Ausgabe 
23.9.1932 Erstes Blatt
 
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Nr. 224 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Zreitag, 25. September 1952

Glitzerndes Elend.

Oie Lage auf dem südafrikanischen Oiamanienmarki.

Don unserem G. ^.-Berichterstatter.

(Dachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Windhuk, September 1932.

Der Absatz von LuxuKwaren leidet in Perioden wirtschaftlicher Depression am härtesten. Ein prägnanteres Beispiel für die Richtigkeit dieses Erfahrungssatzes als die gegenwärtige Lage des Diamantenmarktes kann nicht gefunden werden. Da es sich aber hierbei im Gegensatz zu den meisten anderen Gütern um eine Ware handelt, die in klein st er Form Höch st en Geldwert dar­stellt, und da die über Gewinnung und Handel der Rohsteine monopolartig herrschenden Gesellschaften über ungeheure Mittel verfügen, hat auch die Suife nach außen hin scheinbar weniger krasse Formen angenommen: Das kleine Volumen der Diamanten erleichtert die Einlagerung, und die finanzielle Straft des Syndikats (Zwei Londoner Han­delsgesellschaften und vier füdafrikanische Minenkon­zerne) erlaubt es vorderhand, soviel Ware vom Markt fernzuhalten, wie die Nachfrage übersteigen würde. Diese kostspielige und auf längere Dauer wohl nicht aufrechtzuerhaltende Politik ist eine Prestigefrage allerersten Ranges, vor der alle andern Erwägungen zurückgedrängt werden. Das Syndikat hat deshalb danach getrachtet, feine interne Lage nach Möglichkeit zu verschleiern. Zu einem Teil ist dies gelungen. Eine Untersuchung der Produktionslage in Südafrika aber zeigt direkt und die im vorigen Jahr erfolgte Umstellung in der Organisation des Syn- dikats auch indirekt deutlich genug, wie tief das äußerlich noch immer machtvolle Gebäude des Diamantenmonopols unterhöhlt ist.

Ganz offensichtlich dagegen und vielleicht noch heftiger wirkt sich die Krise in den Derede- lungsbetrieben der europäischen Schleifindustrie aus. Da sich die südafri­kanischen Schleifer überdies bisher mit Erfolg sträuben, die in Europa eingeführte Arbeitsbe­schränkung von 50 Prozent im gleichen Maße bei sich zur Anwendung zu bringen, fürchtet man in Amsterdam und Antwerpen, daß es der Berede- lungsindustrie der Südafrikanischen Union immer mehr gelingen könnte, ihren direkten Ab­satz xvad) den Bereinigten Staaten zu verstärken, weil das europäische Geschäft dorthin in geschliffenen Steinen durch die Zollpolitik der Bereinigten Staaten ohnedies stark bedroht ist.

Dies sind aber nicht die einzigen Schwierig­keiten für die europäischen Diamantenschleifer: die ganze Cdelsteinpolitik der Südafrikanischen Union macht ihnen das Leben sauer. Die Unionsregie- rung, die seit Einführung derPrecious Stones Bill" die Gewinnung und den Handel von Roh­diamanten beinahe vollkommen kontrollieren kann, begnügte sich nicht mit den daraus fließenden Ge­winnen. sondern wollte auch den Schleif­lohn soweit wie möglich im Lande be­halten.

Zu diesem Zweck wurde in Südafrika eine eigene Schleisindustrie geschaffen, die aber wegen der außerordentlich hohen landesübli­chen Arbeitslöhne erst dadurch gegen die euro- päische Diamantenindustrie wettbewerbsfähig ge­macht werden konnte, daß ihr die Unionsregierung Rohware entsprechend tief unter dem Marktpreis überließ. Sn Amsterdam und Antwerpen hat man an diesem Borgehen unverhüllt Kritik geübt. In­zwischen ist aber durch die hereingebrochene Ab» satzkrise für Diamanten das Feuer dieses Kon­flikts gedämpft und viel Asche über die Glut ge­schüttet worden. Außerdem hatte man in Süd­

afrika erkannt, daß die einheimischen Schleifereien infolge der hohen Arbeitskosten ungeachtet des billigeren Einkaufs nur bei größeren Steinen kon­kurrenzfähig bleiben und halbwegs rentabel ar­beiten konnten. Die Regierung der Union als des Hauptproduktionslandes hatte schon wegen der fortschreitenden Marktzerrüttung ein Interesse daran, den altbewährten guten Kunden der euro. päischen Deredelungsindustrien eine entgegenkom­mende Haltung zu zeigen. Um so mehr, als auch die Reibungsmomente zwischen der Südafrikani­schen Union und dem Syndikat auf der anderen Seite an Zahl und Schwere zunahmen.

