Nr. 277 Zweites Blatt Gletzener Anzeiger (Seneral-Anzetger für Gberhesten vonnerstag, 24. November 1952
Die neueMeinbrülke zwischen Mannheim und Ludwigshafen
Die Brücke muß den gesamten gewaltigen Verkehr zwischen den Großstädten Mannheim und,Ludwigs» Hafen vermitteln. Sie dient sowohl dem Straßenbahn- und Eisenbahn- wie dem Auto- und Fußgängerverkehr.
Wer waren die Kriegsverlängerer?
Oeutschland und die Entente zur päpft lichen FriedenSvermittlun g desIahres 1917 Äon Dr. Gustav Wolost, o. ö. Professor der Geschichte an der Universität Gießen.
gen mit Frankreich, an gewisse Garantien, daß Belgien nicht wieder unter dem Deckmantel der Neutralitiät ein Vorposten der Entente werde und an die Verbesserung der Grenze gegen Rußland, aber über alles war das letzte Wort nicht gesprochen, und von diesen Bedingungen war. falls es zu Verhandlungen kam, der Weg zu einem Derstän- digungsfrieden ohne Annexionen und Entschädigungen unendlich n ä h e r als von denen der Feinde aus. Bald wurde die Neigung zum Verständigungs. frieden noch stärker betont, da der Reichstag sich dafür aussprach (Juli 1917). Oben und unten Der- söhnlichkeit hier, Unversöhnlichkeit dort.
Wenn heute der Kriegsausbruch und die Verantwortlichkeit dafür kein Rätsel mehr für uns ist und jedes neue Zeugnis darüber die Schuld der Entente erhärtet, so ist es jetzt Zeit, das Problem zu er- weitern und die Frage aufzuwerfen, ob denn die Geschichte des Krieges seine Vorgeschichte bestätigt: haben die Mittelmächte sichwährenddesKrie- aes ebenso defensiv und friedensbereit und die Ententestaaten sich ebenso offensiv, eroberungslustia und unversöhnlich erwiesen wie vor dem Kriege? Sind durch irgend eine Partei ernstliche Frie- densversuche unternommen oder vereitell wor- den? Die Behauptung, daß Deutschland wegen Eroberungsabsichten erfolgreiche Friedensmöglichkeiten zu Fall gebracht und damit sein schließliches Schicksal selbst verschuldet habe, ist in der Tat nach der Niederlage erhoben worden. In dem Bestreben, der gestürzten Regierung möglichst viel Uebles nachzusogen, wurde ihr oorgeworfen, unter dem Einfluß der Obersten Heeresleitung nach Annexion oder Unterordnung Belgiens getrachtet und die Entente dadurch von jedem ernsten Friedensschritt abgeschreckt zu haben. In den Ententeländern klang es anders: mit Stolz wurde hervorgeyoben, daß man niemals, auch nicht in schwerer Bedrängnis, in dem Entschluß, Deutschland auf die Knie zu zwin- gen, wankend geworden sei. Es wäre Verrat gewesen, über andere Bedingungen zu verhandeln, sagte R i b o t im Jahre 1919. Solche nachträglichen Urteile und gleichzeitige Stimmen der öffentlichen Meinung sind nun freilich nicht ausschlaggebend für das historische Urteil über die politischen Ent- schlösse der Staatslenker, aber wir sind jetzt in der Lage, an einem markanten Beispiel, an dem Schicksal d e r päp st lichen Friedens- Vermittlung im Jahre 1917, die Frage, wer die Schuld an der Kriegsverlängerung trägt, zu beantworten. Schon der Staatssekretär Helfs- r i ch hat die Behauptung, daß Deutschland hier eine Friedensmöglichkeit aus der Hand gelassen habe, bestrillen, und jetzt führt nach dem Bekanntwerden neuer Quellen ein eingehende Untersuchung des Grafen Montgelas, eines hervorragenden Kämpfers in der Kriegsschuldfrage, zu demselben Ergebnis. („Berliner Monatshefte", Juli bis November.)
