Ur. 19 Erster Via«
(82. Jahrgang
Samstag, 23. Januar 1952
Erscheint täglich, anher Sonntags und ßeiertags. Beilagen: Die Illustrierte (Bietjtner FamilienbläNer Heimat m Bild • Die Scholle ülonats Bejngsprtis:
Mit 4 Beilagen RM. 1.95 Ohne Illustrierte , 1.80 Zustellgebühr _ , -.25 Auch bei Nichterscheinen von einzelnen Nummern infolge höherer Gewalt.
Zenisprechanlchlüsse unter Sammelnummer 2251. Anschrift für Drahtnachrichten^ Anzeiger riebe».
Postscheckkonto: fironlfurl am Blain 11686.
MetzeimAilMger
General-Anzeiger für Oberhessen
vrrck tfnö verlas: vrühl'sche Umvetfitälr-Vuch. nnö Steinörudcrei K £an^e in Giehei. Schristleitvng und Geschäftsstelle: Sln^traM 7.
Annahme von Anzeiaeu für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher.
Preis für 1 mm höhe für Anzeiaen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Reichspfennig,' für Re» hlamean teigen von 70 mm Brette 35 Reichspfennig, Playvorfchrift 20' , mehr.
Chefredakteur
Dr. Friede Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr Wilh. Lange; für Feuilleton Dr H.Tdyiiot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein und für den Anzeigenteil Mar Filter, sämtlich in ®iefoen.
Nervenprobe.
Die politische Lage in Europa hat einen Grad äußerster Nervosität und Verwirrung erreicht. Nur eins ist klar, die Tributkonferenz, die am 25. Januar in Lausanne zusammentreten sollte, kann au diesem Tage nicht eröffnet werden. Frankreich hat aus die offizielle Einladung noch nicht einmal eine offizielle Antwort erteilt und England, das auf der Zusammenkunft in Lon don im Sommer vergangenen Jahres die Ausgabe übernommen halte, die Konferenz zu arrangieren, ficht sich durch die französische Intransigenz genötigt, di« Teilnehmer an der Konferenz von Lausanne vor- erst wieder auszuladen und auf einen späteren Zeit- punkt zu vertrösten. Das ist ein neues Ergebnis der französischen Taktik, die seit der überraschenden Erklärung de« Hooverfcierjahr» burd) die Vereinigten Staaten alle- darauf abgcftcllt hat, irgendwelche Veränderung der durch den Voung- Plan geschaffenen reparation-politischen Lage zu verhindern, zumindest aber irgendwelche Entscheidungen in der Frage der deutschen Tributzahlungen auf die lange Dank zu schieben, in der fli zlich unbegründeten und törichten Hoffnung, dast die weltwirtschaftliche Entwicllung oder ein Einlenken de- ainerikanischen Gläubigers Frankreich die Konzessionen ersparen könnte, die täglich dringender von ihm verlangt werden Die,e Reigung. irgendwelchen bindenden Entschlüssen au-zuweicben. hat sich bi- zu starrer Intransigenz verstärkt. seitdem in Frankreich b i e a b - l c n zur Deputiertenkammer vor der Tür stehen und nun weder die hinter dem umgebildeten Kabinett Laval stehende, nach recht- orientierte Re» gierung-mehrheit der alten Kammer, noch die Morgenluft witternde bisherige Opposition der Linken bereit sind, sich wenigsten- in diesem Augenblick vor den Wählern mit der Verantwortung für einen grundsätzlichen Kurswechsel in der Reparation-Politik zu belasten, nachdem man länger al- ein Jahrzehnt hindurch dem französischen Volke unermüdlich und nicht erfolglos die ..Heiligkeit der Verträge" und Frankreich- un- veräuszerliche- .Recht auf Reparationen" eingehämmert hat. Auch Eaillaux' Wort, dast Frankreich jetzt dem amerikanischen Gläubiger auch noch die Waffenröcke bezahlen solle, in denen die französischen Soldaten Im Kampf um die 'Befreiung der Tvelt vom „preuhifchen Militari-mu-" den Heldentod gestorben seien, ist bei den für fchars zugespihte Sentenzen empfänglichen Franzosen auf fruchtbaren Boden gefallen und hat besonder- seitdem die amerikanische Zähigkeit den Franzosen da- Schuldenabkommen von Washington aufgenötigt hat, chie verschiedensten Abwandlungen über den Vankee als modernen Shylock. der auf feinem Pfund Fleisch besteht, erfahren.
