Nr. 67 Zweites Blatt
Siebener Anzeiger iSeneral-Anzelger für Gderhessen)
Samstag, 19. März 1952
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Weltwirtschaft oder Nationalwirtschaft?
Don £)r. Sari Albrecht.
Di« Gegenüberstellung Weltwirtschaft oder Rationalwirtschaft brobt au einem Schlagwort zu werben. baS mit dem Anspruch austritt. eine radikale Entscheidung nach der einen oder anderen Seite hin zu verlangen. Es ist fraglos verständlich, daß unter den gegenwärtigen allgemeinen Der- hältnissen die Steigung wächst, als Konsequenz aus dieser Wirtschaftslage die Forderung einer vollkommenen WirtschastS - Autarkie abzuleiten. ES scheint aber gefährlich, eine derartige Forderung zu stellen, wenn sie aus Grund einer unklaren Beurteilung der Ursa- chen der Weltwirtschaftskrise ersolgt.
Es ist kein Zweifel, daß gegenwärtig von einer Zerstörung aller Weltwirtschaft!tchen Beziehungen gesprochen werden muß, aber die Feststellung dieser Tatsache bedeutet noch nicht, haß die Weltwirtschaft selbst überlebt wäre, sondern es könnte der Fall sein, daß außerordentliche Momente die Weltwirtschaft bedrohen, und daß gerade die Störung ihrer Funktionen von außen her zu Krisen der Wcltwirtschost sührt. Es scheint gerade ' im deutschen Interesse sehr notwendig, über diese , Frage Klarheit zu gewinnen, denn stärker als alle anderen Ursachen dieser Krise ist die Tatsache. daß sie verursacht ist durch Kapital-Der- schiebungen von Bolkswirtschast zu DolkSwirt» schast. die nicht volkewirtschastlich be- dingt sind, denen nicht Waren- oder Dienstleistungen (Derkeßr ufto.) entsprechen, sondern politischer Zwang, nämlich Reparationen und K.iegs- schulden. Die Sinnlosigkeit dieser Zahlungsströme kann nicht deutlicher als durch die 'Tatsache der Zerstörung weltwirtschastlicher Beziehungen bewiesen werden.
Im Zusammenhang damit steht eine zweite politisch bedingte, wirtschaftlich ungerechtserligte Tatsache. die zur Krise der Weltwirtschaft sührt, nämlich die Gold Hortung, die ohne wirtschaftliche Berechtigung an zwei Stellen der Welt erfolgte: in Paris und ^leuyork. Man beachte den Wandel der Kapitalbeziehungen: Dor etwa dreißig Jahren waren es deutsche Großbanken, die durch eine Kredithilfe die Stadt Reuyork vor dem Bankrott gerettet haben. 5)cutc ist nicht nur eine völlige Umkehr der Kapitalbewegung eingetreten. sondern die Funktion des Goldes in der Weltwirtschast Hot eine grundlegende Wandlung erfahren. Es kann heute nicht mehr die Spihendifterenzen im Waren- und Kapital-Der- kehr zwischen den Volkswirtschaften ausgleichen, und es ergibt sich daraus die Folge, daß keine Möglichkeit mehr vorhanden ist, Währungen mit Goldtransporten zu regulieren. Daraus erwächst entweder der Zusammenbruch der Währung, oder aber die Vernichtung des Güteraustausch!.s zwischen den Volkswirtschaften zum Zweck der Rettung der Währung durch Devisen-Dorschriften. Einfuhrsperren usw. Es ergibt sich ein Zwangskurs für die Währung durch wirtschaftliche Sperren, die alle wirtschaftlichen Beziehungen zerschneiden. Derartige Zwongsmaß- nahmen haben aber nichts mit Autarkie zu tu n und es ist wohl auch keine Frage, daß man nicht den heutigen Zustand der Weltwirtschaft als das naturnotwendige Ziel weltwirtschaftlicher Entwicklung ansehen kann.
