Aus der Provinzialhauptffadt.
Dietzen, den 20. Oktober 1932.
25 Zahre Edeka.
Aus Anlaß des 25jährigen Bestehens des Edeka- Berbandes hcstte die Edeka-Organisation in Gießen auf Dienstagabend zu einer H au s- frauen-Veranstaltung in das Eafä Leib eingsladen. Das Interesse unserer Hausfrauen an dem Wend zeigte sich eindrucksvoll darin, daß der Einladung etwa 600 Hausfrauen aus allen Bevölke- rungsfchichten Folge geleistet hatten.
Zu Beginn des Abends richtete Kaufmann Ludwig Schmitt im Namen der Edeka herzliche Be- grußungsworte an die Besucherinnen. Er gab dabei der Hoffnung Wsdruck, daß die Stunden des Abends den Hausfrauen eine angenehme Unterhaltung bereiten, ihnen aber auch zu der Uebcrzeu- gung verhelfen würden, daß sie bei ihren Einkäufen in den Edeka-Geschäften nicht nur den selbständigen Mittelstand stärken, sondern auch ihren eigenen Intexessen gute Dienste erweisen könnten.
Während die Besucherinnen von der Edeka als Gastgeberin mit gutem Kaffee und Kuchen trefflich bewirtet wurden, hielt Direktor Rähr von der Edeka-Zentrale in Köln einen Bortrag über den Aufbau der Edeka-Organisation und über die Bor- teile, die aus diesem Zusammenschluß der Einzelhandelsgeschäfte für die Berbraucherschaft entstehen. Der Großeinkauf für rund 28 000 Einzelhandelsgeschäfte mit etwa 30 000 Läden im gesamten Reichsgebiet ermögliche den Bezug von Qualitätswaren zu Preisverhältnissen, die der Versorgung der Verbraucherschaft auf dem billigsten Wege über den Edeka-Einzelhändier vorteilhaft zustatten kommen. Dazu trete in den Edeka-Geschäften der große Wert der persönlichen Verantwortung des Geschäftsinhabers gegenüber seiner Kundschaft, die dadurch gewiß sein könne, für ihr gutes Geld nur Qualitätsware Zu erhalten. Angesichts dieser Sachlage müßten sich die Hausfrauen sagen, >daß sie auf diesem Wege ihren Bedarf vorteilhaft decken könnten. In den Edeka-Einzelhandelsgeschäften werde aber auch ein kaufmännischer Nachwuchs herangebildet, der in gutem Kaufmannsgeiste seinen Dienst am Kunden verrichte nach dem Grundsatz „Erfolg durch ehrbare Kaufmannsarbeit = Edeka". Hieraus ergebe sich für die Hausfrauen die Schlußfolgerung, daß sie auch dem Gesamtinteresse gute Förderung zuteil werden ließen, wenn sie ihre Einkäufe in den Einzelhandels- Geschäften vornehmen und dergestalt zur Kräftigung des berufsstänüischen Mittelstandes beitragen. Lebhafter Beifall dankte dem Redner für seine Darlegungen.
Hierauf wurde den Besuchern ein „Edeka-Film" vorgeführt, der einen interessanten Einblick in die Bezugsquellen der Edeka-Geschäfte und auf den Weg der Edeka-Ware vom Erzeuger über den Verteiler bis zum Verbraucher gab. Man sah dabei u. a. den Kaffee, Kakao, Reis, Zucker usw. von ihren Produktionsstätten über die Häfen nach den Lagerhäusern und von dort bis in die Hand des Verbrauchers wandern: Zuckerfabriken und Mühlen größten Stils, die für die Edeka arbeiten, gaben ferner in interessanten Bildern einen feffelnden Ueberblick über den großen Apparat, der zur Der- forgung der Edeka-Geschäfte in Tätigkeit ist. Gleich- zeitia konnte man aus dem Film entnehmen, mit welcher Sorgfalt darauf geachtet wird, daß nur Ware von guter Qualität auf dem Wege über die Edeka an die Verbraucher herangebracht wird.
