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22.6.1932 Erstes Blatt
 
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Tiehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffens

Jugend und Hochschule.

meinschaft wirksam an-ubahnen. 2U>cr auch ab­gesehen von den beruf-pädagogischen Erwägungen, die die Berufsschulpflicht für Vie ungelernten ju­gendlichen erforderlich erscheinen läßt, ist eS auch aus allgemeinen pädagogischen Erwägungen her­aus unbedingt notwendig. die ungelernten ju­gendlichen beiderlei Geschlechts, als die einer pä­dagogischen Betreuung am meisten bedürftige Schicht, schulisch zu erfassen, um ihnen d,e in diesem Älter so notwendigen GrziehungSeinflüsse zuteil werden zu lassen. Die Erkenntnis, daß der jugendliche von heule, .der Baier u d d c OF.utkr von morgen" ist, wird dazu führen, der jugend­lichen Arbeiterin in der Berufsschule außer der Förderung ihrer arbeitsberuflichen Tüchtigkeit auch eine hauswirtscha'tl.ch-vfiegerifche Erziehung zuteil werden zu lassen, die sie befähigt, ihrer späteren Ausgabe als Hausfrau und Mutter ge­recht werden zu können.

Die Berufsschule stellt die lebte Möglichkeit dar, die Masse der werktätigen Jugend schulisch

zu betreuen. Ein Abbau der 'Berufsschulpflicht, eine Durchbrechung der Schulpflicht für einzelne Gruppen von jugendlichen, würde einer groben Anzahl lunger Menschen in der Zeit der Srwerbs- loslgkcit jegliche planmäßige ErziehungSmöglich- keit nehmen. Denn bei dem Fortfall der erziehe» rischen Einflüsse der Lehr- und ArbeitsprariS im Falle einer Erwerbslosigkeit ist die Berufsschule der einzige Ort, in dem der jugendliche plan- mähige pädagogische Führung, Anleitung zu ern­ster Arbeit und zu sittlichem Handeln erfährt

Die steigende Zahl der Jugendlichen, die keine Lehr- oder Arbeitsstelle erhalten können, oder die nach Beendigung der Lehre ohne Beschäftigung find, gibt Deranlassung, die bcrusS- und sozial- pädagogifche Leistung der Berufsschule, deren Lehrerschaft sich in opferwilliger Hingabe der Be­treuung dieser bedauernswerten jungen Menschen widmet, als einen Aktivposten in dem Ganzen unserer Erziehungsarbeit zu werten und zu er­halten.

Goethe em Mentor der studentischen Jugend aller Völker.

Eine Umfrage unter ausländischen Studierenden.

Goethe als Führer zur ethischen Freiheit.

Don find. rer. pol. Aamesch Dabu, Indien.

Zahlreiche junae Inder studieren in Deutschland, die hier stärkste Anregungen für ein selbstbewußtes nationales Eigenleben empfangen und nach Ab­schluß der Examina als Geisteskämpfer nach In­dien zurückkehren werden. Gerade für uns ist Goethe ein ungeheurer Begriff. Man wird in der Bibliothek der jungen indischen Studenten vielleicht Tagorc vermissen Goethe sicher nicht. Die Ge­stalten des Götz, des Egmonts, des Tasso sind aktu- elfer für diese Studenten als irgendeine Gestalt der modernen Zeitgeschichte. Es ist die Ethik des Frei­heitskampfes, die die jungen nationalen Inder, die in Europa studieren, niergcnds so kristallklar und in solcher liefe schöpfen können wie bei Goethe. Ich selbst kenne eine Anzahl indische Studienkollegen, die nach Deutschland gekommen sind,um Goethe, sein Land und seine Tradition, kennenzulernen".

Goethes japanische Sendung.

Don sind. jur. Hisao Shibusawa.

