Nachdruck verboten I
21. Fortsetzung.
Ich
doch daß diese
jetzt endlich vernich'.et werden? Wenigstens so bloßgestellt von der betrogenen Frau, Fritz Lohgarten endlich auch wußte, was Person wert war?
Ilse Wiedener sagte plötzlich:
„Hilde, ich sah da eben eine Bekannte.
glaube, sie hat mich auch gesehen und ist mir nun böse. Sie denkt vielleicht gar, ich habe sie schneiden wollen. Ich muh zurück und sie begrüßen."
„Ich muß aber nach Hause, Ilse. Du weißt, ich habe es Mama so fest versprochen, pünktlich da zu sein. Tante Ada kommt heute."
Die andere hatte es hastig gesagt. Ilse lachte.
„Ich will dich nicht mithabcn, Hilde. Ich weiß doch, was Tante Ada für euch bedeutet", sagte sie dann und verabschiedete sich.
„Allein? Aber Ilse! Das kann ich nicht verantworten."
„Unsinn! Geh nur! Mir wird schon nichts geschehen. An dieser belebten Ecke hier, du Dummchen."
Hilde von Loh sah ihr verwundert nach.
Läuft sie etwa dem Altendorf nach? Mein Gott, das hätte ich ihr nicht zugetraut!, dachte sie und ging nun schnell nach Hause. Aber I sie nahm sich vor, keinem Menschen etwas von I dieser seltsamen Sache zu erzählen, damit auf I Ilse kein schlechtes Licht fiel.
Ieht war die Stunde da, in der er sich für immer von ihr trennen und ihr das brutaloffen auch sagen würde. Und Hilma lächelt« wieder ihr totes, verlorenes Lächeln.
Ein« Stund« spät«r kam er, legt« ihr Veilchen und Maiglöckchen in die Hände, lächelte liebenswürdig und sagte:
„Ich trete «ine Gastspielreise an. Willst du mich hier erwarten oder reisest du lieber mit Mama? Wir könnten uns ja dann ebenso gut im Süden treffen. Die letzte Station dieser Gastspielreise ist Budapest. Später gehe ich allerdings auf einig« Monat« nach Amerika. Wie denkst du darüber?" . v
Sie sah auf Pi« duftenden Blüten nreder.
„Ich werde doch lieber hierbleiben. Der Frühling hier im alten Garten ist auch sehr schön."
Die wenigen Worte wurden von einem trockenen Husten unterbrochen. In den dunklen Augen des Mannes war kein Mitleid. Etwas Lauerndes war darin.
Hilma hob den Kopf.
„Wann gedachtest du abzureisen — und ift auch alles in Ordnung mit deiner Wäsche?"
„Danke, di« Wäsche ist tadellos in Ordnung. Mama ist da ein« vorzügliche Hausfrau. Abzu- reisen ged«nk« ich mit dem Nachtschnellzug. Ich habe jedoch zuvor noch «inen sehr wichtigen Weg. Gehe immer schlafen; es wird vielleicht spat werden, Hilma."
„Gewiß, Ich fühl« mich auch müde.
Er stand auf.
„Dann darf ich mich von brr verabschieden. Lebe wohl, Hilma, und ich hoffe, dcch du dich gut erholst." . . .
Er wußte, daß er diese Frau ni« Wiedersehen würde, auch wenn nicht inzwischen, Wie er vom Arzt genau wußte, der Tod sein Anrecht geltend machen würde.
Er küßte sein« Frau flüchtig auf die Stirn. Das war sein Abschied!
Er überhörte die leisen Abschiedsworte seiner Frau und ging. /
Bon der Tür her sagte er:
„Mama hat sich schon hingelegt, ich will nicht erst stören. Grüße Sie bitte, Hilma!"
Die Tür schloß sich.
Hilma erhob sich. Klar gezeichnet lag ihr Weg vor ihr. Lind jetzt gewann auch der Brief noch Bedeutung! Der verächtliche, anonym« Brief!
• Heinz ging zu jener Frau! Lind jetzt sollte sie mit ihm sterben! Ia, das war nur Garechtigkeit!
Hilma schlich in ihr Schlafzimmer, nahm die Waffe aus dem Kasten. Dann warf sie ein großes dunkles Tuch über und ging hinaus. Draußen im Garten, hinter der Figur des Herkules versteckt, wartete sie.
Im Ankleidezimmer ihres Gatten brannte noch Licht. Er war noch dort oben. Wie mm, wenn er einen Wagen anrief? Dann wußte sie nicht, wohin er gefahren war.
Plötzlich erlosch das Licht. Die kranke Frau zitterte am ganzen Körper. Nach einer Weile
905 Hit W Ito W
Roman von Gert Rothberg.
