Aus der yrovimiakbauptssovt
(Sieben, den 22. Oktober 1932.
Sparen — sichere Voraussetzung für wirtschaftliche Gesundung.
Lin Aufruf der Spariaffen der ganzen Welt.
Bei der gegenwärtigen Lage der internationalen Politik und Wirtschaft hört man selten von gemeinsamen Aktionen der Staaten. Um so größere Be- achtung wird daher der Aufruf finden, der an- , läßlich des diesjährigen Weltspartags Ende Oktober non den Sparkassen der ganzen Welt erlassen wird. Aus allen Ländern und Erdteilen, ohne Unterschied der Sprachen, der Religio- neu und der Institutionen, weisen die Sparinstitute auf die große nationale, kulturelle weltwirtschaftliche Aufgabe des vernünftigen Sparens hin und juchen dadurch auch das Vertrauen in die dunstige wirtschaftliche Entwicklung zu stärken. An dem Aufruf sind folgende Staaten beteiligt: Amerika, Australien, Belgien, Chile, Dänemark, Deutschland, England, Finnland, Frankreich, Holland, Italien, Luxemburg, Norwegen, Oesterreich, Polen, Schweden, Schweiz, Spanien, Tschechoslowakei, Ungarn.
Der Aufruf, der in allen Ländern den gleichen Wortlaut trägt, besagt:
„Der Weltspartag ist kein Tag der Feiern und der Feste. Geist und Tat sind an diesem Tage ganz besonders in den Dienst des Sparens gestellt.
Das Sparen ist neben der Arbeit die gründ- l egend st e und sicher st e Voraussetzung für das Gedeihen unüden Fortschritt, sowie für ein gesundes Selbstbewußtsein des Einzelnen. Das Sparen schult den Willen: die Einfachheit der Lebensführung, die es auferlegt, bringt die Menschen einander näher und schafft die Möglichkeit, ihre Arbeit auf die Herstellung der für alle nützlichsten Erzeugnisse einzustellen. Das Sparen, das uns mit denen verbindet, die uns vorangingen, und mit denen, die uns auf Erden folgen, ist der Weg zum Aus st i eg des Einzelnen und zum Aufbau der kulturellen Macht eines Volkes.
Der Ruf, den wir, als die Vertreter der Sparkassen der ganzen Welt, die im Internationalen Institut des Sparwesens vereinigt sind, am Weltspartag an alle Völker richten, enthält eine Mahnung und eine F e st st e l l u n g. Zu jener berechtigt uns die jahrhundertalte Erfahrung und die Lebenskraft unserer Einrichtungen, die ungebrochen Revolutionen und Kriege, Strifen und Spekulationstaumel, Untergang von Regierungen und Nationen überstanden haben. Zu dieser gibt uns die aufrichtige Freundschaft das Recht, die uns im gemeinsamen guten Werk über die Grenzen von 24 Ländern hinweg vereint.
Die Mahnung weist denen, die mittel- oder unmitt'"'nr in öffentlichen und privaten Aemtern zu H u ' - r n des Sparguts gesetzt sind, ihre Pflicht, es mit unerschütterlicher Ehrlichkeit, treu den gesetzlichen Vorschriften und nach dem Willen und zum Nutzen derer, die es ihnen anvertrauten, zu verwalten.
Die Feststellung betrifft die Solidarität unter den Sparern der ganzen Welt, deren gemeinsames Interesse den Frieden unter den Völkern fordert. Der Friede ist der einzig wirksame Schutz nicht nur des eigenen, mühsam erworbenen Spargroschens, sondern des wirtschaftlichen, geistigen und sittlichen Reichtums der Menschheit."
Ms W M Den W
Roman von Gert Rvthberg.
Copyright by Martin Feuchtwanger, Halle (Saale)
19 Fortsetzung Nachdruck verboten!
„Gr hält mich für eine Diebin! Das ist das Letzte, Furchtbarste — das ist das Ende. Ich überlebe diese Schmach nicht. And der Schein ist gegen mich. Gin fürchterlicher Zufall hält die Fäden — und ich bin machtlos."
