Ausgabe 
24.10.1932 Frühausgabe
 
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Kriegsopfer

mer und Lieferanten berücksichtigt werden, deren Gewerbebetrieb b o l i 4 e i 11 d) ange- meldet ist und die in die Handwerke r- rolle eingetragen sind. Hieraus tonnte der ^9LuT3 gezogen werden, bah die in das Han­delsregister eingetragenen Bauunternehmer von der Ausübung der in Betracht kommenden Arbeiten ausgeschlossen seien. Dies ist je* öixp nicht der Fall. Da die Anordnung ledig- lrch den Zweck haben sollte, Schwarzarbeit zu verhindern, wurde auf Borstellungen der Hessischen Industrie- und Handelskammern leitens der hessischen Regierung in einer An­weisung an die Bürgermeistereien, die mit der Durchführung der Bestimmungen beauftragt lind u. a. auf folgendes hingewiesen:

Die Vorschrift in Abschnitt Ille 2 der Durch­führungsanordnung vom 26. September 1932, daß nur solche Bauunternehmer berücksichtigt werden sollen, die in die Handwerkorrolle ein­getragen sind, schließt keinesfalls die Unterneh­mer, die nur im Handelsregister eingetragen und auch solche, bei denen zur Zeit noch Cßer» Handlungen darüber schweben, ob sie zu der Handwerkevrolle oder zum Handelsregister ein­tragspflichtig sind, von der Ausübung der in Betracht konrmenden Arbeiten aus. Zu den letz­teren zählen u. a. auch die Bauhütten. Diese Anordnung hat allein den Zweck, Schwarz- arbeitzu verhindern und ist deshalb auch nur so zu bewerten."

Politik unb Kinder.

(Ein beherzigenswerter Aufruf an alle Parteien!

Der Frankfurter Lehrerverein veröffentlicht fol­genden Aufruf:Die Reichsverfassung weist der öffentlichen <5u,ute die Aufgabe zu, die künftigen Staatsbürger im Sinne wahrer Volksgemeinschaft zu erziehen. Diese Schule kann und will keine ein­same Insel fern von der Wirklichkeit sein. Sie ist darum nur einer unter den vielen Erziehern, die auf die Jugend einwirken. Das haben besonders deutlich die' gegenwärtigen Zeiten wirtschaftlicher Not und politischer Hochspannung gezeigt, in denen nicht nur die unterrichtlichen Ergebnisse, sondern auch d Frieden der Schularbeit von außen aufs schwel .e gefährdet werden. Man kann nicht junge Menschen zum Dienst an der Volksgemeinschaft er­ziehen, wenn sie läßlich und stündlich erleben, daß ihre Väter und Brüder sich gegenseitig hassen oder gar um einer Meinung willen totschlagen. Der Lehrerverein bittet daher die gesamte Oeffentlichkeit, insbesondere die politischen Parteien, den kommen­den Wahlkampf in Formen zu führen, die eines seiner Verantwortung vor der Jugend bewußten Kulturvolks würdig sind, und unter allen Umständen zu verhindern, daß Kinder offen oder versteckt zum politischen Kampfe mißbraucht werden."

proteft-Kundge-ung der Kraftfahrer.

Vom Auto- und Motorrad-Club Gießen werden wir um Aufnahme folgender Zeilen gebeten:

Der Auto- und Motorrad-Club Gießen E. D. Gießen Ortsgruppe des Allgemeinen Deutschen Automobil-Clubs hatte seine Mitglieder in das Clublokal Hotel Schütz eingeloden, um gegen die verweigerte Senkung der Krastsahrzeugsteuer und die Erhöhung der Betriebsstosfpreise zu prote­stieren. Ferner teilte der l.Bvrsitzende Herr Aug. W e i d i g mit, daß die Reichsregierung weder den Vorstellungen der Kraftverkehrslammer, noch den Eingaben des ADAC. Rechnung getragen, und die dringend gewünschte 52prozentige Herabset­zung der Pauschalsteuer ab 1. Oktober d. I. nicht vorgenommen hat. nachdem es außerdem wieder trotz dringenden Vorstellungen zugelassen wurde, daß die Betriebsstoff-Konvention sich in kartell­ähnlicher Weise bilden konnte. Der Redner er­klärte ferner, daß ab 1. Januar 1933 für die Club­mitglieder für verbilligtes Benzin und Oel ge­sorgt würde.

