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Nr. 249 KvübauSsaVe
182. Jahrgang
Samstag, 22. Moder 1952
Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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ELporlwirtschast und Binnenmarkt.
Der Reichsbankpräsident Dr. Luther ist in seiner im Hamburger Liebersee-Club gehaltenen Rede mit großem Rachdruck auf eine Pflege des deutschen Exports und gegen alle autarki,chen Bestrebungen eingetreten. Er wies dabei besonders auf die geschichtliche Entwicklung in der Vorkriegszeit hin, in der das deutsche Volk durch die Versorgung fremder Markte mit Veredelungserzeugnissen, also mit Qualitätswaren seinen volkswirtschaftlichen Wohlstand wesentlich verbessern konnte. Es ist ferner sicherlich zutreffend, daß, wie Dr. Luther ausführte, eine Schrumpfung des Exports auch die für den inneren Markt tätigen Wirtschaftsunternehmungen schwächen und teilweise sogar ihrer Existenzgrundlagen berauben würde. Soweit also Dr. Luther auf die Gefahren eines deutschen Zurückziehens aus der Exportwirtschaft hinwies, wird ihm jedermann zweifellos beistimmen müssen. Aber vermutlich hat der gcnius loci, an dem er sprach, den Reichsbankpräsidenten veranlaßt, allzu ausschließlich auf die eine Seite des Exportproblems hinzuweisen. Man darf jedoch, wenn man die Lage der Dinge, wie sie sich in Deutschland entwickelt hat, richtig würdigen und darstellen will, auch eine andere Seite nicht außer acht lassen.
In ■bei' Vorkriegszeit ist Deutschland allerdings in steigendem Maße zu einem Lande geworben, das vom Export von industriellen Qualitätserzeugnissen lebte und seinen Wohlstand dadurch ständig vermehrte. Der Weltkrieg hat diese Entwicklung vom Agrar- zum Welthandels-Lande jäh unterbrochen. Nach dem Kriege find dann die größten Anstrengungen gemacht worden, Deutschland die alte Vormachtstellung in der Weltwirtschaft zurückzuerobern. Diese Bemühungen sind, obwohl die Verhältnisse sich am Weltmarkt inzwischen wesentlich verändert hatten, nicht ohne Erfolg geblieben. Aber sie konnten uns nur dadurch dem erstrebten Ziel in schnellem Tempo näher bringen, daß wir die wiederhergestellte Exportwirtschaft auf erborgtem (Selbe aufbauten. Mit der wachsenden Zunahme des deutschen Ausfuhrgeschäfts stieg auch die deutsche Verschuldung in beunruhigendem Maße an. Von der Exportwirtschaft der Vorkriegszeit unterschied sich die von neuem auf der Ausfuhr von industriellen Fertigerzeugnissen aufgebaute deutsche Nachkriegswirtschaft dadurch, daß sie der Rentabilität entbehrte. Ueber- mäßige Steuer- und Zinslasten zehrten den Ertrag ganz oder zu>n weitaus größten Teil auf. Aus dem Export, der einst durch seine Ueberschüsse die Grundlage des deutschen Wohlstandes gewesen war, wurde eine Verlu st ausfuhr, die dem deutschen Volke keinen Segen brachte, die nicht mehr zu seiner Bereicherung, sondern offensichtlich zu seiner Verarmung führte.
Als dann in der Iulikrise 1931 das künstlich aufgetürmte Kreditgebäude zusammenbrach, als das Ausland seine viel zu teuren und darum für die Schuldner verderblichen Kredite zurückzog, da wurde die Grundlage, auf der ihr Exportgeschäft wieder aufgebaut worden war, der deutschen Wirtschaft plötzlich weggezogen. Die Katastrophenkrise schritt dann weiter fort und dehnte sich zur Weltdepression aus. Wenn schon vorher immer mehr Länder bemüht gewesen waren, sich eigene Veredlungsindustrien zu schaffen und sich von der Einfuhr fremder Waren möglichst unabhängig zu machen, so wurden jetzt die Zollmauern immer höher aufgetürmt, und wo das nicht genügte, durch Einfuhrsperren, Importkontingente. Devisenzuteilungen, Währungsabwertung und ähnliche die Einfuhr hindernde Maßnahmen ergänzt. Die Grundlagen der deutschen Exportwirtschaft sind dadurch ohne Deutschlands Verschulden aufs schwerste erschüttert worden, und es ist nicht möglich, den deutschen Export in genau der gleichen Weise und mit den gleichen Mitteln wie früher zu fördern.
