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22/09/1932 Frühausgabe
 
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Aus der Provinzialhaupistad«.

Gießen, den 22.September 1932.

Mein Freund, der Lumpenhändler.

Alle vierzehn Tage, mit der Pünktlichkeit eines Kalenders, kommt das kleine Männchen mit dem schütteren Bart in meinen j)of und singt seinen Spruch:Einkauf von Lumpen, Papier, Alteisen, Wein- und Bierflaschen ..

Er ist zu Ende. Sein Auge schweift über die Fen­ster des Hofes. Melden sich die Hausbewohner? Nein, niemand erscheint.

Ich kenne ihn nun seit langem. Ich hatte mich an ihn gewöhnt, nach einiger Zeit es war vielleicht auch, daß sein Schicksal mir aus irgendeinem Grunde naheging: soviel aussichtsloser Aufwand, der sich aber nicht entmutigen ließ. Dazu kam auch Neugier ob er jemals in einem anderen Hause Erfolg hat? Eines Tages sprach ick ihn an. Wir kamen in ein großes Gespräch. Er hat mir auch sein Leben er­zählt. Aber das, was er mir da sagte, das darf ich nicht verraten. Nur die Aufschlüsse über den Lumpen, handel, die er mir, um meine Neugier zu befriedigen, gegeben hat:

Es gibt keine Lumpen mehr. In einer Zeit, wo ein nicht unwesentlicher Teil der Menschheit nur noch schlecht gekleidet herumlaufen kann, sind die Lumpen der guten, alten Zeit ausgestorben. Wie ist das möglich? Frßher, als das Lumpenhändlergewerbe in hoher Blüte stand (sagte mein kleiner Mann), ent- schlossen sich die Leute leicht, ein Kleidunasstück, das nicht mehr ganz in Ordnung war, als Lumpen zu behandeln und wegzugeben. Dieses selbe Kleidungs­stück wird heute aufgetragen, es vererbt sich noch tm fadenscheinigen Zustand vom Vater auf den Sohn, und von dort bis ins siebente Glied. Kann man schließlich nicht umhin, es als etwas anderes zu be» zeichnen als ein schnödes Wrack, dann hat es sogar für den Lumpenhändler keinen Wert mehr, denn es zerfällt in Staub, wenn man es nur ein wenig streng ansieht ... Und sogar dann zieht man nock vor, es als Staubtuch ober Oelläppchen im Haushalt zu ver­wenden.

Der kleine Händler hat mir auch über etwas anderes noch die Augen aeöffnet. Früher waren doch ausgesetzte Stiefel, alte Regenschirme, auch Lumpen, die irgendwo in einem verlassenen Winkel auf der Straße herumlagen, keine Seltenheit. Wo sind diese Kleidungstrümmer heute geblieben? KeinKunde" kann sich leisten, sie heute wegzuwerfen. Sie werden weiter und weiter ihre alten Dinge tragen, bis sie von selbst so sehr aus dem Leim geraten, daß man sie nicht mehr wegzuwerfen braucht. Man hat sie ge­tragen^ sieben Jahr, man kann sie tragen nimmer» mehr! h.

Sind Sie schon Abonnent des Stadttheaters.

Aus dem Stadttheaterbureau wird un6 geschrieben:

Für unser Theater, daS für die Provinz Ober» Hessen, für Gießen und fein« Hniberfität eine kul­turelle Notwendigkeit bedeutet, ist eS vornehmste Pflicht jedes Theaterfreundes: unsere Arbeit in der Iuoiläumsspielzeit des 25jährigen Bestehens zu unterstützen.

In der Zeit schwerster politischer und wirt­schaftlicher Krise muh das Theater feine Existeiu- nottvendigkeit erweisen. Das Theater der Stabt Giehen erhebt daher feine Stimme, um seine Freunde aufzurufen, ihm auch im kommenden Winter treu zu bleiben; um darüber hinaus weite Kreise des Publikums, die sich in den letzten Jahren verloren hatten, aufs neue in seinen Interessenkreis zurückzugewinnen. Unser Werben findet ein Chaos politischer und wirtschaftlicher Depression, in dem keiner weih, was der mor­gige Tag bringt; aber jeder sollte wissen, dah das Theater in solchen Tagen labiler Zeiten der lebenswichtigste Kulturfaktor für Land und Bolk ist. Helfen Sie durch Ihr Interesse und Ihren öfteren Besuch den Fortbestand des Siebener Theaters in dem Jahr seines 25. Bestehens sichern. Werben auch Sie unter Ihren Bekann­ten dem Theater neue Abonnenten! Sie bestim­men das Schicksal unserer Bühne entscheidend mit, denn nur unter Teilnahme aller Schichten der Bevölkerung kann das Theater Bestand und künstlerische Entwicklung gewährleisten.