DieNihon Goethe Kyokai", dieJapanische Goethegesellschast" hat ihren Sitz an allen Univer­sitäten Japans. An den Kaiserlichen Universitäten Tokio, Kioto. Tokoku auf Formosa, Keio auf Korea usw. und sogar auf der Shokadagaku, der Handels­hochschule in Tokio gehört ein erheblicher Teil der japanischen Studenten zu ihren Mitgliedern: ihre Zahl vermehrt sich ständig. Die ersten Universitäts­professoren Japans stehen an der Spitze der Ja- panischen Goethegesellschast. Es gibt meines Wis­sens kein Buch, das unter den Studenten Japans populärer wäre als Wcrthers Leiden.

Die erste intensive Begegnung des japanischen Studenten mit Goethe erfolgt nicht erst auf der Universität. Um einen Begriff davon zu geben, wie Goethe im japanischen Volke tatsächlich lebt, möchte ich nur einige Veranstaltungen Japans im Goethe- fahr nennen: im ersten Theater von Tokio werden Goethedrarnen mit Rundfunkübertragung auf olle japanischen Sender aufgeführt. Reben Rezitationen und musikalischen Vorträgen gelangt auch ein Goethe-Film, von Japanern gespielt, zur Vorfüh­rung Goethe ist kein Lehrgegenstand auf den Universitäten, sondern ein Volkserlebnis.

Der japanische Student, der in Europa studieren will, fährt in das Land Goethes. Ich glaube, daß viele, wenn nicht die meisten von uns die abendländische Kultur ohne die Vermittlung Goethes nur sehr unvollständig begriffen hätten. Und, was das seltsame ist: Goethe ist nicht, wie andere große Geister, die zum Lehrmeister der gan­zen Welt geworden sind losgelöst vom Rationalen, international in seinem Werk Wir japanischen Stu­denten erleben Goethes Werk als etwas rein Deut­sches, ihn selbst, wie. Gundolf sagt, als diegrößte Einheit, worin deutscher Geist sich verkörpert hat"

Es ist kennzeichnend, daß ein so frühes Buch wie der Werther unter den japanischen Studenten am meisten Liebe und Verständnis findet. Wir sind ein junges Volk, das sich langsam erst durchringt und heute auf der Stufe der Werther steht. Den Weg vom Werther bis zum vollendeten Faust muh sich der japanische Student erst erobern. Der Führer auf diesem Wege der Kulturentwicklung kann kein anderer als Goethe sein.

Goeihe in Gowjeirußland ...

Don flut), phil. Wladimir Iwolgin.

Der Sowjetstaat wollte zunächst mit allem Bür­gerlichem zusammen auch diebürgerliche" Litera­tur und ihre Träger verbannen. Es ging nicht und einer der ersten, die man zurückgcholt hat, ist Goethe. Heute wird in allen Universitäten Sowjet- rußlands Goethe aelcsen, literarische Zirkel unter den Studenten befassen sich in ganz besonderem Maße mit demBürger" Goethe. Zwar umgibt diese Beschäftigung mit Goethe immer noch eine gewisse Heimlichkeit, sie wird von Moskau her nicht besonders gern gesehen und es ist im Laufe der Jahre an einer kleineren Universität sogar vorge­kommen, daß man Goethes Werke wegen gegen­revolutionärer Umtriebe zusammen mit anderen Büchern auf dem Unioersitätshofe verbrannt hat. Alle diese Mißgunst aber hat es nich^ verhindern können, daß Goethe sich auch gegenüber der russi­schen Revolution durchgesetzt hat. Es wird, so hört män, an einzelnen Universitäten von den Studen­ten ein richtiger Kult mit den nur in geringer Zahl vorhandenen russischen Goethe-Ausgaben getrieben. Ebenso wie zwischen Deutschland und anderen Ländern ist auch Goethe hier ein Bindeglied: Deutschland hat einen erheblichen Teil der Sympa­thie, den es unter der studentischen Bewegung So­wjetrußlands genießt vor allem Goethe zu ver­danken ...

OerWeg znGoeihe derWeg zur geistigen Gesundung.

