Ausgabe 
22.10.1932 Erstes Blatt
 
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Aus Oer Provinzialhauptstadt.

® i en, den 22.Oktober 1932.

Oie schöne Haussrömmigkeii.

Bon Reinhold Braun.

InWilhelm Meisters Wanderjahre" finden mir das Wort von derHausfrörnmigleit", die Goethe in wohltuende Beziehung zurWeltfrömmigkeit" fetzt.

Hausfrömmigkeit... Schwingt da nicht etwas auf von Matthias Claudius, Wilhelm Raabe, Ludwig Richter, Hans Thoma und manchem andern unter den rühmenswerten Menschen deutschen Geblütes!

Wohl dem Menschen und dem Menschenkreis, der noch etwas spürt von dem Wundersamen, das das Wort umschließt, es spürt in einer Zeit des Nach- außen-gerislen-werdens in die Wirbelzone des Le­bens mit ihren brennenden Unbarmherzigkeiten!

Bei vielen kümmert das Heimwesen so hin! Alle Kraft stießt ab in andere Bezirke, die zuweilen sogar etwas Feindliches im Gepräge haben gegen­über dem stillsten Daseinsgrunde. Und es will scheinen, als ob wir in eine immer tiefere Zer­rüttung des Heimstnns kommen.

Die Stimme kann nicht ernst genug erhoben werden:Laßt die deutsche Hausfrömmigkeit nicht sterben! Das wäre wirklich der Untergang! Rettung Deutschlands bedeutet in erster Linie Zurückfinden zum Heimsinn!"

Hausfrömmigkeit, was ist das? Heimgrund muß allzeit heiliger Grund sein, da wir mitten in der Tätigkeit uns mit hellen Gesichtern und zarter Seele begegnen sollen, da die Ehrfurcht in mancher­lei Gestalt eine Heimat hat, da wir wahrhaft Heimat fühlen und in den tiefsten Stunden zu der auf dem Wege sind, die wir die innere Heimat nennen, da wir ganz zu Hause sind, in uns und Gott und der Liebe

Hausfrömmigkeit, was ist das? Die schöne Mor­genstunde ist's, da Gemeinsamkeit roid eine Blume im Tau erblüht, ist Segen auf den Tagweg der Lieben, Fröhlichkeit am heimelig bereiteten Tische. Es ist die Abendstunde, da der Seele Himmel schon wird wie goldene scheidende Sonne über dem Saat- und Ernteland, oder schön und reich vom Sternen­lichte, da eins des andern Hände findet zum feier­vollen Ineinander, da Dank das Herz erfüllt gegen den Allwaltenden.

Hausfrömmigkeit, was ist das? Jenes Unsagbare ist es, das zwischen den Menschen hin und her webt, das von allen Wänden und den Dingen strömt, das immer köstlich Reue in dem köstlich Alten. Es ist das, was mit uns geht, heimlich leuchtend und oft auch tröstend im harten Werk des Tages und hin in jede Ferne, das mit den Kindern geht in die Fremde und wie ein guter Geist bei ihnen ist. Es ist Reichtum und Adel des Hausvater- und Hausmuttertums. Das Lied vom guten, tapfern Herzen, reine Melodie im Weltgetöse. Und Odem des Sonntags ist es und aller Feste Glanz, der zum Wunderglanze wird zur- Weihnachtszeit. Es ist die Krone aller Behutsamkeit, wenn ein Liedes in den ewigen Schlummer sinkt...

OberforstmeisterOr. Schüz scheidet aus dem Dienst.

Oberforstmeister Dr. Schüz zu Gießen tritt auf Grund des Altersdienstgesetzes am 1. Dezem­ber d. 3. in den Ruhestand.

Der scheidende Beamte studierte an der Landes­universität Gießen und bestand im Herbst 1889 die Fakultätsprüfung. Rach Ablegung der Staatsprüfung im Frühjahr 1892 war er sechs Jahre Assistent bei der forstlichen Versuchsanstalt für Hessen. Diese Tätigkeit schloß er ab mit der Aufstellung der Crtragstafel für den Buchen­hochwald. Er leistete dadurch schon damals der hessischen Forstverwaltung einen äußerst wert­vollen Dienst. Rach weiterer Verwendung als Forstassessor bei der Oberförsterei Beerfelden

wurde er im Mai 1900 zum Oberförster der Ober­försterei Ulrichstein ernannt. 3m April 1913 wurde ihm die Oberförsterei Ridda, im Mai 1921 bie Obersörsterei (jetzt Forstamt) Gießen über­tragen und er damit zum Leiter des Lehrreviers des akademischen Forstinstituts bestellt.