Das Theater gehört, alsDenkmal bürger- lichen Gemeinsinns" aus den Beiträgen (Siebener Bürger aller Stände entstanden, dec Stadt Gie­ßen und damit auch Ihnen. Werden Sie Abon- nent und stärken Sie den Kontakt vom Publikum zur Künstlerschaft. Die Kasse nimmt ab 25. Sep­tember an allen Werktagen in der Zeit von 10 bis 13 Uhr und 16 bis 17 Ufjr Meldungen schrift­lich und mündlich entgegen.

Statistisches aus dem Gießener Dolksbad.

Im Detriebsjahr 1931/32 wurde das städtische Dolksbad von 151 800 Badegästen (gegen 145 342 im Dorjahr) besucht. Die Steigerung der Be­nutzungsziffer des Unternehmens von rund 6500 abgegebenen Bädern ist allein auf den neu ein» geführten obligatorischen 6 d) toi mm- unterricht der Schulen zurückzuführen. Alle andern Bäder, außer im Schwimmbassin, gingen gegenüber dem Dorjahr zurück. _ 3m einzelnen verteilen sich die verabfolgten Bäder wie folgt: Schwimmbäder an Einzelpersonen 48 787 (44 116), Dereinsschwimmbäder 17 011 (18 147), zusammen 65 998 (62 263) Schwimmbäder, Wannenbäder 26 244 (29 985), Brausebäder 22 507 (22 589), Schwitzbäder 1879 (2193), Schulbäder im Schwimm - baifin 35 354, Brausebäder an Schulkinder 1008, Schwimmunterricht wurde im Rechnungsjahr 1931/32 an 103 Personen erteilt, seit dem 1. April d. 3. wurden bisher 68 Schwimmer ausgebildet.

Der Wasserverbrauch im Dolksbad im letzten Rechnungsjahr beträgt 39 579 (44 510) Ku­bikmeter, oder für jedes verabreichte Bad 200 (306) Liter. Der Kohlenverbrauch be­ziffert sich auf 409 (461) Tonnen, von denen 2,65 (3,17) Kilogramm auf das einzelne abgegebene Bad entfallen. Aus diesen Angaben ergibt sich, dah man mit Wasser und Brennstoff im Dolks­bad im letzten 3ahr rationell gewirtschaftet hat.

Das Wasser des Schwimmbassins steht unter Kontrolle des Chemischen Autersuchungsamts der Provinz Oberhessen und hat in chemischer und bakteriologischer Hinsicht niemals Deranlassung zu irgendwelchen Anständen gegeben.

Das finanzielle Ergebnis des Unternehmens war auch im abgelaufenen 3ahre zufrieden­stellend und erbrachte einen Aeberschuh, der Sur Unterhaltung in baulicher Hinsicht und für eventuelle Derbefierungen der Einrichtungen hin­reicht. Das Dolksbad ist kein Zuschußbetrieb für

untere Stadt, sondern deckt seine Anforterungen vollständig selbst durch seine Einnahmen. Auch die Renovierung der Schwimmhalle ist aus frü­heren Rücklagen gedeckt.

Hessischer Sängerbundestag in Bad-Nauheim.