Don sind. phl! Pierre Renouvin.

Wenn das Goethejahr gerade in Frankreich so gefeiert wird, daß, abgesehen von der mehrfachen Uebersetzung aller Goethewerke, jetzt mehrere hun­dert Abhandlungen über Goethe von ersten Schrift­stellern und Professoren Frankreichs erscheinen wer­den, so hat das einen besonderen, tiefen Sinn: Frankreich und besonders die studentische französische Jugend hat, wie Andrs Gide es ausdrückte, die Geisteskrise der letzten zehn Jahre durch keinen mehr als durch Goethe überwunden. Die von Osten her drängende revolutionäre, anti-bürgerliche Welle hat Frankreich weit stärker, als es nach außen schien, bedroht. Die Selbstbestimmung auf die Werte und Kräfte des Bürgertums hat die studentische Jugend Frankreichs vor allem dem großen deutschen Bürger Goethe zu verdanken, nach dessen Büchern sie in schweren Augenblicken der Krise griff.

Nr. U4 Zweites Blatt

Die sozialpädagogische Bedeutung der Berufsschule.

Don profeffor Dt. Erna Barschot, Berlin.

jede Erziehung, jede bewußte Einwirkung auf junge Menschen^ hat eine individuelle und eine soziale Seite. Eine individuelle insofern, als sie sich an den einzelnen jungen Menschen wendet und ihn in feiner Entwicklung fördern möchte, eine soziale, als sie in dem jungen Menschen zugleich den Angehörigen einer größeren Gemeinschaft er­blickt und ihn für diese Gemeinschaft heranbilden will.

Dieses doppelte Gesicht einer jeden Erziehung zeigt auch die Derusserziehung. Auch sie will den einzelnen jungen Menschen befähigen, bestimmte, sachlich umr jfenc Lebensaufgaben lösen zu können, gleichzeitig aber will sie den jungen Menschen in eine größere Gemeinschaft einordnen, um ihn zur Lösung der Aufgaben zu befähigen, die der Gemeinschaft gestellt sind. Für weitaus die größte Zahl der jungen Menschen vollzieht sich die Berufserziehung zugleich im Bereich der Be­rufs- und Arbeitspraris und in der Derussschule. Drei Merkmale kennzeichnen die moderne Berufs­schule als eine pädagogische Einrichtung beson­derer Art: zunächst die Tatsache, daß sie genau wie die Volksschule obligater schen Charakter trägt, daß sie .P f l i ch t sch u l e" ist, ferner ist fie keine Tagesschule" im Sinne aller übrigen Schulen, sondern eineStundenschul e", da sie ihre Schülerschaft nur wenige Wochenstunden zu ge­meinsamer Arbeit zusammenfaßt und schließlich sind ihre Schüler überhaupt keine .Schüler" im eigentlichen Sinne, da sie in der Regel zugleich in einem Lehr- oder Arbeitsverhältnis stehen. Dieses Rebeneinander von Arbcitspraris und theoretischer Derufserziehung in der Schule be­deutet eine starke Förderung des Unterrichtsergeb- nisses, da dadurch ein Zusammenklang von Praris und Theorie, eine Lebensnahe deö Unterrichts erreicht wird, die bei keiner anderen Schulart mög­lich erscheint. Doraussetzung einer vollen pädago­gischen Wirksamkeit der Arbeit der Berufsschule ist daher ein Lehr- oder Arbeitsverhältins, in dem der jugendliche sich befindet und das mm -um Ausgangspunkt der pädagogischen Arbeit der Berufsschule wird. Denn die Berufsschule erblickt ihre pädagogische Aufgabe darin, die theoretische Ergänzung zu dem praktischen Arbeitserlebnis zu geben und in all ihren pädagogischen Bemühungen stets von der arbeitsberuflichen Stel­lung des jugendlichen auszugehen. Die gesamte Organisation der modernen Berufsschule ist aus diesem Grundsatz heraus zu verstehen, daß stets die arbeitsberufliche Stellung des jugendlichen die Grundlage für feine erzieherische Beeinflussung abzugeben hat. Diese Einstellung auf den Arbeits­berus des jugendlichen ist nicht allein aus be- russpädagogischen Gründen geboten, auch iu- aendpsychologische Uebcrlegungen lehren, daß der Arbeitsbelmf im jugendalter das Hauptinter- e' enzentrum des jungen Menschen darstellt. Jede wirksame erzieherische Beeinslussung junger werk­tätiger Menschen muß daher schon aus jugend- psychologischen Gründen nach der genialen Er- kenntn s des jüngst verstorbenen großen Pädago­gen Georg Kerschen st einer vom Arbeits­beruf ausgehen. Dies wi rd am leichtesten in den Lehrlingsklassen der Fall sein können, da bei den Angehörigen der gelernten Berufe Interessen­gebiet und Dildungsgut der Berufsschule zugleich durch die Derusszugehörigkeit gegeben sind. Weit schwieriger ist das Gebiet der Erziehungsarbeit an der werktätigen jugend in all den Klassen zu lösen, in denen kein bestimmter Beruf den Mittel­punkt der Erziehung bildet, bei den ungelernten Arbeitern beiderlei Geschlechts. Die im Vergleich zu den Lehrlingen größere pädagogische Proble­matik, die der Unterricht der Arbeiterjugend er­fordert, darf jedoch nicht dazu führen, die päda­gogische Betreuung dieser jugendlichen zu ver­nachlässigen. Psychologische Untersuchungen über die Interessen der Ungelernten zeigen, daß auch diese Gruppe der Arbeiterschaft Interesse für ihre Arbeit empfindet und daß dieses Arbeitsinteresse für die Erziehung des Rachwuchses nutzbar ge­macht werden kann. Die Derufserziehung öes Ar­beiters, soweit sie sich in der Berufsschule voll­zieht, hat daher die Aufgabe, den jugendlichen in die Welt seiner Arbeit, in Technik, Wirtschaft und soziales Gemeinschaftsleben einzuführen, um die Eingliederung dieser jugendlichen' in die Ge-