Untersuchen wir nun d i e Lage in der Ur­produktion Südafrikas. Ebenso wie die europäischen Deredelungsindustrien mußten die Rohdiamanterzeuger sich entschließen, die AuS- beutung der Minen zu verringern, da schon um die Jahreswende 1930/31 feststand, daß nicht so­bald wieder mit einer normalen Aufnahmefähig­keit des Diamantenmarktes zu rechnen sein würde. Das Höchstmaß der Produktionseinschränkung ist in der Südafrikanischen Union, die auf die vielen kleineren und unabhängigen Schürfer Rücksicht nehmen muß, gesetzlich auf 25 Prozent begrenzt. Es wurde demnach von den großen Minengrup­pen auch beschlossen, im Jahre 1931 nur mit 25 Prozent der Abbaufähigkeit zu ar­beiten. Da jedoch sofort vorausgesehen wurde, daß die Rachfrage auch diese 25prozentige Ausbeute nicht aufnehmen werde, wurde im letzten Jahre eine neue Gesellschaft, die Diamond Corporation, gegründet, mit dem Zweck, öic Einlagerung der Produktion zu finanzieren. Die Absatz­lage hat sich während des Dorjahres weit mehr verschlechtert, als auch die ärgsten Skeptiker an­genommen hatten. Selbst in den besten Zeiten konnte der Weltmarkt nicht mehr als höchstens für 13 bis 14 Millionen Pfund Diamanten auf­nehmen, und man schätzte den Gesamtverkauf von Südafrika für 1931 auf etwa 3 bis 4 Millionen Pfund. Tatsächlich dürfte er aber kaum 2 Millio­nen Pfund erreicht haben, und für dieses Jahr hat man die Umsatzschätzungen vorsichtshalber schon auf unter 2 Millionen Pfund herunterge­schraubt. Auf der anderen Seite ist die Iahres- ausbeute der Minen trotz der 25prozentigen Ein­schränkung 1931 quantitativ auf 3,16 Millionen Karat von 2,68 Millionen Karat 1930 gestiegen, der Wert dagegen von 10,62 auf 8,34 Millio­nen Pfund gefallen. Das hat seine Ursache vor allem darin, daß die Diggers, die kleineren Außenseiter, 1931 noch nicht in vollem Umfange in die Produktionseinschränkung einbezogen wer­den konnten. Die Lüderihbuchter Diamantenge­sellschaften sind ja dann auch beispielsweise im Dorjahre völlig stillgelegt worden.

Zur Abrundung dieses trostreichen Gemäldes kann man noch feststellen, daß gegenwärtig allein in England und Südafrika für rund 25 Mil­li o n e n Pfund unverkaufte Diamanten vorhanden sind, davon für ca. 15 Millionen Pfund im Besitz des Syndikats und der Rest bei den Pro­duktionsgesellschaften. Das bedeutet, daß allein die Vorräte des Syndikats die Weltnachfrage bei ihrer gegenwärtigen Schwäche auf fünf bis sechs Jahre decken könnten! Das Syndikat hat also das größte Interesse daran, daß die kon­trollierbare Erzeugung nicht einseitig nur im eige­nen Wirkungskreis, sondern auch ganz allgemein durch Aenderung der darauf bezüglichen Gesetze heruntergedrückt werden kann. In dieser Beziehung

bildet der am 1. 1. 31 in Straft getretene, wesent­lich ab geänderte Syndikatsoertrag zwischen den Konferenz-Produzenten" und dem Londoner Roh­diamantensyndikat einerseits und der südafrikani­schen Regierung andererseits einen großen Fort­schritt. Die Diggers wurden nämlich in den neuen Vertrag mit einbezogen und das Produktionsver­hältnis derGroßen Vier" und der mittleren .unb kleineren Schäfer auf 5:3 festgesetzt, ein Schlüssel, der auch für die Quoten der Produktionseinschrän­kung zu gelten hat.