Rach längerer Aussprache wurde folgende Entschließung an den Herrn Reichsfinanz­minister gesandt:

Die heute am 21. Oktober in Gießen versammel­ten Kraftfahrzeugbesitzer haben mit großer Sorge davon Konntnis genommen, daß seitens der Reichsregierung noch keinerlei entscheidende Schritte unternommen wurden, um der am Boden liegenden Kraftverkehrswirtschaft durch steuerliche Entlastung den Wiederausstieg zu ermöglichen. Die Belastung durch Spritzwang und Zollerhöhung ist ins Unerträgliche gestiegen. Wir verlangen von der Reichsregierung, daß sie durch sofortige Senkung der Pauschalsteuer um 50 Prozent der Krastverkehrswirtschast einen wertvollen Impuls gibt und dadurch zeigt, daß auch dieser wichtige Wirtschaftszweig sich der Fürsorge der Reichs­regierung erfreut.

Gleichzeitig wird das Augenmerk der Reichs­regierung auf die preisverteuernden Maßnahmen der neugegründelen Betriebsstoff-Konvention hin- gelenkt. Wir erwarten auch hier von der Reichs­regierung energisches Eingreifen."

Taten für Montan, 24. Oktober.

1648: Westfälischer Friede zu Münster und Os­nabrück: 1648: Ende i s Dreißigjährigen Kriegs. 1796: der Dichter August Graf von Platen- challermünde in Ansbach geboren.

Bornotizen.

Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Für die morgige Erstauf­führung der OperetteDie Toni aus Wien" sind die Vorbereitungen in vollem Gange. Die Ope­rette von Ernst Stessan erlebte am 8. Mai 1931 Welturaufführung im Metropol-Theater Berlin unb wurde ein durchschlagender Erfolg: sie ist eine Operette nach der guten wienerischen Art, und der Premierenerfolg sicherte dem Werk eine wohlverdiente Serie von Aufführungen. Die Spiel­leitung hat Intendant Dr. P rasch selbst über­nommen. Unsere Operettenkräfte werden sich Dienstag erstmalig dem Gießener Publikum in ihren eigentlichen Ausgaben vorstellen. Musika­lische Leitung hat Kapellmeister Walter M o e h l. Für die Danze zeichnet Ballettmeister Ewald B ä u l k e. Operettenpreisei Anfang 20 Uhr; Ende 22.30 Uhr. Bei Vorstellungen, für die Ope- rettenpreise gelten, ändern sich die Vergünstigun­gen für Studierende dahin, daß $u diesen Vor­stellungen Studierende den nächst niedrigen Preis zu zahlen haben, während für Schülerkarten keine Ermäßigung gewährt wird.

* Zug der Schneegänse. Am Samstag 9.55 Uhr überflogen in der Richtung Rord- Rordost-Südsüdwest etwa 50 Schneegänse in etwa 100 Meter Höhe unsere Stadt. Sie flogen in Keilform und verschwanden um 10 Uhr in der Richtung Klein-Linden.

" Bund für christlich-evangelische Erziehung in Haus und Schule. 2m

In den Zusatzrentenbestimmungen sind gewisse Milderungen eingeführt. So ist die Möglichkeit geschaffen, Kriegerwitwen im Alter von 40 bis 45 Jahren ohne Kinder die halbe Zusatzrente und Kriegsbeschädigten mit einer Er­werbsminderung von 50 bis 70 Prozent Zusah- tente bis zur vollen Höhe unter gewissen Vor­aussetzungen zu gewähren. Bei letzteren sollen vor allem solche Beschädigte berücksichtigt wer­den. bei denen eine Zwangsver Weigerung ihres Grundstückes droht, wenn durch die Gewährung der höheren Zusatzrente die Gefahr voraussichtlich abgetoencet werden kann.

