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22.10.1932 Erstes Blatt
 
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Nr. 249 Erstes Blatt

182. Jahrgang

Samstag, 22. Moder 1932

Erscheint täglich, außer Sonntags und Feiertags. Beilagen: Die Illustrierte Gießener Familienblatter Heimat im Bild Die Scholle Monats-Bezugspreis:

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GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberheffen

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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Gange; für Feuilleton Dr. H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein und für denAn- zeigenteil i. D. Th.Kümmel sämtlich in (Biegen.

Volk und Staat, i

Der Wahlkampf steht im Zeichen einer Parole, Lie ungeheuer gefährlich für den Fortbestand des Reiches ist. Fast alle großen Parteien erklären Jich für das Volk, aber gegen den Staat. Das Volt wird gegen den Staat aus- xespielt, die uralte Kluft zwischen Staat und Volk, die zwei Jahrtausende der deutschen Ge­schichte einem großen Aufschwung einen ebenso groben Zusammenbruch folgen liest, wird jetzt «also wieder aufgerissen. Staat entsteht überall Lort, wo ein Volk ein höheres Ziel anerkennt, als das seiner privaten Wohlfahrt, und wo es sich große politische Ausgaben setzt, die nur von der Gemeinschaft gelöst werden können, äleberall in der deutsch.n Gesch.chte sind nur dort Höhe­punkte zu verze.ch.ce.i, wo es einen wirklichen Staat gab, und stets zerfiel das Reich, wenn das Volk im Gegensatz zum Staat trat. Gleich der Auftakt der oeutschen Geschichte, der Versuch einer germanischen Staatenbildung durch Armi- nius, führt uns den ewigen Konflikt Volk und Staat vor Augen. Armmius scheiterte, weil die germanischen Sippen keinen starken Staat aner­kennen wollten. An ö.eiern Konflikt sind schließ- lich auch die staufischen Kaiser, wie auch die» Dahlkaiser des ausgehenden Mittelalters ge­scheitert. Der Dreißigjährige Krieg zerbrach die kc.serliche Zentralgewalt des Staates vollends und führte die Herrschaft der Dynastien herauf, s bei denen die Familienpolitik die Staatspolitik l Lberwucherte.

Es gab erst dann wieder einen deutschen Staat »mb damit einen Aufschwung zu neuer Größe, als l>ie brandenburgischen Kurfürsten und preußischen Königegesonnen waren, die Staatsautorität zu stabilisieren wie einen rocher de bronce" (Friedrich Wilhelm I.). Jetzt erst konnte sich eine Macht bilden, | bie sich unabhängig von allen wechselnden 'Bolts« wünschen und -Meinungen in der Politik durchsetzen j; konnte. Preußen war niemals stammesmäßig be- I schränkt wie die andern deutschen Staaten. Darin lag eine kulturelle Schwäche, aber eine außerovdent- . liche politische Stärke. Durch das Heer und die Be- i amtenschaft wurde aus dem Volk ein staatlicher Machtkörper, der bedingungslos zur Verfügung I stand. Friedrich d e r Große schuf in der Ein- I jamkeik eines jeden großen Menschen den modernen preußischen Staat, Bismarck eroberte von diesem pieußischen Staat aus das zerspaltene Reich für | eine große deutsche Staatsidee zurück. Diese Reichs- grünbung und Staatsschöpfung erfolgte gegen die Parteien und gegen das Volk. Erst als Bismarck i. feine großen kriegerischen und politischen Erfolge hereingehoit hatte, wurde er auch, der vorher als reaktionärer Junker verschrien worden war, im i Bolte populär. Das Volk ist also immer erst dann geneigt, eine Leistung anzuerkennen, wenn sie sicht- . bar vollbracht ist. Solange das Volt die Gefolg­schaft verweigert, muß es der Staat zur Gefolgschaft zwingen. Diese Feststellung Hingt hart, aber sie ge- v hört zu den ehernen Fundamentalsätzen der Politik.