Am 29. und 30. Oktober d. 3. findet in Bad- Rauheim der 9. ordentliche Hessische Sänger­bundestag statt. Für SamStag, 29 Oktober, ist eine Sitzung aller oberhessischen Gau­vorstände einberufen, die unter der Leitung des Provinzialvorsihenden Wendler, Bad- Rauheim. stehen wird. Es schließt sich dann sofort eine Gesamt-Bundesvorstandssitzung des Hessischen Sängerbundes an, in der die ge­samte Tagesordnung des Bundestages durch­gearbeitet wird. Diese Tagesordnung hat inso­fern besondere Bedeutung, weil außer verschiede­nen Wünschen für eine Satzungsänderung u. a. die Wahl eines neuen Bundcschor- meisters zur Beratung steht. Für diesen Posten ist ein bedeutender oberhessischer Musik- Fachmann und Chorleiter vorgeschlagen worden. Zu Ehren des Gesamt-DundeSvorstandes und der bereits anwesenden Sängervertreter veranstaltet derGau Taunus" am Abend des Samstag im Kurhaus einen Degrühungsabend, dessen Aus­gestaltung dem örtlichen Bundesverein, der Bad» Rauheimer Liedertafel, übertragen wurde. Der eigentliche Bundestag, zu dem die Dertreter von annähernd 800 dem Hessischen Sängerbund angeschlosse­nen Gesangvereinen, gemischten Chören usw. erwartet werden, beginnt am Sonntag, 30. Oktobers vormittags, im großen Bühnensaal des Staatlichen Kurhauses und wird durch einen Massenchor von etwa 400 Sängern des neuen TauesTaunus" (Sitz Friedberg) unter Leitung von Gauchormeister Hermann H a n st e i n, Fried­berg, eröffnet. Die Konzertproben sind schon weit vorgeschritten, so daß mit einem bedeutungs­vollen Derlauf zu rechnen ist.

Daten für Donncrstan, 22. September.

1792: der französische Nationalkonoent proklamiert die Republik; 1862: Aufhebung der Sklaverei in Amerika durch Abraham Lincoln.

Taten für Freika , 23 September.

1783: der Maler Peter von (Kornelius in Düssel­dorf geboren; 1791: Theodor Körner in Dresden geboren; 1885: der Maler Karl Spitzweg in München gestorben.

Ministerium und Hindenburg- Spende. Der Hessische Minister für Kultus und Dildungswesen hat an sämtliche unterstellte Behörden ein Rundschreiben gerichtet, in dem xur Unterstützung der Hindenburgs pende auf ge­fordert wird. 3n diesem Rundschreiben heißt es: Anläßlich des demnächstigen 85. Geburtstages deS Herrn Reichspräsidenten gibt die Hindenburg- spende mit Unterstützung des Bureaus des Herrn Reichspräsidenten bei der Derlagsanstalt Otto Stollberg in Berlin ein Buch heraus überPaul von Hindenburg als Mensch, Staatsmann und Feldherr". Die Derlagsanstalt Otto Stollberg in Berlin hat Genehmigung erhalten, den ein­zelnen hessischen Behörden Bestell-Listen auf die­ses Buch unmitteloar zuzuleiten. 3m Hinblick auf den Zweck und die Bedeutung dieses Buches empfehle ich dessen Anschaffung.

** Ehrung oerbienter Feuerwehr­leute. Dieser Tage wurde den Kameraden Anton Lehr und Karl Schön für 40jährige aktive Dienst­zeit sowie dem Kameraden Ludwig R o f e n b a u m für 25jährige aktive Dienstzeit bei der Freiwilligen Gailschen Feuerwehr das Ehrenzeichen der hessischen Regierung sowie die entsprechende Ehrenurkunde des hessischen Innenministers durch Herrn Branddirektor Braubach verliehen. Herr Direktor Braubach brachte den Jubilaren auch die Anerkennung der Stadtverwaltung zum Ausdruck.

