Nr. U Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)Donnerstag, 24. Värz (932
FramöMe Zuaend, eine »Öffnung?
Äon
Wir bringen heute den Schlußariikel unseres Pariser ' .'-Mitarbeiters über Frankreich. Wie immer daS Gesicht deS zukünftigen Deutschlands aussehen möge: die deutsche Jugend wird die französische kennen und richtig bewerten müssen, sofern sie eine fruchtbare Zutuns tSpolitik treiben will. Wir glauben daß die nachfolgenden Ausführungen wirisam zur Au'lläcung der Frage, wie es um die französische Jugend bestellt sei, be tragen werden.
SS gibt keine einheitliche französische Jugend (in dem Sinne, wie eS heute eine einheitliche russische Jugend gibt). SS gibt mehrere französische Jugenden von verschiedener Art und verschiedenem Wert. ES ist nicht allzuschwer, diese verschiedenen Gruppen gegeneinander irbzugrei'zen, ooch spielen die Grenzlinien häufig genug ineinander über. Es entsteht dadurch ein „melange des genres“ (eine »Mischung der Gattungen"),- worin sich nur der genaue Kenner Frankreichs mit Sicherheit zurechtfindet.
CS ist nötig, diese Bemerkung vorauszuschicken, um das Approximative der folgenden Ausführungen gebührend zu unterstreichen. Was hier — aus der unerschöpflichen Ttosfmasse — angeführt wird, soll nur ein ungefähres Bild geben, soll (und kann angesichts des knappen Raumes) nur eine Art Disposition, eine Art Orientierung sein aus einem Gebiete, auf dem man in Deutschland viel zu wenig Bescheid weih. '
Jeder denkende die Zeichen dieser ungewöhnlichen Zeit verstehende Deutsche — sei er nun 20 ober sei er 50 Jahre alt — ist maßlos erstaunt, wenn er immer und immer wieder auf junge Franzosen stößt, die völlig blind durch ihre Epoche schreiten. Blind und taub zugleich. Drückt man offen sein Erstaunen über eine solche Haltung (»Einstellung") aus, die man einfach nicht verstehen kann, so bekommt man — in verschiedenen Aüancierungen — immer da« gleiche zu Horen:
WaS wollen Sic? Wir denken französisch, wir denken nicht kontinental, nicht europäisch, nicht weltmäßig, nicht kosmopolitisch - und wir französisch benfen, ist uns Frankreich das Maß der Dinge. Wir sind ein geschlossenes Imperium in Westeuropa und Westasrika. Wir haben in Asien die große Kolonie Indo-China. Wir haben also Probleme genug, die uns bewegen und unsere Arbeitskräfte in Anspruch nehmen. Die französische Art zu leben erscheint uns als die angenehmste (und nachahmenswerteste), die es gibt. Wir sind »Bürger". Zugegeben. Aber warum sollten wir es nicht sein? Warum sollten wir ein uns teure« Lebensideal ersehen durch ein anderes, das sich noch nicht erwiesen hat und uns außerdem soweit wir es zu verstehen vermögen — nur höchst fragwürdigen Ersatz für das durch Generationen erprobte zu gewähren scheint? Worauf es uns a n f o m m t ? Auf ein angenehmes Leben, in dem Arbeit und Genuß in schönem Maß auf- geteilt sind. Wir wollen uns nicht abbladen und abschinden. wir wollen nicht rasen unb bem Gold nachjagen wie diese verdammten Amerikaner, von denen da« Unheil kommt. Wir find Menschen. Wir sind Individuen. Wir haben unsere berechtigten Bedürfnisse. Sehr bescheidene, finden wir. Wir wollen unser „Bien-ctre“, unser »Wohl- Sein". Wir wollen den angenehmen Durchschnitt. Wir haben in unserem Lande alles, was wir brauchen. Wir haben kein Verlangen, über die Grenzen zu gehen. Was wir an Abwechslung — an uns zuträglichen — wünschen, gibt es bei uns. Wir verstehen nicht die ewige Reuerungs- und .Umwandlungssucht anderer Voller unb Rassen. Wozu? Wir wehren uns bagegen. Wir sinb die Sohne unserer Väter. Wir teilen ihre Auffassung. Wir wollen arbeiten wie sie — natürlich mit den neuen technischen Mitteln —. wir wollen erwerben wie sie, bewahren, aufspeichern,
Frühlingsrezept.
