Nr. 225 Zweites Blatt
Siehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen, Donnerstag, 22. September 1952
Qverhene».
Gemeinderai in (Srünberg.
4- Grünberg. 21. Sept. Unter „Mitteilungen" gftb der Bürgermeister bekannt, bah ein in der Stadt verbreitetes Gerücht über ein lang- jähriges Gemeinderatsmitglied durch die Feststellung der Bürgermeisterei und die zu Protokoll gegebene Erklärung eines Bürgers jeder tat- sächlichen Unterlage entbehre. Bach einer weiteren Mitteilung ist die Klage eines Arbeiters gegen die Stadt wegen Zahlung des Tariflohnes bei Ausführung von Rotstandsarbeiten vom Arbeitsgericht abaewiesen worden. Die im Boranschlag vorgesehene Einnahme an Bürgersteuer von etwa 14 000 Mark wird durch die letzte Notverordnung vom 4. September mit ihren Er- mästigungen dieser Steuer der Stadt einen A u s - fall von 8000 Mark bringen.
Der Gemeinderat genehmigte dann den Wirt- chaftsplan für den Stadtwald 193 3. Vorgesehen ist ein Hiebsah von 3200 Festmeter: die Einnahmen sind mit 33 407,50 Mark und die Ausgaben mit 22 368 Mark veranschlagt, so daß ein Reinertrag von etwa 22 000 Mark verbleiben würde. Die Festsetzung der Strasten- und Baufluchtlinie in der Dismarckstraste an der Hösenkränke wird nach längerer Aussprache in der vom Hochbauamt und der Provinzialdirek- tüm angeregten Weise mit 8 gegen 6 Stimmen beschlossen. Die Gemeinderat erklärte sich damit einverstanden, dast die Bedürftigkeitsprüfung für die Gewährung der allgemeinen Erwerbslosen- und Krisenunterstützung zukünftig durch die Bür- genneisterei erfolgen soll, anstatt, wie seither, durch die Wohlfahrtskommission. Ein Gesuch einer Anzahl Minderbemittelter umSchaffungvon Kleinwohnungen, die dieselben sich selbst erstellen wollen, wozu sie von der Stadt die kostenlose Hergabe von Hok und Steinen verlangen, gab Anlast zu einer längeren Aussprache, wobei allseits der Mangel an derartigen Wohnungen anerkannt und betont wird, dast hier Abhilfe geschaffen werden müsse. Zu einem De- schlust kam es nicht, die Angelegenheit soll aber weiter verfolgt werden. Für eine Anzahl Wohl- fahrtserwerbslose, die im benachbarten Göbelnrod bei Rotstandsarbeiten beschäftigt sind, will die Stadt auf Ersuchen der dortigen Bürgermeisterei einen Teil der Versicherungsbeiträge leisten. — Der Gemeinderat erllärte sich bereit, die vom Kreisschulamt beabsichtigte Schulkinderspeisung im Winter 1932/33 durchzuführen und die auf die Gemeinde fallenden hälftigen Kosten zu übernehmen.
Friedberger Herbstmarkt
WSR Friedberg, 20. Sept. Mit Unterstützung der Stadtverwaltung, des Derkehrsvcr- eins sowie der kaufmännischen und gewerblichen Organisationen erfährt der diesjährige Herbstmarkt vom 22. bis 27. Oktober eine besondere Ausgestaltung. 3m Rahmen einer Gewerbe- schau. die Zeugnis ablegen soll von der Leistungsfähigkeit des einheimischen Handwerks, findet auf Anregung der Land- wte cha t (ammer eine.,D eutsche Woche" ftatt, die im besonderen bei den Hausfrauen für den Kaus deutscher Waren wirbt. Damit verbunden ist die Ausstellung landwirtschaftlicher Erzeugnisse. Aus dem Programm seien weiter noch hervorgehoben der große Pferdemarkt, ein Pferderennen der ländlichen Reitervereine und das Markteröffnungsspiel. Mit Hilfe von Sonntagskarten, die bei der Reichsbahn für die Dauer des Marktes beantragt wurden, hofft man auch von auswärts eine größere Besucherzahl nach Friedberg zu bekommen.