Der Weimarer Staat, der sich bewußt stärker auf 1 das Volk, als auf den Staatsgedanken stützte, ver­mochte bis heute nicht die rechte Staatsgesinnung ni züchten, die der starke Staat braucht. Bereits der Freiherr vom Stein klagte darüber, daß im | Deutschen Reiche Volk und Staat bisher niemals 1 eins gewesen seien. Heute scheinen sich Volk und Staat erbitterter als je gegenüber zu stehen. Der 4 Wahlkampf wird die Gegensätze noch weiter der­lief en, und alle Parteien, die heute die Staatsauto­rität gegen die Volksherrschaft ausspielen, werden entsetzt sein, was sie seelisch im deutschen Volke an- gerichtet haben, wenn sie jemals den Staat über­nehmen sollten.

In England und Frankreich hat das gemeinsame geschichtliche Erlebnis des Volkes die Einheit |con Volk und Staat zustande gebracht. Diese Einheit ist die Nation. Die französische, die eng­lische, die italienische Nation, eine jede fügt sich ohne weiteres den staatlichen Erfordernissen und denkt nicht daran, die Autorität des Staates in Frage zu f stellen. England hat vor einem Jahre eine Regie­rung anerkannt, hinter der zuerst überhaupt keine Partei, sondern Staatsmänner aus allen Lagern standen. In entscheidenden Fragen ist das franzö­sische Volk einig, ganz gleich ob es von Tarbieu ober Herriot regiert wirb. Nur in Deutschland ist es mög­lich, daß Parteien die Außenpolitik der Regierung ; bem Ausland gegenüber dadurch herabzusetzen ver­suchen, daß sie der Regierung das Recht abspre- Ichen, sich auf das Volk berufen zu können. Soll diese katastrophale Ausspielung: Volk gegen Staat! die ganze deutsche Zukunft verderben?

lieber dem Volks- und über dem Staatsbegriff verfügt das deutsche Volk über eine politische Idee, wie sie in gleicher Weise kein anderes Volk besitzt. Es gibt das englische Imperium, es gibt den fran- . zöstschen und italienischen Staat, es gibt die ameri­kanische und russische Union, aber es gibt nur ein­mal in der Welt den Begriff desReiches". Das l Reich ist die Einheit von Volk, Staat und Nation. | Für dieses Reich haben alle großen Deutschen gelebt unb gestritten. Das Reich erwächst aus dem Volke, sein Werkzeug ist der Staat, es selbst bildet die höchste Einheit aller widerstrebenden Elemente. Nur wenn über allen innenp^itischen Kämpfen die Idee des Reiches niu/t vergessen wird, kann der Gegensatz zwischen Volk und Staat fruchtbar gemacht werden. Denn dieser Gegensatz wird immer ' bleiben. Der Staat muß stets vom Volk Gefolgschaft, Overwilligkeit, Gehorsam, Einordnung in die Ge- sttze kurzum, vieles Unbequeme und die persönliche Freiheit Einschränkende verlangen. Das Volk wird dafür durch seine kulturellen Leistungen dem Herr­schaftsanspruch des Staates erst den rechten Wert v verleihen. Nur im Reich, möge dies im Wahlkampf ^niemals vergessen werden, kann also der Gegensatz:

Rolf und Staat sich im Sinne einer schöpferischen Spannung auswirken.

3m Kampf um den neuen Reichstag.

SinAppellSlraßersanSugenberg und die Geivertfchaflen.