Von Polly Tieck.
Magnvlienbaum.
Als erstes kommen immer die Magnolien, — das kennen wir schon. Eigentlich sehen sie aus wie eine Schaufensterdekoration für Frühjahrssachen, — man mochte darüber lachen, über die kohlen Zweige mit den rosigen Kerzen, aber man fühlt betroffen: es geht uns zu Herzen! Offenbar ist es gerade die saubere Blütenparade. die so früh kommt, um früh wieder zu gehn, vor der wir erschrocken stehn ... Später, wenn erst Werder kommt und der ewige Flieder, finden wir die Fassung wieder und wissen: Cs ist wie im Jahre vorher. — Marke: „Plütemneer!" Aber das erste, sparsame Erwachen, die erste Magnolie, - das sind so Sachen! Wenn man symbolisch werden wollte, was nicht mehr modern ist, könnte man sagen ... na. Sie wissen schon, welcher Vergleich nicht fern ist! Jedenfalls wirb am Magnolienbaume wieder klar, wie das damals war, als wir zum erstenmal horten: Der kriegt erst Blüten, und bann die Blätter" ... Es war blaue« Frühlingswetter, wir waren sehr klein. — und die Wolken standen im Himmel wie weißer Schaum, unb wir träumten: »Magnolien- baurn!“ ...
Luftballons.
Die Luftballons haltet hoch in Ehren! Wer möchte sie entbehren und wäre eine richtige Frau? ... Was wollen Sie immer? — Rot, grün ober blau? Trugen Sie auch die Schnur durchs Knopfloch vom Mantel gezogen? Ist Ihnen auch mal einer weggeflogen, und Sie standen 5Öa in Ihrem Helgoländer Hut und sahen ihm nach und fühlten: ..Das wird nie wieder gut?“ ... Erinnern Sie sich an den furchtbaren Schreck? Kleiner Punkt im Himmel — und plötzlich ganz weg? Und dann weinten Sie und wollten hinter ihm herlaufen, und die Bonne tröstete: Sie würde einen neuen kaufen, aber Sie schrien furchtbar: das könne Ihnen nichts nützen, weil er ..Gretchen" hieße — und i h n müßten Sie besitzen und keinen andern — das machte Ihnen £a r kein Vergnügen! • • Und die Bonne sagte: Sie «mühten Keile kriegen! So ein ungezogenes Kind! ... — Was wissen Donnen von Luftballons, die nicht zu ersetzen sind? ...
D a t i st
Im Winter fragt man erstaunt, was das eigentlich ist: Batist ...? Ein Stoff? — Hat man
unser Dasein in jeder Weise gesichert wissen. Dir wollen eine« Tages ausruhen, und unseren Lebensabend genießen... Unsere Sohne sollen sein wie wir... Frankreich soll bleiben, was es ist und wie es ist. D e r K r i e g ? Wir haben ihn nicht gewollt. Wir konnten ihn verlieren. Da wir ihn gewonnen haben, erübrigt es sich, darüber nach- zudenken. was geworden wäre, wenn wir ihn verloren hätten. Das ist die Sorge ande er Leute. Wir werden uns um die Früchte des Sieges nicht betrügen lassen. Für un« war 1914 bis 1918 eine böse Unterbrechung. Ein fürchterlicher Albdrud. Er ist vorbei. DasLebenhat feinen Äur« wieder aufgenommen. Seinen normalen, un« angenehmen Kurs. Einiges ist anders. Natürlich. Aber das Wesentliche ist wieder da. da« worauf es unS ankommt: der bürgerliche, französische Lebensstil. Wir würden abermals für ihn kämpfen, wenn es sein müßte. Das ist gewiß — obwohl wir bei Gott keinen Krieg wollen... Was sollen wir und mehr als unerläßlich nötig mit Problemen Herumbalgen, die uns nur indirekt betreffen? Was sollen wir uns in Ungewißheiten einlassen, wo wir doch nur eine einzige Gewißheit wollen: die. daß unser Frankreich lebe, bestehe, und sich nach seinem eignen Gesetz entfalte? Wir glauben an dieses Frankreich. Das genügt uns. Was wollen Sie eigentlich?