Von vornherein ist es höchst unwahrscheinlich, baß die Entente, die seit Jahren den Krieg zu Er- oberungszwecken vorbereitet hatte, im Kriege von ihren Zielen zurückgetreten sei, und mehrere Verhandlungen und Verträge aus den erstem Jahren lassen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Rußland rechnete auf Konstantinopel, die Meer- engen, österreichisches Gebiet und das östliche Deutschland, Frankreich auf Elsaß Lochringen, das Saargebiet und einen linksrheinischen Pufferstaat, England auf die mittlere Zone Persiens, Italien auf Südtirol. Oesterreich-Ungarn sollte zerschlagen und das verkleinerte Deutschland nach dem Kriege durch einen gemeinsamen Wirtschaftskrieg dauern niedergehalten werden. In dieser Gesinnung wurde die Entente bestärkt durch den einzigen 'Staat, der ein gewichtiges Wort für den Derständigungsfrieden sprechen konnte: schon im Januar 1916 verhandelte Wilson mit Grey, dem Leiter der englischen Polltik, über die Grundlagen einer amerikanischen Friedensvermittlung und er- klärte sich bereit — die Urkunden darüber teilt Grey in seinen Denkwürdigkeiten mit — die Forderung Elsaß-Lothringens und eines russischen Zugangs zur See, was nur auf ostpreußisches Land gemünzt
Trotz dieser Stimmung in den Ententeländern ergriff in diesen Tagen Papst Benedikt XV. die Initiative zu einer Friedensvermittlung. Am leichtesten schien ihm ein Ausgleich zwischen England und Deutschland als die Vorbereitung eines allgemeinen Friedens au erreichen, wenn Deutschland auf jede Beherrschung Belgiens verzichtete. Auf eine erste Anfrage in Berlin erhielt der Münchener Nuntius vom Reichskanzler wie vom Kaiser die mündliche Versicherung, das Deutschland die völlige Unabhängigkeit Belgiens wiederher st eilen werde unter der Voraussetzung, daß auch die Entente nicht die finanzielle oder militärische Unterordnung erstrebe, und ebenso sprachen sich beide entgegen- kommend über alle etwa zu regelnde Grenzfragen aus. Auf Grund dieser Antworten richtete Der Papst am 9. August Vorschläge nach England und Deutschland, die auf gegenseitige Rückgabe aller Eroberungen innerhalb und außerhalb Europas und Wiederherstellung Belgiens hinausliefen.
Die Aufnahme der Papstnote hüben und drüben ist wiederum bezeichnend. Die englische Regierung antwortete ausweichend. Sie verlangte vor jeder endgültigen Stellungnahme eine deutsche Zusage über die Wiederherstellung Belgiens, erinnerte aber zugleich an die Bedingungen der (Entente vom 10. Januar, die mit einem Frieden, wie er der Kurie vorschwebte, in schneidendem Wider- spruch standen. Die innerste Herzensmeinung offenbarte sich rückhaltlos in den vertraulichen Besprechungen der Alliierten: England und Frankreich kamen überein, eine Sonderverhandlung über Bel-
fein konnte, zu vertreten, wofür Deutschland außerhalb Europas entschädigt werden sollte. Sollten die Mittelmächte die Bedingungen ablehnen, stellte Wilson feine Teilnahme am Kriege in sichere Aussicht.
Es ist kein Wunder, daß die Ententemächte unter diesen Umständen ein Verhandlungsangebot der Mittelmächte mit Hohn abwiesen (Dezember 1916) und kurz daraus die Frage Wilsons nach ihren Kriegszielen unter neuen Schmähungen mit der Forderung, Oesterreich-Ungarn aufzulösen und Deutschland dauernd zu schwächen, beantworteten (10. Januar 1917). Wie dies gemeint roer, zeigen die speziellen Verhandlungen zwischen Rußland und Frankreich Briand, dessen schmeichlerischen Versöhnungsworte im letzten Jahrzehnt so manches deutsche Gemüt betört haben, kam mit dem Zaren überein, Deutschland etwa a u f das Land zwischen Rhein und Oder zu beschränken, und die französischen Kammern stimmten zu (Anfang März 1917). Man sieht, was Deutschland Den Siegen Hindenburgs über die Russen verdankt! ein Friede unter Mitwirkung eines siegreichen Rußland wäre noch übler als der von 1919 ausgefallen. Auch die englische Regierung erhob gegen die ungeheuerlichen Wünsche Frankreichs keinen Widerspruch, und öffentlich verpflichteten sich die maßgebenden Minister. Lloyd George. Asquith, Cecil, Balfour, wiederholt auf Elsaß-Lothringen als Mindestforderung, und die englische Arbeiterpartei stimmte dem ausdrücklich zu.