* Astrologischer (Beitrag. Gestern abend hielt der in Gießen nicht unbekannte Astrologe E. Hammer im Caf6 Leib einen Experimental-Lichtbildervortraa über Astrologie. Der Redner ging zunächst kurz auf die Ge­schichte der Astrologie ein und erläuterte sodann die Systematik dieses Wissenszweiges. 3n weite­ren Ausführungen sprach er dann von den ver­schiedenen bestimmt umriffenen Einflüssen, die von den einzelnen Planeten unseres Sonnen­systems, insbesondere von der Sonne selbst, aus­gehen und je nach ihrer Konstellation zum Zeit­punkt der Geburt eines Menschen dessen Wesen bestimmen. 3m weiteren Verlauf des Abends beschäftigte er sich an Hand von Geburtsdaten der anwesenden Zuhörer mit vergangenen Er­eignissen im Leben der Betreffenden und gab auch mehr oder weniger genau umriffene Vor­hersagen für deren zukünftige Gestaltung in den nächsten Jahren. Zum Schluß zeigte der Redner noch im Lichtbild verschiedene Horoskope be­rühmter Männer der Vergangenheit und der Gegenwart und kennzeichnete die ihnen vorge­zeichnete Erfolgs-Laufbahn aus den Stern- lonftellationen heraus. Mit einigen Vorhersagen über die Gestaltung der innen- und außen­politischen Zukunft unseres Volkes fand der Vor­trag fc nen Abschluß.

'W o ist der Mann, der das GlaS Wasserbekommt?" Aus unserem Oberhessen wird denReichsverkehrsblättern" folgende nette Geschichte erzählt, die wie die Reichsbahn bestätigt sich tatsächlich so zugetragen hat. Fährt da an einem der letzten heißen Tage ein Mann von Alsfeld nach Gießen. Als er seinen Durst unterwegs nicht mehr bezähmen kann, ver­sucht er auf der Station Mücke vergeblich Trink- wasser zu bekommen. Der Reichsbahnbedienstete wird auf den Mann aufmerksam, der infolge des kurzen Zugaufenthalts nicht mehr zum er­frischenden Trunk kommt. Er meldet es dem Vorsteher, der dem Schmachtenden im abfahrenden Zug noch zuruft:3n Grünberg bekommen Sie ein Glas Wasser", und wirklich steht bei der Einfahrt des Zuges auf dem Bahnhof Grünberg ein Eisenbahner, der mit den WortenWo ist der Mann, der das Glas Wasser bekommt?" dem über solche Pünktlichkeit und noch viel mehr über diese Höflichkeit erstaunten Fahrgast daS kühle Raß kredenzt.

* Hunde-Sportvorfuhrungen tn Großen-Buseck. Am kommenden Sonntag, 25 September findet in Großen-Buseck ein Sport- metttampf der'Interessengemeinschaft der Schutz- und Volixeibundevereine von Giehen, Großen-Buseck und Wieseck statt. Um 9 Uhr wird mit der Such- und Spurarbeit begonnen, der Nachmittag wird mit Ge­

horsams- und Gewandheitsübungen sowie mit den Vorführungen in der Mannarbeit ausgefüllt fein.

Wechsel im ReichsbahndirektionS' Präsidium Mainz.

WSR. Mainz, 21. Sept- Der bisherige Prä­sident der Reichsbahndirektion Mainz. Lochte, ist als Rachfolger des Reichsbahndircktions- Präsidenten Schneider zur Reichsbahndirektion Altona verseht worden. Direktionspräsident Schneider hat die Altersgrenze erreicht. Die Reichsbahndirektion Mainz wird vorläufig von dem bärtigen Vizepräsidenten geleitet.

Oer Fremdenverkehr im Lahngebiei.

WSR. Limburg, 20. Sept. Rach den vor­läufigen Feststellungen des DerkehrSverbandeS für die Lahn ist der Fremdenverkehr im Lahngebiet auch in diesem 3ahr recht aut ge­wesen. Die Frequenz deS Vorjahres ist an vie­len, besonders kleineren Plätzen, noch über­schritten worden. Weiter entwickelt hat sich auch der Passantenverkehr unter Benutzung des Vrohkraftwagens. Allgemein ist auch im Lahn- gebic-t die Verschiebung nach der billigeren Er- holungsmöglichkit festzustellen.

Kunst unv Wissenschaft.