Denn neben diesen „westlichen" Problemen der Weltwirtschaft, die mit den Worten „Reparatio- itcn, Kriegsschulden und Goldhortung" umschrieben werden, gibt es nicht minder wichtige „östliche". die mit dem Begriss Rußland und Ostasien (China, Indien) gekennzeichnet werden können. Die Zerstörung der Konsumkrast von 1 5 0 Bk l l l i o n e n M e n s ch e n in Rußland muß natürlich die Weltwirtschaft schwer beeinträchtigen
Ankunft im südlichen Hafen.
Äon Heinrich Hauser.
Aus vielen Reisen verweben sich die Erinnerungen an südliche Häfen zu Bildern, deren Züge allen gemeinsam sind.
Vielleicht ist es der Hafen von Reapel, den ich meine, vielleicht ist es Catania, Messina oder Malta. Oder Cartagena. Malaga, Marseille. Wenn das Schiss hcrabgleitet von der hohen Wand des Meeres, wenn der dunkle Küstenstrich , in Sicht gekommen ist, dann taucht es in die Luftschicht des Landes ein.
Da sind es zuerst die Gerüche, die uns überfallen. der Duft der fremden Erde, beinahe be- : täubeub stark, besonders abends, wenn das Land ausatmet. Und mit dem Duft kommen die ersten Boten der südlichen Ratur: fremdartige Vögel und große taumelnde Falter, bunter als die Schmetterlinge der Heimat.
Fremd ist uns selbst der Himmel: ganz anders scheinen uns die Wolken zu schweben auf der klaren Luft und wie ein Rausch ist die Farbenorgie des Sonnenuntergangs.
Jetzt wächst das Land über die Masten des Schisses hinaus. Wir nähern uns der Einsahrt mit Spannung, weil wir sie iroch nicht erkennen können, und es sieht aus. als steuerte das Schiff grade auf die Felsen zu.
Aber da sind schon die Türme der Blinkfeuer und die schrägen Wälle des alten Kastells, bas die Einsahrt bewacht. Grün sind die Mauern von Moos, und in den Geschützpforten liegen sehr friedlich auf halb verfaulten Lafetten die Bronzerohre der Kanonen, überzogen mit Grünspan.
Jetzt sinkt die Bugwelle am Steven zusammen: die Maschine ist abgestellt, und wir vernehmen das leise Rauschen, mit dem der Bug bas llare Wasser schneidet, Uns ist. als hätten wir nie so tief ins Meer geblickt. Wir erkennen die Tiefenmarken am roten Bauch des Schiffes, wir sehen Fische, Quallen und den grünlich-weißen Meeresboden.
Da kommt das Doot des Lotsen, und er klettert die Leiter herauf zu uns an Bord. Wir betrachten ihn neugierig, den ersten Menschen, den der Süden uns entgegenichickt. Hnb ganz, wie wir erwartet haben, ist schwarzhaarig mit brauner Haut und weißen Zahnen und viele Goldlitzen trägt er an der Mühe und der Jacke seiner Uniform.
Wenn der Kopf des Lotsen über die Reling der Brücke taucht, klingeln wieder die Mafchinen- telegraphen: das Schiff fährt in den Hafen ein.
Da liegt die Stadt, ganz plötzlich, wie ein Zauberbild. Cs ist ein beinahe magischer Dor--
und der politische Druck in China und Indien behindert auch dort alle weltwirtschaftlichen Funktionen. Wie wichtig aber gerade diese östlichen Probleme sind, zeigt wohl am deutlichsten der Kampf Amerikas. Japans und — geschwächt — Englands um China.
Die andere Seite des Problems „Weltwirtschaft oder Aationalwirlschaft" heißt: innerdeutsche Wirtschaft. Wer die amerikanische Landwirtschaft gesehen hat, sei es in USA., Kanada oder Argentinien wird yigebcn, daß unsere Eigenproduktion irgendwie gegen derartige landwirtschaftliche „ Fabrikbctriebe" geschützt werden muh. Riemand wird etwas gegen einen Zollschutz einwenden dürfen, der zum Ausgleich anderweitig nicht ausgleichbarer Produktionsvorteile dienen soll, denn es handelt lid> dabei keineswegs um Teilinteressen, sondern um die Dolks- wirtschaft als Ganzes. Aber völlige Autarkie würde ja nicht nur Sperre der Einfuhr bedeuten können, sondern zwangsläufig — daran dürfte niemand zweifeln — Ausschaltung jeder Ausfuhr-Möglichkeit.