S udiumunisonst-mDälieniark!

Don Erich Brandl.

Während bei uns ein normales Studium allein an Gebühren 1000 bis 2000 Mark kostet, ein Betrag, der für Mediziner noch nicht einmal ausreicht, und während man in En- land sogar ein Mehrfaches dieser Summe aufzubi ngen hat, kann fW? der dä­nische Student so glücklich schätzen, für fein Stu­dium überhaupt nichts bezahlen zu müssen. Er nimmt damit wohl eine Sonderstellung ein und erbringt gleichzeitig den Beweis dafür, daß auch eine solche Erleichterung den Reiz zum Studium durchaus nicht ins Grenzenlose steigert. So kom­men in Dänemark trotz der günstigen Studienver­hältnisse und trotz des starken Ansteigens der Hörerzahlen während der letzten Jahre auch heute erst 17 Studierende auf 10 000 Einwohner, wäh­rend es in Deutschland schon mehr als 20 sind.

Die einzigen Gebühren, die der dänische Student zu entrichten hat, sind eine Einschreibegebühr von etwa 25 Mark, sowie beim Abschluß seines Stu­diums die entsprechende Prüfungsgebühr, die so­gar nur 10 bis 20 Mark beträgt. Das Studium ist also praktisch vollkommen umsonst, und das hat verschiedene Gründe. Erstens besitzt die llnincr- fität Kopenhagen, die ja die einzige dä­nische Universität überhaupt ist, ein eigenes Vermögen von mehr alsl.öWillio- n e n M a r k, aus dessen Ertrag sie schon einen Teil der Kosten selbst übernehmen kann. Ein wei­terer Teil wird' aus privaten Mitteln. Stiftun­gen usw. aufgebracht, und der Rest fließt, wie ja auch bei uns, aus der Staatskasse.