VIII. deutscher Physiker- und Mathematiker-Tag in Dad-Nauheim.

Im Kerckhoff-Institut in B a d - N a u h e i m be­gann der achte deutsche Physiker- und Mathematiker-Tag, an dem sich die Deut» sche Physikalische Gesellschaft, die Deutsche Gesell­schaft für technische Physik, die Deutsche Mathema­tiker-Vereinigung und die Heinrich-Hertz-Gesellschaft zur Förderung des Funkwesens, beteiligten. Etwa 500 Teilnehmer aus dem In- und Auslande sind zu dem großen wissenschaftlichen Kongreß erschienen, darunter auch Geheimrat Planck, einer der be­

deutendsten zur Zeit lebenden Physiker und Be­gründer der modernen Physik, der bekannte Rela» ttoitätsforschcr und Vorsitzender der deutschen Mathe» maliker-Dereinigung, Professor Weil, sowie der Nobelpreisträger Professor Jan F r a n ck - Göttin» gen. der Vorsitzende der Deutschen Physikalischen Gesellschaft, Professor von Laue- Berlin eröffnete die Tagung und wies auf die wissensck-aftlichen Fort­schritte des letzten Jahres auf dem Gebiet der Tech­nik und Physik hin, die in erfreulichem Gegensatz zu den schweren Noten der Gegenwart stehen. Er dankte den Reichs- und Landesbehörden sowie der Notgcmeinschaft Deutscher Wissenschaft für ihre For» derung der wissenschaftlichen 'Arbeit durch Stipen­dien und Unterstützung der deutschen wissenschaft­lichen Institute. Die Grüße der hessischen «taats» rcgicrung überbrachte Staatspräsident Dr. Ade­lung, der vor allem den engen Zusammenhang zwischen Wissenschaft und Technik betonte, der durch die gemeinsame Veranstaltung von Physikern und Matyematikern besonders glücklich zum Ausdruck komme. Nach weiteren Begrüßungsansvrachen hielt der Direktor des Kerckhosf-Instituts, Professor Dr. Groedel einen Vortrag über die Aufgaben und Forschungsergebnisse des Kerckhoff-Instituls in Be­ziehung zur Physik. Hieraus begannen die Dorträg» zu dem ersten Hauptthema der Tagung:Der Magnetismus".

Neuerscheinungen im Propyläen-Verlag.

Der Propyläen-Verlag, Berlin SW 68, gibt sein Herbstprogramm bekannt. Es enthält unter anderem die folgenden wichtigen Neuerscheinungen: Pro» pyläen-WeltgefchichteBand4.Das Zeit» alter der Gotik und Renaissance". Propyläen- Kun st geschichte:Die Kunst der Naturvölker" von E. v. Sydorn, neue, völlig umgestaltete und er«, weiterte Auflage. Geschichte des Abend­landes im Hochmittelalter von Karl H a m p e. Lion Feuchtwanger:Der jüdische Krieg". Roman. Volksausgabe für 2,85 RM.r Adrienne Thomas:Die Katrin wird Soldat".

Verantwortlich für Lokales, Provinz, Sport und Wirtschaft i. D.: H. L. Neune r.

W undLek" imianbeber Skipetaren.

Vom großen Währungs-Durcheinander in Albanien.

Von Hanü Tröbst.

(Rachdruck, auch mit Quellenangabe, verbotenI)

Rap" und .Lek", diese beiden rätselhaften Wesen sind nichts weiter als Abkürzungen für Rap oleon" undA Lek sander", und bilden die Grundlagen der albanischen Wäh­rung, die nach so originellen Grundsätzen aufge­baut ist, daß jeder Münzensammler, der sich zu Originalpreisen" und darunter die Gold- und Silbermünzen des letzten Jahrhunderts zusam­mentragen will, gut daran tut, sich der kleinen Mühe einer Albanienreise zu unterziehen, And zwar rechtzeitig, ehe es zu spät ist.

