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Original«^omon von Anny von panhuys.
Copyright by Verlag A. Bechfhold, Braunschweig.
H. Fortsc' j. Rachdruck verboten 1
Der Alte überlegte nicht lange.
..Wenn's hochkommt, für siebzehn, aber ich glaube, damit finö Sie wirklich überschätzt."
Lil erklärte betont: „Ich bin beinahe einundzwanzig, meine Figur reizt dazu, mich für jünger zu halten, und ein Prinzeßchen bin ich nicht, aber ein Aschenbrödel. Vielleicht war ich noch vor kurzem ein Prinzehchen, ohne daß ich mir darüber klar wurde. Denn bis mein Vater starb, wurde ich verwöhnt bis aufs äußerste, aber nun ist das anders, ganz anders geworden."
Ihre Hände strichen über das schwarze Kleid und «in 6tüd des Trauerschleiers, der von ihrem kleinen Hut herabhing und ihr über die Schultern geweht war.
Der Alte nickte. „Man könnte Sie für sehr reich und sehr zufrieden halten, so fein sehen Sie aus, aber es ist halt überall was los, richtig glücklich ist kein Mensch."
Lil blieb wie angewachsen stehen. Der aufdringliche Gedanke von vorhin, der sich ganz flüchtig beiseite gedrückt, war wieder da. Sie fragte leise: „Glauben Sie, daß der Direktor vielleicht schon einen Ersatz für Sie hat?"
„Rein, Ersatz hat er noch nicht für mich, aber er hat vor ein paar Tagen an den Agenten Krüger nach Berlin geschrieben wegen Ersatz. Llebermorgen geht's weiter, und hierher wird der Ersatz wohl kaum noch kommen. Krüger hat 'ne Agentur für mittlere Zirkusse und Varietes, nur Mittelsorte und kleines -Zeug, die großen Künstler kümmern sich nicht um ihn."
Lil dachte daran, wie sie gestern abend von ganzem Herzen gewünscht, sie wüßte ein Plätzchen auf Erden, wo sie hinkonnte. Weil sie sich im Hause der Tante sterbensunglücklich fühlte, seit auch Werner an ihr herumzuziehen begonnen und sie gestern abend verlassen hatte ohne ein freundliches Wort. Sie wollte sich nicht zwischen Mutter und Sohn stellen, und die Liebe Werners war auch wohl gar nicht stark genug dazu, sie der Mutter gegenüber gerecht zu beurteilen. Der gestrige Abend war der Beweis dafür gewesen.
Seine Worte wurden wieder in ihr lebendig. Er hatte so nüchtern und sachlich festgestellt: Es sind doch tatsächlich Leute durch deinep Vater
schwer geschädigt worden, Lil, das läßt sich nicht ungeschehen machen!
Er hätte das traurige Thema nicht in der Weise behandeln dürfen. Aber er nannte das: Rur nüchterne Tatsachen feststellen!
Lil fragte: „Wann könnte ich Ihren Direktor sprechen?"
Der Alte blinzelte befremdet.
„Sie möchten den Direktor sprechen, den gro* ben Johann?"
Sie zuckte die Achseln.
„Ob er der grobe Johann genannt wird, weiß ich nicht, denn ich kenne ihn ja nicht."
„Dann sei'n Sie froh und gehen Sie weiter, Fräuleinchen, rate ich Ihnen, denn wenn er aus seinem Wohnwagen kriecht, was bald geschehen könnte, und trifft hier jemand, der nicht hergehört, können Sie allerlei hören, was Ihnen vielleicht keinen Spaß macht. Er kann sacksiedegrob werden und heißt deshalb in Zirkuskreisen der grobe Johann."
Lil lachte leicht auf: „Ich fürchte mich nicht vor sacksiedegroben Leuten."
Der Alte nickte anerkennend: „Meine Hochachtung! Bei Ihrer Figur ist das schon 'ne Leistung." Er war neugierig geworden. „Was wollen Sie denn vom Direktor?"
Lil schöpfte erst noch einmal Atem und dann gab sie klar und deutlich, unbewußt fast ein wenig zu laut, zurück: „Ich möchte mich dem Direktor als moderner Clown anbieten."
Der Alte kratzte sich energisch hinterm Ohr.
„Sie sind «in Spaßvogel, Fräulein, aber nun flattern Sie weiter, ich will mich jetzt nach ’ner Dass« warmen Kaffee umsehen", sagte der alte Stampfer! zu Lil.
Lil beharrte: „Wann kann ich den Direktor sprechen?"
Beide hatten, in ihre Unterhaltung vertieft, nicht bemerkt, daß sich die Tür des nächsten Wohnwagens geöffnet hatte und ein großer, breitschultriger Mann schon seit Minuten auf dem Treppchen des Wagens stand, das er dann hinunterstieg, um gleich darauf vor ihnen zu stehen. Er trug Halbschuhe mit Gummisohlen, deshalb war sein Schritt so leise gewesen.
Er hatte Lils Frage noch gehört.
Jetzt klang es rauh an Lils Ohr: „Was für 'n schwarzer Flederwisch treibt sich denn hier schon in aller Frühe herum und will was von mir?"
Der alte Clown brummte etwas und Lil fuhr herum, sah Zeinen Mann mit grobgeschnittenen, aber ebenmäßigen Zügen Mitte der Vierzig vor sich, in heller schmuddeliger Jacke, eine braune Mühe etwas verwegen schief auf dem Kopfe.
Eine Strähne schwarzen Haares hing ihm über di« Stirn. Kleine scharfe dunkle Augen musterten Lil kritisch.
Sie dachte, so ungefähr hatte sie sich den Direktor von so einem kleinen Wanderzirkus vorgestellt.