Aber nicht nur wegen der Gebührenfreiheit sind die dänischen Studienverhältnisse ideal zu nennen. Den minderbemittelten Studierenden stehen außer­dem eine große Anzahl von Stipendien offen.

die ja in Deutschland, bis auf die Studienstiftung des deutschen Volkes, fast gänzlich fehlen. An erster Stelle ist hier das sogenannteStudentenregens" zu nennen, das ist ein Studentenheim, in dem et­wa 100 Stipendiaten nicht nur unentgeltlich woh­nen, sondern monatlich noch eine finanzielle Bei­hilfe von 90 Mark erhalten. Es handelt sich hier­bei um eine alte, historische Stiftung, die schon aus dem Jahre 1601 stammt.

Daneben werden alljährlich etwa 250 000 Mark als öffentliche Stipendien verteilt, zu denen noch weitere 50 000 Mark aus völlig privater Hand kom­men. Von der Größe dieser Summe kann man sich nur dann eine Vorstellung machen, wenn man die dänischen Verhältnisse mit den deutschen ver- gleicht. Bei uns haben statistische Erhebungen er­geben, daß fast jeder zehnte Student durch die Wirtschafts. und Fürsorgeeinrichtungen des Deut­schen Studentenwerks unterschätzt wird. Nehmen wir nun an, daß es in Dänemark genau so wäre, so kämen dort auf jeden unterstützungsbedürftigen Studenten jährlich 600 Mark. Wollte man in Deutschland dasselbe erreichen, so müßte man im Jahr mehr als 8 Millionen Mark an Stipendien verteilen. Daher kann man sagen, daß in Dänemark das IdealFreie Bahn dem Tüchtigen" nahezu verwirklicht ist. Die Studierenden kommen aus allen Schichten des Volkes, und es dürfte dort wohl kaum der Fall eintreten, daß einem begabten Abi- turienten das Studium lediglich durch wirtschaft­liche Not unmöglich gemacht, oder auch nur er» schwert würde.

Wie schon erwähnt, macht sich auch in Dänemark in letzter Zeit ein starker Zudrang zur Universität bemerkbar. So finden wir heute an der Kopenhagener Universität schon mehr als 5000 Studierende gegen 3000 im Jahre 1912. Dar­unter sind etwa 1000 Studentinnen. Der Frauen- prozentsatz ist also nicht viel größer als bei uns. Er

ist sogar in den letzten Jahren zurückgegangen, denn die Zahl der Studentinnen ist viel langsamer ge­wachsen als die ihrer männlichen Kommilitonen. Mehr als die Hälfte aller Studierenden kommt aus Kopenhagen selbst, was nicht erstaunlich ist, wenn man bedenkt, daß ja fast jeder vierte Dane ein Kopenhagener ist. Verhältnismäßig klein ist die Zahl der Prosessoren in Anbetracht der 5000 Studenten, die sich auf nicht viel mehr als 130 beläuft.

Voraussetzung für das Studium ist auch in Däne­mark das abiturium, dasetubcnterelfamen". Doch sind die meisten Dorlefunaen öffentlich, so daß jedermann ohne weiteres als Gasthörer daran teil» nehmen kann. Die Dauer der einzelnen Semester weicht aber von unserer Einteilung beträchtlich ab. Das Sommcrfemcfter dauert nämlich in Kopen­hagen vom 1. Februar bis Ende Mai, und das Wintersemester vom 1. September bis Weihnach­ten. lieber die Dauer des gesamten Studiums be­stehen jedoch keinerlei Vorschriften. Die meisten Studenten brauchen aber 6 bis 8 Jahre. Wegen der vielen Freiheiten nimmt man das Studium in Dänemark scheinbar vielfach nicht so ernst, wie bei uns. Außerdem hat man es auch nicht so nötig, sich zu beeilen, weil ja fast alle Studierenden, ent­weder von Haus aus, oder aber durch ein Stipen­dium, finanziell unabhängig sind.