Erhöhte Mittel für einmalige Unter» stützungen sind den Versorgungsämtern zur Verfügung gesellt. Diese Mittel sollen zugute kom- men bedürftigen Kriegereltern, Waisen, sowie Kindern Schwerbeschädigter und Kriegerwaisen in Hoch- oder Fachschulausbildung, soweit diese genannten Personengruppen Rente nicht beziehen können. Schließlich sollen die Fürsorgestellen be­sondere Mittel erhalten, um sogleich, wie im Vorjahre. 40prozentig Beschädigten und Witwen unter 45 Jahren, die Zusatzrente nicht erhalten können, einmalige Unterstützungen un­ter besonders festgelegten Voraussetzungen zu zahlen.

Wieseck und die Straßenbahn.

21us Wiefeck erhalten wir die nachstehende Zuschrift:

Der letzte Artikel über dieses Projekt imGieße­ner Anzeiger" war an die Adresse Wiefecks ge­richtet, die sich jetzt bietende Gelegenheit der Wei- terlegung der Straßenbahn durch Wieseck bis zum dortigen Friedhof zu ergreifen und damit eine Endlösung zu schaffen, die nur allein beide Teile befriedigen kann: eine Endlösung, die durch die Ent­wicklung der engen Beziehungen zwischen Wiefcck und Gießen schon längst zur zwingenden Notwen­digkeit wurde.

Es soll dies noch einmal ein Apell an die Ver­tretungen Gießens und Wiesecks, vor allem aber an unsere Miejecker Gemeindevertretung sein, ihre seit­her in Verkehrsmittelfragen gezeigte Großzügigkeit weiter unter Beweis zu stellen, zumal sich jetzt eine Gelegenheit bietet, die wohl in absehbarer Zeit nicht wiederkehren dürfte. Ich spreche mit der über­wiegenden Mehrheit des mittleren und nordöst­lichen Teils von Wieseck, der von der Gemeindever­tretung jetzt die Initiative erwartet, ihm zumindest wieder ein Verkehrsmittel zu geben, da mit dem Tage der Eröffnung der Straßenbahn bis zur Stadtgrenze vor Wieseck ihm durch das Verbot des Autobusverkehrs für Wieseck jede Verkehrsmöglich­keit ge-nommen wird.

Es braucht kaum darauf hingewiesen zu werden, daß tiurd) das Weiterlegen einem großen Teil Wie- secker Erwerbslosen für einige Wochen Arbeit und Verdien'stmöglichkeit gegeben wird, evtl, auf dem Wege des Freiwilligen Arbeitsdienstes. Aber auch die Geschäftswelt wird es zu spüren bekommen, und die Ausflugsorte hinter Wieseck vom Flughafen Busecker Tal über Hangelstein bis hinüber nach Lollar sind so vielen Gießenern und Fremden er­schlossen. v . .

Und Gießen sollte sich darüber klar sein, daß der weitaus größte Teil der auswärtigen Arbeitnehmer gerade in der Mitte und im Nordwesten Wiesecks wohnt den zu erfassen es nur durch diese End- lösung' gelingt. Nur dann kann auch die Verkehrs­frequenz den Erwartungen entsprechen.

Bei beiderseitigem ernsthaften Willen zum Ge­lingen der Sache muß dies jetzt so außerordentlich günstig liegende Projekt möglich sein, mag auch die Finanzlage Wiesecks eben nicht gerade gut sein. Es ist ein Wechsel auf die Zukunft. Die Erfahrung wird bei einer vernünftigen Staffelung der Fahr­preise _ zeigen, daß bann die Straßenbahn von Gießen nach Wieseck die rentabelste Linie ist, und daß das Projekt für alle Beteiligten das beste war.

H. S., Wieseck.

Bauunternehmer

und Wohnungsbau-Neichüzuschuß.

Die Industrie- unb Handelskammer Mainz als Vorort des Hessischen Industrie- und Handels­kammertags schreibt uns:

Die hessischen Bestimmungen über Die Gewäh­rung eines Reichszuschusses für die Instandsetzung von Wohngebäuden, die Teilung von Wohnungen und den Umbau gewerblicher Räume zu Woh­nungen vom 26. September 1932 sehen in Ziffer Ille 2 vor, daß nur solche Bauunterneh­

Aus der provinzialhauptlladt.