Den unterhaltenden Teil bestritt die Kapelle Krengel mit flotten musikalischen Darbietungen, ferner trug der bekannte Bauchredner Grimm durch seine humorvollen Vorträge viel zur Unterhaltung der Besucher bei. Das Publikum spendete gerne reichen Beifall.
Der Verlauf des Abends war für die Gießener Edeka-Organisation nach jeder Richtung hin ein voller Erfolg, der sicherlich über den Tag hinaus auch tn die Ferne wirken wird.
Säten für ^reitao, 21 Oktober.
1833: der Chemiker Alfred Nobel; Stifter des „Nobelpreises" in Stockholm geboren.
Bornotizen.
— Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Morgen, Freitag, 20 Mr, Dritte Vorstellung im Freitag-Abonnement mit einer Wiederholung des erfolgreichen Lustspiels „Freie Dahn dem Tüchtigen" von August Hinrichs. Eine satirisch-komische Begebenheit aus dem Schulmilieu. Spielleitung: Karl He Yser. Gewöhnliche Preise. Spieldauer von 20 bis 22 Ahr. — Als nächste Fremdenvorstellung gelangt am Sonntag, 23. Oktober, Goethes Trauerspiel: „Eg- mont". zum letztenmal zur Aufführung. Spielleitung und Inszenierung hat Intendant Dr. P rasch ; die Ausführung des-musikalischen Teiles (es wird die von Beethoven zum „Egmont" komponierte Gesamtmusik vom Orchesterverein Gießen zu Gehör gebracht) ist unter der Leitung von Aniversitätsmusikdirettor Dr. Temesvary. Die Besetzung ist die der Eröffnungsvorstellung. Ermäßigte Preise. Für Schüler gelten Schülerpreise. Anfang: 18.30 Uhr, Ende: 21.30 Uhr.
♦
** Gastspiel des Gießener Stadttheaters in Dad-Aauheim. Man schreibt uns: Das Ensemble des Stadttheaters Gießen (Leitung: Intendant Dr. Rolf Prasch) ist von
der Kurverwaltung Dad--Rauheim «ingeladen worden, nach Schluß der offiziellen Spielzeit während der Rachsaison eine Reihe Gastspiele im Kurtheater zu veranstalten. Als erstes Gastspiel gelangt am heutigen Donnerstag, 20. Oktober, Fodors Lustspiel: „Roulette", in der deutschen Bearbeitung von Geher unter der Spielleitung von Karl H e h s e r zur Aufführung.
Schöffengericht Gießen.
* Gießen, 19. Okt. Ein früher in Gießen wohnhaft gewesener Arbeiter hatte Mitte Iuli 1932 aus einem unverschlossenen Stall einen Hasen gestohlen. Einige Wochen später war er über einen hohen Drahtzaun in einen Garten ein* gestiegen, hatte einen darinstehenden verschlossenen Stall gewaltsam geöffnet und daraus einen Hasen entwendet. Wieder einige Wochen später hatte er eine mangelhaft geschlossene Kellertür durch Rütteln geöffnet und das Vorderrad eines Fahrrads mitgenommen. Hierbei wurde er gefaßt. Mit Rücksicht auf seine seitherige An- bestraftheit, sein Geständnis und weitere Milderungsgründe erhielt er drei Monate und zwei Wochen Gefängnis.
Ein wiederholt vorbestrafter Arbeiter von hier hatte im August und September je einmal bei anderen Leuten übernachtet und diesen dabei eine Ahr und einen Ring bzw. einen Photoapparat gestohlen. Die Sachen hatte er dann verkauft: sie konnten den Eigentümern zurück- verschasst werden. Das Gericht erkannte, dem Antrag der Staatsanwaltschaft entsprechend, aus «ine Gesamt st rase von einem IahrGe- f ä n g n i s.
MWopser-proiest gegmRenienkmzWen
Tagung der Kriegsbeschädigten und Kriegerhinterbliebenen der Kriegerkameradschast Hassia.
* Büdingen, 18. Okt. Die Kriegsbeschädigten und Kriegerhinterbliebenen im Verband der Kriegerkameradschaft „Hassia" vereinigten sich aus den verschiedenen Bezirken Oberhessens am Sonntag hier zu einer Provinzialtagung, in deren Mittelpunkt ein Protest gegen die Rentenkürzungen der Kriegsopfer stand.
