Lloyd Georges „Weg nach Damaskus".
LlohdGeorge ist, feit er zu politischer Sin# fluhlvsiakeit verurteilt wurde, ein um so eifrigerer Journalist und Bücherschreiber geworden. Gr hat jetzt wieder ein neues Duch über die Reparationen veröffentlicht, dessen erster Teil den kennzeichnenden Titel .Der Weg nach Damaskus" trägt. Das Duch ist eine wahre Fundgrube für die deutsche Politik und hätte eS verdient, daß Deutschland für möglichst weite Verbreitung auch im Auslande sorgt. Denn Lloyd George arbeitet darin mit Deweisgrün- den, die unS nur nützlich sein können. GS ist immerhin schon interessant, wenn er den Standpunkt vertritt, dah es nicht mehr derMühe wert fei, auch nur den Versuch zu machen, irgendeinen Teil der ReporotionSschulden zu retten. Es ist ebenso bemerkenswert, wenn er einmal objektiv würdigt, was Deutschland alles schon gezahlt hat, und nennt das eine gewaltige Zahlung für ein besiegtes Land. Sv kommt er zu dem Ergebnis, dah eine demokratische Regierung in Deutschland nicht zahlen kann, eine nationalistische oder kommunistische Diktatur aber nicht zahlen werde, dah also so oder so weitere Reparationen auS Deutschland nicht zu erhalten fei.cn.
Und er führt sehr hübsch den Franzosen zu ®e- mütc, dah es zwecklos sei, das große Wort von der Heiligkeit der Verträge noch im Munde zu führen, denn die Verbündeten selb st seien eS gewesen, die durch ihre schamlose Weigerung, ihren Verpflichtungen nachzukommen, dieses schöne Argument stark in Mißkredit ge
bracht hätten. Gerade Frankreich sei aber das letzte Land. daS es mit dem Vertrage von DersaiileS allzu genau nehmen dürfe: siehe Abrüstung! Frankreich- Landrüstungen seien eigentlich ein einziger Druch der Versprechungen von Versailles.
Vesser kann auch von deutscher Seite das verlogene System, unter dem seit 15 Jahren in Deutschland Politik gemacht wird, nicht gekennzeichnet werden. Rur schade, dah Lloyd George selbst diese Erkenntnis so spät gekommen ist. Gr war in den entscheidenden Jahren. als die Auspowerung Deutschlands begann, englischer Ministerpräsident. Er hatte nicht einmal, er hatte wiederholt die Gelegenheit e.nzugreisen und die ganze europäische Politik aus ein anderes GleiS zu schieben. Er ist von großen Leuten oft genug darauf aufmerksam gemacht worden, daß dis Politik. die er trieb, den englischen Interessen unmittelbar abträglich sei, weil sie daS Gleichgewicht in Europa vernichtete und England gar zu sehr von Frankreich abhängig machte: Lloyd George hat diese Warnungen überhört. eS ist also mehr als billig, wenn er jetzt seineRachsolger dafür verantwortlich macht, daß fie unter den Folgen seiner eigenen Politik zu leiden hätten. Und England selbst hat ihm die Quittung ja auch bereits längst ausgestellt, indem es seiner Partei das Vertrauen versagte, und Llovd George zu einem Führer ohne P artet mahle. Immerhin, er hat feinen Weg nach Damaskus gefunden, hoffentlich macht er Schule.
Aus der provmzialhauptstavt.
Gießen, den 22. März 1932.
Hauptversammlung des Verkehrs- und DerschönerungSvereinS.
Der gestrigen diesjährigen Hauptversammlung des Verkehrs - und Verschönerungs- Vereins ging alS Sonderveranstaltung eine Vesichtigirng deS städtischen Glektri- zitätswertes voraus, die eine große Anzahl Vereinsmitglieder zum gemeinsamen Rundgang durch daS Werk vereinigte. Unter der Führung der Herren Direktor S t o l t e. Dipl.-Ingenieur Kuntzemüller und DetriebSoberinspektor Dreyer nahmen die Vesucher da» Werk in ollen Teilen in Augenschein. Die Besichtigung gab den Gästen ein eindrucksvolles Bild von der großen Bedeutung dieses städtischen Betriebes. Die aufschlußreichen Belehrungen, die von den Führern den in drei Gruppen daS Werk durchwandernden Gästen gegeben wurden, sanden allenthalben dankbare Aufnahme, da sie einen wertvollen Einblick in den ArbeitSgang deS Betriebes gaben.