In schroffem Gegensätze zu solchen ausschweifen- den Plänen hat die deutsche Regierung nie ein Eroberungsprogramm ausgestellt, von privater Seite ausgestellte Entwürfe auf Annexion Belgiens und lothringischer Stücke sind von ihr nicht sanktioniert worden. Man dachte wohl, wie die Antwort auf Wilsons Frage nach den deutschen Kriegszielen zeigt, an gegenseitige Grenzberichtigun-
Kardinal Andreas F r ü h w i r t h , mit 87 Jahren der älteste lebende Kardinal, begeht das seltene Ju- blläurn seiner vor 25 Jahren erfolgten Bischofsweihe. Frühwirth, ein geborener Oesterreicher, war 1907 bis 1916 päpstlicher Nuntius in München und lebt seitdem als Groß-Pönitentiar im Vatikan.
gien, wie sie der Papst angeregt hatte, abzuleh - neu und jede Intervention des päpstlichen Stuhls überhaupt zu bekämpfen, und der grobkörnige Wilson versagte sogar „dem Wort der gegenwärtigen Beherrscher Deutschlands" den Glauben, begehrte also Aenderung der Verfassung Deutschlands als weitere Friedensbedingung.
Die deutsche Regierung sprach sich dagegen in zwei Noten vom 18. und 24. September entgegenkommend aus. Sie stellte die Wiederherstellung Belgiens in Aussicht, wenn sie auch einstweilen eine bindende Verpflichtung ablehnte, so lange von der Gegenseite eine Erklärung über ihre grundsätzliche Bereitwilligkeit, einen Frieden ohne Annexionen und Entschädigungen abzuschließen, nicht vorliege: eine begreifliche Zurückhaltung angesichts der von der Entente so oft betonten 93er- nichtungsabsichten. Wenn schon in diesen Erkkärun- Sien die deutsche Regierung im wesenllichen Eng- ands Begeheren nach ihren belgischen Absichten erfüllt hatte, so ging sie aber noch weiter: durch einen anderen schritt des Staatssekretärs K ü 1) l m a n n erfuhr die Londoner Regierung mit völliger Gewißheit, daß Deutschland zur Wiederher st e l - lung und Entschädigung Belgiens bereit s e i. Denn gleichzeitig mit feinen Antworten an die Kurie ließ er durch einen Vertrauensmann, den spanischen Diplomaten V i l lala b a r, in London insgeheim mitteilen, Deutschland werde sofort ernstlich die Integrität und Souveränität Belgiens versprechen, falls die Gegen- partei in Friedensverhandlungen auf der Grundlage der territorialen Integrität Deutschlands und seiner Bundesgenossen willige.
Ein großer Moment für die englische Regierung: wenn sie, wie sie seit Kriegsbeginn unzählige Male behauptet hatte, in den Krieg eingetreten war, um Belgien vor Deutschland zu retten, so hatte sie jetzt die beste Gelegenheit, dem Blütner-
Deiner Hände Werk
Vornan von Klothilde von Stegmann»Stein.