Gießen, den 24. Oktober 1932.

OieMehrleistungen für die Kriegsopfer.

Heber die vom Reichsarbeitsministerium ver­fügten Mehrleistungen in der Reichs- Versorgung der Kriegsopfer teilt der Kyfshäuserverband der Kriegsbeschädigten und Kriegerhinterbliebenen folgende Einzelheiten mit:

Die Einschränkung, daß Kannbezüge und Härteausgleiche nur in ganz besonders dringenden Fällen gewährt werden durften, ist aufgehoben. Dadurch wird eine bisher' als große Härte empfundene Bestimmung beseitigt. Zur Erleichterung der Berufsausbildung von Kindern Schwerbeschädigter und von Krieger­waisen können K inderzulagen oder Wai­senrenten über das 15. Lebensjahr hinaus bis zum 21. Lebensjahr bewilligt werden, wenn das Kind vor Vollendung des 16. Lebensjahres in eine Berufsausbildung oder weitere Schulaus­bildung eintritt. Während bisher ein Wechsel des Wohnsitzes keinen Anspruch auf Erhöhung der Ortszulage begründete, kann hinfort die er­höhte Ortszulage ohne Prüfung des Be­dürfnisses gewährt werden, wenn der Wechsel des Wohnsitzes im Einzelfalle durch Arbeitsauf­nahme, Versetzung oder sonstige triftige Gründe veranlaßt ist.

Die Dersorgungsämter können künftig ab g e » f undenen Kriegsbeschädigten wie­der Rente ohne Rechtsanspruch ge­währen. wenn eine Verschlimmerung des an­erkannten Dienstbeschädigungsleidens vorliegt. Das gleiche trifft zu, wenn eine neu auftretende Gesundheitsstörung mit dem anerkannten Dienst- beschädigungsleiden in ursächlichem Zusammen­hang steht. Die Gewährung von W i t w e n ° u n d Waisenbeihilfen an Hinterbliebene von Schwerbeschädigten, die nicht Pflegezulageemp­fänger waren, ist den Versorgungsämtern srei- gegeben.

Zur Erhaltung der Eigenheime der Kriegsopfer können Kapitalabfin- Dungen zwecks Abwendung einer drohenden Zwangsversteigerung auch bewilligt werden, wenn zum Erwerb oder zur wirtschaftlichen Stärkung des Grundstücks eine Kapitalabfindung bis­her noch nicht bewilligt worden war.

Iohannessaal versammelten Tief) am Freitagabend die Mitglieder des Bundes für christlich-evan­gelische Erziehung in Haus und Schule. Pfarrer Dr. Fritsch. Ruppertsburg, hielt einen Vortrag über das ThemaErziehung der Kinder zum Gebet". Der Redner führte u. a. aus, daß die tüchtigsten Männer in unserem Vaterland fromme Männer gewesen seien, so Bismarck, Moltke, Roon. Hindenburg. Das ilnglüd unseres Volkes sei es, daß nicht mehr gebetet würde. Deshalb sei es richtig, unsere Kinder zum Gebet zu er­ziehen, denn schon die Kindesseele sei für das Gebet empfänglich. Das Gebet sei nötig, um die Verbundenheit mit Gott zu finden: es sei ein heiliges Werk, und das Kind müsse so früh als möglich dazu erzogen werden. Das Gebet sei möglich, auch wenn die Erkenntnis noch nicht da sei. Mit den verschiedenen Arten, Morgen-, Tisch- und Abendgebet, werde das Kind allmäh­lich zum bewußten Beten erzogen. Im Gebet müsse das Kind lernen, sich Gottes Willen zu unterwerfen. Die beste Möglichkeit, die Kinder das Beten zu lehren, sei das Vorbild der Eltern. Wenn das Beten zum Bedürfnis geworden sei, dann werde es ein Segen für Kinder, Eltern, Haus und Volk. Der Vorsitzende, Landgerichts­rat Knaus, dankte dem Redner für seine wert­

vollen Mahnungen und teilte noch mit, daß im Rovember ein Familienabend mit musikalischen Darbietungen abgehalten werde.

