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20.12.1932 Frühausgabe
 
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Dienstag, 2!). Dezember 1932

182. Jahrgang

Nr.209 Keühattsgabe

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Drrrf rnd Derloa: vrtihl'sche Unwersttäis-Vuch- nnö Steinöruderei H. tanqe in Gießen. Sdfriftlettung und Geschcift?Nells: SdraRrato 7

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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Doütifi Dr. Fr. Wilh. Gange; für Feuilleton Dr H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein Und ür ^e" An­zeigenteil i.D.TH.Kümme! iämtlich .n Giegeil.

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9er Mnderheifenschutz gegen die polnische Agrarreform.

Neue Beratungen in Genf. - Die Entscheidung auf Januar vertagt.

Rußlands Außenminister

Genf, 19. Dez. (WTB.) Die Frage der An­wendung der polnischen Agrarreform und des Vorkaufsrechts auf den Besitz der deut­schen Minderheit in Posen und Pommerellen ist heute vom Dölkerbundsrat endgültig auf die Januartagung vertagt worden.

Der Vertreter Japans teilte als Bericht­erstatter nut, daß seit der letzten Ratssitzung vom 9. Dezember, in der der deutsche Außenminister Frhr. v. R c u r a t h den Bericht über diese Frage in einer ausführlichen kritischen Stellungnahme als nicht annehmbar bezeichnet hatte, neue Beratungen des Ratskomitees, bestehend aus dem Berichterstatter und je einem Vertreter Englands und Italiens, stattgefunden hätten. Diese Bera­tungen, in denen der Bericht erneut im Lichte der Ausführungen des deutschen Außenministers geprüft worden sei, hätten noch zu keinemEr- g e b n i s geführt. Die Vorschläge, die im Laufe der Diskussion gemacht worden seien, hätte das Komitee als nicht geeignet angesehen, um dem Rate einen neuen Vorschlag, der für alle Mitglie­der des Rates annehmbar sei, zu machen. Unter diesen Umständen schlage er eine Vertagung vor. damit das Komitee seine Arbeiten bis zu einem endgültigen Ergebnis fortsehen könne.

Der deutsche Vertreter, Ministerialdirektor Dr. Meyer, gab in sehr bestimmter Weise der Er­wartung Ausdruck, daß

die Frage bald und endgültig eine Regelung finden müsse, die den Interessen der deutschen Minderheit gerecht wird

Er wolle nicht verhehlen, daß er den Vorschlag der Vertagung nur ungern annehme. Es scheine in­dessen wichtig,' daß der Berichterstatter, indem er die Vertagung beantrage, den Wunsch äußerte, seine Bemühungen fortzusetzen. Er habe die feste Hoff­nung, daß es auf diese Weise möglich sein werde, zu einer Regelung zu kommen, die die Interes­sen der Minderheit in Pofen und Pom-> merellen auf praktische und zufriedenstellende Weise wahre, sowohl im allgemeinen, wie in Einzelfal- len In diesem sinne erkläre er sich mit der Ver­tagung einverstanden Der deutsche Vertreter wies sodann noch auf die großen Besorgnisse hin die in dieser Frage bei der deutschen Minder­heit bestehen Es sei schon Die: Zeit ver­loren gegangen: eine endgültige Entscheidung auf der nächsten Tagung des Rats fei unerläßlich.

Der Vertreter Polens, Graf Raezynski, beanstandete, daß der Berichterstatter nicht ge­nügend klar heroorgehoben habe woher die Schwie- rigleiten für die endgültige Aufstellung eines Be­richtes rührten. Zu 'einem lebhaften Erstaunen müsse er feststellen, daß die Fotae der Schwierig-, feiten, die von dem deutschen Vertreter gemacht worden seien, eine neue Vertagung sei.

Die polnische Regierung hätte eigentlich er­wartet, daß der Rat unter diesen Umständen das verfahren abgeschlossen

und Deutschtanv oie doUc Verantwortung für die Situation, die es geschaffen habe, überlassen hätte. Er sei zu der Erklärung ermächtigt, daß die polnische Regierung sich Vorbehalte, zu ge­gebener Zeit ihre Haltung bezüglich dieses Be­richtes zu präzisieren.