Der Provinzialgeschäftsführer der „ Hassia" - Kriegsbeschädigtenorganisation Oberhessen, Kam. Don Hard, eröffnete und leitete die Tagung. Aus Darmstadt waren der Landesvorsihende Lehrer Ihrig und der Landesgeschäftsführer Oberleutnant a. D. Krömmelbein . erschienen. Den Kyfshäuserbund vertrat Herr Wenzel, Derlin. Als Vertreter des Präsidiums der „Hassia" war Amtsgerichtsrat Stumpf, Friedberg, anwesend. Für das Kreisamt war Regierungsrat Weber erschienen.
Rach der Begrüßung gedacht« der Tagungsleiter der auf dem Felde der Ehre gefallenen und der verstorbenen Kameraden. Anschließend wurde das Lied „Ich halt' einen Kameraden" gespielt, das stehend angehört wurde. Sodann sprach der Landesvorsitzende Ihrig, Darmstadt. Er dankte allen, die mitgeholfen haben, die Interessen der Kriegsopfer zu wahren, und erhob
Einspruch gegen die Kürzung der Bezüge der
Kriegsbeschädigten und Kriegerhinterbliebenen auf gründ der jüngsten Rotverordnung. Gerechtigkeit in der Versorgung der Kriegsopfer sei unbedingte nationale Rotwendigkeit, der sich der Staat nicht entziehen dürfe.
Die Grüße und Wünsche der „Hassia" überbrachte im Auftrage des Präsidiums Amtsgerichtsrat Stumpf, Friedberg. Kurze Ansprachen hielten noch Dr. Hohmann, Büdingen, für den Veteranen- und Militärverein Büdingen, Major Pohl für den Bezirk Büdingen. Regierungsrat Weber, Büdingen, übermittelte die Grüße der Stadt und des Kreises Büdingen.
Im weiteren Verlaufe der Tagung erstattete der Provinzialfürsorgeleiter Kam. Donhard, Gießen, den
Bericht über die Tätigkeit der Organisation im Geschäftsjahr 1931/32.
Dem Bericht war zu entnehmen, daß in Oberhessen rund 7000 Kriegsopfer betreut werden. Im Lause des Geschäftsjahres wurden in 423 Fällen Ansprüche geltend gemacht. In 140 Fällen konnte ein befriedigender Erfolg verzeichnet werden. In 436 Fällen erfolgten Rekurse. Die Rachzahlungen, die geleistet werden muhten, beliefen sich, trotz aller Einschränkungen durch die Rotverordnung, auf insgesamt 23 000 Mk. 11 000 Briefeingänge wurden registriert. Der Mitgliederbestand beläuft sich auf 6680 Kriegsopfer. Der Redner wies darauf hin, datz die Vertretung der Kriegsopfer durch den Verband völlig kostenlos erfolgt. Rückvergütungen der Versicherungsgesellschaft, Kalender- und Loseverkauf sicherten die finanzielle Grundlage der Arbeit im Dienste der Kriegsopfer. Reue Sprechstunden seien in Alsfeld und L auter bach eingerichtet worden. Abschließend machte Kam. Donhard auf die Schwierigkeiten aufmerksam,
Dos 8M Kmö Den W
Roman von Gert Rothberg.
Copyright by Martin Feuchtwanger, Halle (Saale) 16 Fortsetzung. Rachdruck verboten!
Fritz Lohgarten hatte sich wieder in der Gewalt. Ganz ruhig klang seine Stimme:
„Die alten Dolschers sind ehrenwerte, wohlhabende Leute. Cs wäre immerhin möglich, datz sie sich diese teuren Konzertkarten gekauft haben, um sich und der Pflegetochter einmal etwas Besonderes zu bieten. Aber das glaube ich nicht. Run, wenn die andere Vermutung zutreffen sollte, so wüßte ich nicht, was es mich anginge, wenn Fräulein Dolscher sich von einem Herrn Konzcrtkarten schenken läßt, obgleich es ihr eigentlich nicht ähnlich sieht."