Als Abschluß des Studiums macht man das Staatsexamen, oder man unterzieht sich der sogenanntenMagisterkonferenz", nach der nun eigentümlicherweise den Titelcand mag." führt. Das bedeutet also in Dänemark nicht, daß man noch vor dem Examen steht, sondern daß man es bereits mit Erfolg bestanden hat. Außerdem kann man natürlich auf Grund einer wissenschaftlichen Abhandlung auch in Kopenhagen zum Doktor promovieren, doch muß man dazu erst eines der beiden obengenannten Examina mitGut" bestan­den haben. Dafür berechtigt aber der Doktortitel in

iMttwoch, 22. Juni 1952

Kumpel Student.

Don ph. (schwind.

Rovemberncbel überlagert Häuser und Straßen des südlichen Stadtteils der rheinischen Umversi- tät-großstadt Köln Dom Turme de- nahen St. Severin ertönt fünfmal dumpfer Glockenschlag. 3n der Dachstube eines Mietshauses sitzt über Bücher gebeugt der Werkstudent Hans Wehrlc. Examensnöte gönnen ihm leine Ruhe Der Wunsch, nach bestandener Abschlußprüfung ein besseres Leben al- bisher führen zu können, trieben ihn schon zur frühen Stunde aus dem Bett. Durch harte Arbeit hat er sich selbst daS Geld zur Fort­setzung seiner Studien verdienen müssen Wie oft reichte die Zeit der Serien zur Beschaffung der aUcrnottocnbigftcn Mittel nicht aus. Er hat einst ein frohes Burschenleben geführt, hat gerne gescherzt und herzlich gelacht. Doch die Inflation hatte dem sorglosen Leben schnell ein Ende bereitet. Wenn nach arbeitsreichen Stun­den die hereinbrechende Dämmerung ihn zwang, die Bücher zur Seite zu legen und das Studium zu unterbrechen, wenn ihn dann das zufriedene Bewußtsein bewältigter Arbeit beseelte, dann schwelgte er in Erinnerungen an frohverlebte Stunden am Rhein. Leise summt er die Melodien alter Burichenlieder vor sich bin. Bonn ersteht wieder vor seinem geistigen Auge und mit dem alten Rheinstädtchen die Sandkaul, wo er die Klinge mit der seines Gegners gekreuzt hat, Königswinter mit der gemütlichen Weinkneipe des alten Bellinghaus, schon von ferne grüßt der efeuumranftc Rolandsbogen und inmitten deS schönen AheinstromeS Ronnenwerth. Roch einmal erlebt er in Gedanken jenen schonen Eommermorgen. da er mit seinen lebensfrohe.; Begleitern die Insel umfuhr. Es waren sonnige Stunden unbeschwerter jugend...

Die Dampfsirene der naheliegenden Fabrik, die zur Arbeit ruft, gebot Wehrles romantischem Gedankengang Einhalt. ES bedurfte nur dieses Signale^; jetzt marschieren andere Gedanken auf. Sie reihen sich aneinander im Marsch-RhythmuS der auf der Straße zur Arbeit Eilenden. Wieder wacht Erinnerung auf. Erinnerung an den Mor­gen. da er zum ersten Male die Studien unter­brechen und zur Grubenarbeit eilen mußte.