Fritz Lohgarten ballte die Hände.
„Nun ist auch noch der letzte Glaube in mir zerbrochen. Wie kann man sich nur derart in einen Menschen täuschen? Dis heute hoffte ich noch immer, sie sei unschuldig, trotzdem Der Schein gegen sie war, trotzdem sie selbst zugab, Heinz Altendors zu kennen. Daß sie so tief sinken könnte, hätte ich nicht für möglich gehalten. Aber es reiht sich Glied an Glied. Sie ist ein Opfer dieses Teufels, dieses rätselhaften Altendorf!"
Hin und her ging der Fabrikherr. Ein feiner Deilchenduft hing im Zimmer und wühlte ihn innerlich auf. Diesen feinen Deilchenduft liebte er, seit er ihn zum ersten Male an Traute bemerkte. Nun schmeichelte er sich in sein Hirn, haftete seiner eigenen Kleidung an, weil Traute vorhin an seiner Drust geruht.
Plötzlich blieb er stehen. Sein Blick fiel auf ein feines Tuch, das auf seinem Schreibtisch lag.
Ein dunkles Not jagte über seine Stirn.
Auf welchen Weg wollte er sich da begeben? Was hatte er getan? Die schöne, leichtsinnige Frau Eva Z... war hier bei ihm gewesen, nachdem er sie vor einigen Tagen im Spielklub kennengelernt? Sie war hierher zu ihm gekommen. und er hatte sie geküßt? Ganz bewußt, ganz absichtlich, ohne jedes Ideal in sich hatte er die Frau geküßt!
Pfui!
Fritz Lohgarten fing an, sich sinnlos zu verschleudern!
Dem Tuch entströmte ein starkes Pariser Parfüm. Aufdringlich, kokett — wie Frau Eva selbst war dieses Parfüm.
Nein! Nicht mehr! Nicht mehr das! Es bleiben nur Ekel und Abscheu zurück.
Lohgärten setzte sich ans Fenster, Unb um ihn war wieder der feine, diskrete Duft, der Trautes Kleidern anhaftete.
ElftesKapitel.
Ilse Wiedener war zufrieden mit ihren Ermittlungen. Dieses Mädchen, diese Traute Dol- scher traf sich tatsächlich mit Heinz Altendorf. Und das noch dazu auf dem Wege von ihrem Dienst in der Fabrik!
Dos mußte man der Gattin des Sängers zu wissen tun. Das war einfach Menschenpflicht. Der von ihr beauftragte Detektiv hatte ganze Arbeit geleistet und war gut bezahlt worden.
Ilse war noch immer außer sich über die erlittene Niederlage. Hub ihr einziger Wunsch war der, Traute im Mittelpunkt eines Skandals zu sehen. Sie muhte brüskiert werden.
Hnd Ilse Wiedener schrieb an Frau Altendorfl Anonym!
Scheute sich nicht und tat dieses Derwerflrchste.
Als der Drief fort war — sie hatte ihn selbst tum Driefkosten getragen — da hätte sie ihn ja gern wieder in ihren Händen gehabt, diesen
Oberhessischer Kunftverem.
Dom Oberhessischen Kunstverein in Gießen wird uns geschrieben:
Sonntag um 11 Hhr beginnt die bereits im letzten Jähre mit großem Interesse aufgenommene Ausstellung „Frauen der Gegenwart". Diesmal sind es vier Künstlerinnen, die ihre Arbeiten hier in Gießen gemeinsam ausstellen.