Copyright by Martin Feuchtwanger, Halle (Saale)
kam Altendorf elastisch den breiten Mittelweg zum großen Eingangstor herab.
Hibna atmete kaum noch. D:e Kalte drang durch ihre Kleidung. Diese kühle, heimtückische Luft die dem Frühling vorangeht! Ietzt kam das Mädchen und schleppt« zwei große Koffer.
Altendorf wartete auf sie, gab ihr Geld und sagte:
„Liesbeth, Sie warten die paar Minuten hier; di« Droichk« muß j«den Augenblick kommen. Dann fahren Sie zum Bahnhof und geben die’C Koffer nach Hamburg auf. Das bezahlen Sie alles. Die Adressen sind fertig am Gepäck. Das übrige Geld gehört Ihnen. Leben Sie wohl."
„Auf Wiedersehen, Herr Altendorf."
Das hübsche Dina weinte. Er kniff sie in die Wang« und lacht« kurz auf. Dann ging er.
Hilma huschte zum kleinen Tor. Gott sei Dank, der Schlüssel steckte. Nun konnte sie ihrem Manne ungehindert folgen. Er ging, um Abschied von seiner Geliebten zu nehmen!
Vereinzelte Fußgänger begegneten Altendorf. Hinter ihm tarnen auch noch Menschen. Es war eben jetzt die Zeit, wo die vielen Arbeiter und Angestellten auf dem Heimwege waren. Trotz der allgemeinen Arbeitskrise feierten doch noch nicht alle Fabriken.
Zwei Damen kamen dem Sänger entgegen. Er blickte sie nicht an, aber sie hatten ihn beide erkannt.
„Das war doch Altendorf?" fragte neugierig Hilde von Loh.
Sie kam mit ihrer Freundin Ilse Wiedener von einer Modenschau bei Dernhold. Lind Ilse wollte sich dann zum Abendessen mit ihrem Vater in der Stadt treffen.
Ilse Wiedener zog die Freundin weiter. Fieberhaft arbeitete es in ihrem Kopf. Sie hatte die nachfolgende dunkle Gestalt erkannt: Heinz Altendorfs Frau!
Hatte ihr Brief diese Wirkung ausgelöst? Lind was geschah jetzt? Ging Altendorf zu Traute Bolscher, und würde dieses verhaßte Geschöpf
Ilse aber eilte inzwischen hinter der Frau des Sängers her. Ihre Nerven waren auf- gepeitscht. Endlich einmal etwas in diesem stumpfen Dasein, das sie in diesen letzten Wochen bald verrückt gemacht hatte.
Lind es würde etwas geschehen! Bestimmt würde etwas geschehen! Diese Situation war seltsam genug und abenteuerlich.
Ilse überlegte fieberhaft, wie sie wohl am besten alles beobachten könne. Lind da kam eine Querstraße. Ietzt muhte es sich entscheiden, ob Altendorf nach den Arbeiterhäusern hinüber wollte oder ob er sein Liebchen von der Fabrik abholte.
Altendorf schlug den Weg nach der Fabrik ein- Hinter ihm liefen zwei halbwüchsige Burschen, die sich laut und gröhlend unterhielten, und hinter diesen, sich immer im Schatten haltend, folgte die Frau Altendorfs. Lind sie, Ilse Wiedener, lief auf der anderen Seite der Straße.
Ilse Wiedener lief jetzt den schmalen Seitenweg, der auch nach der Fabrik führte. Sie konnte dann um die Mauer Herumlaufen, sich hinter einem dec niedrigen Gesträuche verstecken und alles beobachten.
Als sie an der Fabrik ankam, stand das große Tor noch weit offen.
Sie stellte sich hinter einen dicken Baumstamm, da das unbelaubte Gebüsch nicht genügend Schuh bot.
Altendors kam jetzt dicht an ihr vorüber. Er blieb eine Weile stehen und sah zu den Fenstern des Bureaus hinauf, die noch erleuchtet waren. In diesem Augenblick wurde der ganze Platz vor dem Tor durch die riesige Lampe taghell erleuchtet. Der Pförtner wollte dem großen Privatauto, das langsam auf das Tor zusuhr, die Ausfahrt erleichtern.
Dieses Helle Licht ließ die Frauengestalt erkennen, die hinter dem Baumstamm stand. In diesem Augenblick krachten mehrere Schüsse. Das Auto hielt, unö' zwei Herren sprangen heraus.
Fritz Lohgarten und ein Fremder, ein Freund, der ihn abgeholt hatte, um mit ihm ein wichtiges Geschäft zu besprechen.