Berlin, 21. Okt. (TD.) 3n politischen Kreisen Berlins hat die Bede starke Beachtung gesunden, die der Reichsorganisationsleiter der NSDAP., Gregor S t r a st e r, in einer Versammlung der Nationalsozialistischen Detriebszellenorganisation Groh-Berlin im Sportpalast gehalten hat. Gregor Straster, der sich ausführlich mit Sinn und Wesen desDeutschen Sozialismus" ausein­andersetzte, richtete einen Appell sowohl an den Führer der DNVP., Dr. Hugenberg, wie an den Vorsitzenden des ADGD., Lei Part. Wir arbeiten, so führte Straster aus, mit jedem gemeinsam zusammen, der Deutschland über alles stellt und Deutsch­land retten will. Ich habe in der Bede Hugenberg s, die er am Sonntag vor dem Sozialpolitischen Ausschust seiner Partei gehalten hat, Worte gefunden, die man von dieser Seite her noch nie gehört hat. Hugenberg hat von der Notwendigkeit einer Entproletarisie- rung des deutschen Arbeiters ge­sprochen und die A.beiterbewegung bejaht, die auch wir bejahen. 3n Abwehr von Zwischenrufen bei der Nennung ve. Namens Hugenberg fuhr er fort: Ich glaube, daß nicht alles für die Wahl gesprochen ist und dah wir z u einer offenen Politik kommen wer­den, die auch den Gegner anerkennt, bis zum Beweis des Gegenteils vom guten Willen. Ich verstehe gar nicht, warum die DNVP. unbedingt Papen unterstützt. Dagegen kann ich mich auch mit den Ausführungen Hugenbergs einverstanden erklären, soweit sie dasinternational vagabundierende Kapital" be­treffen. An die Adresse Leiparts gewandt, erklärte Straster, die Ausführungen des Vor­sitzenden der Freien Gewerkschaften vom 15. Ok­tober in Bernau eröffneten Ausblicke in die Zukunft, die jeden mit freudiger Zustimmung erfüllen mühten. Le Parts Ablehnung der Gleich­stellung des nationalen Gedankens mit aristokra­tisch-kapitalistischen Tendenzen hätten die Natio­nalsozialisten schon seit jeher verfochten. Wenn die Gewerkschaften wirklich diese Erkennt­nis hätten, mühten sie sich folgerichtig von den Heilmann und Hilferding trennen, sich zum deutschen Staat bekennen und der Inter­nationale entsagen.

Oie Oeutschnaßonalen antworten.

Potsdam, 21. Okt. (TU.) Auf einer Kund­gebung der DNVP. erklärte der Abg. Schmidt (Hannover) u. a.: Die gestrige Rede von Gregor Straßer entkräfte am besten das gegen Hugen­berg oft gebrauchte rationalsozialistische Schlagwort: Sozialreaktionär. Straßer erkennt ehrlich an, daß Hugenberg d i e Arbeiterbewe­gung bejaht und dah unser Weg der E n t proletarifierung des Arbeiters der richtige ist. Goebbels hat die Tatsache, daß die NSDAP, in entscheidenden Fragen in den Parlamenten mit den

Kommunisten ging, nicht entkräften können. Goeb­bels ist mir die Antwort auf meine sämtlichen Fra­gen schuldig geblieben. Er hat sie durch organisier­tes Massengeschrei seiner Anhänger und durch ge­fälschte Presseberichte ersetzen lassen. Seine Zeitung besitzt nicht den Mut, über die deutschnationalen Reden zu berichten. Eine Frage hat Dr. Goebbels beantwortete Er hat zugegeben, daß er von Herrn Hitler als Minister für Kultur, Presse und Propaganda im Reich und in Preußen in Aussicht genommen ist! Eine beglückende Aus­sicht. Herr Goebbels hat am 19. d. M. die Deutsch- nationalen alsantimonarchisch" angegriffen. Meine Gegenfrage, ob er und die NSDAP, sich, wie ich danach annahm, selber zum monarchischen Gedanken bekennen, hat er in sichtlicher Verlegenheit oer-

Berlin, 21. Okt. (CNB.) Der Deutsche A u sf ch u ß , eine Gemeinschaft deutscher Männer und Frauen ohne parteipolitische Bin­dung, tritt mit einem Ausruf an die Oeffent- lichkeit, in dem es u. a. heißt: Leben und Bestand von Volk und Reich sind in größter Gefahr, lieber 5 Millionen Erwerbsfähiger erheben vergeblich ihren Anspruch auf Arbeit. Dabei wurde einePartei­st e r r s ch a f t aufgerichtet, die keine ver­antwortliche, sondern nur d i e Rücksicht auf unverantwortliche Massen kennt und deshalb wohl den größten Teil der Schuld an der Entwicklung der Dinge trägt. Draußen steht aber noch immer eine Welt von Feinden, die ihre eigenen Interessen unter Ausnutzung der innerdeutschen Zwistigkeiten rücksichtslos gegen uns durchzusetzen vermögen.

