und der Berliner Dialekt, der (neben einigen andern Mundarten) saft alle einundzwanzig Szenen beherrscht.
Wenn man diese Schwierigkeiten bedenkt, ben Umfang unb Aufwand des Buche- in Betracht Aiebt und überdies bie szenischen unb personellen Möglichkeiten unserer Bühne kennt, wirb man bie enorme Aufgabe ber Regie toürbigen und ihre ßöfung durch den Intendanten Dr. P r a f ch ent- schieden, ohne Vorbehalt und Einschränkung, anerkennen.
Don den 21 Bildern waren — abgesehen von einigen sonstigen Strichen — nur das 11., 13. und 16. weggesallcn; man hätte wie das 6tüd gebaut ist, auch sonst noch manches kürzen können, aber es war der Spielleitung sichtlich um den dollen und starken Eindrud unb bie Wahrung der großen Linienführung und ber ursprünglichen Zusammenhänge zu tun gewesen.
Die Personalfrage war mit Hilfe von hoppelten, brei- unb vierfachen Besetzungen unb einem beträchtlichen Aufgebot an Statisterie glücklich bewältigt. Mit bem munbartlichen Text würbe man allgemein besser fertig, als zu erwarten war.
Die Aufführung traf ben Ton, auf ben baS Schauspiel gestimmt ist, bie eigentümliche, gefunbe Lebensfülle Zudmayers, sie fanb sich in bie Atmosphäre ber preußisch-berlinischen DorkriegSwelt hinein unb wußte auch zwischen Ernst unb Heiterkeit, zwischen Satire unb tiderer Bedeutung bas richtige Maß zu wahren.
Die technische Einrichtung war ben fniffligcn Raumproblemen mit anerkennenswerter Beweg-
ihnen zuftehenben Reichssteuerüberweisungen auS- sprichr
E'ngehenb wurden noch bie neuen Richtlinien über d«e Vergütungen und Dienstbezüge der Bürgermeister behandelt. Eine neue ministerielle Verfügung bestimmt, daß Härten ausgeglichen und die in den Gemeinden ooim liegenden besonderen Verhältnisse irweilS geprüft werden sollen Durch mündliche Berhand- Ifiwg mit den, Kreisamt toll eine gütliche Verständigung in den einzelnen Fällen erstrebt werden
Obeicheffen
Städtische Zinanzsorgen in Raubach.
CI Caubad), 23. Febr 3n der umgften G e- niflnberalefißunfl wurde zunawst 311 der F inanzlage der Stadt eteliung genommen. Ter van Stadtrechner Schmidt exstatteie Bericht zeigte, daß im 'Rechnungsjahr 1931 der Wcmembr- Voranschlag trotz größter Sparsamkeit infolge der erhöhten Wahlsahrtsauegaden, bc» iludall» an Reichssteukruberweifung-anteilen und infolge ver- minbrtcr Halzcinnahme einen Fahldetrag aufroeiß. Zunächst soll versucht werden, ob die Deckung bee Fehlbetrages ohne Steiiererhöhung ober Aufstellung eine» Nachtragevoranlchlagcs möglich ist
Die von 13 (tzanterskirchener Ärundßückroachtern beantragte Pachter mäßig,ing für 1^31 würbe abgeIehnt, eine solche für 19.Y2 mnädifi iiiruck- gestettt.
Nach einem non, tzreisamt Schotten vorgelegten Muster würbe die Einführung einer Wasser- bezugsordnung unter Berucksichtiguna ber fur bie lokalen Berhältnisse einzufugendim Aenbe- ningen beschloßen.
Landkreis Gietzcn.
* Klein-Linden, 23. Febr Zu dem Fa- milienabend. den ber hiesige Kriegerverein am Samstag im Saale beS Gasthauses ..Zur deutschen Eiche" veranstaltete, hatte der Verein die Hassia-Jugendgruppe ..Hinden- b u r g" von Lollar als Gäste, die ihre Kruste zur Verfügung stellte. Die Musikkapelle der Lol- larer Iugendgruppe, von Herrn Schneider (Collar) geleitet, erfreute mit guten Mufikvor- trägen Der Vorfihende deS KriegervcreinS, Kaufmann Friedrich Schimmel sprach herzliche Worte der Begrüßung und schilderte die sozialen und vaterländischen Ausgaben der Kriegervereine. Sri Fink (Lollar) brachte einen finnigen Prolog zum Vortrag. Sämtliche Darbietungen musikalischer Art. wie auch die ernsten und heiteren Szenen auf der Bühne wurden beifällig ausgenommen. Der Iugendabteilungsführer der ..Hindenburg". Herr Brück (Lollar), zeichnete in seiner Ansprache bie Ziele der Hassiasugend. Kausmann Schimmel dankte zum Schluß allen Mitwirkenden für ihre trefflichen Darbietungen.