Die Halbwegs gelungene Herstellung des Markt­gleichgewichts, besser, die dazu notwendige Zustim­mung der südafrikanischen Regierung muhte jedoch durch das Syndikat teuer genug erkauft werden. Der neue Syndikatsvertrag sieht vor, daß die Preisfestsetzung, die Zusammenstellung der Sichten, und die Verteilung an Händler und Schleifer nicht mehr, wie bisher, in London, sondern in Stirn- derlei; stattfindet. Damit würde der Schwerpunkt des internationalen Diamantengeschäfts von Eng- land nach Südafrika verlegt!

Letzte Sitzung

des Marburger Kreisauöfchuffes.

][ Marburg, 22. Sept. Der Streisausschuß des seitherigen Landkreises Marburg trat heute zu seiner letzten Sitzung im Kreishause zusammen. Landrat Schwebet und Kreisdirektor Kemps sprachen den Streisausschußmitgliedern Dank für die gute Zusammenarbeit mit der Kreisverwal­tung aus. Rach ©rlebigung einiger interner An­gelegenheiten fuhren die Herren zu einer Be­sichtigung der Lahnregulierungs­arbeiten bei Roth, die jetzt fortgesetzt werden.

Oie Arbeitsmarktlage in Hessen und Heffen-Naffau.

Leichte Verschlechterung.

Frankfurt a. M., 22. Sept. (WSN.) lieber die Arbeitsmarktlage in Hessen und Hessen-Nassau berichtet das Landesarbeitsamt Hessen in Frankfurt a. TI.:

In der ersten Septemberhälfte hat sich die Ar­beitsmarktlage leicht verschlechtert. Die Zahl der Arbeitsuchenden ist in den Saisonaußenberufen (Landwirtschaft, Baugewerbe und Lohnarbeit wech­selnder Art) zusammen um rund 1200 gestiegen. Im Gastwirtsgewerbe hat sie um 200, im Derkehrs- gewerbe um 330, in der Gruppe Häusliche Dienste um über 700 und bei den Angestelltenberufen um rund 500 zugenommen. Die Steinindustrie war durch das Arbeitsbeschaffungsprogramm der Reichs­bahn in der Lage, weitere Arbeitskräfte aufzunehmen (Rückgang der Arbeitsuchendenzifser 220). Die Ab­nahme der Arbeitsuchenden im Bekleidungsgewerbe (minus 220) und in der Lederindustrie (minus 312) ist auf die übliche faisonmäßige Belebung zurück- zuführen. Insgesamt ist die Zahl der Arbeitsuchen­den um 2135 = 0,7 Prozent auf 310 944 gestiegen.

Ein Teil des Neuzugangs entfällt, wie mehrere Arbeitsämter berichten, auf Jugendliche unter 25 Jahren, die bisher dem Arbeitsamt ferngeblieben sind, weil sie keine Arbeitslosen- oder Krisenunter- stützung erhielten bzw. ausgesteuert waren. Sie meiden sich jetzt wieder, weil die Zulassung zum freiwilligen Arbeitsdienst von der Meldung als Arbeitsuchende abhängig ist. Anderseits bleiben Ar- suchende dem Arbeitsamt fern, die keinerlei Unter­stützung erhalten, so daß die Zahlen der Arbeits­marktstatistik nur bedingt Schlüsse auf die Entwick­lung der wirtschaftlichen Verhältnisse zulassen. Nach der Krankenkassenmitgliederstatistik für August 1932 ist z. B. die Zahl der Beschäftigten im Laufe dieses Monats nur um 220, von 663126 auf 663 346 ge­stiegen, während die Zahl der Arbeitsuchenden im gleichen Monat um rund 4800 abgenommen hat.

80. Geburtstag des Philosophen Daihinger.

Geheimrat Professor Dr. Hans Vaihinger, der Gründer der Kant-Gesellschaft, begeht am 25. Sep­tember feinen 8 0. Geburtstag. Vachingers Philosophie desAls ob", in der er einen idealistischen Positivismus mit einer Theorie der Fiktionen in Verbindung brachte, hat auf die Phi­losophie des 20. Jahrhunderts einen außerordentlich großen Einfluß gehabt.

Aus dieser Gegenüberstellung geht hervor, daß im August rund 4600 Arbeitsuchende dem Arbeitsmarkt ferngeblieben fein müssen, ohne versicherungspflich­tige Arbeit gefunden zu haben.

In der Zeit vom 1. bis 15. September ift die Zahl der Hauptuntersttzungsempfänger in der Ar­beitslosenversicherung um 904 auf 33 398 und bte Zahl der Krisenunterstützungsempfänger um 974 auf 66 082 zurückgegangen. Bei Notstandsarbeiten wurden Ende August 3947 Arbeitslose beschäftigt gegen 3318 Ende Juli.

