Ur. 68 Zweiter Blatt
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Montag, 21. März (952
9Ji.-lport
Ruderer-Jubiläum
50 Jahre Mitglied der GRG.
3n diesen Tagen konnte Herr Karl K r a i l i n g auf eine 50jährige Mitgliedschaft bei der Gießener Rudergesellschaft von 1 8 7 7 zurückblicken. Bereits als Schüler widmete er sich mit großem Eifer dem Rudersport: er errang auf namhaften Regatten eine Anzahl ehrenvoller Siege und trug dadurch dazu bei, den Ramen seines Vereins weit über Grevens Mauern hinaus bekannt zu machen. In spateren Jahren verlegte er sich mit Erfolg aus die Ausbildung der Mannschaften und bewies dabei eine glückliche Hand. Auf den Regatten der näheren und weiteren Umgebung wurde der stattliche Mann bald zu einer bekannten Erscheinung. Karl K r a i l i n g verstand es ausgezeichnet, seinem Sport und seinem Verein immer neue Freunde zu gewinnen und sie namentlich auch in schweren Zeiten dem Verein zu erhalten. Um did Er- stell ung des alten wie auch des neuen Bootshau- seS hat er sich wesentliche Verdienste erworben und die Anschassung einer Anzahl Voote geht auf seine Tatkraft und auf sein Eintreten bei bewährten Freunden zurück. Bei der schlichten Feier, die die Gießener Rudcrgesellschast ihrem hochverdienten und verehrten Mitglied veranstaltete, konnte der Jubilar eine Spende zur Erneuerung des Dootsparkes übergeben, die seinen Ramen trug.
Fußball der Gießener Mannschaften.
DaS Spiel der Liga des DsD. gegen die Mannschaft von .Viktoria" Frankfurt-Eckenheim nahm den erwarteten Verlaus und endete mit einem in den letzten Sekunden allerdings ernst errungenen Sieg der DfVer. Das Ergebnis lautete 2:1 (0:0) für DfV. Die dritte Mannschaft trat in Dutenhofen nicht an. Die 1. Jugend gewann in Butzbach mit 1:4, die 2. Jugend spielte in Leihgestern gegen die dortige 1. Jugend unentschieden 2:2. Das Spiel der Schüler fiel aus, da die Schüler von 1900 nicht antraten. 3m Spielprogramm der Spielvereinigung waren einige Ausfälle zu verzeichnen. Die Mannschaften von Leihgestern hatten abgesagt, so daß nur fünf Spiele ausgetragen wurden. Die Liga weilte in Wetzlar und wurde entgegen allem Erwarten nach einem überaus harten und fchnellen Spiel mit 3:2 geschlagen. Die Ligareserve gewann gegen Steinbach I 3:2. die IV. behielt gegen Steinbachs 11. mit 3: 1 die Oberhand. Die Spiele der UI., der V. und der II. Jugend sielen aus. Die 1.3ugend gewann gegen die I. vom Sportverein Wetzlar 4:0, die III. Jugend gegen die II. von Wetzlar mit 2:0.
Fußball in Hessen-Hannover.
Um den Abstieg.
3n der Rord gruppe ist die Frage nach dem Abstieg bereits entschieden: Tura Kassel, Gr. Allmerode, FE. Grone, Rortheim, Einbeck 05 und Sp. Vg. Göttingen sind zum Abstieg in die zweite Klasse verurteilt. 3n den Rachhutgefechten deS Sonntags siegte in der Rordgruppe Sport Kassel über Sp. Vg. Göttingen mit 4:1, Einbeck schlug Grone mit 5:3.