Selbstverständlich wäre es völlig verkehrt, wenn Deutschland nun etwa den Versuch machen wollte, abrupt und gewaltsam von der einseitigen Exportförderung zur Autarkie überzugehen und sich gewissermaßen verärgert aus der Weltwirtschaft zurückzuziehen. Aber es kommt nicht allein auf den Willen zu exportieren an, sondern auch auf . d i e Möglichkeiten dazu. Riemand wird bestreiten, daß der Export von industriellen Qualitätswaren dem deutschen Volke einen größeren Wohlstand verschafft hat. Aber nicht dieser Wohlstand allein ist jetzt bedroht, sondern seine nackte Existenz. Erst muß diese also gesichert sein, bevor es wieder an eine Verbesserung seiner Lebenshaltung denken kann. Deutschland wird sicherlich niemals auf den Export derjenigen Teile seiner industriellen Produktion, die es selbst nicht verbraucht, verzichten. Aber es wird seine Exportwirtschaft künftig auf eine ganz neue Da- s i s stellen müssen. Kredite aus dem Auslande wird Deutschland in beträchtlichem Maße nicht mehr erhalten können. Seine Kreditversorgung wird außerordentlich knapp bleiben. Ausfuhr wird daher künftig für r eutschland nur dann einen Sinn haben, wenn es sie aus eigenen Mit- 1 teln z u finanzieren vermag, und wenn sic Arbeit und angemessenen Gewinn gewährleistet. Wir werden uns damit abfinden müssen, daß die deutschen Exportmöglichkeiten in absehbarer Zeit recht beschränkt bleiben werden, nicht weil wir nicht mehr exportieren wollen, sondern weil die anderen nicht bereit sind, unseren Export in früherem Umfange aufzunehmen.
Daher wird ganz von selbst eine Verschiebung des Schwergewichts unserer Wirtschaft
England in der Wirtschafiskrisis.
Das Abkommen von Ottawa vom Unterhaus angenommen.—Warum der Handelsvertrag mit Rußland gekündigt wurde.
London, 21. Dtt. (TU.) Das englische Unterhaus nahm am Donnerstagabend die erste Finanzentschließung, die den in Ottawa getroffenen Abmachungen Gesetzeskraft verleiht, im Ausschuß- Stadium mit 4 51 gegen 84 Stimmen an. Gegen die Entschließung stimmten die arbeiterparteilichen Abgeordneten, die Samuel- und Lloyd- George-Liberalen und zwei Mitglioder der Simon- Liberalen, die gleichzeitig aus dieser Gruppe aus- schieden und zu den freihändlerischen Samueliisten übergingen. Drei weitere Finanzentschließungen zu den Ottawaer Abmachungen, die sich mit der Auferlegung neuer Zölle und der Erhöhung der Zölle für ausländische Weine und mit allgemeinen gesetzgeberischen Maßnahmen befassen, wurden mit entsprechenden Regierungsmehrheiten angenommen.
Der Präsident des Staatsrates, Baldwin, gab dann eine Erklärung zur Kündigung des englisch-russischen Handelsvertrages ab. Man könne der Ansicht sein, sagte Baldwin, daß es überhaupt unrecht sei, mit Rußland in Handelsbeziehungen zu stehen. Die englische Regierung habe jedoch anbete Wünsche. Sie wolle den Handel mit Rußland nicht einstellen. Die Beschäftigung der englischen Arbeiter sei ihr wichtiger. Der englisch-russische Handelsvertrag sei gekündigt worden, weil er einseitig z u G u n ft e n R u ß- lanbs sei. Der Handel sei vollkommen in der Hand der russischen Regierung, die ihrerseits wirkungsvoll die englischen Waren vom russischen Markt ausschließen könne und zwar lediglich badurch, daß sie die Aufträge an die Wettbewerber Englands erteile. Das Ergebnis fei, daß die englische Ausfuhr nur einen Bruchteil der russischen Ausfuhr nach England ausmache. England sei jedoch, wie es den Russen mit- geteilt habe, durchaus gewillt, einen neuen Vertrag abzuschließen, bei dessen Abschluß müsse es jedoch seine eigene Stellung sichern und dafür sorgen, daß es einen grüße r^n A n - teil am Handel als bisher bekomme und die Vollmacht habe, die russischen Einfuhren, die die englische Industrie schädigen, abzuhalten. Abschließend sagte Baldwin, gegen den zurückgetretenen Sir Herbert Samuel gewandt, die englische Regierung sei immer noch eine nationale Regierung. Sie werde ihren harten Kampf gewinnen. Auf jeden Fall werde keiner von ihnen den Ministerpräsidenten verlassen, bis sie entweder gesiegt hätten ober geschlagen worden seien.
Das Verlassen des Goldstandards
Wo sind die weltwirtschaftlichen Hemmungen?
