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23.7.1932 Erstes Blatt
 
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Nr.I?l Zweites Blatt

Wietzener Anzeiger (Äenerat-Anzeiger für Gderhefjen)

Samstag, 25. Zuli 1952

Wohin geht Oesterreich?

Don Dr. Carl Gustav Bittner.

Am 10. September 1919 unterzeichneten die Be- vollmächttgten der Republik Deutsch-Oesterreich d e n Friedensvertrag von St. Germain, der diesen neugebildeten Staat einerseits zum Rechtsnachfolger der durch den Weltkrieg zerschla­genen Monarchie machte, andererseits jede praktische Souveränität nahm. Seit jenem Tag ging Oester­reich, trog eines von allen jeweils regierenden Par­teien mit beispielloser Zähigkeit geführten Daseins- kampfes, den zwangsläufigen, unentrinnbaren Weg des Verfalls.

Kein Wunder: von vornherein fehlten ja diesem Staat die notwendigen politischen und wirtschaft­lichen Existenzgrundlagen. DerFriede" von St. Germain traf Oesterreich härter noch als Deutschland das Diktat von Versailles: drängten sich doch hier die an sich gleichen Bedingungen auf den kleinen Raum eines Volkes von sechseinhalb Millionen zusammen! Das heutige Oesterreich bildete einst den Stern der Donaumonarchie. Wien, eine Stadt von annähernd zwei Millionen Einwoh­nern, beherbergte den riesigen Verwaltungsapparat, der notwendig war, um 72 Millionen deutsch, unga­risch, tschechisch, slowakisch, polnisch, ruthenisch, fer= bis, rumänisch, kroatisch, slowenisch und italienisch sprechende Staatsbürger in verhältnismäßiger Ein­tracht zusammenzuhalten. Die Millionenstadt blieb, es blieb auch der große Verwaltungsapparat mit seinen vorwiegend deutsä)en Beamten. Aber das Hinterland fiel ab und bildet seither den mitteleuropäischen Balkan.

Erst nachdem die nichtdeutschen Völker Oester­reichs entweder sich an bereits bestehende Rational- staaten angeschlossen hatten oder neue, eigene Staa­ten gebildet hatten, besannen sich die Deutschen da­rauf, aus den verbliebenen Trümmern der alten Monarchie ein eigenes Haus zu zimmern. Die Ereignisse im Oktober 1918 überstürzten sich: am 4. Oktober nahm der Leistungsausschuß des Verbandes der deutschnationalen Parteien eine so­zialdemokratische Resolution an, die das Selbstbe­stimmungsrecht der slavischen und romanischen Na­tionen anerkennt und die Bereitschaft der Deutsch­österreicher bekundet, mit den Tschechen und Süd­slawen über die Umwandlung Oester- reichs in eine Föderation freier na« tionaler Gemeinwesen zu verhandeln. Lehnen die Vertreter der slawischen Nationen diese Verhandlungen ab", jo heißt es in dieser Resolution, so erklären wir, daß sich das deutsche Volk in Oester­reich mit allen Mitteln dagegen wehren wird, daß seine staatsrechtliche Stellung ... durch die Staats­gewalt oder durch das Schwert eines fremden Er­oberers bestimmt wird. Jedem solchen Versuch gegenüber wird das deutsche Volk in Oesterreich fein unbeschränktes Selbstbesti mm u n g s r e cht mit allen Mitteln verteidigen."

Am 16. Oktober erließ Kaiser Karl ein Manifest, das den Völkern die föderalistische Umbildung ver­sprach, es k a m zu spät. Die Völker hörten nicht mehr darauf. Am 21. Oktober fand eine Boll­oersammlung der deutschen Abgeordneten statt, die sich als provisorische Nationalver­sammlung konstituierte und in ihrer zweiten Sitzung am 30.Oktober den ersten Staatsrat, bestehend aus drei Präsidenten (Seitz, Dr. Dmg- hoser und Hauser) wählte. 2lm 11. November bestä­tigte eine Kundgebung des Kaisers diese Tatsache: Im voraus erkenne ich die Entscheidung an, die Deutschösterreich über seine künftige Staatsform trifft. Das Volk hat durch seine Vertreter die Re­gierung übernommen. Ich verzichte auf jeden An­teil an den Staatsgeschäften."

