Niles NmWs
Vornan von Hertha Fricke
Urheberrechtsschutz: Verlag Oskar Meister, Werdau
2. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
„Wo wollen wir hin, kleines Sonntagsausgeh- Mädchen?" scherzte der Doktor, „Hasenheide, Rummelplatz?"--
„Mein Herr soll bestimmen", sagte Eva-Marie, auf seine Scherze eingehend.
„Wir fahren nach Wannsee, schicken den Wagen nach Hause und wandern zu Fuß weiter!" schlug Der Doktor vor, „ist Ihnen das recht?"
„Sehr!" sagte fröhlich Eva-Marie.
Diel zu vasch verging den beiden die schöne Fahrt. Dann gingen sie den See entlang durch Die wundervollen alten Kiefern.
„Ich glaube, wir werden bald gute Freunde, gnädiges Fräulein!" meinte Dr. Andresen mit einem gewinnenden Leuchten seiner klugen, guten Augen. Eva-Marie sah ihn herzlich an. aber sie antwortete nicht. — Es gibt ein Schweigen, das spricht mehr als tausend Worte.
Er war auch so zufrieden, der kluge Doktor, und er fühlte plötzlich ein kleines Mitleid mit Schwester Elisabeth.
Sonntagsausflügler begegneten ihnen in großer Zahl. Doktor Andresen machte kurze, treffende Bemerkungen über alles, was er sah. Er schien ein großer Menschenkenner zu sein. Wohl auch ein Frauenkenner, wie Aerzte das oft sind. —
„Mir scheint, Sie haben eine wenig gute Meinung von uns Frauen!" sagte Eva-Marie auf eine mehr geistvolle, als wohlwollende Bemerkung des Begleiters.
„Don solch lieben Sonntagsspaziergeh-Mädchen, wie ich hier eines begleiten darf, habe ich durchaus keine böse Meinung!" scherzte er. „Aber es gibt andere!"
..Was für Arten von Frauen unterscheiden Sie denn?" forschte Eva-Warie.
„Eigentlich nur zwei!"
„ilnö die wären?"
„Frauen, die Mütter sind, und solche, die keine sind!"
„Was können wir dafür, wenn das Schicksal uns versagt, Mütter werden zu dürfen!" antwortete Eva-Marie leise. Sie dachte an die gutherzigen, alten Fräuleins aus ihrer Familie, die doch alle Mangel litten, Mangel an dem Glück der Frau.
„Rein, gnädiges Fräulein! Sie verstehen mich falsch, ich meine Frauen, die von Ratur aus mütterlich veranlagt sind. Ob sie es werden oder
nicht, das steht auf einem anderen Blatt. Gute Frauen kommen als Mütter auf die Welt! Sie betreuen schon als ganz kleine Mädchen zerbrochene Puppen, kranke Dögel, Hunde, Katzen oder Kinder, die noch «in bißchen kleiner sind und lassen sich weder durch Geschrei noch durch Häß- lichtest davon abbringen. Oder wenn sie junge Damen sind, achten sie nicht einmal auf ihr schönes, neues Kleid, sondern heben behutsam solchen kleinen Dreckspatz auf, der in den Rinnstein gefallen ist, wie neulich ein gewisses Fräulein von Diemen, Tochter eines hohen Militär- gewaltigen aus der schönen Kaiserzeit!"
„Und die anderen, Herr Doktor?" Eva-Marie war rot geworden. „Die, die keine Mütternaturen sind?"
