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Hr. 71 (Erftes Blatt

182. Jahrgang

Donnerstag, 24. März 1932

Er>cheinl täglich,außer Sonntags und Feiertags. Beilagen: Die Illustrierte Giessener Familienblätter Heimat im Bild - Die Scholle

Monats-Bezugspreis:

Mit 4 Beilagen RM.1.S5 Ohne Illustrierte , 1.80 Zustellgebühr.. , -.25 Auch bei Nichterscheinen von einzelnen Nummern infolge höherer Gewalt.

zerusprechanschlüfie unter Sammelnummer 2251. Anschrift für Drahtnach­richten Anzeiger Oietzen.

poßschecklonto: Srenffurt am Main 11686.

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Vrvck »nd Verlag: vrLhl'lche U»ioersitütr-V«ch. u«d Stehibniderti L. Lange in Sietzen. Schriftleitnng unö Seschastrstelle: Lchnlltratze 7.

Annahme »on Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher.

Preis für 1 mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Reichspfennig; für Re. klameanzeigen von 70 nun Breite 35 Reichspfennig, Platzvorschrift 20% mehr.

Chefredakteur:

Dr. Friede. Will). Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Will). Lange; für Feuilleton Dr.H.Thyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein und für den Anzeigenteil Mar Filter, sämtlich in Gießen.

Von Volk und Geist.

Don Leopold Ziegler.

2lte geistige Menschen auf gerufen, unsere Itot au künden, haben wir zuerst gemäß der Wahr­heit zu bekennen: Mo Not i st, li ft auch Schuld! Wo Not ist, ward ihr nicht rechtzeitig gesteuert oder nicht mit den rechten Mitteln. Wo Not ist, wurde sie nicht gewendet und so auch das Notwendige nicht getan. Was aber die Schuld des Geistes und der Geistigen angeht, liegt sie klar genug zutage. Der Deist, wie wir ihn verstehen oder mißverstehen, hat eine Kluft aufgetan zwischen uns und dem Volke, dem wir nach Blut und Schicksal angehören; statt unseres Volkes Mund zu sein, waren wir eines Tages bloß noch sein Gehirn. Einmal, in ferner Zeit, war der Geist ganz schlicht der Odem, war er der Einhauch Gottes. Ob die hebräische Bibel von der Ruah berichtet, die sich als Geistbraus auf Israels Propheten niedersenkte; ob die griechischen Evan­gelien das Pneuma auf die Apostel Ehr ist i herab- slehen; ob die lateinische Liebertragung des Alten und Neuen Testamentes den spiritus sanctus als dritte Person der Dreieinigkeit ertermt stets bleibt der Geist der Schöpfungsatem, traft dessen sich der Mensch das Geschöpf seines Gottes wußte. Niemals verwechselt die Schrift den Geist mit einem denkenden, urteilenden, schließenden Vermögen des Verstandes, wie es im späteren Abendlande herkömmlich geworden ist. Noch die Reformatoren des 16. Jahrhunderts wirken und lehren aus jenem biblischen Geiste, der uns aus einigen großen Deutschen, aus Paracelsus und Böhme, Fichte und Görres, Arndt und Bismarck bisweilen noch fühlbar anweht. Stimme des Vol­kes genau insoweit, als sie die Inspirierten Gottes waren, sanden sie genau insoweit das Gehör des Volkes; und alles änderte sich von Grund auf erst, als sich der Geist aus einem Element der Schöpfung in ein Instrument des Den­kens verwandelte, in eine Disziplin wissen­schaftlicher Erkenntnis und gelehrter Bildung.

Seither erreicht seine abgezogene Sprache in Be- fltiffen und Fachausdrücken das Volk seltener und diener. Als die Geistigen, als die Gelehrten, als die Gebildeten fonDcrtc er uns aus dem gro­ßen, unwillkürlichen Dasein des Volkes aus. ließ er da- lebendigmachen de Wort auf unseren Lippen zu einer toten Formel ersterben. Nun es kam, wie es kommen muhte, entspringt des Geistes höchste Not unmittelbar seiner tiefsten Schuld. Wir, seine Diener, stehen heute mitten im leeren Naume, und sogar unsere dringendsten Zeichen des Alarms werden in Wellen ausgesendet, auf welche kein Empfänger die feinigen abgestimmt hat.