2n der schweren Luft einer fprühregnerischen Herbstnacht durcheilt er die spärlich beleuchteten Straßen der Bergmannskolonie. Qi.:r über seine Brust läuft ein Band eine einfache Hanf- schnur deren Enden in den beidenOhren" der Kaffeflasche verknotet find. Ein Hut mit verblichenem, ausgefransten Band bedeckt den Kopf. Die Kleidung ist nicht den Witterungsver- hältnissen angepaßt. Es fröstelt ihn im leichtem abgetragenen Sommeranzug, der wohl für den Gang zur Zeche noch zu elegant wirkt. Aber zu dieser Stunde gibt es keine kritischen Beobachter. Die Menschen, die zu dieser Zeit die Straße gehen, schreiten als Gleiche unter Gleichen einher, ge­meinsamer Bestimmung entgegen zuerst ver­einzelt, bann in größeren Gruppen, je näher sie dem Ziele kommen. Die Menge der Arbeiter wächst. Eie staut sich durch die den Zecheneingang verengende Kontrollbude Die Menschen haben auf einmal ihre Persönlichkeit verloren: als fort­laufende Rummern schreiten sie weiter in die Waschkaue, zur Lampenverteilung, auf die Hängebank zur Einfahrt, ins Revier, vor Ort, zum Ausfahrtschacht Rümmer 2927 ist einReu- ling", wenn er sich auch den Anschein gibt, jahr­aus und jahrein keiner anderen Beschäftigung als der eines Bergmannes nachgegangen zu sein. Selbst einfachmännisch" zwischen Unterliefet und Backe eingeschobenerPriem" vermag es nicht, die einmal erfolgte Feststellung der anderen Kumpels zu verscheuchen. Aber man ist gerne zur Unterweisung bereit. Es bedarf keiner Fragen, keiner Bitten, denn die Hilfsbereitschaft ist Eigenart des Bergmannes, eingeprägt im inner­sten Fühlen durch das stets bewußte Aufein- anberangetoiefenfein in ben Momenten ber Ge­fahr, bie tausendfältig im tiefen Schacht ben Arbeitenden bedroht Die Reden sind kurz, auf das Rotwendigste beschränkt, denn jeder hat Eile und ist bestrebt, die Anfahrt nicht zu versäumen.

Der verwirrende Knäuel der sich umkleidenden Menschen gleicht einem aufgescheuchten Bienen­schwarm. Die Flügeltüren der AuSgänge sind in ständiger Bewegung. Hier strömen alle der Lampenausgabe zu, dort drängen sich noch Rach-

Dänemark gleichzeitig dazu, an der Universität Vor­lesungen abzühalten.

Eine ausgesprochene Studententracht, wie in England, gibt es bis auf die vielgetra­genen schwarzen Mühen in Dänemark nicht. Ty­pisch, wenigstens für die Studentinnen, find je­doch die Seitentaschen, die man umhängt und in denen man seine Bücher und Kolleghefte unter­bringt. Auf diese Weise lassen sie sich nämlich am bequemsten transportieren, wenn man Rad fährt. Und welcher dänische Student fährt denn nicht Rad? Unabsehbar sind die endlosen Fahr- robrer.ben. bi« währenb ber Borlesung vor bet Universität oder im Hof besStubiengaard". wo ebenfalls Borlefu-igen abgehalten toerben, stehen. Ein bänischer Student sagte, wenn man wis'en will, wieviel Studenten in einer Borlriung sind, braucht man nur bie Fahrräder zu zählen, und er hat beinahe Recht. Bon dem Kopenhagener Studenten ist bas Fahrrad fast noch schwerer fortzudenken, als von dem englischen in Ox­ford und Cambridge.

Reben der eigentlichen Universität gibt eS in Kopenhagen auch e;ne PolytechnischeLehr- anstatt, eine Tierärztliche und Land­wirtschaftliche Hochschule, sowie meh- rere Kunsthochschulen. Interessant ist auch die neue Beriuchsuniverfität in Dänemark- zweitgrößter Stadt Aarhus, die auf das Drängen der Iütländer im Jahre 1928 einge­richtet wurde. Obgleich aber bisher lediglich Kurie für da- erst« Studienjahr abgehalten wer­den. find auch dies« «nur sehr 'chwach befröt Ueberd.es besteht di« Hälfte der dortigen Stu­dierenden aus Stipendiaten. Deshalb ist anzu­nehmen. daß man nach die'cm Beriuch von dem Plan, «ine zweite Universität in Dänemark zu errichten, endgültig Abstand nehmen wird, wenn auch offiziell bisher noch keine Entscheidung ge­troffen ist.