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Vornan von Z. Gchneider-Foersil.
Urheber-Rechtsschutz: Verlag O. Meister, Werdau.
9. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Der nackte Arm, der die Tür zurückgehalten hatte, verschwand. Das Gold der Ornamente in den Feldern glänzte im Licht der Quecksilber- lampen schillernd auf. Swensen seufzte so hörbar, daß der Regisseur teilnehmend nach ihm hinblickte.
„Die Frau Gemahlin hat einen bösen Tag", tröstete er. „Haben Sie Geduld", mahnte er bittend. „Morgen ist alles wieder anders."
„Nichts ist anders", brauste der Künstler auf, glitt in den Stuhl zurück und horchte mit halbem Ohr, was Neuhofs ihm erklärte:
„Sie kommen jetzt nach drei wahren Abwesen- deit zu Ihrer Frau zurück, lieber Swensen. und finden sie in den Armen eines anderen! — — Haben Sie begriffen, Herr Swensen?"
Ein gelangweiltes Nicken war die ganze Antwort.
Neuhoffs Stimme schraubte sich etwas in die Höhe: „Sie sind erst fassungslos vor Schmerz!
Dann geraten sie in Zorn! Dann in Wut! ilnö in dieser Wut erschlagen Sie den Liebhaber Ihrer Gattin. — Sie haben mich doch verstanden, lieber Swensen?"
„Ja!"
„Also gut!" Der Regisseur atmete auf. „Gnädige Frau!" Er riß die Verbindungstür zurück und gab der Diva, die mit einem Herrn im Frack auf dem Ruhebett saß, ein Zeichen. „Es kann losgehen! Die Musik, bitte!--Die Lampen
auf! Ruhe!" donnerte er nach rückwärts, wo die Arbeiter noch immer sägten und hämmerten, und das Lachen und Sprechen der Komparsen durch- cinandcrflutete. „Mehr Licht!" rief er den die Lampen bedienenden Arbeitern zu.
Der Operateur hatte bereits die Finger aus die Kurbel gelegt und wartete.
Swensen sah durch einen Schleier das schöne Gesicht seiner Frau, die in zärtlichem Tete-ä-Tete mit ihrem Liebhaber, dem Filmschauspieler Glöckner, saß. — Erst ein langsames Erstaunen von unfaßbarem Schmerz durchschüttert, dann ein gefährliches Flackern der großen, tiesschwarzen Augen! Die Pupillen weiteten sich! Die Lippen schoben sich auseinander, daß die Zähne sichtbar wurden.
„Du--!"
Die eine Hand stieß die Frau beiseite, während die andere, geballt, auf Glöckner niedersiel. „Schurke!"
Ein gellender Rus! — — Ein dumpfer Schlag
auf den Boden! Swensens Arme fielen entkräftet herab.
„ Famos! — Einfach famos!" frohlockte Neuhoffs Stimme, die sich nach oben überschlug. „Glänzend, gnädige Frau! Swensen. meine Anerkennung. — Glöckner, das war fabelhaft! Komm einer und mach uns das nach! — Die Musik, bitte! Die Musik! Nein, nicht aufhören", winkte er dem Hilfsregifseur zu. „Ganz leise weiterspielen. Die gnädige Frau wünscht „La Paloma". Wir machen zehn Minuten Pause."
Swensen war der erste, der nach beendeter Szene in den Park trat. War es möglich, daß er nun ein ganzes Leben lang an diese Fran gebunden war?---Ein ganzes, ganzes langes
Leben! Seine Zähne knirschten hörbar. Es mußte doch ein Auseinandergehen geben und wenn alles in Fetzen und Trümmer ging.
*
Swensens Heim lag außerhalb der Stadt. Wer an dem hohen Gitter, das den Park umfriedete, vorüberfuhr, sah nur den kühn in die Luft ragenden Turm, der mit dem Wipfelmeer der Bäume in das Blau des Oktoberhimmels um die Wette strebte.