Soviel über die Not, soviel über die Schuld des Geistes. Hat es mit der Not des Vol­kes ähnliche Bewandtnis? Wurzelt auch sie in einem schuldhaften Versäumen? Oder entbehrt im Gegensatz zum Geiste das Volk vollkommen schuldlos? Wer nicht tiefer blickt, wird leicht und gern bejahen. Was soll auch schon das Volk dafür können, daß es unaufhaltsam verarmt, und daß seinen Söhnen kein einziges Gewerbe, kein einziger Beruf die Gewähr eines wirtschaft­lichen Fortkommens mehr bietet? Was kann das Volk dafür, wenn cs sich in eine Lebensordnung hineingeboren findet, die es in keinem Zuge mehr versteht? Wenn es gewahrt, wie auf der einen Seite allerdings unendliche Gütermengen für jeglichen Bedarf verfertigt und ausgespeichert werden, dicht nebenan jedoch der Mangel am Nötigsten herrscht? Wenn es plötzlich in den Zusammenbruch einer Wirtschaftsform hinein­gezogen wird, obschon die Fruchtbarkeit der Erde nicht merklich erschöpft ist. obschon der Boden noch immer ungeahnte Schätze birgt, obschon die Naturkräfte unversehrt, die Menschenhände ar- beitswillig sind?

Was kann das Volk dafür, daß jenseits des großen Wassers die Rohstoffländer ihren Ernte- fegen in den nämlichen Stunden gewaltsam ver­nichten, wo diesseits so viele Menschen darben? Daß drüben der Erzeuger von Weizen und Kaffee, von Zucker und Baumwolle im eigenen Reich- tum erstickt und heimlich den Himmel um Miß- wachs angeht, während hüben dem Verbraucher die begehrte Ware unerschwinglich bleibt? Das Volk wird es nie billigen oder auch nur fassen, daß man diese auf den Börsen zeitweilig ent­werteten Waren lieber durch Feuer und Wasser zerstört, als sie unter ihrem Preise losschlägt oder gegebenenfalls verschenkt.

Stumm und verbissen schaut es zu, wie ein Bauernhof nach dem andern unter den Hammer kommt, das flache Land verödet, das Grohgewerbe Millionen fleißiger Hände vom Arbeitsgang frei- setzt, die Hohen Schulen ihre ßtuöcntcn für längst > überfüllte Berufe vorbereiten, Welthandel und Weltwirtschaft fortschreitend einschrnmpsen. die Pariser und Neuyorker Banken das Gold der Welt sinnlos in ihren Gewölben häufen ...

Angesichts fo brutaler Wirklichkeiten, wer wird das Volk ernstlich einer Schuld zeihen wollen? Wird es nicht vor unfern Augen das Opfer eines ungeheuerlichen Fatums? 'Bekommt es nicht am eigenen Leibe eine Wahrheit zu fühlen, die seine Führenden ihm nicht fest genug einzuprägen wuß­ten: Wirtschaft sei Schicksal? 3a, wenn dies tat­sächlich die Wahrheit ist, die ganze Wahrheit wie sollte es da noch irgendeine Schuld geben? Dann ziemt dem Volke wirklich nur das eine Ergebung ins Llnabänderliche! Dann war das Wort vom Untergang ein seherisches Wort!

Genau hier aber, wage ich zu behaupten, be- beginnt eine ganz bestimmte Verschuldung des Volkes gegen sich selber und gegen seine Zukunft, genau hier, wo das Volk Schicksal sagt und damit die Freiheit von der Schwelle seines Lebens

Oie Auflösung des Memellandiags.

