Ausgabe 
20.12.1932 Erstes Blatt
 
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NAM IM SA

Roman von Margarete Antelmonn.

Copyright by Martin Feuchttvonger. Halle (Saale)

10 ftortleftung Nachdruck verboten

Ich habe in dieser kurzen Zeit jedenfalls schon ein ganz andere- Bild von Ihnen bekom­men, als ich es bisher vor Augen hatte. Sie sind ganz anders als die Schilderungen, die uns zu Ohren kamen. Aber jetzt müssen Sie mich für einen Augenblick entschuldigen. Ich muh m.ch em wenig zurechtmachen: Vater kann es n.cht leiden, wenn ich so verwildert aussehe. Vielleicht sehen Sie sich inzwischen ein wenig die Zeitungen an."

Schon war sie verschwunden. Theobald Fischer blieb zurück, in seinen Gedanken versunken. Di« Kleine gefiel ihm außerordentlich gut, besser als alle Mädchen, bi« im bisher begegnet waren. Dielleicht, dah sich doch ein freundschaftlicher Der- kehr zwischen Löbbau und Löwen entwickeln würde.

Es dauerte nicht einmal lange, bis Fräulein von Löwen wieder crschien. Sie hatte ein hübsches, Weihes Leinenkleid angezogen, in dem sie noch viel reizender aussah als vorher.

Sie trug ein lleines Tablett mit einem Ärug Wein und einer Platte kleiner, leckerer Brötchen.

Es hat ein wenig lange gedauert. Aber das Küchenpersonal ist mit drauhen auf den Feldern, und unsere alte Mamsell ist allein und nicht mehr so beweglich. Ich muht« ihr ein wenig helfen. Papa will überhaupt haben, dah ich mich in der Wirtschaft umtue. Er ist sehr für Weiblichkeit ..

Da hat er ganz recht. Ich kann so emanzi­pierte Frauenzimmer auch nicht leiden."

Soso?! Aber Sie selbst, Sie emanzipieren sich, wollen nicht be iJhrem Vater bleiben, sondern Borer werden. Ausgerechnet Boxer. Dieser rohe, unschöne Sport ..

.Das ist nicht so schlimm, wie Sie vielleicht meinen, gnädiges Fräulein. Es kommt vor allem auf die Geschicklichkeit an und auf die Behendig­keit. Liebrigens, haben Sie schon einmal einen Boxkampf gesehen?"

.Ja, in Berlin."

ÖH, Sie waren schon in Berlin?"

Ja! Ich habe eine Tante dort. Bei der war ich den Winter über, als ich aus der Schwer zurücklam. Ich werd« wohl nächsten Winter auch wieder hingehen. Hier ist gesellschaftlich doch gar nichts los. Uno man will mich doch auch an den Mann bringen. Dazu ist in Berlin die beste Gelegenheit, meint Vater. Aber jetzt ...

36b hielt sie inne, wurde wieder blutrot Wurde es noch mehr, als sie die brennenden Blicke des Mannes auf sich gerichtet sah.

Eine tief« Stille entstand. Lange genug, bah der kleine, un,ichtbare Liebesgott zwei junge Herzen unlösbar miteinander verknüpfen konnte.

Der Dann wurde erst gebrochen, als drauhen die laute Stimme Herrn von Löwens ertönte.

Mm Gottes willen, der Papa!" fuhr das Mädchen erschrocken zusammen.Bleiben Sie sitzen, Herr Fischer. Ich gehe hinaus und bereite Vater vor."

Wie erwachend fuhr sich Theobald über die Stirn, während sie schnell das Zimmer verlieh. Dann stand sie wieder im Zimmer und sagte leise:

Sie möchten sich bitte hinüber bemühen ins Bureau. Vater pflegt dort seine geschäftlichen Sachen zu erledigen."

Mit seltsam wehen Augen sah sie zu ihm auf, als er jetzt an ihr vorüberging. Lange noch blieb sie in der geöffneten Tür stehen, lauschend. Aber die Türen hier waren dick und massiv und liehen nicht so leicht «inen Ton durch.

Seufzend verlieh sie endlich ihren Platz, um das Zimmer aufzuräumen.