Sie antwortete ruhig, obwohl ihr innerlich plötzlich gar nicht besonders wohl zumute war: „Ich hörte eben, Sie wünschen einen neuen Clown zu engagieren, einen jungen Clown. Ich möchte mich Ihnen anbieten. Reiten, schwimmen, fechten, boxen —“
Johann Gerhard hob beängstigend drohend die Rechte, die jetzt zu einer Faust von gediegenem Umfang zusammengeballt war.
„Kleines Fräulein, ich liebe keine faulen Witze auf nüchternem Magen. Verdrücken Sie sich schleunigst, sonst lernen Sie zu all den Künsten, die Sie eben aufzählten, auch noch fliegen."
Lil sah ihn unerschrocken an.
„Ich denke nicht daran, faule Witze zu machen. Danach ist mir nicht zumute. Mein Vater ist erst kürzlich gestorben, den ich sehr lieb hatte. Bei dem Andenken an ihn, mein Angebot ist völlig ernst gemeint."
Johann Gerhard fluchte: „Da schlag doch einer lang hin. Sie sind total meschugge, Mädel. Sind Sie vielleicht aus 'ner Irrenanstalt ausgekniffen?"
Lil bat: „Hören Sie mich ein paar Minuten an, Herr Direktor, damit Sie meiner Ditte von vorhin Glauben schenken. Ich weih ja, ich muß Ihnen sonderbar erscheinen."
Johann Gerhard betrachtete Lil von oben bis unten und entschied schließlich: „Meinetwegen, reden Sie, aber eilen Sie sich, und Gott sei Ihnen gnädig, trotz Ihrer Trauer und Ihrer hübschen Freche, wenn Sie Unfug mit mir treiben wollen."
Lil nickte dem alten Clown zu.
„Sie können auch hierbleiben und hören, was ich sagen möchte."
Sie ließ sich einfach neben dem Alten nieder und der Direktor brummt«: „Los, los und kurzfassen."
Lil blickte an den beiden Männern vorbei in Ö€n sonnigen Morgen und es zuckte ihr durch den Kopf, was wohl die Tante sagen würde, wenn sie wüßte, wo sie wäre. Ihre Miene hatte jetzt etwas Trotziges und nun begann sie zu sprechen. In kurzen zusammengedrängten Sähen erzählte sie, daß sie aus reichem Hause stammt« und über Rächt arm geworden sei. Sie sprach vom Freitod ihres Vaters und von jenem Abend an dem sie vor der Oeffentlichkeit als Clown aufgetreten. Sie betonte, wie sie schon von Kind an Reigung gehabt, Clown zu spielen und daß
sre glaube, «in wenig leisten zu können. Sic möchte aus verwandtschaftlicher Abhängigkeit fort, und da sie, wie sie durch Rachfrage gehört, heute oder morgen ihre Dolljährigkeitserklärung erhalten sollte, wäre sie frei zu tun und zu lassen, was sie wolle."
Beide Männer hatten aufmerksam zugehört. Jetzt schüttelte der Direktor langsam den Kopf.
„Ihre Erzählung klingt zwar durchaus wahr, aber daß Sie was können, als Clown was können, glaube ich nicht. Du lieber Himmel, was kommt «s bei so 'ner Wohltätigkeitsvorstellung darauf an! Es sind ja lauter Dilettanten, die da Künstler spielen, die meinen alle, sie könnten was, und für Dilettantenversuche möchte ich meine Manege nicht hergeben, Fräulein. Ich rate Ihnen, gehen Sie brav zu Ihren Verwandten, helfen Sie im Haushalt und warten Sie auf 'ne gute Partie, aber schlagen Sie sich den Unfug aus dem Kopf, Clown werden zu wollen. Dazu gehört doch allerhand, das wird von Ihnen unterschätzt."
Lils etwas phantastischer Sii^ hatte sich schon an die Gedanken festgehängt, mit dem Zirkus Gerhard mitzuziehen. Sie erklärte: „Unterwerfen Sie mich doch einer Probe, Herr Direktor. Ich bin sofort bereit dazu. Ich habe noch etwas Zeit, und wenn Sie mir irgendeinen alten Clownsanzug leihen wollen, wäre es gut. Im Rotfall arbeite ich auch ohne."
Sie redete sicher, aber so selbstbewußt wie sie tat, war ihr nicht zumute. Die beiden Männer bauschten einen langen Blick aus und der Direktor entschied: „Dringen Sie einen Anzug von sich in die Manege, Stampfer!, und Sie komisches weibliches Insekt, kommen Sie mit."
Ein offenes Qluto fuhr auf der nahen Landstraße, die von Rodelheim kam, vorüber. Die Zofe Meta Treßler saß darin und fuhr nach der Stadt, um etwas für ihre neue Herrin, die Gräfin Celia Kurzmann, zu besorgen. Die Gräfin wohnte in einer Villa im Vorort Rödelheim.
Meta Treßler hatte sehr scharfe Augen. Sie erkannte deutlich die zierliche Gestalt in Trauer, die da neben einem robusten, nachlässig gekleideten Mann, auf den kleinen Zirkus zuging. Unb doch, sie mußte sich irren, was sollte Lil Körner am frühen Vormittag hier draußen bei dem Wanderzirkus zu suchen haben. Eine Aehnlichkeit täuschte sie.
Eben verschwanden die beiden Menschen, auf die sie ihre volle Aufmerksamkeit gerichtet, ihrem Dlick. Verschwanden irgendwo hinter den grauen Leinwandlappen des Zirkuszeltes.
Sie rieb sich die Augen und dachte verwundert, was für verblüffenden Ähnlichkeiten es doch auf der Welt gab.
lFortsetzung folgt.)
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