Damit war, ohne daß eine ausdrückliche Abdan­kung des Kaisers erfolgt märe, der deutsch- österreichische Staat geschaffen. Aber da­mit war Oesterreichs Leidensweg noch lange nicht beendet. In dem Gesetz vom 12. November 1918 erklärte sich Deutschösterreich, da alle Verhandlungen mit den Nachfolgestaaten aussichtslos waren, als einen Bestandteil der Deutschen Re­publik. In Artikel 3 des Gesetzes vom 21. Okto­ber ober heißt es:In Durchführung des Staats-

Schicksal, aus einer Sand gelesen.

Don Luigi pirandello.

Es war in dem Spital, in dem ich zuletzt gewesen bin. Stellt euch vor, daß dieses Spital, von dem icy rede für seine Pfleglinge die ganz besonders zarte Aufmerksamkeit vorgesehen hatte, zu verhindern, datz der eine das Gesicht des anderen sehen konnte, und zwar mittels einer spanischen Wand oder besser ge­sagt: mittels eines Rahmens, auf den mit Kugeln ein Musselinoorhang gespannt war, der ,ede Woche ausgewechselt, gewaschen und gebügelt wurde, und so immer sauber und weiß war.

Jedes Bett auf dem langen, Hellen luftigen Gang hatte an seiner rechten Seite einen solchen Rahmen, der bis zur Höhe des Kopfkissens reichte, so konnte ich von dem Kranken, der links von mir lag, nichts anderes sehen, als seine Hand, wenn er den Arm auf die Bettdecke legte. Ich betrachtete dann mit iieoe- voller Neugier diese Hand, und von ihr ließ ich mir nach und nach die Geschichte erzählen, die ihr jetzt hört. Die Hand erzählte sie mir mit den unbewutzten Bewegungen, die sie von Zeit zu Zeit machte: mit den Stellungen, denen sich diese abgemagerte gelbe Hand auf der weißen Bettdecke überließ, jetzt aus dem Handrücken liegend, die Handfläche nach oben, die Finger ein wenig geöffnet, in vollständiger Er­gebung in das Schicksal, das sie wie an ein Kreuz an dieses Bett fesselte: jetzt ballte sie sich zur Faust, vielleicht infolge eines heftiaen und schmerzlichen An­falls, vielleicht in einem Ausbruch von Zorn und Ungeduld, worauf immer ein Zustand von tödlicher Ermüdung folgte.

Es war mir klar, daß es die Hand eines armen Kranken war, denn obwohl diese gelbe magere Hand sauber gewaschen war, wie es die Hygiene in den Spitälern vorschreibt, blieb doch etwas wie unab­waschbarer Schmutz an ihr zurück; etwas, was an der Hand der Armen nicht wirklich Schmutz ist, son­dern sozusagen die Patina des Elends, die kein Was­ser jemals wegbringt! ... Man sah diese Patina auf den Spitzen der etwas rauhen Fingerknöchel, in den Hautfalten der Gelenke, bei denen man an den Hals der Schildkröte denken mußte; in den Runzeln des Handtellers, die, wie man sagt, das Siegel des Todes in der menschlichen Hand sind.

Und jetzt überließ ich mich meinen Gedanken, zu welchem Handwerk wohl diese Hand gehören möchte?

Sicherlich zu keinem groben Handwerk, denn sie war zart und fein, fast frauenhaft und gar nicht

träges von St. Germain wird die bisherige gesetz- liche Bestimmung: .Deutschösterreich ist ein Bestand­teil des Deutschen Reiches'... außer Kraft ge­setzt." Das gleiche Gesetz bestimmt in Art. 1: Deutschösterreich, in seiner durch den Staatsvertrag von St. Germain bestimmten Abgrenzung ist eine demokratische Republik unter dem NamenRepu­blik Oe st e r r e i ch". Die Republik Oesterreich übernimmt jedoch unbeschadet der im Staats- vertrage von St. Germain auferlegten Verpflich­tungen keinerlei Rechtsnachfolge nach dem ehe­maligen Staate Oesterreich ..."

Diese nicht gerade heldenhafte Erklärung konnte weder die Belastungen mindern, die sich für den neuen Staat aus den Fehlern des alten ergaben, noch konnte sie eine siebenhunderjährige, ruhmreiche Vergangenheit streichen. Immerhin aber ist diese nutzlose Geste symbolisch geworden für den Leidens- weg Oesterreichs, der von St. Germain ihren Aus­gang genommen hat. Oesterreich lebt seither tat­sächlich wie ein Volk, das gegen das Diktat eines Siegers nichts anderes zu unternehmen gewußt hat, als sich die Wurzel seines historischen Werdens abzuschnekden: es kann nicht leben und kann nicht sterben.