Die -- kaum zu bejahende - Frage, ob wir ganz ohne ausländische Rohstosse (z. D. Eisenerz, Küpser, Baumwolle, Gummi) auskommen können, soll hier nicht erörtert werden, aber zwei andere wichtige Fragen entstehen: gibt es eine Möglichkeit, für die Arbeiter, die bisher ausländische Rohstoffe verarbeiteten, andere Arbeitsgelegenheiten zu schaffen? und zweitens kann die deutsche Exportindustrie für die verlorenen AuSlandmärlte einen vollwertigen Ersatz auf dem Inlandmarkt finden? Die zweite Frage beantwortet sich leicht: Solange die Kaufkraft durch Reparationen und sonstige Kriegs- und
Inslationssolgen so geschwächt ist wie heute, ist ein Ausgleich nicht möglich. Eine Steigerung der Kaufkrast kann nur erzielt werden, durch Abbau der genannten Lasten und durch Derbilligung der Produktion. Dies aber wird nu r durch Steigerung des Absatzes, für den also mehr als zu anderen Zeiten das Ausland in 'Frage käme, möglich feilt Dabei ist in diesem Zusammenhang noch zu beachten, daß gerade die Export- industrie in sehr großer Anzahl Klein- und Mittelbetriebe beschäftigt, so in der Spielzeug- Industrie, in der Industrie der Musikinstrumente, der Feinmechanik, der Qvtik, der Elektrotechnik, der Werkzeugmaschinen, also durchaus erhaltenswerten wirtschaftlichen Mittelstand.
•Unb die erste Frage: Umstellung ber Arbeite r beantwortet sich ähnlich: Die meisten müssen Bauern werben. Die landwirtschaftliche Betätigung ersorbert zunächst Kapital, da- nicht ba ist, unb sie könnte zu einer unerwünschten Steigerung der lanbwirtschastlichen Probuktivii führen, für die keine Kaufkraft besteht. Autarkie würde also bedeuten: geringere Absatzmöglichkeit, also steigende Produktionskosten, steigende Arbeitslosigkeit, steigende Soziallasten unb weiter sinkenden Lebensstandard.
Die Fragestellung Weltwirtschaft ober Qlatio- nalwirtschast ist also falsch. Die Ausgabe liegt nicht in ber Hinwendung zu einem oder dem anbem, sondern gerade zur Stärkung der deutschen Rationalwirtschaft ist nötig Mitarbeit zurGesund u n g der Weltwirtschast, bereu erste Grundlage Aushebung der Reparationen, Beseitigung der Kriegsschulden sowie Liquidierung der Goldhortung ist.
Wie ein Amerikaner Deutschland sieht.
Bei den Glasbläsern im Thüringer Wald. — Erschütternde Eindrücke in einem deutschen Elendsgebiet. — Zusammenbrechende Industrie unter dem Druck des englischen Schutzzolls.
Äon H. K Knickerbocker.
in.
Copyright 1932 by Rowohlt-Derlag, Berlin.
Wir fuhren an einem Winternachmittag durch den Thüringer Wald. Die rauchlosen Essen der verlassenen Glashütten warfen ba und dort Schatten auf die schneebedeckten Straßen, und die gähnenden Fensterhöhlen der stillgelegten Fabriken starrten uns kalt an. Aus der ganzen 130 Kilometer langen Strecke von Jena waren wir an weniger aL8 einem halben Dutzend Automobilen vorüberge kommen, obwohl Dörfer unb Städte dicht beieinander liegen. Wir waren keineswegs die einzigen Reisenden, aber die anderen gingen zu Fuß.