Spielplan der Frankfurter Theater.

Opernhaus. Montag, 24. Oktober, von 20 bis 22.30 UhrRigoletto". Dienstag, 25., von 19.30 bis gegen 23 AhrTannhäuser". Mittwoch. 26., von 19.30 bis gegen 23 Ahrti-armen. Don­nerstag, 27., von 20 bis gegen 23 AhrZar und Zimmermann". Freitag. 28. geschlossen. Samstag. 29., von 20 bis gegen 22.30 AhrDie Entführung aus dem Serail". Sonntag. 30.. von 18 bis 22.30 AhrLohengrin". Montag, 31. geschlossen.

Schauspielhaus. Montag, 24., 20 Ahr Florian Geyer", Dienstag, 23., 20 UhrDes Esels Schatten", Mittwoch, 26., von 20 bis nach 22.30 AhrFlorian Geher". Donnerstag, 27., von 20 bis gegen 23 UhrFlorian Geher". Freitag, 28., von 20 bis gegen 22.30 UhrIphi­genie auf Tauris". Samstag, 29., von 20 bis gegen 23 AhrDie endlose Straße". Sonntag, 20., von 16 bis nach 18.30 UhrDer Raub der Sabinerinnen": von 20 bis 22.30 AhrWetter veränderlich". Montag, 31., von 20 bis gegen | 23 UhrDie endlose Straße".

M.r plahi der Papierfragen..."

Heiteres von einer ernsten Enquete.

Don Or. E. Wendorff.

Die riesige Wirtschastsenquete die erste in Deutschland!, die durch den vom Reich I eingesetzten Ausschuß zur Untersuchung der Er- I zeugungs- und Absatzbedingungen der deutschen Wirtschaft durchgeführt wurde, ist jetzt zum Ab­schluß gelangt. Eine Fülle von Tatsachenmaterial ist im Laufe dieser vier Jahre zusammengetragen worden.

Die vorliegende Fülle ernsten und gewichtigen Materials wurde großenteils auf sehr lebendig» instruktivem Wege gewonnen: nämlich durch die Befragung von Sachverständigen. Hunderte von Vernehmungen wurden durchge­führt, die heute größtenteils in gedruckter Form zugänglich sind, und sie sind gerade deshalb für oen Leser so fesselnd und aufschlußreich, weil hier Fragen und Antworten nach stenographischen Aufzeichnungen so wiedergegeben werden, wie sie in angeregter Diskussion gestellt und erwidert worden sind. Viel Ernstes aber auch Heiteres hat sich dabei ergeben, das vorerst die Darstel­lung angeht.

. Wenn schon im Reichstag der Redner seine meist wohleinstudierte Rede gelegentlich mit unfrei­willigen Sprachschnitzern schmückt, wieviel mehr konnte der oft des öffentlichen Redens gänz­lich ungewohnte Sachverständige, der Fachmann aus Industrie oder Handel, in seiner meist doch extemporierten Rede gelegentlich entgleisen! So gab es denn bei dem ernsten Unterfangen, die deutsche Wirtschaft zu untersuchen, auch heitere Momente.

Da heißt es z. D.:In Amerika, in Schweden und Lettland herrscht sehr starke Produktion an Gummischuhen Es gehört dort zum täglichen Brot, Gummischuhe zu tragen. DasTägliche Brot" muß aber noch für ganz andere Dinge her­halten. So heißt es ein andermal:Da gibt es eine ganze Reihe von Spezialstoffen, die für die Kravattenindustrie tägliches Brot sind." In einer Denkschrift heißt es:Die Stadtverwaltung ver­bot auf unfern Einspruch hin, daß denjenigen Personen weiblichen Geschlechtes unter 21 Jahren der Hausierhandel in sittlicher Bezie­hung untersagt wurde." Sehr anschaulich wirkt das Bild von den Aktionären, diez u Bün­deln zusammengeschlossen" sind. Ebenso bedauernswert ist das Bureaupersonal eines Kaufhauses, dasSamstags an die Kas­sen geworfen" wird. Besser haben es da schon die Dorfsattler, diesich auf die Polster ge­

worfen haben", freilich deshalb,weil sie von den Kraftfahrzeugen geschäftlich immer mehr er­drosselt wurden". Sehr amüsant ist das Bild von der Verkäuferin, die alsdie verlängerte Hand des Geschäftsführers" bezeichnet wird.