Diese Politik schärfsten Bremsens ist natürlich unvereinbar mit der Aufgabe, die der französische Ministerpräsident Laval in Washington — man must schon sagen an sich gerissen hat. al- er den Präsidenten Hoover zum auebrüd- lieben Verzicht auf jebc neue amerikanische Initiative in der Reparation-- und Schuldensrage bewog und seine Zustimmung dafür erlangte, Deutschland auf den im Voungplan vorgeschriebenen Weg zu verweisen. Deutschland ist diesen Weg gegangen, obwohl seine Umständlichkeit und Langsamkeit zu schweren Bedenken An- last bot. Deutschland hat also auf fran* -vsifche Weisung nnb amerikanische Empfehlung bin die Initiative c griffen, e- hat feine Zah- lungsunfah.gcc t erklärt und die Prüfung seiner Lage durch den im Voungplan vorgesehenen Sach- verständigenau-schust der BIZ. gefordert. Die Maschine de- Voungplan- war damit in Gang gesetzt, der Au-schust hat, wenn auch in wichtigen Punkten mit der ihm von Paris aus auf- oktroyierten Zurückhaltung. Deutschlands Zahlungsunfähigkeit bestätigt und den Regierungen schnelles Handeln empfohlen, wenn nicht die gegenwärtigen Schwierigkeiten die Vorboten weiterer Katastrophen werden sollten. Die Ini» tiative ging nun also zwangsläufig wieder auf die Regierungen über. England, das schon seinerzeit die Zusammenkunft von London angeregt hatte, ventilierte nun über Zeit und Ort der nun nicht mehr gut länger zu umgehenden neuen Tributkonferenz. Unb schon machte sich in Frankreich die Tendenz geltend, die Konserenz- frage dilatorisch zu behandeln und in der Zwischenzeit mit England unter der Hand zu einer Vereinbarung zu kommen, um nach dem auf früheren Konferenzen bewährten Muster dem deutschen Schuldner eine Einheitsfront der Gläubiger entgegenzustellen, so dast es dann nichts mehr zu verhandeln, sondern nur noch anzunehmen oder abzulehnen gab. Das ist nun zwar der französischen Politik nicht geglückt, aber eine von Paris aus lancierte, sehr geschickte Propaganda hat immerhin soviel erreicht, dast Regierung und öffentliche Meinung in England schwankend geworden sind. Der Appell an die leicht zu wedenden Reid- gefühle der Engländer hat wenigstens den Erfolg gehabt, dast in London die Furcht vor einer künftigen überlegenen Konkurrenz der deutschen Wirtschaft den Blick für die fachlichen Rotwendigkeiten der Stunde zu trüben begann. Unter geschickter Ausnützung einiger Punkte des Sachverständi- gcnberichts. der von der innerlich gesunden Kon- fhtution und den Entwicklungsmöglichkeiten der deutschen Wirtschaft nach dem Wiedereintreten normaler Verhältnisse spricht, richtet die französische Presse vor den erschreckten Augen der in diesem Punkte äußerst argwöhnischen Engländer das Gespenst der deutschen Industrie- und Handelskonkurrenz wieder auf. das schon einmal zu Kriegsbeginn wahre Wunder getan hat Wenn Deutschland, so sagt man, erst einmal zu der durch die Inflation beseitigten inneren Verschuldung
Vertrauensvotum für Laval.
Eine Mehrheit von 51 Stimmen. — Das Kabinett weiß keine neuen Wege. — Laval verkündet unter dem Beifallssturm der Rechten Frankreichs starres Festhalten an dem voungplan.