Auf diese Erklärung erwiderte der deutsche Vertreter, daß die Schwierigkeiten, auf die der Vertreter Polens anspiele, in keiner Weise von feiten der deutschen Regierung gemacht wür­den. Die Gründe, weshalb die deutsche Regierung den Bericht nicht hätte annehmen können, seien in der Sitzung vom 9. Dezember durch Freiherrn v. Reurath in sehr eingehender Weise ausein- ondergesetzt worden. Der deutsche Außenminister habe alle notwendigen Angaben und Infor­mationen gegeben, und er habe zudem auch ge­naue Vorschläge gemacht, um die Interessen der Minderheit zu wahren, um das ihnen zugefügte Tlnrecht wieder gut-umachen.

Die deutsche Regierung fühle sich voll verant­wortlich gegenüber der deutschen Minderheit in Posen und Pommerellen, und sie übernehme diese Verantwortung.

Der polnische Vertreter ergriff hierauf nochmals das Wort, wobei er über das zur De­batte stehende Thema hinausgehend auf die all­gemeinen Fragendes Minderheiten­schutzes hinübergrifs und dabei die Erwartung aussprach, daß Deutschland sich ebenso wie Polen zu vertraglichen Bindungen gegenüber feiner Minderheit verpflichten solle.

Der d e u t f ch e Vertreter konnte die Be­merkungen über die angeblich unbefriedigende Lage der polnischen Minderheit in Deutschland mit dem unwiderleglichen Hinweis beantworten, daß der Döllerbundsrat erst in letzter Zeit eine Klage der polnischen Minderheit als vollkommen unbegründet zurückgewiesen habe.

Nachdem der Vorsitzende des Völkerbundsrates, Lester- Irland, zum Schluß darauf hingewiesen hatte, daß die Lösung der Schwierigkeiten nur gefunden werden könne, wenn auf beiden Seiten der gute Wille vorhanden sei, beschloß der Rat die Vertagung auf Januar.

Die polomsierungsardeit in Schlesien.

K a 11 o to i ij . 19. Dez. (SSL) In Kattowitz I sand am Sonntag auS Anlaß des 10jährigen Be- 1

stehens des Westmarkenvereins in Pol- nisch-Oberschlefien eine Feier statt, an der der Hauptvorstand des Westmarkenvereins und der schlesische Woiwode teilnahmen. Don den gehal­tenen Ansprachen ist besonders bemerkenswert die Rede des 1. Bürgermeisters von Kattowih, Ko- cor, der dem Wojwoden für seine .Ver­dienste um d i e Polonisierung Schle­siens" dankte. Er hob hervor, daß in den ver­gangenen 10 Jahren Schlesiend i e pol­nischste Provinz Polens" geworden fei und gab der Hoffnung Ausdruck, daß in einem weiteren Jahrzehnt die Polonisierung solche Fort­schritte gemacht habe, daß das Deutschtum vollkommen verschwunden sein werde. (Sind die Minderheitenschuhverträge? D. Red.)

Belgrad. 19. Dez. (MTV.) Die außerordent liche Konferenz der Kleinen Entente wurde heute abend beendet. Die Konferenz war mit folgenden vier Tagesordnungspunkten einberufen worden:

1. Die Abrüftungsfrage 2. Ostreparationen. 3. Fragen der wirtschaftlichen Organisation Mittel­europas und 4. Stellungnahme zur revisionistischen Kampagne Das amtliche Kommunique behandelt dir wirtschaftlichen und politischen Ta­gesordnungspunkte zusammen, indem es sagt, die drei Außenminister seien zu der Ueberzeugung ge­kommen daß das gemeinschaftliche Interesse eine konsequente Aktion Oer Staaten der Kleinen Entente in allen politischen und wirtschaftlichen Fragen erfordere. E» wurde be­schlossen. einen Rot der dreiAußenminister, der mindestens dreimal jährlich zusammentreten soll, als permanentes Organ zu schaffen und weiter ein ständiges Sekretariat der Klei­nen Entente

Italienische Gebietsansprüche im Hintergrund

London, 19. Dez. (CNB.) Zur Konferenz der Kleinen Entente in Belgrad weiß Pertinar aus Paris zu b"richt"n, daß die Verhandlungen in Bel­grad der neuesten Entwicklung der italieni­schen Po i t" f gelten, An und für sich seien die jüngsten Differenzen zwischen Italien und Jugo­slawien unbeträchtlich, aber amtliche Kreise in Pa­ris seien darüber beunruhigt, daß Mussolini im November dem Senator Bsrenger und an­deren hervorragenden Franzosen gegenüber auf die Notwendigkeit territorialer Aende- rungen in Europa hin gewiesen habe, die mehr als ausreichen würden, um einen euro­päischen Krieg zu entfesseln.