Veränderungen in der Landwirtschaft des Kreises Wetzlar.

WSR. C&e hlar, 22. Sept. Mit dem Lieber­gang des Kreises Wetzlar zur Provinz Hessen- Rassau sind auch einige bemerkenswerte Aende- rungen bei der Landwirtschaft des Kreises Wetzlar zu verzeichnen. Die Landwirts chasts- schule Wetzlar, eine Einrichtung der Land­wirtschaftskammer für die Rheinprovinz, wird vom 1. Oktober ab der Landwirtschaftskam­mer Wiesbaden unter st e l 1 t. Der bis­herige Leiter, Landwirtschaftsrat Dr. Lilrich, scheidet von Wetzlar: er wird von der Landwirt- fchaftskammer in Bonn übernommen. Der Weg­gang dieses um die Landwirtschaft hochverdienten Mannes wird allgemein bedauert. Dr. Lllrich war Dozent am Landwirtschaftlichen Institut der Llni- versität Gießen, Inhaber der Großen Max-Eyth- Medaille der DLG. und der Großen Silbernen Medaille des Landwirtschaftlichen Dereins für Rheinpreußen. Das Tierzuchtamt Koblenz wird in Zukunft von dem Tierzuchtamt Biedenkopf erseht. Die Lokalabteilung Wetzlar des Landwirtschaft­lichen Dereins für Rheinpreußen wird sich an den Land- und Forstwirtschaftlichen Verein für Hes- sen-Rassau anschließen.

Sprechstunden der Redaktion.

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Eenoteü vrmöWs

ZRoirmn von Hertha Fricke

Llrheberrechtsfchuh: Derlag Oskar Meister, Werdau

29 Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Am nächsten Tag war Eva-Marie so schwach, daß man es wieder verschob.

Heinrich Andresen war sehr betrübt darüber, denn in der Hypnose hatte schon mancher Kranke ans Licht gebracht, was. ihm selbst vielleicht ver­borgen, in der Tiefe seines Bewußtseins festsaß und ihn hemmte und hinderte.

Da brachte ihm der Pförtner einen Brief für Eva-Marie von Diemen. Er kam aus Bremen, wie der Poststempel zeigte, und war Eva-Marie überallhin nachgegangen, zuletzt nach Groß-Kubitz. Der Bruder der Exzellenz hatte ihn mit anderen Driesen an sie nachgesandt. Auf der Rucksette als Absender:

Klaus Behrens, Kapitänleutnant a. D.,

1. Schiffsoffizier aufFriedericiana".

Dr. Andresen hielt den Brief in der Hand und zögerte.

Sollte er ihn öffnen? War es nicht Pflicht des Arztes, Korrespondenzen zu kontrollieren, um schädliche Eindrücke, unnötige Aufregungen fern- zuhalten? Wer war dieser Klaus Behrens, bc Jen Rainen Eva-Marie zweimal ohne Bewußtsein genannt. War er eine unglückliche Liebe? Oder eine erwiderte, vielleicht, und seine Sicherheit über Eva-Maries Gefühle für ihn Täuschung? Er wagte nicht, das große weiße Kuvert zu öffnen. Llnschlüssig suchte er den Professor auf und übergab diesem das Schreiben.

Ich begreife nicht, warum sehen Sie nicht nach?", sagte dieser kopfschüttelnd.Ich soll es lieber tun? Run, wie Sie wollen."

Ruhig nahm der Gelehrte sein Federmesser und schnitt den Bries auf.

Gespannt sah Heinrich Andresen in das leben­dige Mienenspiel des Professors. Der legte mit einem erfreuten Ausdruck das Briesblatt in seine Hand. ,

Cs will mir scheinen, als entwirre sich nun das Knäuel."

Heinrich Andresen las den Bries.

Bremen, den......

Sehr geehrtes, gnädiges Fräulein!