Paris. 22. Ian. (WTD.) Am dritten Tag der Interpellationsdebatte erllärte der radikale Abgeordnete Bergern, der bekanntlich früher der Reparationskommilfion angehörte, ein Plan könne nur lebensfähig fein, wenn man den wirtschaftlichen und plvchologischen Realitäten Rechnung trage. Die Erklärung Brünings sei schon H.lleriam-muS. Was habe die Hitlerbewegung in Deutschland gemacht? Die W.rllchaftskrife, die durch eine schrankenlose Demagogie auögcbcu» tot werde. Aber welche Politik sei es gewesen, die diese Ausbeutung ermöglichte? Doch nur d i e Politik der Alliierten seit Versailles. ..Lotzale Aussührung der Verträge", da- habe seinerzeit bedeutet, dast man sich 132 Milliarden Goldmarl von Deutschland bezahlen lassen wollle. Da- fei eine unmögliche Voraussetzung — und gleichzeitig wolle man von Deutschland die einseitige Abrüstung verlangen. Diese doppelte Konsequenz lehne Deutschland ab. Würde Frankreich unter den gleichen Derhältnislen nickst dasselbe tun. Der Reparationsgrundsatz müsse aufrechterhalten werden, aber man habe jetzt 15 Jahre der Irrtümer hinter s i ch Wenn man wolle, dast eine Schuld bezahlt werde, müsse man mit vernünftigen Ziffern kommen und man müsse auch über Zwangsmittel verfügen, wovon heute keine Rede mehr fein könne. Wenn man jetzt ein nachträgliches Opfer bringe, würde es nicht viel eher al- Opferung einer Hoffnung denn als Opferung eines Rechtes gelten? Die Regierung fagc: Keine Abrüstung, solange man keine Sicherheit besitze' sie bewege sich also in einem Kreise, au- dem man nicht heraus- komme. Es gebe nur die Wahl zwischen der gleichzeitigen kontrollierten Abrüstung Europas ober dem Wettrüsten. Die Regierung möge sich in acht nehmen. Wenn sie selbst nicht liquidieren wolle, dürften in gttvi Monaten die Liquidatoren der europäischen Politik ernannt werden.
Ter Abgeordnete Soulier «Gruppe Marin) schlost sich den gestrigen Ausführungen Herriots über die Reparaiionsfrage restlos an. forderte die Entente mit England und verlangte, angesichts der „geheimen R ü st u n g e n" Deutschlands ein energisches Auftreten der franz, fischen Delegation in Genf.
Daraus ergriff Ministerpräsident Laval erneut das Wort. Der Voungplan stelle eine definitive Regelung dar, die die Räumung des linken Rtzeinusers fünf Jahre vor der festgesetzten Frist mit sich gebracht habe. Am ß. Januar habe der Reichskanzler dem französischen Botschaster in Berlin eine Erklärung abgegeben, dast Deutschland materiell nicht in der Lage sei, seine Zahlun- gen fortzufetzen, und auch nicht wisse, ob es sie
wieder wurde ausnehmen können Dr. Brü- I einer Indiskretion die Blatter eine neue Erklärung ning habe aber lediglich darum ersucht, bah die Re- des Reichskanzlers an den englischen Botschafter ver- gicrungcn in Lausanne von dieser Erklärung Kennt- össentlicht, nach der weder jetzt noch in Zu- nis nähmen. Einige Stunden spater hätten infolge | kunft Deutschland mehr zahlen könne.
Lavals letzter Appell.