v. Londorf, 23. Febr. Dieser Tage feierten die Eheleute A. Simon und Frau Berta, geb. Joseph, in körperlicher und geistiger Frische daS Fest der goldenen Hochzeit Der Jubilar ist 83 Jahre, bie Jubilarin 73 Jahre alt. Reichs- präsibent von Hinbenburg sandle ein Gluck- wunfchschreiben mit eigenhändiger Unterschrift. Dem geadßeten unb beliebten Jubelpaar würben zahlreiche Ehrungen zuteil.
Leihgestern. 24. Febr. Unter großer Anteilnahme ber Bevölkerung wurde der Polizei- lichkeit oewachfen Hilfe ber 1 lidjen Drehbühne wurde schnell und geschickt verwandelt. Die verschiedenen Schauplätze waren in LösslerS Szenenbildern vortresflich charakterisiert; besonders gelungen: der Uniformlaben, dos Polizeibureau daS Cafe, die Zu.ythauS- kapelle, die Stube bei HoprechtS. die DahnhosS- balle und das Rathaus Auch die Herren Keim (Beleuchtung) und Huber (Kostüme machten sich um die Ausstattung sehr verdient.
Den Schuster Doigt spielte Peter Fas sott, der hier schon rein textlich eine gewaltige Aufgabe zu bewältigen hat Dr faßte die Gestalt ganz ernst und einfach von der menschlichen Seite Hiner gab einen gebückten und ged nickten Pechvogel und Außenseiter, gehetzt und getreten unb herum- gefloßen; eine Figur, bie eigentlich trotz bem heiteren Ausklang und dem großen Gelächter zum Schluß — mehr tragisch alS komisch erscheint; ein araugdidhtiger. alter Mann, dessen Geniestreich säst mehr mitleiderregend als satirisch und lächerlich wirkt - wenn man den eigentlichen Antrieb und die tieferen Ursachen des Falles nacherlebend durchschaut. Die innerlich ßärflte Szene deS Stückes (mit Friedrich Hoprechti war auch aas schauspielerische Kernstück seiner schönen und auS- gesüllten Darstellung.
Karl H e h s e r alS Hauptmann von Schlettow vermied jede billige Karikatur unb gab biefe burchauS svmpathisch gedachte unb geradlinig hin- gefteHte Figur in bester Haltung Zu den menschlich ersreulichsten Gestalten im ganzen Schauspiel gehört ohne Zweisel das Ehepaar Ho- brecht, von Maria Koch und Jochen Hauer ausgezeichnet gespielt; besonders Hauer steigerte sich in seiner zweiten Szene sehr eindringlich zum ^wichtigen Gegenspieler (als Vertreter des preu- vtschcn Prinzips) gegen den verzweifelt ausbegeh- renden Schuster. Hub hatte mit dem Dr. Ober- mrr *5 e*ncn stürmischen Heiterkeitserfolg. der allerdings vorauSzusehen war die Szenen im Schlafzimmer und im Rathaus waren von unwiderstehlich drastischer Komik. Edith Berger (Frau Obermüller) assistierte hier wie dort nach Kräften.
Auch von V 01 ck fah man zwei dankbare uno trefflich an den Mann gebrachte Milieufiguren, ben Hoflieferanten Wormser unb ben Sonnen- derger Zuchthausdirektor. Kühne gab sehr witzig pointiert und echt im Dialekt den Kalle. Pae tlch (als Zeck) einen richtigen, maulfertigen Pennbruder; von Brucks Rollen gefiel uns ber geschäftige Tröbler Krakauer am besten Eine hübsch auSgearbeitete Charge war S ch e l ch e r s buckliger Zuschneiber Wabschke. Frl. Doering alS Plorösenmieze. bie Herren Sch u b e r t. M i chel. Ianscheck unb Geiger seien auS bem Riesenensemble noch hervorgehoben.
Großer Publikumserfolg mit anhaltenbem Beifall nach jebem Dorhang, mehrfach sogar bei offener Szene. hth.