9er Reichspräsident bei den Herdstmanövern.
General von Hamm er st ein, der Chef der Heeresleitung, erklärt dem Reichspräsidenten, der den Manövern beiwohnt, die Gefechtslage. — Neben dem Reichspräsidenten Oberst v. Hindenburg.
Frankfurt a. Ö. O., 21. Sept. (WTB.) Der Herr Reichspräsident begab sich heute vormittag von Fürstenberg, wo er die Rächt in seinem Salonwagen verbracht hatte, im Auto in das Manövergelände bei F r a n k f u r t a. d. O. - Müllrose, um den älebergang von Teilen der I. und II. Kavalleriedivifion über den Oderstrom zu besichtigen. Dann besuchte er die motorisierten Aufklärungstruppen der Roten Partei bei dem Brückenkopf Müllrose. Auf dem zwischen Müllrose und Frankfurt gelegenen Gefechtsfelde wohnte
er Kämpfen zwischen der Aufklärungsabteilung 2 der IV. Kavalleriebrigade und dem Infanterie-Regiment 9 bei. Der Herr Reichspräsident begab sich dann nach Reuhardenberg, wo er als Gast des GrafenHardenbergdieRächt verbringt. Der Herr Reichspräsident wird auch dem Abschluß des Manövers am Donnerstag noch beiwohnen und gegen Mittag an der Schlustbesprechung im Schützenhause zu Frankfurt a d. O teilnehmen
Das Jiiööoer Schwimmbad im Bau.
♦ Ridda, 21. Sept. Heute wurde mit den Arbeiten zur Herstellung eines Schwimmbades auf der Gänsweide b e - gönnen. Die Ausführung derselben haben die beiden hiesigen Bauunternehmer, Hermann Drott und Adolf L u p p, übernommen. Die Leitung der Arbeiten ist dem Architekten Großmann und dem Ingenieur F u h r i g aus Gießen übertragen worden. Die Kosten sind zu 16000 Mark veranschlagt. Unter dieser Summe ist aber der Wert von 600 Tonnen Dasallsplitt, den Steinbruchsbesiher Rictel in Ober-Widdersheim in hochherziger Weise kostenlos liefern will, nicht enthalten. Weiter wird noch eine Ersparnis von etwa 3000 Mk. ermöglicht, die der hessische Staat als Zuschuß leistet, weil ein großer Teil der Arbeiten im . Freiwilligen Arbeitsdienst ausgeführt wird. Die abgesteckte Anlage zeigt bedeutende Ausmaße. Das Bassin für Schwimmer erhält 20 Meter Breite bei 50 Meter Länge, das für Richtschwimmer wird ebenfalls 20 Meter breit und 15 Meter lang, und das Planschbecken für Kinder wird 20 Meter lang und 5 Meter
breit. Das Wasser liefert der Hohensteiner Bach, wozu noch bei der Höchsttiefe der Wassermenge des Schwimmbassins von 3.30 Meter durch die mit Löchern durchsetzten Betonböden der Wasserbehälter das Grundwosser treten soll. Ferner sind ein Platz für Sonnenbäder und ein Spielplatz, 50 Cinzelkabinen, ein Raum für die Ausgabe von Eintrittskarten und Badewäsche, Toiletten und ein Erfrischungsraum geplant, so daß die ganze Anlage eine Gesamtfläche von 1 2 000 Quadratmeter erfordert, die durch zweckmäßige Einfriedigung und gärtnerische Ausschmückung zur Verschönerung der Gänsweide, die unserer Stadt nicht nur Markt- und Festplatz, sondern auch Sportplatz für zwei Fußballspiel» vereine, sowie für den Reiter- und Turnverein mit der schönen Turnhalle bietet, wesentlich beitragen wird. Einen solchen idealen Sport- und Festplah unmittelbar an der Stadt hat Wohl kaum eine andere Stadt in unserer Heimatprovinz auszuweisen
Lanvkrers Dietzen
! Aus dem südlichen Kreise Gießen, 20. Sept. Die Ernte der Spätkartoffeln hat nun auf der ganzen Linie eingesetzt. Trotz der
Regenfälle der letzten Wochen sieht man fast überall die neueren Auswersmaschinen auf den Aeckern. vereinzelt wird noch ausgepflügt. Der Karst ist ganz m den Hintergrund getreten. In der Hauptsache wird immer noch als beste Speisekartoffel die Sorte ..Industrie" angepflanzt und geerntet. Daneben freilich sind „Crdgold" und ..Ackersegen" starke Konkurrenten. Aber die Sorte „Industrie" hat sich, da immer wieder neues Saatgut eingeführt wird, am besten gehalten und gibt im allgemeinen die reichsten Erträge, auch in diesem Jahre. Rur die trockenen Aecker zeigen nicht das Ergebnis wie sonst. 2n der Ebene und in schweren Lehmböden sind auch zur Zeit noch die Sträucher der Kartoffeln vollständig grün. Man wird hier mit dem Ausmachen noch einige Zeit warten müssen. Die Preise für Speise- kartoffeln haben sich noch nicht gefestigt. Im allgemeinen kann man sagen, daß ein Zentner etwa 2 Ml. kostet.