Denn der Albaner ist, genau wie der Beduine, ein besonders mißtrauischer und daher geiziger Zeitgenosse und hat aus diesem Grunde im Lause der Jahrhunderte grundsätzlich nur Gold- und Silbermünzen in Zahlung genommen, weil er auch dem schönsten und künstlerisch einwandfreiesten Papiergeld ein unü der windliches Miß trauen entgegenbrachte. Das Gold hat er damals, als es ihm noch besser ging, in Kisten und Kasten für Kind und Kindeskind ge­sammelt, das Silber als Scheidemünze von Hand zu Hand wandern lassen. Jetzt aber, wo auch in Albanien die Fleischpreise anziehen, kommen all­mählich die goldenen Füchse wieder zum Vorschein und kosten ganz gleich, wer darauf abgebildet ist Stück für Stück 20 Goldfrank, das heißt 1 6 reichsdeutsche Papiermark (die man auch diegoldene" nennt). Für diesen Betrag kann man sich also in Albanien auch heute noch eine Rapoleon-Sammlung anlegen, die jedem staat­lichen Münzkabinett zur Zierde gereichen würde. So zeigte mir kürzlich in Tirana ein sonst nicht übermäßig mit Glucksgütern gesegneter Zeit­genosse eineKollekfion" von 24 verschiedenen goldenenRap s", die alle den Kopf Rapoleons I. trugen. Goldstücke, die dieser Glückliche so peu ä peu aus dem Verkehr gezogen hatte. Hn6 zwar alle zum Renuwert von 16 Mark das Stück, obwohl sie den großen Korsen als Konsul und Kaiser in den verschiedensten technischen Ausfüh­rungen, sogar auf französischen Kolonialmünzen darstellten. Merkwürdigerweise fehlten darunter auch Stücke nicht, die ihn auf der einen Seite als Empereur bezeichneten, auf der anderen aber als Herkunftsland dieRepublique Fran^aise an­gaben. All diese Goldfüchse weiß der Himmel, wie hoch ihr Sammelwert ist! tummeln sich heute noch genau so munter wie anno dazumal im Lande der Skipetaren herum, mit der einzi­gen Einschränkung allerdings, daß sie ... im­mer weniger werden. Aber daran sind nicht die Albaner, sondern die Fremden schuld. Als mir zum Beispiel in der PafisserieBenito Musso­lini", wo man die schönen Kuchen ißt, der al­banische Zuckerbäcker einen grünlich schimmernden Schein wechselte, und mir außer dreiRap s" des Dritten mit und ohne Lorbeerkranz auch ein goldenes 20-Francs-Stück mit dem Kopfe Louis Philipps aus dem Jahre 1847 klirrend auf die Platte warf auf die Marmorplatte selbstver­ständlich, da habe ich mich natürlich schwer ge­hütet, den dicken Louis wieder unter das Volk zu bringen, obwohl er ja bekanntlich den Ehren­beinamenBürgerkönig" führte.

And wie es den goldenen Rapoleoniden, so ist es in Albanien auch den übrigen silbernen ge­krönten Häuptern derlateinischen Münzunion" gegangen; die Zeit, die Kriege, und die Revo­lution haben dieOriginale" mit den Kopien zu­sammen aus Europa fort gefegt... nur im Lande der Skipetaren sind sie weiterhin in allen Hän­den, als sei seit 1914 nichts von Belang ge­schehen. Rur eins hat die Rachkriegs^eit scho­nungslos enthüllt: den inneren Wert dieser ru­mänischen, serbischen, montenegrinischen, bulgari­schen, italienischen, französischen, belgischen, grie­chischen. österreichischen und ungarischen Silber- Lei - Dinar - Lewa - Lire - Franken - Drachmen- Äronenl Bisher hatte ich immer geglaubt, dah SilberSilber" sei und dah ein nie erschüt­terter Schweizer Silberfranken immer noch den gleichen Wert wie vor dem Kriege, nämlich rund 80 Reichspfennige, hätte. Denn wenn Gold und Silber aus den uralten Formen schmilzt, waS hat dann noch Wert und Bestand auf der Welt?

Weit gefehlt! Als ich neulich in Tirana zum Wechsler ging, versuchte ich dort, meine künst­lerisch einwandfreie deutsche Papiermark an den Mann zu bringen. Da ich nicht kleinlich sein