Auch in der Südgruppe stehen von den fünf Absteigenden bereits vier sest, nämlich: Germania Fulda, Horas, VfB. Gießen und Ockers- Hausen. Der fünfte Absteigende mußte zwischen den Vereinen SC. 03 Kassel, Kurhessen Kassel
und Hessen 09 Kassel noch ermittelt werden. Die in der Abstiegsfrage entscheide "'en beiden Treffen stiegen am Sonntag. 3n Kassel standen sich SC. 03 und Kurhessen gegenüber. Die Kurhessen holten ein glückliches Unentschieden heraus ,1:1) und können somit gegen Hessen 09, das in Horas ebenfalls nur ein 1: 1 erzwang, ein Entscheidungsspiel austragcn. Für den SC. 03 genügte der eine Punkt, um ihm den Verbleib in der ersten Klosse zu sichern. 3n einem Gesellschaftsspiel schlug Borussia Fulda den Spielverein Kassel mit 5:4 Treffern.
Wiener Erfolge am Samstag.
Das Auftreten des Wiener Sportclub-- in Aschaffenburg gegen die dortige Viktoria hatte einen neuen Zuschauerrekord zur Folge. 4000 Zuschauer bedeuten für den Aschaffenburger Fußball einen großen Erfolg. Das Spiel selbst bot technisch hervorragende Leistungen von feiten der Wiener. Die Bayern hatten zur Verstärkung den ehemaligen Internationalen Heiner Stuhlsauth vom 1. FC. Nürnberg im Tore stehen, der aber stark enttäuschte. Der überlegenen Technik der Wiener letzten die Kreisligisten einen lobenswerten Eifer entgegen und erzielten so ein Resultat, das durchaus ehrenvoll ist. Bis zur Pause holten die Gäste eine 4:2-Füh- rung heraus. Noch dem Wechsel waren beide Parteien noch je zweimal erfolgreich, so daß das Treffen mit einem 6:4>Erfolg der Wiener endete.
Süddeutschland —Lombardei 1:1.
Mit seinen Erfolgen in den letzten Monaten ist der süddeutsche Fußball wieder etwas mehr in den Brennpunkt des deutschen Fußball-In- teresseS gerückt. Das Interesse erhöhte sich nach dem Leipziger Länderspiel gegen die Schweiz, wo vielfach in der Kritik des Kampfes und der Leistungen zum Ausdruck kam, daß mit den süddeutschen Rachwuchsspielern im deutschen Sturm der Sieg gegen die Schweiz eindrucksvoller gelautet hätte. Dieses 1:1-Ergebnis, das die süddeutsche Auswahlelf in Mailand erzielte, bedeutet alles andere denn eine Enttäuschung. Denn einmal wurde das Spiel auf italienischem Boden ausgetragen und stellte durch Klimawechsel, die weite Reise erhöhte Ansprüche an die Spieler. Weiterhin zeigte es sich im Spielverlauf der ersten Halbzeit, daß in technischer Hinsicht unsere Vertretung eine bemerkenswerte Reife erlangt hot, die die Azurris nicht oufzuweisen hatten.
Süddeutschland spielte in solgender Aufstellung: Kreß (Rotweiß Frankfurt): Schütz, Stubb (Eintracht): Grämlich (Eintracht). Tiefe! (Union Frankfurt), Schäfer (München 1860): Langenbein (VfR. Mannheim), Ruh (Rotw.), Leichter (Union Frankfurt), Rühr (Schweinfurt) Lindner (Union Frankfurt).
In der ersten Halbzeit lieferten die Süddeutschen eine bestechende Partie. Zeitweilig standen sechs Italiener in der Verteidigung. Dabei hatten unsere Spieler eine gehörige Dosis Pech. So fanden zwei von Ruh und Langenbein erzielte Treffer nicht die Anerkennung des Unparteiischen, so daß sich die Süddeutschen lediglich mit einem Treffer als der Ausbeute ihrer Ueberlegenheit begnügen mußten. Abermals war es Ruh gewesen, der ihn unhaltbar eingeschossen hatte. Doch noch vor dem Seitenwechsel brachte ein Durchbruch den Italienern durch ihren Rechtsaußen Areari den Ausgleich. Dabei blieb es. Die zweite Spielhälfte sah dann die Lombarden in Front, die jetzt mit riesigem Elan gegen das
Gießener Stadttheater.
Shakespeare: „Romeo und Julia".