Der Brillant an Lohgartens Hand sprühte hell auf, als er sich eine Zigarette anbrannte.
Ilse Wiedener versuchte in den harten Zügen zu lesen, aber dieses Männergesicht war verschlossen für sie. Richts zeigte sich, ob Fritz Loh- garten erregt war. And er muhte es doch fein, wenn zwischen ihm und Traute Dolscher irgend etwas bestand.
Ilse war wütend auf sich selbst. Sie fühlte, daß sie immer mehr einbühte in seinen Augen. Aber diese Angewihheit, ob er nun endlich sprechen würde oder nicht, hatte sie in einen krankhaft-nervösen Zustand verseht, der sie nun allerlei Dinge sagen lieh, die besser ungesprochen geblieben wären. Doch nun war es einmal geschehen und es lieh sich nichts mehr daran ändern.
Der Abend, auf den sie solche große Hoffnungen gesetzt, verlief ohne jede Harmonie. And als Lohgarten sich verabschiedete, war sein Handkuß kühl und flüchtig.
Ils« Wiedener behielt nur mühsam die Fassung, solange er noch einige freundliche Worte mit ihrem Vater sprach. Als sie dann aber im Wagen neben ihrem Vater sah, schluchzte sie wild.
Herr Wiedener nickte vor sich hin, dann nahm er die Hand seiner Tochter und streichelte sie. Rach einer Weile meinte er:
„Das war alles recht unklug, mein Töchterchen. So was läßt sich dieser Prachtkerl nicht gefallen. Hättest dir's vorher Überlegen sollen» Ra, ich habe übermorgen eine Besprechung mit ihm und da will ich sehen, was ich dabei gleich noch mit für dich einrenfen kann. Du hast ihn dir nun mal in den Kopf gesetzt da ist nichts zu machen: sonst würde ich sagen: Laß die Finger davon und nimm einen andern. Eure Charaktere passen nämlich nicht zusammen. Du bist eigenwillig und trotzig, und «r würde sich niemals von seiner Frau auf der Rase herumtanzen lassen. Also überlege dir das lieber beizeiten, meine liebe Ilse."
Ilse riß ihre Hand aus der des Vaters.
„Was verstehst denn dul Aber ich weiß schon, was es ist. And ich werd« mir selbst helfen. Du brauchst kein Wort zu sagen, haß du es weiht."
„Schön, ich werde nichts sagen. Rühr du dir nur noch mehr ein, mein Töchting; mir kann das
egal sein. Mir gefällt er jedenfalls sehr, wenn er sich von dir auch nichts gefallen läßt."
So! Vater Wiedener hatte seiner Tochter die Meinung gesagt und lehnte sich nun, höchst zufrieden mit sich selbst, in seine Ecke zurück.
Leis« surrend und kaum merklich schwingend fuhr der elegante Wagen die einsame Landstraße dahin. Ilse Wiedener aber brütete über einem schwarzen Plan.
Fritz Lohgarten stand eine ganz« Weile unschlüssig und sah vor sich hin.
Rach Hause? Weshalb graute ihm plötzlich davor, in sein einsames Heim zu fahren? War «s denn nicht nur ein Abend von den vielen, die er einmal gezwungen in irgendeiner Gesellschaft verbringen mutzte und an denen er sich auf die Heimkehr freute? Weil er da endlich wieder allein und ungestört seinen Gedanken nachhängen konnte? Was hatte er denn heute?
„Guten Abend, Lohgarten. Ranu, der weihe Rabe findet sich also doch mal gegen Mitternacht im Sündengetriebe? Ietzt lasse ich Sie aber nicht weg: kommen Sie mit mir in den Klub. Rühl hat einen amerikanischen Freund mitgebracht und Seidel — Sie wissen, der fidele Rechtsanwalt — sagte, es würde luftig. Also kommen Sie mit.“
Hauptmann Ganzer stand lächelnd vor ihm, hatte das Einglas eingeklemmt und roch schon «in bißchen nach Wein.
Lohgarten überlegte, dann hob er entschlossen den Kops.