Wie Litauen mit den Großmächten umspringt.Wird Deutschland zu Repressalien greisen?

Zerrissene Verträge.

Von der Memelkonvention und vom Memel- ftatut existiert heute nicht mehr als eine Hand­voll Papiersehen. Hohnlachend haben die Li­tauer am Abend des 22. März diese beiden von nicht weniger als vier Großmächten feier­lich unterzeichneten und garantierten Verträge zerrissen und die einzelnen Stücke den Ver­tragspartnern vor die Füße geworfen. Wir fra­gen uns mit Recht, warum die Regierungen in London, Paris, Rom und Tokio nicht beizei­ten auf standen, um durch eine nicht mißzuver­stehende Geste die übermütigen Herrschaften in Kowno zur Ordnung zu rufen. Sie haben ge­zögert und gezögert, sie haben dadurch den Li­tauern von Tag zu Tag neuen Mut eingeflößt, sich an den Rechten der Memelländer zu vergehen, sie haben erst ernste Worte gefunden, als es bereits zu spät war. Heute herrscht der Li­tauer im Memelgebiet, von der memelländischen Selbstverwaltung, zu deren Schuh sich vier Mächte bereitfanden, ist keine Spur mehr vorhan­den. Wenn wir nicht durch unsere sprichwörtliche Uneinigkeit uns unserer nationalen Stoßkraft begeben hätten, dann brauchten wir weder übet das Verhalten Litauens noch die Scheu der Si­gnaturstaaten, ein paar Kriegsschiffe in die li­tauischen Gewässer zu schicken, ein Wort zu ver­lieren : wir würden eben felbft nach dem Rechten sehen. Trotzdem wollen wir es uns nicht nehmen lassen, die Dinge so, wie sie tat­sächlich sind, klar herauszuarbeiten: daß sich vier Nationen unter ihnen das britische Weltreich von einem Völkchen nicht größer als die Ein­wohnerschaft Berlins auf der Nase herumtanzen lassen und sich nicht einmal dazu aufzuraffen ver­mochten, sich rechtzeitig ihrer Verantwortung be­wußt zu werden und einen der schlimmsten Rechts­brüche der Nachkriegszeit zu verhindern.

Deutscher Protest.

Was werden die Liqnatarmächte tun?

Berlin, 23. März. (111.) Die ungesetzliche Aus­lösung des Memelländischen Landtages hat zu Prote st schritten der deutschen Regie­rung in ftorono, Rom, Paris und London geführt. In diesen Protesten wird daraus hingewiefen und zwar in Itebereinstimmung mit dem letzten gemein­samen Schritt der Anterzeichnermächte in üorono daß das Direktorium SimaitisimDider- spruch zum Memel st a t n t gebildet wor­den ist. da es als ein ausgesprochenes Kampsdirektorium gedacht war, zu dem Zwecke, den Memelländischen Landtag aufzulösen. Ungesetzlich war also bereits die Bil­dung dieses Direktoriums. Ungesetzlich ist ebenso die Auflösung des Land­tages.

Die llnterzeichnermächtc werden weiter darauf hingewiefen, daß ihre Verantwortung für die wei­tere Entwicklung im Memelgcbict fortbestehk, daß die Angelegenheit Böttcher das Haager Gericht be­schäftigen muß und daß endlich was nunmehr die wichtigste Frage ist, die Neuwahlen zum Memelländischen Landtage vollkom­men im Einklang mit dem Memel st atut vor sich gehen müssen und durch irgendwelche Machenschaften des Direktoriums nicht ver­sa l f ch t werden dürsten. In Berichten aus Kowno ist bereits von einer Verordnung des Gou­verneurs die Rede, wonach Litauern, die in Memel nicht ortsansäßig sind, aber unter irgendwelchen Vorwänden während der Mahlzeit ins Memclgebiet hincingebracht wer­den, die Möglichkeit einer beschleunigten Einbürgerung verschafft werden fall. Auch dies würde felbsloerständlich einen verfloß gegen den klaren Wortlaut und Sinn der Gesetzesbestim­

mungen bedeuten, vielleicht wird zu überlegen fein, ob nicht notfalls eine einstweilige Verfü­gung des Haager Gerichtshofes in An­spruch genommen werden könne.