Seit jenen Tagen von Versailles und St. Ger­main bewegt sich die europäische Politik in Konfe­renzen, die das Unglück mindern sollen, das die wahnsinnigen Diktate über Europa gebracht haben. Mitteleuropa ist nicht in der glücklichen Lage, Der- sallles und St. Germain so behandeln zu können, wie die Türkei den Vertrag von Sövres (abgeschlos­sen am 10. August 1920) behandeln konnte. Deutsch­land und Oesterreich, beide entwaffnet und macht­los, muhten sich aufs Verhandeln verlegen und im zähen Ringen der Front der Gegner Bruchteile von dem abkaufen, was gesunder Menschenverstand für selbstverständlich halten müßte; jetzt endlich, in Lau­fan ne, sind die Dinge bis zu einem gewissen Ab­schluß gediehen, von dem aus mit dem Wiederauf­bau Europas begonnen werden kann. Eine reine Freude aber hat auch an diesem KonferenzErgeb­nis niemand.

Der Kampf um die Selbstbehauptung, der auf diesen Konferenzen von Deutschland, Oesterreich und Ungarn gegen die Engstirnigkeit derSieger" ge­führt wurde, hat in den verschiedenen Ländern zu verschiedenen innerpolitischen Folgeerscheinungen geführt, bzw. ist infolge der verschiedenartigen in­nerpolitischen Struktur mit wechjelndem Tempera­ment, stets aber mit kaum nennenswertem Erfolg geführt worden. Denn der ganze Aufbau dieser Konferenzen war so, daß er es nicht erlaubte, die wesentlichen Grundfragen überhaupt nut zu be­rühren.

Man kann den Existenzkampf eines Volkes nur aus feiner Mentalität heraus verstehen. Und die österreichische Mentalität ist auch durch die Revolution nicht beseitigt worden. Nur bis 1922 be­herrschte der Austromarxismus die österreichische Po­litik. Dann kam Seipel, der die Krisis der In- slation überwand, und durch sein großzügiges Sa­nierungswerk Oesterreich vor der drohenden Auf­teilung unter die nichtdeutschen Nachbarstaaten ret­tete. oeipel ist der Repräsentant des universaldeut- schen, Schober der 2krtreter des nationaldeut­schen Oesterreich. Um Seipel und Schober kristal­lisieren sich die beiden kulturpolitischen und wirt­schaftspolitischen Grundanschauungen, die der öster­reichischen Mentalität möglich sind. In ihrem Ver­hältnis zu Deutschland lassen sie sich am besten durch die Worte:Anschlu ß" undDonau- f oderation" umreißen. Freilich darf man nicht glauben, daß der Seipelsche Kurs etwa eine Donau- föberation im Geiste Herriots wünscht. Soudern hier lebt noch ein lebendiger Rest der alten öster­reichischen Mission, die mit der Gründung der Ost­mark durch Karl den Großen begonnen hat: die deutsche Ausgabe Oes' -reichs im europäischen Sud­osten, ein Bollwerk zu sein gegen das Asiatentum in jeder Form, und ein Stützpunkt für die weit nach Osten vorgeschobenen deutschen Vorposten in Ungarn, in Südslawien, in Rumänien. Der Scho­bers che Kurs will den Anschluß an Deutschland, und damit die österreichische Ausgabe in Mitteleuropa erfüllen: Vermittler zu sein zwischen Sud und Nord, zwischen Ost und West, und zugleich em Kultur- verarbeitet Äußer vielleicht ein wenig am Zeige- I finger, dessen letztes Glied offenbar steif war, und ' am Daumen, der ein wenig stark zurückgebogen und am Gelenk außergewöhnlich entwickelt war.

Ich bemerkte, daß dieser Daumen oft ynd wie ge­wohnheitsmäßig sich dem Druck der Spitze des Zeige­fingers unterwarf, als ob der Kranke unbewußt mit diesem Druck sich an seine ferne Wirklichkeit erinnerte, sie im Druck des Daumens fühlte. Die Wirklichkeit feiner Existenz als Gesunder. Vielleicht ein Laden^ dessen Dust erfüllt ist von dem besonderen Geruch neuer Stoffe, die in Ballen ordentlich einer auf dem anderen in den Regalen, auf den Bänken und in den Kasten aufbewahrt sind; ein Ladentisch, ein Tisch zum Zuschneiden, auf dem ein Stoff ausge­breitet ist, darauf eine große Schere und unter dem Tische eine große graue Katze; die Gesellen sitzen in einer Reche eifrig dabei, zu heften, mu der Ma- schine zu nähen, und er mitten unter ihnen.