„Rach diesen Erklärungen", so suhr Laval fori, „fann man über die Absichten der Rcichsregle- rung nicht mehr im Zweifel sein. Brüning annulliert zwar nicht den Voungplan, er erklärt aber, dah das Reich auf Jahre hinaus nicht zahlen kann. Frankreich wird niemals auf die Rechte verzichten, die ihm durch die Verträge zugestanden sind und die nur einen Teil der erlittenen Schäden wiedergutmachen. Diese deutsche These ist für uns unannehmbar." Laval verwies auf die Schluhfolgerungen der Baseler Sachverständigen, aus denen hervvrgehe, dah Dcutschland nach Uebcrwlndung der ftrife einen großen A u s schw u n g erlebe. Diese Schluh- folgerungen ermächtigen uns, eine endgültige Neuregelung der Rcparaflonsfrage Zu verweigern, weil die Zahlungsfähigkeit des Reiches nicht nach der augenblld- Iichen Lage bemessen werden kann, wir sind bereit, für d i e Periode der roirl- schas11 ichen Krise eine neue Abrede zu treffen, wir werden aber keinerlei Herabsetzungen der Reparationen ;u- flimmen, wenn sie nicht durch eine gleichzeitige Herabsetzung unserer Schulden gegenüber Amerika ausgeglichen werden, wir werden auherdcm stets die Zahlung des ungeschützten Teils der Reparationen verlangen. Dies sind die neuen Opfer, die wir nach allen anderen bereit sind, zu machen. Bei den kommenden Verhandlungen kann nur d i e Rede von einem Moratorium fein. Deutschland darf nicht seinen eigenen willen diktieren. Die deutschen Methoden haben bei uns keinen Linfluh. Sie stärken im Gegenteil das Gefühl der würde und der nationalen Selbständigkeit. (Kroßer Beifall auf den Bänken der Regierungsmehrheit.) Die Aufgabe, die sich Frankreich gestellt hat. kann nur erfüllt werden. wenn die Moral nicht aus den gegenseitigen Beziehungen ausgeschaltet wird.
In der Adrüstungsfragc bleibt Frankreich bei seiner bisherigen Haltung, die sich aus den Völkerbundspalt stutzt. Franlreich n mmt keine Improvisierungen an. die seine Sicherheit gefährde. (Lebhafter Beifall.) Seit zehn Jahren fei - Frankreich mit gutem Beispiel v o r - angegangen, indem es seine Rüstungen herabgesetzt habe. In Genf werde es gegenseitige HilieleistungSvorschläge unterbreiten. Zum Schluß ging er auf die Reubildung seine» Kabinetts ein. Trotzdem Herriot auS innerpolitischen Gründen e« ihm unmöglich gemacht habe, eine ander-geartete Regierung zu bilden, richte er dennoch angesichts der Schwierigkeiten, denen Frankreich gegenüberstehe, den dringenden Appell an da- Parlament, d i e innerpolitischen Streitigkeiten ruhen au lassen und sich im Interesse Frankreich- und de- Frieden- um dieRegierung zu scharen.
Franklin-Bouillon hielt darauf eine Anklagerede gegen die deutsch-amerikanischen Finanziers, die die Verbündeten der deutschen Finanz seien und auf diedaSschänd- 1 iche Hoover-Moratorium letzten Ende« zurudzuführen sei. Deutschland sei böswillig und Deutschland gegenüber müsse man eine positive Politik betreiben. Franklin-Bouillon wie« öarauf hin. dast nach der Rheinlandräumung wenigsten- noch da - Saargebiet übrig bleibe. Er erteilte Laval eine schqrfe Absage, weil c« ihm nicht,gelungen sei, die nationale Einigung durchzuführen. Wenn Laval gut beraten Wäre, würde er noch jetzt zurüdtreten, um die nationale Einigung zu ermöglichen.
Oie Abstimmung.
Bei der Abstimmung über den von der Regierung unterstützten Lnlschliehungsantrag erzielte die Regierung mit 312 gegen 261 Stimmen eine Mehrheit von 51 Stimmen. Der Entschlietzungsantrag hat folgenden Wortlaut: Die Kammer bleibt der internationalen Zusammenarbeit und der Organisierung des Friedens treu, deren Grundlage die Achtung vor den vertra- 9 e " ist. Sie stimmt der Regierungserklärung zu, drückt der Regierung das Vertrauen aus und geht ohne Zusatzantrag zur Tagesordnung über.
auch aller Reparation-Verpflichtungen ledig fei — wobei man bewusst außer Acht lässt, das; die Inflation die furchtbarste und nachhaltigste Kapitalzerstörung war. die man sich nur denken konnte —. dann werde eS vor der Wirtschaft der anderen Rationen einen Vorsprung haben, den auch England mit seiner mangelhaft ausgerüsteten und jetzt schon in schwerem Kamps um seine Absatzmärkte in Indien, China. Südamerika und anderswo stehenden Industrie, nie wieder werde einholen können.