In Altenfeld sahen wir eine Glashütte in Betrieb unb gingen hinein. Aus dem tiefen Dunkel, bas im Inneren herrschte, hoben sich wirbelnde weiße und gelbe Kugeln ab. Feuerlöcher leuchteten hinter den Deinen von Männern auf. Heber ihren Köpfen drehten sich schillernde Figuren. Einige von diesen senkten sich, fielen in Formgefäße. Die Männer bliesen, sie pusteten die Backen auf und hoben den Brustkasten. Die Holzformen dampften und sandten weiße Strah'.en empor, welche die Kopfe der jungen Leute mit den geschwärzten Gesichtern in Wolken hüllten. Die Formen öffneten sich. Das gelbe Glas kühlte sich ab, es wurde kirschrot, und die Jungen mit den schwarzen Gesichtern nahmen ein weiteres Dutzend Kognakflaschen auf ihre Schaufeln.
Wiederum hatten zwölf Männer je einen Pfennig verdient.
Sie gönnten sich nicht die Zeit, ihr Werk zu betrachten. Rasch, mit Gesichtern, welche die Hitze, aber wohl auch die Sorge gerunzelt hatte, schoben sie ihre Rohren in die Oeffmmgcn des Ofens, und wieder drehten sich ihre geschmolzenen Glaskugeln. Die Schatten tanzten, der Dampf flieg hoch auf. die Männer mit den geschwärzten Gesichtern liefen zurück unb toieber vorwärts. Es war die letzte Frist. Für den nächsten Tag stand die Stillegung des großen GlasosenS bevor. und dann waren 220 von den 280 im Werk Beschäftigten auf die Straße gesetzt.
An ihrem letzten Arbeitstag mußten die Leute nicht zur Eile angefeuert werden. Ihre Hast war von einem verzweifelten Ernst diktiert. Jede Flasche bedeutete einen Pfennig, und wenn angestrengt genug geblasen unb rasch genug gedreht wurde, wenn jeder einzelne von ihnen im Lause von sechs Tagen 2800 Flaschen geliefert hatte, konnte er 28 Mark mit nach Hause nehmen, um die Schreckensnachricht „Ich bin abgebaut“ ein wenig zu mildern.
Um diese Summe zu verdienen, muh der Glasbläser in acht Stunden 466 Flaschen Herstellen, 60 in der Stunde, eine in der Minute. Alle 60 Sekunden muß er eine Röhre in den Ofen einführen, ein Quantum geschmolzenen Glases mit ihrem Ende aufnehmen, es herausziehen, es quirlen, es schwingen, es zu einer Kugel blasen, es in eine Form führen, quirlen und blasen, bis
gang, wie ber Helle Flecken, den wir weit draußen an ber Küste sahen, mit einemmal sich auf löst in das bewegte Meer der Häuser. Wie wenn ein unscharses Fernrohr plötzlich scharf sich einstellt.
Palmen? — Die Bäume unserer Sehnsucht. Am Kai die Menschen, deren dunkle Gesichter alle ausschauen zu unserem Schiff. In der Feme Tram- bahngeklingel und die knarrenden Hupen der Autos. Gmröhnt an die Einsamkeit deS Meeres, gewinnen wir den Eindruck eines Getümmels, in das wir uns augenblicklich stürzen müsseir. Untere Füße zappeln, wir rennen von Backbord nach Steuerbord, well es überall so viel zu sehen gibt Ein Platz mit Palmen, CafeS und heroischem Denkmal.
Fremdartige Fischerboote, lateinische Segel, alte Kriegsschiffe, auf denen unaufhörlich getrommelt und gepfiffen wird. Die Beite der Fruchtverkäufer, die schon unser Schiff umzingeln, mit wirrem Geschrei. Jetzt knarren die Winden, Taue sind an Land geworfen, die Schlingen spannen sich um Poller, weiß schäumt das Schraubenwasser. Zoll um Zoll gleiten wir an den Kai. Sich drängend auf dem Promenadendeck klopft man mit Ungeduld die Taschen ab: Paß-Land- dungskarte, Geld und Kodak.