S o sprechen — so sprachen zu mir seit Jahr und $ag_ — die Angehörigen dieser ersten Gruppe. Sie gehören sehr verschiedenen sozialen Ständen an und durchaus nicht etwa nur — was man vielleicht denken könnte — der besitzenden Schicht. Söhne kleiner und mittlerer Beamten, ja Arbeiter haben in ähnlicher Art zu mir gesprochen. Und eine ganze Reihe von Studenten. Auch junge Dauern — in der Vormandie, in der Touraine, in den baskischen Provinzen, in Burgund, äußerten Ansichten, die von einer gleichen Denkweise Zeugni« ablegten. Wer nun etwa annimmt, es müsse doch ein Leichtes sein, durch energischen Hinweis auf die Weltlage diesen Leuten zu beweisen. daß ihr Standpunkt eine große Gefahr für ihr Land bedeute: der täuscht sich gewaltig. Der Grad der Unzugänglichkeit für modernere und zeitgemäßere Gedan'engänge ist ungeheuerlich: der Versuch einer Beeinflussung ist von vornherein zum Scheitern verdammt. Vichts aber wäre nun — vom deutschen Standpunkt aus - falscher, als die große Menge der so Denkenden als eine qauntite negligeable zu betrachten. Das genaue Gegenteil hat zu geschehen!
Jeder Deutsche, dem Deutschland« und Europas Zukunft (was das gleiche ist) am Herzen liegt, hat sich darüber klar zu fein, welchen bedeutsamen Faktor die soeben geschilderte Gruppe französischer Jugend in jeder europäischen Zukunftsberechnung darstellt, und er hat den Fehler aller Fehler zu vermeiden: sich ausschließlich auf diejenige Gruppe zu berufen und zu stützen, welche man als die Gegenspieler in der konservativ-sterilen darstellt: nämlich auf die Gruppe der — in sich zweigeteilten — kollektivistisch gerichteten französischen Jugend. Ihr einer Teil umfaßt die Anhänger der rein kommunistischen Doktrin (ä la Moskau dritte Internationale), der andere die jungen Menschen, welche sich um die sehr interessante und hochnivellierte Zeitschrift »Plans" gruppieren. Es erübrigt sich, hier von den waschechten Kommunisten zu sprechen. Wir wissen, was sie sind, denn wir haben ihrer genug im eigenen Lande, und wir wissen auch, was sie wollen. Dagegen ist von den „P l a n s" - L e u t e n ein Wort zu sagen. Was diese Menschen auszeichnet, ist: 1. ihre Integrität und absolute Uneigennützigkeit (kein Mitarbeiter der Zeitschrift bezieht ein Ho- norar) und 2. ihre unbedingte Erkenntnis der heute nicht mehr auflösbaren Schidsalsverbun- denheit aller europäischen Völker. Rußland einbegriffen. Die Zeitschrift »Plans", welche in französischen Regierungskreisen und ganz beson- daraus nicht früher mal Wäsche gemacht? ... Batist? Daran haben wir ewig nicht gedacht! Aber plötzlich sind wieder Kleidchen da aus weißem Batist. Tausend zärtliche Fähnchen, die man hißt für den Frühling und seinen Empfang, lauter weißer Batist, gepflanzt die Straße entlang, auf den Plätzen und Parks und Alleen, überall, wo junge Mädels unb Kinder gehn! Gestärkt, gewaschen und furchtbar weih, auch wenn s noch gar nicht so heiß — wenn der Mai naht, ist bei dem Jahrgang bis zu zehn nur eines zu sehn: Glänzend: steif und knitternd. Hochflut, weißen Batists: „Frühling — j a, d u b i st 's ...!"
Epilog.