Das systematische Trommeln mit diesen und ähnlichen klug auf die englische Volkspsyche berechneten Argumenten hat denn auch schon den Erfolg gehabt, dast Leute wie Lay ton und Keynes, die bisher in einer Front mit neutralen Wirtschaftssachverständigen wie Lasse!, Co- lijns u. a. die Fortdauer irgendwelcher einseitigen politischen Zahlungen vor ihrem toirt- schaft-moralischen Gewissen nicht glaubten verantworten zu können, nun der Dolksstimmung die Konzession machen, dast man unter Umständen Deutschland doch, um bestimmte Ausgaben zu decken, bescheidene Summen auferlegen könne, die allerdings den normalen Welthandel nicht stören dürften. Da- ist trotz aller Verklausulierungen doch ein höchst gefährliches Abweichen von dem einmal in Stunden gröberer Unbefangenheit für recht erkannten grundsätzlichen Standpunkt von der wirtschaftlichen Unmöglichkeit der Fortdauer des Systems politischer Zahlungen ohne Gegenleistung. Die deutsche Regierung wird vor solchen Beweisführungen auf der Hut fein müssen. Lind das um so mehr, als eine in Mitteln und Ziel ähnliche Propaganda auch in Amerika versucht, den deutschen Argumenten der wirtschaftlichen Vernunft durch eine skrupellose Hetze das Waller abzugraben. Hier bemüht man sich. Deutschland als den gewissenlosen Bankrotteur zu plakatieren, der den Amerikanern das Geld aus der Tasche lockte, e- in verschwenderischem Saus und Draus zum Fenster hinaus warf, um nun rvnisch seine Zahlungsunfähigkeit zu erklären. Auch dieser Feldzug ist auf die DurchlchnittS- mcntalität deS amerikanischen Steuerzahlers, der namentlich jenseits der Finanzzentren des Ostens von den Zusammenhängen der europäischen Politik wenig oder gar keine Ahnung hat. geschickt abgestimmt und vergröhert zumindest die ohnehin wachsende Reigung, das senile Europa in seinem eigenen Fett schmoren zu lassen. Deutschland hat zwar mit Recht stets daran feftgehalten, dah die alliierten Kriegsschulden an Amerika
mit den deutschen Tributen nichts zu tun haben, aber es ist nicht zu leugnen, dast im Hoover- Moratorium insofern eine gewisse Verbindung hergestellt wurde, als die Vereinigten Staaten ihren europäischen Schuldnern die gleichen Summen stundeten, für die diele ihrerseits Deutschland Aufschub gewährten. Es kann also uns keineswegs gleichgültig fein, ob es der französischen Propaganda gelingt, die Volksstimmung in Amerika von neuem gegen uns einzunehmen, nachdem die letzten Früchte der Deutschenhetze aus dem Kriege kaum erst beseitigt sind.