Es wurde nicht viel aus der Aufräumerei: im nächsten Augenblick sah das Mädchen in dem Sessel, in dem wenige Minuten zuvor Theobald Fischer geruht hatte. Der hübsche, schlanke Mensch mitt seinen offenen Blauaugen! Wie gut er ihr gefallen hatte, vom ersten Augenblick an!

Zu dumm, dah der Vater so schlecht auf ihn zu sprechen war! Was konnte denn Herr Fischer dafür, dah die Richters auf Löbbau nicht zu wirtschaften verstanden hatten! Mnd auf den Hund gekommen waren, wie der Vater sich ver­ächtlich ausdrückte. Er war doch schliehlich ganz unbeteiligt daran, nicht einmal verwandt mit ihnen.

Roch nie hatte ein Mann einen so tiefen Ein­druck auf sie gemacht, das gestand sie sich offen. Wenn er doch öfter hierherkommen würde! Wenn Vater seine Meinung ändern würde!

Plötzlich sch.ak sie zusammen. Der Vater rief nach ihr.

Schnell ging sie ins Bureau hinüber, um dort zu ihrem Entzücken zu hören, dah Herr Fischer als Mittagsgast hierbleiben würde.

So vergnügt hatte Lucie von Löwen noch nie in der Küche geholfen wie an diesem Vormittag, wo es galt, Herrn Fischer die Vorzüge der- wenschen Tafel vor Augen zu führen. Wie ein Wirbelwind flog sie durch das Haus, der alten Mamsell. überall zur Hand gehend, wo es nötig war.

Mit freudestrahlendem Gesicht sah sie dann am Tisch, dem Gast gegenüber, der mit seiner fri­schen Fröhlichkeit das Vorurteil des Vaters so schnell bezwungen hatte.

Sie hörte mit Entzücken, dah der sonst so strenge und unzugängliche Vater lebhaft mit Theobald Fischer plauderte und sogar versprach,

in den nächsten Tagen da- Kohlenrevier besich­tigen zu wollen.

Theobald Fischer wandte sich ihr zu.

Werden Sie auch mitkommen, gnädiges Fräu­lein, und sich überzeugen, dah es auf Löbbau nicht so schlimm aussieht, wie Sie bisher geglaubt haben?"

Selbstverständlich kommt Lucie mit, Herr Fischer. Sie glauben gar nicht, wie klug und tüchtig der Racker ist. Ein Junge ist an ihr ver­lorengegangen. Wir kommen beide, Sie können sich darauf verlassen."

Drei Tage später fuhr ein schnittiges, zwei­sitziges Kabriolett vor dem Löbbauer Schloß» portal vor: die rote Lackierung glänzte in der Sonne. Am Steuer sah Lucie von Löwen.

Ta ist sie!" jubelte Theobald drinnen, machte «inen förmlichen Luftsprung und war verschwun­den, ehe August Richter recht wußte, um was es sich handelte.

August konnte sich zwar denken, wer gekommen war: denn seitdem Theobald bei den Löwens gewesen war, wußte er tagaus, tagein nichts anderes zu erzählen, als von diesem Besuch, und man konnte leicht merken, wie es um ihn stand.

August und Direktor Blürnler die drei hatten gerade eine Besprechung gehabt folgten dem Davon stürm enden, und kamen gerade dazu, wie Theobald einem reizenden, jungen Mädchen im waschseidenen Sportkkeid andächtig die Hand küßte.

Letzt erhob sich ein großer Herr von dem Sih nebenan.

Da sind wir, Herr Fischer. Sie sehen, wir halten unser Versprechen."

Ich freue mich sehr, Herr von Löwen. Darf ich vorstellen: mein Freund Doktor August Rich­ter unser Tirektor Doktor Blümler."

Eine allgemeine Begrüßung folgte. Dann ging es hinaus auf die Terrasse, wo Frau Mertens schnell eine Erfrischung servierte.

Der alten Frau sah man förmlich die Freud« an, wieder einmal Gäste auf Lobbau zu sehen. Jetzt würde es nicht mehr so einsam sein, jetzt würde auch der junge Herr wieder fröhlicher werden.

Die Mnterhaltung floh eifrig dahin.

Lucie von Löwen interessierte sich vor allem für das Schloß selbst: der alte Dau imponierte ihr, der Park zog sie mächtig an.

Als sie den Wunsch äußerte. Schloß und Park zu besichtigen, sprang Theobald eifrig auf, sich als Führer anzubieten.