Man nehme von diesen drei Sachen ein- bis dreimal je einen Schluck — die Wirkung ist kolossal! Die Rührung kommt ganz von selbst, man braucht sich nicht anzustrengen, sanfte Gefühle drängen sich unvermutet herein — man muß etwas vorsichtig fein mit dem Standesamt - das geht in dieser Jahreszeit ziemlich geschwind! (Ratschlag für die, die noch in der glücklichen Lage find!) ... Im übrigen fasse man sich, leise geniert, aber doch, bei der Hand und empfinde klassisch: »Frühling läßt sein blaue« Band" ...
Kreislauf.
Eine Anekdote von Hans ^Reimann.
Der Held der Anekdote (nicht nur Dramen, nein auch bescheidene Anekdoten können einen Helden haben)... der Held unserer Anekdote ist ein Ungar, und zwar wollen wir ihn Gödollö nennen, weil das ein so herrlich ungarisches Wort ist. (Tatsächlich hört eine Bahnstation zwischen Wien und Budapest auf diesen bemerkenswerten Flamen.)
Mein Freund Godottö aus Ungarn arbeitet bei einem großen Verlag als Zeichner und Photograph, und dieser Verlag eröffnet eines Tages ein Reisebureau — im leerstehenden Trakt des eigenen Hauses. Am Eingang liest man, daß hier französisch und englisch und spanisch und italienisch und schwedisch und dänisch gesprochen wird. Sächsisch nicht. Aber auch nicht ungarisch.
Es vergeht taum ein Tag. wo mein Freund Gödollö nicht hinunter bestellt wird ins Reife- bureau, um zu dolmetschen, und da er ein liebenswürdiger und hilfsbereiter Mensch ist. wird er weidlich ausgenutzt und sogar nach offiziellem Oe* schästsschlnß mit Fragen überhäuft, die irgend»
der« in den Kreisen der Schwerindustrie (Comite des borgest mit sehr scheelen Augen angesehen wird, vertritt mit großer Energie den Standpunkt, daß die Epoche des wirtschaftlichen Individualismus endgültig vorüber sei unb sieht eine Möglichkeit, bem herrschenden Welt-Elend zu begegnen, lediglich in der Einführung einer über ganz Europa ausgedehnten Planwirtschaft (daher der Vame »Plan«") auf syndikalistischer Basis. Das ein solches von nichtkommunistischen Menschen ausgestelltes Programm in dem heutigen Frankreich bedeutet, kann nur derjenige ermessen. der Frankreich seit langen Jahren kennt und mit dem Besonderen der franz?sischen Mentalität auf« engste vertraut ist. Die Leute um „Plan«" — vor allem die Herausgeber unb Leiter, welche durchweg der besitzenden Klasse angeboren und alles andere als Proletarier find, aber beileibe auch keine .Edelkommunisten ' — sehen haarscharf die Gefahren, welche ein sich von der revolutionären Weltbewegung au«fi) testendes und in einer Art nationaler Hypertrophie abschließendes Frankreich läuft, und toiflen, daß we.ec eine hege- monistische noch wirtschaftlich reaktionäre Politik Frankreich« im europäischen Konzern auf die Dauer mit Erfolg durchgeführt werden kann.
Es ist hier nicht unsere Aufgabe, kritische Stellung zu nehmen. Es ist lediglich unsere Aufgabe, einen Bericht über ein Seiende« zu geben. Wir müssen es aber als ein Phänomen außergewöhnlicher Art bezeichnen, wenn eine Zeitschrift wie »Plans" im September letzten Jahre« Flugblätter großen Formates herausgab. in denen die Zoll- und Geldeinheit Deutschlands unb Frankteichs rigoros gcforbcit würbe: so wie heute die Herstellung des ungeheuren Wirlschaftsblock« dieser beiden Länder der wichtigste Punkt des „Plans'-Programmes ist. Wir müssen es weiter als einen bedeutsamen Schritt bezeichnen, wenn „Plans" vor drei Wochen eine Konferenz nach Frankfurt einberufen unb in vier Sitzungen Jugend gruppen aus Frankreich, Belgien, Schweiz und Deutschland (unter den Deutschen auch Hitlerleute) einen ersten Kontakt fassen konnten. In der französischen Initiative liegt das Bemerkenswerte. Es wird darauf zu achten fein, welche weiteren Schritte folgen und zu welchem weiteren gemeinsamen Handeln Jugend auf den Plan gerufen wird.