3m übrigen wird mit Bestimmtheit erwartet, daß der litauische Außenminister Zaunius seine in Genf gegebene Zusage nunmehr wenigstens in dem Punkte einhält, daß der Belagerungszustand endlich aufgehoben wird.

Neuwahlen zum 4. Mai ausgeschrieben.

Der Wahltcrror gegen die deutschen Parteien beginnt schon.

K o w n v, 23. März. (TU.) Die Neuwah­len zum Memelländischen Landtag sind nach einer am heutigen Mittwoch erlassenen Verfügung des Gouverneurs auf den 4. M a i fe st gesetzt toorbert Gemäß Paragraph 11 der Memelkonven- tion werden die Wahlen zum Memelländischen Landtag auf Grund des in ßitaucn gel­tenden Wahlsystems durchgeführt. Es be­

steht also die Möglichkeit, daß eine Knebelung durch das geplante neue Sejm-Wahlgesetz ein­tritt.

Der Kommandant des Memelgebie - te s hat der Memelländischen Landwirtschastspar- tei di e Abhaltung von Versammlun­gen vorläufig verboten. Die Memellän- dische Landwirtschaftspartei ist die größte Partei des Memelgebietes und bil­dete zusammen mit der Volkspartei in allen Land­tagen bisher d i e Mehrheit. Diesem Ver­bot liegt ein .Zwischenfall" in einer Versamm­lung der Landwirlschastspartei zugrunde. In die­ser wurde ein groß litauischer Partei­mann. der fortgesetzt sich in schwersten Beleidi­gungen von Mitgliedern der Landwirtschastspar- tei erging, von den Versammelten trotz des Wider­spruchs des Versammlungsleiters und des Partei- Vorsitzenden an die frische Lust beför­dert. Dieser Vorfall, an dem nur der groß- litauische Parteianhänger die Schuld trägt, ist jetzt zum Anlaß genommen worden, um der Memellän­dischen Landwirtschaftspartei einen wichtigen Ab­schnitt der Zeit, die für die Vorbereitung der Neu­wahl benutzt, werden muß, fortzunehmen.

Mchsfiihrerlagung der Hitlerjugend.

Braunschweig, 23. Marz. (WTB.) Anläß­lich der Reichsführertagung der Hit­lerjugend, an der etwa 300 nationalsozia­listische Iugendführer teilnehmen, findet am Ostersonntag in der Braunschweiger Stadthalte eine geschlossene Kundgebung der Hit­lerjugend verbunden mit der Fahnenweihe von 22 Gaufahnen statt. Adolf Hitler wird voraus­sichtlich in der Kundgebung sprechen. Außerdem werden General L i tj m a n n, Reichsjugendführer Baldur von Schirach und der Reichsführer der Hitlerjugend R e n t c f n sprechen. An der Kundgebung fönnen lediglich Mitglieder der NSDAP, und der Hitlerjugend teilnehmen.

Das Reichsinnen Ministerium hat mit Rücksicht auf die Verordnung über den Osters rie­ben eine telegraphische Anfrage an die braun­schweigische Regierung gerichtet, und uni Auf­klärung über die beabsichtigte Tagung gebeten. Wie vom Reichsinnenministerium erklärt wird, kann nach den Pressemeldungen über die beab­sichtigte Tagung (u. a. sollen auch Eintritts­karten zu der Kundgebung zu verkaufen