Als ich gesterii mittag mit der .Friederi­ciana' vor Anker ging, wurde mir vom Bureau des Rorddeutschen Lloyd Ihr Dries ausgehän- digt. Ties erschüttert las ich von dem Tode Renates, die ich mehr geliebt habe, als je ein Weib auf Erden. Lind ich las von ihrem Der- mächtnis. Ich glaubte sie treulos und erfahre

nun, daß ihre Gedanken mir gehörten, solange sie lebte. Cs ist mir unendlich schmerzlich, daß sie tot ist und nicht glücklich war, und ich be­dauere tief, daß Sie die Reise umsonst mach­ten, um Renates letzten Willen zu erfüllen. Ich war auf der Fahrt nach Southampton. Don dort war noch anderes zu befahren und zu erfüllen. So traf Ihr Schreiben mich erst jetzt. Run denke ich, da ich Urlaub habe. Sie den Weg nach Dremen nicht zweimal machen zu lassen. Ich komme nach Derlin, sobald Sie mir mitteilen. wann und wo ich Sie sprechen kann. Ich möchte von Renate hören, von ihrem Leben, von ihrem Sterben und hole mir selbst von Ihnen ihr Dermächtnis. Ich kann mir den­ken. was es sein wird. Die kleine, silberne Schmucktruhe, die ich ihr von Indien mitbrachte. Aus ihrem spitzen, dachförmigen Deckel sitzt ein kleiner Dhruva, das Sinnbild des Polar­sterns. das Glück bringt, wenn wir treu sind, und den Tod, wenn wir unsere Liebe verraten haben. Dhruva darf nicht in fremde Hände, der kleine Gott mit der großen Liebe im Herzen. Er hat gemeint, daß wir nur einmal auf Erden so lieben können, daß es ewige Seligkeit ist und Leid und Leben überdauert. Lind wenn wir treu waren, finden wir uns wieder, an jenen Ufern, wo tausend Palmen stehen'! Kennen Sie Renates Lied? Sie waren doch ihre Freundin. Schreiben Sie mir, gnädiges Fräulein, wenn ich kommen soll. Was soll ich mit der ganzen Werkliegezeit hier anfangen? Meine Ehe hat mir nichts erfüllt, ich habe wohl auch nicht viel von ihr erhofft, trotzdem ich redlich versucht habe, meine Frau nicht zu enttäuschen. Aber sie ist Renate nicht ähnlich genug. Der kleine Gott auf dem Sttberschrein hat wohl recht, wir können nur einmal lieben, daß es ewige Seligkeit ist. Es gibt nur einen Menschen, der so zu uns paßt. Ich küsse Ihre Hand und erwarte Ihren Defehl.

Ihr dankbarer Klaus Behrens." Heinrich Andresen faltete den Brief zusammen:

Ob es Eva-Maries Rettung ist. ist schwer 'zu sagen. Aber es ist ihre Rechtfertiaung. Dieb- stahl ist die Sünde des Pöbels, auch wenn chn seidene Kleider decken. Dieser vornehmen Seele war er unmöglich- Ich weiß nun nicht, soll ich zuerst zu ihr mit diesem Dries, oder nach 'Berlin xum Rechts anwalt, der sie verteidigte, damit das Verfahren wieder aufgenommen wird und sie nicht wegen .Mangels an Beweisen', sondern traft dieses Beweises freigesprochen werden kann."

Der Professor dachte nach. Dann sagte er:Ich alaube es ist für beides zu früh. Wir wollen erst versuchen, den Herrn zu sprechen, der diesen Drief schrieb. Er muß erfahren, was geschehen ist und was das arme Mädchen uyi dieses un­seligen Silberkastens teilten gelitten hat. Er muß sie rechtfertigen. Oder er mutz uns die Beweise

bringen, in die Hand geben. Der Bries enthält immerhin Dinge, die nicht für jedes Ohr sind, und wenn wir auch das Recht haben, Briefe zu öffnen, um schädliche Einflüsse fernzuhalten, so haben wir doch niemals das Recht, Mitteilungen tote diese hier irgend jemandem zugänglich zu machen, für den sie nicht bestimmt sind."

Verzeihung, Herr Professor. Daran dachte ich nicht", sagte Heinrich Andresen enttäuscht. Was soll ich tun?"

Geduld haben, mein Freund. Wir wollen ver­suchen, aus Fräulein von Diemen herauszubekom- men, wo sie dieses silberne Geheimnis verborgen hat und es dann dem Besitzer zugänglich machen. Ein deutscher Marineoffizier ist ein Ehrenmann und wird für die Dame ritterlich ein treten, die für ihn litt."

Heinrich Andresen sah zweifelnd vor sich hin. Ich gebe ohne weiteres zu, daß dieser Weg der richtige ist in bezug auf unsere Haltung. Aber ich bringe Eva-Marie zu keinen Aussagen. Ich habe es hundertmal versucht."