Jetzt sinkt die Gangway nieder unb vorbei an dem malerischen Soldaten, der lässig das Gewehr im Arm am Fuß der Brücke Posten steht, stürzen wir unS, mit der Sekunde geizend, in den Rausch der ersten Begegnung mit dem Süden.
Oer Maler und die Wirklichkeit.
Durch eine Bemerkung des Herzogs von Dork, die er bei einem Besuch ber französischen Ausstellung in Lonbon machte, ist plötzlich eine bisher von ber Geschichte noch kaum beachtete Frage aufgeworfen worben, nämlich die: „Welche Hand steckte Aapoleon bei seiner allbekannten Haltung in den Rock?“ Dem aufmerksamen Blick des Prinzen entging es nämlich nicht, daß auf dem berühmten Bildnis von Ingres, bas Rapoleon als ersten Konsul barstellt, dieser die linke Hand in den Rock gesteckt hat. Er schloß daraus, daß der Rock von rechts nach links zugeknöpft fein muß, was ihm als recht ungewöhnlich erschien. Run war Ingres ein überaus sorgsamer Künstler. ber alle Einzelheiten genau überlegte unb studierte. Die Frage ist denn auch sofort von den Pariser Blättern aufgegriffen worden, unb man hat sich für ihre Beantwortung an den hervorragenden Soldatenmaler Georges Scott gewandt, der auf dem Gebiet der Uniformgeschichte sehr große Erfahrung besitzt. Scott meinte, daß Rapoleon, wie der Herzog von Bork
richtig bemerkt habe, gewöhnlich mit ber rechten Hand in seine Uniform hineingesteckt bargestellt werde. Er trug meist einen doppelreihigen Uniformrock mit weiter Oeffnung, der es ihm gestattete, die Hand hineinzuschieben, ohne daß er einen Knopf öffnen mußte. Doch gibt es eine ganze Anzahl authentischer Bildnisse, auf denen ber große Korse gezeigt wirb, wie er die linke Hand in seinem Rock trägt. Die Erklärung für die Benutzung beider Hände für diese beliebte Pose des Herrschers ist nach Scott recht einfach. Die doppelreihigen Röcke, die von Rapoleon getragen wurden, ließen sich nämlich nach beiden Seiten knöpfen, unb dem hohen Beispiel folgt die französische Infanterie bis auf den heutigen Tag. Während der ersten Hälfte des Monats knöpft ber französische Soldat seinen Rock von links nach rechts, und während der zweiten Hälfte von rechts nach links. Dieser Wechsel geschieht, um die Uniform auf der einen Seite nicht mehr abzunutzen als auf der andern. Da nun Rapoleon von Ratur sehr sparsam war, so ist es durchaus möglich, daß der „Keine Korporal" diese Mode des wechselseitigen Zuknöpfens im französischen Heer eingeführt hat. Danach braucht also bei Ingres kein Irrtum Vorgelegen zu haben, als er Rapoleon mit der linken Hand im Rock barstellte, aber sonst sind solche Irrungen von Walern nicht gcrabe selten. Der Fachmann sieht immer mehr als der Laie, wenn er auch ein scharf beobachtender Künstler ist. So haben die Astronomen auf vielen Landschaften fest- gestellt, daß bei dem angegebenen Stand ber Sonne die Schatten ganz falsch angebracht sinb unb baß besonbers am Rachthimmel die Mondphasen nicht genügend berücllichtigt wurden. Bei den alljährlichen Ausstellungen von Blldem, die „Sport unb Jagd" behandelten, unterzog früher in einer deutschen Fachzeitschrift ein Kenner die Gemälde einer strengen Kritik und stellte alle Derstöhe gegen das Weidmannsrecht und die Iagdordnungen fest. Ebenso sitzt der Leiter einer englischen Modezeitschrift alljährlich über die Kunstwerke der Londoner Akademie-Ausstellung zu Gericht und weist den Meistem des Pinsels die schlimmsten Fehler in der Bekleidung der Dargestellten nach. Auf dem berühmten Porträt König Karls I. von van Dyck hält der Herrscher den Feldherrnstab in der rechten Hand, die mit einem c>tulpenhandschuh bekleidet ist. Auf dem Boden liegt ein anderer Handschuh, aber auch er ist für die rechte Hand, so daß also König Karl zwei rechtshändige Handschuhe getragen haben müßte. Am häufigsten entdeckt man Unnatürlichkeiten in ber Zeichnung. Ein anderes Porträt Karls I. von van Dyck in der Londoner Rational-Galerie zeigt ein Pferd, dessen Kops wenigstens um. die Hälft» zu Ucm für den Körper
es die Gestalt einer Flasche annimmt. Der Schnee lag hoch im Fabrikhof: die Türen standen offen, aber die Gelichter der Glasbläser waren in Schweiß gebadet.