• Mainzlar, 22. Sept. Die Arbeiten am hiesigen Sportplatz (durch den Freiwilligen Arbeitsdienst geleistet) sind beendet. Der schön gelegene Sportplatz konnte am Sonntag seiner Bestimmung übergeben werden. Aus diesem Anlaß hielt der Turnverein Mainzlar fein diesjähriges Abturnen dort ob.
k. Hungen . 19. Sept. Rachdem man schon seit Jahren eine Fischreiherfamilie an den drei Teichen beobachten konnte, hat sich neuerdings eine weitere Familie an den Gewässern der jetzt still- liegenden Grube Abendstern niedergelassen. — Die in diesen Tagen adgehaltene Gemeinde- ob st Versteigerung brachte nur einen geringen finanziellen Ertrag. — In der Reihe der voll dem Hessischen Heimatwerk veranstalte- ten Vorträge spricht am Freitag Studienassessor Trapp (Gießen) über die „Leistung des deutschen Volkes im Ostraum".
a Quedborn, 20.Sept. 21m Sonntag fand das hiesige Kirchweihfest statt. Leider kam es dabei zu einer schweren Schlägerei, die bis in die Morgenstunden dauerte. Ein Anhänger einer politischen Organisation hielt die Gelegenheit für günstig, seine Anschauungen darzulegen. Elle Einsprüche dagegen halfen nichts. Schließlich kam es zu Tätlichkeiten, in deren Verlauf der Agitator eine Mistgabel ergriff, die Anwesenden bedrohte, bis er schließlich unter Mitnahme seiner Waffe nach Ettingshausen, seiner Heimat, abzog.
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r Bingenheim, 19. Sept. Hier und in der Umgegend ist die Kartoffelernte in vollem Gong. Rachdem die Frühkartoffeln bereits cin- geholt sind, werden jetzt auch die späteren Sorten geerntet. Die Arbeit wurde seither vom Wetter begünstigt. Der Ertrag ist zufriedenstellend. Leider sind die Preise mit 1.50 bis 1.60 Mk. recht niedrig.
△ Blofeld, 19. Sept. Bei der gestrigen Wahl eines Bürgermeisters wurde der Landwirt Hugo Schäfer gewählt.
ttreis Friedberg.
WSR. Friedberg, 20. Sept. Die Angebote für die Regulierungsarbeiten an der Wetter bei Rockenberg wiesen enorme Unterschiede auf. Während die amtliche Schätzung für die Arbeit rund 26 000 Mark beträgt, beläuft sich das Höchstgebot auf 36 000 Mark, dos niedrigste gibt sich bereits mit 11000 Mark zufrieden.
WSR. Friedberg, 20. Sept. Unter starker Beteiligung fand hier im Hotel Trapp die diesjährige Hauptversammlung des Bundes der Esperantosreunde statt. Die Tagung wurde von dem Vorsitzenden des Südwestdeutschen Verbandes der Esperantofreunde Schoenrich (Wiesbaden) eröffnet. Für die hiesige Stadtverwaltung richtete Beigeordneter Dr. Leuchtgens Worte des Willkommens an die Tagungsteilnehmer. Rach
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Roman von Hertha Fricke
Urheberrechtsschutz: Verlag Oskar Meister, Werdau 28 Fortsetzung Nachdruck verboten
20.