„Das sind Egoisten durch und durch, gnädiges Fräulein. — Das sind die eleganten Dämchen mit den hübschen, nichtssagenden Gesichtern. Diese kennen Pflichten überhaupt nicht und die Liebe nur von der amüsanten Seite. In diesem letzteren Punkte gleichen sie der Art von Männern, die die Frauen nicht lassen können! Solche Frauen 'lieben weder Kinder noch Blumen, nichts was Pflege beansprucht. Alles Gebundene ist ihnen verhaßt und unbequem. Das sind die Frauen, die den Männern flüchtigen Rausch, ein leeres Portemonnaie und einen verächtlichen Zorn gegen alles Weibliche beibringen! Ihre Anlagen vererben sich bedauerlicherweise sehr stark!" —
Eva-Marie hörte interessiert zu. „Sind Sie ein Fvauenfeind, Herr Doktor? Sahen Sie so viel Schlimmes?" —
„Schlimmes? O nein! Interessantes nur! Und je verächtlicher mir diese Weiberchen sind, die den oberflächlichen Männern meistens am besten gefallen, — desto inniger verehre ich die andere Art Frauen, die mütterlichen. Bei diesen sind wir Männer wohl aufgehoben!" —
Man kam an einen hübschen kleinen Kaffee- .garten und nahm dort in einer Laube Platz. Das Sonnenlicht spielte durch die frühlingsjungen Blätter auf die rot- und weißgewürfelte Tischdecke. Ein Kännchen Kaffee wurde bestellt. Der beschäftigte „Ober" setzte das Tablett mit dem Geschirr auf den Tisch und wurde eiligst an den Rebentisch gerufen.
Eva-Marie setzte mit ihren hübschen Händen die Dassen auseinander und schenkte dem Doktor Kaffee ein. Der sah ihr triumphierend zu.
„Sehen Sie, Mütterchen, so tun die richtigen Frauen! Die können gar nicht anders. Sie müssen uns irgend etwas zuliebe tun. Die anderen sitzen da und lassen sich bedienen! Aber ihr, ihr Guten! Richt nur die Kinder, die euch.zum vollen Lebensglück unerläßlich sind, auch der an» gebetetste Mann verfällt eurer Mütterlichkeit! Ihr müht ihn betreuen, euch um ihn sorgen und mühen, ganz eurer Ratur nach, ihr könnt nicht
anders! Es ist etwas Entzückendes, das eines gewissen Humors nicht entbehrt, wenn eine manchmal recht llelne Frau ihren riesengrohen Mann mit besorgten mütterlichen Augen ansieht und ihm Ratschläge gibt, damit ihm ja nichts passiert! — Die mütterlichen Frauen geben die glücklichen Ehen und guterzogenen Töchter, sie sind brave Hausfrauen, geduldige Krankenpflegerinnen und treue Freundinnen, und sie verdienen unsere höchste Achtung und Liebe!"
„Ist Schwester Elisabeth nicht solche geduldige Krankenpflegerin?" fragte Eva-Marie gedankenvoll.
Der Arzt machte ein nachdenkliches Gesicht. „Es liegt nicht am Tun, gnädiges Fräulein, es liegt am Sein! Oder am Haben! Ein Herz haben, das bedeutet bei einer Frau alles! Schwester Elisabeth tut exakt ihre Pflicht. Das tun manche, weil es der Weg ist, auf dem sie etwas erreichen! Dabei können sie eine kleine gehässige Seele haben! — Das ist durchaus vereinbar! Ich bin überzeugt, daß es der Wesensart Schwester Elisabeths viel mehr entspräche, als Leiterin eines großen Krankenhauses oder Sanatoriums zu herrschen. Herrschsucht ist niemals Mütterlichkeit!"
„Aerzte sind mir zu klug!" meinte Eva-Marie. Sie sah entzückend aus mit dem feinen Lächeln um den hübschen Mund und dem Interesse in den klugen Augen.
„Cs ist nur ihr Schicksal, viel zu sehen!" sagte Dr. Andresen ernst. „Aerzte sehen die Menschen unverhüllter als andere. Auch ihre Beziehungen zueinander und die Beweggründe ihres Tuns! Aber nun machen wir noch eine kleine Bootsfahrt, und dann ist unser Urlaub bald um. Ich habe Rachtdienst von acht Uhr an!"