„Sie kommen mir wie gerufen, Ganzer. Ich wußte tatsächlich nicht so recht, was ich mit dem angebrochenen Abend anfangen sollte. Ich habe mit Bekannten zu Abend gegessen, und die sind nun heimgefahren."
Der Hauptmann zwinkerte mit dem linken Auge.
„Hm! Wiedener vielleicht? Alle Wetter, ich --na, Schwamm drüber!"
Er hatte den finsteren Zug gesehen, der sich plötzlich über Lohgartens Gesicht breitete, und da fing er etwas anderes an. Aber bei sich dachte er: Donnerwetter, im Kasino wird doch täglich von der Verlobung gesprochen und dah dieser Lohgarten den anderen Herren, nun doch noch den Goldfisch wegschnappen wird, und dabei sieht das doch hier verzweifelt nach einem soliden Krach aus. —
Das blieben Gedanken, und der Hauptmann fegte seine Hand auf Lohgartens Arm.
„Also gehen wir und seien wir lustig."
Da Süffels „Windsbraut" ganz überraschend am letzten Sonntag getötet werden mußte und man doch so große Hoffnungen auf dieses edle junge Pferd für die diesjährigen Rennen gesetzt hatte, so gab das eine Menge Gesprächsstoff während der Fahrt bis zum Klubhaus, das in der stillen, vornehmen Gichenstraße lag.
Im Klub wurde Lohgarten sehr herzlich be- grüht, und Hauptmann Ganzer hörte manches Kompliment, weil es ihm gelungen war, den Industriellen endlich einmal wieder mit in den Klub zu schleppen.
Cs wurde sehr fidel, und als man gegen vier Ahr morgens aufbrach, da hatte Lohgarten feine
Zusage gegeben, sich am Samstag wieder einzufinden. Allerdings würde man da gegen elf Ahr noch zu Essenbachs gehen.
Essenbachs! Wo man sich amüsierte, wo man spielte, wo man sich nicht langweilte.
Lohgarten freute sich nicht darauf: im Gegenteil, dieses Rachtleben ekelte ihn an; aber es war doch immer noch besser, als Abend für Abend daheirnzusitzen und auf das Richts zu warten. Dieses öde Dasein muhte ihn mit der Zeit zermürben. And doch war es eben vielleicht ooch ganz gut, datz «r die fröhlichen Kumpane früherer Zeiten wieder einmal getroffen hatte.
Es hatte ihn doch ein bißchen gerührt, wie sie sich über das Wiedersehen freuten. Run, er würde jetzt öfter in ihrer Mitte sein. Seine Arbeit aber sollte nicht darunter leiden, das wußte er schon heute, denn seine Eisennatur ertrug die doppelte Belastung ganz gut. Im Gegenteil: er mußte die Kraft, die in ihm wohnte, immer wieder niederringen, wenn sie aufbegehrte. Dieses stumpfe Dahinleben war für einen Mann in seinem Alter und seiner Arkrast nicht gut.
Er hatte ja heiraten wollen!
Ilse Wiedener hatte er heiraten wollen. And er wäre ihr ganz bestimmt ein guter, aufmerksamer Gatte geworden. Run aber ging das nicht mehr. Ilse hotte sich ihm von einer häßlichen Seite gezeigt. Das ließ sich nicht mehr überbrücken, Denn er war in solchen Dingen viel zu feinfühlig.
Vorbei also! Eine neue Sensation, die er nicht gewollt!
Doch In einer Che, wie Ilse sie ihm eröffnet durch ihr unbesonnenes Verhalten, die kam für ihn nicht mehr in Frage.
„Dann wird sich dein Plan nicht verwirklichen, du wirst di« Lohgarten-Werke nicht mehr voll entfalten können."
Eine Stimme, die ihm das immer wieder zurief.
Gewiß! Er wußte ja, was mit dieser Heirat zugleich hatte kommen Jollen. Das viele Wie- denersche Geld, das ihm Herr Wiedener oft plump-naiv in Aussicht stellte!