Seine allseits anerkannte, erfolgreiche forst­liche Tätigkeit ist der Ausfluß seiner wissenschaft­lichen Erkenntnisse und seiner langjährigen Er­fahrungen. Dabei verstand er es, durch sein lie­benswürdiges. treukameradschaftliches Wesen und seine von strengstem Pflichtbewußtsein getragene Dienstauffassung sich die Hochschätzung und Zu­neigung sowohl bei allen Kollegen, wie auch bei den Untergebenen und der Bevölkerung zu er­werben.

Reben seinen umfangreichen dienstlichen Ar­beiten fand er noch Zeit, auch auf anderen Ge­bieten sich zu betätigen. So gehört er dem Vor­stand des Hubertus, des Vereins weidgerechter 3äger in Gießen und Umgebung, dem Vorstand des Verkehrs- und Verscyönerungsvereins zu Gießen, der Land- und forstwirtschaftlichen Depu­tation der Stadt Gießen u. a. an.

Die Mitglieder der Forstbezirksgruppe Gießen und zahlreiche Gäste, u. a. Landforstmeister Dr. 5}effe, die Professoren der Landesuniversität Dr. V a n s e l o w, Dr. Baader, Dr. Rein­hold und Dr. Köttgen veranstalteten dieser Tage eine schlichte Abschiedsfeier imHessischen Hof" in Gießen. Für die Staatsregierung sprach Landforstmeister Dr. Hesse für die Forstbe­zirksgruppe Oberforstmeister Ricolaus und für das akademische Forstinstitut der derzeitige geschästsführende Leiter Pros. Dr. Baader. 3n allen Ansprachen kam die warme Verehrung zum Ausdruck, die dem aus dem Dienst scheiden­den Oberforstmeister Dr. Schüz von allen Seiten entgegengebracht wird, und das lebhafte Be­dauern, daß seine wertvolle Kraft dem Dienste am Walde entzogen wird.

Der Verlauf des 1. Hessischen Grenadiertages hat in eindrucksvoller Weise dargetan, wie stark das Gefühl der Verbundenheit zwischen unserer Bürger­schaft und der Garnison ist und wie sehr unsere Mitbürger an allem Anteil nehmen, was unsere Garnison angeht. Neben dieser Gefühlsverbunden­heit bestehen aber auch bedeutungsvolle Beziehungen wirtschaftlicher Art, die unser Bataillon zu einem wichtigen Faktor im Erwerbsleben unserer Stadt machen. Wenn auch der Umfang dieser wirtschaft­lichen Beziehungen der Garnison von heute zur Bürgerschaft nicht an das Ausmaß heranreicht, das vor dem Kriege bei einem ganzen Regiment vor­handen war, so muß doch gesagt werden, daß die Garnison eine hervorragende Stellung als Kon­sument in der Gießener Gesamtwirtschaft einnimmt. Schon ein Blick auf die Ziffern des Jahresbedarfs an den Bedürfnissen der Bataillonsküche gibt hier­für den Beweis. Für die Beköstigung unseres Ba­taillons werden nämlich im Verlaufe eines Jahres ungefähr folgende Mengen an Lebensmitteln ge­braucht:

1 800 Zentner Kartoffeln,

33 000 kg Fleisch- und Wurstwaren,

3 000 kg Hülsenfrüchte,

4 000 kg Mehl- und Teigwaren,

15 000 kg Gemüse,

3 000 kg Salat,

7 000 Stück Salat,

15 000 Stück Käse,

1 000 kg Käse,

Bornotizen.

Tageskalender für Samstag. Rad­klub Germania 1899: 20.30 Uhr, Caf6 Leib, 33. Stif­tungsfest. Verein ehemaliger 116er: Vereinslokal Postkeller", Generalversammlung. Evangelischer Arbeiterverein: Vereinshaus Hinter der Westanlage Nr. 11, 20 Uhr, Sozialer Kurs; Thema: Die Ge­schichte der deutschen Arbeiterbewegung. Turn­verein von 1846: 20.30 Uhr, HotelBayerischer Hof", Jahres-Hauptversammlung.Liebigshöhe": Jubiläumsgeflügelschau. Hotel Prinz Carl: 15 bis 19 Uhr, Schmuckausstellung. Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Ich will nicht wissen, wer du bist", sowie ein Beiprogramm auf der Bühne. Astoria- Lichtspiele, Seltersweg:Auto-Banditen".