sein) bei der Kundgebung in Braunschweig von einer geschlossenen Versammlung nicht die Rede sein. Der braunschweigische Innenminister K l a g g e s hat daraufhin das Reichsinnenministerium um eine präziseAus- legung der Frage, was als geschlossene und was als öffentliche Versammlung anzusehen fei, gebeten. Die Antwort des Reichsinnenministe­riums ist dahin gegangen, daß eine präzise Aus­legung dieser Frage bei der Verschiedenartigkeit der Versammlungen nicht möglich. Das Reichs- innenminifterium sehe jedoch die für Ostersonntag vorgesehene Versammlung als ö f s e n t l i ch an. Wenn das Reichsinnenministerium an dieser An­sicht festhalte, so erklärte Klagges, so werde er d i e Versammlung nicht zu lassen. Er selbst stehe aber auf dem Standpunkt, daß die Versammlung nicht öffentlich sei. Er könne jedoch praktisch gegen die Ansicht des Reichs­innenministeriums nichts tun. Es bestehe noch die Möglichkeit, die Versammlung in a b g e - I änderten und beschränkender Form ' als geschlossene Kundgebung zu veranstalten.

Englisch-irische Spannung.

Oie .Regierung de Valero kündigt England Treueid und Zahreszahlungen.

London, 23. März. IWTB.) Der Staats­sekretär für die Dominions, Thomas, erklärte im Unterhaus, die britische Regierung habe vom Irischen Freistaat keinerlei offizielle Mitteilung über eine Verweigerung-es Treueides und eine Einstellung der Annuitäten- Zahlungen erhalten, allein es gehe aus einer Erklärung d e Vale ras unzweideutig hervor, daß die Regierung des Freistaates diese Ab­sicht hege. Die britische Regierung werde der Regierung des Freistaates ihren Standpunkt so darlegen, daß kein Raum für etwaige Zweifel bleibt. Eine Weigerung Ir­lands käme einer Verletzung des Lleber- einkommens gleich, das durch Gesetz und Ehre dem Irischen Freistaat auserlegt ist. Die Frage ist ernsthaft und die beste Möglichkeit, sie zu lo- son, ist, darüber nicht hier zu debattieren. Die Annuitäten bilden den Gegenstand einer Ver­einbarung zwischen zwei Völkern, die bis jetzt ehrenvoll gehalten wurde. Es ist unser Ziel, sie auch weiterhin aufrecht- zuerhalten.

Nach der Erklärung des Staatssekretärs Tho­mas kam es durch Aeuherungen linksradikaler Mitglieder zu erregten Szenen. Der Abgeord­nete Buchanan bezeichnete die Mitteilung Tho­mas unter lautem Protest der Minister als Kriegserklärung wegen drei Millionen Pfund. W a f t o n fragte, ob die irische Nation in einem Augenblick, wo die Regierung in fast allen anderen Ländern der Welt mit der Re­vision von Verträgen und Herab­setzung von Schulden beschäftigt sei, nicht ebenso gut behandelt werden solle, wie ein auswärtiges Land.

In seiner Erwiderung wies Staatssekretär T h o- rn a s darauf hin, daß das Abkommen n u r d u r ch Zustimmung von beiden Seiten geän­dert werden könne. Das Haus brauche keinen Zweifel und keine Befürchtungen über den Stand­punkt der britischen Regierung zu hegen.

Die wegen der Haltung Irlands so plötzlich eingetretene Krise, die die Hoffnung auf ein ruhige« Osterfest zu zerstören droht, wird von der P r e f s e mit echt englischer Gelassenheit er-

vertreibt, genau hier, wo es den Anteil des Geistes an den Ordnungen unserer Menschenwelt leugnet. Genau hier, wo es sich der sog. Eigen­gesetzlichkeit der Wirtschaft blindlings unterwirft und damit sein Geschick besiegelt. Denn, um alles mit einem Worte zu sagen, was dem Volk in diesem Augenblick zum Verhängnis zu werden droht, ist viel weniger die vorgebliche E i g en­ge s e tz l i ch k e i t der Wirtschaft als der ver­stockte Aberglaube an sie! Die Wirt­schaft folgt eifern und zwangsläufig dieser ihrer Eigengesehlichkeit, solange wir auf sie allein unser Augenmerk richten. Aber bildsam, wie alles Ge­schaffene, fügt sich auch die Wirtschaft den Absich­ten und Strebungen der Freiheit, sobald wir auf diese unsere Aufmerksamkeit sammeln.