Man mietete einen Kahn und fuhr auf das leise kräuselnde Wasser des Wannsees hinaus. Eva-Marie saß am Steuer und sah auf den sympathischen Mann, dessen kräftige Bewegungen beim Rudern jene männliche Anmut zeigten, die nur harmonische und ausgeglichene Raturen haben. Die Sonne streute ihr letztes Rot auf die Stämme der dunklen Kiefern. Es war eine Stimmung, wie auf den Gemälden jenes märkischen Landschaftsmalers, der soviel Glut und schwermütige Schönheit auf seine Bilder legt.
„Er ist ein Mann, den man bewundern und gern haben muß", dachte Eva-Marie und sah Dr. Andresen an.
„Sie ist doch «ine von den lieben, kleinen Mütterlichen!" dachte Dr. Andresen beglückt und sah das Mädchen mit seiner gewinnenden Herzlichkeit an. Sie wurde rot, wie die Abendwolken über dem See.
Ein ganz klein wenig verspätet kamen beide zurück. Eva-Marie entschuldigte sich bei Frau
Renate. Aber die lächelte gütig. „Ich habe geschlafen, seit Gerti fort ist, und das hat mir recht wohl getan!" sagt« sie zufrieden. „Ich hoffe, ihr zwei habt einen schönen Rachmittag gehabt!"
Schwester Elisabeth aber sah auffällig nach der Uhr, sah Eva-Marie von Diemen an und machte ein geringschätziges Gesicht. Dann ging sie hinaus, um irgend etwas für die Rächt für die Kranke vorzubereiten.
„Erzählen Sie mir etwas von Ihrem Sonntag- nachmittag, Fräulein Eva-Marie!" bat die kranke Dame und legte sich so recht behaglich zurecht. Sie hatte es gern, wenn Fräulein von Diemen mit ihrer weichen, sympathischen Stimme erzählte. Das Plaudern war so behaglich, ihre Art, wie sie Menschen und Dinge ansah, war so liebenswürdig und sprach von Herzensgüte und Verstand. Frau Renate war eine von den Frauen, die eine feine Seele haben und hellhörig sind. Wenn nicht gerade die Stumpfheit des Krankseins Gefühle gefangenhielt, die oft momentan über sie kam durch den Schmerz ihres Leidens, und noch ein anderes Leid, das Eva-Marie mehr erriet als wußte.
Renate liebte ihren Gatten nicht, — seine Gegenwart bedrückte sie, und mit ihm allein zu fein, war ihr eine Qual. Rur wenn Gerti da war, beherrschte sie dies Gefühl der Abwehr gegen ihn, und sie suchte durch gleichförmige Freundlichkeit dem Kinde zuliebe eine fast heitere Stimmung aufkommen zu lassen. Eva-Marie erzählte von der Fahrt im Auto, die ihr so viel Genuß bereitet hatte, von dem Kaffeegarten unter den Kiefern und von der Kahnfahrt. Und auch «in wenig von Dr. Andresens klugem Geplauder.
„Es scheint mir, liebe Eva-Marie, mein Schwager gefällt Ihnen ein wenig! Das freut mich!", sagte Frau Renate. Eva-Warie wurde ganz verlegen.
„Ia!" gab sie ehrlich zu. „Männer, die arbeiten, Männer, die klug sind und doch gut und warm dabei, die habe ich gern!"
Die kranke Frau sah sinnend in sich hinein. Ihre blassen Hände spielten mit der seidenen Decke. Es fiel Eva-Marie auf, daß sie gar keine Ringe trug, auch keinen Trauring. Rur um ihr mageres Handgelenk schlang sich eine feine, goldene Kette.
„Heinrich ist «in guter, kluger Mensch! Sie haben Recht, wenn Sie ihn schätzen, und es freut mich. Er ist seinem Bruder ganz unähnlich!" sagte Frau Renate leise.
Eva-Marie von Diemen erschrak. Lieber den Rachsatz! — Es lag in diesen Worten doch, daß Renate ihren eigenen Gatten weder gut noch klug glaubte.
(Fortsetzung folgt.)
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