Copyright by Martin Feuchtwangrr, Halle (©aale)
24 Fortietzung Nachdruck verboten
.Um Gottes Witten, tun Sie das nicht, Herr Moeller!" sichte Erika. .Jedenfalls erwähnen Sie nichts von der Sache zwischen Herrn Jvarsen und mir — was sott denn Kurt tun? Solange er noch nicht volljährig ist, haben ja die anderen alle Wacht, und ich habe solche Angst vor Jvar- sen — ich habe solche Angst, daß man hier was gegen Kurt tut!*'
„Du siehst schon Gespenster, Madel! meinte Woeller und gab seiner Stimme einen unmutigen Klang, denn er wollte nicht zeigen, daß die Worte Erikas eine unbestimmte Angst in ihm verstärkt hatten, die er schon lange in sich trug. Seitdem dieser Jvarsen seine Hände in dem Fabrikationsbetrieb hatte, schien das Bremerwerk vom Pech verfolgt zu sein. Cs llappte nirgends: nicht mit Lieferungen, nicht mit der Hereinholung neuer Aufträge. Die anderen Werke, das konnte er ja aus den Veröffentlichungen der Fachblätter sehen, holten viel mehr Aufträge herein — die Konkurrenz bekam die Ueberhand.
Aeunzehntes Kapitel.
Erika ging erst zögernd, dann schneller durch den Werkshof, bog in den kleinen Weg ein, der in die Anlagen führte. Vielleicht war es unrecht, daß sie fortgelaufen war, den Vater allein gelassen hatte: aber Herr Moeller hatte so energisch daraus bestanden, sie nicht zu widersprechen gewagt hatte.
Lind nun sie im Freien weilte, war es ihr auch, als würde ihr geängstigtes Herz stiller. Die Aatur nahm sie auf in ihr reines, stilles Reich. Der Wintertag lag mit blauem und reinem Glanz über der Landschaft, die weihen Schneefelder diesseits und jenseits des Flusses dehnten sich in reiner Klarheit aus — der Fluh schlief unter des Eisdecke, und die Tannen am Wege standen weih beladen unter der weichen, weihen Last. Die kahlen Zweige der Birken dicht am Ufer zeichneten sich wie Filigranwerk gegen den klaren Winterhimmel ab, von dem eine kühle Sonne herniederschien — alles war so frisch, so rein und so entrückt aller Wirrnis des Menschenlebens.
Unwillkürlich schritt Erika straffer aus: der Schnee, hart gefroren, knirschte unter ihren Fühen, die ruhige Kälte stieg ihr prickelnd in die Wangen: sie fühlte, wie das Blut lebhafter pulsierte, wie die Schwere und Verzagtheit von ihr wichen. Eie war so tief von Kindheit an mit der Statur verbunden, dah die ihr immer Trost und Ruhe spendete. So auch heute. Bald fühlte sie nichts mehr von der Aot und dem Kummer vorhin, sie
fühlte nur die Luft, die Stille, die reine Schönheit der Gottesnatur und die federnde Kraft ihres jungen Körpers, wie sie allein durch die Winterlandschaft schritt.
Wie konnte sie nur so kleinmütig werden, da sie so reich war! Sie war noch jung, sie konnte arbeiten: an ihr war es. den Vater au trösten und auf zu richten, anstatt sich von seiner stummen Ver- S>eislung anfteden zu lassen. Sie würde schon rbeit finden: das Jahr würde auch vorüber- gehen — und dann kam Kurt wieder.
„Kurt, lieber Kurt!" flüsterte sie im Gehen vor sich hin, und ein heißes Gefühl der Zärtlichkeit und Sehnsucht flutete durch ihr Herz. Wenn er wüßte, was für Sorgen und Aot über sie und den Vater gekommen war — aber er durfte es nicht ahnen, er sollte ganz ruhig und ungestört seinen Studien leben. Um ihretwillen sollte sein Herz nicht mit einem einzigen trüben Gedanken beschwert werden, das nahm sie sich fest vor. Konnte kommen, was da wollte, sie mußte allein hindurch: um ihretwillen sollte keine Wolke fein Leben verdunkeln — das schwor sie sich in dieser Stunde zu. Entschlossen wandte sie sich dem Heimwege zu.