Von diesem Werk des jungen Shakespeare, dem der Stoff über eine Historie von Arthur Brooke aus einer Novelle des Italieners Matteo Bandello zusloß. wurden vor Jahrhunderten die Herzen erschüttert wie heute. Dor dem düsteren Hintergründe vererbter Feindschaft, tiefeingewurzelten Familienhasses dec beiden verfehdeten Geschlechter erhebt sich das schmerzliche Liebesschick- fal des jungen veronesischen Paares zu klassischer Größe. Die tragische Verknüpfung der Begebenheiten treibt Mann und Mädchen mit einer so grausamen Unentrinnbarkeit dem schrecklichen Untergang zu. daß man der Schilderung von ihrem Glück und Ende mit der tiefen Anteilnahme des Mitleidens folgt, die der Hamburgische Dramaturg von der erhabensten dichterischen Form auf der Schaubühne gefordert hat.
Die stürmische Leidenschaftlichkeit des Gefühls, die lyrische Zartheit und der echt dramatische Schwung des noch jugendlichen Dichters machen das Schauspiel zu einem der großen und unvergänglichen Liebesgedichte der Weltliteratur, Helden und Heldin zu einem jener klassischen Liebespaare, die wie Hero und Leander, Margarete und Faust, Tristan und Isolde aus ihrer zeitlichen und nationalen Begrenzung in den ewigen Vorrat und unvergänglichen Besitz großer Poesie etngegangen sind.
„Der harmonische, schöne Eindruck dieser Tragödie entsteht daher" — so bemerkt Otto Ludwig in seinen Shakespeare-Studien —. „daß die beiden Liebenden alles Interesse in sich konzentrieren, daß der schmerzliche Ausgang nur von ihnen selbst kommt. Sie töten sich beide selbst: keine barbarische oder gewaltsame Handlung eines Dritten erregt Haß, oder wenn er es tun müßte, leitet er nicht einen Teil des Interesses von dem Paare auf sich Sie leiden das äußerste nur durch ihr eigenes Handeln, auch tritt dieses durch das ganze Stück nicht als gewaltsames, sondern mehr in der Form des Leidens, also selbst die Schuld Mitleid erregend auf. ... Die Liebenden haben solchergestalt die tragische Stimmung in sich selbst und müssen sie daher im Zuschauer wecken."
Dabei bleibt immer zu bedenken, daß wir die unmittelbaren Wirkungen dieser Tragödie, wie des ganzen Shakespeareschen Dramenwerkes, auf die Zeitgenossen nur ahnen können: aber die Mittel, mit denen das Theater jen^r Epoche arbeitete, sind uns bekannt: wir staunen heute über die grandiose Einfachheit der Shakespeare- Bühne und des Schaugerüstes der wandernden englischen Komödianten, die ihren großen Lands
mann aus Stratford zuerst bei uns eingeführt haben. Man muß sich vorstellen, wieviel damals der Phantasie des Menschen im Theater zugemutet oder überlassen werden durfte: der Zuschauer mußte sich mit bescheidenster Andeutung begnügen, mit einer primitiven Bühne, wo je nach bet Inschrift einer aufgepflanzten Tafel Stadt, Wald, Palast, Garten, Straße oder Friedhof sich auftat, — wo allein von der Menschenkunst, der Seelenkennerschaft und der Sprachgewalt des Dichters jedermann bezwungen und ergriffen wurde.
Der Rcgiestil für Shakespeare-Inszenierungen hat sich im Laufe der Zeit gewandelt und neuerdings wohltuend vereinfacht. Man bemüht sich, wenn nicht zu den primitiven Anfängen zurückzukehren, so doch — unbeschadet aller technischen Errungenschaften und Bühnenmöglichkeiten des modernen Theaters — zum Wesenskern des klassischen Dramas vorzudringen.
In diesem Sinne wirkte arrch die Aufführung unter der Regie des Intendanten Dr. Prasch, der das Werk alles überflüssigen und retardierenden Beiwerks enttleidet hatte und um die Her- ausarbeitung der Grundlinien in der Dramenarchitektur der altenglischen Weise von Liebe und Tod glücklich bemüht war.