Des Abends, wenn die Lichter des Tages am Erlöschen waren, spiegelten sich die Fenster in dem kleinen See, den sich der Künstler hatte anlegen lassen. Er lag reglos wie ein waches Auge zwischen Strauchwerk und Weiden und erzitterte nur ab und zu leise unter dem Hauch des Windes, der von Westen her gestrichen kam.
Der Friede, welcher nach außen hin über Swensens Besitztum lag, war gerade das Gegenteil von der Atmosphäre, die mit Gewitterschwüle im Inneren des Hauses brütete, Wenn im Nymphenburger Atelier die Lichter erloschen und in der Garderobe der letzte Rest von Schminke aus den Gesichtern gewischt war. wartete der Künstler auf seine Frau, die immer noch irgend etwas vergessen oder zu tun hatte, das einen Aufschub bedeutete.
Dann kam in Swensens Augen ein zorniges Glitzern. Er warf die angerauchte Zigarette aus den Kies und steckte sich eine neue an, schleuderte diese nach wenigen Zügen auf den Rasen und setzte die dritte in Brand. Kam dann endlich Frau Inegard über den Kies dahergeschwebt, lässig, ohne Eile, ging er, ohne auf sie zu warten, nach dem Auto und warf sich in die Ecke des Wagens.
„Gott",^klagte sie, „nun ist wieder das Verdeck offen und ich bin so erhitzt." Unb Swensen muhte sich gedulden, bis der Chauffeur das Dach des Kabriolets hochgestellt und sestgeschraubt hatte.
Ohne ein Wort zu sprechen, saßen sie sich dann gegenüber und trugen jedes einen Vulkan in sich, der schon im nächsten Augenblick zum Ausbruch kommen konnte. Ein ganz geringfügiger
ilmftanb, irgendeine Frage, eine Mutmaßung, eine halbe Drohung, konnte die Katastrophe bringen. Swensen vermied es sogar, nur an das Knie feiner Frau zu streifen. Sie hielt die Arme fest gegen den Leib gedrückt und die Hände im Schoße verschränkt oder in den weiten Aermeln ihres Seidenmantels verborgen.
„Wann sind die Ausnahmen im Nhmphenbur- ger Park zu Ende?" fragte sie, nur um das gräßliche Schweigen, das zwischen ihnen lag, zu brechen.
„Nächste Woche!"
„Gott sei Dank!--Unb bann?“
Er hob die Achseln und vermied es, seine Frau anzusehen. Sie drehte verärgert das eine der Fenster zu halber Höhe und bog das schöne Gesicht der Abendluft entgegen. „Ich habe im Sinne, mich für ein halbes Jahr der Nelson- Filmgesellschaft zu verpflichten. Ich denke, du wirst nichts dagegen haben", sagte sie gleichmütig.
„Nein!" Sie hörte fein befreites Aufatmen und bekam ein böses Flimmern in die dunklen Augen. Sie setzte nicht den geringsten Zweifel darein, dah er froh war, nicht mehr mit ihr als seiner Partnerin filmen zu müssen. Aber die Freude sollte ihm gründlich vergällt werden. Gott, war es denn möglich, dah Liebe so in das Gegenteil umschlagen konnte, denn •— wenigstens jetzt im Augenblick, haßte sie ihn. Sie warf einen raschen Blick zu ihm hinüber. Er hatte die Augen geschlossen und der Luftzug, welcher durch die geöffneten Fenster kam, lieh sein dunkles Haar um die Schläfen in tanzenden Wirbeln aufflattern.
Woran denkt er? fragte sie sich. Etwas wie Triumph schwang sich um die Linie ihres Mundes. Sie hatte in seinem Geheimfach Briefe gesunden, die mit „Lenore" unterzeichnet waren. Sie konnte sich erinnern, daß er ihr gesagt hatte, er wäre verlobt, damals, als sie ihm die große Lüge, die zu ihrer Ehe führte, unterbreitete und ihn, um den Skandal zu vermeiden, beschwor, sie zu heiraten.