Dvn Sulamith Wülfing können wir für die erste Woche leider nur neuere Arbeiten, die bisher im Druck erschienen sind, zeigen, da die Originale xur Zeit noch anderweitig ausgestellt sind, und erst von Sonntag, 30. Oktober, ab hier gezeigt werden können. Sulamith Wülfing hat ja bereits bei ihrem letzten Hiersein eine große Gemeinde gefunden, wie in vielen anderen Städten auch, und es ist zu erwarten, daß auch ihre diesjährigen Arbeiten die gleiche Aufmerksamkeit und Degeisterung finden werden, wie im letzten Jahre.
impressionistischen Malerei gehörte, hat die Aufmerksamkeit weiter Kreise auf sich gezogen. Im Jahre 1909 beteiligte sie sich neben Kandinsky, Marianne von Werefkin, Kanold und Erbslöh an der Gründung der „Reuen Künstler-Vereinigung" in München. Ihre Arbeiten fand man regelmäßig in den Ausstellungen dieser Vereinigung, sowie in denen des „Blauen Reiter" und des „Sturm". 1926 war Frau Münter auf der Internationalen Ausstellung in Neuyork vertreten. Die heutige kleine Kollektwn beschränkt sich auf die inzwischen gereifte Kunst und bringt neueste Werke, die auf dem Landsitz der Malerin in Murnau am Staffelsee entstanden sind.
Es sind also diesmal Künstlerinnen verschiedenster Auffassung im Kunstverein zusammengekommen, und wir glauben deshalb mit Recht, daß die Ausstellung als solche stärkstem Interesse von seilen aller Kunstfreunde, auch soweit sie noch nicht dem Kunst- oerein angehören, begegnen wird. Wir haben des
halb die Besuchszeiten erweitert. Es ist Diesmal neben den Sonntagen auch an 4 Wochentagen ein Besuch möglich.
** Dienstjubiläum. Der Gelderheber Heinrich Münch kann heute auf eine 25jährige Tätigkeit beim Städtischen Gas- und Wasserwerk zurückblicken. Der Jubilar wurde von seinen Kollegen mit zahlreichen Ehrungen bedacht.
** Ausstellung der Hausfrauenberatung. Dem gestrigen Bericht über die Veranstaltung der Hausfrauenberatung „Das Kind in gesunden und kranken Tagen" ist nachzutragen, daß auch die Pfeiffersche Universität'sbuch- Handlung, Walltorstraße, mit einer Ausstellung von Jugendliteratur vertreten war.
"Rindermarkt inGießen. Am nächste'? Dienstag findet hier Nindvieh-(Nutzvieh°)Markt statt. Nächster Schweinemarkt am 9. November.
Deutschtum in Not!
Giraßensammlungzum Besten der deutschen Schuten und Krankenhäuserin Afrika.
Wählerliste einsehen!
Das Wahlrecht bei der Reichstagswahl kann nur ausüben, wer in der Wählerliste verzeichnet steht! Letzte Linsichtsmögiichkeit in die Wählerliste heute bis 13 Uhr und am morgigen Sonntag von 9 bis 13 Uhr im Stadthaus, Bergstraße, parterre, Zimmer 13. wer Zweifel hegt, ob fein Jlamc in der Wählerliste enthalten ist, sehe rechtzeitig nach!
Agnes von Bülow, eine geborene Hamburgerin, die Gattin eines deutschen Juristen, der ebenfalls Maler geworden ist, lebt zur Zeit in Brüssel. Jahrelang hat sie in Paris gearbeitet und auch dort ihre Bilder gezeigt. Sie ist Schülerin von Martin Brandenburger und Angelo Jank. Sie zeigt hier Arbeiten aus früheren Jahren als Lithographien und Holzschnitte und aus den letzten Jahren Porträtszeichnungen und Algraphien.
Luise K l e m p t nimmt diesmal den größten Teil des Ausstellungsraumes in Anspruch, schon» deshalb, weil ihre Arbeiten großes Format haben. Anderseits sollten sie aber auch ein einigermaßen abgeschlossenes Bild geben, und deshalb sind sowohl Skizzen, wie fertige Arbeiten in Form von Behängen als auch Lichtbildern von ausgeführten Frescomalereien ausgestellt. Sie hat 1919 zum erstenmal in München in einer großen Kollektiv-Ausstellung ihr Können gegeigt, ist dann aber bald eigene Wege gegangen, indem sie vor allem zur Wandmalerei Überging, und eine ganze Reihe von Aufträgen sie auf diesem Wege unbeirrt weitergehen ließ. Seit 1929 arbeitet sie versuchsweise an einer „transportablen Wandmalerei". Es sind mit Wasserfarben gemalte Wandbehänge, von denen wir eine ganze Reihe Originale zeigen können.