Mussolini toll u. a. den Anspruch erhoben haben, daß Italien als Rachfolger der öslerreichisch- ungarischen Monarchie angesehen werden müsse.

Seine Wünsche in bezug auf den Balkan seien von solcher Art, daß sie nur einigen der ..pan- germanischen Pläne der Vorkriez-zett" (!) ver­glichen werden könnten. Die Zwüchensäll, in Dal­matien hätten die Beunruhigung stark erhöhtt Das italienische Budget für 1933.

Abstriche an den kosten der Landes­verteidigung.

Rom, 19. Dez. (WEB.) 3m heutigen Minister» rat wurde der Voranschlag für das Etats­jahr 1933 34, beginnend mit dem 1. Juli 1933, behandelt. Bei einer Gesamtausgabe von rund 20,0 Milliarden Lire wird mit einem Passiv- saldo von rund 2,9 Milliarden Lire gerechnet. Für die drei Ministerien für Landesver­teidigung sieht der Voranschlag eine Kür­zung von rund 175 Millionen vor, und zwar für das Kriegsministerlum bei einer Aus­gabe von rund 2;6 Milliarden eine Herabsetzung von 340 Millionen, für das Marineministerium bei 1,350 Milliarden eine Kürzung um 180 Mil­lionen, und für das Luftfayrtministerium bei 695 Millionen eine Kürzung von 58 Millionen Lire. Die Erhöhung des Budgets für das Acker­baumini stcrium von 78 Millionen auf 550 Millio­nen wurde für Meliorierungsarbeiten, sowie für Maßnahmen zur Erleichterung der Krise aus- geworsen.

Echo aus Genf.

Genf, 19. Dez. (TU.) Die Konferenz der Außenminister der Kleinen Entente in Belgrad findet hier starke Beachtung und wird als ein Versuch der kleineren Mächte bewertet, gegen die von den fünf Großmächten ver­einbarten regelmäßigen Zusammentritte zur Be­handlung aller großen internationalen Fragen Stellung zu nehmen.

DasJournal des Rations", das regelmäßig Informationen aus maßgebenden s r a n z ö s i -

in Berlin

Besuche bei Schleicher und Neurath.

Berlin, 19. Dez. (WTB.» Volkskommissar Litwinow, der auf der Rückreise von Gens nach Moskau zu kurzem Aufenthalt in Berlin eingetrof.cn ist, stattete heute dem Herrn Reichs­kanzler v. S ch l e i ch e r und dem Reichsauhen- Minister Freiherm v. R e u r a t h Besuche ab. In den« Unterredungen wurden die Deutschland und die Sowjetunion gemeinsam berührenden Fragen durchgesprochen und die völlige Liebereinstimmung in den Auffassungen der beiden Regierungen erneut festgestellt

schen Kreisen erhält, unterstreicht, daß d^e Kon­ferenz der Außenminister der kleinen Mächte unter dem Zeichen der Stellungnahme zu dem Ersuchen der Großmächte stehe, durch einen leitenden Block der Großmächte die maßgebende Regelung aller großen internationalen Probleme in die Hand zu nehmen. Diese Tendenz w rde gegenwärlig weit­gehend von Macdonald und Mussolini unterstützt. In den Kreisen der Kleinen Entente wäre es bekannt, daß Mussolini gegenwärtig eine Losung unterstütze, nach der der Osten Euro- p a s als deutsche und der Süden Europas von der Donau bis zum Bosporus als italienische Einflußsphäre erklärt werden fcLe.