Tageskalender für Sonntag: Stadttheater, 18.30 bis 21.30 UhrEgmont". Oberhessischer Kunstverein, 11 bis 13 Uhr, Turm­haus am Drandplatz, Ausstellung: Frauen der Gegenwart. Reichsvereinigung ehemaliger Kriegsgefangener, 20 Uhr, Cafe Leib, öffentlicher Vortragsabend. Arbeiter-GesangvereinEin­tracht", 16 Uhr, Reue Aula, Volks-Konzert. Evangelischer Arbeiterverein, Vereinshaus Hin­ter der Westanlage 11, 11 Uhr, Referat Lic. Waas:Das moderne Freidenkertum"; 15 Uhr Referat Kreisgeschäftsführer Schröder:Stand und Zukunft der Sozialpolitik". Sportplatz 1900, ab 14 Uhr, Mannschaftskampf Bataillon 1900. Verein Hundesport, ab 9 Uhr, großes Preisschliefen auf dem Schliefplah an der Liebigs­höhe.Liebigshöhe", Jubiläums-Geflügel- Schau. Hotel Prinz Carl, 11 bis 18 Uhr, Schmuck-Ausstellung. Lichtspielhaus. Bahnhof­straße, 11.15 Uhr,Am den Piz Palü"; ab 15 Ahr 3ch will nicht wissen wer du bist", sowie Bei­programm auf der Bühne. Astoria-Lichtspiele, Seltersweg:Auto-Banditen".

Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Als Fremden- und Schü­lervorstellung gelangt am Sonntag das Trauer­spielEgmont" von Goethe letztmalia zur Auffüh­rung. Die Aufführung steht unter der szenischen Leitung von 3ntendant Dr. P r a s ch und läuft

4 200 kg Butter,

1 800 kg Bohnenkaffee,

1 500 kg Malzkaffee,

2 000 kg Zucker,

4 500 Liter Milch,

6 000 kg Marmeladen, Obst- u. Gemüsekonserven, 1000 kg fertige Suppen,

1 200 Liter Del,

500 Liter Essig.

Der Geldaufwand für die Beschaffung dieser Waren beläuft sich allmonatlich auf rund 10 000 Mark, die fast ausschließlich nur Gießener Geschäf­ten zufließen und von hier aus bei der Waren­beschaffung zu einem Teile auch der nächsten Um­gebung zugute kommen. Man muß bei der Würdi­gung der vorstehenden Ziffern aber beachten, daß darin die wirtschaftliche Bedeutung der Garnison für unsere Stadt nur zu einem Teile ausgedrückt wird. Hinzu kommt noch, daß die Angehörigen un­seres Bataillons ja auch ihre Gehälter der Gießener Wirtschaft auf den verschiedensten Wegen zuführen.

Wenn es auch abwegig wäre, die Herzlichkeit der Beziehungen zwischen Bürgerschaft und Garnison unter dem Gesichtswinkel der Wirtschaft betrachten Aii wollen, so darf doch feftgefteUt werden, daß das Bewußtsein der großen wirtschaftlichen Stärkung unseres Erwerbslebens durch die Garnison zu einem erheblichen Teile mit beiträgt zu den guten Be­ziehungen, die von jeher zwischen dem Zivil und den Trägern des Soldatenrocks in unserer Stadt bestanden haben.

Garnison und heimische Wirischast.

Oer jährliche Verpflegungsbedarf unseres Bataillons.