Als vierte, wieder ganz verschieden, stellt Gabriele Münter ihre Arbeiten aus. Es ist nur ein kleiner Ausschnitt unter dem Thema: „Landschaften und Blumen aus Murnau", geschaffen in den beiden letzten Jahren. Gabriele Günter, die schon vor dem Kriege zu den deutschen Vorkämpferinnen der nach
Die deutschen Schulen und Krankenhäuser in den unter Mandat gestellten deutschen Kolonien kämpfen einen schweren Kampf um d ie Erhaltung ihrer Selbständigkeit. Nach dem Verlust der Kolonien war das Deutschtum gezwungen, die kulturellen und charitativen Einrichtungen, die vordem von der deutschen Verwaltung unterhalten oder gefördert wurden, ganz aus eigener Kraft zu erhalten, da die Mandatsmächte den deutschen Kultureinrichtungen ihre Fürsorge nicht zu- wandten, sich vielmehr bestrebt zeigten, nach Erlangung der politischen Macht auch auf kulturellem Gebiete den deutschen Einfluß zu beseitigen. Verlangte schon in den letzten Jahren die Erhaltung und der weitere Ausbau der deutschen Schulen und Wohlfahrtseinrichtungen große Opfer, so ist
heute das deutsche Kulturwerk in Sübroeff- und Deutsch-Ostafrika aufs äußerste durch die Folgen der Weltwirtschaftskrise gefährdet, die auch die deutschen Farmer und Siedler in den Kolonien schwer in Mitleidenschaft gezogen hat, so daß sie kaum noch in der Lage sind, die nötigsten Mittel für die Erhaltung der deutschen Privatschulen und Krankenhäuser aufzubringen.
In Deutschland sind es die Deutsche Kolonialgesellschaft und der Frauenbund der Deutschen Kolonialgesellschaft, die sich dank der Unter« stützung ihrer Mitglieder und weitester Kreise des deutschen Volkes insbesondere der deutschen Schulen und Schülerheime in den Kolonien erfolgreich angenommen haben. Mit ihrer Unterstützung gelang es dem Deutschtum in Südwest, bis heute die Deutsche Oberrealschule in Windhuk, die Deutsche Realschule in Lüderihbucht und die Deutsche Schule in Karibik als rein deutsche Unterrichts- und Bildungsstätten zu erhalten. Sie sind
die Eckpfeiler deutscher Kultur gegen die Entdeutschungsbestrebungen des Mandatars, und ihre Schließung würde das Ende eines unabhängigen deutschen Dildungswesens in der Kolonie bedeuten. Damit würde die zukünftige deutsche Generation völlig dem englischen und
burischen Einfluß unterworfen und der heute noch deutsche Charakter des Landes würde mit Sicherheit verloren gehen. In Deutsch-Ostafrika, das seit einigen Jahren einer stettg zunehmenden Zahl von Deutschen eine neue Heimat geworden ist, hat der Frauenbund die Inittative zur Errichtung kleiner Heimschulen ergriffen, die sich als die ersten Pflanzstätten deutschen Wesens und deutscher Kultur erfreulich entwickelten. Auch ihre Erhaltung und ihr dringend notwendiger Ausbau ist unter den gegenwärttgen wirtschaftlichen Verhältnissen aufs äußerste gefährdet.
Es gilt aber nicht nur, die Heranwachsende 3ugenb im deutschen Geiste zu erziehen, es gilt vor allem, für einen gefunden deutschen Nachwuchs zu sorgen.