In wlcher Zeit höchsten Staatsnotstandes hat Reichspräsident v. Hindenburg schließ­lich eine Regierung berufen, auf eigeneVer- antwortung zu handeln und ohne Rück­sicht auf Parteiwünsche das zu tun, was zur Rettung des Ganzen notwendig ist. Auch wer nicht mit jeder Persönlichkeit und jeder Maß­nahme dieser Regierung übereinstimmt, muß an­erkennen, daß wir mit der Tatsache einer ver- antwortungsbewuhten Regierung auf dem rechten Wege sind. Nur eine Regierung, die sich über das parlamentarische Ge­zänk der Parteien erhebt, kann die Kraft haben, die Schwierigkeiten im Innern und nach außen zu meistern, um erfolgreiche Arbeit zu leisten für Volk, Staat und Wirtschaft. Wir treten daher in diesem Wahlkampf für diejenige Partei ein, welche von den nationalen und nicht- sozialistischen Parteien vielleicht gerade in­folge ihrer oft nicht verstandenen Dnbeirrtheit als einzige noch Bedeutung hat. Cs leitet uns da­bei der Gedanke des deutschnationalen Führers, durch eine De be r w i n d u n g des blo­ßen Partei st andpunktes in einer Aus­weitung seiner Partei zur Bewegung auch denen eine deutschnationale Stimmabgabe zu ermög­lichen, die das Vaterland über die Partei stellen. Wir rufen deshalb obwohl wir selbst fast

neint. Die Widerspräche zwischen Theorie und Praxis in der NSDAP, zeigen sich im völligen Ver­sagen sämtlicher nationalsozialistischer Länderregie­rungen. Ihr Ministerpräsident Röver in Olden­burg ist zur unmöglichen Figur geworden. In Mecklenburg bröckelt die nationalsozialistische Front, in Thüringen wächst das Defizit und das Parteibuch-Beamtentum der Nazi. Der anhat­tische nationalsozialistische Ministerpräsident lehnt die Farben Schwarzweißrot alsFarben der Reak­tion" ab. Daß das nationalsozialistische Gedankengut zu sehr großem Teil auf deutschnationalem Boden ruht, ist eine geschichtlich belegte Tatsache. Mögen die irregeführten Kämpfer einer einst gegen den Klaffenkampf geschaffenen Bewegung den Weg nach Rechts finden, ehe es zu spät lft.

durchweg dieser Partei nicht angehören alle vaterländischen Kreise und besonders alle ent­täuschten und heimatlos gewordenen Wähler und Nichtwähler auf: Wählt am 6. November deutschnational! Der Weg aber, der nach den Wahlen weiterzugehen ist, liegt klar. Das erst begonnene Werk muß in durchgreifenden Maßnahmen ohne Rücksicht auf Personen und Parteien vollendet werden. Das erfordert eine grundsätzliche Neuordnung in Staat und Wirtschaft im völkischen und kulturellen Leben. Deutsche und christliche Gesin­nung, organisch-soziales Denken und Pflege der Familie müssen dabei leiten. Privateigentum, per­sönliche Initiative und Verantwortung, Leistung und gerechte Entlohnung: das sind Grundsätze, von denen eine Neuordnung ausgehen muß. Ein erster Schritt ist getan. Aus diesem Wege wollen wir mit heißem Herzen folgen und alle Kräfte einsetzen. Darum vorwärts und aufwärts.

M it Hindenburg für Volk und R e i ch!"