Das Blatt wendet sich außerordentlich heftig gegen den geplanten regelmäßigen Zusammentritt

Paris, 19. Dez. IWTB.) Der heutige M i - n i st e r r a t war zum Teil der Regierungs­erklärung gewidmet, die am Donnerstag end­gültig festgelegt werden soll Finanzminister ChL - r : n'kündigte an. daß er zunächst die staatlichen und öffentlichen Finanzen einer durchgreifenden Reform unterziehen werde.

'Zior Beginn des Kabinettsrates hielt Paul- B o n c o u'r eine durch Rundfunk verbreitete An­sprache, in der es u. a. heißt: Die Zusammensetzung des Ministeriums ist ein Beweis für unseren Wil­len, methodisch und kontinuierlich vor­zugehen. Es handelt sich um eine Politik des Frie­dens und der Friedensorganisierung, um eine

der Großmächte und verlangt jetzt die Gleichberech­tigung aller Mächte im Rahmen der Abrüstungs­konferenz.

Gömbös

fordert Dertraasrevision.

Budapest, 19. Dez (TU.) Ministerpräsident Gömbös erklärte am Sonntag in Steinamanger: Ich verkünde das Anstreben der Friedensver­trag s r e v i s i v n ganz offen und offi­ziell. Es wäre anerkennenswert, wenn die Sie­ger ihre Fehler einlähen. In der Fünfmächtekonfe- renz wurde jüngst das Prinzip der Gleicht» e- r e d) 11 g u n g verkündet. Die Erklärung der Gleich­berechtigung bedeute, daß die Revision auf diesem Wege in Fluß gekommen sei, in dem es keine Sie­ger' und besiegten Staaten mehr gibt. Die Ge­schichte Europas lehre, daß der Frieden nur im Wege der voll ständigen Gleichbe­rechtigung gesichert werden könne, und es sei ein Erfolg, daß dies in der Fünfmächtekonferenz festgestellt wurde.

Ministerrat in Brüssel.

Brüssel, 19. Dez. (WTB) Der K 5 nig hat heute das neue Kabinett vereidigt. Im Anschluß an die Vereidigung fand unter dem Vorsitz des Königs ein M i n i st e r r a t statt, der sich mit der gegenwärtigen politischen Lage, sowie mit dem Problem des Budgetausgleichs be­faßte.

Vor den katholischen Parlamentariern ent» wickelte Ministerpräsident d e Broquille sein Regierungsprogramm, als dessen Grundlage er den Pakt zwischen Katholiken und Li­beralen bezeichnete. Die Regierung werde Ich bemühen, die Arbeitslosigseit durch Jnan- grisfnahme von Arbeiten zur Verbes­serung der wirtschaftlichen und technischen Aus­rüstung des Landes zu vermindern. D ' Fertig­stellung des Albert-Kanals werde akt.v betr.ben werden. Zur finanziellen Gesun­dung müßten alle Minister solidarisch Zusam­menarbeiten, wozu ihnen im Bedarfsfälle gewil'e Vollmachten vom Parlament übertra­gen werden müßten.

Politik der Demokratie und der Organisierung der Demokratie, um eine Politik des sinanziei - len Wiederaufbaues.

Die Aussichten des Kabinctts.

Paris, 19 Dez. (WTB) Die Aussichten des Kabinetts Paul-Boncour bilden den chackplgegen- stand der Erörterungen in parlamentarischen Krei­sen. Der Abg. Paul ReynWd, der intime Mit­arbeiter von laröieu, erklärte: Das Kabinett Paul-Boncour wird von den Sozialisten gestürzt werden, wenn es nicht ihre Politik betreibt. Es wird von den Ereignissen gestürzt werden, wenn es die Politik der Sozialisten befolgt.

Hauptbild: Der neue Ministerpräsident Paul-Boncour (X) beim Verlassen des Elysee, wo er dem Präsidenten der französischen Republik, Lebrun, die Mitgliederliste sxines Kabinetts überreichte. Oben Einige der wichtigsten Mitglieder des neuen Kabinetts, von links nach rechts: Ehöron (Finanz­ministerium), Chauteinps (Inneres): de Monzie (Unterricht); Dalabier (Kriegsministerium);

Patnleve (Luftfahrtministerium). Unten rechts: Laurent Eynac.

Oer Rai der drei Außenminister.

Das Ergebnis der Belgrader Konferenz.-Eine konsequente Aktion.

Paul-Boncour über seine Ziele.