Ich erkundigte mich danach. waS sie in ihrer freien Zeit täten. Der Bürgermeister von Masserberg. ein früherer Glasbläser, erzählte: „Diele hon den Leuten, die in Altenfeld arbeiten, wohnen in Dörfern, die 10—11 Kilometer entfernt sind. Die Männer stehen um 3.45 Uhr auf unb machen diesen weiten Weg zu ihrer Arbeit, die um 6 Uhr beginnt. Sie arbeiten bis 16 Uhr. in jeder Minute stellen sie eine Flasche fertig, bann gehen sie wieder die 10—11 Kilometer nach Hause Gegen 20 Uhr legen sie sich zu Bett. Zu acht Stunden Echlas kommen nur wenige. Am Sonntag schlafen sie den ganzen Tag."
DaS war jetzt für diese Männer vorbei. Aber die fieberhafte Hast, mit ber sie arbeiteten, bewies deutlich genug, baß sie selbst diese- Dasein dein Beziehen der Arbeitslosenrente vorzogen.
Das Gesicht deS Hüttenbesitzers sah nicht weniger vergrämt auS als die Gelichter seiner Arbeiter. Cr erzählte mir: „Am 1. Dezember 1S31 haben die «Snglänber ihren dOprozentigen Schutzzoll auf Glaswaren zu erheben begonnen. Unser Handel ging zum größten Teil in- Ausland? Als der englische Zoll erhöht wurde, war eS mit unseren Der kaufen fast völlig zu Ende. Wir besitzen überall in diesem Bezirk Oes en. Dor zwei Wochen legten wir den in Heubach. Belegschaft 220 Mann, still. Dor einiger Zeit mußten wir den in Masserbrück. 250 Mann, unb den in Königsee. 150 Mann, flillegen. Roch in dieser Woche schließen wir den in Reustabt. 100 Mann, heute den in Altenfeld. 1 Mann, unb morgen wirb die Belegschaft in Groß-Breitenbach von 300 auf 150 Mann rcbiyiert. Der Sturz deS PfundeS hat unseren Handel beträchtlich geschwächt. Der Zoll war der letzte Schlag. DaS einzige von unseren Werken, das mit nahezu voller Belegschaft arbeitet, ist das in Groß- Kayna: dort haben wir acht amerikanische voll- automatifierte Maschinen, die mit 300 Mann soviel leisten, wie 1000 Mann bei Handarbeit zuwege bringen würden."
In Altenfeld lebten 60 Familien bis vor kurzem davon, daß sie mit der Hand pharmazeutisch» Ampullen herstellten. Einer Familie gelang eS, eine Maschine zu erwerben, die eine Zwölf - stundenleistung von 30 000 Ampullen hat drei Handarbeiter können in acht Stunden 3000 Stuck herstellen. Die nennundsünszig anderen Familien müssen Unterstützung beziehen.
Das waren überaus illustrative Beispiele für die beiden Faktoren, die die Phänomene der Wirtschaftskrise in Deutschland ge,zeitigt haben: Schutzzölle im Ausland, und der Ersah der Heimarbeit mit der Hand durch die Maschine.