Der Aufruf trägt u. a. folgende Unterschriften: Monteur Hans Keppler (Nürnberg), Metall­arbeiter Max K r a k o w s k i (Berlin), Dniversi- tätsprofessor Dr. D. Hans Lieh mann (Ber­lin), Geheimrat Dniversitätsprofessor Dr. Franz Leonhard (Marburg a. d. Lahn), Kolonial­staatssekretär a. D. Dr. jur. h. c. v. Lindequist Exz., Generaldirektor Adolf N a u (Berlin), Bank­direktor Freiherr v. Pechmann (München), Generaldirektor Dipl.-Ing. Dr. P i a t s ch e ck (Halle a. d. Saale), Vizeadmiral a. D. v. R e u t e r Exz. (Potsdam), Surft Otto z u Salm- Horstmar (Varlar bei Coesfeld, Westfalen), Dniversitätsprofessor Dr. Franz Schultz (Frank­furt a. M.), Landwirt Schulze-Schenkink (Grothehos bei Riesenbeck, Westfalen), Gutsbesitzer Dr. b. c. A. S ch u ri g (Zeestow bei Wustermark), Dniversitätsprofessor Dr. phil. Eduard ©pran­get (Berlin), Dr.-Ing. F. Springorum (Dortmund), Dr. Albert Bögler (Dortmund), Kaufmann A. Vowinkel (Berlin), Landes­direktor a. D. von Winterfeld-Menkin, Dniversitätsprvsessor Dr. Wundt (Tübingen).

Mi Hindenburg für Do» und Reich."

Ein Wahlaufruf des Oeutschen Ausschusses.

Frankreich

und die Kriegsschuldlüge.

Die radlkalso;«atisttfche ,,'Ji^pnbl que** fordert Ab chaffung des Artikels 231.

Paris, 21. Oft. (TU.) Ein thüringischer Schulerlaß, wonach die Schulkinder den Ar­tikel 231 des Versailler Vertrages Deutschlands Alleinschuld am Weltkriege" aus­wendig lernen müssen, veranlaßt die radikalsozia- listischeR s p u b l i q u e" zu einer sehr bemerkens­werten Stellungnahme. Das Matt schreibt, die Frage der Verantwortung am Welt­kriege sei so heikel, daß man sie ausschließlich der eingehenden Prüfung durch die Histo- riker hätte überlassen müssen. Die Historiker würden nach Beendigung der Prüfung sicherlich fest- gestellt haben, daß es eine unmittelbare und eine mittelbare Verantwortung am Weltkriege gebe. Zu den unmittelbar Schuldigen gehöre besonders Rußland, während unter die zweite Gruppe alleOrganisationen" fie­len, die den Rüstungswettlauf unter­stützt hatten. Wie man darüber auch denken möge, man werde niemals an der Tatsache etwas ändern können, daß Deutschland das Geständnis der Schuld am Weltkrieg aufgezwungen worden sei. Wenn Deutschland frei gewesen wäre, mürbe es niemals Artikel 231 unterzeichnet haben. Derartige Maßnahmen auch auf intellek­tuellem Gebiet seien eine unmittelbare Ver­neinung aller Grundsätze, an denen Fran kreich sonst stets festhalte. Frank­reich habe 1918 wohl das Recht gehabt, Elsaß- Lothringen zurückzufordern, es sei aber nicht b er echtigt gewesen, Deutschland eine Er­klärung zu entreißen, die in diesem Lande mit Recht oder Unrecht als der Wahrheit wi­dersprechend betrachtet werde. Gerade deshalb sei es zu bedauern, daß die thüringischen Schüler bissen Paragraphen ausroenbig lernten, ber sicher­lich den Ruhm Frankreichs nicht vergrößere. Es sei zu hoffen, baß bie beutschen Lehrer recht bald diesem Paragraphen den Absatz anfügen könnten:Frank- reich erkennt an, daß Artikel 231 weder den ge- unben Methoben einer Kritik, noch den franzö-

fischen Ueberlieferungen von Großherzigkeit stand- hält. Es hat die Abschaffung dieses Artikels vorgeschlagen."

DieRepublirue" steht dem Radikalsozialisten D a l a d i e r nahe, der zum demokratischen Flü­gel der radikalsozialistischen Partei gehört. Der französische Ministerpräsident Herriot darf mit den Aeußerungen derRepublique" nicht identifi­ziert werden. So beachtlich auch die Stellung­nahme dieses Blattes zur Kriegsschuldfrage ist, darf man nicht übersehen, dah sie in der fran­zösischen Presse bisher jedenfalls vereinzelt dasteht. Es bleibt nur zu hoffen, dah die ge­sunde Kritik dieser Zeitung in weitesten fran­zösischen Kreisen Wurzel schlägt.