Inzwischen sah Detriebsingenieur Moeller bei dem alten Schmitt. Es war eine schwere Stunde, und wenn Moeller den alten Mann ansah. dessen Gesicht in ein paar Stunden um Jahre gealtert war. dann stieg eine wilde Wut gegen die neuen Machthaber auf Bremerwerk in ihm auf — gegen die Machthaber, die so gar nicht im Sinne des gütigen Herrn handelten. Was er auch dem alten Schmitt zum Trost sagte — der hatte immer nur eine einzige Antwort Darauf:
„ Fristlos entlassen haben sie mich, als ob ich selbst gestohlen hätte. Hätten sie mir ordnungsgemäß gekündigt, ich hätte mich damit abgefunden, obgleich —", seine Stimme zitterte bedenklich. „Ich weiß nicht, was ich ohne das Werk hier machen soll", schrie er plötzlich. „Sein ganzes Leben hat man hier gearbeitet — feine besten Jahre hat man Drangegeben, und nun wird man hinausgejagt, schlimmer als ein Hund, herausgejagt wie ein Verbrecher!"
Silit einem dumpfen Laut war er zusammengesunken über den Tisch, und SRoeller hatte ihn ruhig seinem Derzweiflungsausbruch überlassen. Alles war besser als das stundenlange Schweigen. Aach einer Weile erst sagte er energisch:
„Eo. mein alter Schmitt, — und nun fassen Sie sich. Sie sind doch ein Mann, Sie müssen Die Dinge nehmen, wie sie nun einmal sinD. Unb Sie werden doch denen Da drüben", Dabei machte er eine Kopfbewegung in Richtung nach Bremer- schloß hin, „nicht Die Freude machen, daß Sie an den Gemeinheiten von denen drüben kaputt geben.“
Der alte Schmitt erhob sein verstörtes Gesicht: „Da haben Sie recht, Herr Ingenieur! Gemeinheit ist es, einen alten ehrlichen Kerl wie mich
fristlos 'rauszusehen, als wäre man ein Betrüger oder ein Spitzbube. Was kann ich dafür, wenn man in der Werkstatt eingebrochen hat: ich bin nicht als Wächter für die Aacht engagiert, ich habe nur abends vor dem Schlafengehen noch mal zu sehen, ob alles gut und ordnungsgemäß verschlossen ist. Das hab' ich getan. Für das andere ist der Aachtwächter da — aber Dem hat's kein Haar gekrümmt. Richt, dah ich das wünsche! Der Gottwald ist ein ehrlicher, fleißiger Mensch und hat auch seine Aot, jetzt, wo er jede Aacht allein wachen muß, seitdem diese neumodischen Sparmaßnahmen herausgekommen sind — aber eher hätte es doch ihn angehen müssen als mich. Das ist überhaupt eine sonderbare Geschichte mit dem Diebstahl — können Sie begreifen, Herr Ingenieur, was Die Diebe ausgerechnet in Dem alten Versuchswerkstättenschuppen gesucht haben sotten?"
„Siern!“ erwiderte Moeller: er war froh, daß der alte Schmitt sich endlich seine Verzweiflung von der Seele redete, und dann fuhr er auch schon fort:
„Vielleicht kommen wir dahinter, und Sie sind dann gerechtfertigt. Was werden Sie denn nun beginnen, Vater Schmitt? Die Wohnung soll ja wohl der Aachfolger bekommen?"
Der alte Schmitt nickte bitter:
„Soll er, Herr Ingenieur! Unb ich bleibe doch nicht hier. Denken Sie, ich könnte hier so oben sitzen und zusehen, wie ein anderer meine Arbeit macht? Ach nein, da kennen Sie den alten Schmitt nicht. Ich ziehe hier fort, ziehe in die Stadt, wo ich nichts sehe und nichts höre von der ganzen Bagasche hier."
„Das ist ein guter Gedanke. Vater Schmitt", sagte Moeller erfreut „Wenn Sie in die Stadt ziehen, habe ich auch Möglichkeiten, Ihrem SEäbel, Der Erika, Arbeit zu verschaffen. Da erhielt ich neulich einen Brief von einem Geschäftsfreund, der mir von einer Vakanz schrieb, Die durch Die Verheiratung seiner Sekretärin eintritt Die Erika würde ich ihm mit gutem Gewissen empfehlen. Sie ist ein fixes Mädel — und zuverlässig."