Zwar verzichtete er nicht auf einige Szenen voll Drastik und Komik, mit denen Shakespeare fast immer auch seine Trauerspiele belebt, streckenweise entlastet und kontrastiert, aber die von heißem und jugendlichem Schwung und Aeberschwang erfüllten Szenen der Liebenden blieben stets nach Gebühr mit aller schmerzlichen Süße und mit ihrem vollen tragischen Schwergewicht in der Mitte dcs Spiels.
Die zur Handlung gehörige, stimmungsvolle uvd melodiöse Musik ist von Kapellmeister Walter M o e h l nach alten Motiven zusammengestellt. Bühnenbildner Löffler hatte die Szenerie plastisch und großzügig bei guter Raumverteilung auf der Drehbühne konstruiert.
Capulets Tochter war Beatrice Doering; wenn es richtig ist, daß die Balkonszene der wahre Prüfstein für jede Julia sei, dann hat sie die Probe mit Ehren bestanden: in der Tat ist in diesem schönsten Teil des ganzen Werkes die volle Spannweite der darstellerischen Ausgaben und Möglichkeiten, zumindest im Keim und andeutungsweise, enthalten, und die Steigerung und Entfaltung in der späteren Schlaszimmerszene entwickelte und bestätigte durchaus, was dort vorbereitet und präludiert wurde. Eine schone, im Lyrischen wie im Heroischen ausgeglichene Leistung.
Den Romeo gab Raimund Schelcher: in guter Maske und guter Haltung, vor allem mit der himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübten Jugendlichkeit, die man in früheren Zeiten oft genug am Romeo peinlich vermissen muhte: er bringt eine wohlbemessene Steigerung in den 2161 auf
süddeutlche Tor anstürmten. Doch hier stießen sie in Schütz, Kreß und Stubb aus ein Bollwerk. daS nicht mehr zu schlagen war und sich auch in den gefährlichsten Momenten behauptete. Es blieb bei dem Unentschieden. Begeistert wurde die süddeutsche Qkrlei&igung gefeiert, als der Schlußpfiff des Schiedsrichters den Kampf beendete.
Und Oesterreich — Italien ...
Ein weiteres wichtiges Ereignis war der Länderkampf zwischen Oesterreich und Italien in Wien, den die Oestcrreichec knapp 2:1 für sich entschieden. Die Oesterreicher haben damit im internationalen Cup den Anschluß wieder hergestellt.
Kurze Sportnotizen.
Jin Endspiel um den Hockey-Silber- s ch i l d siegte in Berlin Brandenburg über Norddeutschland überraschend hoch mit 9:0 (6:0).
Weitere Bezirksmeister wurden im west- deutschen Fußball in Hüsten 09 (Südwestfalen) und SpVg. Herten (Westfalen) ermittelt.
Schwarz-Göppingen gewann in Paris ein 200-Meter-Druftschwimmen gegen die besten französischen Brustschwimmer in 2:53 Minuten ganz überlegen.
Toni Bauhofer holte sich bei den Ecken- rieberennen auf seiner 0K>V-Maschine mit der besten Gesamtleistung den Titel eines „Eilenriede- meisters 1932“.
Oxford wurde am Samstag im traditionellen Ruderkampf von Cambridge mit fünf Längen Vorsprung zum neunten Male hintereinander geschlagen. ___
25 Jahre Bischof von Fulda.
WSR. Fulda, 20. März. Der Bischof von Fulda, Dr. Joseph Damian Schmitt, konnte am Samstag auf eine 25jährige Tätigkeit in der Dischofstadt Fulda zurückblicken. Er ist am 22. April 1858 in Marbach im Kreise Fulda geboren und wurde nach dem Tode des Bischofs Adalbert E n d e r t im Jahre 1906 vom Domkapitel zum Bischof erwählt und am 19. März 1907 in der Fuldaer Kathedrale vom Bischof von Limburg, Dr. Dominikus Willi, feierlich geweiht. Aus Anlaß des Jubiläums fand am Samstag ein Empfang im Bischöflichen Palais statt. Dom Papst traf am Samstagmotgen ein Glückwunschtelegramm ein. Dor einigen Tagen hatte bereits Kardinal Bertram im Ramen des Episkopats dem Jubilar ein Glückwunschschreiben übersandt.