3m Anschluß an diesen Werkbesuch sand im „Aquarium" die3 ahreS-Hauptversamm- I u n g statt. Der VereinSvorsitzende, StadtratS- mitglied Apotheker Sch wieder, sprach zunächst Herrn Direktor S t o l t e herzlichen Dank aus für die Genehmigung zur Besichtigung des Elektrizitätswerkes, ferner dankte er ihm und den beiden anderen Herren der Führung für die Mühewaltung. der sie sich im Interesse der Besucher unterzogen hatten.
Anschließend brachte der Schristsührer, Verwal- tungSsekretär M a u S, den von ihm verfaßten Geschäftsbericht über die DereinStätigkeit im Jahre 1931 zur Kenntnis der Versammlung, der ein sehr aufschlußreiches Bild von der vielfältigen Tätigkeit deS VereinsvorstandeS gab und wertvolle Fingerzeige für weitere Maß
nahmen im Interesse einer weiteren gedeihlichen Derkehrswerbung enthielt. Wir werden auf diesen Bericht noch zurückkommen. Im Anschluß an den Geschäftsbericht entspann sich eine rege Aussprache, in der von zahlreichen Rednern, unter gerechter Würdigung der Tätigkeit des Vereinsvorstandes, wichtige Ausgaben und kommunalpolitische Fragen unserer Stadt besprochen wurden. 11. a. wurden von Herrn Sternberg (Reiskirchen, Wünsche hinsichtlich der Verbesserung der Verhältnisse auf dem Viehmarktplatz vorgebracht, die für die nächste Zeit aus die Herrichtung von Anbindegelcgenheiten für die Tiere und weiterhin auf die Schaffung einer Heber» dachung des Platzes hinausliefen. Die Unterstützung deS erstgenannten Wunsches wurde von mehreren Seiten, auch aus Stadtratskreisen, zu- aesagt, für den weiteren Wunsch besteht ebenfalls Verständnis und Sympathie, und man wird sich für dessen Erfüllung einsehen, sobald die Finanzen der Stadt eS ermöglichen. Weiterhin wurde über eine Verbreiterung des Straßen- aeländes an der Grundstücksspihe Reuen Däue-Reuenweg vor der Stadt- post gesprochen, da dort für den Verkehr bedenkliche Zustande bestehen: Besserungsmöglichkeiten sind auch hier in Aussicht. In längerer Aussprache beschäftigte man sich sodann mit dem Fahrpreis der Straßenbahn, wobei man zu dem Ergebnis kam, daß unter den gegenwärtigen Verhältnissen die Verbilligung der StSaßenbahn- sahrt durch Ausgabe von Fahrscheinheftchen (fünf Scheine 65 Pf.) auf 13 Pf. pro Fahrt das für den Betrieb weitmöglichste Entgegenkommen und für die Bevölkerung annehmbare Ergebnis deS Preisabbaues darstellt. Fernerhin wurde allgemein bedauert, dah die dringende Rotwendigkeit der Mitgliedschaft im Verkehrsverein von vielen Geschäftsleuten immer noch nicht erkannt, ja vielfach sogar verkannt wird. Heber- einstimmend wurde, insbesondere von Geschäftsleuten, hervorgehoben, daß es für jeden Geschäftsmann im eigenen Interesse dringend erforderlich
sei. dem Verkehrs- und Verschönerungsverein anzugehören, da durch dessen Werbetätigkeit die wirtschaftlichen Interessen der Geschäftswelt die beste Förderung erfahren.
Der vom Rechner, Kaufmann Loeb, vorgelegte Kassenbericht für 1931 verzeichnet an Einnahmen 5578,92 Mk., an Ausgaben 6705,65 Mark, mithin eine Mehrausgabe von 1126,73 Wk-, die durch Rückgriff auf das VereinSvermöacn gedeckt wurde. Das Vermögen deS Vereins belief sich nach dieser Inanspruchnahme am 31-Dezember 1931 noch auf 3802,27 Wk- Der verhältnismäßig ungünstige Kassenabschluß ist auf erhebliche Verringerung des städtischen Zuschusses und auf Ein- nahmcaussall durch Mitgliederaustritte zurück- zuführen. Dennoch ist die finanzielle Lage des Vereins alS gesund zu bezeichnen. Dem Rechner | wurde unter dankbarer Anerkennung seiner Tätigkeit für den Verein einstimmig Entlastung erteilt.
Sodann wurde der Ausschuß, aus dessen Mitte der engere und geschäftsführende Vorstand bestimmt wird, in der bisherigen Zusammensetzung einstimmig wiedergewählt.
Zum Schlüsse beschäftigte man sich mit der Durchführung von Werbemaßnahmen und mit Anregungen über die Schaffung von Ruhebänken, Omnibusverbmdungen, Telephon-Schnellverkehr usw.
Bornotizen.
— Tageskalenderfür Dienstag. Stadttheater. „Candida", 20 bis 22.30 Uhr. — Hausfrauen.Beratung: 20 Uhr, Einhorn, Ausstellung. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Ronny".