wollte, verlangte ich gleich 100 Silberfranken weil diese das normale Kleingeld bilden; das war eine runde Rechnung uno der Scherz würde vielleicht 80 Mk. na, der Wechsler wollte auch leben sagen wir 82 Mk. kosten. Ali, der wür­dige Greis, rechnete emsig und lange und ver­langte von mir 33 Papiermark, die sich diegol­dene" nennt. Angenehm enttäuscht machte ich den Saraf" auf seinen augenscheinlichen 3rrtum auf­merksam. ... nichts zu machen! Es stimmte! And schon reichte mir der würdige Alte, ganz wie im orientalischen Märchen, zwei schwere gewichtige Rollen und kassierte dafür 33 papiemc Mark ein. Ra schön", dachte ich.der alte Sünder muß es ja wissen", denn so lange die Welt steht, hat sich noch nie ein Wechsler zu seinem Rachteil ver­rechnet ... Beschwingten Schrittes eilte ich in die nächste Kneipe. Wo soll man in Tirana sonst hingehen... und erbrach die Röllchen. Klirrend und klingend welch' Ohren- und Augen­schmaus! purzelten 1 00 f ilberne Franken heraus. Was für herrliche Sachen! ' Eine Für­stengalerie, gegen die die Siegesallee eine Ama- teurfammlung ist! Zunächst einmal die Jahres­zahlen: Sie umfaßten den Zeitraum von 1860 bis 1904, afio eine Aera, in der der BegriffEr­sah" sicher noch nicht bekannt gewesen ist. 23 von diesen 100 echten, alten Silberstücken waren ver­schieden : der alte gute Kaiser Franz gleich in neun Aufmachungen, mit und ohne Vollbart er hat ja lange gelebt dazu eine Iubiläumstrone mit ungarischem und deutschem Text. Von Rumänien war König Carol 1. ver­treten, von Serbien die Könige Milan, Peter und irgendein Karaghorghe- oder anderer Abreno- vitsch. Ferner Rikita von Montenegro. Alexan­der und Georg von Griechenland, Ferdinand von Bulgarien, die säendeEgahte mit der Jako­binermütze, daS Schweizerkreuz, auchOnkel Cleopold" von Belgien fehlte nicht, desgleichen Humbert, Victor Emanuel und sei mir ge­grüßt du Freund aus besseren Tagen! eine eins ame Reichsmark aus dem Jahre 1903!

All diese Münzen waren echte Vorkriegsware, deren innerer Wert jedoch leider Gottes ein äußerst inflatorischer ist. And das ist das Merk­würdige! Früher konnte man für eine silberne Reichsmark sich doch mindestens um irgendein naheliegendes Beispiel zu wählen zehn Zei­tungen erstehen; in Albanien muß man für daS ?,leiche Vergnügen ebenfalls einen silbernen Frau­en oder wie man sie kurzweg nennt eine Coruna" (eine Krone) erlegen und erhält dafür nur eine Zeitung. Danach war also die ganze famoselateinische Münzkonvention" nichts an­deres, als ein aufgelegter Schwindel! 33 Pfennige war das Stück wert und 80 muhte man dafür zahlen! And wenn ich mir jetzt dazu meine rotzig-rot angelaufene Silbermark von heute so betrachte, dann kann ich den Verdacht nicht los­werden. als habe sie noch weniger Silber im Leibe als diemonarchistischen", die man ab­geschafft hat.

Warum eigentlich?

Aber damit ist das WähruugSdurchein- anderin Albanien noch nicht zu Ende. Daß der amerikanische Dollar die Stunde regiert, ver­steht sich von selbst. Fester Preis ist 13,5 Silber­kronen, ju diesem Sah nimmt ihn jeder Stiefel­putzer, jeder des Lesens und Schreibens un­kundige Dauer anstandslos in Zahlung und gibt richtig darauf heraus. Mehr als das: der Dollar wird sogar bevorzugt, er ist das einzige Papier, dem der Albaner nicht ablehnend gegenübersteht. Denn Amerika istAmerika" und ist größer und greifbarer als derLek", der sagenhafte A lek sauber" der Große, auf den jeder Albaner, der nur etwas auf sich hält, seinen Stammbaum in direktor Linie zurückführt. Diesen Lek" haben die 3taliener eingeführt, und diese Münzen aus echtem Blech mit dem wunderschönen Kopf des großen Königs sind tarifmäßig eine halbe Silberkrone wert. Das glaubt natürlich kein Mensch, aber Italien hat's so befohlen. Es importiert Blech und führt Gold und Silber aus. Infolgedessen, vor die AlternativePa­pierdollar" oderBlechlek" gestellt, greift der Arnaut zum ersteren, denn dem Lek bringt er nur sehr, sehr gemischte Gefühle ent­gegen.