Es waren schon zwei Wochen vergangen. Dr. Andresen war mit Kapital und Arbeitskraft bei Professor Martini! eingetreten, und beide Teile waren sehr zufrieden damit. Täglich in den Abendstunden berieten sie über die Erfolge oder Richterfolge bei ihren Patienten. Es war geteilte Arbeit und gemeinsames Schaffen, schwer, mühselig und doch befriedigend bei so manchem schönen Fortschritt, manchem neuen Weg und mancher Heilung.
..Darf ich über Frau Westermann berichten? sagte Andresen an jedem Abend. Der Fall be- idjäftigte ihn so sehr, weil er fast der gleiche war, wie bei Eva-Marie. Die junge Frau hatte eine Pension in einem Kurort wirtschaftlich geleitet, und es waren Unregelmäßigkeiten vorgekommen, die ihr peinlich waren und die nicht aufgeklart wurden. Die Besitzerin hatte sie dann verdächtigt, und obwohl ihr nichts nachgewiesen werden konnte, hatte sich diese Frau Westermann den Verdacht so zu Herzen genommen, daß _ eine Schwermut über sie gekommen war, die sie täglich trüber und elender machte. Die Angehörigen hatten sie zu Dr. Martinik gebracht, um einen Selbstmord zu verhüten.
Andresen gab sich unsäglich viel Mühe mit ihr, ohne C'.lolg. Da hatte der Chefarzt es mit Hypnose versucht, ihr gesagt, daß sie wieder fröhlich sein könne, es sei alles in Ordnung, und der Verdacht wäre auf eine untergeordnete Person gefallen. Dies wurde einige Zeit fortgesetzt, jede Woche mindestens einmal, und der Erfolg war ganz außerordentlich.
„Die Dame ist nicht geisteskrank', tagte Professor Martinik, „und ich bin durchaus der Meinung, daß wir bei einer wirklichen Geisteskrankheit ziemlich machtlos sind. Wenn eine Störung durch Zufall oder Veränderung der feinsten Ma- terie eintritt, heilt es ohne unsere Weisheit oder gar nicht. Der Arzt, der nicht in tiefer Bewunderung und der Erkenntnis seiner Ohnmacht vor dieser wunderbarsten Maschinerie, dem Werkzeuge des Geistes steht, ist ein arroganter Esel. Außerdem können wir dem Menschen nicht m den Kopf sehen, ehe es zu spät für ihn ist! - Untere Frau Westermann aber, mit dem empfindlichen Ehrgefühl, das aus ihrem traurigen, kleinen @5fUt spricht, ist das typische Bild seelischer ^Überarbeitung! Cs kann uns wohl ohne weiteres klar sein, lieber Kollege Andresen, daß
man denselben Gedanken mit derselben Hirnpartie denkt. So kommt es, daß Kummer und Sorgen den Menschen kaputt machen. Was ist denn ein Kummer, eine Sorge Es ist ein ununterbrochen wiederholter Gedanke. Er wiederholt sich so oft, daß für anderes kaum mehr Raum und Zeit ist, und so überreizt er die betreffende Gehirnpartie. Ein passender Vergleich ist die heiß» gelaufene Maschine. Gelingt es uns nun, diese Gedanken zu unterbinden, das Denken des seelisch lieberarbeiteten auf andere Dinge zu lenken, so erholt sich die Gehirnpartie, die überreizt war, weil sie Ruhe bekommt, bann ist der Kranke gerettet. Darum tut eine Reise unter Umständen gut. eine Veränderung der Umwelt' Alles was wir .Ablenken' nennen."