„Plans" ist ein sehr junges Unternehmen. An seiner Spitze steht, als Chesredakieur, der Rechtsanwalt Philippe Lamour. Die Oberaufsicht liegt in Händen des bekannten unb bedeutenden Soziologen Hubert Cagarbcllu, der als der beste Kenner der Geschichte des Syndikalismus gilt, ebenbürtig beratende Stimmen haben Le Corbusier, der auch in Deutschland berühmte Architekt Francois dePierrefeu und Pierre Winter. Cs wirb nichts schaden, wenn man sich diese Vamen einstweilen merkt. Es könnte fein, baß ber eine ober anbere — ober auch mehrere — in der Geschichte der französischen Zukunft unb in der Entwicklung der deutsch-französischen Beziehungen eine wesentliche Rolle spielen wird. Es kommt niemals darauf an, daß eine neue Bewegung in ihren Anfängen die Massen hinter sich habe: es kommt nur darauf an, daß sie kommende Votwendig- feiten richtig unb rechtzeitig crtoittcre. 'Die nächsten Jahre schon toerben barhtn, ob Hie« bei »Plans" ber Fall war ober nicht.
Und was ist von anderen Gruppen ber französischen Jugend zu sagen? Vicht allzuvieles, das man nicht wüßte, ober sich nicht denken könnte. Diejenige Jugend, welche sich parteipolitisch links orientiert unb auch in Einzelheiten die jeweilige Parteidoktrin unterschreibt, ist als tragende Kraft — so zu bewerten wie alle Angehörigen der Partei. Sie wird immer ihren humanitären Charakter betonen, im Pritrzip verständigungsbereit fein, sich durchaus friedliebend gebärden, aber sie wird natürlich allen Relativitäten des Parteischicksals ausgesetzt bleiben, solange ihr Parteigeltung wichtiger ist als unbedingte Verfechtung und Durchsetzung einer großen und schöpferischen Idee Genau dasselbe gilt von ber Jugend der Rechtsparteien, deren Argumentation in vielen Punkten auf ähnliche Ergebnisse hinausläuft wie welche ungarischen Angelegenheiten betreffen. Das geht so sechs, acht Wochen.
Da liest Gödöllö plötzlich am Eingang des Reisebureaus ein soeben angebrachtes Schildchen, darauf steht, baß hier auch ungarisch gesprochen werbe. Das interessiert ihn. Er tritt ein. Am Schalter wirb er von einem Fräulein empfangen, bas offenbar neu ist und ihn noch nicht kennt. Er fragt etwas auf Ungarisch. Das Fräulein sagt: „Einen Augenblick" und entfernt sich. Gödollö nimmt auf einer Dank Platz und wartet ebcnlo geduldig wie neugierig. Im Reisebureau jedoch spielt sich inzwischen das folgende ab: ein Bote flitzt hinauf in den dritten Stock, um Herrn Gö- döttö zu holen. Herr Gödollö ist nicht da. Wo steckt er? Viernanb weiß es. Was soll er? In« Reisebureau kommen. Güt, man werde ihm bas ausrichten. Aber es hat Eile. Jawohl, man werde ihn sofort suchen. Im ganzen Betrieb flitzen die Boten und arbeiten die Telephone. Gögöllö ist nirgend« aufzutreiben. Schließlich meldet einer den Pförtner, man habe ihn vor einer Weile im Reisebureau verschwinden sehen. C« wird ein Boy ins Reisebureau gejagt... und richtig: da fitzt Gödöllö und träumt vor sich hin. Der Boy schießt auf ihn zu und zerrt ihn hinter sich her und bugsiert ihn zum hinteren Eingang besReife- bureaus hinein. .Wa« ist los?" fragt Gödöllö. Ollan eröffnet ihm, daß draußen ein Herr au« Ungarn sei, mit dem er schleunigst reden müsse. „Cffio ist der Herr?" fragt Gödöllö. Der Herr ist verschwunden. Und es hall gar nichts, daß die Dame vom Schalter optimistisch immer wieder auf ben Platz zeigte, wo Gödöllö eben noch gesessen batte. Der Platz war leer. Vatürlich war er leer. CCBcnn jemand nicht ba ist, kann man nicht auf ihn zeigen, unb wenn er keinen Platz hat. ist der Platz leer. Und das war ein Glück. Sonst hätte Gödollö in doppelter Ausfertigung vorhanden sein müssen.