Der Hüttenbesitzer wurde erregt „Freilich“, erklärte cr, „die Leute arbeiten tote die Pferde. Aber ich arbeite noch angestrengter als die Leute. Ich stehe um 5 Uhr auf unb arbeite bis 21 Uhr. und mein Datcr macht eS sich noch schwerer. Gestern war er bts 3 Uhr im Groß- Breitenbacher Werk. Don unferem Leben haben wir nichts. 50 Prozent unserer Leute sind Kommunisten. Wir selbst haben keine Zeit zu politischen Gedanken. Die meisten Fabrikbesitzer sind Rationalsozialisten. Sie meinen, Hitler könne etwas au diesen Dingen ändern. Ra. schlimmer kann es jedenfalls nicht werden
Die Engländer", fprach cr voll Bitterkeit weiter. „haben einen Schutzzoll eingeführt Wir müssen unsere Werke schließen. Im nächsten Jahr werden wir keine Steuern zahlen können. Wenn daS Reich keine Stenern bekommt, kann eS keine Reparationen zahlen. Wenn Frankreich keine Reparationen bekommt, kann es keine Zahlungen an England leisten. Wenn England keine Zahlungen bekommt, kann es die Zahlungen nach Amercka
ist. Run ist allerdings behauptet worden, daß man damals Rosse mit ungewöhnlich kleinen Köpfen züchtete, die eine Mode jener Tage waren. Man muß also mit solchen Ausstellungen recht vorsichtig sein, besonders wenn es sich um gewisse Eigenarten handelt, in denen sich das Schönheitsideal deS Malers manchmal in übertriebener Weise äußert. Man braucht nur an die Rubensschen Gestalten zu denken, deren übermäßige Fle'schfülle von späteren Zeiten verachtet wurde, oder an bte langen Hälse, mit denen btc englischen Präraffaeliten ober der französische Waler Modigliani ihre Frauen auSstatteten. an alle die Verzeichnungen, die spätere Geschlechter selbst bei den berühmtesten Meistern entdeckten. Hier kommt eS nicht daraus an, ob etwas ganz naturgetreu ist, sondern wie es sich innerhalb des Kunstwerkes selbst auSnimmt. Solchen Kritiken gegenüber hat Liebermann den Rage! auf den Kops getroffen, als er zu jemanden, der sich darüber beklagte, daß ber Arm auf bem Bildnis eines Knaben von Cezanne zu lang sei, erwiderte: „Der ist so schon gemalt, daß er noch viel länger sein könnte!"
Lochschulnachrichten.
Professor Dr. Fritz Drevermann, Ordinarius für Geologie und Paläontologie an ber Hniberfität Frankfurt a. M, ist im Alter von 57 Jahren an den Folgen einer Blinddarm- operation gestorben. Prof. Drevermann war auch Abteilungsleiter am Senckenbergischen Museum.
Amtlich wird die Versetzung des o. Pros. Dr. Julius Echwtetering von ber Universität Münster i. W. in gleicher Eigenschaft an die Universität Frankfurt a. M. bestätigt: Pros. Schwietering übernimmt dort den Lehrstuhl für deutsche Philologie als Rachsolger von Pros. Dr. Hans Raumann.
Professor Dr. Paul Morawitz von der medizinischen Fakultät ber Universität Leipzig hat einen Ruf als Nachfolger von Professor Wilhelm H i s auf einen Lehrstuhl der inneren Medizin an der Berliner Universität erhalten.
Prof. Dr. P. Martini, Extraordinarius an der Medizinischen Fakultät der Universität Berlin und Leiter der Inneren Abteilung des Berliner St. Hedwig-Krankenhauses, hat einen Auf als ordentlicher Professor nach Bonn und zugleich als Leiter der dortigen Medizinischen Universitätsklinik erhalten und angenommen.
Professor Dr. Arthur Simon von der Technischen Hochschule in Stuttgart erhielt einen Ruf auf den Lehrstuhl ber Chemie an ber Technischen Hochschule in Dresden.