Wie sehr Amerika trotz seiner betonten Zurückhaltung auch jetzt den Schlüssel in der Hand hat, sieht man vor allem an der zwiespältigen Politik Frankreichs in diesen Januar- tagen. Die sogenannten Vorverhandlun- fl c n zwischen der französischen und der britischen Regierung gingen einmal darum, zwischen Paris und London eine gemeinsame Marschroute für Lausanne gegenüber Deutschland zu verabreden, dann aber auch — und das scheint den Franzosen weit wichtiger gewesen zu sein —, den Versuch zu machen, zu einer Einheitsfront her europäischen Gläubiger gegenüber Amerika zu gelangen. Das ist Laval offenbar nicht geglückt. England hat es anscheinend abgelebnt, sich in diese Front gegen Amerika einspannen zu lassen, wohl, weil es vom weltpolitischen Gesichtspunkt aus in den amerikanischen Guthaben eine für sich nützliche Bindung der Vereinigten Staaten an die englischen Interessen sieht. Laval hat darauf allein seine Fühler nach Washington ausgestreckt, um ju erfahren, ob nicht trotz des ausdrücklichen ..Reins" des amerikanischen Kongrellcs die Möglichkeit eines Schuldennachlasses oder wenigstens einer Verlängerung deS Moratoriums bestände. Aber er hat sich von Stimson in ziemlich brüsker Form einen Korb geholt Das andere .Rein" kam von Berlin. Die französischen Sondierungen in der Tributfrage, die mit englischer Unterstützung Deutschland auf eine Zwischenlösung fest- legen wollten, hat der Reichskanzler mit der bekannten kategorischen Erklärung an den französischen und den englischen Botschafter beantwortet, dah Deutschland nicht in 6er Lage fei, zu zahlen, und dast für Deutschland ein Proviso^ rüxm irgendwelcher Art nicht in Frage komme. Dah diese Mitteilung durch eine Indiskretion in London in der sensationell zugespitzten Form, dah Deutschland nicht zahlen wolle, in die Öffentlichkeit kam, um einmal in Frankreich
und England die Volksseele zum Kochen zu bringen und zum andern durch diese der Konferenz vorweggenommene Stellungnahme der Reichs- regicrung dem französischen Kabinett den Widerstand gegen Lausanne zu erleichtern, diese« kleine Intermezzo ist nur ein neuer Beweis für bie betrübliche Tatsache, dast in der hohen Bureaukratie deS Foreign Office sich immer noch warme Anhänger der alten Latente cordiale entgegen der offiziellen Politik de« Kabinett« Macdonald ein privates Intrigenspiel zugunsten de- Pariser Freunde- erlauben können Aber auch diese offizielle Politik England- geht keineswegs fo weit, dast Frankreich eine Isolierung befürchten mühte Sir John Simon mochte keinen Bruch. Da Laval sich mit Händen und Fühen gegen irgendwelche Entscheidung vor den Wahlen stemmt, sucht Simon zu vermitteln, um Zeit zu gewinnen und den Konferenzgedanken überhaupt zu retten. _ Die englischen Vorschläge laufen auf eine Verlängerung des Hoovermoratorium- um ein weitere- Jahr hinaus unter Einschluh der geschützten Annuität. Letzteres hat Frankreich bisher nicht zugeftanden, und der Reichskanzler hat den ganzen Vorschlag mit bem Hinweis abgelehnt, dah er im Rahmen des Voungplans bleibe und von Deutschland die LIebernahme weiterer Verpflichtungen verlange, obwohl Deutschland« Zahlungsunfähigkeit von den Sachverständigen festgestellt sei
So ist die englische Vermittlung vorerst nicht zu Rande gekommen. Frankre.chs Diplomatie hat sich auf dem Wege, den Laval in Washington gefordert und durchgesetzt hat, zwischen zwei Stühle gesetzt. Paris hat zwar seinen Willen bekommen, die Konferenz findet zunächst nicht statt, aber mit dieser reinen RegaHon kommt Frankreich nicht weiter, e- steht nach wie vor zwischen dem deutschen und dem amerikanischen ..Rein". Die Reparationsdebatte in der französischen Kammer zeigt dah e- den Franzosen im Grunde in dieser Situation nicht sehr behaglich ist. Zwar suchen sich Parteien und Regierung durch laute und schroffe Beteuerungen der unveräuherlichen Rechte Frankre.chs und der Heiligkeit der Verträge gegenseitig Mui zu machen zum Widerstand gegen eine Politik der Vernunft, und H e r r i o t als Führer der Opposition sucht seinen Kollegen Marin von der Rechten fast noch zu überbieten in sturem Festhalten an dem wirtschaft-vernichtenden System der Reparationen. Aber wenn auch schon unter dem Eindruck dieser Kammerdebatte al- ersten Vorläufer de- Wahl«