— Aus dem Stadttheaterbureau Wird uns geschrieben: Heute, 20 Hhr, Erstaufführung des Kammerspiels „Candida". Mysterium in drei Akten von Dernh. Shaw, deutsch von Siegfried Trebitsch. Peter Fossott führt Regie. Die Titelrolle spielt Frau Maria Koch. Pastor Morell wird von Peter Fassott, der Dichter Euaen March- banks von Karl Druck dargesteUt. Die Aufführung gilt als 23. Vorstellung im Dienstag-Abonnement. Ende 22.30 Hhr. — Am morgigen Mittwoch, 23. März, 19 Hhr als 23. Vorstellung im Mittwoch-Abonnement Operngastspiel des Hess. Landestheaters Darmstadt mit ,Don Juan" von Lorenzo da Ponte. Musik von W. A. Mozart. Musikalische Leitung: Dr. HarrS Schmidt-Isserstedt. Inszenierung Rabenalt und Reinking. Opernpreise. Vorzug- und Rundfunkgutscheine haben Gültigkeit. Ende 22 Hhr.
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•• Zur Wachttruppe in Berlin kom- mandiert. Die Maschinengewehr-Kompanie unsres Bataillons, die von Hauptmann Hofmann geführt wird, ist mit Wirkung vom 1. April ab auf ein Vierteljahr zur Wachttruppe in Berlin kommandiert worden. Die Maschinengewehrkompanie wird am 1. April um 14.41 Uhr von hier nach Berlin ab- fahren.
** Brand im Ba<khaus. In der letzten Nacht gegen 2.15 Uhr geriet im Backhaus des Bäckermeisters B e n d e in der Bahnhofstraße ein Holzvorrat, der dort zum Trocknen aufgeschichtet war, auf bis jetzt noch unbekannte Weife in Brand. Die Flammen ergriffen auch die Balken und die Decke des Backhauses, wodurch der Fußboden der direkt über den Backräumen gelegenen Schlafzimmer der Familie in Brand geriet Durch die Rauchentwicklung wurde die Familie gerade noch geweckt, ehe die Flammen den Ausweg aus den Schlafzimmern ver- sperren konnten. Die Familie konnte sich, zum Glück unversehrt, noch rechtzeitig in Sicherheit bringen. Die Feuerwehr hatte mit der Löscharbeit etwa zwei Stunden lang zu tun, bis die Gefahr beseitigt war. Um 4.15 Uhr konnte die Feuerwehr wieder abrücken.
** Die Ladenkasse gestohlen. In der letzten Nacht stahlen Einbrecher, die durch ein Fenster eingedrungen waren, aus dem Verkaufsraum des Metzgermeisters Dörr In der Nordanlage die La- denkasse mit etwa 30 Mark Inhalt. Die polizeilichen
Nachforschungen find tm Gange. Ver Beobachtungen gemacht hat, die zur (Ermittlung der Täler beitragen können, möge sich bei der Kriminalpolizei melden.
Wettere Lokalnachrichfen Im zweiten Blatt
Oie Wetterlage.
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Wettervoraussage.
lieber den britischen Inseln, Frankreich und Süddeutschland ist es zu Niederschlägen gekommen, di» teils dem Islandtief, teils der Mittelmeerstorung ent. stammen. Eine weitere vollständige Ausbreitung nach dem übrigen Deutschland ist nicht zu erwarten, denn der hohe Druck behauptet seine Vorherrschaft, zumal auch der Kern über Skandinavien sich weiter ausgedehnt und nach Dänemark und der Ostsee hin ver- lagert hat. Kühle Luft drinat infolgedessen vor die tagsüber ihren Einfluß auf dte Temperaturen geltend macht, und nachts gehen die Werte unter den Gefrierpunkt zurück.
Aussichten für Mittwoch: Zeitweise bewölkt, sonst aufheiternd, keine oder nur vereinzelt geringe Niederschläge, teils als Schnee, Nachtfrost, tagsüber etwas kühler.
Aussichten für Donnerstag: Fortdauer der Hochdruckwetterlage mit leichtem Nachtfrost.
Lufttemperaturen am 21. März: mittags 6,2 Grad Celsius, abends 2,5 Grad: am 22. März: morgens — 0,7 Grad. Maximum 6,5 Grad, Minimum —2,6 Grad — Erdtemperaturen in 10 cm Tiefe am 21. März: abends 4,9 Grad: am 22.Mär§: morgens 1,8 Grad Celsius. — Sonnenscheindauer 4n Stunden.
Sprechstunden der Redaktion.
1L30 bis 12.30 llyr. 16 bis 17 Uhr. Samitag nachmittag geschloffen.
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