Fritz Lohgarten ging daheim den Gartenweg entlang. Eiskalt war es und es fing schon wieder an zu schneien. Er lief wohl dann noch eine Stunde durch diesen kalten, verschneiten Wintermorgen. And jetzt kam erst das in ihm zum Ausbruch, was Ilse Wiedener ihm angetan durch ihre Bemerkung über Traute Dolscher.
Traute in Beziehungen zu dem berüchtigten Frauenjäger Heinz Altendorf? War denn so etwas nur möglich?
„Ich liebe Sie nichtI" Klar und deuttich horte er wieder diese Worte.
So liebte sie den Sänger? Sie war ihm treu? Traute Dolscher mit den schonen, reinen, dunkelblauen Augen liebte einen verheirateten Mann?
Pfui, schone kleine Traute!
Wie es in ihm riß! Wohl noch nie hatte er deutlicher gefühlt, wie sehr er dieses kleine Mädel mit dem blassen, ernsten Gesicht liebte!
Wenn sie ihn hätte lieben können! Er hätte sie einer ganzen Welt zum Trotz geheiratet!
die ost mit bet Verfechtung der Ansprüche verbunden find.
Im weiteren Verlauf der Tagung hielt Kam. Wenzel, Derlin, der Vertreter des Kyffhäu- serbundes, einen Vortrag, in dem er den
neuesten Stand der Versorgung, die neuesten Bestimmungen der Rotverordnung in der Sozialfürsorge und das Forderungsprogramm des
Kyffhäuser-Verbandes
darlegte. Der Redner behandelte das Gebiet in umfassender Weise. Er sprach über die Rechtsansprüche und der Möglichkeit der Amwandlung in Konnbezüge, erörtert« das Gebiet der Heilbehandlung, sprach über die ungerechtfertigten Pensionskürzungen bei Schwerkriegsbeschädigten und sonstige aktuelle Fragen aus dem Gebiets des Dersorgungswesens der Kriegsbeschädigten und der Kriegerhinterbliebenen. Er schilderte zum Schluß aucb die mannigfachen Demühungen des Kyfshäuserbundes, bei den verschiedenen zuständigen Stellen (Aeichsregierung, Reichspräsident, Reichsarbeitsamt und Reichstag). Demnächst solle eine persönlich« Aussprache der Vertreter des Dundes mit dem Reichspräsidenten stattfinden, von der man weiter« Besserungen erhoffe. Von der Regierung müsse gefordert werden, daß sie den Kriegsopfern die Existenz sichert.
Ein weiteres Referat hielt dann Kam. Bon- Hard, Giehen, der sich eingehend mit den Fragen der Anfall - und Invalidenversicherung beschäftigte. Kamerad Klein, Gießen, referierte dann über Iugendgrup- penundIugendpflegeimRahmender „Hassia", sowie über die Lotterie, deren Ertrag den Kriegsopfern direkt und' indirekt zugute komme. Der Landesgeschäftsführer, Oberleutnant a. D. Krömmelbein, betonte, daß in dringenden Fällen die „Hassia" immer bereit sei, zu helfen.
Als Zusammenfassung der mannigfachen Anre-. gungen, die die Versammlung brachte, wurde eine Entschließ ung genehmigt, in der die Forderungen der Kriegsopfer, insbesondere
die Rotwendigkeit der Aufhebung dec in der Rotverordnung sestgelegten Harten
und eine menschenwürdige Versorgung der Kriegsopfer verlangt wird. Aach dreistündiger Verhandlung wurde die Tagung geschlossen.
Eingesandt.
(Für Form und Inhalt aller unter dieser Rubrik stehenden Artikel übernimmt die Redaktion dem
Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung.) Eine Warnung an das hessische Ministerium.