in der gleichen Besetzung wie die der erfolgreichen Erstausführung anläßlich der Eröffnung der 25. 3ubiläumsspielzeit. Der Orchesterverein Gießen wird unter der musikalischen Leitung des Aniversi- tätsmusikdirektors Dr. Temesvary Beethovens Gesamtkomposition zu GoethesEgmont" zu Ge­hör bringen. Für Fremde gelten ermäßigte Preise: Schüler: Schülerpreise. Spieldauer von 18.30 bis 21.30 Ahr. Die erste Operette dieser Spielzeit, die mit eigenen Kräften unter der Spielleitung des 3ntendanten am Dienstag, 25. Oktober, als 4. Vorstellung im Dienstag-Abonnement stattfin­det, ist die Operette:Die Toni aus Wien", von Ernst Stesfan. Operettenpreise. Für das Mitt­woch-Abonnement ist eine Ausführung des Lust­spiels:Freie Dahn dem Tüchtigen" unter der Spielleitung von Karl H e y s e r vorgesehen. Spieldauer von 20 bis 22 Ahr. Eine Wieder­holung des erfolgreichen Lustspiels:Roulette" von Ladislaus Fodor ist als 4. Vorstellung im Freitag-Abonnement angesetzt. Gewöhnliche Preise. Anfang 20 Ahr; Ende 22 Ahr. An­läßlich der Tagung der Geyossenschaft Deutscher Dühnenangehöriger in Gießen hat die 3ntendanz für Samstag. 29. Oktober, 20.15 Ahr (!) eine Vor­stellung zu kleinen Preisen angcseht. Zur Aus­führung gelangt das historische Schauspiel:Der 18. Oktober" von Walter Erich Schäfer unter der Spielleitung von Oberspielleiter Peter F a s s o t t.

Am den Piz Palü. Der Kulturfilm, der am morgigen Sonntagvormittag im Lichtspiel­haus Bahnhofstraße gezeigt werden wird, zeigt diesmal wieder die Schönheiten der Dergwelt. Der Film führt in das Engadin, zum Piz Palü, man sieht den Piz-Bernina und Bilder von den tiefen wundervollen Tälern dieser Hochgebirgswelt. Das Leben in den Seimhütten und Dörfern, die gran­diose Schönheit in Schnee und Eis der höheren Regionen, und vieles andere mehr wird im Bilde gezeigt. Pontrefina, Davos, St. Moritz mit ihren ausgedehnten Wintersportplähen werden die Be­sucher des Lichtspielhauses ebenfalls kennenlernen^ Räheres ist aus der Anzeige vom Donnerstag er­sichtlich.

Siegfried"- Film-Vorführung durch das Kreisschulamt. Die Lichtspiel­stelle des Kreisschulamtes beabsichtigt, in der kommenden Woche den bekannten Afa-Großfilm Die Ribelungen" in seinem ersten TeileSieg- fr ed" in den b.kannie.i Spielorten für die Schulen unseres Kreises, wie auch für die Erwachsenen in Abendvorstellungen vorzuführen. Der Film ist ein Meisterwerk des Regisseurs Fritz Lang. Die Fassung des Filmes hält sich eng an die Sage und bedeutet so ein wertvolles Stück un­seres deutschen Filmrepertoires. Man darf dessen gewiß sein, daßSiegfried" überall, wo er zur Vorführung kommen wird, den Beifall der Zu­schauer findet. Man hofft, daß den Veranstaltun­gen von unserer Landbevölkerung rege Anteil­nahme entgegengebracht wird. Vorführungen fin­den in Watzenborn-Steinberg, Cberstadt, Hungen. Reiskirchen, Großen-Duseck, Grohen-Linden und Lollar statt. (Siehe heutige Anzeige.)

** Die spinale Kinderlähmung. In den letzten Tagen wurden in einigen Dörfern der Um­gegend neue Fälle von spinaler Kinderlähmung fest- gestellt. In Lollar erkrankte ein dreijähriges Kind, in Staufenberg wurde ein acht Jahre alter Junge von der Krankheit befallen, in Daubrin» gen wurde ein eineinhalb Jahre altes Bübchen das Opfer der Krankheit ferner ist noch ein Fall in Odenhausen (Kreis Wetzlar) zu ver­zeichnen. Die erkrankten Kinder wurden der Klinik in Gießen zugeführt. Am schwersten ist das einein» halb Jahre.alte Kind aus Daubringen erkrankt, bei dem sich d'ie Lähmungserscheinungen bisher an beiden Beinen, einem Arm und im Genick gezeigt haben. Die Kreisgefundheitsdehörde hat die erforder­lichen Schutzmaßnahmen in umfassender Weise ge­troffen.

Weitere Lokalnachrichten im 2. Blatt

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Das ist die Salem-Fabrik

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Das Wort hat der Raucher.

Millionen sprechen in Deutschland dasselbe Wort: Salem.

Damit ist der Sieger im Wettkampf der Ziga­retten genannt.

Die meistgerauchte deutsche Marke ist

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