Ja, ohne Zweifel, dies war die Hand eines Schnei­ders. Aus einer anderen Bewegung der Hand ent­nahm ich dann, daß dieser arme Schneider seit kur- zem Vater sein, ein Kind haben mußte.

Don Zeit zu Zeit zog er unter der Decke ein Knie hoch. Die Hand, bisher untätig, hob sich mit zittern­den Fingern und strich über dieses hochgezogene Knie mit einer Zärtlichkeit, die sicherlich nicht dem

Vielleicht stellte er sich unter dem Knie den Kopf seines Kindes vor und jene Hand streichelte zärtlich die frischen seidenweichen Härchen dieses Kinder­köpfchens Sicher waren die Augen des Kranken, während die zitternde, tastende fianb auf bem Knie, die Liebkosung anbeutete geschlossen, sicherlich sahen sie unter ben gesenkten Libern bas Köpfchen, sicher- lich füllten sich bie Augen mit Tränen, bie bann über bas Gesicht strömten, bas ich nicht sah. Unb wirklich, jetzt unterbrach bie Hanb bie zärtlich taftenbe Bewegung, verschwanb hinter bem Rahmen, nadibem sie ben Überschlag ber Bettbecke gehoben hatte Unb kurz barauf war biefer Ueberschlag wie­der in Ordnung gebracht, aber an einer Stelle war er durchnäßt von Tränen.

Eines Morgens erwachte ich spät aus einem bleiernen, tiefen Schlaf, wie er den heftigen An­fällen meines Leidens zu folgen pflegte.

Als ich die Augen öffnete, sah ich um das Bett meines Nachbars eine Menge Leute stehen Man­ner Frauen vielleicht Verwandte. Zuerst dachte ich, er fei gefloßen. Aber nein Niemand meinte, nie­mand klagte. Sie sprachen viel mehr mit bem Kran-

Das Ehrenmal für das deutsche Pferd.

Auf bem Gelänbe des Tannenberg-Nationaldenkmals ist ein Ehrenmal für die im Weltkrieg gefallenen Pferde in Form einer Pferdetränke errichtet und feierlich eingeweiht worden.

faktor von eigenständigem Rang. Wien ist für das Deutschtum ein Begriff, der ebensowenig wegzu­denken ist, wie Potsdam ober Weimar.

Auf ben internationalen Konferenzen konnten sich triefe beiben Standpunkte nicht so stark auswirken, wie etwa in Deutschlanb bie Methoben ber Erfül- lungs- unb ber Wiberstanbspolitik. Denn bas natio- nalbeutsche Ziel ber Anschlußsreunbe war niemals Oegenftanb einer internationalen Diskussion, wäh- renb bas Problem ber Donauföberation burch bie Einmischung Frankreichs in Bahnen gelenkt mürbe, die sicher nicht von Seipel, kaum von einigen Un­entwegten gutgeheißen worben sind. Und wenn Gras Arthur Poltzer-Hoditz kürzlich in einem Wie­ner Blatt gemeint hat, man dürfe die Hand, die Frankreich ausgestreckt hot, nicht zurückstoßen so hat er der lechtimistischen Bewegung in Oester­reich keine guten Dienste geleistet.

Wie Deutschland ist auch Oesterreich von An­leihe zu Anleihe geschritten. Unb jede An­leche mar ein Ring in ber Kette, die Oesterreich zu einem neuen Donaustaat mit ben übrigen Traban­ten Frankreichs zusammenschmieben sollte. Daß ber französische Donauplan noch nicht Tatsache gewor­ben ist, ist bem Wiberstanb zuzuschreiben, ben nicht nur Oesterreich, sonbern auch bie übrigen Nach­folgestaaten dieser Idee entgegenstellen. In Lau­sanne sollte bi e golbene Schlinge zusam­mengezogen werben, bie Frankreich um ben Hals Oesterreichs gelegt hat: für eine Anleihe von 300 Millionen hat Oesterreich für bie kommenden zwei Jahrzehnte auf sein Selbstbestim- mungsrecht verzichten müssen. Deutsch­land aber hat dazu geschwiegen, hat ledig­lich durch Stimmenthaltung gegen bie neuerliche Versklavung Oesterreichs protestiert.