Dicht am Tor lag Heinz Altendorf auf dem Rücken, während eine dunkle Gestalt, eine Frau, quer am Rande des Weges lag. Lind mitten im Licht, den Revolver noch in der Hand, stand mit irren Augen Hilma Altendorf!
Lohgarten erkannte sie zuerst:
„Lim Gottes willen, Hilma, was hast du denn? Wer ist das da?"
„Mein Mann ist es! Er traf sich hier mit diesem Geschöpf, dieser Traute Bolscher! Lind nun habe ich mich gerächt. Was ist da weiter dabei? Ich bereue nichts. Starre mich nicht so an, Fritz! Ich sage dir, er war nichts Besseres wert. Oder — vielleicht war es eben doch das Beste, was ihm noch geschehen konnte. Lind um die da ist es doch auch nicht schade. Meinst du nicht?"
Auf einen Wink Lohgartens legte sein Geschäftsfreund den Arma um Hilma. Er selbst beugte sich über die Frauengestalt.
„Traute? Nein! Es ist nicht Traute!"
Wie eine Erlösung aus tiefster Qual klang es. Dann beugte s.cy Lohgarten tiefer über die regungslose Frauengestalt.
„Ilse Wiedener?! Mein Gott, wie kommt sie mit hierher in dieses Drama?"
Er versuchte sie aufzurichten. Doch — Ilse Wiedener, die reich«, verwöhnte Ilse Wiedener war tot!
Lind Altendorf?
Ein Stöhnen kam von dort her, wo er lag.
Also lebte er noch!
Lohgarten war schon bei ihm, kniete neben ihm nieder.
„Altendvrf! Wie konnte dies geschehen? Ich denke, es war alles gut zwischen Ihnen und Hilma?"
Er stützte den Kopf des Schwerverletzten.
In diesem Augenblick kam Traute Bolscher an der Gruppe vorüber.
Lohgarten erkannte sie.
„Fräulein Bolscher, bitte, rufen sie den Arzt und die Staatsanwaltschaft an. Es ist eine unglückselige Tat hier geschehen."
Traute erschrak bis ins Herz hinein. Dann aber lief sie schnell ins Bureau guraa, wo ein älterer Angestellter noch über seinen Büchern sah. Von hier aus rief sie die Behörde und den Arzt an.
Sie wußte nicht, dah sie indirekt die Hauptperson dieses Dramas war.
Noch ganz erschüttert von dem Furchtbaren, ging sie dann wieder hinunter. Lind der Schreiber blickte ihr nach, und auf seinem Gesicht lag, starres Entsetzen, denn er hatte ja gehört, was Fräulein Bolscher in den Apparat hineinsprach.
Lind er klappte das Buch zu und ging auch hinunter.
Traute lehnte am Tor, Grauen im Blick der großen Augen.
Lohgarten blickte sie einmal an, und da hätte sie am liebsten laut aufgeweint, weil so viel Schweres erneut über ihn hereinbrach. Noch wußte sie nicht, wie das alles geschehen war; da aber Frau Altendorf von einem kleinen untersetzten Herrn gehalten wurde, vermutete sie, daß diese die Schüsse abgegeben hatte.
Die Waffe lag jetzt am Boden.
Lind dann kam der Arzt. Gleich hinter ihm mehrere sehr ernst aussehende Herren.
Es wurde verhört, geschrieben; leise Worte wurden ausgetauscht.
Der Arzt stellte den Tod Ilse Wiedeners fest. Heinz Altendors war schwer verletzt, er würde den Morgen kaum überleben. Ein Blick des alten Arztes traf die bleiche Frau, die jetzt zwischen zwei fremden Herren stand. Er trat zu dem obersten Beamten, der noch mit Lohgarten sprach, und sagte leise:
„Wenn diese Frau dort die Mörderin ist, dann lohnt es sich nicht, sie festzunehmen. Ia, es darf wohl nicht einmal geschehen. Diese Frau ist lungenkrank, letztes Stadium! Ich kenne sie seit langer Zeit."
Ein Achselzucken
„Bedaure! Das wird der Gerichtsarzt entscheiden. Bei aller schuldiaen Hochachtung vor Ihrem Können fühle ich mich nicht berechtigt, di« Täterin jetzt freizulassen."
„Das habe iu& -auch nicht erwartet — ich meinte nur, man wird diese bedauernswerte Frau schnell wieder freilassen müssen. Wenigstens, man wird sie ins Krankenhaus bringen müssen."
Der Arzt wandte sich wieder Heinz Altendorf zu, der in tiefer Ohnmacht dalag.
Plötzlich riß sich Hilma los, warf sich über ihren Mann.
(Fortsehuna folgt.)
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