Dann wollen wir es morgen in der Hypnose versuchen. Wir haben ein Recht dazu, denn sie handelt unter einem krankhaften Zwang, von dem wir sie befreien müssen. Das zu versuchen, ist unter allen Llmständen unsere Pflicht. Aber die ärztliche Schweigepflicht ist nicht zu vergessen."

22.

Eva-Marie lehnte in einem bequemen Sessel im Sprechzimmer Professor Martiniks. Eine Schwester stand neben dem Liegestuhl. Der Pro­fessor stand vor ihr, hielt eine glänzende Kugel in der Hand, die in einem Reifen rotierte, und sprach sanft und fest auf die Kranke ein. Sie atmete ruhig, ihre weitgeöffneten Augen folgten seinen ruhigen Bewegungen. Andresen sah sie mit verhaltener Aufregung an. Soviel, ach, altes hing wohl von dieser Sitzung ab.

Rach kurzer Zett senkte der Professor den Arm und legte das Instrument weg.

Wie freundlich von der Dame, daß sie uns schon jetzt den Gefallen tut, einzuschlafen. Seien Sie froh, Andresen."

Heinrich Andresen wußte, daß die schweren und unheilbaren Kranken nicht zu hynotisieren smd. Darum beruhigte es ihn ein toenig, daß Eva- Marie sobald schon in Schlaf verfiel. Aber er sorgte sich doch, daß es sie zu sehr angreifen würde. Der Professor bedeutete Andresen, ruhig Platz zu nehmen. Dann wendete er sich an das schlafende Mädchen.

Gnädiges Fräulein, es geht Ihnen bedeu­tend bester. Richt wahr. Sie werden viel Appe- tit bekommen und besonders gern frische Milch trinken."

Ich trinke gern Milch", antwortete sie leise.

Wo befinden Sie sich, gnädiges Fräulein?

In welcher Stadt?"

Ich befinde mich--befinde mich---

Sie befinden sich in Berlin, in Ihrer Woh­nung. Zu Hause!"

Ich befinde mich zu Hause", sagte sie zufrie­den.

Es ist Besuch gekommen, gnädiges Fräulein. Herr Kapitänleutnant Klaus Behrens."

Oh, Herr Kapitanteutnant Behrens, guten Tag!" Eva-Marie nahm eine verbindliche Miene an.

Guten Tag, mein gnädiges Fräulein. Sie haben mir einen Dries geschrieben. Sie wollten mir etwas bringen von Frau Renate Andresen, besinnen Sie sich?"

Ich besinne mich", sagte sie leise.

Was bringen Sie? Das silberne Kästchen?"

Es ist nicht da", jammerte Eva-Marie.Run haben Sie die weite Reise gemacht!"

Das schadet nicht", sagte der Professor.Sie haben es doch gut verwahrt?"

Gut verwahrt", antwortete sie leise.Auf der Bremer Dank. Sie waren doch in Southamp­ton!"

Aber wo sind die Schlüssel, gnädiges Fräu­lein?"

Die Safeschlüssel, die Safeschlüssel ---",

unruhig suchte sie an ihrer Drust und in den Kteidertaschen.

Wo haben Sie die Safeschlüssel?", fragte noch einmal der Professor.Desinnen Sie sich."

In--der Llhrtasche! Daß niemand

sie findet! Denn niemand darf es wissen!"

Aber Klaus Dehrens soll sie doch haben!"

Soll sie haben", nickte sie heftig.3n der Llhrtasche!"

Es ist gut, gnädiges Fräulein. Es ist alles gut. Klaus Behrens bekommt die Schlüssel und den Kasten mit der Göttin. Lind Ihre Llnschuld ist damit erwiesen. Es ist nun alles gut. Sie werden froh sein, daß alles gut ist."

Alles gut ist", lallte sie ihm nach.

Lind Sie werden mtt einem lieben Menschen alles besprechen. Es ist kein Geheimnis mehr. Wer ist Ihnen denn am liebsten? Mtt wem möch­ten Sie sprechen, um zur Ruhe zu kommen?"

Da zog ein süßes Lächeln über ihr Gesicht. .^Heinrich Andresen!"

Ich habe nichts gehört!" sagte der Professor Marttnik lächelnd und sah Andresen mit seinen guten, klugen Augen an.

Fräulein von Diemen, Sie werden heute abend gut und tief schlafen!"

3a, flüsterte sie.3ch werde gut schlafen!"

Sie werden erfrischt aufwachen und guten Mutes sein!"

3a!" 3hre Lippen bewegten sich kamn.

(Fortsetzung folgt)