Was wirb Oe st erreich jetzt tun? Der Nationalrat hat zunächst bas Wort. Es wird ihm nichts anberes übrig bleiben, als die Lausanner Anleiheoereinbarungen anzunehmen. Denn Oester­reich ist zu klein, um autarkische Experimente machen zu können, durch die es sich aus der internationalen Schuldverkettung befreien könnte. Der Weg von Versailles bis Lausanne, auf dem es für Deutsch- land wenigstens Augenblicke der freien Entscheidung gegeben hat, ist für bas Meine Oesterreich eine un­unterbrochene Kette von Zroangsläufigkeiten ge­wesen.

Jetzt aber scheint es, hat dieser Weg sein natür­liches Ende erreicht. Die Stunde drängt zur Ent­scheidung. Der Augenblick, in dem Anleihen auch

jeden Schein augenblicklicher Vorteile verlieren, ist jetzt auch für Oesterreich gekommen: schon von dieser jüngsten Anleihe soll es ja nur einen ge­ringen Bruchteil ausbezahlt bekommen, während der weitaus größere Rest zur Bezahlung älterer Schul­den und Schuldzinsen (!) verwendet werden soll. Don der nächsten Anleihe wird voraussichtlich über­haupt nichts mehr für das Land selbst übrig blei- fen. Dann aber muß sich Oesterreich sagen: wir haben nichts mehr zu verlieren. Unb in ber Verkennung ber Tatsache, baß dieser Augenblick für jeden Schuldner einmal kommen muß, liegt der Bruch im kapitalistischen Weltversklavungsgedanken.

Eine Welle ungeheuerer Not hat sich über den kleinen Donaustaat ergossen. Eine Not, von der man sich selbst in Deutschland kaum eine Vorstellung machen kann Vor dieser Not müssen vorläufig die typisch österreichischen Probleme schweigen, lln- wichtig ist das Problem der Staatsform, unwichtig auch bie Frage nach ber universaldeutschen ober na» tionalbeutschen Lösung ber österreichischen Kulturauf­gabe. Jetzt geht es um Sein ober Nichtsein. Und diese Lebensfrage kann Oesterreich nicht allein lösen. Denn es ist eine gesamtdeutsche Frage, unb darüber hinaus eine mitteleuropäische.

Die Staaten können nichts, aber die Völker alles. Was die Staaten an offiziellen Versuchen einer An­näherung getan haben, ist mit voraussehbarer Zwangsläufigkeit mißlungen. So das Dekret der österreichischen Regierung, ein Bestandteil Deutsch­lands zu sein, so der Gedanke ber Zollunion, so über­haupt die mit viel Geschrei unb wenig Wolle in Szene gesetzten Anschlußkunbgebungen, die beider­seits zu sehr mit partikularistischem Egoismus durch­setzt waren, um große moralische Wirkung zu haben. Das worum es heute geht, ist nicht bie Propaganba einer sicher wünschenswerten juristisch-politischen Tat­sache, sondern weit mehr: es geht um eine gei­stige Zeugung; um die Verlebendigung des Wis­sens um die Schicksalsverbundenheit aller Deutschen, aus der allein der Slufftieg erfolgen kann. Jenseits aller Parteipolitik, jenseits aber auch des scheinbar so großartigen, in Wahrheit aber so unwesentlichen Getriebes der internationalen Konferenzen, kann sich heute das Entscheidende vollziehen, das uns kein Friedensdiktat verwehren kann: die Geburt des H e i 1 i g e n R e i ch s d e r D e u t s ch e n imHer- zen aller deutschen Menschen. Dieses Ge­meinsame ist so groß, daß auch das Unterscheidende in ihm Raum genug hat, sich auszuleben. Und es ist so gewaltig in seiner Notwendigkeit, daß es mit

len und untereinander, zwar leise, um bie anberen Kranken nicht zu stören, aber wie bei einem fest­lichen Anlaß.

Es war kein Besuchstag. Wie unb warum also war so vielen Leuten der Zutritt zum Bett des Kranken gestattet worden?

Was sie sprachen, horte ich nicht, wollte ich nicht hören. Ihr Anblick tat meinen Augen weh, da ich von dem langen Erschopfungsschlaf noch betäubt war; ich schloß die Augenlider. Als ich sie wieder öffnete, war niemand mehr am Bett dieses Kranken. Ich suchte seine Hand. Was war das? Am Ringfinger, war da nicht ein Ring? Ja, ein Goldreif: ein Trau­ring. Also ein junger Ehemann ... die Hochzeit war es gewesen! Jene Leute waren gekommen, um ihn zu verheiraten.