Dr. Andresen spann Den Gedanken weiter, wandte dies Wissen aus seine Eva-Marie an und auf ihr Leid. Wie gut, daß man sie fort- nehmen konnte. 3m Untersuchungsgefängnis, in dieser schrecklichen Stille, die durch nichts unterbrochen wurde, als durch die Termine und Verhöre, die alles von neuem aufwühlten, konnten freundlichere Gedanken ja niemals Platz greifen. Dort wäre sie unweigerlich zugrunde gegangen. Der Mangel an Rahrung und ruhigem Schlaf hatten ihre Körperkräfte leider schon so stark heruntergebracht, daß er in ernstester Besorgnis war. Die Rachrichten der Frau von Diemen lauteten wenig tröstlich
„Eva-Marie ist oerhältnismaßig ruhig. Sie nimmt zu wenig Rahrung zu sich. Sie nimmt immer noch ab. Sie spricht wenig, und jeden Tag wiederholt sich ihre Angst, wieder in das Gefängnis zu kommen, und sie versichert bann immer wieder, daß sie etwas nicht sagen könne. Könnte man sie doch von dieser Angst befreien.“
„Sie Mama mit ihrem einfachen Denken hat das richtige Gefühl", dachte Andresen. „Könnten wir sie von dieser Angst befreien, so wäre sie gewiß gerettet. Diese Angst, dieses Richtssagenkönnen. hemmt ihr freies Denken. Dies ist der sich ewig wiederholende Gedanke, der ihr Gehirn wund reibt, der sie nicht zur Ruhe kommen läßt.“
Als wieder einmal die Rachricht kam. daß das Körpergewicht weiter so bedenklich herunter- gegangen war. hielt er es nicht mehr aus, er bat feinen Professor um eine Unterredung und vertraute sich ihm an.
Der brachte feinem Dr. Andresen, den er sehr schützte, volles Verständnis entgegen.
„Ich kann nichts sagen, lieber Kollege. Bringen Sie die Dame mit ihrer Mutter her zu uns. Es wird 3hnen ja auch ungleich billiger. Das kleine Rosenhaus neben der Aerztevilla ist frei. Wollen wir zusammen suchen, wo der rastlose Gedanke steckt, den sie nicht sagen kann. 3ch meine, ein Fingerzeig ist gegeben. Heber all steht der Wegweiter nicht an der Straße wie hier. Run gilt es logisch zu folgern, gegebenen Wegen
nachzufolgen und nicht abzuirren und sich ins Bodenlose leiten zu lassen."
„Herr Professor, darf ich danken?" Heinrich Andresen war bewegt.
„Wenn wir es geschafft haben, Kollege, bann! — Roch besteht große Gefahr, bas wollen wir uns nicht verhehlen. Ein geschwächter Körper hat wenig Widerstanb. 3ch verspreche mir viel von einer Kräftigungskur."
Heinrich Andresen reifte am nächsten Morgen ab, um Eva-Marie zu holen. Er erschrak über ihr Aussehen. Was bas bas lebensfrische, junge Mädchen, bas er gekannt, das er so geliebt hatte? — Oh, du atme, kranke Seele, dachte er verzweifelt. Wie kann ich dich erretten?
Sie sah ihn mit ihren leibvollen Augen an ..Kennst du mich nicht, Eva-Marie?"
Sie sah zu ihm auf, und ein kleiner, freundlicher Schein ging über ihr Antlitz. „Heinrich Andresen !"
„Guten Tag, Eva-Marie."
„Guten Tag!"
„3ch will dich abholen. Wir wollen eine schöne, kleine Reise machen."
Sie lächelte wie in einer lieben Erinnerung. „Rach Rügen?"
„Später auch nach Rügen! Laß dich fertig* machen!"
Da kam wieder die angstvolle Unruhe über sie ..3ch sage es nicht!"
Sttll und traurig war die Reise.
..Du wirst essen, Eva-Marie", sagte Dr. Andresen nun jeden Morgen und blieb dabei, bis die Kranke ein Ei und irgendein kräfttges Getränk zu sich genommen hatte. Seine Energie, seine große Geduld brachten es wirklich dahin, daß sie ah. Und er hatte den Trost, daß ihr Gewicht ein wenig höher ging Rur der Schleier lag noch immer vor ihrer Seele. Die Angst, baß sie etwas lagen solle, was sie verschweigen mußte.