Der hessische Staat fcheint m. C. die furchtbare Not dieser Zeit noch immer nicht erkennen zu wollen, oder erkannt zu haben. Trotzdem die Staais-- kassen leer sind und der Staatshaushalt ein Millio- nen°Defizit aufweist, geht er immer noch dazu über, zinsbringendes Kapital zu vernichten und in eine Zuschußwirtschaft umzubauen. Dazu diene folgendes Beispiel: Im Hause Ludwigstraße 40 ist zur Zeit das Kunstwis enschaftlich« Institut untergebre^t. Im ersten und Zweiten Stock befinden sich zssfi schöne 5-Zimmer-Wohnungen, welche ein Daukapiuk von zirka 30 000 Mark darftellen und etwa 1700 bis 1800 Mark Jahresmiete einbringen. Diese zwei Stockwerke will man jetzt umbauen zur Erweiterung des ooraenannten Instituts und für die Theologische Fakultät. Wenn man bedenkt, daß in den letzten Jahren die Universität durch Neubauten stark an Raum gewonnen hat, und man weiser weiß, daß Unioersitätsgebäude nur teilweise ausgenutzt werden, so fragt man sich als Steuerzahler: wie ist es überhaupt möglich, daß heute noch, in schlimmster Zeit der Not, solche Experimente oor-
Das Alter war es nicht gewesen, was sie von ihm trennte, denn Heinz Altendorf war drei Iahr« älter als er!
And ihn liebte sie! Wenn man einer eifersüchtigen, kleinlichen Frau wie Ilse Wiedener glauben durste!
Er hatte es ihr zu glauben.
Wie tief war denn Ilse in feinen Augen gesunken, daß er ihr nicht einmal mehr Glauben schenken wollte?
Fritz Lohgarten stand neben der völlig verschneiten, alten Figur, die ihre Hand über den gleichfalls verschneiten Brunnen reckte.
„Kleine Traute, wie glücklich hätte ich sein können, wenn du zu mir gekommen wärst für immer. M,as bin ich denn in diesen letzten Iahren gewesen? War ich beim ein Mensch? War ich nicht nur eine Maschine, die täglich ihr Pensum zu verrichten hatte? And für wen arbeite ich denn überhaupt?"
Fritz Lohgarten preßt« die heiße Sttrn an den kalten Schnee der Brunnenfigur.
So stand er lange Zeit. Endlich ging er langsam zum Hause hin. Aber er fühlte sich so müde und einsam wie nie zuvor. And überall sah er Heinz Altendorfs schönes, triumphierendes Gesicht und neben ihm Trautes jungen Liebreiz.
Droben in seinem Zimmer noch verfolgte ihn dieses Bild, das ihn an allen Aerven riß. Fritz Lohgartens Hände ballten sich.
„Du Teufel — du! Weshalb bist du in meinem Leben und nahmst mir nun auch noch das Schönste, Wertvollste?"
Arn andern Morgen war alles wie sonst. Traute sah pünktlich auf ihrem Platz. Die Aufwartefrau hatte verschie'.ene Gegenstände auf Lohgartens Arbeitstisch schief und lieblos hingestellt. Traute erhob sich, um das noch zu ordnen: denn sie wußte, daß der Chef diese Anordnung nicht liebte und es meist selbst dann sorgsam so rückte, wie er es haben wollte.
Traute stand am Arbeitstische Lohgartens und rückte dies und jenes gerade. Hier lag sogar noch ein Stäubchen. And sorgsam entfernte sie es. Dann stand sie ein Weilchen sinnend da, und so in Gedanken versunken war sie, daß sie den Eintritt des Chefs überhörte. Erst sein „Guten Morgen" schreckte sie empor. Der Gruß klang unfreundlich und die Anrede unterblieb auch.
In Fritz Lohgartens Gesicht war plötzlich Mißtrauen. Dieses Mißtrauen überkam ihn mit Allgewalt.
Weshalb stand Traute an seinem Tische? Sie war — die Geliebte Heinz Altendorfs! Hatte der sie etwa dazu gemacht, um sich über alles, was hier vorging, orientieren zu können? And befand sich vielleicht auch schon die neue Erfindung kopiert in Altendorfs Händen?
Mit einem raschen Schritt war Lohgarten an des Mädchens Seite:
„Fräulein Dolscher, arbeiten Sie von jetzt an drüben im Büro! Ich werde jetzt hier nicht viel zum Arbeiten kommen und brauche aus diesen: Grunde vorläufig keine Gehilfin."
(.Fortsetzung folgt)