Lonbon, 21.Dtt. (WTB.) Bei bem Iahres- essen, bas gestern abenb ber Lordmayor der City von London dem Schatzkanzler, dem Gouverneur und den Direktoren der Bank von England und den Bankiers und Kaufleuten der City gab, hielt Wohlfahrtsminister Sir Hilton P o u n g in Vertretung des durch die Ottawa-Debatte verhinderten Schatzkanzlers Chamberlain eine Rede, in ber er u. a. sagte, es sei beachtenswert, baß bas Pfunb Sterling ein stabilerer u n b infolgedessen vertrauenswürdigerer Wertmesser geworden sei als das Gold selbst. Die Schwierigkeiten Englands seien nicht durch Mißtrauen, sondern durch das Uebermaß von Vertrauen entstanden. Die Einrichtung des Devisenausgleichsfonds habe England befähigt, den Wechselkurs auf dem gleichen Niveau zu halten, wo er nur geringen Schwankungen ausgesetzt sei, die mit ber zu gewissen Jahreszeiten eintreten-
ben Gelbbewegung unb mit bem Schicksal ber Währung anberer wichtiger ßänber zusammenhingen. Eine Erhöhung der Warenpreise sei erforderlich bis zu einem Grade, der den Herstellungskosten besser entspreche. Ferner sei eine Veränderung der politischen, wirtschaftlichen und finanziellen Faktoren erforderlich, die in vielen Ländern den Zusammenbruch herbeigeführt hätten. Das englische Pfund habe für eine ganze Gruppe wichtiger Staaten als internationale Währung B e - d e u t u n g , für Großbritannien, für die Dominien und für die Länder, die ebenfalls den Goldstandard verlassen haben. Es sei befriedigend, festzustellen, daß diese Länder unter der Depression im allgemeinen weniger litten als die übrige Welt.
Der Gouverneur der Bank von England, Mon- tagu Rorman, der seine erste öffentliche Rede seit der schweren Krise des letzten Jahres hielt, sprach die Hoffnung aus, daß es eine baldige Besserung des Handels geben werde. Wenn die Regierungen nur zusammenarbeiten wollten, dann würde die Welt ganz anders aussehen.
Aber anscheinend sei es ihnen nicht möglich. Die Schwierigkeiten der internationalen Lage blieben so umfangreich und unbegrenzt, daß er die Zukunft nur in ganz undeutlichen Umrissen erblicke. Eines der Haupthindernisse, das beseitigt werden müsse, hänge mit der Frage der in ganz Europa eingefrorenen Kredite zusammen. Nichts behindere das Geschäft und die Berechnungen der Danken mehr als dies. Wie aber das Lostauen fertiggebracht werden solle, könne er nicht sagen. In der nahen Zukunft erhoffe er eine ft arte Entwickelung und Verbesserung der englischen Industrie, von der das Geschäft der Bankiers und Kaufleute so sehr abhänge. Bei der Gewährung von Darlehen an ausländische Unternehmungen sollte es eine" bessere Zusammenarbeit bei den Banken geben. Ihm seien Fälle bekannt geworden, wo auswärtige Unternehmungen von verschiedenen englischen Banken kurzfristige Darlehen in einer Gesamthöhe erhalten hätten, auf die sich die Danken, wenn sie Bescheid gewußt hätten, niemals eingelassen hätten.
Heue Arbeiislosenunruheu in London.
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London, 21. Oft. (WTD.) Die Verhandlungen gegen drei Arbeiter, die gestern bei der Eröffnung eines S ee m an ns he i m e s gegen Prinz Georg von England demonstrierten unb daraufhin verhaftet wurden, hatten heute im Osten Londons neue Zusammenstöße zwischen Polizei und Arbeitslosen zur Folge. Eine große Menge Arbeitsloser versammelte sich vor dem Polizeigerichtshof und bombardierte die Polizei mit Steinen und Flaschen. Die Geschäfte und Läden wur
den aus Furcht vor Plünderungen geschlossen. Die Polizei zu Pferde und auf Kraftwagen wurde zur Verstärkung herbeigeholt und trieb die Menge mit Gummiknüppeln auseinander. Wettere Zusammenstöße ereigneten sich in Stratford on Avon, wo 300 Demonstranten, die mit 1700 anderen von Manchester nach London marschieren, Fleisch verlangten. Die Arbeitslosen begannen alles in der Umgebung zu demolieren. Die Polizei muhte mit der Feuerspritze gegen sie vorgehen.
von den Export- zu den Binnen-» Märkten hin eintreten. Die Sicherung der In- landversorgung und die Delebung der Produktion für die Binnenmärkte wird infolgedessen künftig der Pflege des Exports vorangehen müssen. Einseitige Autarkiebestrebungen werden uns freilich ebensowenig nützen wie einseitige Export- sorcierung. Aber die These des Reichsbankpräsidenten, daß bei Fortfall des Auslandgeschäftes auch das Inlandgeschäft nicht nutzbringend sein kann und Schaden erleiden wird, muh dahin ergänzt werden, daß ein nutzbringendes Exportgeschäft nur auf dem Fundament eines gesunden Inlandmarktes ausgxbaut werden kann.