Obcröü' g rmeifter Dr. Danzebrinck hat dem Bischof aus Anlaß seines Dischofsjubiläums den Ehrenbürgerbrief der Stadt Fulda überreicht.
Eine ganze Familie als Ladendiebe.
WSR. Frankfurt a. M., 19. März. Der Frankfurter Kriminalpolizei ist es gestern gelungen, eine ganze Familie fe st zunehme n, die sich als Ladendiebesbande spezialisiert hatte. Nachdem schon seit längerer Zeit Verdacht auf die einzelnen Mitglieder dieser Familie bestand, wurden sie in letzter Zeit unter besondere Beobachtung gestellt. Als nun gestern die Polizei die Bande wieder bei der Arbeit in verschiedenen Warenhäusern erwischte, griff sie zu. Es handelt sich um die 52jährige Ehefrau Barbare Lauer, die schon 20mal wegen des glei chen Vergehens vorbestraft ist, um ihren 32jährigen Sohn Lothar, den Bräutigam der Tochter, den 23jährigen Heinrich Heil und den Untermieter Paul Kühnel, 27 Jahre alt. Bei der Haussuchung wurde ein ganzes Warenlager gestohlener Gegenstände zutage gefordert. Alle vier wurden in Haft genommen.
seiner Rolle —: von der müden Melancholie der ersten Szenen schnell hinüberwechselnd in die bis zuletzt ausgehaltene, romantisch gespcmnte Gefühlslage seines Helden: er sollte sich hier und da vor allzu heftigen Temposteigerungen hüten, war aber im ganzen ein seiner Partnerin durchaus ebenbürtiger Liebhaber und Held.
Eine echte Shakespeare-Figur: der von Hauer mit Humor und Schwung sehr gelost und beweglich gespielte Meccutio: ein derber Kavalier und guter Kamerad. Luise Schubert - Jüngling als Amme und Hub als Diener Peter belebten die Szenerie mit drastischer Komik und barockem Gebärdenspiel. Heys er gab in scharfer Charakteristik den heißblütigen und jähzornig ausbrechenden Tybalt: Do Ick, ausgezeichneter Sprecher, den in grimmiger Unversöhnlichkeit und Strenge erstarrenden Vater Capulet: Sa ff ott einen milden und verständnisvoll hilfsbereiten Franziskaner- Bruder Lorenzo.
Druck war der diskret und nobel gespielte Denvolio, Ja ns check ein würdiger Paris: W. Michel, in der repräsentativen Rolle des Fürsten Escalus, Kühnes Montague und Geiger (Gregorio und Apotheker) fügten sich mit sicher umrissenen Figuren ins Ensemble ein.
Die Aufführung hinterließ einen starken, einheitlichen Eindruck und sand verdientermaßen lebhaften Beifall. hth.
Oberhessischer Kunstverein.
Tischbein-Ausstellung.
Die Ausstellung, welche Porträts, Miniaturen und Dokumente aus dem Besitz der Grafen von Solms-Laubach umfaßt, ist nicht etwa, wie aus dem Namen Tischbein geschlossen werden könnte, als eine Huldigung an Goethe gedacht, sondern sie vermittelt dem Beschauer einen Einblick in das Werk von zwei begabten Mitgliedern der berühmten Malerfamilie: von Johann Valentin (1714 bis 1767) und von Anton Wilhelm (1734 bis 1804), dem ältesten und dem jüngsten Sohne des Bäckermeisters Tischbein zu Haina. (Einige Daten über die Familie wurden bereits im lokalen Teil zur Orientierung veröffentlicht.) Die beiden hier vor- geführten Künstler waren nacheinander zunächst als Sekretäre des Grafen von Laubach engagiert und wurden später zu Hofmalern ernannt. Ihr Werk ist wenig oder gar nicht bekannt, und es erscheint besonders verdienstlich, daß gerade der hiesige Kunst- uercin dieser im Hessischen angesiedelten Malerei den Weg in die Oeffentlichkcit bereitet hat. Die Ausstellung als Ganzes macht einen galeriemähig geschloffenen Eindruck: sie ist thematisch, ftif» und gab lungsmäßig verbunden und beansprucht natürlich nicht allein kunsthistorisches, sondern auch, als eine Art von Ahncngalcrie, familicn- und heimatgcschicht-
Oberheffen.