Arme Hand, so gelb, so abgemagert, mit diesem Zeichen ber Kette ... ber Liebe? Nein! Des Tobes ... auf bem Spitalbett heiratet man nur in Vor­ahnung bes Todes ... Das Selben war also unteil­bar. Ja: beutlich hatte es mir biefe Hanb gesagt, bie allzu gelb war. allzu abgemagert, allzu unsicher im Tasten, in ihren Bewegungen. Wie langsam, wie traurig brehte sie jetzt mit ben Daumen biesen zu großen Ring am Ringfinger! Sicher sahen bie Augen in bie Ferne, obschon ber Blick auf biesen nayen Golbreif gerichtet war; unb vielleicht bachte sein Geist:

Dieser Ring, was will er besagen? Ich bin im Begriff, mich von allem zu losen, unb er hat mich binben wollen ... wem verbindet er mich? Für wie lange noch? Heute haben sie ihn mir an ben Finger gesteckt, schon morgen vielleicht werben sie kommen, um ihn mir abzuziehen ...

Die Hanb hob sich unb blieb eine Weile vor bem Gesicht. Ganz aus ber Nähe wollte er sie betrachten mit biesem Ring für einen Tag, der so viel Dinge hätte sagen können und nur ein einziges sagte, das traurig, ach so traurig war

Aber vielleicht dachte er, daß dieser Ring doch etwas verband: seinen Namen und das Leben seines Kindes. Das Kind war ihm vor ber Hochzeit geboren worben unb hatte keinen Namen gehabt; jetzt würbe es einen haben.

Wieber liebkoste er ben Ring mit bem Daumen; bann fiel bie Hanb mübe auf bas Bett zurück.

Am nächsten Morgen sah ich sie nicht mehr: kaum erriet ich sie an einer Falte bes ßementudjes, bas über bas ganze Bett gebreitet war.

(Autorisierte Uebersetzung aus bem Ita- lienischen von vr. L. v. H e r g e t.)

Das Bildnis eines deutschen Narren.

Ein in einer Stockholmer Sammlung befind­liches Gemälde des 16. Jahrhunderts, das wegen seines merkwürdigen Gegenstandes besonders auf­fällt, wird von dem Direktor desBerliner Kaiser-Friedrich-Museums, M. I. Fried­länder, in der Bruckmannschen Kunstzeitschrift Pantheon" gewürdigt. Dargestellt ist ein Harr, in bunter Schellenkappe, mit der Pritsche in der Hand und mit einem Hund neben sich, der an seinem Frühstück teilnimmt. Der Harr lacht über das ganze Gesicht und zeigt dabei beide Zahnreihen und rwch etwas von dem Fleisch über der oberen. Das Werk gehört zu den ältesten Harren-Darstellungen, denn es ist ums Jahr 1520 entstanden und für diese Zeit durch seinen natürlichen Ausdruck beispiellos. Die Maler des 16. Jahrhunderts sind sonst über ein starres Grinsen nicht hinaus gekommen, und erst die Holländer des 17. Jahrhunderts, vor allem Franz Hals, haben die vollständige Illu­sion einer herzhaften Lustigkeit erreicht. Hof­narren waren damals an den Höfen sehr be­liebt, und man weih, daß auch andere Maler des 16. Jahrhunderts Zwerge von Königen por­trätierten. Diese Bilder sind aber nicht er­halten. So besitzt das Stockholmer Bild einen einzigartigen Wert. Friedländer sieht als Schöpfer den sog.Meister des Angerer-Por- träts" an, der um 1520 in Tirol tätig war. Die frische und gesunde Kunst dieses Walers wird durch das neue Werk sehr bedeutsam be­reichert.

Sochschulnachrichten.

Der Wiener Ordinarius für Zivilprozeß­recht, Professor Dr. Georg P e t s ch e k, wurde dieser Tage 7 0 Jahre alt. Der Gelehrte, der zusammen mit Alfred Handl das Zentral- blatt für die juristische Praxis herausgibt, hat sich u. a. für eine gemeinsame Zivilprozeßord­nung für Deutschland und Oesterreich eingesetzt.

Professor Karl Thieme, der frühere lang­jährige Hertreter der systematischen Theologie an der Leipziger älniversität, beging dieser Tage feinen 7 0. Geburtstag.

Der Privatdozent für Bürgerliches und Han­delsrecht, Zivilprozeh- und Konkursrecht an der Frankfurter Hnloerfität, Gerichtsassessor Dr. E. Cohn, ist zum ordentlichen Professor an der HniDcrfität DreSl au ernannt worden.