An anderer Stelle wird kühn behauptet, daß das Metermaß durch die Kürze der Kleider kleiner geworden" sei. Daß dieKlaviere im Export die erste Geige spielen", dürfte als musi­kalische Unmöglichkeit gelten. Ein Sachverstän­diger will denroten Mißtrauensfaden, der doch mindestens einen starken Schönheits­fehler darstellt" beseitigt wissen, während ein anderer Unzufriedener meint:So greift man nach jedem Anker, der Anlaß zum Schimpfen gibt". Ein Fabrikant ist der Ansicht, die deutsche Produktion sei wertvoller als die amerikanische, dennin Amerika werden die Pianos zusammen­gesetzt in einer Weise, daß das eigene I ch nicht mehr hineingelegt wird. Auch ist in der Lederindustrie inDeutschland an jeder Haut etwas Persönliches, und das ist, was unsere Qualität erhöht!"

Sehr dunkel scheint in andern Fällen der Rede Sinn, wenn der Sachverständige aus einer kompli­zierten Sahkonstruklion nicht mehr herausfindet. Mithin müssen wir uns durch eine Form a u f zwei Stühle sehen, die den Grossisten nicht verletzen, so daß wir den Ast. auf dem wir zum Teil sitzen, nicht selbst absägen ... und auf der andern Seite auf dem andern Ast sitzen." Mik was für einer Seite, bitte? Oder soll man lieber nicht fragen?

Manche Sachverständige suchen durch kräftige Ausdrücke ihrem Aerger über mancherlei Miß­stände Ausdruck zu geben. So heißt es z. D.: M i r plaht der Papierkragen über die Unfähigkeit und Torheit in unserer Branche", ober, sehr anschaulichDie Differenz schreit zum Himmel!" Die Einkaufspolitik wird gut gekenn­zeichnet, wenn es heißt:Es erwies sich als ein Fehler, daß ich Knickerbockers eingekauft hatte, denn ich blieb darauf sitzen." Unangenehmer muß es schon sein, wenn ein Fabrikantauf dem elek­trischen Teil sitzen bleibt!

Sehr summarisch drückt sich an anderer Stelle ein Milchhändler aus, der erklärt:Ich mache mit der Magermilch Quark und fette Schweine." Das scheint ja eine sehr wunderkräftige Milch zu sein!

Buntes Allerlei.

DieLöwen-predigt".

In der Katherinenkirche, einem der ältesten Gotteshäuser der Londoner City, ist in diesen Tagen wie alljährl.ch dieLöwen-Predigt" ge­halten worden. Diese Predigt, die seit fast 300 Jahren alljährlich einmal eine große Menge in die Kirche lockt, wird zum Andenken an ein Er­eignis gehalten, das im Jahre 1646 dem Bürger­meister von London, Sir John Gayer, zustieh. Bei einer Reise nach Afrika war er von seiner Karawane getrennt worden und sah sich plötzlich einem Löwen gegenüber. Er sank in die Knie, schloß die Augen und betete. Als er feine Lider zu offnen wagte, war der Löwe verschwunden. Zur Erinnerung an diese wundersame Errettung stiftete er eine Geldsumme, damit jährlich eine Predigt über die Wirksamkeit des Gebetes ge­halten werden könne: das ist dieLöwen-Pre­digt", die noch jetzt stattfindet.

Wunderliche Elubs in Spanien.