Herr von Löwen war gerade in einem Gespräch mit August Richter und Direktor Blürnler. Erst als seine Tochter aufstand und die Terrasse ver­lassen wollte, sah er auf.

Was ist los, Lucie? Wo willst du hin?" Ich möchte mir das Schloh ansehen und Öen

Park, Pa. Herr Fischer will mir alles zeigen. Aber du kannst ruhig einstweilen mit den beiden Herren zum Bergwerk gehen. Wir kommen dann nach."

Eine Sekunde später war sie mit Theobald Fischer hinter einer Taxushecke verschwunden.

Wenn es Ihnen recht ist, Herr von Löwen, können wir uns gleich auf den Weg machen", sagte jetzt August.Vielleicht benutzen wir meinen Wagen: es ist zwar kein Auto, aber meine Tra­kehner sind auch nicht ohne, und sie bringen unS ebenso sicher und gut zum Bergwerk hinüber."

Wissen Sie, Herr Doktor, eigentlich lasse ich mich viel lieber von Ihren Trakehnern befördern als von dem Opel meiner Tochter. Mns Land­leuten liegt das, glaube ich, so im Blut.

Aber machen Sie was, toenu so ein Teufel-- mädel unbedingt ein Kabriolett haben will. Da­ist schick, das muh fie haben, dagegen kann man nicht ankommen, sonst ist man altmodisch und hinterm Mond zu Hause. Wenn man Vater einer modernen Tochter ist, muß man sich halt um- krempeln.

Also kommen Sie: ich freue mich auf die Tra­kehner und auf das Bergwerk."

Theobald Fischer war ein eifriger Erzähler, der viel von Schloh Löbbaus Vergangenheit zu berichten wußte. Lucie hörte aufmenfam zu und besah sich alles ganz genau.

Als sie auf die Terrasse zurückkehrten, fanden sie die Gesellschaft nicht mehr vor.

Darf ich Sie in meinem Wagen hinüber­bringen, Herr Fischer?" fragte Lucie, und Theo­bald setzte sich begeistert neben Lucies Steuerrad.

Leicht glitt der Wagen dahin, von der Len­kerin geschickt gesteuert.

Wie alt sind Sie eigentlich, Fräulein Lucie?"

Aber, Herr Fischer, so etwas fragt man eine Frau doch nicht."

Ra, bei Ihnen darf man das noch, Fräulein Lucie. Sie sind doch noch schrecklich jung, noch nicht einmal heiratsfähig."

Entrüstet fuhr die junge Dame auf:

Was glauben Sie, Herr Fischer? Ich bin gerade im richtigen Alter, um zu heiraten..."

In diesem Augenblick machte der Wagen einen Hopser. Lucie hatte nicht auf den Weg geachtet, war über einen Stein gefahren.

Im nächsten Augenblick hatte sie den Wagen wieder in ihrer Gewalt. Aber das Gespräch blieb unterbrochen, so lange bis man am Bergwerk angelangt war.

Sie hielten an und stiegen aus. Lächelnd streifte Lucies Blick das Gesicht Theobald Fi­schers, das etwas ärgerlich aussah, des unter­brochenen Gesprächs wegen. Das war ja ein rich­tiger Draufgänger, man muhte ihn wirklich hier und da stoppen.

(Fortsetzung foW.)

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Die Zustellung der Sleuerkarteu für das Jahr 1933 ist am 15. Dezember 1932 beendet worden. Personen, die nach dem 10. Oktober 1914 geboren sind und deren Arbeitslohn 24, RM. wöchentlich (= 100, RM. monatlich) voraussichtlich nicht übersteigt, erhalten Steuerkarten nur auf Antrag von hier ausgestellt. Wir weisen darauf hin, daß in Verlust ge­ratene Steuerkarten nur gegen Zahlung von 1, RM. ersetzt werden. Auf der Steuerkarte sind die Bestimmungen über die Höhe der Bürgersteuer usw. ange­geben. Mit der Zustellung der Larfen gilt die Lürgersteuer als angesorderl. So­weit Anspruch auf Befreiung von der Bürgersteuer besteht, sind Einsprüche im Stadthaus, Bergstraße 20, Zimmer 29, vorzubringen. 9000C

Gießen, den 20. Dezember 1932.

Bürgermeisterei Gießen. 3.93.: Dr. Seil»,