Dieser Aufgabe dienen die vom Frauenverein vom Roten Kreuz für Deutsche über See geleiteten Wöchnerinnenheime, das Heim in SWako p m u n d und das von der Deutschen Kolonial- gesellschaft errichtete Wöchnerinnenheim „Elisa- berhhaus" in Windhuk. Sie gelten im ganzen Lande als Musterstätten ihrer Art und haben wesentlich dazu beigetragen, daß ein lebenskräftiges und gesundes deutsches Geschlecht in der alten Kolonie heranwachsen konnte. Die wirtschaftliche Bedrängnis, in der die Mehrzahl der deutschen Farmer sich befindet, bedeutet eine große Gefahr für den deutschen Nachwuchs, wenn es nicht gelingt, auch aus der Heimat erhebliche Mittel für freie oder verbilligte Unterbringung deutsch er Farmerfrauen in diesen Heimen aufzubringen.
Es geht nicht nur um das Schicksal von Tausenden deutscher Kinder in Afrika,
es geht um die Erhaltung des deutschen Charakters unserer gegenwärtig in fremder Hand befindlichen Kolonien.
Darum verdienen die von den drei Verbänden aus Anlaß der 50-Iahrfeier der Deutschen Kolonialgesellschaft im ganzen Reich veranstalteten Straßensamrnlungen zur Bereitstellung * von Mitteln für die deutschen Schulen un
verhängnisvollen Brief: aber nun war es zu spät. Sie schalt sich feig, weil sie nun plötzlich Unheil befürchtete, mit dem sie nicht gerechnet hatte: sie hatte doch nur gedacht, daß Hilma Altendorf von ihrem Bruder Lohgarten die Entfernung Traute Dolschers verlangen könne.
Lohgarten war der Vormund dieses Mädchens, was sie nun auch erfahren hatte, und wenn er nun auch von seiner Stiefschwester erfuhr, wie schlecht diese Traute Dolscher war, dann würde er sie doch auch schon von sich aus entfernen. Dann würde er endlich glauben, daß ihn dieses junge Ding betrog.
Und nun war es Ilse doch wieder, als hätte es nichts Besseres für sie geben können, als diesen Dries zu schreiben. Sie konnte nun in Ruhe abwarten.
Ihre sinnlose Leidenschaft für Fritz Lohgarten wuchs. Wenn sie ihn auch manchmal zu hassen glaubte, dann wußte sie doch schon im nächsten Augenblick, daß es ja nur Liebe und Verlangen waren, was sie für ihn fühlte. Nichts weiter war es. Und er mußte ihr Gatte werden, und es würde ja auch sein, wenn nur erst Traute Dolscher aus dem Wege geräumt war.
Dieser Gedanke war längst zur fixen Idee bei ihr geworden. Und nun war aus dieser fixen Idee eben jener unselige Dries entstanden. Dieser Drief, der ihren eigenen Untergang besiegeln sollte.
Traute war daheim. Still und apathisch saß sie in Vater Dolschers großem Stuhl am Fenster und sah in den Garten hinaus.
Nun ging es schon wieder auf den Frühling zu. Doch sie freute sich nicht daraus. Sie freute sich über nichts mehr.
Fritz Lohgarten hielt sie für eine Diebin! Muhte sie dafür halten.
Täglich hatte sie auf das Verhör durch die Polizei gewartet: doch niemand war gekommen. Und den Vater zu fragen, das wagte sie nicht. Er wußte nichts! Absolut nichts! Er hatte nur einmal gesagt, daß der Chef den Kopf sehr voll haben müsse: er spreche kaum ein Wort mit ihm, wenn sie sich einmal zufällig träfen. Aber feine Augen unter den buschigen Dräuen hatten doch etwas mißtrauisch auf Traute geruht.
Und das Mädchen hatte die Hände ineinander verkrampft. Was sollte sie denn sagen? Und was sollte nun überhaupt geschehen? Sie konnte doch nicht Immer hier daheim sitzen? Und so elend fühlte sie sich doch auch nicht mehr, daß sie nicht hätte arbeiten können.