Stadtvorstandssitzung in Alsfeld.
M Alsfeld. 17. März. 3n der jüngsten Sitzung deS Stadtvorsiandes wurde der Doranschlag dcs städtischen Schlacht- Hofes für das Rechnungsjahr 1932 vorgelegt. Der Voranschlag schließt in Einnahme und Ausgabe mit 25 094 Mark ab, wovon 22 394 Mark aus die Detriebsrechnung und 2700 Mark auf die Dermögensrechnung als Rücklage entfallen. Bei ordnungsmäßiger Abschreibung mühte bic Rücklage 5939 Mark betragen, so daß sich bis zur Rentabilität ein Fehlbetrag von 3239 Mark ergibt. Von einer Ermäßigung der Gebühren konnte daher keine Rede sein. Die Metzger-Innung hatte eine Herabsetzung der Miete für die Kühlzellen um 20 Prozent beantragt. Der Voranschlag wurde unverändert angenommen.
Von den Fischereipächtern lag ein Gesuch um Herabsetzung der Fischereipacht vor unter Hinweis auf die allgemeinen Veränderungen der wirtschaftlichen Verhältnisse. Es wurde beschlossen, den Pächtern für das laufende Pachtjahr einen Nachlaß von 25 Prozent zu gewähren, nachdem sich ergeben hat, daß auch die fiskalischen Fischereien einen entsprechenden Pachtnachlah erfahren.
Die Festsetzung des TaglohnS für die Fuhrleistungen im Rj. 1932 ergab Ablehnung des zu hohen Angebots der vereinigten Fuhrwerksbesitzer und weil die Fuhrwerksbesiher erklärt hatten, billiger fahren zu wollen, wenn der städtische Fuhrpark abgeschafft würde, das abgelehnt wurde.
Ein Gesuch deS Reichsbanners, Ortsgruppe Alsfeld, um ileberlaffung der Reithalle zur Abhaltung von Kleinkaliberschießübungen tourbe unter den von der Bürgermeisterei festzusetzenden Bedingungen genehmigt. Die Vertreter der NSDAP, kündigten daraufhin ein gleiches Gesuch ihrerseits an.
Hinsichtlich der Verzinsung der städtischen Baudarlehen und sonstigen Forderungen wurde eine Zinssenkung gemäß den Vorschriften der 4. Notverordnung vom 8. De- zenrber 1931 beschlossen.
Landkreis (Hießen.
x Garbenteich, 19. März. Dieser Tage hielt der Frauenverein in Garbentcich seinen Schlußabend mit Generalversammlung ab. Mit Befriedigung konnte auf das Wirken dcs Vereins im verflossenen Jahre zurückgeblickt werden. Besonders erwähnt seien die stimmungsvolle schlichte Weihnachtsfeier, ein Vortrag von der Missionarin Frl. Steiner über „Kriegserlebnisse in Indien", ein Vortrag von der Kreisvorsitzenden der Frauenvereine, Frau K r e u d e r (Gießen), über Fragen, die das Vereinsleben und den Verband der Frauenvereine betreffen, und ein Vortrag von der Fürsorgeschwester Amalie Schmölze (Gießen), die an Hand von Lichtbildern über Säuglingspflege sprach.