Für. deutsche Aahruligssreiheii.

Ausbau und Förderung der Landwirt- fchaitswif cnfchaft.

Göttingen, 22.Okt. Die Vereinigung der Lehrer der Landwirtschaft an deutschen Hochschulen tritt mit einer Kundgebung für deutsche Nahrungsfreiheit an die Öffentlichkeit. Es heißt darin: Selbstän­dige Ernährung unseres Volkes aus eigenem Grund und Boden, gesichert durch starkes deutsches Bauerntum, ist die Grundlage des Reiches. Nahrungsfreiheit darf nicht Gegenstand, sondern muh Vorausset­zung der deutschen Politik fein. Der wieder er­reichte hohe Stand der deutschen Landwirtschaft gibt die Gewähr, daß unser Volk keiner zweiten Hungerblockade erliegen wird. Die landwirtschaft­liche Erzeugung muh aber erhalten und ge­pflegt werden. Das ist auf die Dauer nur durch eine hochstehende Landwirt­schaftswissenschaft möglich. Im Rahmen der Sparmaßnahmen hat man aber in völlig einseitiger Weise am stärksten die Land­wirts ch a ftswissenschaft getroffen und damit die Axt nicht nur an die Wurzeln der Landwirtschaft, sondern auch an den Bestand des Staates gelegt. Wir warnen vor diesem Weg! Nicht Abbau, sondern zeitgemäher und bevorzugter Ausbau der Landwirt­

schaftswissenschaft ist dringendes Gebot der gefahrvollen Zeit. Auch die ernsteste wirt­schaftliche Lage der Etaatsfinanzen darf nicht, dazu führen, die Quellen zu verschütten, die die Ernährung des deutschen Volkes sicher stellen. Nur schwerste Sorgen um die Auswir­kungen der bisherigen Einschränkungen bestim­men uns zu öffentlicher Stellungnahme, um in letzter Stunde Maßnahmen zu verhüten, deren Folgen für die Erhaltung der deutschen Nah- rungssreiheit verhängnisvoll sein müssen.

Der Ausruf trägt folgende Llnterschriften: Aereboe, Berlin: Berkner, Breslau: Brinkmann, Bonn: Bünger, Kiel: Dix, Kiel: Falke, Leipzig: Frölich, Halle: Gärtner, Jena: Golf, Leipzig: Hansen, Berlin: Henseler, München: Klapp, Jena; Kronacher, Berlin: Lang, Königsberg: Mitscher­lich, Königsberg: Opitz, Berlin: Pfaff, Gie­ßen: Naum, Weihenstephan: Remy, Bonn: Roe­mer, Halle: Rothes, Bonn, Sagawe.Kiel: Schmidt, Göttingen: Seedorf, Göttingen: Sessous,Gie­ße n; Spann, Weihenstephan: Tornau, Götttngen: Wacker, Hohenheim: Wilmanns, Jena: Zade, Leipzig: Zorn, Breslau.

Die Kontmgentsverhandlungen mit Irankreich.

Paris, 21. Okt. (WTB.) Im Verlaufe der deutsch-fran.ös schenKont ngentierungsverhandlun- gen haben bie Vertreter der französischen Re­gierung erklärt, sie könnten sich angesichts der Tat­sache, daß die französische Regierung selbst eine Politik der Einfuhrkontingentierung durchführe, nicht grundsätzlich gegen ein gleiches deut­sches Vorgehen wenden. Sie haben indessen ver­schiedene Einwendungen vorgebracht. An Stelle des deutschen Vorschlages, bei der Berechnung der Kontingente für November und Dezember 1932 die gleichen Monate des Jahres 1931 und bei der Berechnung des Kontingents für das Jahr 1933 die Ziffern des Jahres 1932 zu­grundezulegen, schlagen die französischen Dele­gierten vor, die Durchschnittskontin­gente der Normaljahre 1 9 28, 1 9 2 9 und 1930 zugrundezulegen: dennbe das Jahr 1931 sei jenes, in dem die französische