Was heißt zuletzt Eigengesehlichkeit? Wenn ich mit meinem Finger den Abzug einer geladenen Büchse berühre und losdrücke, bezweifelt niemand, daß Geschwindigkeit. Flugbahn, Durchschlagskraft meiner Kugel bis ins Kleinste nach den Regeln der Ballistik errechnet werden können und in­sofern folgt das Geschoß durchaus seinem eigenen Gesetz. Trotzdem wird niemand bestreiten, daß von der Erfindung des Schießpulvers an bis zur Her­stellung und zum Erwerb von Waffe und Geschoß, bis zur Wahl des Schußfeldes und des lebendigen oder toten Zieles ungezählte Zweck- und

Willkürhandlungen getätigt werden, die ihrerseits die Kette der Eigengesehlichkeit unter­brechen und ausnahmslos auf dem freien Entschluß von Menschen beruhen.

Kaum anders verhält es sich mit der wirtschaft­lichen Eigengesetzlichkeit. Mögen immerhin Ferti­gung, Tausch und Verteilung der Sachgüter eben­so eindeutig den Wirtschaftsgesetzen folgen wie die Ereignisse auf dem Arbeits- oder Geldmarkt diese ganze Eigengesehlichkeit besteht zuletzt doch nur aus Teilgesetzlichkeiten, mit welchen die freie Zielstellung von Personen oder Gruppen mehr oder weniger überlegen schaltet. Seitdem der ge­schichtliche Mensch sein Arbeitsgerät erfindet und formt, seitdem er Steine glättet. Metalle schmie­det, Pflanzen veredelt, Tiere züchtet, seitdem et die Grundstoffe der Natur verwandelt und den Wir­kungsgrad ihrer Grundkräfte fast unbegrenzt ver­vielfältigt seither entquillt jeder Wirtschafts- Vorgang der Freiheit seiner Planung. Seither hat jede Nation, hat jeder GesellsHafts- körper der deutsche Volkswirt Friedrich 2ift versuchte es uns bereits vor hundert Jahren ein« zuhäunnern genau die Wirtschaft, die fie wollen; vorausgesetzt freilich, daß sie über­haupt wollen!

Damit sind wir unversehens bei unfern Aus­gang wieder an gelangt. Es war die Not des

Geistes, das Doll nicht mehr zu erreichen: und hinter dieser Not verbarg sich eine Schuld, zu der wir uns bekennen mußten, älnd wiederum es ist die Not des Volkes, dem Geiste sein Ver­trauen zu entziehen und sich um ihn nicht mehr zu kümmern: auch hinter dieser Not verbirgt sich Schuld, die wir bekennen müssen In einem alten Weisheitsbuche des Femen Ostens finden wir die Doppelnot. an der wir heute kranken, in tiefer und schlichter Sinnbildlichkeit ausgedrückt. Wenn Himmel und Erde auseinanderstreben, heißt es in diesem Buche, wenn das Schöpferische und das Empfangende, der Geist und daS Volk einander meiden, dann stehen Welt und Mensch im Zeichen der Stockung. Dann können sich die beiden älrmächte unseres Lebens nicht befruchten. Dann findet der Führer keine Ge­folgschaft und die Bewegungen in der Tiefe ver­ebben spurlos. Ob sich Himmel und Erde, dos Schöpferische und das Empfangende, der Geist und das Volk künftig wieder nähern werden, entscheidet mithin über die Stockung. Für die Bereitschaft des Geistes stehen wir Geistigen ein. Für die Bereitschaft des Volkes vermag allerdings nur das Volk einzustehen. Möge es die Einmaligkeit der Stunde nützen und diele unsere deutsche Not, Not des Geistes und des

Volkes, wird zms Hebel der Lst-Weuös-