V Watzenborn-Steinberg, 19. März. Zu einer gemeinsamen Schlußfeier ihrer dieswinterlichen Zusammenkünfte hatten sich im Saale der „Krane^ zu Steinberg in sehr großer Anzahl die Mitglieder des Evang. Frauenvereins und der Mädchenvereinigung zufammengefun- den. Der Abend nahm einen anregenden Verlaus. Die Mitglieder der Mädchenvereinigung trugen dazu wesentlich bei durch flotte Darstellung dreier Theater stücke, teils ernsten, teils heiteren Inhalts und durch prachtvoll getanzte Volkstänze. Dazwischen erklangen gemeinsam gesungene Lieder und wohlgelungene Musikvorträge für Klavier und Violine. Pfarrer S t a n b a ch sprach das Begrüßungs- und das Schlußwort.
I liches Interesse. Man sieht hier bis auf eine einzige | Landschaft von Laubach ausschließlich Porträts: Uniformen, Stoßdegen, Reifröcke und Perücken deuten die historische Einheit an und ordnen die Porträtfolge chronologisch ein. Die Arbeiten selbst sind nicht nur in Format und Ausführung, sondern auch ihrem künstlerischen Range nach variabel. Von den acht Bildern des Johann Valentin sei zunächst das encr gische und lebenskräftige Bildnis der Prinzessin Augusta Maria zu Stolberg-Gedern genannt, boneben sind die Porträts des Grafen Christian August zu Solms-Laubach, des Rheingrafen von Grumbach und das Bildnis einer unbekannten Dame hervor- zuheben.
Unter den Bildern Anton Wilhelms zeichnet sich neben manchen konventionelleren Arbeiten das sehr zarte, elegante und pikante Porträt der Gräfin Elisa beth Charlotte besonders aus: dieses Bildnis in Blau ist ein Werk von liebenswürdiger Unmittel barfeit des persönlichen Ausdrucks und künstlerisch wohl die bedeutendste Arbeit in diesem Kreise. Von repräsentativer Haltung daneben die Porträts des Grafen Christian August und des Erbgrasen Georg August Wilhelm zu Solms-Laubach. Stilistisch inter essant erscheint das noch ganz barock empfundene, pompös komponierte Bildnis des Grafen Friedrich Ernst: in reizvollem Kontrast übrigens neben dem sehr damenhaften Rokokobild der Dorothee Wilhelmine von Bötticher. In der langen Reihe von Grasen, Erbgrasen, württembergischen Herzögen und Laubacher Offizieren beansprucht das anmutige Kin öerporträt der kleinen Prinzeß von Braunfels (1765) besondere Aufmerksamkeit. — In den beiden Vitrinen findet man neben Photos von Gruppenbildern und Medaillon-Miniaturen allerlei Urkunden und handschriftliche Abrechnungen, die, als kulturhistorische Dokumente bemerkenswert, das Bild dieser Ausstellung angenehm vervollständigen.
Zur Eröffnung hielt am Sonntagvormittag bei sehr gutem Besuch Pros. Dr. Luthmer, Direktor der Staatlichen Gemäldegalerie in Kassel, einen Einführungsvortrag. Prof. Luthmer sprach einleitend über die weitverzweigte Familie Tischbein, in der mehr als dreißig Mitglieder als Maler tätig waren: er betonte die Schwierigkeit, ihre Beziehungen untereinander zu klären und die einzelnen Arbeiten zu scheiden. Als die drei bedeutendsten Tischbeins charakterisierte er Johann Heinrich den Aelteren, Heinrich Wilhelm, den Gocthe-Tischbein, und den eleganten Zeichner Friedrich August, der in Leipzig lebte. Als Beitrag zur Klärung der verwickelten Familienverhältnisse sei die hiesige Ausstellung faudj tunff - soziologisch und kunstvödagogisch) besonders verdienstlich: die Untersuchungen des Dr. Otto Ernst Grafen zu Laubach haben dankenswerte Ergebnisse zutage gefordert. Prof. Luthmer schloß seinen instruktiven Vortrag mit einer abgrenzenden Charakterisierung der hier vorgestellten Brüder Tischbein unb einigen grundsätzlichen Bemerkungen zur modernen Kunst. -y-