Auch heute ging sie ernstlich mit sich zu Rate, ob es nicht besser sei, den Pflegeeltern alles zu sagen. „
Mitten hinein in diese Erwägungen kam ein Dole von Herrn Lohgarten mit einem Briefe. Mit zitternden Händen öffnete Traute das Schreiend dann las sie. Las und glaubte doch nicht, was dort stand. Herr Lohgarten schrieb, daß sie ihren Posten im großen Büro wieder antreten könnte, sobald sie sich gesundheitlich dazu in der Lage fühlte.
Traute sagte dem Boten, daß sie morgen früh ihren Dienst wieder antreten würde.
Als sie allein war, faltete sie die Hände.
War der Dieb gefunden worden? Hatte ihre Unschuld sich herausgestellt?
Ich trete morgen früh meinen Dienst wieder an", erklärte sie beim Mittagessen.
Der Vater atmete tief auf. Heber den Tisch hinweg streckte er ihr die schwielige Hand entgegen.
„Gott sei Dank, Traute! Ich hatte mir nämlich ganz infame Gedanken gemacht. Aber nun ist ja alles in Ordnung."
Traute schaute ihn still an. Dann sagte sie:
„Ja, es ist alles in Ordnung."
Hnd während sie das sagte, dachte sie:
Zu den lieben Menschen hier, die jetzt meine Eltern sind, bin ich unaufrichtig. Wie darf ich das? Aber ich darf doch auch nicht sprechen, bis ich weih, was Herr Lohgarten in dieser Beziehung wünscht.
Vater Dolscher war sehr gesprächig heute, und auch am Abend brachte er in guter Laune einige Leckerbissen mit. Und dann sahen sie gemütlich beisammen. Traute aber war innerlich nicht so ruhig, wie sie nach außen hin schien.
Wenn nun Herr Lohgarten in ihr noch immer die Diebin sah und nur aus irgendeinem Grunde geschwiegen hatte? Ober hatten sich die Listen wiedergefunden, und er bereute nun sein Hnrecht, sie, Traute Dolscher, verdächtigt zu haben?
„Ach so, was ich euch erzählen wollte: Hnser Chef heiratet die Wiedener nicht. Der Offermann hat es mir heute gesagt", meinte Vater Dolscher und trank einen Schluck Dier.
„Nicht? Aber ich denke, das war so gut wie fest?" fragte seine Frau erstaunt.
„Hm! Das hat man so gedacht. Aber Offermann sagte, er wisse vom Chef, daß alles bliebe, wie es jetzt sei, und die Werke könnten vorläufig nicht wieder eröffnet werden. Hnd wenn der Wiedener mit seinem vielen Geld dahinterstecke, dann sei das doch ein Leichtes gewesen. Wahrscheinlich habe es sich der Chef im letzten Augenblick doch noch anders überlegt.“
Trautes feine Finger zitterten.
Vater Dolscher sah es, und er dachte traurig:
Es stimmt schon alles: sie liebt ihn! Hnd so wird das Leid nie wieder von ihr weichen, denn gut werden kann das ja nie.
Aber er sagte nichts, der alte Mann. Gr griff nach seiner Zeitung, die er jetzt immer selber vorlas, weil Traute es nicht wollte. Aber er las heute auch nicht laut, sondern er las still für sich, während seine Frau ein Nickerchen machte.
Traute aber setzte sich wieder ans Fenster, schob den weihen Vorhang ein bihchen zur Seite und sah hinüber zu den Fenstern Fritz Lohgartens.
Es brannte wieder Licht. In diesen letzten Wochen hatten oft, sehr oft die Fenster drüben im Dunkel zu ihr herübergesehen.
Arn anderen Morgen war sie pünktlich im Düro. Sie setzte sich auf ihren Platz und arbeitete. Gegen elf Hhr ging der Chef durch das Düro. Er grüßte kurz und ging weiter.