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Run wohnten sie beide, Eva-Marie und ihre Mutter, schon wochenlang im Rosenhaus neben der Aerztevilla, in dem großen, traurigen Garten. Die Kranke war ein wenig kräftiger geworden, aber sonst hatte sich nichts geändert.
Dr. Andresen hatte mit Frau von Diemen davon gesprochen, daß diese ruhig nach Groh-Kubitz zurückkehren sollte. Es war vorläufig gar nichts zu wollen. Zuspruch verhallte ungehört vor Eva- Maries Ohren. Gutes Personal war vorhanden. Auch eine freundliche Gesellschafterin, die hier mit einem Kranken plauderte ober spazieren ging, bie sie zu beschäftigen suchte, dort eine Partie Schach ober Halma spielte, bei der sie stets liebenswürdig verlor. Sie war ein Segen für die kranken Leute. Es war entschieden ein neuer und guter Gedanke vom Professor, sie angenommen zu haben, und die Wahl war gut. Dr. Andresen war der Ansicht, daß Frau von
Diemen eine Ausspannung gut täte. Sie sollte später wiederkommen. Er ging auf sein Zimmer, das einen Ausblick hatte weit über die traurigen Mauern dieses stillen Gartens, hinaus in ein weites Tal. Die Rächt kam herauf, und der Mond begann seine silberglänzende Bahn. Heinrich Andresen stand am Fenster. Sein Arm lag auf dem Fensterkreuz, und er lehnte seine hohe Stirn darauf. Traurig sahen seine Augen in bie schimmernbe Weite. Er sah nicht den silbernen Glanz bes Himmels auf der reifge* schmückten Erbe. Im Garten flatterten Raben auf den weihen leeren Beeten unb um die dunklen, flimmernden Tannengruppen. Er dachte an jenen Tag, an dem der Jubel sein so jung gebliebenes Herz fast zersprengen wollte, daß er den Hut am liebsten hoch in bie Lüste geworfen hätte vor jauchzender Lust. Vor Luft unb Glück über den Gebanken, baß in das hübsche Aerzte- haus von Moorbeck halb Eva-Marie einziehen sollte als sein geliebtes Weib.
Run war sie eingezogen brüben ins kleine Rosenhaus als stumme, leidvolle Kranke. Sie erwachte nicht aus ihrer Verlorenheit. Unb er hatte noch nicht in einem einzigen Kuh bas Glück chrer Liebe getrunken, kein zärtliches Wort von ihr gehört. Sie sah ihn oft mit so großen frem- ben Augen an, als sei bas Anbenken. an ihn unb jene köstliche Sommerzeit verschüttet in ihrem Innern. Sprach er leibvoll auf sie ein, so kam nur bie leise jammervolle Klage über ihre Lippen: „Ich kann es nicht sagen."
„Du solltest es mir sagen, Eva-Marie", hatte er einmal zärtlich gebeten unb ihre Hände genommen. „Du weiht doch, wie lieb ich dich habe. Wenn du Vertrauen zu mir hättest, wäre vielleicht alles gut. Unmöglichkeiten sind immer nur dort, wo wir sie zu sehen glauben."
Da hob Eva-Marie ein wenig den Kops und sah ihn an. „Renate will es nicht. Du solltest es auch nicht wissen, weil du deinen Bruder lieb hast. Du würdest unglücklich werden. Auch Gerti darf es nicht wissen. Klaus Behrens war nicht da."
Solange hintereinander in zusammenhängenden Worten hatte Eva-Marie seit Monaten nicht gesprochen. Heinrich Andresen horchte auf. Eine leite Hoffnung wollte aufkommen.
„Wer ist Klaus Darens, Mädchen?"
Da erschrak sie und verfiel in ein lautloses Weinen. „Ich sage es nicht, nein, bitte, ich barf es nicht.
Der lichte Moment war vorüber. Aber er war dagewesen. Heinrich Andresen eilte zu feinem Meister und erzählte ihm alles.
„Wir wollen sie morgen hypnotisieren", sagte der Professor. „Wir müßen erfahren, wer dieser Klaus Behrens ist. Vielleicht hat er den Schlüssel zu diesem ganzen Geheimnis."
(Fortsetzung folgt)