Der Hund und die Seifenblase.
Einen Sinn für das Geheimnisvolle bei einem Hund hat Ferdinand Silbereifcn beobachtet, wie er in der Frankfurter Wochenschrift „Die Umschau" berichtet. Er blies in einem mit einem Teppich belegten Zimmer eine Seifenblase auf und ließ diese dann über den weichen Boden gleiten. Sein Hund, der dabei mar, nahm lebhaften Anteil an dem bunten, sich fortbewegcndcn Ding, von dem er nicht recht wußte, ob es lebendig sei oder nicht., Anfangs war er sehr vorsichtig und folgte der ocijenblojc nur in
ba« Raisonnement der in Gruppe I vertretenen jungen Franzosen Immerhin ist ihr Viveau oft besser, ihre Intelligenz oft schärfer, ihr Kampfgeist oft geweckter — unb es ist natürlich immer von wett größerem Reiz für den Deutschen, gerade bei ihr mit plausiblen deutschen Argumenten wirklich durchbringen zu können Zu erwarten ist von ihr starke Bereitschaft zu rein wirtschaftliche- Derständigung. Das ist nicht so wenig wie c» scheint. Denn eben diese kann zum Ausgangspunkt für Wichtigeres werben, sobald sie sich bewährt hat.
Selbstredend sprechen wir hier nicht von der hoffnungslos vcrranten Jugend um die royalistische „Action frnn^aisc“, noch von der rein militärisch orientierten. Weder von der einen noch von der anderen ist ba« geringste zu erwarten.
Es gibt noch eine andere Schicht junger Franzosen. welche schwer zu umschreiben ift. nennen wir sie die Schicht der Teilnahmlofen, die Schicht derer, die „au-dts-ms de la mclee“ stehen (»jenseits des Getriebes"). Viele Künstler, viele geistige Menschen überhaupt gehören au ihr. Diese Jugend ist oft deutschfreundlich. Sie sieht die großen Linien der europäischen Gegebenheit unb hat die Kraft, nicht nur französisch, sondern auch europäisch zu fühlen Sie könnte, richtig verstanden unb gut unterrichtet, zu einem sehr wesentlichen Faktor der deutsch-französischen Koordination werden. Sie ist ohne Hochmut, ohne Voreingenommenheit — und oft voll Bewunderung für die deutsche Kraft. Bildungsweite und Modernität Sie hält sich von Schlagworten fern, redet nitt ewig vom deutschen „Dvnamismus" unb der französischen „Statik", ist ganz unmilitarislisch und von schärfstem Spott gegen das bequeme bourgeoise CI ich c. Aber e« fehlt ihr das Leid, da« stark macht, unb der Glaube, ber Berge verseht. Sie ift. ohne es zu wissen, reichlich saturiert unb häufig spielerisch. So stellt sich — in ganz groben, nur eben das Gestalthafte mitreißenden Linien gesehen — das Bild ber französischen Jugend bem unbefangenen Betrachter bar.
Cs genügt, ihm ba« Bild der heutigen leidenden deutschen Jugend entgeaenzuhalten, um z>i be- fireifen, welcher schwere Weg der Auseinander- ehung hier gegangen werden muh. Ja, e r m u ß gegangen werden, um jeden Preis. Denn nur er kann zu einer Befriedung führen, welche Geist unb Seele einbezieht. Erst die Entgiftung der Lust kann wirkliche Ergebnisse zeitigen.
Daß die französische 3ugenb, welche guten Willen« ist, nicht ohne Stützung durch erleuchtete Geister ber älteren Generation dahinlebt, beweisen drei Tücher, welche im Laufe b?« letzten Jahre c erschienen sind. Auch die deutsche Jugend sollte sie lesen und sich zu Herzen nehmen. Sie heißen: 1. Incertitudes allcmandts, von Viönot; 2. Le des- armement moral, von Julien Luchaire und 3. Rc- gards sur Ic monde actud von dem großen Dichter Paul Valery.