Die Engländer besitzen nicht allein das Vor­recht, sich zu Gesellschaften mit wunderlichen Ra­inen und Zwecken zusammenzuschliehen. Seitdem sich das Klubwesen in Spanien eingebürgert hat, haben die Landsleute Don Quijotes eine bemer­kenswerte Erfindungsgabe bei der Gründung ori­gineller Vereine an den Tag gelegt. Besonders ist Barcelona reich an solchen Gesellschaften. Da gibt es z. B. denKlub der Groben", in den nur solche Herren aufgenommen werden, die vor­her eine Prüfung im Schimpfen und Fluchen be­standen haben. Wer nicht über eine reiche Aus­wahl der derbsten Ausdrücke verfügt unb einen großen Schah von Schimpfworten sein eigen nennt, wird nicht ausgenommen. Der Präsident dieses würdigen Bundes, der sich durch seine rauhe, aber herzliche Unterhaltung auszeichnet, ist stolz auf einen von ihm aufgestellten Rekord, bei dem er drei Stunden lang ununterbrochen Ausdrücke benutzte, die sonst in guter Gesellschaft verpönt find, ohne sich in seinen Kraftworten auch nur ein einzigesmal zu wiederholen. Die Mit­glieder dieses Klubs sind in der Mehrzahl See­männer. Dann gibt es einen Bund, der sich der Klub der Arche Roah" nennt. Für die Aufnahme ist es Bedingung, daß man einen Tiernamen fein Eigen nennt. Die Wolfs, Hirschs, Löwes, Fuchs usw. find zahlreich vertreten, aber besondere Aus­zeichnung genießen die Träger seltener Rainen,

wieEsel" undKänguruh", die auch unter den spanischen Familiennamen vorkommen. DerKlub der Häßlichen" läßt bei den Aufnahmebedingungen einen weiten Spielraum, denn er fordert nur die ungewöhnliche und unschöne Ausbildung irgend­eines Organs, wobei allerdings die Verbindung mehrerer solcher Mißformen bevorzugt wird. Der Präsident des Klubs hat diese Auszeichnung we­gen eines ganz besonders stattlich entwickelten Riechorgans erhalten.

Ward je in solcher Laun' ein Weib gefreit?"

Dieser Ausruf des Shakespcareschen Richard IN. kommt einem auf die Lippen, wenn man die Schil­derung von der Heirat des großen englischen So­zialreformers und Kunstkritikers John Rus- k i n lieft, die Sir Henry Rewbolt in seinem so­eben erschienenen ErinnerungsbuchMeine Welt in meiner Zeit" gibt. Rewpolt berichtet die Vor­gänge nach den Mitteilungen des Malers Holman. Hunt, der bei der Hochzeit zugegen war. Ruskin wollte durchaus nicht heiraten, wurde aber durch seinen Vater gezwungen, die Tochter eines Ge­schäftsfreundes zu ehelichen.Die Trauung fand im Wohnzimmer eines Landhauses statt", schreibt Rewbolt, unb das junge Paar fuhr bann in zwei Wagen fort. Im ersten Wagen nahmen bie Reu­vermählten Platz, währenb im zweiten Ruskins Diener unb bie Zofe seiner Frau mit dem Ge­päck llnterfunft fanden. Als man eine kurze Strecke von dem Hause entfernt war, hielten beide Wagen auf einen Ruf des jungen Ehegatten. Rus­kin flieg aus dem voranfahrenden Wagen aus und erklärte seiner Frau, er habe nun fein Verspre­chen erfüllt und er gedenke, keine weiteren Pflich­ten ihr gegenüber als seiner Ehefrau auszuüben. Er schickte ihre Zofe in den Dorberwagen, setzte sich selbst in den zweiten Wagen und fuhr mit sei­nem Diener weiter." Die beiden lebten nun eine beträchtliche Zeit unter demselben Dach, aber so­weit wie möglich voneinander entfernt. Ruskin sah seine entzückende junge Frau fast nie und sprach mit ihr nur das AUernotwenbigste. Es war ein Glück für bie Dame, daß sie dieser Ver­urteilung auf Lebenszeit entging, indem d n, terliche Maler John Everett MiUais sie e *us Anlaß Die Ehe wurde bann für ungültig erp^e 113 der dies war dadurch möglich, daß Ruskin x der Unter- dungsklage einreichte und jede Zeu' SA.-Leuten. verweigerte.