Hessen und die Reichsreform.
Mainzer Stritit am Standpunkt des Staatspräsidenten.
WSR. Mainz, 21. Oft. Der „Mainzer Anzeiger" knüpft an die dem Vertreter des WTB. gegenüber gemachten Ausführungen des Staats- Präsidenten Dr. Adelung über die Reichsreform folgenden Kommentar:
Die Haltung der Darmstädter Regierung in der Frage der Reichsreform wird keineswegs von allen Teilen der hessischen Bevölkerung gebilligt werden. Richt ohne Staunen und gewisse Besorgnis nimmt man davon Kenntnis, dah die Regierung sich den in den letzten Iahren mit guter Begründung und aus wirtschaftlicher Einsicht vorgetragenen Wünschen zu widersetzen scheint, die unter
Aufgabe de r Landesgrenzen eine organische Eingliederung hessischer Gebietsteile in benachbarte Wirtschafts- und Lebensbezirke für notwendig erachten. Die Erklärung des Staatspräsidenten läht keiner Hoffnung Raum, dah der klein- staatliche Standpunkt in Fragen gesunder und naturgemäßer Wirtschaftsentwicklung und Wirtschaftseingliederung überwunden ist. Daß Hessen als deutscher Lebensraum mit einer ausgesprochenen Kultur- und Stammes- einheit erhalten und in seiner Eigenart geschützt bleiben muß, ist eine Selbstverständlichkeit. Daß dazu aber starre Grenzen aus der Zeit der deutschen Staatenschöpfung, die dazu noch Willkürhandlungen eines Rapoleon und Wiener Kongresses entsprungen sind, Rot- wendigkeits- und Ünabänderlichkeitscharakter enthalten, dürfte schwerlich einzusehen sein. Die Eigenart einer Landschaft — kulturell wie wirtschaftlich — ist auch anders zu erhalten und zu schützen als durch ein staatliches Zwangsgebilde, das in seinem jetzigen Zustand weder eine Einheit noch organische Zusammenhänge besitzt, geschweige denn wirtschaftlich verbindende Gesamtzüge aufweist.
Man kann sich des Eindruckes nicht erwehren, daß ber Staatsapparat in Darmstadt deshalb s o groß ist, weil die aus der Uneinheitlichkeit unb unorganischen Glieberung entstehenden Schwierigkeiten die Verwaltungsausgaben ganz erheblich erschweren. Es geht bei den Fragen ber Reichsreform doch wirklich nicht um die Erhaltung oder Nichterhaltung von kleinen ober kleinsten Staaten, sondern u m die Schaffung kultur -
wie wirtschaftlich starker Lebensräume. Daß ein solcher neuer deutscher Raum auch den Namen „Hessen", wenn nicht gar „Rheinhessen", tragen muß, ergibt sich aus der Geschichte und Gegenwartsstärke dieses Gebietes von selbst. Nicht ergibt sich aber aus der bisherigen Entwicklung und dem gegenwärtigen Zustand, daß e i n starrer Staatsorganismus Träger dieses rheinisch-hessischen Gedankens zu fein hat. Die Verteidigung der hessischen Regierung mutet an wie eine Schutzstellung gegenüber Interessen, die außerhalb der' Landeshauptstadt kaum noch Bedeutung haben.
Mehrleistungen in derReichsversorgung
Berlin, 21. Okt. (WTB.) Die in der Rundfunkrede des Reichsarbeitsministers vom 19. d. M. angekündigten Maßnahmen zugunsten der Kriegsbeschädigten und Kriegerhinterbliebenen werden am 25. d. M. im Reichs- verforgungsblatt bekanntgegeben werden. Sie wirken sich aus bei den sog. Ka n n - B e z ii g e n , insbesondere zugunsten der Berufsausbildung von Kindern der Schwerbeschädigten und von Kriegerwaisen, ferner für einen bestimmten Personenkreis bei der Zusatzrente, bei der Gewährung von Unterstützungen — z. B. an Krlege r e l t e r n, die eine Versorgung nicht mehr erhalten können — sowie bei ber Kapit a l abfin- dung zur Abwenbung ber Zwangs- oollstreckung. Die für biese Maßnahmen bereitgestellten Mittel werben den V^rsorgungs- ämtern überwiesen.