„Aa, Herr Ingenieur", meinte der alte Schmitt bitter, „bann sagen Sie bem Herrn aber nicht, baß sie meine Tochter ist — bas, würbe eine schlechte Empfehlung fein. Ich bin sicher, sie würden bas Mädel dann nicht nehmen.“
„Slun hören Sie aber auf mit bem Unfinn“, polterte Moeller. „Kenne ich Sie feit all ben Jahren ober kenne ich Sie nicht? — Sla also! Ich werde im Gegenteil meinem alten Freunde Schattert ganz offen erzählen, was hier vorge- fallen ist. Er weih ohnehin so einiges von ben Deränberungen im Bremerwerk seit bem Tode des alten Herrn. Er wirb auf meine Empfehlungen hin Erika kommen lassen. Vielleicht finbet sich auch in seinem Betrieb ein SZertrauenSposten für einen Menschen wie Sie.“
Der alle Schmitt war nach Der Empörung und Erregung wieder ganz zusammengefallen:
„Mich lassen Sie nur, Herr Ingenieur. Mir kann keiner helfen. Mich hat's zu tief getroffen." Er legte die Hand aufs Herz: „Ich werde es nicht mehr lange machen."
„Sla, na, Schmitt, nun aber nicht übertreiben, das bitte ich mir aus'*, schalt der Ingenieur.
„Ich übertreibe nicht", sagte der alte Schmitt. „Sehen Sie, Herr Ingenieur, wie meine Frau mir so früh gestorben ist, da habe ich zuerst gedacht, ich überlebe es nicht, und habe es doch überlebt Unb wissen Sie, warum? Weil ich mit ben Wurzeln im Bremerwerk stecke, Herr Ingenieur. Meine Frau unb mein Kinb finb mein halbes Leben. Wer bas andere ist hier im Bremerwerk verankert Wenn mir das auch noch mit der Wurzel ausgerissen wird, dann bleibt nichts mehr.“
„Aber Vater Schmitt, versündigen Sie sich nicht!" mahnte Moeller. „Skrgeffen Sie denn Ihr prächtiges Mädel ganz unb gar? Was sott beim Erika ohne Sic anfangen?“
Der alte Mann schüttelte kummervoll ben Kopf.
„Ich kann ihr ja nichts mehr sein, Herr Ingenieur. Höchstens eine Last Ja, solange ich noch hier im Werk angesehen war unb mein gutes Auskommen hatte, Da Dachte ich, ich könnte fürs SHäbel sorgen, bis sie einmal einen braven, ordentlichen Mann finDct. Unb wenn sie keinen findet — ich habe genug in ihre Ausbildung gesteckt, in ein paar Jahren hätte sie auf eigenen Füßen gestanden —, und ich habe immer gedacht sie wird hier mal im Bremerwerk arbeiten, wie ich hier im Bremerwerk gearbeitet habe. Slun muh ich hier fort — und sie hat noch die Last auf dem Halse mit dem alten Vater, denn meine Pension schützt uns gerade vor dem Verhungern — mehr nicht Herr Ingenieur, am besten wäre es schon, ' ich lebte nicht mehr lange.“
Ein Aufschrei ertönte von der Tür her. Erika, die soeben erfrischt und zuversichtlich von ihrem Spaziergang heimgekommen, hatte die letzten Worte Des Vaters gehört.
Sie flog auf ihn zu unD schmiegte ihr von Der Winterluft gerötetes frisches Mäbchengesicht an seine Wange.
„Vater, lieber Vater", bat sie flehend, „wie faitnft du so etwas aussprechen? Was sott ich beim ohne bich beginnen?“ Ihre Stimme zitterte, aber tapfer unterdrückte sie die Tränen. „Sei doch nicht so verzweifelt! Es wird ja alles besser werden, als es dir jetzt erscheint. Du hast mich soviel lernen lassen, unb ich bin jung. Vater, ich sehne mich banach, bir zu beweisen, bah ich auch etwas kann! Unb, nicht wahr, wir haben ja Freunbe, die uns bei stehen!" Sie sah mit einem flehenden Blick zu Moeller hinüber, während sie unablässig und wie in Angst über die gefurchten Wangen des Vaters strich.
Moeller nickte ihr aufmuntetnb zu.
(Fortsetzung folgt)