Trautes Herz flatterte unruhig. Sollte das nun immer so bleiben? Dah er so kühl und kurz c» i • 9
9 Die Tränen fliegen ihr in die Augen. Dann aber fragte sie sich, was sie denn eigentlich verlange? Er behandelte sie genau so, wie er seine übrigen Angestellten behandelte. Aber ihr war todtraurig zumute.
Hnd dann kamen ihr die wundervollen Tage in die Erinnerung, an denen sie mit ihm Zusammen drüben im Laboratorium arbeiten durfte.
Vorbei auf immer. Hnd es war ja schließlich auch gut so.
Er wurde Ilse Wiedener nicht heiraten!
Ob dieses Gerücht recht behalten würde? Hnd weshalb dünkte sie, Traute, dies ein ungeheures Glück? Weshalb hatte sie immer an das große, blonde, reiche Mädchen denken müsseri und daran, daß es kein Glück für Fritz Lohgarten fei, wenn er dieses Mädchen heiraten würde?
Hnd dabei wußte sie doch, was für ihn, für feine Werke von dieser Heirat abhingl?
Weil ich ihn liebe! Weil — weil — ich es nicht ertragen würde, wenn gerade sie ihn besitzt!, dachte sie.
2m Laufe des Tages erschrak Traute einmal furchtbar. Sie blickte in ein Paar kleine schwarze Augen, die sie mit unverhohlenem Haß angestarrt hatten.
Duchhalter Eckert!
Was hatte er gegen sie? Weshalb sah der Mann sie mit solch haßerfüllten Augen an?
Hatte sie denn nur Feinde hier im Büro? Die Mädchen hatten sie von allem Anfang an unfreundlich behandelt. Hnd Traute fand es plötzlich schwer, hier tagaus, tage in zu arbeiten. Inmitten von Menschen, die ihr nicht wohl wollten. Die Arbeit ging ihr heute nicht flott von der Hand. Hnd Traute beschloß, diese eine Arbeit, die ihr als eilig bezeichnet worden war, heute unbedingt fertigzumachen. Sie würde sich die Arbeit mit nach Hause nehmen. Dann konnte sie noch ungestört zwei Stunden schreiben.
Als nach Feierabend alle Angestellten das Büro verlassen hatten, suchte sie sich einen passenden Bogen Papier, um das dicke Buch einzu- hüllen, denn in ihre Aktentasche ging es nicht. Gin großes Regal stand im Vorraum. Dort wurde immer allerlei verstaut, was jeder schnell los sein und was man doch noch nicht wegwerfen wollte, weil es noch irgendeinem Zweck dienen konnte. Traute suchte. Sie fand aber nichts. Die Dogen waren alle zu klein. Da klemmte aber doch noch ein graues Papier?! Traute zog es hervor, breitete es auseinander. Da flatterte etwas Weißes, Zusammengefattetes zu Boden.
Traute hob es auf, faltete es auseinander.
Die gestohlene Liste!
Hnd das andere Papier?
Ein Kuvert!
Hnd es trug die Adresse vom 'Buchhalter Eckert!? Von einer ausländischen Firma!?
Brüssel!?
Wie kam gerade dieses Kuvert mit der gestohlenen Liste zusammen?
War das eine Schicksalsfügung?
Hatte Buchhalter Eckert diese Liste gestohlen? Traute packte beide Papiere in 'ihre Tasche. Dann nahm sie das schwere Buch und den verstaubten Bogen Papier unter den Arm und ging.
Draußen fragte sie den alten Dürodiener, ob der Chef noch zu sprechen fei.
Der sah sie sehr sonderbar an; dann zeigte fein Daumen über die Schulter.
„Hm! Der Chef ist im Laboratorium. Er wollte nicht mehr gestört werden. Ob er da nun noch für geschäftliche Angelegenheiten zu sprechen sein wird, ist fraglich. Ich will es einmal versuchen."
Traute sah ganz blaß aus, als sie dringend bat: „Melden Sie doch Herrn Lohgarten, es ftl etwas ganz Wichtiges!"
Der Alte ging.
(Fortsetzung folgt.)