Das letzte Buch ist ein großes Vermächtnis eine« weiten unb feinen Geistes an alle europäischen Menschen: vor allem aber an bic Franzosen, die „den Dreh noch nicht fanden".
Vielleicht gelingt cs dem gemeinsamen, ehrlichen Bemühen deutscher und französischer Jugend, dielen .Dreh" zu finden. Dann tonnten vielleicht auch wir. die wir al« junge Menschen das Glück hatten, schon europäisch zu leben, noch einmal atmen. Heute können wir nur nach Atem ringen denn die Sorge um Deutschland zerdrückt uns das Herz.
Taten für TonnerHtag. 24. März.
1N44: ber dänische Bildhauer Albert Thorwaldfen in Kopenhagen gestorben: — 1905: der französische Schriftsteller Jules Verne in Amiens gestorben.
Taten für Freitag, 2 » März.
Sonnenaufgang 6.18 Uhr, Sonnenuntergang 18.45 Uhr. — Mondaufgang 23.40 Uhr, Monduntergang 6.57 Uhr.
1801: der Dichter Novalis in Aicihenfels gestorben: — 1860: der Politiker Friedrich Naumann in Störn- thal bei Leipzig geboren.
respektvoller Entfernung. Als er ermutigt wurde, näherte er sich mißtrauisch mit gespitzten Ohren und eingekniffenem Schweis und zog sich sofort zurück, wenn die Seifenblase sich wieder bewegte. Nach einiger Zeit aber gewann die Neugierde über die Angst vor dem Geheimnisvollen die Oberhand, er näherte sich vorsichtig einer Seifenblase und berührte sie mit seiner Pfote. Als diese daraufhin auseinander barst, erfdjraf das Tier und stellte in seinem Em setzen über das unerklärliche Erlebnis eine jammer liche Figur dar. Nach langem Zureden erst ließ er sich bewegen, zum zweitenmal nach einer Blase zu fassen. 2115 sich aber dasselbe ereignete, lief er furcht sam zum Zimmer hinaus und ließ sich nicht wieder zurückbringen.
Ein Halsband der Marie Antoinette.
Wenn man von einem Halsband der unglücklichen französischen Königin Marie Antoinette spricht, dann denkt man zunächst an den berühmten Schmuck, ber eine ber größten Skandalaffäcen der Geschichte hervorrief und zu den Vorboten der Revolution gehörte. Um dieses Halsband handelt es sich aber hier nicht, sondern um einen andern prächtigen Schmuck aus dem Besitze der Königin, der Gegenstand eine« Prozesses geworben ist. ist ein Kollier aus 45 großen Diamanten, ba« der Herrscherin von der Stadt Paris als Hochzeit« geschenk dargebracht wurde. Der Schmuck kam als Familienerbstück in den Besitz des früheren spanischen Prätendenten Don Carlos von Bourbon unb vererbte sich auf feinen Sohn Don Jaime, ber vergangenes Jahr in Paris starb. Seine Erben, die aus feinen Schwestern unb (Reffen bestehen, können sich über die Verteilung des Vachlasfes nicht einigen, unb so wurde die Wohnung des Prinzen feierlich versiegelt. Das Halsband ist einer Vertrauensperson übergeben worben, unb es wirb von dem Ausgang eines jetzt vor die Pariser Gerichte gebrachten Prozesses obhängen, wer es erhält oder ob es vielleicht unter ben Hammer kommt. Die Erinnerung an Marie Antoinette wirb jetzt auch dadurch wieder wachgerufen, baß ihr kleines Theater im Park von Versailles wieder eröffnet worben ist. Dieser zierliche Rokokobau. in dem die Königin selbst die Bühne betrat, unb in bem u. a. die berühmte Aufführung be« »Barbier von Sevilla" von Beaumarchais stattfand, war nur noch eine traurige Ruine. Aber infolge der Stiftungen von Rockeseiler ist ber Bau nun doH- flänbig wieder hergestellt worden unb zeigt sich in seinem alten Glanze.