„Ich fühle mich Mutter", hatte sie ihm gestanden. „Wenn du mich in Schande kommen läßt, werde ich mich von dem Turm der Kirche, in welcher du getraut wirst, in die Tiefe stürzen, und du wirst ein für allemal unmöglich sein."
Er hatte ihr ohne weiteres geglaubt. Sie sah sein verzweifeltes Gesicht wieder vor sich, und wie er in ihrem Zimmer vor ihr kniete und immer wieder die Frage wiederholte: „Wie ist cs denn möglich? — — Kann es denn möglich fein?“
Sie hatte die Verstörte gespielt und ihm vorgestellt, daß es doch für seine Braut eine fürchterliche Enttäuschung fein würde, wenn sie von allem Mitteilung bekam.
Vierzehn Tage später hatte er ihr bann gesagt, daß er seine Verlobung gelöst habe. Vier Wochen
daraus machten sie Hochzeit, ilnb nun waren sie ein halbes Jahr verheiratet und hatten sich satt, so satt, daß es für jeden eine Erlösung bedeutete, wenn sie einmal einen Tag nicht zusammen sein mußten.
Die Szenen, welche sich in der letzten Zeit innerhalb ihrer vier Wände abgespielt hatten, waren gräßlich gewesen. Er hatte den Betrug durchschaut und sie, enttäuscht von allem, was sie sich von dieser Ehe erträumt hatte, bereute, sich ihm auf diese Weise ausgeliefert zu haben. Wenn sie in Gesellschaft oder im Atelier zusammen waren, zeigte sie Trotz und Auflehnung gegen ihn. Zu Hause aber empfand sie Furcht vor dem Alleinsein mit dem Manne, von dem sie sich alles Glück der Erde erhofft hatte.
Sie schrak zusammen, als der Wagen plötzlich hielt. Der Ruck war so stark gewesen, daß es sie gegen die Schulter ihres Mannes warf. Etwas unwillig bog er die Achseln zurück und rief nach dem Chauffeur, dessen Stimme jetzt scheltend klang:
„Das hätte böse ausfallen können, Gnädigste! Sie haben doch gesehen, daß der Richtungszeiger nach links stand. Sie find mir direkt in den Wagen hineingelaufen. Das Verschulden trifft nur Sie allein.“
„Ich mache Ihnen ja auch feyie Vorwürfe", sagte eine gedämpfte Stimme, und SMnsen fühlte beim Klang derselben, wie ihm das Blut zum Herzen drängte, und ein leichter Schwindel den Kopf gegen die Polster drückte. Er versteckte das Gesicht hinter der Seidengardine und konnte es sich doch nicht versagen, nach draußen zu spähen, wo Lenore taumelnd gegen die Staketen eines Zaunes lehnte.
„Ich bringe nur den Wagen schnell in die Garage, dann sühre ich Sie zu einem Arzt", erbot sich der Chauffeur.
Swensen sah, wie sie abwehrend die Hand hob und den Weg nach den Einlagen nahm. Der Wagen setzte sich wieder in Bewegung. DaS Tor in Swensens Park tat sich in aller Weite auf. Er konnte es nicht erwarten, bis feine Frau ausgestiegen und im Hause verschwunden war. Ersah ihren bluean Schleier wie eine leichte Wolke durch das Portal flattern, horchte und sprang dann auf den Führersitz.
„Herr Swensen fahren selbst?“ staunte der Chauffeur.
„Ja! — Ich muß nochmal zurück ins Atelier. Bestellen Sie meiner Frau, daß ich meine Brieftasche liegengelassen habe. — - Sie soll nicht mit dem Abend tisch auf mich warten."
Der Künstler hatte sich genau gemerkt, wo Lenore abgebogen war. Er ließ den Wagen an der Straßenkreuzung stehen und schritt den Seitenweg, den sie genommen hatte.
(Fortsetzung folgt.)
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